Der kurze Traum von Gerechtigkeit: Wer war Franz Stenzer?

Der kurze Traum von Gerechtigkeit: Wer war Franz Stenzer? -Eisenbahner, Gewerkschafter, Kommunist –
Dagmar Poetzsch
Vorsitzende DGB KV Ost/
Martina Polizzi
Leiterin STZ Mitte

Und er war der erste, der jüngste Reichstagsabgeordnete,
der am 22. August 1933 in Dachau ermordet wurde.


Seine Enkeltochter Tatjana Trögel geb. Wolf hat aus dem Nachlass und den Überlieferungen der Familie eine Ausstellung auf 13 Tafeln mit
Dokumenten, Fotos und Begleittexten erarbeitet.
Diese werden bis Anfang September 2024 im Stadtteilzentrum Mitte, zu sehen sein.


Ein Begleitprogramm wird mit Informationen dazu beitragen, noch mehr zu erfahren.

Eröffnung 12. Juli 2024 14 Uhr
bis Anfang September lim STZ Mitte der Volkssolidarität
Marzahner Promenade 38 |12679 Berlin
Montag – Donnerstag 9-16 Uhr| Freitag 9 -14 Uhr

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Feldforschung, Meinungsaustausch, Erkundigungen,
Dialog, Umfrage, Gedankenaustausch
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Das Kulturobjekt für die Recherche ist die erhaltene Denkmalanlage auf dem RAW-Gelände (West). Genauer: im sogenannten Vorgarten des ehemaligen Verwaltungsgebäudes ist seit 1967 eine Gedenkstätte. Es sind zwei Gedenksteine, der linke Stein ist für Franz Stenzer und der rechte Stein für Ernst Thälmann, ein Pflanzgefäß zwischen den beiden Steinen, alles steht etwas erhöht (zwei Stufen aus Stein) und dahinter ein rostiger Fahnenmast. Ein aus Betonplatten bestehender Weg führt zu den Steinen, links am Anfang des Wegs steht eine nicht mehr leserliche Informationstafel. Diese wird heutzutage von einer Wildrose als Rankhilfe benutzt.

Summa summarum ein Erinnerungsort in diesem Zustand und ohne Informationen ist fragwürdig.

Warum ist das Denkmal da? Weiche Bedeutung hatté es einmal und welche kann es in der Gegenwart und Zukunft haben?


Kontaktmöglichkeit für Interessentinnen:
geschichtswerkstatt@raw-skpz.de


GeschichtsWERKSTAIT RAW

Wir danken Rainer Heidenreich für die Hinweise

Märtyrerleben

Peter Steiniger zu den Folgen des Anschlags auf Trump für den US-Wahlkampf

Von Peter Steiniger

Kleine Verletzung, große Wirkung: Der Anschlag auf den ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump während einer Kundgebung in Pennsylvania kann die kommende Wahl bereits entschieden haben. Mit seiner gereckten Faust, nur Sekunden nach den Schüssen des Attentäters, hat Trump das ikonische Bild eines politischen Kämpfers geschaffen, der sich durch nichts und niemanden unterkriegen lässt. Für seine Anhänger ist Trump nun erst recht ein Märtyrer. Darauf wird die Show auf dem Nominierungsparteitag der Republikaner aufbauen und der Mitleidseffekt könnte ihm viele Stimmen bisher unentschiedener Wähler einbringen.

Wie üblich bei solchen Anlässen äußert nun alle Welt ihre Empörung über den feigen Akt und politisch motivierte Gewalt überhaupt. Die Rede ist von einem Anschlag »auf die Demokratie« und bestürzt zeigt sich auch die liberale Elite des Westens, die vor dem Supergau einer Wiederwahl Trumps zum »Anführer der freien Welt« eifrig warnte. Als hätte sich mit der Wahl von Biden vor vier Jahren etwas an der Herrschaft einer Oligarchie von Wallstreet und Großkonzernen in Washington geändert oder daran, dass die USA bei der Durchsetzung ihrer Führungsrolle im Zweifel keine Freunde kennen. Die Kultur der Gewalt in ihrem Inneren ist ein Spiegelbild des Interventionismus, der seit der Ausrufung des »Kriegs gegen den Terror« über ganze Weltregionen Leid gebracht hat.

Die Motive des 20-jährigen Täters, der nicht mehr reden kann, weil er von Sicherheitsbeamten erschossen wurde, liegen noch im Dunkeln. Der Schutz des US-Spitzenpolitikers war weniger perfekt, als es zu erwarten gewesen wäre. In den sozialen Medien blühen die Spekulationen. Hier ersetzen starke Meinungen Beweise, wird über Verschwörungen spekuliert. Der Angriff auf Trump erinnert an die dubiose Messerattacke auf seinen brasilianischen Zwilling Jair Bolsonaro während des Wahlkampfes im September 2018. Der hatte mit Unterstützung der mächtigen evangelikalen Sekten aus seiner Verletzung ein politisches Kapital geschlagen, das den ultrarechten Hinterbänkler in den Präsidentenpalast katapultierte.

Bei Trump 2024 ist die Ausgangslage aber eine ganz andere. Seine Chancen auf eine erneute Wahl waren bereits vor dem Attentat, das zwei Verletzte forderte und einen Unbeteiligten das Leben kostete, völlig intakt. Die rechte Mehrheit am Obersten Gericht hatte ihm gerade Carte Blanche für frühere und künftige Vergehen im Amt erteilt und damit aller Sorgen entledigt, vor der Wahl doch noch juristisch zur Strecke gebracht zu werden. Und schließlich arbeitete ihm auch noch der von Trump als »krummer Joe« verspottete Amtsinhaber Biden mit zunehmenden kognitiven Aussetzern zu, was berechtigte Zweifel weckte, ob der 81-Jährige seiner Aufgabe und einem weiteren Wahlkampf überhaupt noch gewachsen ist.

Trumps Ohr wird verheilen, der tiefe Riss in der US-amerikanischen Gesellschaft aber bleibt. Ihre Polarisierung hat der Republikaner mit betrieben, die Geister selbst gerufen, die sich auch gewalttätig entladen. Aus Fake News und verrohter Sprache in den unsozialen Medien wurde in der realen Welt die Erstürmung des Kapitols im Januar 2021. Der Umsturzversuch seiner radikalisierten Anhänger forderte mehrere Opfer. Als Fürsprecher der Waffenlobby ist Trump mitverantwortlich dafür, dass in den USA Jahr für Jahr Tausende durch Kugeln sterben. Wenn Biden nun aus Anlass der Schüsse auf Trump proklamiert, dass es in den USA »keinen Platz für diese Art von Gewalt« gebe, ist das fern der Realität. Sie ist ein Risiko mit Ansage.

Erstveröffentlicht im nd v. 15.7. 2024
https://nd.digital/editions/nd.DerTag/2024-07-15/articles/13712946

Wir danken für das Publikationsrecht.

Für Russenkinder?

30.06.24 – Pressenza Berlin

Leben und Sterben sowjetrussischer Kinder 1943-1945 in Stuttgart. Nur ein Buch.

„Für Russenkinder? In diesen Zeiten?” hörten die Herausgeber angeblich aus dem Stuttgarter Rathaus. Nach seiner jahrelangen Recherche – u.a. in jüngster Zeit zu überlebenden ehemaligen Zwangsarbeiterinnen, die bei der Stadt Stuttgart beschäftigt waren – konnte Dr. med. Karl Horst Marqart dieser Tage im Württ. Kunstverein sein Buch über das Schicksal sowjetrussischer Zwangsarbeiterkinder in Stuttgart 1943 – 1945 vorstellen. „Im Lager geboren und gestorben” zeigt noch einmal auf den Zynismus, die Grausamkeit und Menschenfeindlichkeit in Stuttgart – bei der Stadt, in den Fabriken, in den Lagern: Tod durch Hunger, durch Erschöpfung, Tod durch unterlassene Hilfeleistung durch Ärzte: Kinder in Zwangsarbeit. Das Stuttgarter Beispiel ist sicherlich auch Spiegelbild für tausende andere Kommunen im Deutschen Reich, in denen Zwangsarbeiter malochen mußten. Vielleicht ermutigt es ja eine neue Generation von HistorikerInnen, dem Beispiel zu folgen.

Aber nicht nur Verschleppung und Zwangsarbeit bleiben nach 1945 ungesühnt, es gab meist auch keinerlei Strafverfolgung, ja nicht einmal den Versuch, keine wie auch immer geartete „Wiedergutmachung“ oder Entschädigung für Verschleppung und Versklavung ganzer Familien aus der damaligen Sowjetunion. Großherzig hatte der Stuttgarter Gemeinderat 2019 zwar beklagt, dass die „Zwangsarbeiter*innen im bisherigen Gesamtbild der NS-Geschichte Stuttgarts schlecht wegkämen und die Opfer „wenig Beachtung” gefunden hätten. Der Stadtrat hatte deshalb ein Forschungs-Projekt auf den Weg gebracht, an dem „ehrenamtlich Forschende” wie Marquart beteiligt waren. Es musste also auch in diesem Fall einmal mehr die Zivilgesellschaft herhalten. Denn die Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit vorzuenthalten – das ging gar nicht.

Doch Stuttgart hat ja erfreulicherweise die AnStifter, eine zivilgesellschaftliche Initiative, die seit 25 Jahren auch das Feld der Geschichte beackert. Auf solchen Wegen erschienen, in der Regel privat und spendenfinanziert – zahlreiche Publikationen, darunter die Chronik der Stadt Stuttgart 1933 -1945, Schriften zur Vertreibung der Juden, zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Literatur der alten und neuen Emigration: Lebenserinnerungen aus dem Widerstand.

„Im Lager geboren und gestorben” wird kein Bestseller, heute, wo in allen Lagern und in aller Öffentlichkeit geboren und gestorben wird, sind die „Russenkinder” kein Thema – aber das Buch als Denk-mal ist aufgerichtet wie ein großer Stolperstein. Die Stadt und die Archive hoffen auf Freiexemplare, der AnStifter-Verlag steht unter subalterner Beobachtung. Denn es kann ja nicht sein, dass nicht nur der Autor ohne Honorar bleibt, sondern auch ein Verleger vom Drauflegen lebt und auf jedwede Bezahlung verzichtet.

Marquart – einst Arzt beim Gesundheitsamt in Stuttgart – ermittelte in seiner Freizeit und auf eigene Kosten, musste manchen Stein aus dem Weg räumen und wurde ermahnt – 80 Jahre nach der Nazizeit! – den Datenschutz nicht außer Acht zu lassen.

Bei der Buchvorstellung gab’s trotz Fußball und anderem Trallalla ein volles Haus. Es war eine beeindruckende, tief traurig und nachdenklich stimmende Lesung von Dorothea Baltzer aus Zeugnissen der Überlebenden und einem musikalischen Gruß auf dem Akkordeon über Grenzen und Gräber hinweg.

Ganz hinten in den Querungen des Kunstvereins, im Abseits, weinten zwei Frauen. Sie kamen aus Russland: Der Wind, der Wind, das himmlische Kind hatte sie herein geweht

Siegfried Langloff EDP

K.H. Marquart, Im Lager geboren
260 Seiten, 100 Fotos und Abbildungen,

ISBN 978-3-944137-93-3, Verlag Peter Grohmann Nachfolger, Stuttgart 2024, 24,80 Euro

Der Beitrag ist zuerst erschienen am 20.6 2024. In Pressenza.

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