Kanonen statt Butter ist kein Missverständnis: Warum Krieg kein Ausrutscher ist – und weshalb das „Wir“ der „Friedensmacht“ erst noch bestimmt werden muss

Von Andreas Buderus

Kriegsvorbereitung als Eingriff in Arbeit und Leben – das Podium als Brennglas

FORUM-Red: Die gesellschaftliche Verankerung und Interventionsmacht der Friedensbewegung steht in keinem Verhältnis zu der großen politischen Allianz, die den Kurs auf Kriegsfähgigkeit trägt. Dabei geht es nicht nur um die Überwindung interner Spaltungslinien und die Überzeungsfähigkeit von Argumenten. Es geht auch um die Entwicklung eines Widerstandspotenzials, das für mehr steht als die Formulierung von Appellen. Es geht um die praktische Fähigkeit, dass sich Menschen organisiert dem staatlichen Zugriff entziehen und Rechte in Anspruch nehmen, die ihnen nicht gewährt werden, die sie aber brauchen für eine „kollektive Verweigerung“. Dies muss auch erkennbar werden als Bruch mit der herrschenden Politik. Eine Praxis, die noch nicht selbstverständlich ist. Andreas Buderus versucht die gegenwärtige Situation daraufhin zu anlalysieren und refelektiert historische Erfahrungen.

Die finale Podiumsdiskussion der diesjährigen Rosa-Luxemburg-Konferenz »Butter statt Kanonen: Was tun gegen Aufrüstung, Militarisierung und Kriegsgefahr?« fand nicht im luftleeren Raum statt. Sie fiel in eine historische Phase, in der Kriegsvorbereitung in Deutschland und deutsche Kriegsbeteiligung längst keine abstrakte außenpolitische Option mehr ist, sondern konkrete gesellschaftliche Praxis. Aufrüstung und Militarisierung bedeuten heute nicht nur explodierende Rüstungshaushalte, eskalierende Waffenbeschaffung und Rüstungsexporte. Sie greift – nicht nur durch die Wiedereinführung des Wehrdienstes und die Androhung des ´Spannungsfalls´ – tief in Grundrechte, Arbeitsverhältnisse und alltägliche Lebenszusammenhänge ein, Sie betreffen damit nicht nur Soldatinnen und Soldaten, sondern die gesamte Bevölkerung.

Vor diesem Hintergrund stand die Diskussion unter der richtigen Forderung „Butter statt Kanonen“, beantwortete diese jedoch zugleich mit einer offenen Frage – und wurde im Nachhinein mit einer Gewissheit überschrieben, die auf dem Podium selbst so nicht eingelöst wurde.

Die Hauptheadline des Berichts fasst das Ergebnis mit der Aussage „Wir sind die Friedensmacht. Niemand sonst“ zusammen. Doch wer dieses „Wir“ sein soll, blieb in der Diskussion ebenso unbestimmt wie die gesellschaftliche „Macht“, aus der sich eine solche Behauptung speisen könnte. Genau in dieser Verschiebung – von einer klassenpolitischen Setzung zu einer offenen Frage und schließlich zu einem scheinbaren Ergebnis – verdichtet sich ein zentrales Problem der aktuellen Strategiedebatte der Friedensbewegung.

Ein zentraler, bislang viel zu wenig diskutierter Hebel dieser Entwicklung ist das Arbeitssicherstellungsgesetz (ASG). Als Teil der Notstandsgesetze von 1968 ermöglicht es bereits im sogenannten „Spannungsfall“ massive Eingriffe in die Arbeits- und Lebensverhältnisse: Einschränkung der freien Wahl des Arbeitsplatzes, Verpflichtung zu bestimmten Tätigkeiten, Begrenzung der Beendigung von Arbeitsverhältnissen. Was als Ausnahmezustand – als ´Notstand´ – firmiert, wird politisch und praktisch längst vorbereitet. Beim NATO-Manöver RedStormBravo im Oktober 2025 in Hamburg, wurde die Anwendung des ASG bereits praktisch erprobt[i] – zeitgleich zu politischen Vorstößen, den „Spannungsfall“ auszurufen.[ii]

Besonders brisant ist die Rolle, die den Gewerkschaften in diesem Zusammenhang zugedacht ist. Im Rahmen des ASG sollen regionale Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften als „Sozialpartner“ in sogenannte ´Arbeitskräfteausschüsse´ eingebunden werden, die über Zuweisung, Bindung und Einsatz von Arbeitskräften mitentscheiden. Sozialpartnerschaft wird so in eine – seit dem Gesetz zum „Vaterländischen Hilfsdienst“ von 1916[iii] bekannte –  militärische Zwangsarchitektur überführt: von Interessenvertretung über Burgfrieden zu Mitverwaltung staatlicher Mobilmachung.[iv] Kriegsvorbereitung greift damit unmittelbar in Betriebe, Tarifverhältnisse und kollektive Rechte ein.

Wehrdienst, Pflichtdienste und Zwangsverpflichtungen sind unter diesen Bedingungen keine isolierten Maßnahmen, die nur einzelne Altersgruppen betreffen. Sie wirken direkt am Arbeitsplatz, in Ausbildung und Beruf, in der Organisation gesellschaftlicher Arbeit. Kriegsvorbereitung bedeutet nicht nur Militarisierung nach außen, sondern autoritäre Umstrukturierung nach innen.

Historisch ist diese Entwicklung keineswegs neu. In der Auseinandersetzung um die Notstandsgesetze von 1968 stellten sich der Deutsche Gewerkschaftsbund und seine Mitgliedsgewerkschaften öffentlich gegen jede verfassungsändernde Gesetzgebung, die Grundrechte einschränkt und bereits in Friedenszeiten die verpflichtende Inanspruchnahme großer Teile der Bevölkerung ermöglicht.[v] Gerade im Vergleich dazu wird jedoch der Bruch zur gegenwärtigen Praxis des DGB und seiner Mitgliedsgewerkschaften sichtbar: Antimilitaristische Positionen existieren in den Gewerkschaften weiterhin – doch sie sind heute Minderheitenpositionen. Initiativen wie „Sagt NEIN!“ und Teile der Gewerkschaftsjugend halten an den antimilitaristischen, antifaschistischen und internationalistischen Grundsätzen der Satzungen und Programme[vi] fest, während die gewerkschaftlichen Apparate und Leitungsgremien weitgehend schweigen – trotz konkreter Vorbereitungen zur Anwendung des ASG und trotz des fortschreitenden Ausbaus zivil-militärischer Zusammenarbeit.

Vor diesem Hintergrund erhielt auch die Podiumsdiskussion auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz ihre politische Brisanz. Die Frage von Krieg und Frieden, Butter statt Kanonen stellte sich dort nicht als abstrakte außenpolitische Debatte, sondern als Konflikt um Arbeit, Rechte und gesellschaftliche Macht. Die Podiumsdiskussion kann daher als Brennglas der notwendigen Strategiedebatte in der Friedensbewegung[vii] gelesen werden. Nicht, weil sie abschließende Antworten geliefert hätte, sondern weil sie sichtbar machte, wo die Bruchlinien verlaufen: zwischen sozialpartnerschaftlicher Einbindung und klassenpolitischer Gegenwehr, zwischen Anpassung und Konfliktfähigkeit.

Zwei Seiten derselben sozialdemokratischen Medaille

Die Beiträge von Jan Dieren (MdB SPD) und Ulrich Thoden (MdB, Die Linke, Mitglied des Verteidigungsausschusses des BT) machten auf unterschiedliche Weise sichtbar, wie tief parlamentarische Politik unter Bedingungen eskalierender Kriegslogik in staatliche Funktionszwänge eingebunden ist. Ihre Positionen unterscheiden sich im Ton, in der Programmatik und im historischen Selbstverständnis – doch sie teilen einen gemeinsamen strategischen Kern: die Unterordnung antimilitaristischer Kritik unter die Logik staatlicher Verantwortung.

Bei der SPD tritt dieser Zusammenhang offen zutage. Die Partei ist heute eine zentrale Trägerin der deutschen Kriegspolitik. Aufrüstung, Kriegstüchtigkeit und militärische Führungsambitionen werden nicht widerwillig akzeptiert, sondern aktiv vorangetrieben. Vor diesem Hintergrund kommt den medial viel beachteten sogenannten „Abweichlern“ wie J. Dieren oder R. Stegner eine klar bestimmbare Funktion zu. Sie markieren keinen Bruch, sondern eine Integrationsfigur. Kritisch im Ton, loyal in der Sache, tragen sie dazu bei, innerparteiliche und gesellschaftliche Spannungen zu binden, ohne den strategischen Kurs infrage zu stellen. [viii]

Diese Funktion ist historisch vertraut. Rosa Luxemburg beschrieb sie bereits 1916 in ihrer Schrift ´ Die Krise der Sozialdemokratie´ (Juniusbroschüre)[ix] als integralen Bestandteil sozialdemokratischer Kriegspolitik. Nicht der offene Bellizismus war für sie das Hauptproblem, sondern die Fähigkeit der Partei, Opposition zu absorbieren und unter dem Banner der Verantwortung unschädlich zu machen. Der Burgfrieden entstand nicht trotz innerer Kritik, sondern gerade durch ihre Integration.

Die Linkspartei nimmt in dieser Konstellation eine andere Rolle ein. Sie ist (aktuell noch) keine staatstragende Kriegspartei, sondern verfügt über eine formell antimilitaristische Programmatik. Doch gerade hier zeigt sich ein strukturell verwandtes Problem. Die Berufung auf Begriffe wie „strukturelle Nichtangriffsfähigkeit“ signalisiert Distanz zur Kriegspolitik, ohne den Bruch mit ihr praktisch zu organisieren. Kritik wird formuliert, aber politisch vermittelt; Opposition artikuliert, aber institutionell gebunden.

Auch hier ist Luxemburgs Analyse leitend. In den Juniusthesen kritisierte sie nicht nur die Zustimmung zu Kriegskrediten, sondern die Suspendierung des Klassenstandpunkts im Namen staatlicher Vernunft. Genau diese Logik wirkt heute fort – in veränderter Form. Während die SPD Kritik integriert, neutralisiert die Linkspartei sie durch Vermittlung. In beiden Fällen wird der Konflikt nicht zugespitzt, sondern entschärft.

Die Unterschiede bleiben dabei real und politisch relevant. Die SPD organisiert aktiv Kriegspolitik; die LINKE kritisiert sie. Doch für die Strategiedebatte der Friedensbewegung ist entscheidend, dass beide innerhalb desselben Rahmens operieren: des parlamentarischen Staatsverständnisses, das Verantwortung für den Frieden mit Staats-Loyalität verwechselt und Opposition an Institutionen bindet, die aktiv Krieg vorbereiten und tragen.

Der praktische Unterschied liegt in der Funktion, nicht im Ergebnis. Wo die SPD Kritik absorbiert, verwaltet die LINKE sie. Wo die SPD Abweichung integriert, kanalisiert die LINKE sie. In beiden Fällen bleibt der entscheidende Schritt aus: der Bruch mit der Logik des Staates, wenn dieser selbst zum Träger imperialistischer Kriegsinteressen wird.

Damit bestätigt sich die Aktualität von Rosa Luxemburgs Einsicht. Nicht mangelnde Analyse, sondern die Weigerung, Konsequenzen zu ziehen, macht sozialdemokratische Politik unter Kriegsbedingungen wirkungslos. Eine Friedensbewegung, die sich auf solche Akteure verlässt, läuft Gefahr, ihre eigene Konfliktfähigkeit einzubüßen – unabhängig davon, wie unterschiedlich diese Akteure sich präsentieren.

Es geht auch anders: Antimilitarismus als gelebte Praxis

Dass Antimilitarismus mehr sein kann als Appell und Programmatik, zeigte auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz nicht nur die Analyse der Verhältnisse, sondern auch konkrete Beispiele dafür, wie Gegenwehr heute bereits organisiert wird. Zwei Beiträge standen dabei exemplarisch für eine Praxis, die Krieg nicht kommentiert, sondern angreift: der Beitrag von Cinzia Della Porta (Unione Sindacale di Base, USB)[x]  und die auf dem Jugendpodium präsentierte starke Mobilisierung der Jugend gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht.[xi]

Della Portas Beitrag machte deutlich, dass Antimilitarismus dort ansetzen muss, wo Krieg produziert wird. Nicht in außenpolitischen Debatten, sondern in Betrieben, Verwaltungen und Logistikketten. Krieg ist kein Ausnahmezustand, sondern ein Arbeits- und Produktionsverhältnis. Wer diesen Zusammenhang ernst nimmt, kann Friedenspolitik nicht von der Frage gewerkschaftlicher Praxis trennen.

Zentral war dabei die klare Benennung eines Kipppunktes: Unter Bedingungen eskalierender Militarisierung wird Vermittlung zur Komplizenschaft. Sozialpartnerschaft, die Aufrüstung als industriepolitische Realität akzeptiert und lediglich sozial abfedern will, stabilisiert objektiv die Kriegslogik. Antimilitarismus erscheint hier nicht als moralische Haltung, sondern als praktische Frage der Verweigerung – dort, wo sie wirksam ist.

Dieser Ansatz knüpft an eine – auch in Italien – überwiegend verdrängte Tradition gewerkschaftlicher Politik an: Gewerkschaften als Akteure gesellschaftlicher Gegenmacht. Nicht Verwaltung des Bestehenden, sondern bewusste Unterbrechung von Prozessen, die Ausbeutung und Krieg ermöglichen. In dieser Perspektive wird Friedenspolitik konkret – als Eingriff in reale Machtverhältnisse.

Einen zweiten, ebenso wichtigen Praxisimpuls lieferte die Jugendbewegung gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Hier zeigte sich eine Politisierung, die nicht aus theoretischer Analyse, sondern aus unmittelbarer Betroffenheit entsteht. Wehrpflicht wird von der Jugend nicht als sicherheitspolitische Maßnahme wahrgenommen, sondern als direkter staatlicher Zugriff auf Lebenszeit, Körper und Zukunft.

Diese Wahrnehmung ist zutiefst klassenpolitisch. Wer gemustert, verpflichtet und im Ernstfall zum Töten und Sterben abkommandiert werden soll, sind nicht die Kinder der selbst ernannten ´gesellschaftlichen Eliten´, sondern junge Menschen aus lohnabhängigen-Haushalten. Die Wehrpflicht erscheint damit als das, was sie ist: Klassenpolitik von oben.

Die bundesweiten Schulstreiks gegen die Wehrpflicht haben diese Einsicht praktisch übersetzt. Trotz massiver Repression beteiligten sich zehntausende Schülerinnen und Schüler an den Protesten. Einschüchterung, Ordnungsmaßnahmen und Drohungen wirkten dabei nicht disziplinierend, sondern politisierend. Es entstand ein Erfahrungswissen, das für jede emanzipatorische Bewegung zentral ist: Rechte werden nicht gewährt, sie werden genommen.

Bemerkenswert ist, dass diese Dynamik nicht nur außerhalb der organisierten Arbeiterbewegung bleibt. Die klaren Positionierungen der Gewerkschaftsjugenden gegen die Wehrpflicht zeigen, dass sich hier eine neue Generation politisiert, die Militarisierung nicht als außenpolitisches Thema, sondern als Angriff auf ihre sozialen und beruflichen Perspektiven begreift. Damit wird die Jugend zu einem realen Träger antimilitaristischer Praxis – nicht als Zukunftsversprechen, sondern bereits heute.

Beide Beispiele – USB und Jugendbewegung – verweisen auf denselben strategischen Kern. Antimilitarismus wird dort wirksam, wo er als Klassenpraxis organisiert wird: im Betrieb und in der Ausbildung, am Arbeitsplatz und in der Schule. Er entsteht nicht durch bessere Argumente, sondern durch kollektive Verweigerung gegenüber einer Ordnung, die Krieg vorbereitet und führt.

Damit zeigen diese Beiträge nicht nur, dass es anders gehen kann. Sie zeigen, dass es bereits anders geht.

Sozialpartnerschaft oder Gegenmacht? Gewerkschaften im Ernstfall

Gerade im Kontrast zur Dynamik der Jugendbewegung und der basisgewerkschaftlichen Empörung und Aktionsbereitschaft in Italien, Frankreich und Griechenland  gegen Krieg, Militarisierung, Wehrpflicht und gesellschaftliche Zwangsdienste wird die strategische Leerstelle der deutschen Gewerkschaften sichtbar. Während sich an der Basis – insbesondere unter jungen Beschäftigten – antimilitaristische Positionen zuspitzen, artikulieren und handelnd praktisch werden, dominieren auf der Ebene der Vorstände und Apparate weiterhin Zurückhaltung, Vermittlung und sozialpartnerschaftliche Anpassung. Diese Diskrepanz ist kein Randphänomen, sondern Ausdruck eines grundlegenden Problems.

Statt Militarisierung und Kriegswirtschaft als Angriff auf soziale Rechte, Arbeitsbedingungen und demokratische Handlungsspielräume zu begreifen, wird Aufrüstung vielfach industriepoli­tisch umgedeutet. Rüstungsproduktion erscheint als Beschäftigungssicherung, als Standortfaktor, als Teil staatlicher Investitionspolitik. Damit verschiebt sich der gewerkschaftliche Fokus: weg von gesellschaftlicher Gegenmacht, hin zur Mitverwaltung nationaler, militärisch zu sichernder Wettbewerbsfähigkeit. Unter Bedingungen eskalierender Kriegslogik wird Vermittlung zur Komplizenschaft, Sozialpartnerschaft so zur objektiven Stabilisierung der Kriegsökonomie.

Besonders deutlich zeigt sich diese Verschiebung in Forderungen nach einem „neuen Bündnis für Arbeit“. [xii] Was als sozialpolitische Antwort auf Krise und Unsicherheit präsentiert wird, läuft faktisch auf eine Neuauflage des Burgfriedens hinaus: politische Zurückhaltung und Standortloyalität im Gegenzug für staatliche Investitionen – zunehmend auch im militärischen Bereich. Soziales und Militärisches (Butter/Kanonen) werden nicht mehr gegeneinander gestellt, sondern sozialpartnerschaftlich miteinander verkoppelt.

Diese Strategie ist von einem klassenautonomen gewerkschaftlichen Standpunkt politisch fatal und faktisch suizidal. Während Milliarden in Aufrüstung fließen, geraten Tarifauseinandersetzungen unter Druck. Während soziale Infrastruktur verfällt, werden militärische Sondervermögen entgrenzt. Während Gewerkschaften zur „Verantwortung“ aufgerufen werden, wachsen Einschränkungen demokratischer Rechte. Sozialpartnerschaft erweist sich unter diesen Bedingungen nicht als Schutz, sondern als Einbahnstraße.

Damit stellt sich die Frage nach der Rolle der Gewerkschaften neu. Sie organisieren jene gesellschaftliche Kraft, ohne deren tägliche Arbeit keine Aufrüstung, keine militärische Logistik und keine Kriegswirtschaft funktionieren würde. Ihre Macht liegt nicht im Appell, sondern in der Fähigkeit zur kollektiven Verweigerung. Doch genau diese Macht bleibt ungenutzt, solange politische Intervention als unzulässig oder unrealistisch delegitimiert wird.

Hier rückt die Frage des politischen Streiks zwangsläufig ins Zentrum.[xiii] Seine Ausgrenzung ist keine juristische Notwendigkeit, sondern Ausdruck politischer Kräfteverhältnisse. Das Arbeitskampfrecht bildet diese Verhältnisse ab – und es wurde historisch immer dort verschoben, wo es praktisch infrage gestellt wurde. Politischer Streik ist – auch entgegen der gebetsmühlenartigen Beteuerungen hochrangiger Gewerkschafter*innen – in Deutschland nicht verboten sondern gem. der Europäischen Sozialcharta ausdrücklich legal,[xiv] sondern  ´lediglich´ politisch unerwünscht, weil er die künstliche Trennung von ökonomischem und politischem Kampf aufhebt. (xv]

Unter Bedingungen umfassender Militarisierung ist diese Trennung nicht haltbar. Wenn staatliche Entscheidungen zu Aufrüstung, Wehrpflicht und Zwangsverpflichtungen direkt in Arbeitsverhältnisse eingreifen, sind sie Arbeitskämpfe mit anderen Mitteln. Eine Gewerkschaftsbewegung, die darauf nur tarifpolitisch reagiert, akzeptiert faktisch, dass zentrale gesellschaftliche Entscheidungen außerhalb kollektiver Gegenwehr getroffen werden.

Die (gewerkschaftliche) Jugendbewegung gegen die Wehrpflicht verweist hier auf einen entscheidenden Punkt. Dort, wo staatlicher Zugriff unmittelbar wird, entsteht Bereitschaft zur Verweigerung. Rechte werden nicht von denen gewährt, gegen die sie gerichtet sind, sie werden sich von denen genommen, zu deren Selbstbehauptung sie erforderlich sind. Diese Erfahrung markiert keinen Sonderfall, sondern den Kern jeder wirksamen emanzipatorischen Auseinandersetzungs- und Streikpraxis. Antimilitarismus wird an diesem Punkt praktisch – oder bleibt folgenlos.

Für Initiativen wie „Sagt NEIN!“ ergibt sich daraus eine klare Konsequenz: Das Recht auf (politischen) Streik ergibt sich nicht aus Gesetzestexten, einer reaktionären Arbeitsgerichtspraxis oder mehr oder weniger loyalistischen Haltung der Gewerkschaftsapparate, sondern aus der realen Stellung der Lohnabhängigen in den Produktionsverhältnissen. Ohne ihre Arbeit wird nichts produziert, nichts transportiert, nichts organisiert – auch keine Kriegsfähigkeit; ohne ihre Bereitschaft sich als Kanonenfutter für die Profite ihrer Ausbeuter abschlachten zu lassen, kein Krieg. Das Recht auf die Verweigerung sich der Ausbeutungs-. Und Kriegslogik zu verweigern wird nicht erbeten. Es wird genommen.

Strategie heißt Stellung beziehen

Die Podiumsdiskussion auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz war kein isoliertes Ereignis. Sie war Ausdruck eines Moments, in dem sich die Friedensbewegung neu orientieren muss – unter Bedingungen, in denen Aufrüstung, Militarisierung und Kriegsvorbereitung nicht mehr Ausnahme, sondern politischer Normalzustand sind. Gerade deshalb war sie weniger durch ihre Antworten als durch ihre offengelegten Widersprüche aufschlussreich.

Diese Widersprüche lassen sich nicht länger durch Vermittlung überdecken. Sie verlaufen zwischen parlamentarischer Verantwortung und gesellschaftlicher Gegenmacht, zwischen moralischer Kritik und materieller Intervention, zwischen sozialpartnerschaftlicher Einbindung und klassenpolitischer Verweigerung. Die Diskussion hat gezeigt: Es mangelt nicht an Analyse, sondern an Klarheit darüber, welche Konsequenzen aus ihr zu ziehen sind.

Weder sozialdemokratische Abweichlerrhetorik noch programmatische Unentschiedenheit `a la Die LINKE bieten unter Bedingungen eskalierender Kriegslogik einen tragfähigen Orientierungspunkt. Beide verbleiben – aus unterschiedlichen Gründen – innerhalb jener staatlichen und institutionellen Rahmen, die Militarisierung nicht begrenzen, sondern organisieren. Rosa Luxemburgs Einsicht von 1916 bleibt deshalb aktuell: Wer den Klassenstandpunkt im Namen vermeintlicher Verantwortung suspendiert, stabilisiert objektiv die bestehende Ordnung, auch wenn er subjektiv Frieden will.

Demgegenüber zeigen die Jugendbewegung gegen Wehrpflicht, die innergewerkschaftlichen Konflikte und Initiativen wie „Sagt NEIN!“, dass Antimilitarismus wieder praktisch, konfliktfähig und gesellschaftlich verankert werden kann. Nicht als moralischer Appell, sondern als Eingriff in reale Machtverhältnisse. Dort, wo Krieg vorbereitet wird, kann er auch unterbrochen werden – wenn diejenigen, deren Arbeit ihn möglich macht, ihre Macht nutzen.

Hier entscheidet sich die strategische Zukunft der Friedensbewegung. Ob sie sich weiterhin als appellative Öffentlichkeit versteht – oder ob sie bereit ist, Konflikte zuzuspitzen, Brüche zu riskieren und gesellschaftliche Gegenmacht aufzubauen. Diese Entscheidung lässt sich nicht vertagen. Sie stellt sich mit jeder Zustimmung zu Aufrüstung, mit jeder Einbindung in Mobilmachungslogiken, mit jedem Schweigen dort, wo Widerstand nötig wäre.

Strategie heißt in diesem Sinne nicht, alle mitzunehmen oder Differenzen zu glätten. Strategie heißt, Stellung zu beziehen: gegen Kriegstüchtigkeit und Burgfrieden, gegen Sozialpartnerschaft in der Kriegsökonomie, für eine Friedensbewegung, die sich nicht an Parlamente delegiert, sondern auf eigene soziale Durchsetzungsmacht.

Die Podiumsdiskussion hat gezeigt, dass diese Entscheidung noch offen ist. Sie hat aber auch gezeigt, dass es Kräfte gibt, die bereit sind, sie zu treffen. An ihnen wird sich entscheiden, ob Antimilitarismus wieder politische Wirksamkeit entfaltet – oder ob er im Schatten einer Ordnung verharrt, die immer offener auf Krieg setzt.

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Der Autor:

Andreas Buderus ist Gewerkschaftsaktivist und Mitinitiator der gewerkschaftlichen Basisinitiative ´SAGT NEIN! Gewerkschafter:innen gegen Krieg, Militarismus und Burgfrieden´

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Anmerkungen:

[i] https://www.jungewelt.de/artikel/515445.31-rosa-luxemburg-konferenz-wir-sind-die-friedensmacht-niemand-sonst.html?sstr=friedensmacht

[ii] https://kurzlinks.de/l2pl

[iii] https://www.jungewelt.de/artikel/509472.drohnenpanik-kiesewetter-f%C3%BCr-spannungsfall.html

[iv] https://www.dhm.de/lemo/kapitel/erster-weltkrieg/industrie-und-wirtschaft/hilfspflichtgesetz

[v] https://www.gewerkschaftsgeschichte.de/1914-bis-1918-gewerkschaften-55517.htm

[vi] https://library.fes.de/gmh/main/pdf-files/gmh/1968/1968-03-a-133.pdf

[vii https://kurzlinks.de/ax57

[viii] https://kurzlinks.de/4mlm

[ix] https://www.jungewelt.de/artikel/501897.ein-bisschen-frieden.html

[x] https://www.marxists.org/deutsch/archiv/luxemburg/1916/junius/index.htm

[xi] https://www.jungewelt.de/artikel/515898.31-rosa-luxemburg-konferenz-vermittlung-wird-zu-komplizenschaft.html

[xii] https://www.jungewelt.de/artikel/515892.31-rosa-luxemburg-konferenz-die-wehrpflicht-ist-eine-politische-entscheidung-gegen-die-jugend.html

[xiii] https://www.jungewelt.de/artikel/515274.dgb-fordert-b%C3%BCndnis-f%C3%BCr-standortpolitik.html

[xiv] https://www.gew-hb.de/aktuelles/detailseite/der-generalstreik-gehoert-wieder-auf-die-tagesordnung

[xv] https://www.bundestag.de/resource/blob/411676/1d0739e54a2a47a77ccb8ac1500c271a/wf-vi-103-06-pdf-data.pdf ; S.5

[xvi] https://forum-recht-online.de/wp/wp-content/uploads/2015/03/FoR1501_14_Reimer.pdf

Erstveröffentlicht im Gewerkschaftsforum Dortmund
https://gewerkschaftsforum.de/kanonen-statt-butter-ist-kein-missverstaendnis-warum-krieg-kein-ausrutscher-ist-und-weshalb-das-wir-der-friedensmacht-erst-noch-bestimmt-werden-muss/#more-25491


OFFENER BRIEF DES GORKI-THEATERS ZU ROJAVA

SOLIDARITÄT MIT ROJAVA!

NEWSLETTER DES GORKI-THEATERS

In Solidarität mit unserer Kollegin und Künstlerin Zehra Doğan und den Menschen in Rojava veröffentlichen wir ihren folgenden Offenen Brief. Er verweist auf die massiven Angriffe und die immense Gewalt, der die Bevölkerung der kurdischen Selbstverwaltungszone Rojava durch die syrische Armee und islamische Milizen aktuell ausgesetzt ist.

Zehra Doğan ist vielfach ausgezeichnete Künstlerin und Journalistin. Ihre Werke wurden u.a. in der Londoner Tate Modern, auf der Berlin Biennale und zuletzt beim 7. Berliner Herbstsalon ЯE:IMAGINE: THE RED HOUSE gezeigt, wo ihrer Arbeit mehrere Ausstellungsräume gewidmet waren. Aufgrund eines ihrer Bilder, das türkische Militärfahzeuge in der von Türken und Kurden umkämpften Stadt Nusaybin als Skorpione darstellte, war sie fast drei Jahre in der Türkei inhaftiert. Nachdem der Kassationsgerichtshof ihre Verurteilung als Fehlentscheidung erkannt hatte und neue Haftbefehle erlassen wurden, sah sich Zehra Doğan gezwungen, ins Exil zu gehen. Seit 2021 ist sie Artist in Residence am Gorki.


Aufruf an die Kulturinstitutionen in Deutschland:

SOLIDARITÄT MIT ROJAVA! Das Volk von Rojava führt in Syrien einen Zivilisationskampf.

Es ist ein Kampf gegen dschihadistischen Fanatismus, die Barbarei des IS und die Aggression des Regimes – ein Kampf für Aufklärung, Fortschritt, Freiheit und die Befreiung der Frauen von patriarchaler Unterdrückung.

Die seit 2012 in Rojava aufgebaute pluralistisch demokratische Gesellschaftsordnung, die auf solidarischem Zusammenleben beruht und eine ehemals feudale Region transformiert hat, ist akut bedroht.

Seit dem 6. Januar hat die sogenannte »Syrische Nationale Armee«, bestehend aus dem IS und ähnlichen dschihadistischen Strukturen, ausgehend von Aleppo eine systematische Offensive gegen die Autonome Region Rojava begonnen. Das kurdische Volk, das den IS durch entschlossenen militärischen Widerstand zurückgedrängt hat, sieht sich nun Angriffen von Kräften ausgesetzt, die das humanitäre Völkerrecht missachten und schwere Menschenrechtsverletzungen begehen. Vor den Augen der Welt werden Widerstandskämpfer*innen enthauptet, Frauen ermordet und ihre Körper von Dächern geworfen, Häuser geplündert, Leichen verbrannt. Nicht nur die Bevölkerung, sondern ein gesellschaftliches Lebensmodell, das Vorbild für die gesamte Region sein könnte, soll ausgelöscht werden.

Sollte dieser Angriff erfolgreich sein, wären nicht nur Kurd*innen betroffen, sondern auch Alevit*innen, Drus*innen, Christ*innen, Jesid*innen, säkulare Muslim*innen in der Region – und vor allem die Frauenrevolution, die sich dem patriarchalen System widersetzt, wäre bedroht. Es bestünde die Gefahr, dass die Region erneut dem IS und seiner Ideologie ausgeliefert wird. In diesem Sinne ist der existenzielle Widerstand Rojavas, der sowohl mit dem Einsatz des eigenen Lebens und dem Errichteten von Barrikaden, als auch durch die Dokumentation der Barbarei mit Filmen oder der Malerei geleistet wird, nicht nur der Widerstand der Kurd*innen, sondern der Widerstand der Menschheit, der Zivilisation und der Kunst.

Angesichts dieser Situation bedeutet politisches Schweigen faktisch, den IS und vergleichbare Akteure indirekt zu legitimieren.

Über Jahre hinweg haben Kunst- und Kulturinstitutionen in Europa und insbesondere in Deutschland, die sich selbst als »Orte kritischen Denkens« verstehen, ihre Türen für die kurdische Freiheitsbewegung, die Revolution von Rojava und ihre Künstler*innen geöffnet. Es wurden Diskursveranstaltungen, Ausstellungen, Performances organisiert, die ihren Kampf dokumentierten und ihre Werke zeigten.
Heute ist es dringender denn je, dass diese Institutionen den Widerstand unterstützen, sich mit Rojava solidarisieren und konkrete Beiträge leisten.

Mögliche Solidaritätsaktionen sind unter anderem: die Aufnahme früherer Programme mit Bezug zu Rojava, die Organisation von Spendenkampagnen und Solidaritätsveranstaltungen, Online-Formate mit kulturellen Akteur*innen aus Rojava, um ihren Kampf in den öffentlichen Fokus zu rücken, die Entwicklung gemeinsamer Projekte mit Künstler*innen aus Rojava, die Veröffentlichung von Erklärungen durch Kunstinstitutionen, die sich klar zur Frauenrevolution in Rojava und zum Widerstand gegen die repressive Ideologie bekennen. Wir laden alle Kulturinstitutionen und Künstler*innen in Deutschland dazu ein, uns bei der Umsetzung dieser Bemühungen zu unterstützen und mit uns zusammenzuarbeiten. Eine klare Haltung zugunsten des Freiheitskampfes wird heute nicht nur das Volk von Rojava stärken, sondern auch zur Zurückdrängung des patriarchalen Fundamentalismus in der Region, zur Befreiung der Frauen und zur Demokratisierung der Gesellschaft beitragen.

Kontakt:
officeforpoliticalartaffairs@gmail.com

Nachrichten aus dem Gebiet:
https://rojavainformationcenter.org/
https://english.anf-news.com/ 

Spenden:
https://heyvasor.com/de/spende/
SOLIDARITY WITH ROJAVA!In solidarity with our colleague and artist Zehra Doğan and with the people of Rojava, we are publishing her following open letter. It highlights the ongoing attacks and severe violence currently affecting the population of the Kurdish self-administered region of Rojava, carried out by the Syrian army and Islamist militias.

Zehra Doğan is an award-winning artist and journalist. Her works have been exhibited, among other venues, at Tate Modern in London, the Berlin Biennale, and most recently at the 7th Berliner Herbstsalon ЯE:IMAGINE: THE RED HOUSE, where several exhibition spaces were dedicated to her work. She was imprisoned in Turkey for nearly three years after one of her paintings depicted Turkish military vehicles as scorpions in the city of Nusaybin, a site of conflict between Turkish and Kurdish forces. After the Court of Cassation ruled that her conviction had been based on an error of judgment and new arrest warrants were issued, Zehra Doğan was forced into exile. Since 2021, she has been an artist in residence at the Gorki.
Call to Cultural Institutions in Germany:SOLIDARITY WITH ROJAVA!The people of Rojava are fighting a war for civilization in Syria. It is a battle against jihadist fanaticism, the barbarism of ISIS, and regime aggression—a fight for enlightenment, progress, freedom, and the liberation of women from patriarchal oppression.

The pluralistic democratic society built in Rojava since 2012, which is based on solidarity and has transformed a formerly feudal region, is under acute threat. 

Since January 6th, the so-called »Syrian National Army«, consisting of ISIS and similar jihadist structures, has launched a systematic offensive against the Autonomous Region of Rojava, starting from Aleppo. The Kurdish people, who pushed back ISIS through determined military resistance, now face attacks from forces that disregard international humanitarian law and commit grave human rights violations. Before the eyes of the world, freedom fighters are being beheaded, women are being murdered and their bodies thrown from roofs, houses are being looted, and corpses are being burned. It is not only the population but a model of a new society — one that could serve as a blueprint for the entire region — that is to be extinguished.

Should this attack succeed, it would not only affect Kurds but also Alawites, Druze, Christians, Yazidis, and secular Muslims in the region—and above all, it would pose an immanent threat to the women’s revolution resisting the patriarchal system. There is a danger that the region will once again be surrendered to ISIS and its ideology. In this sense, Rojava’s existential resistance—waged through the risking of lives and the building of barricades, as well as through the documentation of barbarism via film and painting—is not only the resistance of the Kurds, but the resistance of humanity, civilization, and art itself.

In light of this situation, political silence effectively amounts to indirectly condoning ISIS and comparable actors.

For years, art and cultural institutions in Europe, and particularly in Germany, which define themselves as »spaces for critical thinking«, have opened their doors to the Kurdish freedom movement, the Rojava revolution, and its artists. Panels, exhibitions, and performances have been organized to document their struggle and showcase their work.

Today, it is more urgent than ever that these institutions support the resistance, stand in solidarity with Rojava, and make concrete contributions.

Possible acts of solidarity include: Reviving past programs related to Rojava. Organizing fundraising campaigns and solidarity events. Hosting online formats with cultural actors from Rojava to bring their struggle into the public focus. Developing joint projects with artists from Rojava. Publishing statements by art institutions that clearly commit to the women’s revolution in Rojava and the resistance against this repressive ideology. We are open to support and cooperation with all cultural institutions and artists in Germany to implement these efforts. A clear stance in favor of the freedom struggle today will not only empower the people of Rojava but also contribute to pushing back patriarchal fundamentalism in the region, liberating women, and democratizing society.

Contact:
officeforpoliticalartaffairs@gmail.com

News from the region:
https://rojavainformationcenter.org/
https://english.anf-news.com/ 

Donations:
https://heyvasor.com/de/spende/

Der Geruch des Krieges

Gedanken zu Pazifismus, Feminismus und Krieg.

Von CHRISTINE WEBER-HERFORD

Bild: Freepic

Im obersten Regal meiner Bücherwand links steht Brechts Kriegsfibel, ein Nachdruck von 1950. Auf dem Titel das Gesicht des Krieges: Eine Gruppe Soldaten – Männer, Söhne, Brüder, Väter – mit hängenden Schultern, gesenktem oder apathischem, leerem Blick, vom Leid gezeichnet, traumatisiert. Im Innenteil findet man den von Brecht gewählten Untertitel:

Das Gesicht der deutschen Armee – in Russland zeigt es sich jetzt erfroren verstört, entleert von Wille und Stolz. Dies waren einmal Elitetruppen, der Terror der Welt …

Neben der Kriegsfibel stehen etwa 20 Bücher zum Thema Pazifismus, Feminismus und Krieg. Sie sind angestaubt, manche zerlesen. Als ich sie vor zwölf Jahren hier einmottete, dachte ich, dass ich dieses Thema bis zu meinem Lebensende ablegen könnte. Heute klettere ich hinauf mit einer Leiter, vorsichtig, denn ich bin alt. Ich brauche „Zündstoff für mein Gedächtnis“ (Wer hat dieses Bild erfunden? – Vergessen.) Ich möchte meiner pazifistischen Vergangenheit ins Gesicht sehen. Zudem möchte ich verstehen lernen, warum einige meiner Freundinnen, die meisten ein paar Jahre jünger als ich, immer noch glauben, dass Frauen friedliebender sind als Männer. Auch die Frage, ob Pazifismus eine lebenslange Einstellung ist, wollte ich an mir überprüfen und meiner Angst vor Krieg Ausdruck geben.

Kriegserlebnisse

Ich bin eine Pazifistin. Mit Aufrüstung und Krieg kann man mir nicht kommen.

Mir sitzt der Krieg in den Knochen. Als der Ukrainekrieg ausbrach wurde ich nachts plötzlich wach, denn es roch ganz intensiv nach verbranntem Holz. Ich irrte durch unsere Wohnung. Nirgends ein Feuer. Später registrierte ich, dass ich gerade ein Echo eines Erlebnisses aus meiner ganz frühen Kindheit erlebt hatte. Damals, als ich etwa sechs Wochen alt war – erzählte mir später meine Mutter – war sie mit mir in einem Bergstollen, vor dessen Eingang eine Bombe explodierte, die zwei Männer tötete und ein Feuer auslöste. Nach vielen Stunden in dem Loch kamen sie heil mit mir heraus. Natürlich habe ich keinerlei Erinnerung an dieses Drama. Ich habe es auch nicht als Drama empfunden, denn meine Mutter erzählte Kriegserlebnisse eher beiläufig, etwa so, wie sie Nachbarinnen ihre Backrezepte weitergaben. Aber immer wenn ich abends ins Bett gesteckt wurde, das ganz oben im Häuschen unter einer Dachschräge stand, hörte ich Gebrumm von Flugzeugen, die näher kamen. Meine Mutter glaubte mir nicht. Sie deutete mein lautes Weinen als eine raffinierte Methode, mich vor dem Zubettgehen zu drücken.

Meine Mutter, die mich nach den Prinzipien der Schwarzen Pädagogik erzog, hat der Krieg zur Pazifistin gemacht. Nie wieder Krieg! Hörte ich immer wieder am Küchentisch, wo die Erwachsenen oft ihren Hamster-Abenteuern erzählten, etwa davon, wie sie sich auf der Suche nach Pflanzkartoffeln an einem Bahndamm drückten und beteten, von den herannahenden Tieffliegern verschont zu bleiben. Krieg ist unmenschlich. Er darf nie wieder sein. Darin waren sich meine Eltern sogar mit meiner Großmutter einig, die gerne einflocht, dass doch nicht alles schlecht gewesen sei, damals. Als Kind erschienen mir diese Geschichten nicht sonderlich aufregend. Ich wunderte mich aber, warum sie ständig wiederholt wurden. Ich spielte noch in Bombenlöchern und wir versteckten uns in Stollen im Berg, gleich hinter dem Bolzplatz.

Trotz der klaren Ablehnung des Krieges war meine Familie (Arbeiter und SPD-Wähler) nationalistisch. Als Saarländer, Grenzlandbewohner fühlten sie deutsch. Ihre nationale Zugehörigkeit war ihnen wichtiger als die Solidarität mit französischen Klassengenossen. Man stritt laut und heftig als ein Schwager meines Großvaters 1955 bei der Volksabstimmung für eine enge Bindung an Frankreich votierte. So ein Schuft! Dass Nationalismus eine starke Wurzel des modernen Krieges ist, wurde nie reflektiert.

„Wenn es ein Haus ist, zündet es an; wenn es ein Brunnen ist, vergiftet ihn; wenn es lebt, tötet es“

Eine Zeit lang dachte ich, dass das Nie-wieder-Krieg meiner Familie Allgemeingut geworden sei. Gegen den Krieg zu sein war für mich nichts Geschlechtsspezifisches, es erschien mir selbstverständlich.

Doch ohne dass es mir zunächst bewusstwurde, änderte ich meine Position. In Berlin, wohin ich 1967 zog, wurde ich in die Vietnambewegung hineingesogen. Kaum angekommen, war ich schon auf einer Demo. Danach gründeten wir ein Vietnamkomitee. Der Krieg hat uns alle aufgewühlt. In der Stadt brodelte es. Die Einheimischen –  Frontstadtberliner, wie wir sie nannten, die ihre Besatzer liebten –  waren stocksauer über die Zugezogenen. Wir wurden bespuckt und verbal angegriffen: „Geht doch nach drüben!“ Die Propaganda der Springer-Presse vom Freien Westen und seiner Demokratie zerstob im Giftgasnebel des schmutzigen Krieges in Vietnam. Wir erlebten uns als Teil einer weltweiten Antikriegsbewegung. Ein kleines Volk wehrte sich gegen die Weltsupermacht. Diese Geschichte wärmte mein jung-naives und noch von katholischen Gerechtigkeitsidealen infiziertes Herz. Unvergessen der Ausspruch des US-Kompanie-Chefs Ernest Medina: „Wenn es ein Haus ist, zündet es an; wenn es ein Brunnen ist, vergiftet ihn; wenn es lebt, tötet es.“ Er hatte seinen Männern das My Lai-Massaker befohlen.

Erst mit der Zeit realisierte ich, dass es sich beim Vietnamkrieg auch um einen Stellvertreterkrieg zwischen der USA und der Sowjetunion handelte. Die zahlenmäßig unterlegenen Vietcong, Freiheitskämpfer, die mit guten Gründen die Waffe in die Hand genommen hatten, wehrten sich mit aller Brutalität, begingen selbst Kriegsverbrechen. Eine Million nord- und südvietnamesische Soldaten kamen um, zwei Millionen Zivilisten starben, wurden ermordet, vergiftet – verreckten.  Schätzungsweise zwei bis vier Millionen Menschen sind von den Spätfolgen betroffen, mindestens 100.000 Kinder wurden mit Behinderungen geboren. Als sich die USA aus dem Krieg zurückzogen, hatten sie die erste große militärische Niederlage ihrer Geschichte eingefahren und 58.000 Soldaten verloren. Was erst viel später bekannt wurde und mittlerweile feststeht, dass dieser Krieg (wie viele vor ihm und nach ihm) mit einer Lüge begann. Der Auslöser – der Zwischenfall von Tonkin – der angebliche Beschuss eines US-Zerstörers durch nordvietnamesische Schnellboote – war eine Inszenierung, ein Bluff.

In einem philosophischen Sinne mag das „ein gerechter Krieg“, gewesen sein. Die Alternative, kollektiver, gewaltfreier Widerstand, wurde nie ausgelotet.

Frauen zu den Gewehren?

Ich war wieder auf der Seite der Pazifistinnen und las, dass viele von ihnen ihre Positionen im Lauf des Lebens gewechselt oder modifiziert haben.

Beispielsweise verwarf Maude Royen (eine bekannte englische Suffragette) 1939 ihren Pazifismus, weil sie es nicht ertragen konnte, was Hitler mit den Juden machte: „Das Unglaubliche war geschehen, es war etwas in die Welt gekommen, das schlimmer war als der Krieg.“

Simone Weil war noch 1936 absolute Pazifistin. Dann zog sie nach Spanien, um die spanische Republik gegen die franco-faschistische Invasion zu verteidigen. Als sie nach fünf Monaten wegen schwerer Verletzungen aufgab, hatte sie erleben müssen, dass aus ihrem idealistischen Kampf ein erbarmungsloses Töten auf allen Seiten geworden war. Sie war wieder Pazifistin. Am Tag als Hitler in Prag einmarschierte, war sie überzeugt, dass er ausgeschaltet werden müsse. Nun glaubte sie, dass die Welt ein alternatives Wertesystem entwickeln müsse – eine Alternative zum Evangelium der Stärke, ein System der Gerechtigkeit.

Für Virginia Woolf waren Krieg und Gewalt durch unsere patriarchalische Gesellschaft entstanden. Männer würden dazu sozialisiert zu glauben, dass es besser sei zu töten als getötet zu werden und die Frauen, ökonomisch abhängig, stützten diese Ansicht. Wie auch Helen Keller und Albert Einstein gab sie ihren Pazifismus auf. 1940 machte sie sich „Gedanken über den Frieden“ und kam zu dem Schluss, dass der Hitlerismus nicht nur Eigentum der Deutschen sei, das Verlangen nach Aggression, zu beherrschen, sei auch in England wohlauf: „Wir müssen dem Mann einen Ausgleich schaffen für seine Kanone.“ Männer und Frauen brauchten gleichermaßen Ausdrucksmöglichkeiten für ihre schöpferischen Gefühle und Kräfte.

Dem konnte ich folgen. Ich fühlte mich dem Differenzfeminismus zugehörig, einer Denkrichtung, die inzwischen wohl nur noch in theologischen Nischen überlebt. Differenzfeministinnen betonen Unterschiede zwischen den Geschlechtern – und setzen sich für eine Gesellschaft ein, die sich nicht an männlichen Normen orientiert. Ich war nicht gegen die Männer – ich liebte ja selbst einen und hatte zwei Kinder.

Als im Juni 1978 Alice Schwarzer den uneingeschränkten, freiwilligen Zugang von Frauen zur Bundeswehr (incl.  Dienst an der Waffe) forderte, war ich entsetzt. Sollte weibliche Emanzipation bedeuten, dass nun Frauen zu den Gewehren griffen? Waren es nicht eher die Männer, die lernen mussten, Konflikte gewaltfrei zu lösen? Schwarzer, die erklärte, sie persönlich würde den Kriegsdienst verweigern, kritisierte „das Berufsverbot für Frauen“ in der Bundeswehr im Namen der angeblichen „Natur der Frau“. Als Feministin sei sie grundsätzlich gegen jeden Ausschluss von Frauen aus politischen oder beruflichen Bereichen. Bevor Frauen überhaupt sagen können „Bundeswehr – nein danke!“, müssten wir eine Bundeswehr haben, die sagt „Frauen – ja bitte!“.

Das vorletzte Berufsverbot für Frauen fällt

22 Jahre später, am 7. Juni 2000, war es soweit. Die Bundesregierung stimmte einer Gesetzesänderung zu, die Frauen den freiwilligen Weg „zu allen Laufbahnen der Streitkräfte“ öffnet. Vorausgegangen war ein Urteil des Europäische Gerichtshofs, der Frauen als Soldatinnen an der Waffe in der Bundeswehr zuließ. Damit sei das vorletzte Berufsverbot für Frauen endlich auch in Deutschland gefallen (das letzte sei das katholische Priesteramt für Frauen), jubelte die Emma.

Zehn Jahre nach dem Fall des Berufsverbotes für Frauen in der Bundeswehr, also 2010, lese ich im dem feministischen Magazin:

  • Sexuelle Belästigung komme beim Militär nicht öfter vor als in anderen Organisationen, in denen Männer und Frauen zusammenarbeiten.
  • Der raue Umgangston in der Bundeswehr sei entschärft; das Verhalten der Truppe sei insgesamt zivilisierter.
  • Was Befehl und Gehorsam betreffe, so fänden sich Frauen also keineswegs nur auf Seiten derer, die die Hacken zusammenschlagen. Sie erteilten auch Befehle. Man dürfe davon ausgehen, dass diese Führungskräfte irgendwann dann auch mal ganz selbstverständlich „Generalinnen“ genannt werden.

Welche Verblendung!

Der Wehrbeauftragte kommt in seinem Bericht von 2024 zu dem Schluss: „Insgesamt fällt auf, dass die Zahl der gemeldeten verbalen sexuellen Belästigungen stetig zunimmt.“

Obwohl Schwarzers Kritik an der Theorie von der friedfertigen Natur der Frau nach meinem Eindruck nicht im Zentrum der Debatte der Friedensbewegung der 80er-Jahre stand – zentral war Aufrüstung, Antimilitarismus und Kriegsgefahr – gab und gibt es immer wieder Einlassungen dazu: Frauen seien von Natur aus verantwortungsbewusster, weil sie für die Kinderaufzucht sorgten. Sie seien warmherziger, liebevoller – in einem Wort: bessere Friedensstifterinnen.

Mir persönlich brannte diese Frage nicht unter den Nägeln. Ich hatte einen friedliebenden, nicht aggressiven Vater erlebt und hörte Dorthee Sölle zu, die sagte, sie verstehe Feminismus als eine Menschheitsbewegung – auch Männer bestünden zu 49 Prozent aus Frauen.

Das friedliebende Geschlecht?

Die Diskussion war aber nicht neu. Damals, vor dem Ersten Weltkrieg, wurde sie in der Frauenbewegung von Lida Gustava Heymann (1868 – 1943) angeführt, die in ihrem Essay „Weiblicher Pazifismus“ (1917) die biologische Wesensbestimmung der Frau betonte. Diese radikale Frauenrechtlerin und Pazifistin, glaubte, dass weibliches Wesen und weiblicher Instinkt identisch seien mit Pazifismus und dass der Mann die größte Schuld daran trage, wenn das Wesen des Weibes nicht zur Wirkung kam.

Siebzig Jahre später, 1987, brachte Margarete Mitscherlich eine neue Facette ein. Auch sie ging von einer Friedfertigkeit aus, diese sei aber nicht genetisch bedingt, sondern das Ergebnis jahrhundertelanger Unterdrückung der Frau. Die »Friedfertigkeit« sei mit Bedacht anerzogen, denn sie hindere die Frau daran, gegen die vermeintlich naturgegebene männliche Herrschaft und Unterdrückung zu rebellieren. Sie sei das Gegenstück zum aggressiven, kriegerischen Mann; bei beiden handele es sich um soziokulturelle, also in der (patriarchalen) Gesellschaft erworbene Eigenschaften.

Birgit Rommelspacher (1945 – 2015), Professorin für Psychologie mit dem Schwerpunkt Interkulturalität und Geschlechterstudien, spann diesen Faden weiter. Sie befeuerte die Diskussion mit ihrem Buch „Dominanzkultur: Texte zu Fremdheit und Macht“ (1995), das auch mein Selbstbild beeinflusste. Die Empathie der Frauen gelte in erster Linie denen, die ihnen nahestehen, keineswegs ferner stehenden Menschen. Ihr Dasein für andere – in der Familie – heiße nicht notwendig Dasein für alle. Die Bereitschaft zur Einfühlung – etwa in das Kriegserleben der Eltern – sei sehr viel größer als die Einfühlung in das Los von Jüdinnen.

Wenn wir über Krieg redeten, dann erschienen die Frauen als diejenigen, die ihn erduldeten, die die Kinder durchbrachten, das Überleben sicherten. Das Klischee „Männer die Täter – Frauen die Opfer“ sei aber falsch. Zweifellos war der Nationalsozialismus ein Männerstaat und Frauen in vieler Hinsicht diskriminiert – aber sie haben mitgemacht, waren involviert. Und viele waren begeistert vom Nationalsozialismus. Sie wurden in ihrer Mutterrolle gefördert, geehrt, als Arierinnen rassistisch aufgewertet – das war eine Kompensation für ihre Abwertung als Frau. Frauen heute sollten ständig die männliche Norm hinterfragen. Sie wachsen immer noch in einem Patriarchat auf. Und das ist nicht friedfertig: „Es gibt Frauen, denen erscheint der Dienst mit der Waffe als ein Machtzuwachs. Sie denken, als Soldatin seien sie vor Belästigungen von Männern sicher. Aus diesem Grund würden manche Frauen Kriminalbeamtinnen. Die Erfahrungen der amerikanischen Armee sprechen aber sehr eindeutig gegen solche Hoffnungen.“

Die Frage nach Krieg oder Frieden ist zurück

Wer wissen will, was Militärs von Frauen in ihren Reihen halten, sollte die Bücher von Martin van Creveld (geb. 1946 in Rotterdam) lesen. Der emeritierte Professor für Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem, wo er 37 Jahre lang lehrte, wird als einer der weltweit führenden Militärwissenschaftler gelobt, der auch beim US-Militär gefragt sein soll. Die Tatsache, dass in immer mehr Ländern die Frauen an die Gewehre dürfen, hat ihn zu zwei Büchern veranlasst: Frauen und Krieg“ (2001) und „Das bevorzugte Geschlecht“ (2003).

Hier nur eine kleine Auswahl seiner Zumutungen:

  • Wenn heute Frauen Soldatinnen würden, dann sei das gleichermaßen Symptom und Ursache für den Niedergang des Militärs.
  • Echte Kriegerinnen seien selten wie ein Einhorn.
  • Vergewaltigungen seien nichts anderes als eine notwendige körperliche Entlastung für die Männer. Hinter den meisten der zur Anklage gebrachten Fälle von Vergewaltigungen steckten bloße Verleumdungen – im Einklang mit einer uralten weiblichen Strategie.

Creveld veröffentlichte 30 Bücher, viele militärhistorische Werke in Wissenschaftsverlagen und eine Polemik im rechtslastigen österreichischen Ares Verlag, dessen Bücher hierzulande vom Antaios Verlag des Götz Kubitschek vertrieben werden. Im Ares Verlag erschien sein bisher letztes Buch „Wir Weicheier“, in dem er den Frauen vorwirft, ihre Söhne nicht mehr kriegstauglich zu erziehen. Er war bei der AfD-Fraktion im Bundestag zu Gast, hat aber auch Deutschlandfunk-Kultur ein Interview gegeben.

Creveld provoziert, polemisiert, seine Bücher sind frauenfeindlich.

Aber er steht mit seinen Thesen nicht allein. Im Ohr ist noch der als „Herrenwitz“ herunter gekochte Ausspruch eines deutschen Generalmajors vom Frühjahr 2025: „Wenn eine Vergewaltigung unvermeidbar ist, dann entspannen und genießen.“​

Ich entsorgte die Emma bei unserem Umzug ins Altersdomizil. Creveld verstaubt im oberen Regal.

In einem Punkt stimme ich ihm zu: Wie er glaubte ich, dass wir uns hier im alten Europa in absehbarer Zeit nicht mehr mit Krieg oder Frieden befassen müssten. Schon gar nicht mit einem Atomkrieg. Noch 2021 ergab eine Greenpeace-Umfrage, dass 92 Prozent der Deutschen dafür sind, den Atomwaffenverbotsvertrag zu unterzeichnen – ein wichtiger Schritt hin zu einer atomwaffenfreien Welt.

Wie naiv ich war – und das in meinem Alter!

Heute leben wir wieder im Vorkrieg

Ich war überzeugt, dass die seelischen Wunden des Krieges auch kommende Generationen kriegsuntauglich machen. Nicht sicher war ich mir, ob meine tief gefühlte Erkenntnis

Verbrechen sind dem Krieg immanent

Krieg ist Entmenschlichung

ein zivilisatorischer Zusammenbruch

ein Verbrechen in sich – bar jeder Vernunft 

in der Bevölkerung verankert ist.

Heute leben wir wieder im Vorkrieg. Man darf nicht nur den Krieg, sondern muss den Vorkrieg im Blick haben, so Christa Wolf. Er ist die Zeit der Hetze und der Propaganda, in der das Feindbild geschärft wird. Es ist nicht nur der Zustand, in dem gerüstet wird, man braucht auch Kanonenfutter. Deshalb wird versucht, die Jugend zu indoktrinieren, deshalb haben Angsterzeugung und psychologische Kriegsführung Konjunktur. So wird – beispielsweise – durch eine angebliche Drohnengefahr (ohne einen einzigen Beweis) Angst verbreitet, werden die Menschen verunsichert – und schon erscheinen die immensen Rüstungsausgaben plausibel.

Ich habe nie verstehen können, weshalb die Deutschen nach den grauenvollen Erfahrungen des Ersten Weltkrieges kaum eine Generation später schon wieder kriegsbereit waren. Meine Großmutter wusste es genau: „Dieser Krieg wurde uns aufgezwungen!“ Das Propagandamärchen der Nazis kam gut an.

Ich bin mir sicher: Der Ukrainekrieg hätte durch Interessenausgleich und Diplomatie verhindert werden können. Auch Hitler hätte verhindert werden können, wenn die Linken und die Demokraten sich des Vorkrieges bewusst gewesen wären.

Und jetzt, wieder im Vorkrieg, kommt es existenziell darauf an, den nächsten Krieg zu verhindern, die Gleichgültigkeit, die Gedankenträgheit und den Streit zu überwinden. Die Vorkriegszeit ist die letzte Gelegenheit, den Frieden zu bewahren.  Sie müsste die Hochzeit der Diplomatie sein.

Wo sind die Feministinnen?

Es gibt sie offenbar – auch in der Ukraine. Aber was ist ihr Credo? “Wir wollen den Feind auf jedem Zentimeter unseres Landes vernichten“, sagt eine feministische Veteranin in die Kamera. In einem aktuellen feministischen Blog lese ich, dass ukrainische Feministinnen zu den Waffen greifen, weil es die Nation so fordere. Vom Bandera-Nationalismus (Faschismus-Antisemitismus) habe ich nichts gelesen.

„Niemals haben Menschen aus der Geschichte gelernt, und sie werden es auch in Zukunft nicht tun“, sagte der hellsichtige Kurt Tucholsky 1926.

Wie konnte ich das nur vergessen!

Ich greife wieder zur Kriegsfibel, die Pazifist Bert Brecht und Ruth Berlau, eine Gefährtin, zusammengestellt haben.

Eine Unterschrift unter einem Hitlerbild klingt ganz aktuell.

Seht ihn hier reden von der Zeitenwende.

Es ist Sozialismus, was er euch verspricht

Doch hinter ihm, seht, Werke eurer Hände:

Große Kanonen, stumm auf euch gericht.

Ruth Berlau, die Herausgeberin, bemerkt im Vorspann:

Der ungünstigste Frieden ist besser als der gerechteste Krieg.

Quellen

Bertolt Brecht Kriegsfibel, erschienen 1955, ein Jahr vor seinem Tod, zum ersten Mal in der DDR – im Eulenspiegel Verlag – und seither in vielen Ländern

https://meinstein.ch/geschichte/vietnamkrieg-die-bilanz-die-verluste

https://www.dw.com/de/agent-orange-der-lange-schatten-des-vietnamkriegs/a-57459748

Innenansicht eines Krieges/ Deutsche Dokumente 1914 – 1918, dtv april 1973

Sybil Oldfield, Frauen gegen den Krieg/Fischer TB 1995

https://www.derstandard.de/story/2000115600915/differenzfeminismus-gleichberechtigt-aber-nicht-gleich

https://www.emma.de/artikel/frauen-militaer-pro-kontra-frauen-ins-militaer-264305

https://www.emma.de/artikel/fehler-frauen-militaer-von-flintenweibern-und-flintenkerlen-264380

https://www.emma.de/artikel/frauen-und-militaer-vor-der-kaserne-263591

https://www.emma.de/artikel/bundeswehr-zehn-jahre-frauen-der-waffe-265348

https://www.bundestag.de/parlament/wehrbeauftragter/jahresberichte

Martin van Creveld, Frauen und Krieg 2001, Das bevorzugte Geschlecht 2003/ beide: Gerling Akademie Verlag, Wir Weicheier 2018/Ares Verlag Wien

https://www.greenpeace.de/publikationen/s03021_gp_auswirkungen_atomwaffen_d_studie_07_2020_fly_fin_neu.pdf

Peter Heinl/Maikäfer flieg, dein Vater ist im Krieg…“/Kösel Verlag 1994

https://www.arte.tv/de/videos/116341-024-A/frauen-an-der-front

https://blog.feministische-studien.de

Christine Weber-Herfort

Christine Weber-Herfort, geboren 1944, ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern sowie Großmutter von drei Enkeln. Nach dem Abitur an einer Klosterschule nahm sie – den damaligen Erwartungen entsprechend – kein Studium auf, sondern arbeitete zunächst als Sekretärin. Parallel absolvierte sie ein berufsbegleitendes Studium am Institut für Markt- und Verbrauchsforschung in Berlin und war anschließend in verschiedenen Werbeagenturen und Verlagen tätig. Seit 1982 arbeitet sie als freie Journalistin für Printmedien, darunter die Frankfurter Rundschau und Lokalzeitungen, sowie für den Hörfunk (u. a. SR und NDR); heute ist sie vor allem als Rezensentin aktiv. Politisch engagierte sie sich stets in wechselnden Bewegungen, unter anderem zu den Themen Vietnam, globaler Süden, Frauenrechte, Frieden, Gewerkschaftsarbeit, Attac und Umweltschutz.
Mehr Beiträge von Christine Weber-Herfort →

Erstveröffentlicht im Overton magazin v. 28.01. 2026
https://overton-magazin.de/kommentar/gesellschaft-kommentar/der-geruch-des-krieges/

Wir danken für das Publikationsrecht.

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