»Basis darf nur das Ergebnis abnicken«

Ein GDL- und ein EVG-Gewerkschafter über Möglichkeiten der Einheit unter den Bahnbeschäftigten

Interview: Simon Zamora Martin

Weil die Deutsche Bahn (DB) Verhandlungsbereitschaft signalisiert, hat die Gewerkschaft Deutscher Lokführer (GDL) den Streik vorzeitig beendet. Zu Recht?

Uwe Krug (GDL): In einem nicht öffentlichen Eckpunktepapier von GDL und Deutscher Bahn steht nicht viel Neues drin, außer, dass über einen Tarifvertrag für Fahrdienstleiter gesprochen wird. Für eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit wollen sie uns immer noch zwölf Urlaubstage wegnehmen. Wir haben gestreikt, um unsere Forderungen durchzusetzen. Nicht, damit es eine Schlichtung ohne Schlichter gibt. Wir wissen noch nicht einmal, was da besprochen wird.

Sie kritisieren die Geheimverhandlung?

Krug: Klar. Mit der GDL und der DB ist es wie in einer Ehe: Gibt es Streit zwischen den Partnern, können wir Kinder machen, was wir wollen. Aber wenn die Eltern sich wie jetzt wieder einigen, haben die Kinder still zu sein. Wir sind das Stimm- beziehungsweise Streikvieh für die Verhandlungsleitung der GDL und durften nicht über den Abbruch des Streiks mitbestimmen. Ich gehe von einem Abschluss im März aus, weil es auch sehr schwierig werden wird, nach einer so langen Pause die Streikmaschinerie wieder hochzufahren.

Lars Lux* (EVG): Ich denke, wenn die Bahn Zugeständnisse bei einem Tarifvertrag für Fahrdienstleiter macht, wird die GDL die restlichen Ziele fallen lassen.

Aber gab es bei der GDL nicht eine Urabstimmung für unbefristete Streiks?

Krug: Bei der GDL, aber auch bei der EVG heißt Urabstimmung, dass der Vorstand einen Freibrief bekommt. Er ruft zum Streik auf und bricht ihn ab, wie er will. Wir haben in Berlin viel über ein Streikmodell diskutiert mit zwei Tagen Streik und einem Tag Arbeit. Die Basis hat aber keine Macht, darüber zu entscheiden. Sie darf nur das Ergebnis abnicken.

Sie arbeiten beide für die S-Bahn Berlin, sind aber in zwei Gewerkschaften organisiert und streiken nicht zusammen.

Krug: Wir arbeiten zusammen, gehören aber zu zwei unterschiedlichen DB-Unternehmen. Jetzt spaltet sich die Belegschaft noch mal in unterschiedliche Gewerkschaften. Wir arbeiten zusammen, aber fordern und streiken nicht zusammen. Das ist ein großes Problem.

Lux: Weil wir nie zusammen streiken, kann sich der Bahnvorstand sicher sein, dass es genügend Streikbrecher gibt.

Warum engagieren Sie sich nicht in derselben Gewerkschaft?

Krug: Der Grund für die Existenz der GDL ist, dass Leute hier ihre Interessen besser vertreten sehen. Wir haben unzählige Berufsgruppen bei der Bahn, die alle ihre spezifischen Probleme haben. In der GDL geht es mehr um die Lokführer und Zugbegleiter. Schichtpläne und eine zu lange Arbeitszeit sind hier ein großes Problem. In den Forderungen der GDL bilden sich aber nicht die Interessen anderer Beschäftigungsgruppen ab, bei denen geringe Löhne beispielsweise das größte Problem sind. Forderungen werden bei uns nur mit den Gewerkschaftsmitgliedern diskutiert und nicht mit allen Beschäftigten.

Lux: Das ist wie im Supermarkt: Du nimmst das beste Angebot. Und das ist in vielen Punkten das der GDL. Aber bei mir im Stellwerk ist historisch die Mehrheit bei der EVG. Und die ist gesellschaftspolitisch auch fortschrittlicher, was sie für viele junge Kolleg*innen interessanter macht. Um die Gräben zwischen den Gewerkschaften zu überwinden, haben wir die »Bahnvernetzung« gegründet.

Was ist die »Bahnvernetzung«?

Krug: Wir haben uns vergangenes Jahr gegründet, um einen Austausch unter Beschäftigten über die Grenzen der Gewerkschaften zu fördern. Es gibt so viele klassenbewusste Arbeiter bei der Bahn. Wir engagieren uns für eine klassenkämpferische Perspektive abseits der Sozialpartnerschaft. Wir haben uns zum Beispiel als Eisenbahner gegen den Krieg positioniert. In meiner GDL-Ortsgruppe konnten wir einen Beschluss durchsetzen, Kriegstransporte zu verhindern.

Lux: Wir sind vor allem Bahner*innen aus Berlin und Frankfurt/Main, um unsere Streiks und Kämpfe gegenseitig zu unterstützen und die Gräben zu überwinden, die die Gewerkschaftsführungen zwischen uns ziehen. Ich denke, wir brauchen eine gewerkschaftliche Opposition gegen unsere Führungen, aber dazu gibt es unterschiedliche Standpunkte.

Krug: Es geht um eine Perspektive, nicht um eine Opposition zur GDL oder EVG. Was wir brauchen, ist eine Einheit der Beschäftigten. Die Frage der Organisation kommt danach.

Die GDL wird allgemein als kämpferischer gesehen als die EVG. Stimmt das?

Krug: Klar streikt die kleine GDL mehr als die EVG, die ganz im Geiste der Sozialpartnerschaft lieber leise mit der Bahn verhandelt. Claus Weselsky ist wegen seiner direkten Sprache sehr beliebt. Etwa, wenn er vom Bahnvorstand als »Nieten in Nadelstreifen« spricht. Aber letztendlich ist das eine populistische Sozialpartnerschaft.

Lux: Der »große Claus« kritisierte zu Recht scharf, dass sich der Bahnvorstand in der Pandemie dicke Prämien auszahlte, während wir auf Lohnerhöhungen verzichten mussten. Aber jetzt kam heraus, dass sein potenzieller Nachfolger, Mario Reiß, im Aufsichtsrat für die Prämien der Vorstände stimmte.

Gibt sich die GDL radikaler, als sie eigentlich ist?

Krug: Weselsky benennt das Problem, warum unsere Bahn so kaputt gemacht wurde: die Kürzungen und Privatisierungen.

Lux: Andererseits treibt er die Privatisierungen selber voran. Mehr Privatbahnen sind mehr Tarifpartner für die GDL.

Krug: Und jetzt hat die GDL mit »Fairtrain« sogar ein eigenes Bahnunternehmen gegründet.

Wie groß ist das Problem des Personalmangels?

Lux: Ohne die ganzen Bahn-Nerds sähe die Situation noch viel schlimmer aus. Wir haben Personalmangel in allen Bereichen. Die Arbeit ist stressig und die Ausbildungsqualität lässt sehr zu wünschen übrig.

Krug: Ich verstehe auch nicht, wie junge Menschen heute noch Fahrdienstleiter werden. Der Altersdurchschnitt bei der Bahn liegt bei über 50. Aufgrund des Stresses schaffen es die wenigsten im Fahrdienst bis zur Rente. Deshalb ist eine Verkürzung der Arbeitszeit so wichtig für uns.

*der Name ist auf Wunsch geändert.

Foto: Privat

Uwe Krug (li.), unter Bahnern als der »rote Uwe« bekannt, arbeitet seit 38 Jahren bei der Bahn und engagiert sich seit 2007 in der GDL. Er ist Vorsitzender der GDL-Ortsgruppe »S-Bahn Berlin«. 

Lars Lux* (re.) ist seit sieben Jahren Fahrdienstleiter bei der Netzsparte der DB und in der EVG-Jugend aktiv.

Erstveröffentlicht im nd vom 29.1. 2024
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1179569.bahnstreik-gdl-und-evg-die-basis-darf-nur-das-ergebnis-abnicken.html?sstr=Basis|abnicken

Wir danken für das Publikationsrecht.

„Zur Bilanz der großen Tarifrunden“

Unter betrieblichen Aktivisten der verschiedenen DGB Gewerkschaften werden Verlauf und Ergebnisse der letzten Tarifrunden intensiv diskutiert. Sowohl das Zustandekommen von Forderungen und Beschlüssen, die oft abrupten Abbbrüche der Kämpfe sowie die Höhe und Laufzeiten der Abschlüsse werden kritisch gesehen. Auch immer mehr von den hohen abgabenfreien Einmalzahlungen „begeisterte“ Kollegen fragen sich inzwsichen: was ist, wenn diese Zusatzzahlungen ausgelaufen sind?.

Vernetzung für kämpferische Gewerkschaften (VKG) hat eine Bilanz zu den letzten großen Tarifrunden gezogen und folgende Erklärung [1]https://vernetzung.org/die-bilanz-der-grossen-tarifrunden/ dazu verfasst:

Reallohnverlust trotz Kampfkraft und Mobilisierung – Die Lehren für kämpferische Gewerkschafter:innen

Die Tarifergebnisse seit Herbst 22 sind für alle großen Branchen sehr ähnlich. Als Gewerkschafter:innen müssen wir uns fragen, ob das Zufall ist. Wir müssen den Blick über den Tellerrand unserer Branche heben. Wir müssen uns fragen, ob die gewohnte Beurteilung von Tarifergebnissen so noch taugt.

Tarifforderungen orientieren sich immer hauptsächlich an der Inflation, in den Industriegewerkschaften auch an der Produktivitätssteigerung. Das Ergebnis wird daran gemessen, wieviel der Forderungen erfüllt worden sind. Innerhalb der jeweiligen Gewerkschaften geht es immer darum, ob mehr drin gewesen wäre. Von Seiten der kämpferischen Belegschaften und Mitglieder genauso von der Gewerkschaftslinken gibt es seit Jahrzehnten die wiederkehrende Kritik, dass mehr hätte erreichen werden können, dass die Kampfkraft nicht ausgeschöpft worden sei.

Die übliche Argumentation der Tarifverantwortlichen und der Sekretär:innen war stets, dass nicht genug gekämpft worden sei, entweder von den Kritiker:innen oder von anderen Teilen der Mitgliedschaft oder auch von anderen Teilen des Gewerkschaftsapparates, der nicht so toll ist wie man selber. Letztlich gingen die Debatten immer darum, ob die fehlende Kampfkraft Schuld des Apparats oder der Kolleg:innen war.

Diese Art der Ergebnisdiskussion, die von allen Seiten die Frage der Kampfkraft ins Zentrum stellt, ist uns allen in Fleisch und Blut übergegangen, ja sie war im Grunde ein Teil des Tarifrituals geworden. Nach den letzten Tarifrunden müssen wir uns selbst eingestehen, dass wir als kämpferische Kolleg:innen oder als Gewerkschaftslinke darüber hinausgehen müssen, denn diese Tarifrunden waren einfach etwas anders.

Keine Diskussion der Forderungen….

Es gibt seit Jahren eine Entwicklung in den DGB-Gewerkschaften, dass die Basis aus dem Prozess der Forderungsdiskussion und – aufstellung herausgedrückt wird. Bei der IGM durften zum Beispiel  nur vorgegebene  Forderungsniveaus angekreuzt werden, wobei 8% das höchstmögliche war – zu dieser Zeit war das gerade die aktuelle Inflationsrate. Die Zeiten, als einfach jeder Vertrauensleutekörper seine Forderungen auf einer örtlichen Funktionärskonferenz präsentieren und diskutieren konnte, sind lange vorbei.

Beim TV-L wurde diesmal eine neue Qualität erreicht. In GEW und ver.di wurden Diskussionen über die Forderungen zugunsten einer „Befragung“ abgesagt/verhindert (??).  Die dann von der Führung aufgestellte Forderung wurde in dieser Befragung nicht erwähnt, dann aber als „deren Ergebnis“ verkündet.

Eine solche Art von gesteuerter „Diskussion“ erlaubte es der Führung, eine Forderung aufzustellen, die sie offensichtlich von vornherein beabsichtigt hatte. Warum aber haben die Spitzenbürokrat:innen nicht im Vorfeld offen für diese geworben? Die Argumente, mit denen sie diese Forderung rechtfertigten, hätten sie auch schon 2 Monate zuvor in einer demokratischen Debatte innerhalb der Gewerkschaften vorbringen können, nämlich dass der Öffentliche Dienst doch eine Gemeinschaft sei, egal ob Bund, Länder oder Kommunen, dass die wirtschaftliche Lage ähnlich sei, die Inflation vielleicht sogar etwas zurückgegangen sei. Ganz offensichtlich sollte nicht nur genau diese Forderung durchgedrückt, sondern auch eine innergewerkschaftliche Debatte vermieden werden.[2]Diese rigide Politik bezüglich der Aufstellung der Forderung und der Durchsetzung des Ergebnisses steht bei ver.di durchaus einer offeneren Gestaltung der Tarifrunden gegenüber: Die Einrichtung von … Continue reading

Ergebnis abseits der Forderungen….

In den meisten anderen Branchen war das anders. Trotz aller Bemühungen der Führung, die Forderungen niedrig zu halten, hatte es bei Metall- und Elektro, bei der Post, der Bahn oder dem TVÖD eine lebhafte Debatte gegeben, angeheizt von der Inflation, den fetten Gewinnen in vielen Bereichen und den miesen Abschlüssen in den Jahren davor. Teilweise wurden die Forderungen sogar höhergedrückt. Aber im Rückblick war das vergeblich, denn offensichtlich waren für die Ergebnisse diese Forderungen nicht maßgebend.

Es ist nichts Neues, dass die Ergebnisse immer weniger mit den jeweiligen Forderungen vergleichbar sind. Andere Laufzeiten, die Vermengung von Festbeträgen, prozentualer Steigerung, Einmalzahlungen, Besserstellung einzelner Beschäftigtengruppen oder neue Sonderzahlungen wie bei der IGM haben einer Diskussion in der Mitgliedschaft schon die Grundlage weitgehend entzogen, die Ergebnisse mit den Forderungen wirklich zu vergleichen.

Die steuer- und abgabenfreien Einmalzahlungen („Inflationsausgleichsprämie“) als bestimmendes Element für das jeweils erste Jahr der Tariflaufzeit bringen noch eine neue Qualität hinzu: Sie wirken sich für jedeN individuell unterschiedlich aus.

Die Tatsache, dass aber in keiner Tarifrunde diese Einmalzahlungen gefordert oder bei der Forderungsaufstellung diskutiert wurde, obwohl gerade bei den Beschäftigten der Länder ja mit der Übernahme der Forderung von Bund+Kommunen klar war, dass die Übernahme des Ergebnisses angestrebt wird, zeigt noch mal mehr die tiefsitzende Verachtung der Gewerkschaftsführung für innergewerkschaftliche Demokratie.

Kampfkraft spielt offensichtlich keine Rolle

Aber nicht nur die Forderungsaufstellung hatte wenig Einfluss auf die Ergebnisse, auch der Verlauf der jeweiligen Tarifrunde. Ein Überblick über die großen Tarifrunden zeigt, dass sich die Ergebnisse sehr ähnlich sind, der Verlauf der Tarifrunden aber extrem unterschiedlich. Zum zweiten enthalten alle steuer- und abgabenfreie Einmalzahlungen, meist in Summe von 3000.-€, etwas, was in keiner einzigen Tarifforderung auch nur ansatzweise aufgetaucht war. Drittens haben alle mit erheblich längerer Laufzeit als gefordert abgeschlossen.

BrancheGewerkschaftLaufzeit gefor-dertLaufzeit verein-bart1. Tab.-Erhöh. nach x MonatenEinmal-zahlungen steuer- +abgabenfreiTab.-ErhöhungWarnstreik, Streik , usw
Chemische IndustrieIG BCE27141500+15003,25%+3,25%Fehlanzeige
Metall- und Elektroind.IG Metall122481500+15005,2%+3 3%Ca 900 000 in Warnstreiks
PostVer.di122414In Summe 30004,7%85,9% für Streik in Urabstimmung, kein Streik
TVÖDVer.di1224141240+8*220200+5,5%(min 340€)Starke Warnstreiks
BahnEVG122592850200+2102 halbe Tage Warnstreik Schlichtung 48% gegen Schlichterspruch
TV-LänderVer.di, GEW,..1225121800+10*120200+5,5%Durchschnittlich 3 Tage Warnstreiks
StahlindustrieIG Metall1222141500+10*1505,5%18000 in Warnstreiks, 30000 in Tagesstreiks

Die Tarifkämpfe, in denen für sich betrachtet, die gezeigte und entwickelbare Kampfkraft am wenigsten genutzt wurde, um einen Reallohnverlust zu verhindern, waren Metall- und Elektroindustrie, Post, TVÖD, Bahn(EVG) und Stahlindustrie.

Die Tarifrunde TV-L, die erst im Herbst 2023 abgewickelt wurde, war also nicht diejenige, in der die Mobilisierung der Beschäftigten am krassesten einem schlechten Ergebnis gegenüberstand. Der TV-Länder leidet nach wie vor daran, dass die Belegschaften in den Flächenländern schlecht organisiert, bzw verbeamtet sind, im Unterschied zu den Stadtstaaten. Aber von ihrem ganzen Verlauf wurde klar, dass sie nach dem Willen der Gewerkschaftsführung genau zu diesem Ergebnis führen sollte, das abgeschlossen wurde: Auf die Unterdrückung der Forderungsdiskussion folgte die diktierte Übernahme der Forderung für den TVÖD, dann die Übernahme desselben Ergebnisses, bis auf 25 statt 24 Monaten Laufzeit.

Mehr Kampfkraft alleine hätte also dieses Ergebnis nicht verbessert, sondern nur schneller erreicht; Mit weniger Kampfkraft wäre vielleicht noch eine Runde Warnstreiks mehr nötig gewesen. Es reicht also nicht, wenn wir weiter über Kampfkraft und ihre Entwicklung reden, ohne zu verstehen, warum und wie dieser offensichtliche Zielkorridor für die Tarifergebnisse zustande kam und welche die Konsequenzen wir daraus ziehen müssen.

Konzertierte Aktion

Die Erklärung für den besonderen Verlauf der Tarifrunden finden wir in der „Konzertierten Aktion“, einem Treffen von Regierung, Arbeitgeber:innen-Verbänden und Gewerkschaftsspitzen. Von 1967 bis 1977 fanden auf der Basis des „Stabilitätsgesetzes“ regelmäßig entsprechende Treffen statt. Im Sommer 2022 wurde das Modell wieder aus dem Hut gezaubert. Eigentlich hatten diese Treffen keine Regeln, sie sind freiwillig. Aber wer hingeht und selbst Vorschläge macht, macht dann auch beim Gesamtpaket mit. In mehreren Paketen wurden im Sommer und Herbst alle möglichen Entlastungen für die verschiedensten Teile der Bevölkerung vereinbart, die dann z. B. von der Regierung umgesetzt wurden. Was die Kapitalvertreter:innen forderten, kann man sich leicht vorstellen – das was sie eh ständig und laut für sich reklamieren. Ob sie sich zu irgendwas verpflichteten, bleibt unklar. Auf jeden Fall bekamen sie etwas geschenkt, nämlich die Möglichkeit, jedem Beschäftigten 3000€ steuer- und abgabenfrei als Inflationsausgleich zu zahlen – statt diesen die dringend nötigen und von diesen stark eingeforderten Lohn- und Gehaltserhöhungen zuzugestehen.

Die Gewerkschaftsspitzen haben das nicht nur zugelassen, sondern pro-aktiv unterstützt. Es gibt sogar Gerüchte aus der IG BCE, dass diese Idee von Seiten der IG Metall und IG BCE eingebracht worden sei. Auf jeden Fall war es das erklärte Ziel der Konzertierten Aktion (K.A.)die „Inflation zu bekämpfen“, was für Kapital und Regierung nie heißt, die Preiserhöhungen zurückzunehmen. Schon gar nicht 2021-22, wo in kurzer Zeit die Preise, vor allem die Verbraucherpreise hochschnellten und das nachdem die Gewerkschaften schon in der Corona-Krise praktisch keine Lohnerhöhungen hatten durchsetzen können.

Dennoch haben sich die Gewerkschaftsspitzen dieser Logik der K.A. unterworfen. Für ein angebliches Gesamtinteresse des Landes wurden ganz offensichtlich durchgehend flächendeckende Reallohnverluste vereinbart. Das ist eine Verschärfung der üblichen Sozialpartner:innenschaft, die sich vor allem in Unterordnung unter bestimmte Branchenbedingungen, unter konjunkturelle Erscheinungen oder unter die Krisen einzelner Betriebe zeigt. Das ist mehr als die gewohnte Zurückhaltung im Kampf, das war die geplante Akzeptanz und Umsetzung eines nationalen Krisenprogramms, das voll zugunsten der herrschenden Klasse geht:

  • Ökonomisch, denn sie konnten ihre Gewinne sichern, z. T. beispielsweise in der Autoindustrie in neue Rekordhöhen steigern;
  • politisch, weil es eine notwendige Antwort der Klasse auf die verbundenen Angriffe auf sie verhinderte: Eine Bewegung gegen die Inflation, die Sozialkürzungen und gegen die Aufrüstung.

Dieses Ausbleiben einer solchen Bewegung ist letztlich der Grund für die massive Rechtswende in der Gesellschaft und auch in großen Teilen der Arbeiter:innenklasse. Statt Konzertierter Aktion hätte es eine von den Gewerkschaften angeführte Bewegung für „Brot, Heizung, Frieden“ geben müssen, um den Namen eines kleinen Versuches in diese Richtung zu benutzen.

Letztlich müssen wir davon ausgehen, dass es für Regierung und Kapital bei der K.A. nicht nur um die Inflation ging, sondern darum, die Gewerkschaften in das Programm einzubinden, Deutschland in der globalen Konkurrenz mit den anderen Großmächten, USA, Russland, China usw. neu und aggressiver aufzustellen, aufzurüsten und Kriege vorzubereiten. Ob sie das wollten oder nicht, die Gewerkschaften sind da mit reingezogen worden.

Die Mogelpackung

Das Instrument für dieses Manöver war die steuer- und abgabenfreie Sonderzahlung. Die Regierung hat legalisiert, was normalerweise als Steuerhinterziehung und Sozialversicherungsbetrug schwer bestraft wird. Die Bosse haben sich gefreut. Die Gewerkschaften haben den Deal mitgemacht: Reallohnverzicht und Streikvermeidung für eine Einmalzahlung, die kurzfristig eine Geldklemme löst, aber nicht in tarifliche Sonderzahlungen (Urlaubs- und Weihnachtsgeld) eingeht, zukünftige Renten mindert, die Finanznot des Gesundheitswesens verschärft und von Menschen, die in der Folge Arbeitslosengeld, Elterngeld oder Krankengeld beziehen, zu 60 bzw 66% zurückgezahlt wird.

Die Komplizenschaft der Gewerkschaftsspitzen wird deutlich daran, dass es kein einziges Stück Text gibt, das sich mit den Folgen dieser Zahlung auseinandersetzt.

Unter den halbkritischen Funktionär:innen gibt es so schon ein paar kritische Bemerkungen dazu, die aber mit der Aussage, dass diese Zahlung „oben drauf“, also zusätzlich zu einer Tabellenerhöhung, okay gewesen wäre, relativiert wurden. Diese Ansicht ist eine bewusste oder unbewusste Verschleierung der Realität. Diese Zahlung war nur für eine bestimmte Zeit zulässig und nur für einen bestimmten politischen Zweck gedacht. Niemand konnte bislang in irgendeiner Tarifrunde herkommen und vollen Ausgleich der Inflation in den Tabellen und dann noch steuerfreie Sonderzahlungen „oben drauf“ verlangen und niemand wird es zukünftig tun können. Die Gewerkschaften konnten auch nicht bei diesen Tarifrunden „oben drauf“ vereinbaren, weil sie dem Gesamtpaket zur Eindämmung der Inflation zugestimmt haben. Die steuer- und abgabenfreie Sonderzahlung ist nicht irgendein materieller/ökonomischer optionaler Baustein, sondern war das Schmierfett für eine politische Weichenstellung für eine noch engere Form der Sozialpartner:innenschaft, der direkten Unterwerfung unter das Kriegs- und Krisenprogramm der deutschen Bourgeoisie.

Unsere Antwort

Wir haben als VKG die Konzertierte Aktion kritisiert, aber wir haben ihre politische Bedeutung unterschätzt. Spätestens in der Metalltarifrunde war klar, wie das Strickmuster aussehen würde und in dieser Runde haben wir das auch thematisiert. Ab diesem Zeitpunkt hätten wir eine Kampagne über alle Branchen gebraucht unter dem Slogan: Tabelle statt Mogelpackung Einmalzahlung! Absage an die Konzertierte Aktion und ihre Ergebnisse! Verbunden mit einer breiten Aufklärungskampagne über die finanziellen Auswirkungen und Anträgen, Unterschriftensammlungen etc. gegen die Mogelpackung und für die Aufkündigung der Konzertierten Aktion. Wir hätten klarmachen müssen, dass eine erfolgreiche Tarifrunde nur möglich wird, wenn der Rahmen der K.A. durchbrochen wird. Sozialpartner:innenschaft hat einen sehr konkreten Inhalt gehabt und sehr konkrete Form angenommen. Sie war nicht ganz die Dimension der Zustimmung zur Agenda 2010, die uns einen massiven Niedriglohnsektor, Hartz4/Bürgergeld und eine endlose Zersplitterung der Tariflandschaft beschert hat, aber eine deutliche Steigerung über das übliche Niveau der Konfliktvermeidung und Klassenkollaboration. Wir hätten sie viel konkreter bekämpfen können und müssen.

Das wäre zugleich eine gute Gelegenheit für uns als VKG gewesen, diese Vermittlung der Erfahrungen aus der Chemie- und Metallindustrie für die anderen Branchen zu leisten. Auch wenn das manche Kolleg:innen anfangs schockiert hätte, hätten wir mit der Voraussage, auf welcher Schiene die Niederlagen organisiert werden würden, uns viel Vertrauen einbringen können.

Auch in Zukunft müssen wir uns mit einer Tarifpolitik auseinandersetzen, die nicht nach den Strickmustern des überholten Tarifrituals – mehr Mobi bringt mehr Ergebnis – funktioniert, sondern politisch determiniert wird. Das kann andere konkrete Schritte gehen, aber die Fragen der innergewerkschaftlichen Demokratie und die konkreten Abläufe werden auf jeden Fall eine Rolle spielen.

Wir müssen schon zu Beginn die Erfahrungen aufnehmen und klarstellen:

-Forderungsaufstellung ohne Vorgaben von oben durch demokratische Debatte unter Kontrolle der Mitglieder, Vertrauensleute und Betriebsgruppen.

– Demokratische Wahl der Tarifkommissionen. Stimmberechtigung nur für diejenigen, die dem Tarifvertrag unterworfen sind – also nicht für Hauptamtliche.

– Keine Verschwiegenheitspflicht, sondern Rechenschaftspflicht. Jederzeitige Abwahl durch die Gewerkschaftsmitglieder des entsprechenden Bereiches.

– Öffentliche Verhandlungen

– Beim Auftauchen von Themen, die nicht Bestandteil der beschlossenen Forderungspakete waren, erneute Diskussion von unten nach oben, ob das als Thema überhaupt zugelassen wird.

– Demokratische Wahl von Aktions- und Streikkomitees

– Vollständige Veröffentlichung der Verhandlungsergebnisse vor der Beratung und Urabstimmung

– Ersatzlose Kündigung von Schlichtungsvereinbarungen, so vorhanden

Diese Forderungen zur Demokratisierung der Tarifbewegungen sind nicht alle neu, aber das verschärft undemokratische Vorgehen der Gewerkschaftsführungen rückt sie für die Zukunft mehr ins Zentrum.

Aber entscheidend für den Erfolg in zukünftigen Tarifrunden wird sein, dass die politischen Ziele ge- und erklärt werden müssen. Wir werden niemandem Ultimaten stellen und verlangen, dass man gegen den Krieg sein müsse, um in der Tarifrunde richtig kämpfen zu können. Aber wir müssen mit aller Deutlichkeit erklären, dass wir diese Tarifrunden verlieren sollten, damit die Steuerentlastungen und Subventionen für das Kapital und die Aufrüstung der Bundeswehr finanziert werden können.

Wir wenden uns mit dieser Bilanz an alle, die sich mit Ergebnissen und Abläufen der letzten Tarifrunden nicht zufrieden geben wollen und dem Geld, der Kampfkraft und der Motivation, die dabei geopfert wurde. Diskutiert mit uns, macht mit beim Aufbau einer Vernetzung von kämpferischen Kolleginnen und Kollegen! Nach der Tarifrunde ist vor der Tarifrunde, wir müssen sie vorbereitet angehen!

lesenswert hierzu auch unser Beitrag zum Tarifabschluss IG Metall

References

References
1 https://vernetzung.org/die-bilanz-der-grossen-tarifrunden/
2 Diese rigide Politik bezüglich der Aufstellung der Forderung und der Durchsetzung des Ergebnisses steht bei ver.di durchaus einer offeneren Gestaltung der Tarifrunden gegenüber: Die Einrichtung von „Tarifbotschafter:innen“ und „Arbeitsstreiks“ erlaubt der Basis mehr Gestaltung bei der Durchführung von Aktionen. Das ist an sich positiv und wird auch von vielen Aktivist:innen so wahrgenommen. Aber gerade der krass undemokratische Gesamtrahmen zeigt, dass die Führung hier offensichtlich nicht nur eine Spielwiese für Aktivist:innen und linke Gewerkschaftssekretär:innen aufmachen wollte oder auf Druck von unten aufmachen musste.

Linksliberal oder dezidiert sozialistisch?

Von Michael Brie

Jan Schlemermeyers Artikel »Gegen den Autoritarismus von links« (»nd.DieWoche«, 20./21.1.)
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1179340.buendnis-sahra-wagenknecht-linke-ohne-wagenknecht-gegen-den-autoritarismus-von-links.html
stellt aus meiner Sicht einen Einschnitt dar. Indem Schlemermeyer versucht, eine klare Definition des Parteiprojekts Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) zu geben, bringt er ein Verständnis vom Projekt einer erneuerten Partei Die Linke zum Ausdruck, das im letzten Jahrzehnt immer mehr an Einfluss gewonnen hat. Dieses Verständnis des Projekts der Linken und in keiner Weise seine Einschätzung des BSW sind der Gegenstand meiner Replik.

Schlemermeyer gibt, so meine Hauptthese, dem Projekt einer erneuerten Linken die weltanschauliche Grundlage eines linken Liberalismus. Es ist auch die Tatsache, dass er dies als Mitarbeiter des Ko-Vorsitzenden dieser Partei, Martin Schirdewan, tut, die Grund gibt, seinen Artikel sehr gründlich zu studieren. Meine Interpretation seiner Positionen spitzt bewusst zu. Ich tue dies, weil ich in Schlemermeyers Auffassungen eine grundsätzlich falsche Weichenstellung sehe, die sich im letzten Jahrzehnt innerparteilich angebahnt hat und nun zum Durchbruch kommen könnte. Ich halte sie für mitverantwortlich für die Spaltung der Partei und warne davor, dieser Richtung zu folgen.

Fatale Adaption liberaler Grundannahmen

Schlemermeyer leitet seine Bestimmung des BSW mit den folgenden Sätzen ein: »Wenn man einen Schritt zurücktritt und die aktuellen Konflikte durch die ›Weitwinkeloptik der politischen Ideengeschichte‹ betrachtet (…) lässt sich das BSW klar verorten. Der vermeintliche Linkskonservatismus entpuppt sich (…) als aktuelle Variante eines alten Problems: linker Autoritarismus. Dieser meint im Kern den Versuch, soziale Gerechtigkeit zu verwirklichen, indem man Demokratie und Rechtsstaat aufgibt.« Schlemermeyer sieht eine Traditionslinie, die von Robespierre über Lenin bis zu Stalin und nun zu Sahra Wagenknecht und dem BSW führt. Der allen diesen Personen und Projekten gemeinsame »linke Autoritarismus« ziele, so Schlemermeyer, »auf die irdische Realisierung von Freiheit und Gleichheit, nutzt aber autoritäre Mittel für einen linken Zweck«.

Schlemermeyer stellt bei seiner Analyse des BSW den Gegensatz von libertär und autoritär ins Zentrum. Damit übernimmt er auf fatale Weise Grundannahmen der liberalen Philosophie und zudem der liberalen Deutung des geopolitischen wie innenpolitischen Großkonflikts der Gegenwart und wendet sie dann nach links. Liberal im ursprünglichen Sinne heißt, die Freiheitsrechte des Einzelnen zum Ausgangspunkt zu nehmen. Jede Einschränkung dieser Freiheitsrechte wird als autoritär definiert.

Der Liberalismus ist die Philosophie der negativen Freiheit und hat einen Doppelcharakter. Er ist das Projekt einerseits der Emanzipation von der Bevormundung durch Staat, Kirche und Traditionen, die Individuen einengen. Andererseits ist er das Projekt der Zerstörung jener Gemeinschaftsformen, die dem Privateigentum und Kapitalismus entgegenstanden und entgegenstehen.

Der wirkliche Gegenpol zur liberalen Betonung der Freiheitsrechte des Einzelnen ist aber nicht der Autoritarismus, sondern das kommunistische Insistieren darauf, dass positive Freiheit angewiesen ist auf die gemeinschaftlichen Fundamente eines guten und solidarischen Lebens. Sie garantieren es, dass jeder und jedem die wichtigsten Freiheitsgüter eines guten Lebens nicht nach Geld, Staatsbürgerschaft oder Geschlecht, sondern nach den Bedürfnissen zur Verfügung stehen: Gesundheitsversorgung und Pflege, Bildung, Arbeit, Wohnung, Sicherheit, Frieden, eine lebenswerte reiche natürliche und kulturelle Welt.

Es gibt einen autoritären Liberalismus genauso wie einen autoritären Kommunismus. Dem Autoritarismus gemeinsam ist, dass er der individuellen wie der gemeinschaftlichen Selbstermächtigung entgegensteht. Im Fall des autoritären Liberalismus wird mit Verweis auf die Rechte des Privateigentums und des privaten Schutzes Herrschaft ausgeübt, im Fall des autoritären Kommunismus im Namen von Gemeineigentum und Gemeinschaftsinteressen. In den USA hat die liberale Demokratie, wie der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz schrieb, zu einer »Herrschaft des einen Prozent durch das eine Prozent und für das eine Prozent« geführt. Eine solche liberale Demokratie unter autoritärer kapitaloligarchischer Kontrolle entfesselt den Katastrophenkapitalismus, spaltet die Welt und die eigene Gesellschaft, schafft den Nährboden für die faschistoide Rechte.

Dem (linken) Autoritarismus wird von Schlemermeyer nachgesagt, dass er den »liberalen Pluralismus und das Individuum« verachte, im »Namen eines verdinglichten Kollektivsubjekts (erst Klasse, dann Volk) (…) die modernen Formen institutioneller Vermittlung (…) als Bedrohung einer vermeintlich nötigen Einheit« ablehne und »reaktionäre Ideologien kollektiver Identität« verharmlose. Schlemermeyers Sichtweise führt – vermutlich gegen seinen eigenen Willen – hin zur urliberalen Vorstellung, die Margaret Thatcher auf den Punkt brachte, als sie fragte: »Wer ist die Gesellschaft? Es gibt sie nicht! Es gibt nur einzelne Männer und Frauen und ihre Familien.« Wenn Schlemermeyer im genannten Zusammenhang von Einheit spricht, verwendet er das Wort »vermeintlich«. Spricht er von Kollektivsubjekten wie Klasse, Volk oder Nation, so verbindet er dies mit »verdinglicht«. Das Anrufen kollektiver Identitäten wird unmittelbar mit einer reaktionären Ideologie verbunden. Damit steht schnell jede Form des Gemeinschaftlich-Kommunistischen unter Autoritarismusverdacht.

So richtig es ist, in jedem linken sozialistischen Projekt das emanzipatorische Erbe des Liberalismus zu bewahren, so zwingend notwendig ist es auch, mit dem Schmutzwasser des Missbrauchs gemeinschaftlicher Ideale nicht das Erbe des Kommunismus und des gemeinschaftlichen Kampfes von arbeitenden Klassen und unterdrückten Völkern zu entsorgen.

Ein rein liberaler Sozialismus ist keiner

Der von Schlemermeyer zitierte »Bruch mit dem Stalinismus als System« des Sonderparteitages der SED vom Dezember 1989 zielte keinesfalls auf den Bruch mit dem kommunistischen Erbe, sondern auf die Aufnahme der liberalen Ansprüche durch einen modernen Sozialismus des 21. Jahrhunderts. Ein nur liberaler und nicht auch kommunistischer, sprich: dem Gemeinschaftlichen verpflichteter Sozialismus, so meine Überzeugung, hört auf, Sozialismus zu sein und kann sich den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts nicht stellen. Er wird zum linken Anhängsel des herrschenden Liberalismus. Es ist diese Tendenz, die aus meiner Sicht Schlemermeyers Artikel durchzieht, auch wenn dies – hoffentlich – den Absichten des Autors widerspricht. Gibt Die Linke dieser Tendenz nach, macht sie sich endgültig überflüssig.

Die Linke kann bei Strafe der Selbstzerstörung weder dem Bezug auf die Freiheit der Einzelnen noch auf die Gestaltung gemeinschaftlicher Verhältnisse entsagen. Sozialistische Politik hat ihren Kern nicht in der Negation des Gemeinschaftlichen zugunsten der Individuen, sondern in der solidarischen Vermittlung der Widersprüche zwischen der angestrebten freien Entwicklung der Einzelnen und der genauso angezielten freien Entwicklung der gemeinschaftlichen Lebensgrundlagen und Lebenszusammenhänge. Die Alternative zum »Überbietungswettbewerb mit dem autoritären Ressentiment«, den Schlemermeyer bei Sahra Wagenknecht walten sieht, ist keinesfalls ein Überbietungswettbewerb mit dem Liberalismus, sondern eine Neubegründung von Sozialismus, der in sich Liberalismus und Kommunismus aufnimmt und die solidarische Vermittlung der Widersprüche moderner Gesellschaften ins Zentrum rückt: gegen Kapitalismus, Imperialismus, Oligarchie, Militarismus und Naturzerstörung.

Es gibt eine fundamentale Differenz zwischen Gemeinschaftsorientierungen und autoritärer gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Wer diese Differenz einebnet, indem er die Pole Liberal vs. Autoritär zum Grundkonflikt erklärt, der läuft Gefahr, jene, die gleichzeitig soziale Umverteilung und Schutz durch Staat und Gesellschaft vor dem ungehinderten Wirken der Konkurrenzverhältnisse der Märkte fordern, als autoritär abzustempeln. Damit wären die Kerngruppen der arbeitenden Klasse für Die Linke völlig verloren. Schlemermeyers linksliberale Verortung hat deshalb politische Folgen. Drei davon sollen im Weiteren aufgezeigt werden.

Eigentumsverhältnisse fundamental umgestalten

Erstens: Die wichtigste strategische Orientierung für die Partei Die Linke gibt Schlemermeyer in dem Satz: »Mit Putin vor der Tür und Trump und Höcke im Inneren gilt es, klar Partei für die liberale Demokratie zu ergreifen.« Er fügt an: »Das bedeutet nicht, sich nun brav hinter die Ampel-Regierung zu stellen, sondern sie von links zu drängen …« Er spricht auch davon, dass es darauf ankäme, »über die bestehende Demokratie hinaus« zu gehen. Von links kann man aber nur drängen, wenn man nicht »Partei für die liberale Demokratie« ergreift, sondern für eine Demokratie, die neben der Verteidigung der liberalen Freiheitsrechte auch die Verteidigung der gemeinschaftlichen, sprich: kommunistischen Fundamente eines solidarischen Lebens ins Zentrum rückt. Ohne diese Fundamente wird die liberale Demokratie, wie wir immer wieder erleben, zur Brutstätte des Faschismus.

Hinausgehen über die liberale Demokratie bedeutet heute, dass mit Blick auf Ökologie, Frieden und Sicherheit das Kommunistische gegenüber privaten Rechten der Privilegierten ein größeres Gewicht bekommt. In der notwendigen sozialökologischen Transformation müssen die Eigentumsverhältnisse unter dem Primat des Gemeinwohls fundamental umgestaltet werden – ein wahrhaft autoritativer Eingriff unter dem Primat des kommunistischen Gemeinwohls. Eine Verfassungsrevolution ist notwendig, die diesem Gemeinwohl einen hohen Eigenwert gibt. Nicht nur die Würde des Einzelnen, sondern auch die gemeinschaftlichen Fundamente der Gesellschaft sollten unantastbar sein und vermehrt werden für die nachfolgenden Generationen.

Wer Grundrechte wirksam verteidigen will, muss drei Richtungen zugleich verfolgen: absolut gegen die faschistoide Rechte Stellung beziehen, gemeinsam mit anderen liberale politische Freiheiten verteidigen und die Interessen der Lohnabhängigen mit dem Ziel einer langfristigen sozialökologischen Transformation und offensiven Friedenspolitik ins Zentrum rücken. Dies wäre die Politik des eigenständigen Pols der Solidarität, dem sich Die Linke verpflichten sollte.

Für eine autonome EU-Friedenspolitik

Zweitens, so Schlemermeyer, müsse die Linke zu einer Partei werden, die »die Westbindung nicht mehr verdammt, sondern sie mit Bezug auf eine verbesserte EU auch ohne Nato buchstabieren kann«. Die »gesellschaftliche Liberalisierung« wird bei ihm geopolitisch mit der Westbindung, sprich: mit der Bindung an die USA (denn was sonst ist »der Westen«?) assoziiert und scheint ohne diese nicht erhalten werden zu können. Aber ist es nicht seit mehr als dreißig Jahren überfällig, dass die Bundesrepublik und die Europäische Union den Weg aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit gegenüber den USA endlich gehen? Wenn zudem in den USA jener Politiker wieder Präsident werden könnte, der einen bewaffneten Mob gegen das eigene Parlament gejagt hat, soll man wirklich bei der Bindung an diesen Staat auf die Bewahrung der liberalen Errungenschaften hoffen? Sind die primären Bedrohungen der EU nicht vor allem Kriege und Konflikte, die wesentlich, wenn auch keinesfalls ausschließlich auf die Politik der USA im Nahen und Mittleren Osten oder im Verhältnis zur Russländischen Föderation und der VR China zurückgehen? Das hat dazu geführt, dass die EU in Süd und Ost von einem Gürtel der Kriegs- und Konfliktherde umgeben ist, die zudem Verursacher großer Fluchtbewegungen sind, die als »Migrationsfrage« die gesellschaftlichen Spannungen anheizen.

Schlemermeyer übernimmt das Narrativ der Herrschenden ebenso bei der Bestimmung des geopolitischen Großkonflikts, wenn auch in der linken Form einer »Konfrontation zwischen liberalem und autoritärem Kapitalismus«. Das ist bequem, denn es bedient das herrschende Narrativ vom Konflikt zwischen Demokratien und autoritären Regimen und setzt subaltern doch eine Differenz. Die Linke ist dagegen gut beraten, wenn sie nach den Interessen fragt und in den Dokumenten der USA nachliest, warum es bei den heutigen Großkonflikten wirklich geht.

Kurz vor dem Antritt von Joe Biden als 46. Präsident der USA erschien »The Longer Telegram. Toward a New American China Strategy«, herausgegeben vom Transatlantic Institute in Washington. Wie schon das Dokument von Georg F. Kennan von 1946, das den Weg zum Kalten Krieg mit der Sowjetunion ebnete, erschien auch dieses »Telegramm« anonym. Als wichtigste Ziele formulieren die Autoren in der folgenden Reihenfolge: »Bewahrung der kollektiven wirtschaftlichen und technologischen Überlegenheit (der USA – M.B.); Schutz des globalen Status des US-Dollars; Aufrechterhaltung einer überwältigenden konventionellen militärischen Abschreckung und Verhinderung einer unannehmbaren Verschiebung des strategischen nuklearen Gleichgewichts; Verhinderung jeder chinesischen territorialen Expansion, insbesondere der gewaltsamen Wiedervereinigung mit Taiwan«. Und was mit Blick auf die USA richtig ist, ist es auch mit Blick auf Russland, China, Indien, die Türkei usw. Nüchternheit ist angesagt.

Schlemermeyers Formulierung, die Linke solle sich nicht »zum nützlichen Helfer eines eurasischen Autoritarismus« machen, führt politisch in die Irre. Unter der Bedingung der absehbar dauerhaften Existenz von Staaten mit sehr unterschiedlichen Systemen, hinter denen unterschiedliche Klassenfraktionen stehen, eingebunden in ein weithin kapitalistisch geprägtes globales Wirtschaftssystem, muss es das Ziel linker Politik sein, für Entspannung und Abrüstung auf der Basis einer Politik gemeinsamer Sicherheit und Entwicklung einzutreten und dies unabhängig von der inneren Verfasstheit der Staaten. Nur dies garantiert, dass sich die Linke weder zum Helfer der herrschenden Kräfte der USA noch irgendeines anderen Staates macht, sondern die Interessen der Völker selbst und ihrer Bürgerinnen und Bürgern in den Mittelpunkt stellt. Nicht »Westbindung«, sondern eine strategische Autonomie der EU auf friedenspolitischer Grundlage sollte die Leitmaxime jeder linken Kraft sein.

Erst die Massenbasis, dann die Regierungsbeteiligung

Drittens: Schlemermeyer macht am Ende seines Artikels einen großen Sprung – weg von einer Partei, die buchstäblich um ihr bloßes Überleben kämpft, weg auch von einer Gesellschaft, in der die konservativen, rechten und faschistoiden Parteien gerade eine große Mehrheit haben, und hin zu einer anzustrebenden Beteiligung der Linken an einer »sozial-ökologischen Reformregierung«. Und diese Beteiligung müsse zudem »schnell« zustande kommen. Staunend las ich: »Die Chance dafür ist klein – und jetzt zugleich so groß wie noch nie seit Gründung der Linkspartei. Das ist die Dialektik ihrer Krise.« Mich überkam beim Lesen der Verdacht, das zumindest in diesem Fall »Dialektik« ein bloßer Trick ist, um etwas völlig Unerklärliches zu beschwören.

Vor jedem Sprung in die gefährlichen Höhen von Regierungsbeteiligung braucht es zuallererst festen Boden unter den Füßen. Es bedarf der Verankerung der Linken in der Gesellschaft in ihrer Breite, vor allem in den lohnarbeitenden Klassen. Die PDS überlebte, weil sie sozialistische ostdeutsche Volkspartei wurde, und sie geriet im Jahr 2002 in die Existenzkrise, als sie diesen Status verlor.

Die Partei Die Linke entstand aus einer breiten Volksbewegung gegen die Agenda 2010 und entwickelte Züge einer dezidiert linken Klassenpartei in Verbindung mit Aktiven aus sozialen, ökologischen und internationalistischen Bewegungen. Ihre heutige Krise ist der Tatsache geschuldet, so meine kurz zusammengefasste Überzeugung, dass sie diese Verankerung in den lohnarbeitenden Klassen nicht verstetigen konnte, dass ihre Mitgliedschaft sich nur unzureichend in den Dienst der lohnarbeitenden Klasse gestellt hat, sondern die eigene, oft akademisch privilegierte aktivistische Sicht und politische Handlungsweise zum Maßstab machte. Deshalb droht, dass sie jetzt unter sich bleibt auf dem schmalen Fundament eines nach links gewendeten Liberalismus, ergänzt durch einen verbalen Antikapitalismus, der in keiner Weise in der Lage ist, die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen. Nur eine Partei, die durch Massen bewegt wird und Massen nach links bewegt, kann den Herrschenden den Marsch blasen.

Schlemermeyers Artikel macht mehr als jeder andere, den ich bisher gelesen habe, deutlich, welche weltanschaulichen Tendenzen zur Spaltung der Linken beigetragen haben. Von zwei Seiten wurde getrennt, was in jeder linken Partei, die mehr als eine Sekte sein will, zusammengehört: dem Volke zugewandt und zugleich überzeugend links zu sein. Wer das eine will ohne das andere, der versteht nichts von linker Politik. Nach der Spaltung nun werden entweder beide politischen Parteien für sich getrennt untergehen oder einer von ihnen gelingt es, in sich auf neue Weise beides wieder zu vereinigen und zu einer dezidiert sozialistischen und konsequent klassenorientierten Volkspartei zu werden.

Michael Brie, Sozialphilosoph, war früher Direktor des Instituts für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Sein Sozialismusverständnis hat er in dem Buch »Sozialismus neu entdecken« (VSA, 2022) entwickelt. Frei online unter: www.rosalux.de/publikation/id/49610/sozialismus-neu-entdecken

Erstveröffentlicht in der Abo-Ausgabe des nd v. 27.1.2024

Wir danken für das Publikationsrecht.

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