Mercedes Berlin Marienfelde: „Stammbelegschaft raus,150 Leiharbeiter rein? Lassen wir uns nicht spalten!“

Ein neuer Weckruf der „Autoarbeiter für eine kämpfende IG Metall“, ein Zusammenschluss aktiver Gewerkschaftskolleg:inen aus dem Mercedeswerk Berlin Marienfelde. Wir haben über ihre bisherigen Aktiväten ausführlich berichtet. Ihre aktuelle Forderung nach „Neueinstellungen nur direkt und unbefristet!“ ist nichts anderes als ein konkreter Schritt zur Abwehr eines „Todes auf Raten“ der Stammbelegschaft.

Denn wir werden alle zur Verfügungsmasse, auch die Stammbelegschaft, wenn wir zulassen, dass es Kolleginnen und Kollegen 2. und 3. Klasse gibt. Je mehr Leiharbeiter:innen oder Arbeiter:innen auf Zeit, umso manövrierfähiger ist die Kapitalseite und umso mehr sind alle Beschäftigen erpressbar. Von entscheidender Bedeutung ist, dass die gewerkschaftliche Interessenvertretung und die Mehrheit der Stammbelegschaft das erkennt und Druck machen. Einheit, Wehrhaftigkeit und Zukunft der Beschäftigten gehören zusammen. Zukunft bedingt Wehrhaftigkeit und starke Wehrhaftigkeit setzt größtmögliche Einheit unter den Arbeitenden voraus. Jede(r) Festangestellte mehr ist ein Gewinn.

Kämpfen ist notwendig und die Gruppe äußert ihre Erwartung, dass IGM Führung und Verantwortliche vor Ort dazu energischer mobilisieren. Nicht nur in Berlin Marienfelde befürchten immer mehr Automobilarbeiter:innen, dass sie über den Tisch gezogen werden. Wenn die Automobilarbeiterschaft durch Spaltung zur Verfügungsmasse wird, droht ihr bei der aktuellen Entwicklung erst recht, unter die Räder zun kommen. Es brodelt unter der Oberfläche in etlichen Betrieben quer durch die Republik.

Der Anlauf des Axialflussmotors (AFM) in Marienfelde ist für Mercedes äusserst wichtig. Die Belegschaft ist also in einer taktisch günstigen Position, bei Einigkeit und Kampfbereitschaft Forderungen durchzusetzen. Der folgende Text erschien am 12.Februar 2026 als Flyer und wird im Werk ab heute breit verteilt.

Stammbelegschaft raus,150 Leiharbeiter rein? Lassen wir uns nicht spalten! Neueinstellungen nur direkt und unbefristet!

Die Werkleitung (WL) behauptet: Um den Anlauf des Axialflussmotors (AFM) zu stemmen, müssen mindestens 150 Leiharbeiter eingestellt werden – vorerst bis Jahresende befristet. Gleichzeitig geht gemäß Zielbild 2.0 der Stellenabbau der Stammbelegschaft weiter. Etliche Kollegen empfinden dies zu Recht als Schlag ins Gesicht. Über Jahre die Kollegen raustreiben und jetzt nicht genug Leute für den AFM-Anlauf? „Unterm Strich ein Austausch der Belegschaft“ äußerten viele. Relativ gute Industriearbeitsplätze abbauen und unsichere 2.-Klasse-Jobs reinholen. Was soll diese Spaltung?!

Gleichzeitig werden ca. 200 Kollegen, die dem werksinternen „Arbeitsamt“ zugeordnet sind, ewig nicht in die Abteilungen überschrieben, in denen sie eingesetzt sind -teilweise seit zwei Jahren. Dieser Zustand ständiger Unsicherheit soll uns mürbe machen. Zahlreiche Kollegen schieben bei chronischem Personalmangel seit zwei Jahren Überstunden, um den erfolgreichen AFM-Anlauf sicherzustellen, während die WL unsere fähigsten Arbeiter und Ingenieure aus dem Unternehmen treibt. Es besteht die reale Gefahr, dass durch den Leiharbeiter-Einsatz die Stammbelegschaft weiter reduziert wird. Im Zielbild 2.0 ist vereinbart, dass bei unter 1.500 die Abfindungen und Frühpensionierungen gestoppt werden.
Wenn nun aber die Leiharbeiter als Teil dieser 1.500 gezählt werden, kann die WL weiter Stammbeschäftigte loswerden … und am Ende auch die Leiharbeiter. Ergebnis: eine Beschäftigtenzahl unter1.500.

Der Leiharbeiter-Einsatz ist zustimmungspflichtig durch den Betriebsrat. Aber die Personalkommission des BR hat bereits den Einsatz der ersten 53 Leiharbeiter abgenickt. Sie wurden bereits von DEKRA und Randstad geschickt und werden angelernt. Für viele nicht der erste Einsatz im Werk. Mit einigen haben wir bereits zusammen am OM642 geschraubt.
Wenn sie Arbeitskräfte brauchen, dann sollen sie anständig einstellen und den Stellenabbau beenden! Es ist höchste Zeit, dass unsere Gewerkschaft für folgende Forderungen in Aktion tritt:

  • Schluss mit dem Stellenabbau im Werk!
  • Schließt das Arbeitsamt! Umschreibung aller Kollegen in ihre aktuellen Abteilungen!
  • Unbefristete Übernahme der bereits eingesetzten Leiharbeiter!
  • Der BR muss alle zukünftigen Anträge auf Leiharbeiter-Einsatz an die WL zurückverweisen mit der Forderung: Neueinstellungen nur direkt und unbefristet!

Die WL wird es natürlich ablehnen. Also muss es von uns durchgesetzt werden! Zum Beispiel mit zeitlich unbegrenzten Betriebsversammlungen! Mit einem BR, der alles abnickt, und einer IGM-Führung, die Stillhalte-Politik predigt, ist das unmöglich. Durch unsere 60+ Kollege wissen wir aber: Solche Zustände sind kein Naturgesetz,
dasman einfach hinnehmen muss. Wir brauchen kämpferische Betriebsräte und einen anderen Kurs in der IGM, der Arbeiterinteressen mit Mitteln durchsetzt, die wirksam sind. Werdet selbst aktiv und tretet mit uns in Kontakt! Macht Druck auf eure Vertrauensleute und Betriebsräte, diese 4 Punkte durchzusetzen!

In Diskussionen mussten wir feststellen, dass ein Teil der Kollegen Verständnis für die WL äußert. Sie halten Leiharbeiter-Einsatz für legitim, um Auftragsspitzen abzudecken. Es besteht die Hoffnung, dass die Bosse, wenn man ihnen dieses Mittel zugesteht, die Stammbelegschaft nicht attackieren und nicht weiter Produktion ins Ausland verlagern werden.

Aber die Erfahrung der letzten drei Jahrzehnte hat bewiesen, dass dies ein Trugschluss ist. Nachdem der Einsatz von Leiharbeit begrenzt wurde, gingen die Kapitalisten dazu über, massenhaft Werkverträge auszuschreiben. Bei den Sub-Firmen können unbegrenzt Leiharbeiter eingesetzt werden. So wurde in allen Autowerken ein Zustand geschaffen, bei dem dauerhaft ein großer Teil der Mannschaft in einem 2.-Klasse-Status gehalten wird (bei uns im Werk ca. 20-30%).

Die IGM-Führung hat diese Spaltung der Arbeiterschaft mitgetragen und damit unsere Gewerkschaft geschwächt. Und, hat sich der Verzicht ausgezahlt? Für uns Arbeiter nicht! Die Produktion wird trotzdem verlagert und unsere Jobs geschreddert (ganz zu schweigen von den Reallohnverlusten der letzten Jahre).

Hunderte externer Kollegen in unserem Werk können ein Lied davon singen, was es heißt, Arbeiter 2. (oder 3.) Klasse zu sein. Längere Wochenarbeitszeit, weniger Lohn, weniger Urlaubs- und Weihnachtsgeld, keine Gewinnbeteiligung. Aber selbst wenn Leiharbeiter bei 35h einen Lohn auf unserem EG4/5-Niveau bekommen, bleibt das Hauptproblem: Du musst aufpassen, wenn du deinen Mund aufmachst, und über dir schwebt ständig die Gefahr, auf die Straße gesetzt zu werden. Und das über Jahre!

Und trotzdem haben auch viele externe Kollegen unsere Petition an den IGM-Vorstandunterschrieben. Kollegen, die sich fragen „Was gehen uns die Leiharbeiter an?“, sagen wir: Kampf gegen Leiharbeit und Werkverträge ist kein Akt von Wohltätigkeit, sondern im ureigensten Interesse eines jeden Stammbeschäftigten.
Denn diese Spaltung schwächt uns Arbeiter als Ganzes. Erstens durch Lohndruck auch auf die Stammbelegschaft. Und zweitens wird der Kreis der Stammbelegschaften im
ganzen Land immer kleiner. Wir dürfen es nicht zulassen, dass ein Teil von uns weitgehend rechtlos in einem 2.-Klasse-Status buckelt. So kommen wir alle nicht voran.

Die Kapitalseite wird sich mit unseren Zugeständnissen nie zufrieden geben. Im Endeffekt sollen wir Arbeiter unser Leben nach den Schwankungen des Marktes ausrichten, um ihre Profite zu sichern. Das kann nicht die Zukunft für uns und unsere Kinder sein!

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Zum Stand der Petition an den IGM-Vorstand wird berichtet:

Wir informieren euch hiermit, dass wir bis Jahresende 2025 für unsere Petition an den IGM-Vorstand fast 400 Unterschriften unter Kollegen im Werk gesammelt haben – hauptsächlich in der Produktion. Das ist ein deutliches Statement eines beachtlichen Teils der Belegschaft, der von unserer Gewerkschaft wirksame Kampfmaßnahmen gegen die laufende Zerstörung von Industriearbeitsplätzen einfordert.

Als nächsten Schritt werden wir eine Delegation in die IGM-Zentrale nach Kreuzberg schicken, um die Petition Jan Otto (IGM Bezirksleiter Berlin, Brandenburg, Sachsen) zu übergeben. Wir werden dafür schriftlich und telefonisch um einen Nachmittags-Termin bis zum 1. März bitten.

Wer Teil der Delegation werden möchte, kann sich gerne bei uns melden! Die Petition steht bis zur Übergabe natürlich allen Kollegen offen, die noch unterschreiben möchten. Je mehr, desto besser!

Hier der Wortlaut der Petition

Die Gruppe „Autoarbeiter für eine kämpfende IG Metall“ schreibt über sich

Wir sind eine Gruppe von kämpferischen Kollegen aus unterschiedlichen Werksbereichen. In unseren Reihen findet ihr Arbeiter und Arbeiterinnen unterschiedlicher ethnischer Herkunft. Zu uns zählen sowohl einfache IG-Metall-Miglieder als auch Vertrauensleute und Betriebsräte

Titelbild: Collage Peter Vlatten

Entwertet KI Universitäten und akademische Abschlüsse?

Von FLORIAN RÖTZER

Bild: Tesla Optimus. Screenshot von YouTube-Video von Tesla Car World

Wie KI den Arbeitsmarkt verändern wird, ist noch immer eher spekulativ abzuschätzen. Verkäufer wie Elon Musk erklären zwar, dass niemand mehr arbeiten werde, aber alle reich würden, weil sie, wie er seit Jahren verspricht, ein Bedingungsloses Hohes Einkommen (Universal High Income) erhalten werden. Da schließt sich Sam Altman von OpenAI an, der zwar auch nicht weiß, wie die Menschen überleben werden, aber einen dem Bedingungslosen Mindesteinkommen analogen Bedingungslosen Mindestreichtum andenkt. Das soll durch Anteile an der Produktivität von KI gesichert werden. Die Frage wird sein, ob die KI-Produktionsmittelbesitzer bereit sein werden, alle Menschen an den Einkünften teilhaben zu lassen, was auch Mitbestimmung bedeuten würde,  und ob das überhaupt funktionieren kann, wenn die Eigentumsverhältnisse nicht verändert werden.

Die Wirklichkeit dürfte anders aussehen. KI scheint erst einmal Jobs wegzufressen. In den USA wird es für Universitätsabgänger aus technischen Studienabgängen zunehmend schwerer, feste Jobs mit guten Löhnen zu erhalten, während in der Tech-Branche 2025 Tausende entlassen wurden.

Aus Indien wird bereits berichtet, dass die Menschen in der IT-Branche unter Druck geraten und vermehrt aus Verzweiflung Selbstmord begehen, weil Arbeitsplätze für zuvor relativ gut Verdienende wegbrechen und die Jobs prekär werden. Oft handelt es sich um outgesourcte Arbeit, die von vorneherein unter extremen Kostendruck steht. Um die Jobs zu behalten, müsse immer länger unter hohem Termindruck gearbeitet werden, ständig bedroht, die Arbeit zu verlieren wenn der KI-Einsatz zunimmt. „Laut einer aktuellen Umfrage leiden 83 % der indischen Tech-Mitarbeiter unter Burnout. Jeder Vierte arbeitet mehr als 70 Stunden pro Woche. Im Bundesstaat Karnataka, wo Bengaluru liegt, machen Tech-Mitarbeiter laut einer führenden regionalen Zeitung einen unverhältnismäßig hohen Anteil von 20 % der Patienten aus, die aufgrund von Organversagen eine Transplantation benötigen. Eine Studie unter IT-Fachkräften im IT-Zentrum Hyderabad ergab, dass 84 % eine Lebererkrankung hatten, die mit langen Arbeitszeiten im Sitzen und hohem Stress zusammenhängt. Einige der führenden IT-Unternehmen Indiens befürworten unterdessen eine 70- oder sogar 90-Stunden-Woche anstelle der gesetzlich festgelegten Höchstarbeitszeit von 48 Stunden.“

Anthropic CEO Dario Amodei warnt, dass KI massenhaft menschliche Arbeit ersetzen wird. Er verweist dabei auf die Landwirtschaft. Vor der industriellen Revolution war in ihr die Mehrheit der Menschen tätig, jetzt sind es in den reichen Ländern noch 1-2 Prozent, Tendenz weiter sinkend. Zumindest kurzfristig wird die KI, wenn die Blase nicht platzt und sich die weitere Entwicklung verzögert, disruptiv wirken.

In Deutschland lässt sich bislang nur ein kleiner Rückgang der Studierendenzahlen bemerken, wobei die Zahl der Informatikstudierenden weiter wächst. In den USA, wo Trends oft eher durchbrechen, sieht die Situation anders aus. Zwischen 2010 und 2022 ist die Zahl der Studierenden um 15 Prozent gesunken. Das kann auch damit zu tun haben, dass die Kosten für ein Studium stark angestiegen sind. Aber 2022 war erst das Jahr, in dem ChatGPT frei gelassen wurde. Jetzt ist die Arbeitslosenrate bei Universitätsabgängern höher als beim Durchschnitt. Schon länger zeichnet sich ab, dass ein Hochschulabschluss keine Karrieregarantie mehr ist. Der Bericht „Talent Disrupted“ (2024) konstatiert etwa: „Unter den Arbeitnehmern, die einen Bachelor-Abschluss erworben haben, findet nur etwa die Hälfte innerhalb eines Jahres nach ihrem Abschluss eine Anstellung in einem Beruf, der ein Hochschulstudium erfordert, während die andere Hälfte unterbeschäftigt ist, d. h. in Berufen arbeitet, die keinen Hochschulabschluss erfordern oder in denen die im Studium erworbenen Fähigkeiten nicht sinnvoll genutzt werden können. Einige Absolventen, die zunächst unterbeschäftigt sind, finden schließlich eine Anstellung, die ein Hochschulstudium erfordert, aber die Mehrheit bleibt auch 10 Jahre nach ihrem Abschluss unterbeschäftigt.“

KI könnte dafür sorgen, dass die Investition in ein Studium sich nicht mehr lohnt, zumindest nicht in den Bereichen, die besonders KI-anfällig sind. Das könnten neben Studiengängen wie Philologie, Betriebswirtschaft oder Jura ausgerechnet die MINT-Fächer sein: „Die Einschreibungen in Studiengänge der Informatik und Informationswissenschaften gingen bei allen Arten von Abschlüssen und Einrichtungen zurück, wobei die Spanne von -3,6 Prozent bei Bachelor-Studiengängen an PAB-Einrichtungen bis zu -14,0 Prozent bei Master-Studiengängen reichte“, so der Final Fall Enrollment Trends 2025 Report vom Januar 2026.

In den USA, wo das Studium viel Geld kostet, wird natürlich stärker berücksichtigt, ob sich die Investition in ein Studium lohnt. Die Zahl der Studienanfänger, vor allem aus dem Ausland, geht zurück, was auch mit der restriktiven Visa-Politik der Trump-Regierung und deren Universitätsfeindlichkeit zu tun hat. Die Universitäten haben weniger Geld und müssen sparen, was sich mittelfristig auf Personal und Qualität auswirken wird. Da die reichen Privatuniversitäten der Ivy League wie Harvard, Princeton oder Yale nicht betroffen zu sein scheinen, wird sich die Kluft zwischen auch in der Bildung weiter verschärfen.

In Deutschland gehen die Studierendenzahlen nach dem Statistischen Bundesamt für 2024/2025 bereits leicht zurück. Das betrifft sowohl die Geisteswissenschaften und die Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, aber eben auch Mathematik/Natur- sowie Ingenieurwissenschaften und Agrar-, Forst- und Ernährungswissenschaften, Veterinärmedizin. Dagegen schreiben sich mehr in Humanmedizin/Gesundheitswissenschaften, Sport sowie Kunst/Kunstwissenschaften ein.

Wird kognitive Arbeit und die Ausbildung von dieser überflüssig? Kommt es eher auf eine Kooperation des verkörperten Menschen mit der KI an? Der amerikanische Bildungsexperte Ryan Craig sagt, dass letztlich Lehre, Praktika oder Mitarbeit an Projekten mit geringem oder keinem Verdienst entscheidender werden: „Während ich immer mehr Kommentare darüber lese, dass KI die Bedeutung der technischen Aus- und Weiterbildung verringern wird, und zu der erfreulichen Schlussfolgerung kommen, dass eine Renaissance der Geisteswissenschaften bevorsteht, befürchte ich, dass dies Wunschdenken ist. Der Hauptaspekt der Auswirkungen von KI auf Bildung und Personal wird darin bestehen, die Bedeutung der schulischen Ausbildung zu verringern und die der Berufserfahrung oder zumindest des arbeitsbasierten Lernens zu erhöhen. Kurz gesagt: KI führt dazu, dass akademische Abschlüsse an Wert verlieren und Berufserfahrung an Bedeutung gewinnt.“

Die sinkende Bedeutung der Universitäten könnte aber auch nur eine Übergangsentwicklung sein, bis die Vielzweck-Roboter kommen, die lernen und Arbeitserfahrung sammeln können. Aktuelles Beispiel  Helix 02 von Figure. Das sieht noch tapsig aus und ist langsam, aber es wird deutlich, dass Roboter, die mobilen Verkörperungen der KI, immer besser in der materiellen Welt zurechtkommen:

Florian Rötzer

Florian Rötzer, geboren 1953, war Gründer des Online-Magazins Telepolis und von 1996 bis 2020 dessen Chefredakteur. Seit 2022 ist er Redakteur beim Overton Magazin. Er ist Autor mehrerer Bücher. In diesen Tagen erschien sein Buch In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Moshe Zuckermann geschrieben hat.
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Erstveröffentlicht im Overton Maagazin v. 3.2. 2026
https://overton-magazin.de/top-story/entwertet-ki-universitaeten-und-akademische-abschluesse/

Wir danken für das Publikationsrecht.

Acht-Stunden-Tag: Wem gehörtdie Zeit?

Nicole Mayer-Ahuja über die Pläne der Bundesregierung, den Acht-Stunden-Tag abzuschaffen

Bild: Proge

»Mit Macht für die Acht!« So wirbt der Deutsche Gewerkschaftsbund für eine Forderung, für die 100 Jahre lang gekämpft wurde: Acht Stunden für Erwerbsarbeit – acht für Schlaf – acht für das, »was man will« (Freizeit, Familie, Engagement). Seit der Novemberrevolution 1918 gilt in Deutschland das Recht auf den Acht-Stunden-Tag. »Die werktägliche Arbeitszeit der Arbeitnehmer darf acht Stunden nicht überschreiten«, heißt es im Arbeitszeitgesetz. Dagegen wird aktuell mobil gemacht.

Laut Koalitionsvertrag soll »die Möglichkeit einer wöchentlichen anstatt einer täglichen Höchstarbeitszeit« geschaffen werden – »auch und gerade im Sinne einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf«. Was würde sich dadurch ändern, mag man fragen. Kann doch die Arbeitszeit schon jetzt auf bis zu zehn Stunden am Tag verlängert werden, wenn nur im Schnitt von sechs Monaten acht Stunden täglich herauskommen. Das Signal ist klar: Bei hohem Arbeitsanfall soll mehr als zehn Stunden rangeklotzt werden. Vereinbarkeit von Erwerbs- und Privatleben? Fehlanzeige.

Die »Pflicht zur elektronischen Erfassung von Arbeitszeiten« soll »unbürokratisch« geregelt, »Vertrauensarbeitszeit« weiter möglich bleiben. Der Europäische Gerichtshof hat 2019 geurteilt, dass jede Minute Arbeitszeit dokumentiert und bezahlt werden muss. Die Umsetzung in deutsches Recht steht aus. Ein Argument der Gegner: Die »ununterbrochene Ruhezeit von mindestens elf Stunden« im Arbeitszeitgesetz hindere junge Väter daran, ihr Kind ins Bett zu bringen und sich danach wieder an den Rechner zu setzen. Klartext: Feierabend, Wochenende – alles steht zur Disposition. Wenn Arbeitsstunden nicht erfasst werden, kann kein Betriebsrat ein Veto einlegen, Überstunden werden nicht bezahlt, Zuschläge gibt es nicht. Im Jahr 2024 fielen 1,2 Milliarden Überstunden an, davon 638 Millionen unbezahlt. Eine Entlastung für Eltern? Wohl kaum.

Friedrich Merz’ Forderung, »wir müssen in diesem Land wieder mehr und vor allem effizienter arbeiten«, heißt für Vollzeitbeschäftigte: noch längere Arbeitstage bei noch mehr Leistungsdruck! Wer krank wird, steht unter Blaumachverdacht – daher die Debatten über Karenztage bei der Lohnfortzahlung oder telefonische Krankmeldungen. Dabei sagt die Arbeitsmedizin unzweideutig, dass Arbeitszeiten von mehr als 40 Stunden in der Woche auf Kosten der Gesundheit gehen. Das schafft Leid und kostet Geld.

Zum Thema: Nur die Verwertbarkeit zählt – Claudia Wangerin über das Vorhaben in der Union, das Recht auf Teilzeitarbeit stark einzuschränken

Für Teilzeitbeschäftigte heißt die Botschaft: Arbeitet länger, wenn es Unternehmen und Behörden verlangen. Doch wie, wenn es an staatlicher Kinder- und Altenbetreuung fehlt? Wenn Arbeit in Teilzeit und »Minijob« so verdichtet wurde, dass man sie ganztags nicht durchhält? Die Mittelstandsunion meint, der Rechtsanspruch auf »Lifestyle-Teilzeit« müsse weg. Ein Affront, etwa für Beschäftigte in der Pflege, die Stunden reduzieren, um nicht in die Knie zu gehen – ohne Lohnausgleich, versteht sich.

Wem gehört die Zeit? Bei dieser Frage geht es um Umverteilung von Zeit und Reichtum zwischen Arbeit und Kapital, um Geschlechtergerechtigkeit und Emanzipation, um Gesundheit und Lebenszeit. Die Grenzen des Arbeitstags sind das Maß für die Freiheit von Lohnarbeit. Verteidigen wir sie – jetzt!

Nicole Mayer-Ahuja ist Professorin für die Soziologie von Arbeit, Unternehmen und Wirtschaft an der Universität Göttingen. Sie forscht zu Veränderungen der Arbeitswelt, auch in transnationaler Perspektive. Außerhalb der Wissenschaft ist sie linken Gewerkschafter*innen seit Langem bekannt, eine breite Öffentlichkeit erreichte sie 2021 mit ihrem …

Erstveröffentlicht im nd v. 3.2. 2026
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1197335.arbeitszeit-acht-stunden-tag-wem-gehoertdie-zeit.html

Wir danken für das Publikationsrecht.

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