Sparen wir uns die FDP – oder was uns mit ihr und der Ampel noch alles blühen kann!

Eine Initiative von Gewerkschafter:innen aus allen Branchen schlägt Alarm. Für das Streikrecht ! Gegen den Sparkurs! Für Erhalt der Realeinkommen ! Gegen den Kriegskurs! Für Frieden!

Bei einer Protestkundgebung am 20. Juli versammellten sich etwa 70 aktive Gewerkschafter:innen dazu vor der Bundeszentrale der FDP in Berlin.

Hier meine Rede als Sprecher vom Arbeitskreis Internationalismus IG Metall Berlin. Mein Fazit nach Brecht: „Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich“. Um das zu ändern brauchen wir ein Streikrecht.

Nein zum Kürzungshaushalt!

Was erwartet uns im Bundestags- Wahl- Jahr 2025?

Die Grundsicherung für Arbeitsuchende wird um 5,5 Milliarden Euro gekürzt, etwa 10%. Sie wollen die Minderausgaben vermutlich durch Sanktionen erreichen!

Nein zum Kürzungshaushalt, Klaus Murawski, Arbeitskreis Internationalismus IG Metall Berlin, 20. Juli 2024

Krieg kostet Geld. Man geht davon aus das die 1,13 Millionen ukrainische Flüchtlinge weiter Bürgergeld erhalten. Wie sollen denn überwiegend Kinder, Alte und alleinerziehende Mütter dem sogenannten Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen?

Insgesamt haben Ende Juni 5,6 Millionen Menschen Leistung bezogen. 4 Millionen werden als erwerbsfähig eingestuft.

Da viele Löhne im reichen Deutschland sehr niedrig sind müssen 800.000 von ihnen zusätzlich mit dem Bürgergeld aufstocken! Ist das gerecht?

Wie geht es den Rentnern in Deutschland?

Im ersten Quartal 2024 bezogen neben der niedrigen Rente etwa 800.000 Seniorinnen die sogenannte Grundsicherung im Alter. In 9 Jahren hat sich ihre Anzahl um 40% erhöht. Im reichen Deutschland nennt man das Altersarmut!

Mehr Armut und gleichzeitig Preis- Mietsteigerungen!

Wie soll man so leben!

Viele Arbeitende in Deutschland erkämpften sich einen Inflationsausgleich von 3.000 Euro Netto. Auch die Beamten in den Ländern, Bund und Kommunen bekamen den Inflationsausgleich – ihnen sei es vergönnt!

Aber ist es gerecht, wenn Beamtenpensionäre in Kommunen und Bund im Schnitt über 2000 Euro Prämie erhalten und 21 Millionen Rentnerinnen nichts bekommen?

Wie wird’s 2025 den Kindern in Deutschland gehen?

Es wurde berichtet das die Geburtenzahlen In Deutschland weiter rückläufig sind. Das Kindergeld soll aber nur geringfügig angehoben werden. Die Kindergrundsicherung fällt aus!

Die scharfe Kritik der Wohlfahrtsverbände, Gewerkschaften und Der Linken wird ignoriert!

Man könnte denken das reicht!

Nein, es reicht der Ampel- Regierung noch nicht!

Die Entwicklungshilfe soll Menschen in ärmeren Ländern helfen. Damit sollen – auch Fluchtursachen bekämpft werden.

Die Antwort der Bundesregierung ist: Das SPD geführte Ministerium von Svenja Schulze soll fast eine Milliarde Euro einsparen. Der Gesamtetat beläuft sich auf etwa 10 Milliarden.

Auch das grüne Außenministerin soll 836 Millionen einsparen. Das bedeutet – weniger Geld für die Botschaften in Ländern die legale Zuwanderung möglich machen sollen!

Am Mittwoch hatten Entwicklungshilfeorganisationen schon mit dem Rotstift vor dem Kanzleramt protestiert!

Wegen der Schuldenbremse muss wohl gespart werden!

Durch Entbürokratisierung und Steuergeschenke wird’s, laut Olaf Scholz, wieder aufwärts gehen.

Ist das denn erforderlich?

Fehlt denn den Deutschen das Geld?

Nein!

In Deutschland gibt es immer mehr Superreiche. Die Zahl der Menschen mit mehr als 100 Millionen Dollar Finanzvermögen stieg im vergangenen Jahr um zehn Prozent. Demnach gab es 2023 in Deutschland 3.300 Superreiche,

Diese Superreichen besaßen ein Viertel des gesamten Finanzvermögens, genau 23 Prozent oder 1,9 Billionen Euro. Unter Finanzvermögen fallen etwa Bargeld, Konten sowie Aktien, nicht aber Immobilien. 

Damit liegt die Bundesrepublik auf Platz drei, hinter den USA und China. Weltweit gibt es 73.000 Superreiche.

Die FDP ist der Vermögensverwalter der Reichen!

Das ist ein Grund warum wir hier heute stehen!

Nach einer Umfrage würden 67 Prozent der Bürgerinnen und Bürger eine Wiedereinführung der Vermögenssteuer befürworten. Privatpersonen und Unternehmen sollten eine Abgabe auf Vermögen ab einer Million Euro leisten.

Bei 1. Prozent wären das 120 Mrd. Euro!

Nun zur letzten Schweinerei in Deutschland.

Die Neoliberalen behaupten immer im Kapitalismus hätten alle die gleichen Chancen, man muss nur an sich arbeiten!

Ist das so?

Das geerbte und geschenkte Vermögen in Deutschland ist 2023 auf einen neuen Höchstwert gestiegen.

Wie das Statistische Bundesamt mitteilte betrugen die Erbschaften und Schenkungen etwa 120 Milliarden Euro. Die Steuereinnahmen erhöhten sich im vergangenen Jahr auf 11,8 Milliarden Euro.

19,8 Prozent mehr Vermögen aber nur 3,9 Prozent mehr Steuern, da stimmt doch etwas nicht!

In den USA beträgt sie Nachlass- Steuer mehr als das Doppelte als bei uns. In einigen Bundesstaaten bis zu 40%

Wie hat Bertold Brecht 1934 gesagt:

Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich“
Das Vermögen muss umverteilt werden, und die FDP braucht niemand!

Hier unser Report zur Protestkundgebung vor der FDP Zentrale

Eine Frage transnationaler Kämpfe

Rede der ECCHR-Mitarbeiterin Annabell Brüggemann zur Bedeutung des Lieferkettengesetzes

Bild: SRF (Screenshot)

2012 starben beim Brand in einer pakistanischen Textilfabrik 258 Arbeiter*innen. Der Fall führte zu einer Klage gegen den deutschen Discounter KiK und war Auslöser der Debatten um das deutsche Lieferkettengesetz. Auf einer Konferenz im Juni 2024 in Karatschi / Pakistan diskutierte Annabell Brüggemann von der Menschenrechtsorganisation ECCHR mit pakistanischen Gewerkschafter*innen über den transnationalen Kampf für Arbeitsrechte. Wir dokumentieren Auszüge ihrer Rede.

Als juristische Menschenrechtsorganisation ECCHR versuchen wir Gesetzen für die effektive Umsetzung und Achtung der Menschenrechte weltweit auf die Sprünge zu helfen. Einer unserer wichtigsten Arbeitsbereiche ist (…) der Kampf für die Rechenschaftspflicht von Unternehmen. In unserer globalisierten Wirtschaft arbeiten transnationale Unternehmen und Regierungen daran, Handelsschranken abzubauen, damit Waren, Daten und Geld mehr oder weniger ungehindert um die Welt fließen können.

Dieses System spuckt enorme Gewinne aus und liegt im Interesse von Unternehmen im Globalen Norden, wie etwa internationalen Markenproduzenten in Deutschland oder Europa, aber auch im Interesse von Eliten im Globalen Süden, wie den regionalen und lokalen Arbeitgebern in Textilproduktionsländern wie Pakistan.

Am unteren Ende der Lieferkette hingegen arbeiten Millionen von Arbeiter*innen, wie hier in Pakistan, noch immer unter unmenschlichen Bedingungen und ohne einen existenzsichernden Lohn. Und als wenn das noch nicht reichen würde, verschärfen die internationalen Marken durch ihre Preis- und Terminvorgaben zusätzlich die Arbeitsbedingungen. Als ECCHR versuchen wir daher, mit rechtlichen Mitteln dafür zu sorgen, dass transnationale Auftragnehmer, Einkäufer und Einzelhändler für die Ausbeutung von Arbeitnehmer*innen zur Verantwortung gezogen werden. Dafür klagen wir nicht nur, sondern wir arbeiten mit lokalen Partnern, wie hier in Pakistan, eng und solidarisch zusammen.

Einer unserer wichtigsten Fälle war die Klage gegen die deutsche Marke KiK, die wir in Deutschland gemeinsam mit der pakistanischen National Trade Union Federation (NTUF) und der Home-Based Women Workers‘ Federation (HBWWF) und anderen im Namen der Überlebenden des verheerenden Fabrikbrandes bei Ali Enterprise vom 11. September 2012 eingereicht haben, um eine Entschädigung zu fordern.

Der Brand von Ali Enterprise war nicht nur ausschlaggebend für die (…) Entschädigung der Überlebenden durch KiK, sondern die Katastrophe trug auch ganz wesentlich zu einer öffentlichen Debatte in Europa über die Verantwortung transnationaler Textilmarken für die Arbeitsbedingungen in ihren Lieferketten im Ausland bei. Und dieses öffentliche Bewusstsein und die damit einhergehenden Proteste (…sorgten maßgeblich dafür), dass es seit Anfang 2023 ein deutsches Lieferkettengesetz gibt.

Auch wenn dieses Lieferkettengesetz bei weitem nicht so ausgestaltet ist, wie wir uns das erhofft haben (…), so ist es doch ein großer Schritt nach vorn hinsichtlich der Rechenschaftspflicht von Unternehmen und für den Schutz der Arbeitnehmer*innenrechte – auch und besonders in der Bekleidungs- und Textilindustrie in Pakistan. Und jetzt gibt es zusätzlich auch eine europäische Sorgfaltspflicht-Richtlinie, womit wir noch einen Schritt weiter sind.

Beides, das Lieferkettengesetz in Deutschland wie die europäische Richtlinie, sind zweifellos vor allem ein bedeutender Erfolg unserer gewerkschaftlichen Partner*innen von NTUF und HBWWF hier in Pakistan und sie sind ein sehr gutes Beispiel dafür, was gemeinsame transnationale Kämpfe aus Gewerkschaften und Arbeitnehmer*innen und Zivilgesellschaft erreichen können.

»Der Brand bei Ali Enterprise war Ausgangspunkt der Debatte um das Lieferkettengesetz.“

Das deutsche Lieferkettengesetz (…) und die europäische Sorgfaltspflichtrichtlinie verpflichten große Unternehmen mit Hauptsitz oder inländischer Niederlassung in Deutschland zu einer menschenrechtlichen Sorgfaltsprüfung in ihren Lieferketten. Das Ziel ist, die Risiken für die Menschenrechte oder die Umwelt zu mindern und bereits eingetretene Verstöße zu beenden.

Was bedeutet das nun für die Zahlung eines existenzsichernden Lohns und die Achtung der Arbeitsrechte?

Kaufende Unternehmen, die unter den Geltungsbereich des Gesetzes fallen, müssen regelmäßig die Risiken der Nichtzahlung angemessener Löhne und anderer Arbeitsrechtsverletzungen sowie der Verletzung von Gewerkschaftsrechten in ihren Lieferketten analysieren. Sie müssen ein Beschwerdeverfahren mit schriftlicher Verfahrensordnung einrichten, das auch bei allen ihren indirekten Zulieferern, also allen ihren lokalen Zulieferern hier in Pakistan, für die Arbeiter*innen zugänglich ist, damit sie im Falle einer vermuteten Rechtsverletzung die Möglichkeit einer Meldung haben.

Unternehmen müssen ihrerseits Präventionsmaßnahmen ergreifen, wenn es Anzeichen auf Rechtsverletzungen gibt (…)  Eine der wichtigsten Präventivmaßnahmen, die das Gesetz vorsieht, ist die Umsetzung geeigneter Beschaffungsstrategien und Einkaufspraktiken (…) , etwa die Einhaltung eines angemessenen existenzsichernden Lohns – was nach deutschem Recht der gesetzlich festgelegte Mindestlohn wäre.

Bei Verstößen oder drohenden Verstößen müssen Marken gemeinsam mit ihren Lieferanten konkrete Abhilfe schaffen, um den Rechtsverstoß zu beenden (…) Und, was wirklich wichtig ist: Unternehmen müssen (…) die Interessen der Arbeitnehmer*innen in ihren Lieferketten und anderer relevanter Interessengruppen, wie etwa Gewerkschaften, angemessen berücksichtigen!

Hinzukommt ein echter Clou des deutschen Gesetzes, denn wenn es zu Rechtsverletzungen kommt, können sich jetzt betroffene Arbeitnehmer*innen nicht nur bei den internationalen Marken selbst beschweren, sondern auch beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA), einer deutschen Behörde, die für die Durchsetzung des deutschen Lieferkettengesetzes zuständig ist. Das Gesetz verpflichtet diese Behörde einzuschreiten, wenn es einen erwiesenen Antrag auf Verletzung von Menschen- und Arbeitnehmer*innenrechten gibt. Die BAFA hat dabei recht weitreichende Ermittlungsbefugnisse: Sie kann dem betroffenen internationalen Unternehmen konkrete Maßnahmen auferlegen und diese gegebenenfalls durch Zwangsgelder durchsetzen.

Zusammenfassend können wir sagen: Das Engagement internationaler Markenhersteller für die Rechte ihrer Arbeitnehmer*innen und Gewerkschaften in ihren Lieferketten ist jetzt verpflichtend und nicht mehr freiwillig – und das ist gut so! Denn es bedeutet, dass Arbeitnehmer*innen wie Gewerkschaften diese Gesetze nutzen können, um internationale Markenhersteller dazu zu bringen, dass diese (…) die eklatanten Verletzungen von Arbeitnehmer- und Gewerkschaftsrechten in den pakistanischen Schwitzbuden der Textilproduktion beenden.

Natürlich, (…) es gibt keinen Automatismus, dass diese neuen Gesetze in einer Weise umgesetzt werden, die den Bedürfnissen und Perspektiven der Arbeiter*innen gerecht wird. Gerade deshalb ist es so wichtig, dass die Arbeiter*innen ihre Rechte kennen. Nur so kann man sie nutzen und sich in  (…) den Konzernzentralen der internationalen Marken (..) Gehör verschaffen. Ich möchte das an einem Beispiel konkretisieren. Letztes Jahr haben unsere Partner von NTUF und HBWWF eine Umfrage unter Arbeiter*innen durchgeführt, in der sie über 350 Arbeiter*innen in mehr als 20 Textilfabriken in Karatschi befragten, die Unternehmen beliefern, die unter das deutsche Lieferkettengesetz fallen.

Die erschütternden Ergebnisse bestätigten, was wir schon seit Jahren über die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen in pakistanischen Textilfabriken wussten:

  • 97 Prozent der befragten Arbeiter*innen hatten keinen schriftlichen Arbeitsvertrag.
  • Viele Arbeiter*innen waren über Dritte angestellt und mussten Akkordarbeit leisten.
  • Die große Mehrheit war weder sozial- noch rentenversichert bzw. wusste nicht, ob sie es waren.
  • Ein Drittel erhielt nicht einmal den gesetzlichen Mindestlohn für ungelernte Arbeiter*innen.
  • Viele der Befragten gaben an, den Mindestlohn nur nominell durch exzessive Überstunden zu erreichen.
  • Viele erhielten keinen bezahlten Urlaub, auch wenn es sich um Facharbeiter*innen handelte, die Anspruch auf eine höhere Bezahlung hatten.

Wir informierten die betroffenen europäischen Markenhersteller über die katastrophalen  Produktionsbedingungen (…) Alle kontaktierten Unternehmen reagierten und einige waren tatsächlich zum ersten Mal bereit, sich mit unseren gewerkschaftlichen Partnern der NTUF an einen Tisch zu setzen, um sich ein realistisches Bild von den Arbeitsbedingungen vor Ort zu machen, über mögliche Lösungen zu verhandeln oder ihre Lieferanten zu bitten, dass diese ihrerseits mit NTUF verhandeln. Dass dies überhaupt möglich war, ist dem deutschen Lieferkettengesetz beziehungsweise den Kämpfen darum geschuldet, die vor allem in Pakistan, aber eben auch in Deutschland, gemeinsam geführt wurden. Denn in den Gesprächen mit den Unternehmern zeigte sich, dass das Lieferkettengesetz bereits ein Instrument ist, weil die Textilmultis den Arbeiter*innen und Gewerkschaften zumindest erstmal zuhören mussten und auch gesetzlich verpflichtet sind zu handeln.

Natürlich sehen wir auch, dass Markenhersteller oft noch nicht bereit sind, Missstände zu beheben, weil schlechte Arbeitsbedingungen zu verbessern, bekanntlich meistens Geld kostet. In solchen Fällen empfehlen wir als nächsten Schritt, sich vor der BAFA in Deutschland formell zu beschweren.

Fassen wir es zusammen: Die neuen Gesetze zur Sorgfaltspflicht haben mehr als eine Lücke, aber sie sind dennoch ein wichtiger Baustein, um der globalen Gier der Textilmultis entgegenzuwirken. Denn die internationalen Marken steigern ihre Gewinne bewusst dadurch, dass sie (…) ihre Produktion in Länder wie Pakistan auslagern, die wiederum, um die Aufträge der Textilmultis nicht zu verlieren, ihre eigenen Arbeitsgesetze nicht durchsetzen und Arbeitskosten bewusst niedrig halten. Um diesen Trend zu immer mehr Ausbeutung zu durchbrechen, müssen wir das Lieferkettengesetz so nutzen, dass die Position der Gewerkschaften gestärkt wird. Ein starkes Lieferkettengesetz ist gut und hilfreich, aber ohne starke und unabhängige Gewerkschaften ist eine nachhaltige Verbesserung der Löhne und der Arbeitsbedingungen kaum vorstellbar.

Annabell Brüggemann ist Legal Advisor im European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) in Berlin und begleitet als Rechtsanwältin die Verhandlungen des deutschen Textildiscounters KiK mit dem pakistanischen Gewerkschaftsverband NTUF.

Erstveröffentlicht im nd v. 19.7. 2024
https://nd.digital/editions/nd.DerTag/2024-07-19/articles/13782177 (Abo)

Wir danken für das Publikationsrecht.

Trübe Aussichten


Zum Ausgang der Europawahl in Deutschland – von der AG Wahlbeobachtung des express

Am Ende war es dann doch erschreckend. Zwar hatten die letzten Umfragen vor dem 9. Juni bereits angedeutet, dass es aus Sicht des express kein erfreulicher Wahlabend werden würde. Doch bekanntlich stirbt die Hoffnung am Schluss, genauer gesagt um 18 Uhr mit den ersten Prognosen. Über zu geringe Aufmerksamkeit für die Europawahl konnte nicht geklagt werden. Die Wahlbeteiligung in Deutschland hat zugenommen und lag mit 64,8 Prozent nach Belgien und Luxemburg, wo es eine Wahlpflicht gibt, sowie Malta (73 Prozent) auf dem vierten Platz und weit über dem EU-Schnitt (51 Prozent).

Rechtsextreme legen zu

Die AfD verzeichnet sowohl gegenüber der letzten Europawahl als auch im Vergleich zur Bundestagswahl kräftige Zuwächse. Diese sind umso bemerkenswerter, als die Partei selbst einen Skandal nach dem anderen produzierte, sich massiven Protestdemonstrationen gegenübersah und Gewerkschaften wie Kirchen, aber auch die Mehrheit des Unternehmerlagers gegen sie Position bezog. Dass sie Neonazis in ihren Reihen nicht nur duldet, sondern in Spitzenpositionen führt, das war für 16 Prozent Wähler:innen offenbar egal oder zweitrangig. Besonders ausgeprägt ist dies in den Ländern der ehemaligen DDR. Die um die 30-Prozent-Marke oszillierenden Wahlergebnisse, nicht zuletzt auch im Landesverband von Höcke, zeigen, dass neben sich abgehängt fühlenden Alten die inzwischen älter gewordene Generation der Neonazis aus den Baseballschlägerjahren ihre Wahlpartei gefunden hat. Dass auch für Jüngere und Erstwähler:innen die Partei eine Option war, rundet das Bild ab. Dies gilt allerdings, wenn auch etwas abgeschwächt, ebenso in Westdeutschland. Auch in westdeutschen Großstädten gibt es Wahlbezirke, in denen die AfD Spitzenplätze einnimmt. Zweistellige Wahlergebnisse im prosperierenden Baden-Württemberg sprechen gleichfalls eine deutliche Sprache.

Grüne im Stimmungstief

Dass die angeblich »gefährlichste Partei im deutschen Bundestag« (Wagenknecht), die Grünen, herbe Verluste hinnehmen musste, ist zum guten Teil Ergebnis einer Dämonisierung der Klimapolitik durch Union, FDP, Bild-Zeitung und konservative Medien, die auch vom Bündnis Sarah Wagenknecht (BSW) befeuert wird. Zudem sind die Grünen Hauptzielscheibe eines reaktionären Kulturkampfs gegen Gendern und »grünen Lifestyle« aus der gleichen Ecke.

Ihre außen- und sicherheitspolitische Kraftmeierei, die Zustimmung zur EU-Asylpolitik sowie eine erratische Wirtschaftspolitik irritierten auch Stammwähler:innen. Die Grünen haben daher nicht nur »Mitte-Wähler:innen«, sondern in etwas geringerem Umfang auch linke bzw. linksliberale Anhänger:innen verloren. Der Blick auf die Ergebnisse der parallel stattfindenden Kommunalwahlen zeigt jedoch, dass der Kulturkampf nur begrenzt verfängt und die Partei vor allem in den westdeutschen Städten nach wie vor über eine stabile soziale Basis verfügt. Ihre Perspektiven sind besser, als das EU-Wahlergebnis suggeriert.

SPD vor unsicherer Zukunft

Dies ist bei der SPD nicht so sicher. Ihr hat das Blinken nach rechts von Olaf Scholz und der Versuch, nach der Messerattacke von Mannheim noch rasch Anschluss an den eskalierenden Law-and-Order-Diskurs zu finden, nichts geholfen. 1,5 Millionen SPD-Wähler:innen sind zur Union, weitere 570.000 gleich zur AfD abgewandert. 2,5 Millionen, die bei der Bundestagswahl noch für die Partei gestimmt hatten, blieben diesmal zu Hause. Dass Boris Pistorius nun als Alternative zu Scholz gehandelt wird, sagt viel über die (nicht nur) deutsche Sehnsucht nach »starken Männern«, die in der SPD einen festen Platz hat. Die Partei hat zugleich ihre soziale Basis weitgehend verloren. Die traditionellen Arbeitermilieus (schon immer ohne Genderstern bzw. -doppelpunkt) sind klein geworden und fühlen sich bei Union und AfD besser aufgehoben als bei der SPD. Sich in den akademisch geprägten urbanen Mittelschichten zu verankern, ist der Partei dagegen nur teilweise geglückt. Für das Klima bleiben die Grünen zuständig, mehr Polizei, solides Wirtschaften und vor allem auch Schutz vor Veränderungen beansprucht seit Merz wieder die Union als ihren Markenkern. Der Wunsch von SPD-Parteichef Klingbeil, die CDU möge sich doch bitte wieder ein rechtes Profil zulegen, ist aufgegangen. Die erhoffte politische Distanz zur SPD kann allerdings dann nicht wirklich sichtbar werden, wenn nun die SPD nach rechts nachrückt.

Die Partei für Veränderungsmüde

Und dann gibt es für enttäuschte SPD-Wähler:innen inzwischen auch noch ein vermeintlich linkes Angebot. Das BSW versteht sich, wie Fabio de Masi nach der EU-Wahl nochmal bekräftigte, als die Partei der Veränderungsmüden. Protestpartei? Na klar! Keine Partei außer der AfD führte einen so stark auf »rote Karte« und »Proteststimme« verkürzten Wahlkampf wie das BSW. Markenkern ist die Namensgeberin selbst. Gerne bemüht sie negative Superlative. Von der »dümmsten Regierung« Europas bis hin zum »schlechtesten Bundeskanzler« in der Geschichte der Bundesrepublik wird alles geboten. Das BSW grenzte sich verbal von der AfD ab, keulte aber auch gegen Genderstern, Hafermilch und Lastenrad, bot Schutz vor angeblich ungebremster Zuwanderung und hatte Frieden mit Russland im Angebot. Die auf Anhieb erzielten bundesweiten 6,2 Prozent haben das BSW schlagartig auf der politischen Bühne verankert. Nicht zufällig hat die Partei wie die AfD besonders in Ostdeutschland Erfolg. Anders als von manchen auch im linksliberalen Spektrum erhofft, schadet sie dabei kaum den Rechtsextremen, dafür umso mehr SPD und LINKEN. Für letztere könnte das BSW der Sargnagel sein. Wagenknecht hätte nichts dagegen. Die nächsten Wahlerfolge bei den kommenden Landtagswahlen deuten sich bereits an. Der Einzug in den kommenden Bundestag in Fraktionsstärke scheint, solange nichts völlig Unerwartetes passiert, gesichert. Der wichtige Platz in den Talkshows ist es bereits, ebenso wie der heute schon beeindruckende Zuspruch in den neuen Medien.

LINKE vor dem Aus

Womit wir beim Absturz der LINKEN wären. Die bundesweiten 2,7 Prozent sowie die Tatsache, dass die Partei selbst in ihren alten Hochburgen im Osten um die Fünf-Prozent-Hürde kämpft, haben die Partei von der bundesweiten Bühne gescheucht. Spätestens nach den Landtagswahlen wird auch intern die Existenzfrage gestellt werden. Wirklich überraschend kam das Ergebnis am 9. Juni nicht. Die Partei ist spätestens seit 2017 in der Krise. Der kurzlebige Erfolg von »Aufstehen« war 2018 ein deutliches Warnsignal, dass es, wenn der Flügel um
Wagenknecht ein eigenständiges politisches Angebot unterbreiten würde, eng werden könnte.

Das von der sozialen Struktur, regionalen Verankerung sowie politischen Tradition und Ausrichtung extrem heterogene Wahlbündnis DIE LINKE war von Beginn an prekär. Es litt früh daran, dass es ihm anders als den Grünen nicht gelang, sich jenseits der rückwärtsgewandten traditionslinken Milieus zu verankern. In Westdeutschland bestand ihre aktive Basis aus einer wilden Mischung ehemaliger Sozialdemokrat:innen, häufig mit Gewerkschaftsanschluss, und linksradikalen Kleingruppen, im Osten aus ehemaligen orthodoxen wie auch gewendeten SED-Kadern. Dennoch hielt die Partei in ihren ersten Jahren die Hoffnung am Leben, es könne sich ein parlamentarisches Korrektiv zu SPD und Grünen etablieren, das diese von links her unter Druck setzt. Dies gelang freilich nie bundesweit und nur sehr begrenzt lokal. Zu der nach der Finanzkrise immer drängender werdenden Klimakrise konnte sie keinen eigenständigen Beitrag liefern und der Mindestlohn wurde ihr von der SPD ohne Dank aus der Hand genommen. Die Migrationsdebatte ab 2016 und die Covid-Pandemie ab 2020 erlebte die Partei innerlich zerrissen und handlungsunfähig. Der Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan, der Angriff Russlands auf die Ukraine sowie der von der Hamas provozierte Krieg im Gaza-Streifen offenbarten innerparteiliche Spannungen, die quer zur Haltung gegenüber Wagenknecht verliefen. Die Abspaltung von Wagenknecht wurde zwar von vielen in der Partei mit Aufatmen begrüßt, sie kam aber zu spät und hinterließ eine Partei, die, ihres Medienstars beraubt, öffentlich kaum noch vorkam und im Vergleich zum BSW profillos wirkte. Die »Friedensbewegten« wählten lieber Wagenknecht und die »Bewegungslinken«, das zeigen einige großstädtische Wahlergebnisse, hielten zwar eher zur LINKEN, sind aber als Wählergruppe recht klein. Dies gilt erst recht für die Linken, die eher gegen das BSW als für die LINKEN stimmten. Wie eine Erneuerung der Partei aussehen soll, ist zurzeit schwer vorstellbar; ob sie überhaupt gelingen kann, ungewiss.

Und wie wählten nun die Gewerkschaftsmitglieder?

Wie immer stützen wir uns im Folgenden auf Daten aus der Wahltagsbefragung der Forschungsgruppe Wahlen, die im Auftrag des DGB erhoben werden und auf Selbstauskünften der Wähler:innen beruhen.

Bundesweit lag der Anteil der Gewerkschaftsmitglieder unter den Wähler:innen bei 14 Prozent. Die Gewerkschaftsmitglieder, die sich zur Berufsgruppe »Arbeiter« zählen, machten fünf Prozent aller Wähler:innen aus, die Gewerkschaftsmitglieder, die sich den Angestellten zurechnen, sechs Prozent.

Der Blick auf die Wahlauswertung belegt den Verlust der Hegemonie der ideellen Gesamtsozialdemokratie (SPD und LINKE) unter den (wählenden) Gewerkschaftsmitgliedern.
Diese war gesamtgesellschaftlich bereits 2009 längst nicht mehr vorhanden, behauptete sich aber im Gewerkschaftsmilieu dank der stark überdurchschnittlichen Stimmabgabe insbesondere für die SPD. 2019 war hier jedoch bereits ein deutlicher Einbruch festzustellen, selbst bei den Gewerkschaftsmitgliedern lagen SPD und LINKE nunmehr unter 30 Prozent. Dies wurde am 9. Juni dieses Jahres noch einmal drastisch unterboten.

Auch Rot-Rot-Grün, das nach dem Entstehen der Linkspartei zeitweise als mögliche progressive Koalition gehandelt wurde, verfügte unter der Gewerkschaftsmitgliedschaft bei den Europawahlen 2009 und 2014 noch über eine deutliche absolute Mehrheit. Selbst die 48 Prozent bei der EU-Wahl 2019 waren noch beachtlich, zumal SPD und Grüne unter den Gewerkschafter:innen deutlich über dem allgemeinen Trend lagen. Davon ist 2024 so gut wie nichts mehr übriggeblieben. Bereits 2019 war auch in dieser Wähler:innen-Gruppe die Union stärkste Kraft, was sich in diesem Jahr verfestigt hat.

Die LINKE hat auch unter den Gewerkschaftsmitgliedern mehr als die Hälfte ihrer Unterstützung verloren. Sehr interessant ist, dass das BSW in dieser Gruppe zwar deutlich über fünf Prozent liegt, aber, ohne die Nuancen überzubewerten, eher schlechter als bei der Gesamtheit der Wähler:innen abgeschnitten hat. Wir halten das für eine Momentaufnahme und noch nicht für einen Trend. Allerdings haben ausdrückliche Gewerkschaftsbezüge im BSW-Wahlkampfauftritt keine Rolle gespielt – wie sie es bei Sahra Wagenknecht auch vorher kaum je getan haben. Auffällig hingegen waren Avancen an mittelständische Unternehmer und die Sorge um
den deutschen Industriestandort.

Dies ist in Bezug auf die AfD leider nicht der Fall. Rechtsextreme Präferenzen hatten, so muss gesagt werden, unter Gewerkschaftsmitgliedern, insbesondere Männern, bereits vor dem Auftauchen der AfD eine lange Tradition. Mit 18,5 Prozent stimmte am 9. Juni fast jedes fünfte Gewerkschaftsmitglied für eine Partei, über deren politischen Charakter es inzwischen kein Vertun mehr gibt. Getrennte Daten für Ost- und Westdeutschland zum Wahlverhalten der Gewerkschafter:innen liegen nicht vor, aber angesichts der beängstigenden Wahlerfolge in weiten Teilen Ostdeutschlands ist zu befürchten, dass hier teilweise rund ein Drittel der Gewerkschaftsmitglieder sein Kreuz ganz rechts gemacht hat.


Der DGB taucht ab

Leider ist es inzwischen eine ungute Tradition geworden, dass der DGB das Wahlverhalten der Gewerkschaftsmitglieder zwar regelmäßig dokumentiert, sich aber nicht erkennbar damit auseinandersetzt. Kommentare dazu sucht man vergeblich. Während die Gewerkschaften vor den Wahlen mit zum Teil erheblichem Aufwand dafür werben, auf keinen Fall die AfD zu wählen, fehlt nach der Wahl jegliche kritische Bewertung, warum das gewerkschaftliche Engagement gegen rechts ganz offenbar weite Teile der Mitgliedschaft nicht mehr erreicht und wirkungslos verpufft.

Vollkommen unverständlich ist auch, warum nach der diesjährigen Europawahl nicht einmal mehr das Wahlverhalten von Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern getrennt dargestellt wird, obgleich die Daten darüber beim DGB vorhanden sind. Eine Auswertung nach Altersgruppen wird bereits seit Längerem nicht mehr veröffentlicht. Es bleibt der schale Geschmack, dass die DGB-Führung beim Wahlverhalten ihrer Mitglieder lieber nicht so genau hinsehen möchte.

Dabei sind die Rechtstendenzen unter den Gewerkschaftsmitgliedern seit Langem untersucht. Forschungsgruppen an der Universität Jena um Klaus Dörre haben hierzu mehrere betriebliche Untersuchungsprojekte durchgeführt. In jüngerer Zeit – und zwar explizit auch in Westdeutschland – häufen sich Berichte von Gewerkschaftssekretär:innen, die auf die Dringlichkeit des Problems der Rechtsoffenheit unter Betriebsräten und Gewerkschaftsmitgliedern hinweisen. Dabei würde es auch darum gehen, den im Alltagshandeln der Gewerkschaften tief verankerten Standortnationalismus selbstkritisch zu hinterfragen. Sich damit zu trösten, dass die Mehrheit der Mitglieder nach wie vor keine rechtsextremen Parteien wählt, ist Selbsttäuschung. Frankreich zeigt, wie sich gefährliche politische Mehrheiten entwickeln können. Auch in manchen deutschen Kommunen ist dies heute schon zu beobachten.

Tabelle:
Wahlverhalten der Gewerkschaftsmitglieder in Prozent (kursiv Wahlergebnis bundesweit) Jahr Union SPD LINKE Grüne Rot-Rot-Grün BSW FDP AfD

Quellen: einblick, auf Basis Wahltagsbefragung Forschungsgruppe Wahlen, eigene Berechnung
express im Netz und Bezug unter: www.express-afp.info
Email: express-afp@online.de

VERÖFFENTLICHT IM EXPRESS 5-6 2024
https://www.express-afp.info/

Wir danken für das Publikationsrecht.

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