Ukrainische Nationalisten: Großukraine und die „totale Militarisierung der ukrainischen Gesellschaft“

Von FLORIAN RÖTZER

Bild: Großukraine wie man sie sich bei Asow vorstellt. Bild: Rainshouse

Am 22. Januar wurde in der Ukraine der Tag der Einheit gefeiert. Auch an diesem Tag fanden die Jagdszenen der Rekrutierungsagenten auf Männer statt, die man im Westen lieber nicht wahrnehmen will, weil sie die Kriegsunterstützung in Frage stellen. Die ukrainische Regierung, die unter Druck der verbliebenen europäischen Geldgeber den Krieg fortsetzen will oder muss, um Russland zu schwächen oder zu binden, und daher kriegsbeendende Kompromisse hinausschiebt, braucht mehr Soldaten zum „heldenhaften“ Widerstand bzw. zum Opfern für das Vaterland und die europäischen Interessen . Aber die gibt es nicht mehr, also müssen diejenigen, die nicht aus dem Land flüchten oder sich anderweitig freikaufen oder drücken können, mit Gewalt an die Front geschleppt werden

Die Eliteeinheiten der ukrainischen Streitkräfte sind die zahlreichen Freiwilligenverbände, die es teilweise wie etwa Asow ablehnen, Zwangsrekrutierte in ihren Reihen aufzunehmen. Die stürzen sich nicht in die Kämpfe, untergraben die Kampfmoral oder desertieren. Die meist nationalistischen Freiwilligenverbände sind zwar pro forma in die regulären Streitkräfte oder in die Nationalgarde integriert worden, weswegen sie auch Gelder und Waffen erhalten, aber sie haben eine gewisse Selbständigkeit behalten und die Möglichkeit, eigenständig Soldaten zu rekrutieren und auszubilden sowie Gelder über Spenden einzutreiben.

Für die Zukunft der Ukraine nach einem Ende des Kriegs mit territorialen Kompromissen stellen die mit allen verfügbaren Waffen ausgerüsteten nationalistischen Verbände ein hohes Risiko für einen Putsch oder einen Bürgerkrieg dar. Sie wollen nicht nur einen vom Militär geprägten Staat, sondern hegen territoriale Eroberungspläne für eine Großukraine, die Teile vom heutigen Russland umfassen soll. Es wird auch nach einem Friedensabkommen weitergehen.

Am Tag der Einheit (Sobornist) wird die am 12. Januar 1919 erfolgte Ausrufung der Vereinigung der Ukrainischen Volksrepublik (Hetmanat) und der Westukrainischen Volksrepublik (Galizien, Bukowyna, Ungarische Rus) erinnert und wiederbelebt. Die Ukraine Volksrepublik bzw. der Ukrainische Staat war ein von Deutschland und Österreich-Ungarn unterstütztes Gebilde unter dem Großgrundbesitzer und General Pawlo Skoropadskyj, der ähnlich wie später Stepan Bandera in Deutschland Zuflucht fand. Die Unterstützung ukrainischer Nationalisten ist mithin kein neues Phänomen deutscher Politik. Die nur wenige Wochen existierende Groß-Ukraine oder die wiederbelebte Ukrainische Volksrepublik umfasste bzw. beanspruchte auch größere Teile Russlands und Weißrusslands.

Ich hatte schon vor einiger Zeit darauf hingewiesen, dass der imperialistische Traum von der Großukraine nicht nur bei nationalistischen Freiwilligenverbänden, sondern auch etwa bei Dmitri Jarosch, Kommandeur der Ukrainischen Freiwilligenarmee, und Kirill Budanov, bis vor kurzem Chef des Militärgeheimdienstes und von Selenskij befördert zum einflussreichen Chef des Präsidialbüros, also zur Spitze der Regierung, herumgeistert. Im Oktober 2022 hatte Jarosch erklärt: „Es ist an der Zeit, geopolitische Ansprüche auf die von den Russen besetzten ukrainischen Gebiete zu erheben: Ukrainischer Kuban; die ehemaligen Gebiete der Kosakentruppen von Don und Tersk; die Gebiete des Grünen Keils im Fernen Osten der Ukraine; Gebiet Woronesch; Gebiet Belgorod; südliches Gebiet Kursk; Gebiet Starodub, usw. Sobornist ist Sobornist!“ (Jarosch und der Rechte Sektor: Worüber man im Westen nicht mehr sprechen will).

Bei einem Gespräch mit Journalisten in seinem Büro hatte Budanov demonstrativ eine Karte an der Wand aufgehängt und abfotografieren lassen, auf der die Großukraine in dem von Jarosch genannten Umfang, aber auch ein in Teilen zerfallenes Restrussland zu sehen war. Auf die Frage „Wir haben in Ihrem Büro eine Karte des „zerstückelten“ Russlands gesehen. Darauf sind die Regionen Kursk, Belgorod und Kuban als Teil der Ukraine mit einem schwarzen Marker eingekreist. Ist dies die nächste Stufe nach dem Erreichen der Grenzen von 1991?“ antwortete Budanow ausweichend, aber suggestiv bejahend: „Jeder sieht, was er sehen möchte. Vielleicht ist es nur eine breite Markierung. Oder vielleicht nicht.“ (Der ukrainische Geheimdienstchef und die Eroberung russischer Gebiete).

Karte der Großukraine und des geteilten Russlands, die in Budanovs Dienstraum hing. Bild: Liga.net

Das ist beispielsweise Oleksiy Rains („Consul“), ein Asow-Freiwilliger, der jetzt auch als Soldat in der 3. Sturmbrigade der ukrainischen Streitkräfte, eine Asow-Brigade, kämpft, bezeichnet sich als „Ideologe des ukrainischen Nationalismus“ und hat zur Verbreitung der Ideologie den Verlag Rainshouse gegründet. Dort wird „Literatur zur Geschichte und Praxis des ukrainischen Nationalismus“ angeboten, aber auch Bekleidung und andere Dinge „mit einer stark rechtsextremen Ästhetik“, wie es auf der Website des Verlags heißt. Als Logo dient ein Umriss der Großukraine, eben ist das Buch „Ukrainischer Imperialismus“ erschienen: „Es legt die historische, geopolitische und ideologische Rechtfertigung für die Notwendigkeit des ukrainischen Imperialismus als einzige Existenzform der Ukraine in der modernen Welt dar. Im Kern ist es ein Manifest des Irredentismus“, heißt es zur Werbung. Und Rains hat zahlreiche Karten der Großukraine gesammelt und die von ihm präferierte präsentiert. Bandera ist natürlich ein Idol.

Zum Tag der Einheit schreibt der „0ffizielle Kanal des 1. Korps der Staatlichen Asow-Universität“: „Der Kampf für eine vereinte und souveräne Ukraine begann und endete nicht 1919. Er wurde stets fortgesetzt: in den dunkelsten Zeiten, trotz des Klirrens der Ketten und der Gewalt der Repression; in scheinbar friedlichen Zeiten, als den Ukrainern begrenzte Freiheiten gewährt wurden, die ihnen bei Ungehorsam jederzeit wieder entzogen werden konnten. Er endete nicht 1991 mit der Wiedererlangung der Unabhängigkeit der Ukraine. Der Kampf für die Einheit der Ukraine dauert bis heute an.“ Zusammen mit Rainhouse wird für die Großukraine geworben.

Das Buch „Ukrainischer Imperialismus“ mit der Großukraine.

Das nach dem 1941 mit ukrainischen Freiwilligen gegründete und an Pogromen beteiligte Nazi-Bataillon benannte Nachtigal-Bataillon, das dem Kommando von Yevhen Karas, dem Führer der NeonazigruppeC14, unterstand, wurde kurz nach dem Tag der Einheit in das Asow-Korps aufgenommen (Selenskij verleiht bekanntem Neonazi Yevhen Karas hohen militärischen Orden). Das Emblem von Asow ist die Wolfsangel, das Zeichen der Waffen-SS, was aber damit angeblich gar nichts zu tun haben soll. Gleichwohl bekennt sich das Bataillon zum Nazi-Bataillon und dessen Führer: „Wir tragen ehrenvoll den Namen der Einheit, die Roman Schuchewytsch anführte. Wir halten die Stellung, verherrlichen seinen Namen und besiegen denselben Feind, gegen den er uns zum Kampf befahl.“ Geografisch gibt man sich bescheidener: An diesem Tag im Januar 1919 „erklärten wir unser Recht, Herren unseres eigenen Landes zu sein – von den Karpaten bis zu den Müllhalden des Donbass, von den Wäldern Polissyas bis zur Küste der Krim. Wir sind die Nachkommen jener, die von einem vereinten Staat träumten, dafür kämpften und ihn aufbauten, und wir sind es, die ihn nun schützen müssen.“

Obgleich Selenskij auf eine möglichst schnelle Aufnahme der Ukraine in die EU drängt, sind die ukrainischen Nationalisten, die der Präsident ehrt, über die er aber nicht spricht, nicht von der verweichlichten, kriegsunwilligen und liberalen EU angetan. Das hat Jarosch zum Tag der Einheit wieder einmal in seinen „geopolitischen Gedanken“ betont: „Die Europäische Union in ihrer heutigen Form ist für uns Ukrainer völlig unnötig. Unser Staat Ukraine könnte im Falle eines Waffenstillstands zum Zentrum einer neuen militärisch-politischen Allianz werden.“

Nach dem Krieg sieht Jarosch die Stunde der Freiwilligenverbände, aus denen Militärunternehmen entstehen, die sie bereits mehr oder weniger sein: „Die Streitkräfte der Ukraine sind die Grundlage eines neuen europäischen Militärbündnisses. Zukünftige ukrainische private Militärunternehmen unter der Kontrolle der ukrainischen Geheimdienste sind ein wichtiger Faktor für die geopolitische Entwicklung des Staates.“ Die „totale Militarisierung der ukrainischen Gesellschaft“ ist das angestrebte Ziel. Dafür muss Russland der Feind bleiben, der vernichtet werden müsse: „Solange Ерефія (Erefia oder die Russische Föderation) existiert, werden wir gezwungen sein, zu kämpfen oder uns auf den Krieg vorzubereiten. … Erefia muss vernichtet werden.“

Das sind Fantasien von Rechten, die vor allem seit 2014 ausgebrütet werden und sich durch den offenen Krieg in den Kreisen um die zahlreichen Freiwilligenverbände verstärkt haben. Die westlichen Unterstützerstaaten fördern diese mit rechten Parteien und Bewegungen in Europa vernetzten Strukturen, weil sie entscheidend für die Aufrechterhaltung des erwünschten Kampfeswillens sind. Aber es ist schon lange absehbar, dass die von Rechtsnationalisten und Neonazis angestrebte Militarisierung der Gesellschaft zu Konflikten führen wird, zumal wenn die Ukraine in die EU aufgenommen werden sollte (Bürgerkrieg oder Destabilisierung der Gesellschaft bei Rückkehr der Veteranen von der Front).

Florian Rötzer

Florian Rötzer, geboren 1953, war Gründer des Online-Magazins Telepolis und von 1996 bis 2020 dessen Chefredakteur. Seit 2022 ist er Redakteur beim Overton Magazin. Er ist Autor mehrerer Bücher. In diesen Tagen erschien sein Buch In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Moshe Zuckermann geschrieben hat.
Mehr Beiträge von Florian Rötzer →

Erstveröffentlicht am 26.1. 2026 im Overton Magazin
https://overton-magazin.de/top-story/ukrainische-nationalisten-grossukraine-und-die-totale-militarisierung-der-ukrainischen-gesellschaft/

Wir danken für das Publikationsrecht.

Der Geruch des Krieges

Gedanken zu Pazifismus, Feminismus und Krieg.

Von CHRISTINE WEBER-HERFORD

Bild: Freepic

Im obersten Regal meiner Bücherwand links steht Brechts Kriegsfibel, ein Nachdruck von 1950. Auf dem Titel das Gesicht des Krieges: Eine Gruppe Soldaten – Männer, Söhne, Brüder, Väter – mit hängenden Schultern, gesenktem oder apathischem, leerem Blick, vom Leid gezeichnet, traumatisiert. Im Innenteil findet man den von Brecht gewählten Untertitel:

Das Gesicht der deutschen Armee – in Russland zeigt es sich jetzt erfroren verstört, entleert von Wille und Stolz. Dies waren einmal Elitetruppen, der Terror der Welt …

Neben der Kriegsfibel stehen etwa 20 Bücher zum Thema Pazifismus, Feminismus und Krieg. Sie sind angestaubt, manche zerlesen. Als ich sie vor zwölf Jahren hier einmottete, dachte ich, dass ich dieses Thema bis zu meinem Lebensende ablegen könnte. Heute klettere ich hinauf mit einer Leiter, vorsichtig, denn ich bin alt. Ich brauche „Zündstoff für mein Gedächtnis“ (Wer hat dieses Bild erfunden? – Vergessen.) Ich möchte meiner pazifistischen Vergangenheit ins Gesicht sehen. Zudem möchte ich verstehen lernen, warum einige meiner Freundinnen, die meisten ein paar Jahre jünger als ich, immer noch glauben, dass Frauen friedliebender sind als Männer. Auch die Frage, ob Pazifismus eine lebenslange Einstellung ist, wollte ich an mir überprüfen und meiner Angst vor Krieg Ausdruck geben.

Kriegserlebnisse

Ich bin eine Pazifistin. Mit Aufrüstung und Krieg kann man mir nicht kommen.

Mir sitzt der Krieg in den Knochen. Als der Ukrainekrieg ausbrach wurde ich nachts plötzlich wach, denn es roch ganz intensiv nach verbranntem Holz. Ich irrte durch unsere Wohnung. Nirgends ein Feuer. Später registrierte ich, dass ich gerade ein Echo eines Erlebnisses aus meiner ganz frühen Kindheit erlebt hatte. Damals, als ich etwa sechs Wochen alt war – erzählte mir später meine Mutter – war sie mit mir in einem Bergstollen, vor dessen Eingang eine Bombe explodierte, die zwei Männer tötete und ein Feuer auslöste. Nach vielen Stunden in dem Loch kamen sie heil mit mir heraus. Natürlich habe ich keinerlei Erinnerung an dieses Drama. Ich habe es auch nicht als Drama empfunden, denn meine Mutter erzählte Kriegserlebnisse eher beiläufig, etwa so, wie sie Nachbarinnen ihre Backrezepte weitergaben. Aber immer wenn ich abends ins Bett gesteckt wurde, das ganz oben im Häuschen unter einer Dachschräge stand, hörte ich Gebrumm von Flugzeugen, die näher kamen. Meine Mutter glaubte mir nicht. Sie deutete mein lautes Weinen als eine raffinierte Methode, mich vor dem Zubettgehen zu drücken.

Meine Mutter, die mich nach den Prinzipien der Schwarzen Pädagogik erzog, hat der Krieg zur Pazifistin gemacht. Nie wieder Krieg! Hörte ich immer wieder am Küchentisch, wo die Erwachsenen oft ihren Hamster-Abenteuern erzählten, etwa davon, wie sie sich auf der Suche nach Pflanzkartoffeln an einem Bahndamm drückten und beteten, von den herannahenden Tieffliegern verschont zu bleiben. Krieg ist unmenschlich. Er darf nie wieder sein. Darin waren sich meine Eltern sogar mit meiner Großmutter einig, die gerne einflocht, dass doch nicht alles schlecht gewesen sei, damals. Als Kind erschienen mir diese Geschichten nicht sonderlich aufregend. Ich wunderte mich aber, warum sie ständig wiederholt wurden. Ich spielte noch in Bombenlöchern und wir versteckten uns in Stollen im Berg, gleich hinter dem Bolzplatz.

Trotz der klaren Ablehnung des Krieges war meine Familie (Arbeiter und SPD-Wähler) nationalistisch. Als Saarländer, Grenzlandbewohner fühlten sie deutsch. Ihre nationale Zugehörigkeit war ihnen wichtiger als die Solidarität mit französischen Klassengenossen. Man stritt laut und heftig als ein Schwager meines Großvaters 1955 bei der Volksabstimmung für eine enge Bindung an Frankreich votierte. So ein Schuft! Dass Nationalismus eine starke Wurzel des modernen Krieges ist, wurde nie reflektiert.

„Wenn es ein Haus ist, zündet es an; wenn es ein Brunnen ist, vergiftet ihn; wenn es lebt, tötet es“

Eine Zeit lang dachte ich, dass das Nie-wieder-Krieg meiner Familie Allgemeingut geworden sei. Gegen den Krieg zu sein war für mich nichts Geschlechtsspezifisches, es erschien mir selbstverständlich.

Doch ohne dass es mir zunächst bewusstwurde, änderte ich meine Position. In Berlin, wohin ich 1967 zog, wurde ich in die Vietnambewegung hineingesogen. Kaum angekommen, war ich schon auf einer Demo. Danach gründeten wir ein Vietnamkomitee. Der Krieg hat uns alle aufgewühlt. In der Stadt brodelte es. Die Einheimischen –  Frontstadtberliner, wie wir sie nannten, die ihre Besatzer liebten –  waren stocksauer über die Zugezogenen. Wir wurden bespuckt und verbal angegriffen: „Geht doch nach drüben!“ Die Propaganda der Springer-Presse vom Freien Westen und seiner Demokratie zerstob im Giftgasnebel des schmutzigen Krieges in Vietnam. Wir erlebten uns als Teil einer weltweiten Antikriegsbewegung. Ein kleines Volk wehrte sich gegen die Weltsupermacht. Diese Geschichte wärmte mein jung-naives und noch von katholischen Gerechtigkeitsidealen infiziertes Herz. Unvergessen der Ausspruch des US-Kompanie-Chefs Ernest Medina: „Wenn es ein Haus ist, zündet es an; wenn es ein Brunnen ist, vergiftet ihn; wenn es lebt, tötet es.“ Er hatte seinen Männern das My Lai-Massaker befohlen.

Erst mit der Zeit realisierte ich, dass es sich beim Vietnamkrieg auch um einen Stellvertreterkrieg zwischen der USA und der Sowjetunion handelte. Die zahlenmäßig unterlegenen Vietcong, Freiheitskämpfer, die mit guten Gründen die Waffe in die Hand genommen hatten, wehrten sich mit aller Brutalität, begingen selbst Kriegsverbrechen. Eine Million nord- und südvietnamesische Soldaten kamen um, zwei Millionen Zivilisten starben, wurden ermordet, vergiftet – verreckten.  Schätzungsweise zwei bis vier Millionen Menschen sind von den Spätfolgen betroffen, mindestens 100.000 Kinder wurden mit Behinderungen geboren. Als sich die USA aus dem Krieg zurückzogen, hatten sie die erste große militärische Niederlage ihrer Geschichte eingefahren und 58.000 Soldaten verloren. Was erst viel später bekannt wurde und mittlerweile feststeht, dass dieser Krieg (wie viele vor ihm und nach ihm) mit einer Lüge begann. Der Auslöser – der Zwischenfall von Tonkin – der angebliche Beschuss eines US-Zerstörers durch nordvietnamesische Schnellboote – war eine Inszenierung, ein Bluff.

In einem philosophischen Sinne mag das „ein gerechter Krieg“, gewesen sein. Die Alternative, kollektiver, gewaltfreier Widerstand, wurde nie ausgelotet.

Frauen zu den Gewehren?

Ich war wieder auf der Seite der Pazifistinnen und las, dass viele von ihnen ihre Positionen im Lauf des Lebens gewechselt oder modifiziert haben.

Beispielsweise verwarf Maude Royen (eine bekannte englische Suffragette) 1939 ihren Pazifismus, weil sie es nicht ertragen konnte, was Hitler mit den Juden machte: „Das Unglaubliche war geschehen, es war etwas in die Welt gekommen, das schlimmer war als der Krieg.“

Simone Weil war noch 1936 absolute Pazifistin. Dann zog sie nach Spanien, um die spanische Republik gegen die franco-faschistische Invasion zu verteidigen. Als sie nach fünf Monaten wegen schwerer Verletzungen aufgab, hatte sie erleben müssen, dass aus ihrem idealistischen Kampf ein erbarmungsloses Töten auf allen Seiten geworden war. Sie war wieder Pazifistin. Am Tag als Hitler in Prag einmarschierte, war sie überzeugt, dass er ausgeschaltet werden müsse. Nun glaubte sie, dass die Welt ein alternatives Wertesystem entwickeln müsse – eine Alternative zum Evangelium der Stärke, ein System der Gerechtigkeit.

Für Virginia Woolf waren Krieg und Gewalt durch unsere patriarchalische Gesellschaft entstanden. Männer würden dazu sozialisiert zu glauben, dass es besser sei zu töten als getötet zu werden und die Frauen, ökonomisch abhängig, stützten diese Ansicht. Wie auch Helen Keller und Albert Einstein gab sie ihren Pazifismus auf. 1940 machte sie sich „Gedanken über den Frieden“ und kam zu dem Schluss, dass der Hitlerismus nicht nur Eigentum der Deutschen sei, das Verlangen nach Aggression, zu beherrschen, sei auch in England wohlauf: „Wir müssen dem Mann einen Ausgleich schaffen für seine Kanone.“ Männer und Frauen brauchten gleichermaßen Ausdrucksmöglichkeiten für ihre schöpferischen Gefühle und Kräfte.

Dem konnte ich folgen. Ich fühlte mich dem Differenzfeminismus zugehörig, einer Denkrichtung, die inzwischen wohl nur noch in theologischen Nischen überlebt. Differenzfeministinnen betonen Unterschiede zwischen den Geschlechtern – und setzen sich für eine Gesellschaft ein, die sich nicht an männlichen Normen orientiert. Ich war nicht gegen die Männer – ich liebte ja selbst einen und hatte zwei Kinder.

Als im Juni 1978 Alice Schwarzer den uneingeschränkten, freiwilligen Zugang von Frauen zur Bundeswehr (incl.  Dienst an der Waffe) forderte, war ich entsetzt. Sollte weibliche Emanzipation bedeuten, dass nun Frauen zu den Gewehren griffen? Waren es nicht eher die Männer, die lernen mussten, Konflikte gewaltfrei zu lösen? Schwarzer, die erklärte, sie persönlich würde den Kriegsdienst verweigern, kritisierte „das Berufsverbot für Frauen“ in der Bundeswehr im Namen der angeblichen „Natur der Frau“. Als Feministin sei sie grundsätzlich gegen jeden Ausschluss von Frauen aus politischen oder beruflichen Bereichen. Bevor Frauen überhaupt sagen können „Bundeswehr – nein danke!“, müssten wir eine Bundeswehr haben, die sagt „Frauen – ja bitte!“.

Das vorletzte Berufsverbot für Frauen fällt

22 Jahre später, am 7. Juni 2000, war es soweit. Die Bundesregierung stimmte einer Gesetzesänderung zu, die Frauen den freiwilligen Weg „zu allen Laufbahnen der Streitkräfte“ öffnet. Vorausgegangen war ein Urteil des Europäische Gerichtshofs, der Frauen als Soldatinnen an der Waffe in der Bundeswehr zuließ. Damit sei das vorletzte Berufsverbot für Frauen endlich auch in Deutschland gefallen (das letzte sei das katholische Priesteramt für Frauen), jubelte die Emma.

Zehn Jahre nach dem Fall des Berufsverbotes für Frauen in der Bundeswehr, also 2010, lese ich im dem feministischen Magazin:

  • Sexuelle Belästigung komme beim Militär nicht öfter vor als in anderen Organisationen, in denen Männer und Frauen zusammenarbeiten.
  • Der raue Umgangston in der Bundeswehr sei entschärft; das Verhalten der Truppe sei insgesamt zivilisierter.
  • Was Befehl und Gehorsam betreffe, so fänden sich Frauen also keineswegs nur auf Seiten derer, die die Hacken zusammenschlagen. Sie erteilten auch Befehle. Man dürfe davon ausgehen, dass diese Führungskräfte irgendwann dann auch mal ganz selbstverständlich „Generalinnen“ genannt werden.

Welche Verblendung!

Der Wehrbeauftragte kommt in seinem Bericht von 2024 zu dem Schluss: „Insgesamt fällt auf, dass die Zahl der gemeldeten verbalen sexuellen Belästigungen stetig zunimmt.“

Obwohl Schwarzers Kritik an der Theorie von der friedfertigen Natur der Frau nach meinem Eindruck nicht im Zentrum der Debatte der Friedensbewegung der 80er-Jahre stand – zentral war Aufrüstung, Antimilitarismus und Kriegsgefahr – gab und gibt es immer wieder Einlassungen dazu: Frauen seien von Natur aus verantwortungsbewusster, weil sie für die Kinderaufzucht sorgten. Sie seien warmherziger, liebevoller – in einem Wort: bessere Friedensstifterinnen.

Mir persönlich brannte diese Frage nicht unter den Nägeln. Ich hatte einen friedliebenden, nicht aggressiven Vater erlebt und hörte Dorthee Sölle zu, die sagte, sie verstehe Feminismus als eine Menschheitsbewegung – auch Männer bestünden zu 49 Prozent aus Frauen.

Das friedliebende Geschlecht?

Die Diskussion war aber nicht neu. Damals, vor dem Ersten Weltkrieg, wurde sie in der Frauenbewegung von Lida Gustava Heymann (1868 – 1943) angeführt, die in ihrem Essay „Weiblicher Pazifismus“ (1917) die biologische Wesensbestimmung der Frau betonte. Diese radikale Frauenrechtlerin und Pazifistin, glaubte, dass weibliches Wesen und weiblicher Instinkt identisch seien mit Pazifismus und dass der Mann die größte Schuld daran trage, wenn das Wesen des Weibes nicht zur Wirkung kam.

Siebzig Jahre später, 1987, brachte Margarete Mitscherlich eine neue Facette ein. Auch sie ging von einer Friedfertigkeit aus, diese sei aber nicht genetisch bedingt, sondern das Ergebnis jahrhundertelanger Unterdrückung der Frau. Die »Friedfertigkeit« sei mit Bedacht anerzogen, denn sie hindere die Frau daran, gegen die vermeintlich naturgegebene männliche Herrschaft und Unterdrückung zu rebellieren. Sie sei das Gegenstück zum aggressiven, kriegerischen Mann; bei beiden handele es sich um soziokulturelle, also in der (patriarchalen) Gesellschaft erworbene Eigenschaften.

Birgit Rommelspacher (1945 – 2015), Professorin für Psychologie mit dem Schwerpunkt Interkulturalität und Geschlechterstudien, spann diesen Faden weiter. Sie befeuerte die Diskussion mit ihrem Buch „Dominanzkultur: Texte zu Fremdheit und Macht“ (1995), das auch mein Selbstbild beeinflusste. Die Empathie der Frauen gelte in erster Linie denen, die ihnen nahestehen, keineswegs ferner stehenden Menschen. Ihr Dasein für andere – in der Familie – heiße nicht notwendig Dasein für alle. Die Bereitschaft zur Einfühlung – etwa in das Kriegserleben der Eltern – sei sehr viel größer als die Einfühlung in das Los von Jüdinnen.

Wenn wir über Krieg redeten, dann erschienen die Frauen als diejenigen, die ihn erduldeten, die die Kinder durchbrachten, das Überleben sicherten. Das Klischee „Männer die Täter – Frauen die Opfer“ sei aber falsch. Zweifellos war der Nationalsozialismus ein Männerstaat und Frauen in vieler Hinsicht diskriminiert – aber sie haben mitgemacht, waren involviert. Und viele waren begeistert vom Nationalsozialismus. Sie wurden in ihrer Mutterrolle gefördert, geehrt, als Arierinnen rassistisch aufgewertet – das war eine Kompensation für ihre Abwertung als Frau. Frauen heute sollten ständig die männliche Norm hinterfragen. Sie wachsen immer noch in einem Patriarchat auf. Und das ist nicht friedfertig: „Es gibt Frauen, denen erscheint der Dienst mit der Waffe als ein Machtzuwachs. Sie denken, als Soldatin seien sie vor Belästigungen von Männern sicher. Aus diesem Grund würden manche Frauen Kriminalbeamtinnen. Die Erfahrungen der amerikanischen Armee sprechen aber sehr eindeutig gegen solche Hoffnungen.“

Die Frage nach Krieg oder Frieden ist zurück

Wer wissen will, was Militärs von Frauen in ihren Reihen halten, sollte die Bücher von Martin van Creveld (geb. 1946 in Rotterdam) lesen. Der emeritierte Professor für Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem, wo er 37 Jahre lang lehrte, wird als einer der weltweit führenden Militärwissenschaftler gelobt, der auch beim US-Militär gefragt sein soll. Die Tatsache, dass in immer mehr Ländern die Frauen an die Gewehre dürfen, hat ihn zu zwei Büchern veranlasst: Frauen und Krieg“ (2001) und „Das bevorzugte Geschlecht“ (2003).

Hier nur eine kleine Auswahl seiner Zumutungen:

  • Wenn heute Frauen Soldatinnen würden, dann sei das gleichermaßen Symptom und Ursache für den Niedergang des Militärs.
  • Echte Kriegerinnen seien selten wie ein Einhorn.
  • Vergewaltigungen seien nichts anderes als eine notwendige körperliche Entlastung für die Männer. Hinter den meisten der zur Anklage gebrachten Fälle von Vergewaltigungen steckten bloße Verleumdungen – im Einklang mit einer uralten weiblichen Strategie.

Creveld veröffentlichte 30 Bücher, viele militärhistorische Werke in Wissenschaftsverlagen und eine Polemik im rechtslastigen österreichischen Ares Verlag, dessen Bücher hierzulande vom Antaios Verlag des Götz Kubitschek vertrieben werden. Im Ares Verlag erschien sein bisher letztes Buch „Wir Weicheier“, in dem er den Frauen vorwirft, ihre Söhne nicht mehr kriegstauglich zu erziehen. Er war bei der AfD-Fraktion im Bundestag zu Gast, hat aber auch Deutschlandfunk-Kultur ein Interview gegeben.

Creveld provoziert, polemisiert, seine Bücher sind frauenfeindlich.

Aber er steht mit seinen Thesen nicht allein. Im Ohr ist noch der als „Herrenwitz“ herunter gekochte Ausspruch eines deutschen Generalmajors vom Frühjahr 2025: „Wenn eine Vergewaltigung unvermeidbar ist, dann entspannen und genießen.“​

Ich entsorgte die Emma bei unserem Umzug ins Altersdomizil. Creveld verstaubt im oberen Regal.

In einem Punkt stimme ich ihm zu: Wie er glaubte ich, dass wir uns hier im alten Europa in absehbarer Zeit nicht mehr mit Krieg oder Frieden befassen müssten. Schon gar nicht mit einem Atomkrieg. Noch 2021 ergab eine Greenpeace-Umfrage, dass 92 Prozent der Deutschen dafür sind, den Atomwaffenverbotsvertrag zu unterzeichnen – ein wichtiger Schritt hin zu einer atomwaffenfreien Welt.

Wie naiv ich war – und das in meinem Alter!

Heute leben wir wieder im Vorkrieg

Ich war überzeugt, dass die seelischen Wunden des Krieges auch kommende Generationen kriegsuntauglich machen. Nicht sicher war ich mir, ob meine tief gefühlte Erkenntnis

Verbrechen sind dem Krieg immanent

Krieg ist Entmenschlichung

ein zivilisatorischer Zusammenbruch

ein Verbrechen in sich – bar jeder Vernunft 

in der Bevölkerung verankert ist.

Heute leben wir wieder im Vorkrieg. Man darf nicht nur den Krieg, sondern muss den Vorkrieg im Blick haben, so Christa Wolf. Er ist die Zeit der Hetze und der Propaganda, in der das Feindbild geschärft wird. Es ist nicht nur der Zustand, in dem gerüstet wird, man braucht auch Kanonenfutter. Deshalb wird versucht, die Jugend zu indoktrinieren, deshalb haben Angsterzeugung und psychologische Kriegsführung Konjunktur. So wird – beispielsweise – durch eine angebliche Drohnengefahr (ohne einen einzigen Beweis) Angst verbreitet, werden die Menschen verunsichert – und schon erscheinen die immensen Rüstungsausgaben plausibel.

Ich habe nie verstehen können, weshalb die Deutschen nach den grauenvollen Erfahrungen des Ersten Weltkrieges kaum eine Generation später schon wieder kriegsbereit waren. Meine Großmutter wusste es genau: „Dieser Krieg wurde uns aufgezwungen!“ Das Propagandamärchen der Nazis kam gut an.

Ich bin mir sicher: Der Ukrainekrieg hätte durch Interessenausgleich und Diplomatie verhindert werden können. Auch Hitler hätte verhindert werden können, wenn die Linken und die Demokraten sich des Vorkrieges bewusst gewesen wären.

Und jetzt, wieder im Vorkrieg, kommt es existenziell darauf an, den nächsten Krieg zu verhindern, die Gleichgültigkeit, die Gedankenträgheit und den Streit zu überwinden. Die Vorkriegszeit ist die letzte Gelegenheit, den Frieden zu bewahren.  Sie müsste die Hochzeit der Diplomatie sein.

Wo sind die Feministinnen?

Es gibt sie offenbar – auch in der Ukraine. Aber was ist ihr Credo? “Wir wollen den Feind auf jedem Zentimeter unseres Landes vernichten“, sagt eine feministische Veteranin in die Kamera. In einem aktuellen feministischen Blog lese ich, dass ukrainische Feministinnen zu den Waffen greifen, weil es die Nation so fordere. Vom Bandera-Nationalismus (Faschismus-Antisemitismus) habe ich nichts gelesen.

„Niemals haben Menschen aus der Geschichte gelernt, und sie werden es auch in Zukunft nicht tun“, sagte der hellsichtige Kurt Tucholsky 1926.

Wie konnte ich das nur vergessen!

Ich greife wieder zur Kriegsfibel, die Pazifist Bert Brecht und Ruth Berlau, eine Gefährtin, zusammengestellt haben.

Eine Unterschrift unter einem Hitlerbild klingt ganz aktuell.

Seht ihn hier reden von der Zeitenwende.

Es ist Sozialismus, was er euch verspricht

Doch hinter ihm, seht, Werke eurer Hände:

Große Kanonen, stumm auf euch gericht.

Ruth Berlau, die Herausgeberin, bemerkt im Vorspann:

Der ungünstigste Frieden ist besser als der gerechteste Krieg.

Quellen

Bertolt Brecht Kriegsfibel, erschienen 1955, ein Jahr vor seinem Tod, zum ersten Mal in der DDR – im Eulenspiegel Verlag – und seither in vielen Ländern

https://meinstein.ch/geschichte/vietnamkrieg-die-bilanz-die-verluste

https://www.dw.com/de/agent-orange-der-lange-schatten-des-vietnamkriegs/a-57459748

Innenansicht eines Krieges/ Deutsche Dokumente 1914 – 1918, dtv april 1973

Sybil Oldfield, Frauen gegen den Krieg/Fischer TB 1995

https://www.derstandard.de/story/2000115600915/differenzfeminismus-gleichberechtigt-aber-nicht-gleich

https://www.emma.de/artikel/frauen-militaer-pro-kontra-frauen-ins-militaer-264305

https://www.emma.de/artikel/fehler-frauen-militaer-von-flintenweibern-und-flintenkerlen-264380

https://www.emma.de/artikel/frauen-und-militaer-vor-der-kaserne-263591

https://www.emma.de/artikel/bundeswehr-zehn-jahre-frauen-der-waffe-265348

https://www.bundestag.de/parlament/wehrbeauftragter/jahresberichte

Martin van Creveld, Frauen und Krieg 2001, Das bevorzugte Geschlecht 2003/ beide: Gerling Akademie Verlag, Wir Weicheier 2018/Ares Verlag Wien

https://www.greenpeace.de/publikationen/s03021_gp_auswirkungen_atomwaffen_d_studie_07_2020_fly_fin_neu.pdf

Peter Heinl/Maikäfer flieg, dein Vater ist im Krieg…“/Kösel Verlag 1994

https://www.arte.tv/de/videos/116341-024-A/frauen-an-der-front

https://blog.feministische-studien.de

Christine Weber-Herfort

Christine Weber-Herfort, geboren 1944, ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern sowie Großmutter von drei Enkeln. Nach dem Abitur an einer Klosterschule nahm sie – den damaligen Erwartungen entsprechend – kein Studium auf, sondern arbeitete zunächst als Sekretärin. Parallel absolvierte sie ein berufsbegleitendes Studium am Institut für Markt- und Verbrauchsforschung in Berlin und war anschließend in verschiedenen Werbeagenturen und Verlagen tätig. Seit 1982 arbeitet sie als freie Journalistin für Printmedien, darunter die Frankfurter Rundschau und Lokalzeitungen, sowie für den Hörfunk (u. a. SR und NDR); heute ist sie vor allem als Rezensentin aktiv. Politisch engagierte sie sich stets in wechselnden Bewegungen, unter anderem zu den Themen Vietnam, globaler Süden, Frauenrechte, Frieden, Gewerkschaftsarbeit, Attac und Umweltschutz.
Mehr Beiträge von Christine Weber-Herfort →

Erstveröffentlicht im Overton magazin v. 28.01. 2026
https://overton-magazin.de/kommentar/gesellschaft-kommentar/der-geruch-des-krieges/

Wir danken für das Publikationsrecht.

Bruch in der Weltordnung

Der Umbruch zu einer multipolaren Welt vollzieht sich nicht linear. Dieser Umbruch wird begleitet vom Kampf um den Beibehalt der Vorherrschaft der USA mithilfe brachialer Gewalt und Erpressung. Wie der folgende Beitrag von GFP anhand einiger Beispiele zeigt, können sich die Machtspiele der USA auch in ihr Gegenteil verkehren. Wer die Geometrie der Machtverteilung beachtet, kann sich möglicherweise Spielräume gegenüber den Erpressungsmanövern von Trump verschaffen. Wer nur mit großer Klappe den Gefolgsmann mimt, erhält im Endeffekt dafür den verdienten Fußtritt. (Peter Vlatten)

German Foreign Policy, 23. Januar 2026

Mehrere westliche Länder wenden sich, um der Unterwerfung unter die USA zu entkommen, vorsichtig China zu, darunter Kanada und Großbritannien. Deutschland und die EU bleiben ambivalent, strecken aber ihre Fühler nach Osten aus.

Regierungen einiger westlicher Länder beginnen mit dem Wiederaufbau engerer Beziehungen zu China und bemühen sich damit um politische und ökonomische Alternativen zur Unterordnung unter die Trump-Administration. Ursache sind die Bestrebungen der Vereinigten Staaten, ihre Verbündeten in Nordamerika und in Europa in die Knie zu zwingen und sie immer stärker auszuplündern. Als erstes Land hat Kanada, von Washington mit Annexion bedroht, vergangene Woche eine Strategische Partnerschaft mit China geschlossen. Premierminister Mark Carney begründete dies in einer weithin beachteten Rede auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos mit dem Hinweis, man erlebe zur Zeit einen „Bruch in der Weltordnung“, der dadurch bedingt sei, dass Großmächte sich „keine Beschränkungen mehr“ auferlegten. Der Unterwerfung könne man bloß durch Kooperation mit anderen Staaten entkommen. Auch Großbritannien strebt den Wiederausbau seiner Beziehungen zur Volksrepublik an. Aus Berlin und Brüssel kommen widersprüchliche Signale. Beim European Council on Foreign Relations (ECFR) heißt es zu den Folgen der US-Gewaltpolitik: „Trump is making China great again“.

„Variable Geometrie“

Kanadas Premierminister Mark Carney hatte bereits am Dienstag in seiner Rede in Davos einen „Bruch in der Weltordnung“ und „den Beginn einer brutalen Wirklichkeit“ konstatiert, „in der die Geopolitik zwischen den Großmächten keinen Beschränkungen mehr unterliegt“. Carney räumte ein, die sogenannte regelbasierte internationale Ordnung, auf die sich die westlichen Staaten in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten stets berufen hätten, habe auf doppelten Standards beruht; die Handelsregeln seien „asymmetrisch“ durchgesetzt worden, das Recht habe man, „abhängig von der Identität des Angeklagten oder des Opfers“, mit unterschiedlicher Härte angewandt.[1] Für den Westen sei das lange Zeit profitabel gewesen. Heute stelle die Lage sich aber für Staaten wie Kanada anders dar. Großmächte – Carney nannte die USA nicht namentlich – suchten sich andere Staaten mit Wirtschaftskriegen zu unterwerfen. „Die Frage“, die sich Mittelmächten stelle, laute nicht, ob man sich „der neuen Realität anpassen“ solle: „Wir müssen das.“ Viele zögen nun ähnliche Schlussfolgerungen: Sie suchten „größere strategische Autonomie“ zu erlangen. Carney warnte hingegen vor Abschottung; er ziehe, erklärte er, eine „variable Geometrie“ vor – unterschiedliche Koalitionen für unterschiedliche Interessen; eine ungebundene Außenpolitik.

Strategische Partnerschaft mit China

Kanada hat mittlerweile begonnen, eine solche Politik in die Praxis umzusetzen. So hat es Mitte Januar während eines Aufenthalts von Premierminister Carney in Beijing – dem ersten eines kanadischen Regierungschefs seit 2017 – eine neue „Strategische Partnerschaft“ mit China geschlossen.[2] Diese sieht unter anderem eine starke Zusammenarbeit auf dem Energiesektor vor; Carney warb in der Volksrepublik um chinesische Energieinvestitionen in seinem Land. Insbesondere senkt Kanada seine Zölle auf die Einfuhr chinesischer E-Autos bis zu einer Stückzahl von 49.000 von 100 auf 6,1 Prozent. Zudem sollen chinesische Unternehmen in Kanada beim Aufbau von E-Auto-Lieferketten helfen. China wiederum hat zugesagt, die hohen Zölle auf die Einfuhr kanadischer Agrargüter wieder zu senken, die es zuvor als Vergeltung für die kanadischen 100-Prozent-Zölle auf seine Elektroautos verhängt hatte. Kanada will bis 2030 seine Exporte nach China um 50 Prozent steigern. Auch eine engere politische Zusammenarbeit ist geplant; Carney will bereits zum APEC-Gipfeltreffen im November in Shenzhen wieder in die Volksrepublik reisen. Damit entzieht sich Ottawa in vollem Umfang dem Druck aus Washington, seine Beziehungen zu Beijing weitestmöglich abzubrechen. Es schafft sich zugleich Alternativen zum übermächtigen US-Geschäft.

„Make China Great Again“

Dass die Trump-Administration mit dem Versuch, sich Kanada brutal zu unterwerfen, das Gegenteil erreicht und das Land zu einer intensiveren Zusammenarbeit mit China treibt, wird womöglich kein Einzelfall bleiben. Darauf deuten die Ergebnisse einer Umfrage hin, die der European Council on Foreign Relations (ECFR) kürzlich veröffentlicht hat. Die Umfrage wurde im November 2025 in 21 Staaten weltweit durchgeführt. Sie zeigt, dass in den meisten Ländern der Anteil derjenigen, die die USA als Verbündeten mit gleichen Werten und Interessen betrachten, klar gesunken ist, in Brasilien beispielsweise von 29 auf 26 Prozent, in Großbritannien von 37 auf 25 Prozent.[3] Der Anteil derjenigen dagegen, die China als einen solchen Verbündeten ansehen, ist gestiegen – in Brasilien von 24 auf 27 Prozent, in Indien, wo Ablehnung gegenüber China traditionell verbreitet ist, von 11 auf 22 Prozent. In fast allen Ländern sahen mehr Menschen die Volksrepublik als Verbündeten bzw. Partner an denn als Rivalen oder gar Gegner. Während sich Washingtons Verbündete immer wieder sorgten, „den räuberischen USA zum Opfer zu fallen“, scheine „die Welt offener für China“ zu werden, konstatierte der ECFR und überschrieb die Auswertung seiner Umfrage mit „How Trump is making China great again“.

Zurück zur „goldenen Ära“

Tatsächlich zeichnen sich Schritte, die denjenigen Kanadas ähnlich sind, inzwischen auch in anderen westlichen Staaten ab. So plant etwa Großbritanniens Premierminister Keir Starmer laut Berichten kommende Woche einen Besuch in Beijing, bei dem nach Angaben mehrerer Insider die „goldene Ära“ der britisch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen wiederbelebt werden soll, die vor rund einem Jahrzehnt gefeiert wurde. Am Dienstag genehmigte London die jahrelang blockierten Pläne, im traditionsreichen Royal Mint Court – in unmittelbarer Nähe zum Tower of London – Chinas größte Botschaft in Europa zu errichten. Dies galt von chinesischer Seite als erforderliche Geste guten Willens, um den bilateralen Beziehungen zum Aufschwung zu verhelfen.[4] Am Rande von Starmers geplantem Besuch in Beijing soll unter anderem der „UK-China CEO Council“ neu gestartet werden, ein prominent besetztes Wirtschaftsforum, das ursprünglich 2018 eingerichtet, dann aber stillgelegt worden war. Laut Berichten haben auf britischer Seite Konzerne wie die Großbank HSBC, der Ölkonzern BP, Rolls Royce und der Pharmakonzern AstraZeneca Interesse an einer Teilnahme, auf chinesischer Seite etwa die Bank of China, China Mobile und der Elektroautohersteller BYD. Beobachter weisen allerdings darauf hin, Störungen und Interventionen äußerer Mächte seien immer noch gut möglich.[5]

„Ausgleich mit Russland“

Unklar ist, wie Deutschland und die EU sich verhalten. Zum einen nähert Brüssel sich bei Elektroautos Beijing an. Hatte die EU-Kommission im November 2024 Zölle auf den Import chinesischer E-Fahrzeuge verhängt – „im Gleichschritt mit den USA“, wie Beobachter konstatieren [6] –, so hat sie in der vergangenen Woche umgesattelt, die Zölle beiseite gelegt und Regeln eingeführt, die mit einem Mindestpreis für aus China importierte Elektroautos operieren: „eine unerwartete Annäherung“, heißt es dazu. Andererseits arbeitet die EU-Kommission daran, in einer neuen Cybersicherheitsverordnung sämtliche Komponenten der chinesischen Konzerne Huawei und ZTE zu verbieten, was den Konflikt mit China erneut zuspitzt.[7] Berichten zufolge wird Bundeskanzler Friedrich Merz Ende Februar nach China reisen und sich von einer hochkarätigen Wirtschaftsdelegation begleiten lassen.[8] In der vergangenen Woche hatte Merz die Hoffnung ausgedrückt, „dass wir endlich auch wieder mit unserem größten europäischen Nachbarn, nämlich mit Russland, in der längeren Perspektive einen Ausgleich finden“; Russland sei schließlich „ein europäisches Land“.[9] Eine solche Aussage galt seit Jahren als undenkbar. Sie rückt die in der deutschen Geschichte regelmäßig wiederkehrende Option in den Blick, bei Konflikten im Westen nach Ausgleich im Osten zu suchen.

Militärmacht Europa

Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos beschränkte sich Merz am Donnerstag auf die Aussage, man habe „die Schwelle hinein in eine neue Welt der Großmächte überschritten“, die „uns Härten und Gefahren zumuten“ werde.[10] Es gelte deshalb, „Europa“ zu stärken. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hatte am Dienstag erklärt, „geopolitische Schocks“ wie der jetzige bestätigten die „Notwendigkeit, eine neue Form der europäischen Unabhängigkeit“ aufzubauen.[11] Dies solle „im Dialog mit unseren Freunden und Partnern“ geschehen – aber „wenn notwendig auch mit unseren Gegnern“. Dabei ließen weder Merz noch von der Leyen Zweifel daran entstehen, dass „Europa“ nicht, wie es früher oft hieß, als „Zivilmacht“ stark werden solle, sondern als hochgerüsteter Militärblock, der fähig sein müsse, nach Belieben Kriege zu führen – auch gegen Großmächte.

[1] “Principled and pragmatic: Canada’s path”. Prime Minister Carney addresses the World Economic Forum Annual Meeting. pm.gc.ca 20.01.2026.

[2] Prime Minister Carney forges new strategic partnership with the People’s Republic of China focused on energy, agri-food, and trade. pm.gc.ca 16.01.2026.

[3] Timothy Garton Ash, Ivan Krastev, Mark Leonard: How Trump is making China great again – and what it means for Europe. ecfr.eu 15.01.2026.

[4] Decision to give China its ‘super embassy’ in London was unavoidable. thetimes.com 20.01.2026.

[5] Joe Cash: Britain and China to revive ‘Golden Era’ business dialogue during Starmer visit. reuters.com 21.01.2026.

[6] Georg Blume: Darum verzichtet Brüssel bei chinesischen E-Autos auf Zölle. faz.net 22.01.2026.

[7] Olga Scheer, Dietmar Neuerer, Christof Kerkmann: EU will Huawei endgültig aus 5G-Netzen verbannen. handelsblatt.com 20.01.2026.

[8] Kanzler Merz reist Ende Februar zu erstem Besuch nach China. augsburger-allgemeine.de 17.01.2026.

[9] Mehr Leistung, weniger Bürokratie in Wirtschaft und Mittelstand. Rede des Bundeskanzlers beim Neujahrsempfang der IHK Halle-Dessau und der Handwerkskammer Halle. bundesregierung.de 14.01.2026.

[10] Rede von Bundeskanzler Merz beim World Economic Forum am 22. Januar 2026 in Davos. bundesregierung.de 22.01.2026.

[11] Sonderansprache von Präsidentin von der Leyen auf dem Weltwirtschaftsforum. ec.europa.eu 20.01.2026.

Der Beitrag wurde zuerst am 23.Januar 2026 bei German Foreign Policy veröffentlicht. Wir danken für das Publikationsrecht.

Titelbild: Collage Peter Vlatten

Diese Seite verwendet u. a. Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung