Kriegsstaat oder Sozialstaat

Anmerkungen zur Kampagne „20 Millionen Stimmen fordern einen gerechten Sozialstaat“

Bild: ChatGTP

Auf der Website des ver.di-Bundesverbands findet sich eine auf den 10. März datierte Pressemitteilung: „14 zivilgesellschaftliche Organisationen mit gemeinsam über 20 Millionen Mitgliedern haben ein Bündnis für einen starken und zukunftssicheren Sozialstaat gegründet. Das Sozialstaatsbündnis kritisiert die zunehmende Schieflage in der politischen Debatte, in der der Sozialstaat wiederholt als unfinanzierbar oder als reiner Kostenfaktor dargestellt wird. Die Initiative setzt dem eine positive, faktenbasierte Perspektive entgegen: Der Sozialstaat ist nicht nur finanzierbar, sondern essentiell für sozialen Frieden, wirtschaftliche Teilhabe und demokratische Stabilität. Bitte beachten Sie die gemeinsame Pressemitteilung „20 Millionen Stimmen fordern einen gerechten Sozialstaat“, das Mission Statement und die Umfrageergebnisse des Sozialstaatsbündnisses im Downloadbereich.“

Kampagne für einen starken Sozialstaat

Die Werbung der beteiligten Organisationen für einen armutssichernden Sozialstaat ist ein begrüßungswerter Schritt. Sie erklären, warum er für ein funktionierendes demokratisches Gemeinwessen unverzichtbar ist. Und sie können in einer Umfrage den Nachweis erbringen, dass eine deutliche Mehrheit innerhalb der Bevölkerung dies eben so sieht. Doch es ist befremdend und erklärungsbedürfig, wenn hier für den Erhalt des Sozialstaats in fast zeitloser Weise Argumente gesammelt werden.

Glauben die Organisatoren der Kampagne, dass die Regierung einfach schlecht informiert ist und man sie durch durch die Erinnerung daran, dass „sie den Nutzen des Volkes zu mehren“ versprochen hat, zu einer schnellen Richtungskorrektur umstimmen kann? Schließlich lassen Funktionäre der die Regierung beratenden Stiftungen und meinungsbildende Medien der tonangebenden Eliten keinen Zweifel daran, dass sie den gewohnten Sozialstaat nicht mehr für ein unverzichtbares Gut ansehen und ihn lieber durch einen „Kriegsstaat“ ersetzen würden. So jedenfalls die Financial Times. Oder wie es Clemens Fuest, Präsident des Wirtschaftsforschungsinstituts ifo, formulierte: „Kanonen und Butter – das wäre schön, wenn das ginge. Aber das ist Schlaraffenland. Das geht nicht. Sondern Kanonen ohne Butter.“

Wirtschaftsminister Klingbeil hat dafür auch bereits aussagekräftige Zahlen präsentiert. Die von ihm für notwendig befundene Erhöhung des Militärbudgets von 52 Milliarden Euro im Jahr 2024 auf beispiellose 153 Milliarden im Jahr 2029 ist ohne einen massiven Rückbau des Sozialstaates nicht zu finanzieren. Diese Kosten für die Herstellung der „Kriegstüchtigkeit“ werden dann 50% des Bundeshaushalts verschlingen. Dieser Elefant steht im Raum und das Sozialbündnis schließt davor die Augen. Jedenfalls kommen die Worte Aufrüstung und Kriegsvorbereitung im gesamten Text nicht vor. Im besten Falle machen die Verantwortlichen dies, weil auch bedeutende Teile der Mitglieder die staatlichen Militarisierungspläne für unverzichtbar halten und sie nur durch das Beschweigen dieses Problems eine solche Erklärung aufs Papier bringen konnten. Vielleicht hoffen sie auch, dass sich die Mitglieder, vor die Wahl gestellt, sich zwischen Erhalt des Sozialstaats und dem Aufbau der größten Militärstreitmacht Europas zu entscheiden, doch eher das eigene soziale Überleben bevorzugen, was wir natürlich alle hoffen.

Doch es könnte auch sein, dass das Beschweigen der aktuellen Kriegsvorbereitung mit der Hoffnung verbunden wird, selbst Profiteur einer möglichen „Siegfriedens“-Dividende zu sein, so wie dies die Führungen der gewerkschaftlichen Organisationen im 1. Weltkrieg kalkuliert hatten. Doch diese Rechnung wird nicht aufgehen. Eher schon wird die Verbindung aus einem zunehmend faschistoidem Rechtskurs und Militarismus die Gewerkschaften und die anderen, der sozialen und politischen Verteidigung dienenden zivilgesellschaftliche Organisationen zerstören. Es wird deshalb eine Überlebensfrage, ob es zu einem offenen Widerstand gegen die Kriegspolitk kommt oder nicht.

Erklärung von Macron und Merz ist unverantwortlich


IPPNW-Pressemitteilung vom 05. März 2026

Gemeinsame Erklärung von Staatspräsident Macron und Bundeskanzler Merz
IPPNW kritisiert Frankreichs atomare Aufrüstung


Bild: Force de Frappe

Die ärztliche Friedensorganisation IPPNW kritisiert die gestern veröffentlichte gemeinsame Erklärung des französischen Präsidenten Macron und des deutschen Bundeskanzlers Merz als unverantwortlich. Die Erklärung kündigt einerseits die Errichtung einer hochrangigen Steuergruppe für die engere Zusammenarbeit im Bereich der Atomwaffen an, andererseits wird eine konventionelle deutsche Beteiligung an französischen Nuklearübungen sowie gemeinsame Besuche strategischer Einrichtungen in Aussicht gestellt. Diese Entwicklungen sollen die nukleare Teilhabe der NATO, in deren Rahmen bereits US-Atomwaffen in Deutschland stationiert sind, nicht ablösen sondern ergänzen.  

„Die deutsch-französischen Pläne zu einer Europäisierung der französischen Abschreckung und Erweiterung der nuklearen Abschreckung der NATO sind völlig fehlgeleitet,“ erläutert Dr. med. Lars Pohlmeier, Vorsitzender der IPPNW Deutschland. Und weiter: „Wir signalisieren damit der Welt, dass wir Atomwaffen für unverzichtbar für unsere Sicherheit halten und erhöhen damit das globale Proliferationsrisiko. Stattdessen sollte gerade Deutschland sich für Rüstungskontrolle und Abrüstung stark machen, um einer nachhaltigen Sicherheitsarchitektur in Europa den Weg zu bereiten.“

In einer Grundsatzrede am selben Tag kündigte Präsident Macron zudem an, das französische Atomwaffenarsenal aufrüsten zu wollen und neue Trägersysteme in Dienst zu stellen. Diese quantitative Aufrüstung steht im klaren Gegensatz zu Artikel VI des Vertrags zur Nichtverbreitung von Atomwaffen, der Abrüstungsverhandlungen vorsieht. Ebenfalls kritisch sieht die IPPNW die Möglichkeit einer temporären Stationierung der französischen Streitkräfte in Deutschland oder anderen europäischen Partnerstaaten.

„Besonders schockierend ist für mich als Arzt die massive Verharmlosung der Folgen einer Atomwaffenexplosion. Das zeigt sich einerseits in der Aussage, ein Atomwaffeneinsatz sei auch als Erstschlag, als sogenannte „nukleare Warnung“, möglich. Zum anderen wird der erste französische Atomwaffentest als Baustein einer nuklearen Erfolgsgeschichte erwähnt, die Gewaltgeschichte der Tests und die bis heute anhaltenden Gesundheitsfolgen werden ignoriert“, kritisiert Dr. med. Lars Pohlmeier.

Die IPPNW mahnt zudem mehr demokratische Transparenz an. Nicht nur das angekündigte Ende der Transparenz über das Atomwaffenarsenal Frankreichs ist höchst bedenklich. Auch wurden die Gespräche zwischen Deutschland und Frankreich unter völligem Ausschluss der Öffentlichkeit und des Parlaments geführt. Auch die Erklärung kam ohne parlamentarische Debatte zustande und erinnert damit an die deutsch-US-amerikanische Regierungserklärung zur Stationierung von US-Mittelstreckenwaffen in Deutschland. 
Tatsächlich geht auch die jetzige Erklärung auf Mittelstreckenwaffen ein, denn die gemeinsame Entwicklung von „Deep Precision Strike“ Kapazitäten im Rahmen des ELSA-Projekts soll verstärkt werden. Damit solle den Staaten eine Möglichkeit der Eskalation unterhalb der nuklearen Schwelle ermöglicht werden. Die IPPNW kritisiert jedoch, dass gerade der Einsatz von Mittelstreckenwaffen zu einer nuklearen Eskalation beitragen kann, wenn beispielsweise Atomanlagen oder nukleare Infrastruktur angegriffen wird. 

Die gemeinsame Erklärung von Bundeskanzler Merz und Staatspräsident Macron finden Sie hier
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Angelika Wilmen Geschäftsstellenleiterin, Friedensreferentin IPPNW e. V. Frankfurter Allee 3, 10247 Berlin +49-(0)30-698074-13 Gemeinsam arbeiten wir für Frieden und eine Welt ohne atomare Bedrohungen. Jetzt spenden. Spendenkonto: IPPNW e.V. – GLS Gemeinschaftsbank, IBAN: DE 23 4306 0967 1159 3251 01

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