Das Lied, das alle Linken singen

Es geht um eine Blume: Andreas Löhrer hat die Geschichte von »Bella ciao« untersucht

Markus Mohr

Im Jahr 1958 veröffentlichte die Zentralleitung der Pionierorganisation »Ernst Thälmann« in der DDR unter dem Slogan »Seid bereit!« ein Liederbuch. In der Einleitung wurde ausgeführt, dass man überall, wo auch immer man dazu komme, sei es »auf Wanderungen, Fahrten, in den Pionierlagern«, aber auch – wie es formuliert wurde – »bei unserer gesellschaftlich-nützlichen Tätigkeit«, singen solle und auch wolle.

Die Zentralleitung wünschte sich, dass eben diese Lieder »von unserer schönen Heimat, (…) vom Kampf der Menschen für Frieden und Sozialismus, von der Völkerfreundschaft, von Freude und Frohsinn und den großen Taten der neuen Menschen beim sozialistischen Aufbau« erzählen sollten. Und so wurde das Liederbuch auch gleich mit der Nationalhymne der DDR eröffnet.

In dem Liederbuch finden sich etwa 130 Lieder nach Gruppen geordnet, eine heißt »Ich trage eine Fahne«. Und siehe da: Unter der Überschrift: »Eines Morgens in aller Frühe« findet sich dort ein »italienisches Partisanenlied« abgedruckt. Der Text stammt dabei von Hans Berner, der als Verwundeter aus dem Zweiten Weltkrieg zurückgekehrt war und danach 30 Jahre lang als Musik­dozent am Institut für Lehrerbildung in Quedlinburg arbeitete.

Der Text des Liedes handelt aber gar nicht vom Tragen einer Fahne. Er handelt auch nicht von einem Aufbau, von einer Freude oder einem Frohsinn oder mutmaßlich großen Taten der neuen Menschen, sondern, viel schlichter, von einer »kleinen, ganz zarten Blume«. Von dieser Blume sagen alle Leute, die vorübergehen, dass es die Blume des Partisanen sei, »der für unsere Freiheit starb«. Das Lied hat sechs Strophen. Für den Refrain »Bella ciao, bella ciao, bella ciao, bella ciao, ciao, ciao« merkte die Redaktion für die Jungen Pioniere an: »Ciao: sprich: tschau.« Das ist der erste Abdruck von »Bella ciao« in einem deutschen Buch.

Mittlerweile ist das Lied auf der ganzen Welt populär. Hannes Wader singt es genauso wie die Schauspieler in der Netflix-Serie »Haus des Geldes« (als Remix des französischen DJ Hugel). Der Übersetzer Andreas Löhrer hat nun die Geschichte des Lieds untersucht, mit einer geradezu minimalistischen Fragestellung: »Wie kam es zum Partisanenlied? Ist es überhaupt ein echtes Partisanenlied oder wurde es erst in der Nachkriegszeit geschrieben? Gibt es eventuelle Vorläufer?«

Löhrer, der Mitarbeiter der Walter-A.-Berendsohn-Forschungsstelle für deutsche Exilliteratur der Universität Hamburg war, holt in seiner Recherche weit aus und betrachtet die Vorgeschichte der italienischen Resistenza in ihrem Kampf gegen den Faschismus in den Jahren 1943 bis 1945.

In der ursprünglichen Fassung wurde das Lied mutmaßlich in der Po-Ebene von Reisearbeiter*innen gesungen und im Zweiten Weltkrieg von der Resistenza adaptiert. Seinen skandalumwitterten Durchbruch erlebte es 1964 in Umbrien, beim »Festival der zwei Welten« im kleinen Städtchen Spoleto, als es in zwei Fassungen gesungen wurde. Dabei ging die Version der Reisarbeiter*innen – »Und bei den Insekten und bei den Mücken / Oh bella ciao, bella ciao, bella ciao, ciao, ciao / muss ich harte Arbeit tun« – in die Partisanenversion über, indem alle anderen Sängerinnen und Sänger im Hintergrund einsetzten und die erste Version übertönten: »Und falls ich als Partisan sterbe / oh bella ciao, bella ciao, bella ciao, ciao, ciao / Und falls ich als Partisan sterbe / Dann musst du mich begraben.«

Ein Teil des Publikum reagierte mit Applaus, ein anderer Teil ärgerte sich: »Ich habe nicht 1000 Lire Eintritt bezahlt, um auf der Bühne mein Dienstmädchen singen zu hören!«, soll laut Löhrer eine mit reichlich Schmuck behängte Dame aus besserem Hause geflucht haben. Und am Ende kamen Carabinieri auf die Bühne, die nach den Verantwortlichen für die aufsässigen Lieder fragten und dann die Personalien der Sänger*innen aufnahmen.

Bei den folgenden Aufführungen auf dem Festival versuchten angereiste Faschisten aus Rom das Singen von »Bella ciao« zu verhindern, wogegen sich die Musiker verteidigten, indem sie mit ihren Gitarren um sich schlugen. Das Festival von Spoleto erlebte ein enormes Presseecho: Die Rechten sprachen von einem Skandal, aber aus ganz Italien trafen von Musiker*innen und Intellektuellen Solidaritätstelegramme ein. Seitdem war das Lied in aller Munde.

In insgesamt 35 kurzweilig zu lesenden Kapiteln verfolgt Löhrer den Weg dieses Liedes nach seiner in Spoleto 1964 von Tumulten begleiteten Rezeption bis in die jüngste Gegenwart. Dabei macht sich der Autor die auf Youtube verfügbaren Versionen von den frühen 60er Jahren bis heute zunutze, die in der Einleitung mit einem QR-Code nachgewiesen sind, der zu allen von ihm beachteten 46 Versionen von »Bella ciao« führt und auch zu Interviews mit Zeitzeugen.

Die Liste der Interpreten dieses Liedes ist eindrucksvoll: Sie reicht von Yves Montand, Milva und Zupfgeigenhansel bis hin zu der burmesischen Punk-Band The Rebel Riot X Cacerolazo. Es gibt mittlerweile so gut wie kein Land mehr auf der Welt, in dem »Bella ciao« nicht gesungen wird – und immer aus dem Geist des Protestes und des Widerstands. Die Melodie findet sowohl in Israel im Widerspruch gegen die Justizreform der Netanjahu-Regierung als auch in Palästina als Protest gegen die Okkupation des eigenen Territoriums Verwendung. Aber auch italienische Gewerkschafterinnen lassen es sich nicht nehmen, den Auftritt der Postfaschistin Giorgia Meloni auf einem Gewerkschaftstag der CGIL durch das Singen von »Bella ciao« zu stören und ihr erkennbar die Laune zu verhageln. Auch das kann als ein Beleg für die Aussage der Partisanin Marie Freçais gelesen werden, die es in der französischen Résistance verbreitete und einst vorhersagte: »Dieses Lied, das wir geschrieben haben, wird am Ende triumphieren und Lili Marleen umbringen.«

Andreas Löhrer hat aus der Recherche zu seinem Ursprung, seiner Geschichte und seiner anhaltenden Wirkung ein großartiges Buch gemacht.

Andreas Löhrer: Bella ciao. Auf den Spuren eines Partisanenliedes. Edition AV Bodenburg, 182 S., br., 16 €.

Erstveröffentlicht im nd v. 6.1. 2024
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1179006.andreas-loehrer-bella-ciao-ist-das-lied-das-alle-linken-singen.html?sstr=Das|Lied

Wir danken für das Publikationsrecht.

Schwarzbuch Krankenhaus

6. Dezember 2023, 19:30 – 22:00 Uhr

Das Schweigen brechen | Szenische Lesung


Veranstaltungsort
Volksbühne, Roter Salon
Rosa-Luxemburg-Platz
10178 Berlin

 

Kliniken sind am Limit. Menschen sterben, weil am Personal gespart wird. Täglich spielen sich unvorstellbare Szenen ab. Von Neugeborenen, die ins Leben stürzen, weil keine Hebamme da ist, um sie aufzufangen. Über Patient*innen, die nicht davon abgehalten werden können, sich im Krankenhaus das Leben zu nehmen, weil die Kolleg*innen völlig überarbeitet sind. Bis hin zu Menschen, die in Wartezimmern unbemerkt versterben.

Wir sind ein Kollektiv aus Krankenhausbeschäftigten aus ganz Deutschland, die angesichts der eigenen Arbeitserfahrungen nicht länger still sein können. Uns eint der Wunsch, das Gesundheitssystem von Grund auf zu verändern, um endlich wieder unserem professionellen Anspruch und den Bedürfnissen unserer Patient*innen gerecht zu werden. Wir kämpfen für eine Aufwertung sorgender Berufe und dagegen, dass mit Gesundheit Profite
gemacht werden.

Die Veranstaltung wird organisiert von Beschäftigten im Krankenhaus, dem Berliner Bündnis Gesundheit statt Profite, der Rosa-Luxemburg-Stiftung und ver.di.

Mit Live-Musik von «Walk of Care».


Eintritt: 8 Euro / erm. 5 Euro

„Tel Aviv – Beirut“ – Gewehre im Anschlag

Bild: Die Regisseurin Michale Boganim bei der Präsentation des Filmes „Tel Aviv – Beirut“ in Paris am 2. Mai 2023. Foto: Berzane Nasser (CC-BY-SA 4.0 cropped)

Peter Gutting
film-rezensionen.de

Der zweite Spielfilms der französisch-israelischen Regisseurin Michale Boganim erzählt in starken Bildern und schockierend aktuell von den zwischenmenschlichen Kosten zweier Angriffskriege.

Es war einmal eine Bahnlinie. Sie führte vom israelischen Tel Aviv bis nach Beirut im Libanon. Was heute märchenhaft klingt, steht für eine Sehnsucht: Dass die ewigen Kriege im Nahen Osten einmal enden mögen. Ganz einfach deshalb, weil sie kein Naturgesetz sind, wie man denken könnte, wenn man nach 1948 geboren ist, dem Gründungsjahr des Staates Israel. Sondern dass sie von Menschen gemacht werden, die diesseits und jenseits der heutigen Grenzen gerne Hummus mit Pita Brot essen, deren Politiker, Armeen und Milizen aber auf die gemeinsamen kulturellen Wurzeln pfeifen. Die französisch-israelische Regisseurin Michale Boganim erzählt in ihrem zweiten langen Spielfilm von dieser Utopie, die sich poetisch über die harte Realität der beiden Libanon-Kriege und das vergessene Schicksal von Israels libanesischen Helfern legt.

Gewehre im Anschlag

Eine heilige Prozession durch ein kleines südlibanesisches Dorf 1984, zwei Jahre nach der israelischen Besetzung: Tanya (Zalfa Seurat, hier als Kind: Maayane Elfassy Boganim) trägt das Holzkreuz an der Spitze der singenden Gemeinschaft, die auf dem Weg zur Kirche ist. Eine friedliche Szenerie, wäre da nicht der israelische Soldat, der mit dem Gewehr im Anschlag nebenher läuft und für die Sicherheit der Christen sorgen will. Dass dies keine übertriebene Vorsicht ist, zeigen die Schüsse, die plötzlich fallen, gefolgt von Bombeneinschlägen. Die Gläubigen müssen jetzt rennen bis zum Gotteshaus, mit knapper Not schaffen sie es ins Innere. Mit solchen Kontrasten arbeitet der Film durchgängig. Das Brutale mischt sich ins Heilige, die Realität in den Wunsch nach Frieden, das militärisch-männliche Prinzip in die Fürsorge und Mütterlichkeit der Frauen.

Erzählt wird die Geschichte über 22 Jahre und drei Episoden, die in den Jahren 1984 (zwei Jahre nach dem ersten Einmarsch Israels in den Südlibanon), 2000 (Sieg der Hisbollah und Rückzug der Israelis) und 2006 (zweiter Libanonkrieg) spielen. Man muss sich jedoch nicht mit den komplizierten Verhältnissen in Nahost auskennen, um den beiden parallelen Handlungslinien zu folgen, die sich kurz zu Beginn und dann ausgiebiger am Ende treffen. Sie handeln von den beiden Frauen, mit deren Augen wir auf die Ereignisse schauen. Tanya wächst im Südlibanon während der ersten Besatzung auf. Sie muss später mit ihrem Vater Fouad (Younes Bouab), einem Kollaborateur der Israelis, über die Grenze nach Nordisrael fliehen und ihre grosse Liebe verlassen. Zur gleichen Zeit bringt im israelischen Haifa die junge Myriam (Sarah Adler) ihren Sohn Gil (Noam Boukobza) zur Welt. Myriam ist eigentlich Französin und nur der Liebe wegen nach Israel gegangen, um dort Yossi (Shlomi Elkabetz) zu heiraten. Aber Yossi ist eigentlich die ganze Zeit weg, schon als 20-Jähriger kämpft er im Libanon. Dort rettet er in der ersten Episode der kleinen Tanya das Leben, weshalb er bei Tanyas Eltern ein gern gesehener Gast ist.

Erschreckend aktuell

Ist das nicht alles lange her, könnte man fragen, wenn man nicht wie Autorenfilmerin Michale Boganim (La Terre Outragée, 2011) in Haifa geboren wurde, in Jerusalem studierte und 2006 während des zweiten Libanonkrieges in Tel Aviv lebte. Die Brutalität der israelischen Armee habe sie damals schockiert, erzählt die französisch-israelische Regisseurin im Interview. Sie begann zu recherchieren und entdeckte unter anderem die vergessene Geschichte derjenigen Libanesen, die mit den Israelis zusammenarbeiteten und dann von ihnen bei deren Abzug verraten wurden. Nicht nur in diesem Punkt erweist sich Boganims Film als erstaunlich aktuell, wenn man an die sogenannten „Ortskräfte“ in Afghanistan denkt. Sehr heutig ist auch die Eigendynamik der oft von Testosteron getriebenen Militärlogik, die sich anscheinend verselbstständigt und gar nicht mehr zum Frieden zurückfindet, sondern quasi vom Vater auf den Sohn vererbt wird über Jahrzehnte.

Wenn Yossi als blutjunger Mann zum ersten Mal in den Krieg zieht, zeigt er noch menschliche Regungen und weiss gar nicht, was er eigentlich in dem fremden Land verloren hat (so wie heute die Russen in der Ukraine). Aber als langgedienter Offizier hat er nichts Besseres zu tun, als seinen Sohn Gil zum Wehrdienst zu überreden, statt ihn gleich nach dem Abitur in Paris studieren zu lassen, wo er an der renommierten Sorbonne angenommen wurde.

Auch wenn Tel Aviv – Beirut in der Nebenhandlung um Gil etwas konstruiert wirkt (er ist ausgerechnet einer der beiden realen Soldaten, die im zweiten Libanonkrieg von der Hisbollah als Geiseln genommen wurden), so punktet der Film doch mit seiner starken Bildsprache und dem Fokus auf der Solidarität der Frauen, die keine Grenzen kennt. Vom realen Geschehen her erzählt der Film eine traurige Geschichte, aber seine Visualität transportiert die Hoffnung des „trotz alledem“. Sie ist durchtränkt vom Licht des nahen Mittelmeeres, von der Schönheit der kargen Landschaften. Und von der pragmatischen Zärtlichkeit, mit der Mütter für ihre Kinder und Krankenschwestern für die Opfer des Krieges sorgen. Wenn es eines Beweises bedürfte, dass es eine spezifisch weibliche Handschrift beim Filmemachen gibt – hier ist er.

Tel Aviv – Beirut
Frankreich, Deutschland
2022 –
116 min.
Regie: Michale Boganim
Drehbuch: Michale Boganim
Darsteller: Zalfa Seurat, Maayane Elfassy Boganim, Shlomi Elkabetz
Produktion: Frédéric Niedermayer
Musik: Avishai Cohen
Kamera: Axel Schneppat
Schnitt: Anne Weil

**** VERFÜGBAR IN DER ARTE-MEDIATHEK ***

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 4.0) Lizenz.

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