„Nationale Souveränität“ vs „soziale Emanzipation“- eine Debatte

Motiv: Geschichtswerkstatt des DGB Herne

Am 11. Janaur haben wir an dieser Stelle einen Artikel von Raul Zelik veröffentlicht. Sein Titel „Keine Illusionen über Venezuelas Regierung“ (https://gewerkschaftliche-linke-berlin.de/63430-2/) In diesem Artikel geht es dem Autor darum, zu begründen, warum die politische Verfasstheit der Maduro-Regierung einen erfolreichen Kampf gegen die Aggression des US-Imprialismus erschwert. Sie hat den akzeptierten Meinungskorridor und den Raum für die Wahrnehmung von Bürgerrechten eingeschränkt und geht teils drakonisch gegen die Opposition vor. Beileibe nicht nur gegen die putschistische Rechte sondern auch gegen die Linke. So wurde z.B. die KP nicht mehr zu den Wahlen zugelassen. Die Postchavisten haben einen Großteil ihrer Unterstützung in der Bevölkerung verloren. Am Schluss dieses Artikels zog der nd-Autor daraus eine strategische Schlussfolgerung. Zelik schrieb: „Wieder einmal zeigt sich, dass die »Verteidigung der nationalen Souveränität« zur Durchsetzung sozialer Rechte in Zeiten eines alles dominierenden kapitalistischen Weltmarkts kein geeignetes Mittel mehr ist.“ Dies führt im Anschluss zu heftigen Diskussionen innerhalb der Redaktion. Benedikt aus der Forumsredaktion formulierte seine Kritik daran in einem eigenen Artikel: sein Credo: „Ohne nationale Souveränität geht es nicht.“ (https://gewerkschaftliche-linke-berlin.de/ohne-nationale-souveraenitaet-geht-es-nicht/)

In dieser Aussage war sich die Redaktion einig. Ich habe mich daraufhin erneut an Raul gewandt mit der Bitte seine Position in einem weiteren Beitrag etwas ausführlicher zu begründen. Dieses Anliegen wurde in der nd-Redaktion diskutiert und als Ergebnios haben wir nun zwei weitere Artikel bekommen, die auch über die folgenden Links zu lesen sind. Pablo Flock votierte für „Staatensouveränität verteidigen“ und Raul Zelik ergänzte Flocks Ausführungen mit dem Artikel „Grönland den Eisbären“. Dabei will er diesen Artikel nicht als Widerspruch zu Flocks Artikel verstehen sondern den Horizont der Debatte ausweiten.

https://www.nd-aktuell.de/artikel/1197054.voelkerrecht-staatensouveraenitaet-verteidigen.html?sstr=Flock

https://www.nd-aktuell.de/artikel/1197058.voelkerrecht-groenland-den-eisbaeren.html?sstr=Gr%C3%B6nland|den|Eisb%C3%A4ren

Zustimmend bezugnehmend auf die indisch-kanadische Soziologin Nandita Sharma schreibt Raul Zelik: „Wer meine, dass sich mit der Stärkung nationaler Souveränität soziale Rechte durchsetzen ließen, habe nicht verstanden, »was es mit der Ordnung der Nationalstaaten auf sich hat«. Statt für Staaten zu kämpfen, die dann – hoffentlich – eine ökologischere oder sozialere Politik machen, sollte man besser gleich Bewegungen aufbauen, die grenzüberschreitend für diese Ziele kämpfen.“

Ich denke, dass es hier nicht um ein Entweder/Oder geht, sondern dass beide Zielsetzungen zwar konfliktbeladen sind, jedoch unverzichtbar sind. Die Überwindung der ernüchternden politischen Bilanz der sozialrevolutionären Bewegungen, die Raul Zelik zu Recht zieht, lassen sich nicht einfach dadurch überwinden, in dem man das Kampffeld der nationalen Staatlichkeit ignoriert oder verlässt. Denn nach bald 200 Jahren Geschichte der modernen Arbeiterbewegung gibt es wenig begründeten Anlass anzunehmen, sie könnte sozusagen in einem Ruck auf der internationalen Ebene die Nationalstaaten begraben und den Kommunismus realisieren. Bereits im Kommunistischen Manifest schrieben Marx/Engels: „Obgleich nicht dem Inhalt, ist der Form nach der Kampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie zunächst ein nationaler. Das Proletariat eines jeden Landes muß natürlich zuerst mit seiner eigenen Bourgeoisie fertig werden“ (MEW 4, 473). Das Kampffeld des Nationalstaats bleibt auch weiterhin der Hebel der Selbstermächtigung, denn hier liegt der entscheidende Rechtsrahmen, der politisch und kulturell die Klassenkämpfe strukturiert. Und es ist von Vorteil, wenn dieses Kampffeld nicht noch durch Herrschaftsansprüche anderer imperialer Mächte besetzt wird, was natürlich besonders bei neokolonioalen Abhängigkeitsverhältnissen wie im Beispiel Venezuelas eine Rolle spielt. Natürlich kann man nicht der Politik einer herrschenden Klasse folgen, die im Namen der „nationalen Souveränität“ gerade auf die Machtausweitung und Einschränkung der Souveränität anderer Staaten abzielt wie das beim EU-Diskurses zur Frage der nationalen Souveränität offensichtlich der Fall ist.

Das eigentliche Problem ist eher die mangelnde internationalistische Einbettung dieser Kämpfe, die unverzichtbar ist, das gemeine Klasseninteresse zu definieren und es in der Standortkonurrenz und in Zeiten kriegerischer Aufhetzung zu verteidigen. Die Arbeiterinternationalen I-IV waren ja – trotz Misserfolgen und Scheitern – bedeutende Anläufe, eine solche gemeinsame Orientierung zu ermöglichen. Die Wiederaufnahme dieser Anstrengungen scheint mir auch heute recht alternativlos. Hier sollten sich alle organisieren, für die gemeinsame Klasseninteresse und keine nationalen Identitäten entscheidend sind. Der Kern eines solchen Ankers könnte aus den realen Kämpfen hervorgehen. Gleichzeitig müssen unterschiedliche politische Zugänge ermöglicht und verteidigt werden. Das Praxisfeld dürfte sich dann in der Bandbreite bewegen, die zwischen der Politik der nationalen Sektionen des Internationalen Gewerkschaftsbundes, die sich mehrheitlich national vereinnahmen lassen und politisch-ideologisch enger ausgerichten Basisnetzwerken liegen, die zwar internalistisch verlässlich sind, aber nur beschränkte Einflussmöglichkeiten haben. Vielleicht kann uns auch die „Kanonen statt Butter-Politik der herrschenden Klassen dabei behilflich sein, hier Fortschritte zu erzielen. Wie, das lässt sich z.B. sehr gut an der Politik der Partei der Arbeit Belgiens verfolgen.

Ein hoffnungsvoller Aufbruch in diese Richtung war ja auch die globalisierungskritische Bewegung der 90er und Nullerjahre dar, die jedoch letztlich auseinanderfiel und keine bleibende Struktur schaffen konnte. Die kommunikativen Voraussetzungen dafür sind angesichts der heute verfügbaren Übersetzungswerkzeuge besser denn je.

Zur Lage in Europa


Ein Gespräch über Erfahrungen und Strategien antifaschistischer Organisationen


Fédération Internationale des Résistants – Association antifasciste | International Federation of Resistance Fighters
– Association of Anti-fascist | Internationale Föderation der Widerstandskämpfer – Bund der Antifaschisten


Freitag | 30. Januar 2026 | 19.00 Uhr | Aquarium (Südblock)
Skalitzer Straße 6, 10999 Berlin- Kreuzberg

Bild: Yenihayat

Wenn deutsche Medien über Europa berichten, geht es meist um die Frage, ob und wie weit einzelne Regierungen
dem politischen Kurs der EU-Kommission in Bezug auf den Krieg in der Ukraine, die Haltung gegenüber den USA
oder die innereuropäischen Machtverhältnisse folgen.

Antifaschistinnen und Antifaschisten aber müssen die Entwicklung jener Länder in den Blick nehmen, in denen
extreme Rechte bereits die Regierungsmacht erobert haben, wie Viktor Orbán in Ungarn und Giorgia Meloni in
Italien.
Zudem gibt es nach den letzten Wahlen im europäischen Parlament drei Fraktionen der extremen Rechten,
die faktisch dessen drittstärkste Kraft bilden. Auch konnten Parteien aus diesem Spektrum in den letzten Monaten
bei nationalen Parlamentswahlen ihren Einfluss ausbauen, unabhängig davon, ob sie anschließend an der
Regierung beteiligt wurden oder nicht.

Welche innenpolitischen Veränderungen haben extreme Rechte im parlamentarischen System ihrer Länder auf
den Weg gebracht und was bedeutet das für die Demokratie, auch in Europa?

Diese Fragen stehen seit langem im Mittelpunkt des Austausches der Mitgliedsorganisationen der FIR, in den
auch Erfahrungen aus jenen Ländern einfließen, in denen antifaschistische und demokratische Kräfte solche
Entwicklungen verhindern konnten.

Die Veränderungen in Europa und der Welt spiegeln sich auch in unserem Land wider, trotz vielfältigen
Widerstands schreitet die Rechtsentwicklung voran. Die Vernetzung aller, die sich der Bedrohung widersetzen,
muss verstärkt werden.

Die Berliner VVN-BdA lädt am 30. Januar, einem verhängnisvollen Datum deutscher Geschichte, zu einem
Gespräch über internationale Erfahrungen und Ansätze für Gegenstrategien ein. Als Gesprächspartner:innen
stehen an diesem Abend Regina Girod, Vizepräsidentin der FIR, und Ulrich Schneider, Generalsekretär der FIR,
zur Verfügung.

Quelle: Newsletter der Berliner VVN-BdA

Aktuelle Eskalation der US-Politik gegenüber Lateinamerika

Der völkerrechtswidrige Angriff der USA auf Venezuela hat selbstverständlich bei allen, die sich seit Jahren mit der Entwicklung Lateinamerikas befassen, seien es Latinos, deutsche InternationalistInnen oder WissenschaftlerInnen Sorge und Empörung hervorgerufen. Sie sehen es auch als Bedürfnis und Pflicht, dies öffentlich zu machen. Wir publizieren hier beispielhaft eine Erklärung des Lateinamerikaforums e.V. Das Lateinamerika-Forum Berlin ist ein gemeinnütziger Verein und hat sich als Stätte der Begegnung zum Ziel gesetzt, Brücken zwischen Berlin und Lateinamerika zu schlagen. Das LAF Berlin richtet sich an alle Menschen mit Interesse für die Region, wie Aktivist:innen, Studierende, Wissenschaftler:innen und Fachkräfte der Entwicklungszusammenarbeit. Kurz: der Verein steht allen offen, die sich für die Intensivierung der Beziehungen zwischen Lateinamerika und Deutschland einsetzen. (aus dem Selbstverständnis) Jochen Gester

von Kristin Bergen

Erklärung des Lateinamerika-Forums Berlin (LAF Berlin) zu der aktuellen Eskalation der US-Politik gegenüber Lateinamerika

Die jüngsten internationalen Entwicklungen geben Anlass zu größter Sorge. Die mit militärischer Gewalt vollzogene Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro und seiner Ehefrau Cilia Flores sowie die massiven Drohungen der Trump-Regierung gegenüber Kuba, Kolumbien und Mexiko markieren eine neue Eskalationsstufe der US-Außenpolitik gegenüber der lateinamerikanischen Region.

In Lateinamerika selbst werden diese Vorgänge intensiv diskutiert und eindeutig bewertet. Danach handelt es sich nicht um isolierte Ereignisse, sondern um eine gefährliche Verschärfung geopolitscher Machtpolitik der US-Administration mit weitreichenden Folgen für den Subkontinent, aber auch darüber hinaus: Die nach dem Ende des 2. Weltkriegs etablierte, regelbasierte Weltordnung droht durch das Chaos neo-imperialer Gewaltherrschaft ersetzt zu werden.

Vor diesem Hintergrund sind die beschwichtigenden Erklärungen der Europäischen Union und die halbherzigen Äußerungen der Bundesregierung beschämend. Dieses Wegducken wird nicht nur in Lateinamerika mit Unverständnis wahrgenommen: Die mit dem Völkerrecht begründete Positionierung der europäischen Staatengemeinschaft gegen den Angriffskrieg Russlands in der Ukraine wird haltlos, wenn militärische Interventionen der USA in Lateinamerika „toleriert“ werden.

Als Lateinamerika-Forum Berlin sehen wir uns in der Pflicht, zu dieser Entwicklung Stellung zu beziehen. Seit über 30 Jahren haben wir uns in zahllosen Veranstaltungen, Analysen und öffentlichen Debatten intensiv mit den sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Dynamiken in Lateinamerika (nicht zuletzt in Venezuela) befasst – ganz im Sinne unseres Ziels, Brücken der Verständigung zwischen Deutschland/Berlin und Lateinamerika zu schlagen.

Wir warnen eindringlich vor den Folgen neo-imperialer Politik: Die Negierung des Völkerrechts, die Normalisierung der Drohung mit militärischer Gewalt und deren tatsächlichen Anwendung sowie der Einsatz wirtschaftlicher Sanktionen und politischer Interventionen zur Durchsetzung geopolitischer Ziele gefährden demokratische Prozesse, verschärfen gesellschaftliche Konflikte und können die politische Stabilität ganzer Regionen unterminieren.

Wie entsprechende Äußerungen aus der US-Administration belegen, ist eine direkte Einflussnahme der USA auf die 2026 anstehenden Wahlen in Kolumbien, Peru und Brasilien zu befürchten. Die Geschichte Lateinamerikas zeigt, dass solche externen Eingriffe katastrophale Folgen für die gesellschaftspolitische Entwicklung der betroffenen Länder haben.

Das Lateinamerika-Forum Berlin (LAF) fordert von der Bundesregierung:

  • eine klare und öffentliche Positionierung zu den aktuellen Entwicklungen – diese sind nicht „komplex“, sondern eindeutig;
  • ein aktives Eintreten für Völkerrecht, politische Souveränität, Achtung der Menschenrechte und demokratische Prozesse in Lateinamerika;
  • sowie eine selbstbewusste europäische Außenpolitik, die sich nicht erneut zum passiven Zuschauer geopolitischer Eskalationen macht.

Gerade in einer Zeit zunehmender globaler Spannungen ist politische Klarheit notwendig. Schweigen ist keine neutrale Haltung – es ist eine politische Entscheidung. Lateinamerika steht vor turbulenten Zeiten. Deutschland darf nicht wegsehen, sondern muss seiner Mitfverantwortung gerecht werden.

Berlin, den 10. Januar 2026
Lateinamerika-Forum Berlin (LAF) Präsidium und Vorstand

Erklärung des LAF Berlin

https://lateinamerikaforum-berlin.de/

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