Waffen runter, Löhne rauf – Friedenspolitische Gewerkschaftskonferenz

Die Friedensbewegung innerhalb der Gewerkschaften zeigt mit einer weiteren Konferenz Flagge. Forum Gewerkschaftliche Linke Berlin und der Arbeitskreis Internationalismus IG Metall Berlin informieren und rufen zur Teilnahme auf!

Waffen runter, Löhne rauf!

Friedenspolitische Gewerkschaftskonferenz

Gemeinsam veranstaltet von ver.di Bezirk Stuttgart und Rosa Luxemburg Stiftung

VERANSTALTUNGSORT

Gewerkschaftshaus Stuttgart
Willi-Bleicher-Str. 20
70174 Stuttgart

ZEIT

14.06.2024, 13:00 – 15.06.2024, 16:00 Uhr

Die Konferenz findet vor Ort im Gewerkschaftshaus Stuttgart statt und wird auch im Livestream online  übertragen.

Aus dem Aufruf der Veranstalter“

„Wir erleben aktuell, dass die Bundesregierung im Windschatten der weltpolitischen Entwicklungen einen Aufrüstungskurs verfolgt. Eine Politik von Sanktionen und Gegensanktionen befeuert die Inflation. Während der Anstieg der Löhne 2022 nahezu unverändert blieb, hat sich der Anstieg der Preise vervielfacht: So stiegen die Verbrauchspreise doppelt und die Nahrungsmittelpreise vier Mal so stark. Inzwischen können 5,5 Millionen Menschen aus finanziellen Gründen ihre Wohnung nicht richtig heizen. Doch während für die Mehrheit das Leben immer teurer wird – nicht zuletzt durch die Sozialkürzungen der Bundesregierung – gibt es einen Bereich, der von Einsparungen verschont bleiben soll: der Militäretat. Diese Prioritätensetzung zeigt: Der Aufrüstungskurs der Bundesregierung, unterstützt von CDU/ CSU und AfD, verkleinert finanzielle Spielräume für die Bekämpfung von Armut, den Ausbau der öffentlichen Infrastruktur und notwendige Investitionen in den Kampf gegen den Klimawandel. Umverteilungspolitik ist auf eine friedensstiftende Außenpolitik der Bundesregierung angewiesen. Kriege und internationale Spannungen dagegen verhindern die notwendige weltweite Zusammenarbeit zur Bekämpfung von Klimawandel und Krise.

Gleichzeitig nimmt die reale Kriegsgefahr auch für die Menschen in der Bundesrepublik deutlich zu. Statt jetzt auf mehr internationale Friedenspolitik zu setzen, will Verteidigungsminister Boris Pistorius Deutschland wieder kriegstüchtig machen und fordert einen gesellschaftlichen Mentalitätswechsel. Und Friedrich Merz hält vor Fachleuten aus Sicherheitspolitik, Militär und Rüstung eine Grundsatzrede, in der er noch darüber hinausgeht und zu verstehen gibt, dass das 100 Milliarden Euro Sondervermögen allenfalls als «Anschubfinanzierung» zu verstehen sind. Eine Politik, die nicht nur aus sicherheitspolitischen Gründen eine Katastrophe ist, sondern auch aus ökologischen: Krieg ist der größte Klimakiller. Je mehr sich also ökologische, verteilungs- und außenpolitische Fragen ineinander verschränken, desto stärker müssen auch die Gewerkschaften ihre Rolle als Friedensorganisationen ausfüllen. Sowohl der DGB-Bundeskongress als auch die Gewerkschaftstage von ver.di und der IG Metall haben gezeigt: In den Gewerkschaften ist dazu eine breite Debatte im Gänge. „

Alle weiteren Informationen, Programm und zur Anmeldung hier
KONTAKT: Ines Schwerdtner
Rosa-Luxemburg-Stiftung
E-Mail: Ines.Schwerdtner@rosalux.org

Woker Lifestyle-Militarismus oder: Die GRÜNEN an der Macht – Ein Epitaph

Die heutigen GRÜNEN haben mit der Partei, die 1983 in den Bundestag einzog, noch nicht mal mehr den Namen gemeinsam. Statt sich mit allen Kräften für ein Ende der Kampfhandlungen im Ukrainekrieg und für eine diplomatische Lösung einzusetzen, eskalieren sie fröhlich bis über die Schmerzgrenze hinaus.

Beitragsbild: Mit diesem Titelfoto befasste sich DER SPIEGEL mit dem gleichen Thema.

Von Leo Ensel

Liebe GRÜNE,

eure Politik, die seit zweieinhalb Jahrzehnten nichts, aber auch gar nichts mehr mit euren friedensbewegten Wurzeln der Achtziger Jahre zu tun hat – was offenbar die Wenigsten zu stören scheint; ja, die Allerwenigsten überhaupt realisieren –, ist einfach nicht mehr zu ertragen. Sie schreit nach Widerspruch. Kurz und in klarer deutscher Prosa: Ich hoffe, ihr werdet zusammen mit der AFD bei den kommenden Europawahlen ein krachendes Desaster, euer Waterloo erleben! Überhaupt möchte ich euch schnellstmöglich auch im Bundestag wieder auf der wohlverdienten Oppositionsbank sehen. Und das sagt euch jemand, der euch 30 Jahre lang so treu und brav gewählt hat, wie dessen Eltern seinerzeit die CDU.

Aber spätestens seit zehn Jahren ist damit Schluss.

Kurz zu mir: Wie Hunderttausende andere Menschen bin ich in den Achtziger Jahren in Westdeutschland auf die Straße gegangen und habe gegen die Stationierung von atomar bestückten Mittelstreckenraketen demonstriert, die im sogenannten „Ernstfall“ innerhalb von acht Minuten alle größeren westlichen Städte der Sowjetunion dem Erdboden gleich gemacht, Millionen Sowjetbürger in Leichen verwandelt und im Gegenzug das atomare Inferno in Westeuropa provoziert hätten. Damals wart ihr unsere Hoffnung. Als ihr im Frühling 1983 erstmals in den Bundestag einzogt, wart ihr das Bein der Friedensbewegung im Parlament. Und ihr habt in dieser Zeit – das sei euch nach wie vor zugestanden – den Laden gehörig aufgemischt.

Ökopax

„Ökopax“ hieß das Zauberwort, es ist bezeichnenderweise längst vergessen, damals! Ökologie, der Kampf gegen die Zerstörung der Mitwelt und der Kampf für den Frieden, also für Abrüstung, die Überwindung der Machtblöcke und für eine Welt ohne Massenvernichtungsmittel, kurz: der Kampf gegen die Vernichtung allen Lebens auf unserem Planeten – sei es durch Krieg oder „friedlich“ – gehörte damals für euch, wie für alle Menschen, die in größter Unruhe waren, selbstverständlich zusammen. Allen war klar, dass dies ein und derselbe Kampf war, nur eben an unterschiedlichen Fronten.

Das Gleiche galt für die Menschenrechte: Petra Kelly, sie trug dabei ein T-Shirt mit dem „Schwerter zu Pflugscharen“-Symbol der staatlich verfolgten DDR-Friedensbewegung, traf sich am 31. Oktober 1983 zusammen mit den grünen Bundestagsabgeordneten Gerd Bastian, Antje Vollmer, Lukas Beckmann und Otto Schily mit dem Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker in Ostberlin – und anschließend mit oppositionellen Bürgerrechtlern. Im Mai desselben Jahres waren Kelly, Bastian und andere GRÜNE sogar kurzfristig verhaftet worden, als sie auf dem Alexanderplatz ein Transparent mit der Forderung „Abrüstung in Ost und West“ entrollten. Und später, im November 1987, protestierten sie gegen die Inhaftierung von Mitgliedern der Ostberliner Umwelt-Bibliothek. Mit einem Wort: Damals wart ihr unbestechlich und habt Euch von keiner Seite vereinnahmen lassen.

Lang, lang ist‘s her!

Heute habt ihr mit der damaligen Partei noch nicht mal mehr den Namen gemeinsam. Ihr seid ein bis auf die Fassade komplett entkernter Altbau. Euer Ur-Sündenfall war eure von Joschka Fischer eingefädelte Zustimmung zum Kriegseinsatz deutscher Soldaten gegen die Bundesrepublik Jugoslawien im Frühjahr 1999, dem ersten seit dem Zweiten Weltkrieg – und gleich ohne völkerrechtliches Mandat. – Nichts weniger als Auschwitz musste dafür herhalten, eure damals noch antimilitaristische Basis in den Krieg zu locken!

Die Scham ist vorbei

Heute habt ihr solch atemberaubende Salti Mortali nicht mehr nötig. Die Pazifisten und Rüstungskritiker in eurer Partei, ja, selbst die Befürworter eines Waffenstillstands in der Ukraine sind entweder tot, kaltgestellt, weggeekelt, altersmilde oder halten freiwillig den Mund. Und ihr seid wieder an den Hebeln der Macht: mit einer Außenministerin, die für die Menschenrechte über Leichen geht und einem Vizekanzler, der vor dem saudiarabischen Kronprinzen und mutmaßlichen Kashoggi-Schlächter den Bückling macht. Aber statt UN-Charta und Völkerrecht bemüht ihr nur noch eine ominöse „regelbasierte Weltordnung“, die nirgends kodifiziert ist und offenbar kein Problem damit hat, die zivilen Opfer der aktuellen Kriege je nach Täter als „Kriegsverbrechen“ oder „Kollateralschaden“ zu verbuchen. 

Immerhin sprecht ihr Klartext: Eure Außenministerin will Russland nicht etwa nur „ruinieren“, she’s already „fighting a war against Russia“! Statt alles dafür zu tun, das wechselseitige Töten und Sterben in der Ukraine schnellstmöglich zu stoppen, liefert ihr euch zusammen mit FDP, CDU und Teilen der SPD einen schrillen Überbietungswettbewerb, was die Waffenlieferungen angeht. Ihr fallt eurem Kanzler, der zum ersten Mal Rückgrat zu beweisen scheint, mit euren Forderungen nach Taurus-Marschflugkörpern – mit denen die Ukraine immerhin den Kreml und russische Atomwaffendepots pulverisieren könnte – prompt in den Rücken, morgen werdet ihr solidarisch-tapfer auch noch „European boots on the ground!“ und „Germans to the front!“ fordern. Für Verhandlungen dagegen, für eine diplomatische Lösung macht ihr keinen Finger krumm.

Die Folgen für die geschundene Ukraine, die gerade – auch mit den von euch geforderten und gelieferten Waffen – zu Tode verteidigt wird, in der weite Landstriche durch Minen, Uran- und Streumunition auf Jahrzehnte verseucht sind, wo die verbliebenen Soldaten auf Himmelfahrtskommandos geschickt werden und Zehntausende Menschen oder mehr bereits sterben mussten? Die Folgen für unser Land, von dem ihr laut Amtseid Schaden abzuwenden habt, das ihr aber im Worst Case in den Dritten Weltkrieg hineinzieht? – So what!!

Let’s face it: Was Rüstung, Militär und Kriege angeht, seid ihr heute nichts Anderes als opportunistische Apologeten der Eskalation – die Partei des woken zeitengewendeten Lifstyle-Militarismus! Petra Kelly, Antje Vollmer und erst recht Heinrich Böll, dessen Namen ihr zu Unrecht schamlos für euch in Anspruch nehmt, rotieren im Grabe.

Was Vielfalt ist, bestimmen wir!

Unter eurer farbenfrohen Regenbogenfahne hat auch noch die skurrilste Inszenierung der exotischsten erotischen Neigung ihren Ehrenplatz – nur niemand, der sich für ein Schweigen der Waffen im Ukrainekrieg und Deeskalation mit Russland, immerhin eine Frage von Krieg und Frieden, nein: von Weiterleben und Untergang, einsetzt! 

Statt dessen belegt ihr die wenigen Politiker, Publizisten und Fachleute, die es noch wagen, sich für Diplomatie und Entspannung oder gar für ein Einfrieren des Ukrainekriegs einzusetzen, mit öffentlichem Bann, sorgt im Verbund mit den Leitmedien rigoros dafür, dass sie nichts mehr zu melden haben, grenzt sie aus, macht sie mundtot – und darauf seid ihr auch noch stolz! So sehen bei euch „Toleranz und Vielfalt“ aus. 

Und das schafft Ihr spielend, denn ihr wart längst schon zu den heimlichen Machthabern dieser Gesellschaft avanciert, bevor ihr überhaupt wieder an die Macht kamt. Die Vierte Gewalt habt ihr kampflos erobert. Nahezu sämtliche relevanten Medien, bis tief in die einst so verachtete Springer-Presse, fressen euch aus der Hand. Sie sind eure Stichwortgeber und Claqueure zugleich. Und das hat Folgen: Heutzutage erfordert es erheblich mehr Mut und „Zivilcourage“, sich mit euch, die ihr euch für sakrosankt haltet, anzulegen, als den Papst zu beleidigen!

Aber wo wart ihr, als der bedeutendste Abrüstungsvertrag der Weltgeschichte, der INF-Ver­trag – seinerzeit das unerwartet glückliche Resultat auch eures Engagements –, jämmerlich verreckte? Habt ihr damals oder gar im Vorfeld, als noch Zeit war, „Gesicht gezeigt“? Auch nur einen einzigen Mucks von euch gegeben? Ich kann mich nicht erinnern. Und warum betreibt ihr jetzt, wo es Spitz auf Knauf steht, nichts als Totalverweigerung in Sachen Diplomatie? Warum überlasst ihr alle dringendst gebotenen Aktivitäten Ländern wie Brasilien, Südafrika, China, Italien oder dem Vatikan? – Welch grandiose Leistung einer Partei, die ihre Wurzeln in der Friedensbewegung hat!

„An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“

Euer pathologisch gutes Gewissen, eure gefühlte moralische Überlegenheit, die ihr wie eine Monstranz vor euch hertragt, euer inquisitorisches Insistieren auf dem allerneuesten politisch-koketten Schönsprech, eure fürsorgliche Bevormundung sämtlicher Minderheiten auf dem Planeten – die diese ungefragt über sich ergehen lassen müssen –, euer gesinnungsethisches Jakobinertum, kurz: eure toxische Selbstgerechtigkeit macht euch blind und unfähig zu erkennen, dass ihr mit eurem tollkühnen außenpolitischen Dilettantismus den Karren nur noch tiefer in den Dreck fahrt.

„An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“, heißt es in einem berühmten Buch! Was also sind eure Früchte? Was habt Ihr erreicht mit eurer schrillen Rüstungs- und Sanktionsorgie, mit Eurer vorgeblichen Menschenrechtspolitik? Habt ihr den Krieg in der Ukraine beendet? Ein einziges Menschenleben gerettet? In „Putins Russland“ einen zu Unrecht verurteilten Oppositionellen aus dem Gefängnis oder Lager befreit? Eine Organisation davor bewahrt, mit dem Etikett „ausländischer Agent“ kaltgestellt zu werden? Wenigstens den „Fall Nordstream“ aufgeklärt?

Sorry, aber Realpolitik ist nichts für dünkelhafte Missionare, die mit Schwarzer Pädagogik Eingeborene bekehren wollen und noch bis in die letzte Körperzelle die Überzeugung ausstrahlen, dass an ihrem Wesen die Welt genesen soll! Nichts für oberlehrerhafte Entwicklungshelfer, die der anderen Seite beibiegen, wie es – angeblich – geht, zu gehen hat.

Nein, Realpolitik – Politik, die wirklich etwas bewirken, sprich: zum Besseren wenden oder noch bescheidener: wenigstens das Schlimmste abwenden will und zwar mit den Akteuren, die die Politik tatsächlich bestimmen – funktioniert anders! Geräuschlos und schon gar nicht bekenntnishaft. Das berühmte „starke und langsame Bohren harter Bretter mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich“, das vorsichtige Knüpfen von Gesprächsfäden, das mühsame Abbauen von Misstrauen im Millimetertempo über lange Zeiträume hinweg, das umsichtige Ausloten des realen Handlungsspielraums der anderen Seite, das geduldige, extrem störungsanfällige Halten von Kontakten, namentlich zu Krisen-, gar Kriegszeiten, mit einem Wort: der Aufbau von belastbarem Grundvertrauen, ohne das nichts, aber auch gar nichts geht – all dies findet in geschütztem Rahmen, bestimmt aber nicht vor laufenden Kameras statt. 

Und es erfordert Profis, die ihr Fach beherrschen: Filigrane Feinmechaniker der Diplomatie. Menschen, die die andere Seite, ihre Interessen und ihre Werte, ihre Geschichte, ihre Kultur, ihre Traumata und Tabus, aber auch ihren Stolz gut kennen und begierig sind, dies alles immer noch besser und tiefer zu verstehen. Personen, die bereit und in der Lage sind, sich probeweise in ihr Gegenüber, und sei es ihnen noch so fern, fremd oder gar unsympathisch, zu versetzen und die Welt aus dessen Perspektive wahrzunehmen. Persönlichkeiten, die sich nicht zu schade sind, zur Not als Reparaturarbeiter in die verstopften Kloaken der Politik abzutauchen, sie zu reinigen, sich, wenn es sein muss, gar mit dem „Teufel“ an einen Tisch zu setzen – und die über Souveränität und Rückgrat verfügen, öffentliche gesinnungsethische Prügel gelassen einzustecken. 

Zu Zeiten des (ersten) Kalten Krieges gab es solche Persönlichkeiten, wie unterschiedlich die jeweiligen Regierungskonstellationen auch aussehen mochten. Und sie waren mal höchst erfolgreich.

Liebe GRÜNE, Hand aufs Herz: Habt ihr solche Menschen in euren Reihen?

Erstveröffentlicht auf GlobalBridge v. 11.5. 2024
https://globalbridge.ch/woker-lifestyle-militarismus-oder-die-gruenen-an-der-macht-ein-epitaph/

Wir danken für das Publikationsrecht.

Rote Linien der Nato für Russland?

La Repubblica will aus Nato-Kreisen erfahren haben, dass zwei Szenarien erwogen werden, die einen Truppeneinsatz zur Folge haben könnten.

Von Florian Rötzer

Bild: Nato-Generalsekretär Stoltenberg mit dem ukrainischen Präsidenten Selenskij beim Besuch der National Defense University in Kiew am 29. April. Bild: https://www.president.gov.ua/ CC BY-NC-ND-4.0

Kürzlich hatte sich der französische Präsident Macron einmal wieder in der Ambiguität geübt und den Einsatz von Truppen in der Ukraine angekündigt. Nach ihm wäre ein Einsatz unter zwei Bedingungen möglich: Wenn die russischen Truppen die ukrainische Abwehr durchbrechen oder wenn die ukrainische Führung darum bittet. Er schließe nichts aus, sagte Macron: „Russland darf nicht gewinnen. Wenn Russland gewinnt, wird es in Europa keine Sicherheit geben. Wer kann versichern, dass Russland hier stoppt? Welche Sicherheit wird es für die übrigen Nachbarstaaten Moldawien, Rumänien, Polen, Litauen und andere geben?“

Tatsächlich hat sich die Nato-Rhetorik verändert, seit die ukrainische Gegenoffensive letztes Jahr gescheitert ist. Nachdem unübersehbar wurde, dass die Ukraine aufgrund Munitions- und Personalmangel schwächelt und kaum mehr beiseite gewischt werden kann, dass die ukrainischen Truppen weiter zurückgedrängt werden können und eventuell mit einer militärischen Niederlage gerechnet werden muss, wird verstärkt die Drohung geäußert, dass Russland nach dem Fall der Ukraine in die Nachbarländer, auch in Nato-Länder vorstoßen könnte. Das ist zwar jetzt angesichts der militärischen Probleme mit der Ukraine und der mangelnden Stärke der russischen Truppen abwegig, Russland würde auch bei einem Sieg oder mit dem Einfrieren des Kriegs genug Probleme mit der Sicherung der besetzten Gebiete haben. Aber die Drohkulisse ist notwendig, um bei der militärischen Durchhalteparole an die Ukraine und die Einheit der Nato-Staaten zu bleiben, dass Russland nicht gewinnen und die Ukraine nicht verlieren darf.

Auf dem Hintergrund ist plausibel, dass Macron, seitdem er im Februar erstmals davon gesprochen hat, Diskussionen der Nato-Staaten über die Entsendung von Truppen im Hintergrund zum Ausdruck gebracht hat. Die Nato-Staaten haben sich seit Abbruch der Friedensverhandlungen kurz nach Beginn des Kriegs und dem Rückzug der russischen Truppen aus Kiew, Cherson und Charkiw auf einen Sieg versteift, der mit den angeblich überlegenen Waffen und Strategien aus dem Westen, den Sanktionen und der technischen, strategischen und personellen Schwäche der russischen Armee realistisch erscheinen sollte. Seitdem wurden Hunderte von Milliarden an Geldern und Waffen in die Ukraine gepumpt. Sollte das Kriegsprojekt scheitern, war nicht nur alles vergeblich, sondern würde die Nato einen schweren Image-Schaden erleiden, wenn nach Afghanistan schon wieder eine Niederlage eingefahren wird, und ihre mühsam gekittete Einheit zerfallen, die die USA unbedingt auch im Kampf gegen China instrumentalisieren wollen, Zudem würde die Achse Russland-China enorm gestärkt werden.

Trotz der vordergründigen Rhetorik wird natürlich darüber gesprochen, welche Schritte unternommen werden sollen, wenn die Ukraine schwere Niederlagen und territoriale Verluste erfährt oder kurz vor der Kapitulation stehen würde. Und zu den Schritten gehört selbstverständlich, die personell geschwächten ukrainischen Truppen eventuell mit Truppenkontingenten aus Nato-Staaten zu verstärken. Das würde allerdings auch bedeuten, direkt zum Kriegsteilnehmer zu werden. Abwegig ist das auch nicht, denn die Nato-Länder sind bei allen Schwächen Russland wirtschaftlich, militärisch, technisch  und demografisch überlegen. Man könnte damit rechnen, dass Russland dann zwar in der Ukraine massiver zuschlagen, aber nicht in einen Krieg gegen die Nato auf deren Territorium eintreten würde. Das Risiko wäre allerdings hoch, in einen nuklearen Schlagabtausch abzurutschen, wenn die russische Führung ihrerseits eine Niederlage fürchten muss. Es wurden bereits viele rote Linien überschritten, ohne dass Russland direkt gegen Nato-Staaten reagierte, so dass innerhalb der Nato auch davon ausgegangen werden könnte, dass auch die Entsendung von Truppen hingenommen würde.

Weißrussland oder Moldawien

Die italienische Zeitung La Repubblica berichtet nun, die Nato würde einen Zusammenbruch der Ukraine fürchten und als letzten Schritt eine Intervention erwägen, wenn bestimmte rote Linien von Russland überschritten werden. Zwei solche Linien habe die Nato „in sehr vertraulicher Weise und ohne offizielle Kommunikation“ festgelegt, während emsig Bemühungen auf politischer Ebene wie von Bundeskanzler Scholz bei seinem Besuch in China und von Emmanuel Macron bei dem Besuch des chinesischen Präsidenten Xi Jinping in Paris stattfinden, China in Distanz zu Russland zu bringen. Es würde sich allerdings nur um Notfallpläne handeln, nicht um konkrete Planungen.

Ein von den Quellen der Zeitung erwähntes Kriegseintrittsszenario wäre es, wenn Weißrussland in den Krieg mit der Ukraine einsteigen sollte. Wenn die russischen Truppen in die ukrainische Verteidigungslinie durch direkte oder indirekte Mithilfe eines dritten Staates eindringen könnten, nachdem der Korridor zwischen Belarus und der Ukraine durchbrochen wurde, wäre Minsk „direkt in den militärischen Streit verwickelt“. Das würde bedeuten, dass Kiew eingenommen werden könnte, was gefährlicher wäre als ein weiterer Vormarsch in Charkiw oder Lugansk/Donezk.

Das zweite Szenario wäre der bereits von Macron erwähnte Angriff auf Nachbarstaaten wie Polen, die baltischen Staaten oder auch Moldawien, das nicht in der Nato ist. Es ist aber auch die Rede von nur einer „militärischen Provokation“, was die Schwelle sehr senken würde.

Interessant an dem Artikel ist, wenn er denn die Diskussion in der Nato wirklich wiedergibt, dass eine Intervention nur erwogen wird, wenn ein Drittstaat beteiligt ist, nicht aber wenn die Ukraine an der Front im Land Niederlagen erleidet. Nun kann man sich fragen, ob Repubblica oder Macron recht hat. Letzterer hatte ja als einen Grund für die Entsendung von Truppen einen Durchbruch der russischen Armee in der Ukraine genannt. Vermutlich herrscht im Lager der Nato-Staaten Uneinigkeit, ob überhaupt Truppen entsendet werden sollen und wenn ja, beim Überschreiten welcher roter Linien. Natürlich könnten die durchgestochenen angeblichen roten Linien auch eine Warnung an Belarus sein, am Krieg teilzunehmen, was das Kräfteverhältnisse zugunsten von Russland verschieben würde, oder eine Warnung an Russland, sich gegenüber Moldawien zurückzuhalten, wo im Oktober wichtige und richtungsprägende Präsidentschaftswahlen und ein Volksentscheid über den Beitritt zur EU stattfinden.

Erstveröffentlicht im Overton Magazin
https://overton-magazin.de/top-story/rote-linien-der-nato-fuer-russland/

Wir danken für das Publikationsrecht.

Diese Seite verwendet u. a. Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung