„Die Eliten versagen, sie sind unfähig, auf die Klimakrise zu reagieren“

Bild: Klimagipfel in Glasgow November 2021. Der britische Premierminister Boris Johnson empfängt als Gastgeber die Staatschefs der Welt. Trotz hehrer Versprechungen wird seitdem sogar verstärkt nach Gas und Öl gebohrt. Bild: Andrew Parsons / CC BY-NC-ND 2.0

Von David Goeßmann

Klimaforscher Anderson sagt: Das „Davos-Cluster“ blockt Klimaschutz und führt uns in die Katastrophe. Finanzinstitute täuschen bei der Energiewende. Warum die Kehrtwende nur von unten kommen kann.

Vorstandsvorsitzende großer Unternehmen und die Chefs mächtiger Regierungen geben zwar vor, gegen den Klimawandel vorzugehen. Doch tatsächlich legen sie die Hände in den Schoß und unternehmen nichts, sagt der renommierte Klimaforscher Kevin Anderson vom britischen Tyndall Center for Climate Change Research. Er berät Regierungen und auch Greta Thunberg in wissenschaftlichen Fragen.

Im Interview mit David Goeßmann von Telepolis erklärt Anderson, warum der Finanzsektor weiter Geld in Kohle, Gas und Öl investiert, wie das „Davos-Cluster“ Klimaschutz blockiert und warum Bürger:innen die einzige Hoffnung auf eine Kehrwende bedeuten. Es braucht einen Marshallplan fürs Klima, der den Armen und Unterschichten zugute kommen muss.

Nicht nur die Regierungen halten schöne Reden, sondern auch Finanzinstitute und andere Unternehmen, wenn es um Klimaschutz geht. Sie wollen in Zukunft in die Energiewende investieren, sagen sie. Doch wohin fließt das Geld tatsächlich und wohin nicht?

Kevin Anderson: Zunächst einmal gibt es gar nicht so viel Geld. Wenn wir das Energiesystem dekarbonisieren wollen, ist das eine riesige Herausforderung, die weit über die Investitionen hinausgeht, über die geredet wird. Die Menschen denken immer noch, dass es sich beim Kampf gegen den Klimawandel nur um kleine Veränderungen handelt, aber das stimmt nicht. Es handelt sich um eine grundlegende Veränderung.

Kevin Anderson ist Klimawissenschaftler und ehemaliger Direktor des Tyndall Center for Climate Change Research.

Ich verwende oft das Beispiel des Wiederaufbaus Europas nach dem Zweiten Weltkrieg oder Roosevelts New Deal, aber es geht um mehr als das. Jede Facette unserer Infrastruktur – vom Verkehr über Gebäude bis hin zur Industrie und Elektrifizierung des Energiesystems –, all das muss sich innerhalb von ein, zwei, höchstens drei Jahrzehnten verändern. Die dafür nötigen Investitionen fehlen aber weiter.

Sicherlich sind die Summen, über die gesprochen wird, recht groß. Aber sie dienen nicht immer dazu, Technologien voranzubringen. In Wirklichkeit handelt es sich eher um Finanzmechanismen, um letztendlich – wie bei Banken üblich – Geld für die Leute zu erwirtschaften, die die Instrumente in den Händen halten. Die notwendigen Veränderungen werden dadurch nicht erreicht.

Dieselben Leute, die mit Finanztricks gearbeitet haben, die uns in die Bankenkrise 2007/2008 geführt haben, entwickeln nun ähnliche, komplexe Finanzmechanismen, um dem Klimawandel zu begegnen. Die Gelder müssen aber transparent und ehrlich sein. Ich fürchte jedoch, dass das nicht der Fall ist. Zugleich folgt die Klimafinanzierung der Idee, dass wir andere, vor allem in Entwicklungsländern, dafür bezahlen, für uns die Veränderungen zu übernehmen.

Sie haben an einer Studie mitgewirkt, die herauszufinden versucht, warum echte Maßnahmen in Bezug auf die Klimakrise seit drei Jahrzehnten blockiert worden sind. Was sind die Ergebnisse und was können wir daraus lernen?

Kevin Anderson: 23 Autoren haben an der großen, ambitionierten Studie teilgenommen. Wir haben die Frage von Forschern mehrerer Fachdisziplinen untersuchen lassen. Einige betrachteten psychologische Aspekte, andere technische Fragen, wieder andere die Staatsführung. Wir haben aus neun unterschiedlichen Perspektiven die Frage gestellt, warum die Emissionskurve nicht in die richtige Richtung gebogen werden konnte.

Wir kamen übereinstimmend zu dem Schluss, dass Macht eine zentrale Rolle spielt. Es ist die Machtstruktur, dominiert von einer relativ kleinen Gruppe, die wir in der Studie das Davos-Cluster nennen. Wir sprechen von relativ wenigen Menschen, die man als die globalen mobilen Eliten bezeichnen könnte. Es sind die Direktoren großer Unternehmen, Chefs mächtiger Regierungen, die Vorstände von Finanzinstitutionen und auch einige einflussreiche Wissenschaftler.

Und diese exklusive Gruppe hat viel Macht in der Gesellschaft. Ihr Interesse besteht nun darin, diese Macht zu erhalten. Es geht ihnen nicht darum, auf ökologische oder soziale Herausforderungen zu reagieren. Diese Gruppe ist auch gar nicht dazu fähig. Sie können nicht aus ihrer Haut, um bei der Bewältigung des Klimawandels zu helfen. Und doch reden sie so, als ob sie es könnten.

Die Frage ist also: „Woher könnte die Kraft kommen?“ Was uns faszinierte: An der gesellschaftlichen Basis orientieren sich Gruppen bereits tatsächlich an den Forderungen der Wissenschaft. Darin involviert sind schon viele Menschen. Der Großteil der Bevölkerung ist nicht in Davos, es ist nur ein kleiner Prozentsatz der Bevölkerung.

Wenn also die Menschen beginnen würden, die Macht, die sie tatsächlich haben, zu mobilisieren, und sich mehr auf die wissenschaftliche Forschung einzulassen, könnten wir – statt der elitären Top-Down-Form – eine andere Machtstruktur schaffen, die offener ist und Veränderung von unten ermöglicht.

Das soll nicht heißen, dass Führungskräfte nicht wichtig sind. Das sind sie. Es geht vielmehr um das Verhältnis von Bottom-Up und Top-Down. Im Moment werden die Entscheidungen von oben getroffen. Doch die Eliten versagen, sie sind ungeeignet, auf die Klimakrise zu reagieren. Sie sind einer Denkweise und einem Modell verhaftet, die das Problem verursacht haben und einer Lösung im Weg stehen. Wir brauchen also eine Mobilisierung von unten, die uns aus dieser Sackgasse, in der wir stecken, herausführen kann.

Scheitern an zwei Grad Celsius ist das einzige, was wirtschaftlich nicht machbar ist

Welche politischen Maßnahmen sind erforderlich, um eine katastrophale Klimaerwärmung noch zu verhindern? Sind zwei Grad Celsius technisch und wirtschaftlich noch machbar? Wenn ja, wie kann das gehen?

Kevin Anderson: Es ist interessant, hier das Wort „wirtschaftlich“ zu verwenden. Tatsächlich wäre ein Scheitern an zwei Grad das einzige, was wirtschaftlich nicht machbar ist. Wirtschaftlich betrachtet bedeutet Nichtstun Chaos.

Vielleicht irre ich mich, aber ich glaube nicht, dass wir überhaupt eine große Chance haben, die Erwärmung noch auf 1,5 Grad begrenzen zu können. Ich hoffe, dass ich eines Besseren belehrt werde, und finde es gut, dass sich zivilgesellschaftliche Gruppen dafür stark machen. Ich glaube aber, dass wir die Erwärmung noch unter zwei Grad begrenzen können. Das ist nicht nur technisch, sondern politisch möglich. Wir wissen, was zu tun und notwendig ist, doch wir haben nicht den Mut, es umzusetzen. Wir können uns dafür nicht bis 2030, 2040 oder 2050 Zeit lassen, es muss vor 2030 passieren.

Wir stoßen bekanntlich jedes Jahr 40 Milliarden Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre aus. Um nicht über 1,5 Grad zu kommen, dürfen wir nur noch 320 Milliarden Tonnen ausstoßen (Das ist das Restbudget insgesamt; Anm. d. Red). Es ist nicht schwer zu berechnen, dass nur noch eine Handvoll Jahre dafür übrig bleiben. Daher muss sofort gehandelt werden. Das ist wissenschaftlich eindeutig belegt.

Wenn wir ernsthaft die Katastrophe verhindern wollen, müssen wir uns daher die Frage stellen: „Welche Emissionen können wir umgehend verringern?“ Damit sollten wir anfangen. Ein großer Teil wird aus Vorschriften bestehen, die das Verhalten derjenigen von uns ändern werden, die für die meisten Emissionen verantwortlich sind.

Ihre Leser:innen sollten nämlich wissen, dass die Hälfte aller globalen Emissionen von nur zehn Prozent der Bevölkerung stammen und das oberste eine Prozent der Emittenten einen Kohlenstoff-Fußabdruck hat, der doppelt so groß ist wie der der unteren 50 Prozent der Weltbevölkerung. Einige der 0,01 Prozent – die Obamas und die Bidens und die Johnsons und die DiCaprios, und all diese überwiegend männlichen Größen –, sie fliegen zu Klimagipfeln und erzählen uns, was wir gegen den Klimawandel tun sollen. Sie und ihre Ansichten und Lebensentwürfe, die ihnen diesen sehr ressourcenintensiven Lebensstil ermöglichen, sind aber das Problem.

Wir werden am Klimawandel scheitern, wenn wir den Lebensstil derjenigen unter uns, die zu den oberen zehn Prozent und dem oberen einen Prozent gehören, nicht grundlegend ändern. Dazu gehören Leute wie ich und viele hier bei der Klimakonferenz. Das ist offensichtlich. Wir müssen also eine Politik machen, die die Emissionen von den Hochemittenten reduziert.

Gleichzeitig brauchen wir einen Strukturwandel in unserer Gesellschaft bezüglich der Gebäude, des Verkehrs und der Infrastruktur insgesamt. Wir müssen einen großen Teil unseres Energiesystems elektrifizieren. Nur 20 Prozent unserer Energie sind tatsächlich Elektrizität, die anderen 80 Prozent werden in der Regel direkt aus fossilen Brennstoffen gewonnen. Wir müssen also fast alles elektrifizieren. Das ist eine gewaltige Herausforderung, zugleich ein großes Jobprogramm.

Wir müssen uns dabei von der Vorstellung lösen, dass die Maßnahmen jeden gleich treffen, das ist nicht der Fall. Für die meisten Menschen, worunter auch die durchschnittlichen oder unterdurchschnittlichen Emittenten in den westlichen Ländern fallen, geht es nur um strukturelle Veränderungen. Was sich verändert für sie, sind ihre Häuser, Verkehrsmittel oder die Art, wie sie zur Arbeit kommen, wo ihre Arbeit liegt. Die aber, die für die meisten Emissionen verantwortlich sind, geht es um große Veränderungen im Lebensstil.

Das werden sie nicht freiwillig tun. Sie müssen durch Vorschriften dazu gezwungen werden. Wie auch immer wir diese bittere Pille versüßen: Es wird vorübergehend als Opfer erlebt werden. Wir bringen das Opfer für die armen Menschen auf der ganzen Welt, die bereits vom Klimawandel betroffen sind und manchmal auch jetzt schon sterben. Es ist für die Zukunft unserer Kinder, für die Zukunft ihrer Kinder und für die Zukunft der Artenvielfalt.

Meiner Meinung nach lohnt sich das Opfer wegen der enormen Vorteile, die das für die Gesellschaft haben wird – sowohl für die menschliche als auch für die nicht-menschliche.

Was gibt Ihnen Hoffnung?

Kevin Anderson: Vor drei Jahren fiel es mir wirklich schwer, diese Frage zu beantworten. Was mir nun Hoffnung gibt, sind die politischen Bewegungen, die Jugendbewegungen und das gesamte Spektrum der zivilgesellschaftlichen Organisationen. Es sind nicht nur die Märsche, die großen Demonstrationen, über die die Presse berichtet, sondern die Arbeit dahinter.

Immer mehr Leute analysieren die Politik, hinterfragen die Zahlen und entwickeln alternative Szenarien. Sie sind zahlenmäßig der kleinen Elite des Davoser Clusters überlegen. Ich hoffe, dass sie sich Gehör verschaffen und die Politik verändern können. Auf kommunaler Ebene sehen wir schon, dass Bürgermeister und Gemeinderäte eine Politik vorantreiben, die ambitionierter ist als die unserer nationalen Regierungen, auch wenn es bisher noch nicht reicht. Das zivilgesellschaftliche Engagement ist absolut wichtig und gibt mir Hoffnung.

Prof. Kevin Anderson hat einen Lehrstuhl an der School of Engineering der Universität Manchester und am Centre for Environment and Development Studies (CEMUS) der Universität Uppsala inne. Er war zuvor Direktor des Tyndall Centre for Climate Change Research. Anderson veröffentlicht seine Forschungsberichte u.a. in Science, Nature und Nature Geosciences. Anderson berät diverse Regierungen und Behörden (EU, Großbritannien und Schweden) zu Themen wie Schiefergas, Luftfahrt und Schifffahrt bis hin zur Rolle der Klimamodellierung (IAMs), Kohlenstoffbudgets und „negativen Emissionstechnologien“. Er hat Paris-konforme Kohlenstoffbudgets errechnet und Empfehlungen für das britische Klimaschutzgesetz erarbeitet. Zudem berät Anderson Greta Thunberg in wissenschaftlichen Fragen.

Erstveröffentlicht in „telepolis“
https://www.telepolis.de/features/Die-Eliten-versagen-sie-sind-unfaehig-auf-die-Klimakrise-zu-reagieren-7165581.html

Wir danken für das Abdruckrecht.

Allied Grounds: Public Talks – Umweltbewegung, grüner Kapitalismus, Arbeiter*innen Initiativen …

Allied Grounds: Public Talks an den Abenden des 5., 6. und 7. Oktobers im Haus der Demokratie und Menschenrechte

An den Abenden des 5., 6. und 7. Oktober lädt die Konferenz “Allied Grounds” die Öffentlichkeit zu Vorträgen ein. Wissenschaftler*innen, Aktivist*innen und Kulturschaffende aus mehr als 25 Ländern werden die politisch-diskursiven Anliegen des Projekts “Allied Grounds” aus drei thematischen Perspektiven diskutieren: “Agents of System Change,” “Resisting Green Jobs,” and “Politics of Translation”. Alle Veranstaltungen finden um 19:00 Uhr im Haus der Demokratie und Menschenrechte, Greifswalder Straße 4, 10405 Berlin, statt. Der Eintritt ist frei.

„Agents of System Change“ · 5. Oktober · 19:00 Uhr

Die moralische Kraft der Umweltbewegungen im Globalen Norden scheint unbestreitbar: Sie haben Recht, was die Zerstörung des Planeten und deren desaströse Folgen für die Mehrheit der Weltbevölkerung anbetrifft. Aber sind diese Bewegungen tatsächlich in der Lage, zu Agenten eines grundlegenden Wandels zu werden, nämlich des Übergangs vom Kapitalismus zum feministischen Ökosozialismus? Die Eröffnungsveranstaltung der „Allied Grounds“-Konferenz am Donnerstag, den 5. Oktober, wird uns dazu einladen, 1) das kämpfende globale Proletariat als Akteur eines systemischen Wandels neu zu bewerten, insbesondere die informellen Arbeiter*innen und Subsistenzarbeiter*innen, die zu „flüchtenden Arbeiter*innen“ geworden sind und 2) Ansätze zu diskutieren, die den für diesen Wandel notwendigen Boden für neue Allianzen bereiten. Referent*innen: Jennifer Kamau, Florin Poenaru. Moderation: Claudia Núñez.

„Resisting Green Jobs“ · 6. Oktober · 19:00 Uhr

„Grüne Jobs“ sind ein Projekt der herrschenden Klassen, um neue Möglichkeiten für exzessive Profitmacherei zu schaffen. Dagegen anzugehen bedeutet nicht zuletzt, einen Blick auf so unterschiedliche Arbeiter*innenorganisationen wie die großen Gewerkschaften und die Ableger des Anarchosyndikalismus zu werfen: Erliegen sie den Versprechungen des grünen Kapitals, oder kämpfen sie für wirklich nachhaltige Arbeitsplätze? Die zweite öffentliche „Allied Grounds“-Veranstaltung am Freitag, den 6. Oktober, wird die jüngsten Fälle einer ökologischen Politisierung innerhalb der Arbeiterinnenklasse in Süd- und Osteuropa erörtern und untersuchen, 1) wie Klimaaktivist*innen versuchen, den Boden für neue Allianzen mit Arbeiter*innen zu bereiten und 2) wie Forscher*innen in diesem Kontext einen Beitrag leisten können. Referent*innen: Svjetlana Nedimović, Paola Imperatore, Francesca Gabbriellini. Moderation: Rositsa Kratunkova.

„Politics of Translation“ · 7. Oktober · 19:00 Uhr

Arbeiter*innen aller Art übernehmen ihre Arbeitsplätze und organisieren sie nach horizontalen, nachhaltigen Prinzipien: ohne Chefs, ohne den Zwang, Profit zu machen, ohne die Trennung zwischen Produktion und Reproduktion. Gleichzeitig verändern und erweitern sich die Wertschöpfungsketten des Kapitals in einer Weise, die es schwieriger macht, aufbegehrende Arbeiter*innen zu identifizieren und zu vernetzen. Die dritte und letzte öffentliche Veranstaltung der „Allied Grounds“-Konferenz am Samstag, den 7. Oktober, wird der Frage nachgehen, wie eine Politik der Übersetzung aussehen könnte, die es ermöglicht, Kämpfe und Solidaritäten über verschiedene Räume, Maßstäbe und Subjektivitäten hinweg zu artikulieren und miteinander ins Gespräch zu bringen. Referenten: Dario Azzelini, Lorenzo Feltrin, Brett Neilson. Moderation: Anna Saave.

Wenn Sie Informationen über diese Veranstaltungen weiterleiten möchten, können Sie diesen Link verwenden: https://berlinergazette.de/de/allied-grounds-public-talks

Sie können unseren Beitrag auch über das soziale Netzwerk, formerly known as Twitter, teilen: https://twitter.com/berlinergazette/status/1706221705394274590

Zur Einstimmung auf die Konferenz können Sie sich einen Videovortrag von Harsha Walia über den Kampf der internationalistischen und multirassischen Arbeiter*innen gegen die Öko-Apartheid ansehen. Weiteres Material ist auf der Website des Projekts „Allied Grounds“ zu finden.

Foto Titelbild :Öffentlicher Vortrag auf der BG-Konferenz 2019. Foto: Norman Posselt.

Frieden mit der Erde schließen“ – Ein ökofeministisches Manifest

Wir stellen zur Diskussion. Absolut eine Art anderer Feminismus und ökologische Verantwortung als es uns von Regierungsseite verkauft und geradezu aufgedrängt wird.

21.09.23 – Pressenza Muenchen

Anlässlich des Internationalen Tages der Umwelt stellte Dr. Vandana Shiva, Gründerin von Navdanya, am 5. Juni diesen Jahres zusammen mit weiteren Frauen der internationalen Bewegung Diverse Women for Diversity (DWD) auf einer Pressekonferenz in Rom das ökofeministische Manifest „Making Peace with the Earth“ vor. Das von Navdanya veröffentlichte Manifest ist nun auch in der deutschen Übersetzung unter dem Titel „Frieden mit der Erde schließen durch Vielfalt, Gegenseitigkeit, Gewaltlosigkeit und Fürsorge“ erschienen.

Internationales Frauennetzwerk Diverse Women for Diversity

Die vor über 25 Jahren gegründete Bewegung Diverse Women for Diversity (DWD) ist ein internationales Frauennetzwerk, das als Reaktion auf die Bedrohung der biologischen und kulturellen Vielfalt durch die Globalisierung entstand. Bereits auf dem Welternährungsgipfel 1996 erklärte DWD, dass die Antwort auf die durch konzerngesteuerte Agrarindustrie verursachten Probleme wie Krankheiten, Hunger und Umweltzerstörung die Stärkung der Ernährungssouveränität in den Händen der Frauen ist.

Heute ist das Netzwerk auf allen Kontinenten vertreten. Ziel ist es, die Energien von Frauen zu bündeln, um Alternativen auf der Grundlage von Gleichheit, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Frieden zu formulieren und anzubieten. Neben Vandana Shiva und vielen weiteren Frauen aus aller Welt wie der südafrikanischen Friedensaktivistin Ela Gandhi sind auch die deutsche Biologin und Umweltaktivistin Christine von Weizsäcker sowie die österreichische TV-Köchin und Mitglied des Europäischen Parlaments Sarah Wiener Teil des Netzwerks.

Entstehung des Manifests „Frieden mit der Erde schließen“

Vor dem Hintergrund des zunehmenden Klimachaos und der Konflikte um natürliche und wirtschaftliche Ressourcen trafen sich vom 2. bis 8. März diesen Jahres mehr als einhundert Frauen aus allen Teilen der Welt auf der Navdanya Biodiversity Conservation Farm am Fuße des Himalaya, um Erfahrungen auszutauschen und alternative Strategien zu entwickeln. Zum Abschluss des Treffens wurde ein gemeinsames Dokument verfasst, um die Stimmen von Bäuerinnen, Aktivistinnen, Saatguterhalterinnen und Forscherinnen aus der ganzen Welt zu bündeln und gemeinsam die soziale und ökologische Verantwortung der industriellen Landwirtschaft und der neoliberalen Wirtschaft anzuprangern.

„In einer Welt, die zunehmend vom Überwachungskapitalismus und der Finanzialisierung aller Lebensformen kontrolliert wird, lehnen wir alle falschen Lösungen ab und verurteilen sie. Wir widersetzen uns allen Versuchen der Konzerne und ihrer Verbündeten, die genetischen Grundlagen des Lebens für den Profit der Konzerne zu verändern und zu manipulieren. Wir akzeptieren keine gentechnisch veränderten Pflanzen und Tiere, einschließlich genmanipulierter Lebensmittel, oder gefälschte Lebensmittel, die zu einer noch größeren Monopolisierung durch die Konzerne führen und die biologische Vielfalt weiter zerstören.“

Die Rolle der Frauen

Die industrielle Landwirtschaft mit ihrer inhärenten Abhängigkeit von Pestiziden und chemischen Düngemitteln, fossilen Brennstoffen, Monokulturen und gentechnischer Manipulation ist einer der größten Verursacher der Zerstörung von Ökosystemen, von Biodiversitätsverlust und Treibhausgasemissionen. Landraub, Patentierungen und Monopole bedrohen weltweit die biologische und kulturelle Vielfalt sowie kleinbäuerliche Strukturen, die vor allem im globalen Süden oft von Frauen getragen werden.

So stellen Frauen weltweit 43 % der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte, sind jedoch in Bezug auf Land- und Viehbesitz, gleiche Bezahlung, Entscheidungsbeteiligung und Zugang zu Krediten und Finanzdienstleistungen stark diskriminiert. Weltweit sind Frauen stärker von Ernährungsunsicherheit und Hunger bedroht als Männer. Wie in den SDG festgelegt, ist die Gewährleistung sicherer Landrechte für Frauen eine notwendige Voraussetzung für die Beseitigung von Armut und Hunger und die Verwirklichung der Gleichstellung der Geschlechter. Nach Angaben der Vereinten Nationen können Frauen mit den gleichen Ressourcen wie Männer die landwirtschaftlichen Erträge um 20-30% steigern und damit das Problem des Hungers um 12-17% verringern. Quelle

Antworten auf die Krisen unserer Zeit

Das in sechs Kapitel aufgeteilte Manifest wurde von über dreißig Mitwirkenden verfasst, wobei die verschiedenen Stimmen die kollektive Botschaft des Manifests widerspiegeln: Vielfalt ist der Schlüssel zum Überleben. Die Antworten auf die aktuellen Krisen liegen in indigenem Wissen und Frauen, in der Agrarökologie und Ernährungssouveränität, in der Rückgewinnung der Gemeingüter, der Regeneration der Erde und der menschlichen Gemeinschaften, in Dezentralisierung, Diversität und Demokratie sowie im Frieden unter der Nationen und mit der Erde.

„Gegenwärtig gibt es über 27 Kriege in der Welt, in denen riesige Summen für Rüstungsgüter ausgegeben werden, die Giftstoffe ausstoßen und unsere Ökosysteme schädigen. Diese Gelder könnten stattdessen in die Verbesserung der Gesundheit von Millionen von Frauen und Kindern fließen, die von unserer Fürsorge, unserer Wissenschaft und unserem Wissen profitieren könnten, sowie in Millionen von geschädigten Gebieten, die dazu beitragen könnten, die Krise des Klimas zu mildern.“

Aufruf zum Handeln

Das Manifest ist ein Aufruf zum Handeln, der sich sowohl an Staats- und Regierungschefs und internationale Organisationen als auch an Basisbewegungen und an alle Menschen richtet, um das Paradigma der Gier, des Extraktivismus und der Trennung der Menschheit von der Natur zu verlassen und zu einer Wirtschaft der Fürsorge überzugehen, die die Ökosysteme, von denen wir abhängen, nährt und die Schäden repariert, die bisher angerichtet wurden. Ein »weiter so« ist nicht mehr akzeptabel. Stattdessen fordert das Manifest den Übergang zu lokalen, biodiversen, ökologischen Systemen, die in Harmonie mit der Natur und miteinander arbeiten.

„Wir sind alle durch die biologische Vielfalt miteinander verbunden, von den Mikroorganismen im Boden über die Pflanzen und Tiere bis hin zu unseren Lebensmitteln und unserem Mikrobiom. Wir brauchen Vielfalt in den Lebensmittelsystemen, Vielfalt beim Saatgut, Vielfalt bei den Lebensmitteln und in den Volkswirtschaften. Wir alle sind durch diese lebendigen Netze der Vielfalt geschaffen und miteinander verbunden.“

Auf der Pressekonferenz in Rom, bei der das Manifest erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, schloss Dr. Shiva mit den folgenden Worten, gerichtet an die Patriarchen dieser Welt:

„Hände weg von unserem Saatgut und von unserer Nahrung. Wir werden diese schöne Erde, ihre Artenvielfalt, unsere Nahrung und unsere Zukunft mit unserer tiefsten Liebe und mit tiefstem Widerstand aus dieser tiefen Liebe heraus verteidigen.“

Wir danken Pressenza für die Publikationsrechte, hier der Link!

Das gesamte Manifest „Frieden mit der Erde schließen“ als PDF-Download

Diese Seite verwendet u. a. Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung