Die deutsche Staatsräson und die bedingungslose Solidarität mit Israel

von ANGELA KLEIN

Bundeswirtschaftsminister Habeck hat eine Rede gehalten, die als staatsmännisch gefeiert wurde, weil sie verbindlich im Ton war. In der Sache war sie das ganz und gar nicht, sie zeigte das ganze Elend einer weithin defizitären Verarbeitung der Naziverbrechen bis auf den heutigen Tag. Das Elend lässt sich in drei Punkte fassen:

1. Habeck sieht den Grund für den neuen Gazakrieg im Antisemitismus von Hamas und zieht eine Parallele: „Der Zweite Weltkrieg war ein Vernichtungskrieg gegen die Juden.“

Das ist faktisch richtig, der Grund für den Krieg war jedoch ein anderer. In den Planungen der Nazis ging es vor allem um „ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land“; es ging um die Unterwerfung des osteuropäischen Raums, seine Kolonialisierung, die Niederschlagung des Bolschewismus und die Etablierung Deutschlands als Führungsmacht in der Welt. Für dieses Verbrechen hat Deutschland sich nie verbindlich entschuldigt, die 20 Millionen toten Sowjetbürger wurden von der Bonner und der Berliner Republik kaum gewürdigt. Um ein Eingestehen und den Versuch einer Wiedergutmachung für den industriell betriebenen Judenmord kam man nicht herum, das war sozusagen das Eintrittsticket für die Wiederaufnahme in die internationale Gemeinschaft.

Adenauer hat sich des mörderischen Antisemitismus im Deutschen Reich auf die billigstmögliche Weise entledigt: durch Geldzahlungen an das neu gegründete Israel und in vielen, nicht allen, Fällen die Rückübereignung des den Juden gestohlenen Eigentums. Das stand der Weiterbeschäftigung von Nazis auch in hohen Ämtern der frühen Bonner Republik nicht entgegen… Es brauchte noch Jahrzehnte und das radikale Aufbegehren der jungen Generation, bis Richard von Weizsäcker 1985 sagen konnte: „Der 8.Mai war ein Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus.“

Nach dem Fall der Mauer ermöglichte eine völlig neue politische Konstellation die Staffelübergabe an ein Führungspersonal, das nicht mehr die Last der persönlichen Verstrickung trug. Die Erinnerung an den Holocaust wurde zum Bestandteil der politischen Erziehung.

Das war’s dann aber auch, Ansprüche anderer Völker, die unter der Nazi-Besatzung und dem Krieg gelitten hatten, wurden und werden grundsätzlich abgewehrt – die der Griechen, der Polen, der Roma und Sinti, von den Russen ganz zu schweigen… Die deutsche Schuld gilt mit dem Bekenntnis zur „bedingungslosen Solidarität Deutschlands mit Israel“ als abgegolten. Das ist der Kern dessen, was seit Merkel deutsche Staatsräson genannt wird. Sie ist der Schlussstrich, der das Gewissen entlastet.

Indem der Antisemitismus für den Zweiten Weltkrieg hauptverantwortlich gemacht wurde, wurden andere Ursachen wie etwa die Weltherrschaftspläne der deutschen Konzerne ausgeklammert, wo nicht aktiv bekämpft – u.a. mit der Behauptung, das ganze deutsche Volk sei Hitler ergeben („Hitlers Voilksstaat“) gewesen. Der Antisemitismus und seine Bekämpfung „in jeder Gestalt“, wie Habeck betont – und in Deutschland hat der Staat Israel faktisch die Deutungshoheit darüber –, ist das alles überwölbende Narrativ geworden, die endgültige Legende, die die „Vergangenheitsbewältigung“ hinter sich lässt.

Das „kriegstaugliche“ Deutschland, so scheint es, hat die Lektion gelernt und darf sich nun aufmachen zu neuen Abenteuern. Es ist kein Zufall, dass es die Grünen sind, die diesem neuen deutschen Staatsverständnis zum Durchbruch verhalfen und dass es Habeck war, der diese Rede gehalten hat.

2. Damit eine solche Legende unangreifbar wird, muss sie zu einem Dogma erhoben, tabuisiert werden, unhinterfragbar. Wer daran rüttelt, auf den geht die Keule der Inquisition nieder: Du darfst nicht sagen, dass Israel ein Kolonialstaat ist, dass seine Grundlagen rassistisch sind. Du darfst Israel kritisieren, aber nicht dafür, dass sie die Palästinenser aus ihrer Heimat vertreiben.

Dogmen sind absolut, sie haben keinen Kontext. Wer versucht, die Bibel zu historisieren, ist schon halb auf dem Weg in die Ungläubigkeit.

Und deshalb reißt Habeck den 7.Oktober aus dem Kontext, war Israel seiner Meinung nach vor diesem Tag auf dem Weg zum Frieden mit seinen arabischen Nachbarn und selbst einer Zweistaatenlösung, nur Hamas will das nicht. Deshalb gab es hierzulande einen Aufschrei, als UN-Generalsekretär Guterres sagte: „Der Anschlag fand nicht in einem Vakuum statt.“ Deshalb hat Israel ein Recht sich zu verteidigen, aber die Palästinenser haben es nicht, ihre Unterdrückung existiert nicht. Bedingungslose Solidarität heißt heute: Wir stimmen zu, dass mit zweierlei Maß gemessen und der Siedlerstaat Israel für unantastbar erklärt wird.

So etwas fällt nur einer deutschen Regierung ein. In den USA unterzeichnen Tausende von Beschäftigten in verschiedenen Ministerien Petitionen gegen die Israelpolitik der Biden-Regierung. Keiner wird dafür sanktioniert oder vor Gericht gezerrt, im Gegenteil: Außenminister Blinken lädt die Dissidenten zum Gespräch ein. Die Bundesregierung aber verhängt einen Glaubenssatz, der keinen Raum für Politik lässt, auch nicht im Umgang mit einem terroristischen Akt wie dem der Hamas. Denn wie Israel derzeit im Gazastreifen vorgeht, ist nicht Verteidigung, es ist Rache, zehn Augen für ein Auge…

3. Habeck ist nicht herzlos: „Jedes tote Kind ist eines zuviel.“ Er fordert für Gaza humanitäre Hilfe, aber weder eine Feuerpause noch gar ein Ende der Vertreibung. Das Völkerrecht liegt – mal wieder – in Scherben, denn es gilt nicht für alle gleich. Und die Bundesregierung ist bei seiner Beerdigung ganz vorne mit dabei.

Erstveröffentlicht in „Sozialistische Zeitung“ (SoZ) Dezember 2023
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Wir danken für das Publikationsrecht.

Breites Bündnis gegen den Krieg

Friedensgruppen, Gewerkschafter*innen und Die Linke mobilisieren anlässlich der Haushaltsdebatte im Bundestag zu einer zentralen Friedensdemonstration. An einzelnen Personalien gibt es aber auch Kritik von links.

Louisa Theresa Braun

Unter dem Motto »Nein zu Kriegen – Rüstungswahnsinn stoppen – Zukunft friedlich und gerecht gestalten« rufen verschiedene Initiativen für Samstag zu einer großen Friedensdemonstration am Brandenburger Tor in Berlin auf. Sie fordern Waffenstillstände in Kriegsgebieten, einen Stopp von Waffenexporten sowie Abrüstung anstelle der Aufrüstung, die im Bundeshaushalt für 2024 geplant ist. Angemeldet sind 10 000 Teilnehmende.

»Mit 85,5 Milliarden Euro sind die Militärausgaben 2024 die größten seit Bestehen der Bundesrepublik«, heißt es im Demo-Aufruf der Initiative »Nie wieder Krieg – Die Waffen nieder«. »Das Geld wäre besser in Schulen, Krankenhäusern oder im sozialen Wohnungsbau aufgehoben. Es fehlt an allen Ecken und Enden«, sagt Demosprecherin Jutta Kausch-Henken zu »nd«. Doch gerade soziale Bereiche seien von massiven Mittelkürzungen bedroht.

Der Aufruf verurteilt den russischen Überfall auf die Ukraine, genauso aber auch »die vorangegangenen Vertragsbrüche und nicht eingehaltenen Zusagen der Nato-Staaten«. Als Beispiel nennt Kausch-Henken »das Verhindern der Umsetzung des Minsk-II-Abkommens durch die Garantiemächte Frankreich und Deutschland, wie Hollande und Merkel später öffentlich bekundeten«. Obwohl dieses Abkommen völkerrechtlich bindend gewesen sei. »Man hätte den Krieg verhindern können«, ist sie überzeugt.

Um den Krieg in der Ukraine zu beenden, seien ein Waffenstillstand und Verhandlungen nötig. »Wir wünschen uns eine Kultur des Friedens. Von unserem Land muss Diplomatie ausgehen«, betont Kausch-Henken. Kritik übt der Aufruf zudem an Sanktionen gegen Russland. Hauptgrund sei, so Wiebke Diehl von »Nie wieder Krieg«, »dass Sanktionen, die ihr Ziel so gut wie nie erreichen, nicht die Herrschenden, sondern die Zivilbevölkerung und hier die Allerschwächsten treffen und in den meisten Fällen als geopolitisches Herrschaftsinstrument bis hin zum Regimechange benutzt werden«.

Differenzierter klingt das bei der Linkspartei, die mit einem eigenen Aufruf mobilisiert: Sanktionen, die sich vor allem gegen die Bevölkerung richten oder zur Verarmung im Globalen Süden beitragen, werden darin ebenfalls abgelehnt. Die Linke setzt sich jedoch »für Sanktionen gegen den militärisch-industriellen Komplex Russlands ein« und befürwortet »das Einfrieren von Vermögenswerten von Oligarchen, die dem Krieg Vorschub leisten«.

Geplant wurde die Demonstration schon vor der Eskalation im Nahen Osten, doch auch dieser Krieg wird am Wochenende Thema sein: »Wir sind überzeugt, dass sich Terror gegen Zivilisten nicht mit Kriegsverbrechen gegen Zivilisten aus der Welt schaffen lässt«, heißt es in einer Erklärung der Demo-Initiator*innen. Sie fordern eine sofortige Waffenruhe gemäß der Resolution des UN-Sicherheitsrates. Dass sich Deutschland bei der ersten Resolution zu Gaza enthalten hat, nennt Kausch-Henken »skandalös«.

Die Demonstration wird von einem breiten Bündnis getragen, von der klassischen Friedensbewegung über Gewerkschaften und soziale Bewegungen bis hin zum Wagenknecht-Umfeld. Neben der Linkspartei mobilisieren die Verdi-Bezirke Stuttgart und Südhessen, DL21, das Forum der SPD-Linken und die Zeitschrift »Emma« nach Berlin. In rund 40 Städten organisieren Gruppen eine gemeinsame Anreise mit Bussen und Bahnen. Hinzu kommen 130 Einzelpersonen als Unterstützer*innen, darunter Gregor Gysi und Dietmar Bartsch, Gewerkschafter wie der frühere IG-Metall-Vorsitzende Jürgen Peters, die Theologin Margot Käßmann, Künstler wie Rolf Becker und Katja Ebstein sowie Parteilose wie Oskar Lafontaine und Amira Mohamed Ali.

Als Redner*innen angekündigt sind unter anderem der stellvertretende Linke-Vorsitzende Ates Gürpinar, Sahra Wagenknecht, Iris Hefets von der Jüdischen Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost, die ehemalige Direktorin der EU-Kommission Petra Erler sowie der Vorsitzende der Naturfreunde Michael Müller. Der Friedensaktivist Reiner Braun soll die Begrüßungsrede halten.

Nicht alle aus dem linken Spektrum befürworten diese Auswahl. So sei Sahra Wagenknecht »untrennbar mit dem Vorwurf der Rechtsoffenheit verbunden«, heißt es in einem Statement der Initiative Geradedenken, die sich gegen Rechtspopulismus und Verschwörungstheorien engagiert.

Diehl sieht in diesem Vorwurf »ein Instrument, um die Bewegung zu zerschlagen«. Ihre Initiative grenze sich klar von der AfD sowie von rassistischen und antisemitischen Gruppen ab. National- und Parteifahnen sind bei der Demo nicht erwünscht. Allerdings könne man »keine Gesinnungsprüfung vornehmen«. Der Ausschluss von Personen von einer Demonstration sei extrem schwer, weil es kein Hausrecht gebe. 

Geradedenken hält dagegen: Wer den Vorwurf der Rechtsoffenheit ernsthaft aufarbeite, müsse vor der Kritik keine Angst haben. »Vielmehr bietet sich hier eine Leitplanke, um sich von tatsächlich problematischen Akteuren wie etwa Reiner Braun zu trennen«, schlägt die Initiative vor. Braun sei in der Vergangenheit als Unterstützer des Verschwörungsspektrums sowie der Mahnwachen-Bewegung aufgefallen, die auch als »Friedens-Querfront« bezeichnet wurde. Geradedenken teile mit den Initiator*innen den Wunsch nach Frieden sowie die Kritik am »Rüstungswahnsinn« der Nato und an »Kriegstreiberei«. Dennoch sehe man die Ablehnung von Sanktionen sowie die Unterstützung der Demo durch die Linkspartei kritisch.

Dazu sagt Ates Gürpinar, der auf der Demo reden wird: »Wir wissen, dass die Akteure auf Friedensdemonstrationen, vorsichtig ausgedrückt, plural sind.« Daher mobilisiere Die Linke – genau wie unter anderem die Friedensorganisation IPPNW und die Naturfreunde – mit einem eigenen Aufruf, der Sanktionen nicht pauschal ablehnt und zudem Hilfe für Geflüchtete und Asyl für Kriegsdienstverweigerer fordert. Zur Großdemo »Aufstand für Frieden« im Februar, die von Sahra Wagenknecht und der Publizistin Alice Schwarzer initiiert wurde, hatte Die Linke gar nicht aufgerufen, was jedoch heftige Diskussionen nach sich zog.

»Als leider letzte Friedenspartei im Deutschen Bundestag ist es für uns wichtig, Flagge zu zeigen gegen die allgegenwärtige Kriegspolitik.« Nun wolle man denen, die das Thema von rechts zu kapern versuchen, nicht die Straße überlassen.

Erstveröffentlicht im nd vom 22.11.23
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1177939.frieden-demonstration-der-friedensbewegung-breites-buendnis-gegen-krieg.html?sstr=Breites|B%C3%BCndnis

Wir danken für das Publikationsrecht.

25 .11. und Die Linke auf der Suche nach Zeit und Ort

Uns hat gefreut, dass sich letztlich auch der Parteivorstand der Linken dazu durchgerungen hat, zur Antikriegsdemonstration am 25 11. mit aufzurufen.

Allerdings doch mit einigem organisatorischen Wirrwarr. Falsches Jahr und falscher Platz! Na ja das mit dem Jahr wurde inzwischen nach einigen Stunden bemerkt und ausgetauscht.

Einer von vielen Kommentaren auf Social Media: „Ehrlich gesagt, habe ich kein Problem mit Dilettantismus. Perfektionismus und Erbsenzählerei muss alles nicht sein. Ein einfaches Plakat herstellen, sollte aber machbar sein.“ Ergänzung: „..vor allem, wenn man soviele hauptamtliche Mitarbeiter hat. …. “ und etwas herzlicher: „Wir Automobilarbeiter nennen sowas Durchstarten mit angezogener Bremse„… Und: „Nehmen wir es mit Humor, hoffentlich die unsere Kommentare auch.“

Nun aber bitte auch noch den richtigen Platz! Die Kundgebung findet auf der Westseite statt. Der heißt „Platz des 18. März“ und der befindet sich auf der anderen Seite des Brandenburger Tors! Also nicht Stehen bleiben, sondern einfach durchs Tor laufen. Wir empfangen Euch mit offenen Armen!

Und wohlgemerkt. Es geht nicht um „Wahl“ Kampf, sondern um Friedenskampf und einen breiten und schlagkräftigen Zusammenschluss gegen die Politik des eigenen Kapitals, seiner Vertreter und imperialen Bestrebungen. Also nicht vergessen bei all den vielen extorialen Imperialisten und Terroristen, es gibt auch noch Teufel im eigenen Land. Da gilt, wer die Mittel, die Aufrüstung ablehnt, kann die Ziele nicht billigen!

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