Tarifrunde der Länder

In Zeiten von sozialem Kahlschlag und Militarisierung

Am 3. Dezember 2025 haben die Verhandlungen zum Tarifvertrag der Länder begonnen. Der unrühmlichen Tradition folgend, legte die Arbeitgeberseite kein Angebot vor und verunglimpfte die Forderungen der Gewerkschaften als überzogen und unbezahlbar. Angesichts der Preissteigerungen und Ausgabenexzesse für die so genannte „Kriegstüchtigkeit“ der blanke Hohn.

Vom Tarifvertrag der Länder sind ungefähr 2,2 Millionen Beschäftigte betroffen, laut GEW die Hälfte davon im Bildungsbereich. Viele weitere Beschäftigungsverhältnisse, werden an den TV-L „angelehnt“. Es wird in vielen Sektoren also mit einer vergleichbaren Bezahlung wie im öffentlichen Dienst um Bewerber:innen gebuhlt. Der TV-L ist damit genau wie der TVÖD nach wie vor ein wichtiger Orientierungsrahmen für das Lohnniveau im Land. Es ist daher im Interesse aller Lohnabhängigen, dass die Verhandungen von den Gewerkschaften erfolgreich geführt werden. Die Argumentation es wäre kein Geld da, muss entschieden zurück gewiesen werden. Es ist niemandem mehr zu vermitteln, dass über Nacht unbegrenzt Geld für Aufrüstung locker gemacht werden kann, während die öffentliche Daseinsvorsorge seit Jahrzehnten kaputt gespart wird. Die Beschäftigten sollten auf diese Widersprüche mit eigenen Plakaten und Transparenten aufmerksam machen und die Tarifrunde in den politischen Kontext setzen, in dem sie ganz offensichtlich statt findet.

„Die Arbeitgeber sind der Meinung, dass sie die Haushalte der Länder auf unserem Rücken sanieren können. Uns ist klar: Gute Tarifergebnisse fallen nicht vom Himmel, sondern werden auf der Straße erkämpft. Es liegt an uns, ein kräftiges Signal zu senden, damit sich die Arbeitgeber bewegen und ein Angebot vorlegen. Zusammen sind wir laut und sichtbar!“

Gökhan Akgün (Vorsitzender der GEW Berlin)

Die GEW Berlin hat am 9. Dezember elf Kreuzberger Schulen zu einem ersten Warnstreik aufgerufen. Bereits am 4. Dezember hatte Ver.di zu ersten Arbeitsstreiks aufgerufen. Am Donnerstag 18. Dezember 2025 findet der erste gemeinsame Streiktag der DGB Gewerkschaften in Berlin statt, im Januar und Februar ist mit weiteren Streiks zu rechnen.

Die Gewerkschaften müssen endlich die ritualisierten Verhandlungsrunden hinter sich lassen und offensiv und geeint in die Mobilisierung gehen. Vor allem GEW und Ver.di müssen ihre Kräfte besser bündeln und ohne Konkurrenzgedanke auf Augenhöhe zusammen arbeiten. Von Spaltung profitieren nur die Arbeitgeber! Ziel kann – neben einer gemeinsamen Laufzeit mit dem TVÖD – nur ein Abschluss sein, der zumindest die Reallohnverluste aus der Vergangenheit klar kompensiert. Dafür muss ein Erzwingungsstreik als Option auf dem Tisch liegen.

Weitere Informationen zur Tarifrunde der Länder finden sich unter:

GEW BERLIN , VERDI BB, IG BAU, TV STUD KAMPAGNE

Titelbild: GEW Friedrichshain-Kreuzberg

Schülerstreik gegen die Wehrpflicht – Gewerkschaften müssen sich solidarisieren!

Die Regierungskoalition hat sich auf die Wiedereinführung der verpflichtenden Musterung geeinigt. Am 05. Dezember 2025 soll der Bundestag über die Änderungen am Wehrpflichtgesetz abstimmen. Verschiedene Jugendgruppen um die Kampagnen „Nein zur Wehrpflicht“ und „Komitees gegen die Wehrpflicht“ rufen daher in mehreren Städten zu einem bundesweiten Schulstreik an diesem Tag auf.

Auch die Arbeiter:innen- und Gewerkschaftsjugend mobilisiert gegen die Wehrpflicht. Wir berichteten.

Update II: Gewerkschafts-Treffpunkt 

Zur Demo am Freitag 05.12.2025: 15:45 Uhr am Drachenbrunnen (Oranienplatz).

Die Jugend stellt sich mit Streiks und Aktionen gegen den Aufrüstungskurs der Regierung. Junge GEW, AG Frieden in der GEW und das Forum Gewerkschaftliche Linke werden sichtbar mit Gewerkschafts-fahnen am Demonstrationszug teilnehmen.

Auch Mitglieder anderer Gewerkschaften und Gewerkschaftsgruppen sind willkommen sich zu beteiligen. Der Aufrüstungskurs der Regierung schadet uns allen.

Die Jugend erwartet zurecht, dass wir ihren Kampf gegen die Wehrpflicht aus der Basis der Gewerkschaften heraus unterstützen.

Kommt zahlreich zum Gewerkschaftstreffpunkt!
Update I: 

In Berlin ruft ein breites Bündnis zu einer begleitenden Demonstration auf. Startpunkt: Oranienplatz, Beginn: 16:00, weitere Informationen am Ende des Beitrags.
Mit Streikkomitees gegen die Wehrpflicht

Unter dem Namen „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ finden sich jeden Tag mehr Ortsgruppen zusammen, die Streikkomitees in ihren Städten aufbauen wollen. Im Aufruf der Initiative heißt es:


„Egal ob Nachrichten oder Talkshows – fast alle reden & diskutieren darüber. Politiker_innen, die Bundeswehr oder irgendwelche Moderator_innen argumentieren, wie wir die Wehrpflicht wieder einführen sollten. Aber niemand redet mit uns. Niemand fragt uns, was wir wollen. Niemand will wissen was wir dazu denken. Dabei sind wir die Betroffenen! Es sind unsere Leben, über die sie diskutieren und bestimmen wollen. Deswegen zwingen wir sie uns zuzuhören, warum wir gegen die Wehrpflicht sind!“

„Statt Milliarden in Waffen zu stecken, fordern wir Milliarden für Bildung, bessere Ausbildungsplätze, das Klima und für unsere Zukunft“

Quelle: www.instagram.com/schulstreikgegenwehrpflicht

Jugend lehnt Wehrpflicht ab – Keine Entscheidung über die Köpfe von Betroffenen.

Die Forderung kommt nicht überraschend. Befragungen der letzten Jahre zeigten deutlich, dass es unter jungen Menschen trotz begleitendem Kampagnenjournalismus nach wie vor keine Mehrheiten für einen Pflichtdienst gibt.

Allen voran die GEW als Bildungsgewerkschaft im DGB sollte sich nun klar und deutlich positionieren und die Schüler:innen bei ihren Aktionen größtmöglich unterstützen. Es ist wichtig, dass sich Lehrkräfte und Sozialarbeiter:innen sichtbar mit den Forderungen der Schüler:innen solidarisieren und sie vor Repression schützen. Es ist absurd und nicht ohne Ironie, wenn Schulleitungen ausgerechnet bei friedlichen Protestaktionen gegen Kriegsdienste von einer „Störung des Schulfriedens“ sprechen.

Seit Jahren macht sich die Bundeswehr auf Jugendmessen breit und forciert Werbekampagnen, die Jugendlichen ein verzerrtes Bild vom spannenden Abenteuer bei der Bundeswehr vermitteln. Immer mehr Schulen kooperieren freiwillig oder aufgrund von vorgeschriebenen Kooperationsverträgen in ihren Bundesländern mit der Armee. Nicht wenige Kolleg:innen beobachten das schon länger mit Unbehagen.

Die GEW muss hier wieder klar ihre vorhandenen antimilitaristischen Positionen nach vorne stellen, Aufklärungsarbeit leisten, Kolleg:innen mit antimilitaristischer Haltung bestärken und ihnen bei Angriffen den erforderlichen gewerkschaftlichen Schutz bieten. Unter keinen Umständen sollten Kolleg:innen sich bei kritischen Aktionen von Schüler:innen gegen die Präsenz der Bundeswehr an ihren Schulen dazu genötigt sehen, als Erfüllungsgehilfen der Armee und Ermittlungsbehörden zu fungieren, wie das beispielsweise in Freiburg in diesem Jahr bereits passiert ist.1 Zu einem kritischen Diskurs gehört auch das Recht auf Protest. Wer das nicht lebt, soll von „demokratischer Erziehung“ schweigen.

Jugendliche aller Gewerkschaften gemeinsam gegen die Wehrpflicht

Als Gewerkschafter:innen betonen wir den Auftrag zur Friedenserziehung sowie das Recht auf eine gute Ausbildung und freie Berufswahl. Geraten diese Errungenschaften durch ökonomischen Zwang bzw. Zwangsdienste noch weiter unter Druck oder sogar vollständig in Gefahr, ist die Organisation von Protesten bis hin zu Streiks unser klarer Auftrag. Es ist daher folgerichtig und wichtig, dass sich die Gewerkschaftsjugenden von ver.di und IG Metall in den letzten Tagen auf Bundesebene offensiv gegen die Wehrpflicht positioniert haben. Um den Aufrüstungskurs und den begleitenden Sozialabbau zu verhindern, müssen großangelegte Proteste folgen und mit den Tarifforderungen in der anstehenden Tarifrunde der Länder verbunden werden.

Am 05. Dezember 2025 gemeinsam auf die Straße gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht!

Wir werden weiter über die Planungen zu den Schulstreiks und Protesten informieren.

Update:


Infos zum Schulstreik:

schulstreikgegenwehrpflicht.com

besserewelt.info/militaer/bundeswehr-deutschland/wehrpflicht/schulstreik-gegen-wehrpflicht

  1. https://perspektive-online.net/2025/10/anzeige-wegen-meme-es-zeigt-zu-welchen-mitteln-staat-und-bundeswehr-greifen/ ↩︎

Nach diffamierendem Leserbrief: Interview mit Benjamin Ruß in der E&W Niedersachsen

Benjamin Ruß trug als Referent bei einer Veranstaltung zur Rückkehr der Berufsverbote eine Kufiya. In der Zeitschrift der GEW Niedersachsen (E&W) wurde nach einem Bericht über diese Veranstaltung ein Leserbrief abgedruckt, der Ruß eine inhaltliche Nähe zur Hamas und Antisemitismus unterstellt. Zudem wurde behauptet, palästinasolidarischen Kolleg*innen würden mit ihrer Haltung „den Betriebsfrieden stören“. Im Leserbrief wurde eine Entsolidarisierung gegenüber Ruß gefordert, der selbst von einem Berufsverbot betroffen ist. Nach längerem hin und her – und Protesten von Aktiven in der GEW – war die E&W Redaktion letztlich dazu bereit ein Interview mit Benjamin Ruß zu veröffentlichen. Er nimmt dort zu den Vorwürfen gegen ihn Stellung und weist die Anschuldigungen als haltlos und im Kern gewerkschaftsfeindlich zurück.

Wir dokumentieren im Folgenden das Interview und verlinken am Ende des Beitrags auf die Webseite von Benjamin Ruß, auf der auch der entsprechende Leserbrief in ganzer Länge nachzulesen ist. (Konstantin Kieser)

Interview der E&W Niedersachsen:

1. Benjamin, du bist weder Mitglied der GEW noch lebst oder arbeitest du in Niedersachsen. Dennoch gab es zuletzt in der Leser*innenbrief-Spalte unseres Bildungsmagazins eine Diskussion, in der du eine Rolle spielst. Wie hast du die Zuschriften in den Ausgaben Nummer 3/2025 und 4/2025 empfunden?

Richtig, ich bin Geo-Informatiker und ver.di-Mitglied. In einem Leser*innenbrief der Ausgabe 3/2025 wurde die GEW zur Entsolidarisierung mit mir aufgefordert. Als Referent einer Berufsverbots-Veranstaltung in Göttingen hatte ich eine Kufiya getragen. Die Autor*in Liv Teichmann war nicht auf der Veranstaltung. Sie hat nur ein Foto von mir mit Kufiya gesehen. Daraus schloss Teichmann auf meine inhaltliche Nähe zur Hamas, auf Antisemitismus und setzte mich mit Björn Höcke gleich. Klassische Hufeisentheorie. Die Kufiya existierte zudem weit vor der Hamas und dem Staat Israel. Teichmanns Versuch, über diesen Schal eine Verbindung zwischen der Hamas, Anti-Semitismus und mir herzustellen, ist bewusste Geschichtsfälschung und Verleumdung. Teichmann setzt den israelischen Staat mit Jüdinnen und Juden aus aller Welt gleich. Das ist völkisches Gedankengut und antisemitisch. In Ausgabe 4/2025 haben auch andere Kolleg*innen darauf hingewiesen.

2. Im Text der Zuschrift heißt es unter anderem, Uni-Besetzungen und ähnliche Aktionen könnten die freie Forschung und Lehre behindern, sogar angeblich den „betrieblichen Frieden“ stören. Wie stehst du zu solchen Aktivitäten?

Im Zuge der Bologna-Reform, zur Hochphase der Lehmann-Brothers-Krise wurden in Deutschland Studiengebühren eingeführt. Monatelang besetzten daraufhin zehntausende Studierende europaweit Hörsäle: #unibrennt. An den Unis gab es Selbstorganisierungsstrukturen die Vorlesungspläne, politische Diskussionen und VoKüs organisierten. Mit Erfolg. Die Studiengebühren wurden wieder abgeschafft. Heute wie damals unterstütze ich Uni-Besetzungen als demokratisch legitime und notwendige Formen des Klassenkampfes. Genauso wie Betriebsbesetzungen.

Den betrieblichen Frieden zu wahren, bedeutet hingegen, Ausbeutung und Unterdrückung hinzunehmen, den Kampf für bessere Lebensbedingungen einzustellen. Es heißt, sich nicht gegen Angriffe auf Renten, Löhne, soziale Infrastruktur etc. zu verteidigen. Es heißt: nicht zu streiken! Das ist ein Appell, im Betrieb zu schweigen, während die Kriege der kapitalistischen Nationen vorbereitet und unsere Rechte als Arbeitende und Gewerkschafter*innen – Versammlungsrecht, Streikrecht, Menschenrecht etc. – pulverisiert werden. Eben auch in Palästina. Dort geht es um Vertreibung für den Landraub, um Vernichtung von Gesellschaftsstrukturen zur Enteignung und Privatisierung gesellschaftlicher Infrastruktur. Dafür wird die Verstümmelung und Vernichtung von Menschen zur ökonomischen Rationalität. Das sollen wir “friedlich” hinnehmen.

3. Ausgangspunkt war unser E&W-Bericht von Rolf Günther und Matthias Wietzer über eine Veranstaltung an der Universität Göttingen zu Berufsverboten, bei der du deinen persönlichen Fall vorgestellt hast. Worum geht es bei dir und wie ist der aktuelle Stand?

Im August 2024 verwehrte mir der Freistaat Bayern eine Anstellung an der TU München aus politischen Gründen. Dieser Vorgang wurde arbeitsgerichtlich bestätigt. Teichmann agitiert gegen Streiks und übernimmt damit entschieden gewerkschaftsfeindliche Positionen staatlicher Institutionen, die in meinem Berufsverbotsprozess den Aufruf zu weitreichenden Streikmaßnahmen als verfassungsfeindlich eingestuft haben. So sollen Menschen, die sich den herrschenden Bedingungen widersetzen und dabei eine Verbindung der politischen und ökonomischen Kämpfe herstellen, aus der Gewerkschaft gedrängt werden. Wer uns auffordert, nicht gegen kapitalistische Vernichtungsmaßnahmen wie in Palästina zu kämpfen, uns mit Verleumdungen hindern möchte, gewerkschaftliche Mehrheiten zu gewinnen, wer wie Teichmann den Betriebsfrieden fordert, fordert letztlich die Gleichschaltung der Gewerkschaften!

4. Betroffene und andere Aktive in der GEW engagieren sich schon lange dafür, die erheblichen persönlichen Folgen des sogenannten „Radikalenerlasses“ von 1972 umfangreich aufzuarbeiten. Wo siehst du Parallelen zwischen den Berufsverboten damals und heute?

Berufsverbote sind gezielte Maßnahmen, um die Kontrolle und die Hoheit über gesellschaftliche Vorgänge zu sichern. In den 1970ern galt es, sozialistische Tendenzen in der Arbeiter*innenklasse zu unterdrücken. Heute gilt es, jeglichen Widerstand gegen autoritäre Maßnahmen zu verhindern. Anders gesagt: Berufsverbote sollen den betrieblichen Frieden wahren.

Direktlink zum vorangegangenen Leserbrief:
https://russbenjamin.wordpress.com/2025/05/28/diffamierender-leserinnenbrief-in-der-ew-niedersachsen/

Zum Webblog von Benjamin Ruß:
https://russbenjamin.wordpress.com/

Titelbild: Benjamin Ruß

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