Ausstieg aus der Autogesellschaft: Sinnvoll und machbar

Der Beitrag von Pau Michel setzt sich grundsätzlich mit der notwendigen Veränderung "Weg vom Invidualverkehr, hin zu einer klimaverträglichen Mobilität" gegen  die Interessen der Konzerne und einer kapitalistischen Wachstumsgesellschaft auseinander, aber auch, dass gerade durch einen grundsätzlichen klimaverträglichen Wechsel zukunfsfähige Arbeitsplätze entstehen. Siehe hierzu  u. a. unseren Beitrag: Klimagerechte Arbeitsplätze sind eine Alternative zu Werksschliessungen in der Automobilbranche ! Ausserdem: grundsätzliche Systemkritik, wie sie Paul Michel äussert,  ist  von der grün-kapitalistischen Lobby, die die Klimabewegung vor ihren Karren zu spannen versucht , absolut unerwünscht. Siehe hierzu unseren Beitrag "Für FFF Veranstalter Berlin – Antikapitalistische und sozialistische Kritik unerwünscht" (Peter Vlatten)

Paul Michel, 11.9.2023 [1]https://gewerkschaftsforum.de/17586-2/

Die Autokonzerne zeichnen in der Öffentlichkeit ein beängstigendes Bild für den Fall, dass ihre Wünsche nicht erfüllt werden. 400.000 Arbeitsplätze würden durch den Umstieg auf Elektro-Autos entfallen. Dabei sind es die Autokonzerne selbst, die für die Zerstörung der Arbeitsplätze sorgen. Bisher sind vor allem die Autozulieferer von massivem Arbeitsplatzabbau und Standortschließungen betroffen.

Die vermeintliche „Transformation“ ist häufig nur ein Vorwand für die Schließungen der Standorte in der Region. Dabei werden die bisherigen Tätigkeiten keineswegs eingestellt, sondern in Billiglohnländer nach Osteuropa verlagert. Roman Zitzelsberger, IG Metall Chef von Baden-Württemberg, äußerte: „Wir stellen fest, dass ein erheblicher Teil der Zulieferer plant, neue Komponenten für Elektromobilität tendenziell eher in Low-Cost-Countries zu verlagern oder, um den neuen Sprech zu bemühen: in Best-Cost-Countries.“ Der Autozulieferer Mahle machte sein Werk in Öhringen dicht und verlagerte die Arbeit nach Rumänien; Mahle Gaildorf nach Polen; Bosch Bietigheim-Bissingen nach Ungarn; Eberspächer nach Polen.

Zunehmend sind auch die Werke der großen Autokonzerne betroffen. Für das Ford-Werk in Saarlouis mit 5.000 Beschäftigten samt 2.000 Zuliefererarbeitsplätzen ist die Standortschließung bereit beschlossen. Auch die 1.300 Beschäftigten des Opel-Werks in Eisenach haben allen Anlass zur Sorge, dass die Stellantis-Bosse alsbald ihr Werk dichtmachen werden. Selbst VW droht in Turbulenzen zu geraten.

Das gilt für den chinesischen Absatzmarkt des Wolfsburger Konzerns, der im Bereich Elektromobilität auf null zuläuft und von der chinesischen Konkurrenz abgehängt wird. Ein Desaster. Denn vier von zehn Fahrzeuge verkaufte der Konzern bisher in China. Doch auch in Europa wird es für VW schwerer. Der Markenchef erklärte im Spätsommer vor 2.000 Managern: „Die Zukunft der Marke VW steht auf dem Spiel steht.“ Alles müsste jetzt „auf den Prüfstand“. Die „Kosten seien zu hoch“.

Elektroauto: Fortsetzung der ökologischen Zerstörung

Inzwischen orientieren fast alle Autokonzerne auf Elektro-Autos. Und sie werden nicht müde, diese Fahrzeuge als die ökologische Alternative zu präsentieren. Elektroautos verbrennen zwar im Betrieb keine fossilen Rohstoffe. Doch ihre Ressourcenbilanz ist katastrophal. Schürfen und Verarbeiten der seltenen Rohstoffe Graphit, Kobalt, Nickel, Neodym oder Lithium sind mit hohen CO2-Emissionen verbunden. Je größer die Batterie, umso größer der Umweltschaden. Beim aktuellen Strommix muss ein schwerer E-SUV 130.000 km fahren, bis der „ökologische Rucksack“ abgetragen ist und die Klimavorteile eines E-Pkw im Verkehr überhaupt erst relevant werden. Dazu kommt, dass die Gewinnung der Batterierohstoffe die Abbaugebiete vergiftet und dramatische Folgen für die ansässige Bevölkerung hat. Bereits jetzt werden immer neue Minen aufgemacht und ein Einstieg in den besonders zerstörerischen Tiefseebergbau ist in Vorbereitung. E-Autos sind keine Alternative zu den Verbrennern, sondern ihre massenhafte Produktion steht für die Fortsetzung der ökologischen Verwüstung unseres Planeten.

Völliges Umsteuern: Weniger Verkehr ist mehr

Eine verantwortungsbewusste Bilanz der bereits aufgetretenen Umweltschäden und die Anerkennung der Begrenztheit unseres Planeten führen nur zu einer Schlussfolgerung: Einen ressourcenfressenden Autoindividualverkehr können wir uns nicht mehr leisten. Eine Alternative ist durchaus sichtbar: Dazu gehören ein gut ausgebauter öffentlicher Schienenverkehr, ein gut getaktetes Bussystem, lokale urbane Seilbahnen und auch ein umfassendes und sicheres Fahrradnetz. Es würden in einem solchen System zwar auch noch Pkws erforderlich sein – aber in deutlich geringerer Zahl. Nötig wären etwa E-Taxis oder Betriebs- und Handwerkerfahrzeuge. Dazu käme eine begrenzte Zahl von gemeinschaftlich nutzbaren Car-Sharing-Fahrzeugen, insbesondere um für die Menschen auf dem Land eine gute Mobilität zu ermöglichen.

Ein anderes Problem sind die Lastwagen. Verkehrsminister Wissing (FDP) verkündete jüngst, dass in den nächsten drei Jahrzehnten der LKW-Verkehr auf den Straßen um 54 Prozent anwachsen würde. Das wäre die direkte Fahrt in die ökologische Katastrophe: Mehr Lärm, noch mehr Straßenbelastung und eine weitere Asphaltierung der Landschaft. Wissing sieht das als unabänderliches Naturgesetz. Das muss aber nicht sein. So würde eine geringere Autoproduktion oder die Herstellung von weniger kurzlebigen und reparaturfeindlichen Wegwerfprodukten automatisch zu weniger LKW-Transporten führen. Zudem bräuchte es ordnungsrechtliche Maßnahmen, um eine Regionalisierung der Produktion zu erreichen. So ist es völlig unverständlich, warum Milchprodukte aus dem Allgäu nach Norddeutschland transportiert und im Gegenzug norddeutsche Milch in den Süden geliefert werden muss.

„Just-in-Time“ und Lkw-Schlangen

Ein entscheidender Grund für die endlosen Lkw-Schlangen auf den Autobahnen ist die Just-in-Time-Produktion. Hierbei wird die Lagerhaltung praktisch auf Schiffe, Bahnen oder Lkw verlegt. Statt eventuell benötigtes Material länger auf Lager zu halten, werden dabei genau die benötigten Teile zeitlich passgenau angeliefert. Just-in-Time spart für die Firmen Lagerkosten. Güter werden nicht nur quer durch Deutschland transportiert, sondern auch durch ganz Europa und rund um den Globus. Eine Abkehr weg von der Just-in-Time-Produktion zur Lagerhaltung und eine Rücknahme der Produktion von globalen Lieferketten auf regionale oder lokale Produktion, würde den Lkw-Verkehr beträchtlich reduzieren und wäre zweifelsohne ein Segen für die Umwelt. Von dem, was dann immer noch an Lieferverkehr anfallen würde, sollte der Großteil, insbesondere der über lange Distanzen, auf die Schienen verlagert werden. In diesem Fall bräuchte man nur noch einen Lkw-Einsatz zur Überbrückung der „letzten Meile“ vom Güterbahnhof zu lokalen Unternehmen.

Konversion schafft Arbeitsplätze

Eine überschlägige Rechnung zeigt, dass für die Verlagerung eines Großteils des heutigen Automobilverkehrs auf öffentliche Verkehrsmittel das Bahn- und Bussystem um den Faktor 2,5 ausgebaut werden müsste. Dafür reichen die Kapazitäten der heutigen Bahn- und Bushersteller nicht aus. So kommt die deutsche Bahnindustrie insgesamt gerade mal auf zwölf Milliarden Euro Umsatz und nur 55.000 Beschäftigte. Bereits jetzt reichen diese Kapazitäten kaum für eine Sanierung der heruntergewirtschafteten Eisenbahnstrecken, geschweige denn für den Aufbau eines ökologischen Verkehrssystems. Aber es gibt eine Lösung: Die Umstellung eines großen Teils der heutigen Autoindustrie auf die Produktion von Eisen- und Straßenbahnen, Bussen, Kleinbussen und Sammeltaxis. Zusätzlich muss die Bahninfrastruktur ausgebaut werden. Das bedeutet: Bei einem Ausstieg aus dem Autoindividualverkehr werden die Beschäftigten in der Autoindustrie weiter gebraucht. Aber die Produktion müsste umgestellt werden.

Doch geht das auch? Dazu ein aktuelles Beispiel: Der Automobilzulieferer Continental verkündete im August 2023 die Schließung für sein Werk im niedersächsischen Gifhorn. Doch nach Protesten der Belegschaft, des Betriebsrats und der IG Metall wird das Werk von Stiebel Eltron übernommen. Statt Autokomponenten werden die 850 Beschäftigten in Gifhorn künftig Komponenten für Wärmepumpen fertigen. Genauso könnten in vielen Automobilwerken auch Eisenbahnen und Busse hergestellt werden.

Weitere Arbeitsplätze müssten geschaffen werden, wenn die Bahn nach einer Umwandlung von einer Börsenbahn zu einer Bürger*innenbahn endlich den Service bieten würde, der möglich und auch erforderlich ist, um deutlich größere Teile der Bevölkerung dazu zu motivieren, ihre Autos abzuschaffen und sich stattdessen mit Bahnen, Bussen, Fahrrad und den eigenen zwei Beinen fortzubewegen.

Ökologisch-soziales Umbauprogramm

Beim ökologischen Umbau des Verkehrssektors kommt dem Staat eine tragende Rolle zu. Die Aufträge für neue Züge, Straßenbahnen und Busse müssen durch die öffentliche Hand finanziert werden. Ein ökologischer Umbau des Verkehrssystems dürfte wohl 500–700 Milliarden Euro kosten. Politiker der bürgerlichen Parteien sind da schnell mit der Aussage zur Hand: UNBEZAHLBAR! Doch das Geld dafür ist real vorhanden. Nach Berechnungen von Prof. Böttger (HTW Berlin) wird der Autoverkehr jedes Jahr mit 87 Milliarden Euro subventioniert. Umgerechnet auf zehn Jahre sind das fast 900 Milliarden Euro. Kanzler Scholz hat von einem Tag auf den anderen ein 100-Milliarden-Hochrüstungsprogramm für die Bundeswehr beschlossen. Die Frage nach der Finanzierung war da kein Thema. Als letztes Jahr der Verband der Automobilindustrie (VDA) und die IG Metall im Schulterschluss von der Regierung für die Transformation vom Verbrennungsmotor zum Elektroauto 500 Milliarden Euro gefordert haben, war von Seiten der politisch Verantwortlichen kein Widerspruch zu hören.

Tax the Rich – Die Reichen sollen zahlen

Bekanntlich ist die BRD für die Superreichen ein Steuerparadies. Es gibt hier keine Vermögenssteuer und keine Erbschaftssteuer, die diesen Namen verdient. Auf Gewinne aus Kapital und Aktien wird eine Billigsteuer erhoben. Die großen DAX-Konzerne haben ihr Vermögen in den vergangenen zwei Jahren massiv gesteigert. Oxfam spricht von „obszönen Krisengewinnen“. Viele Milliarden Euros der Reichen vagabundieren als Spekulationsgeld durch die internationalen Finanzmärkte auf der Suche nach maximaler Rendite. Es ist höchste Zeit, dass mit der Politik der Steuergeschenke für die superreiche Minderheit Schluss gemacht wird.

Zu Zeiten der Kohl-Regierung lag der Spitzensteuersatz bei 56 Prozent. Auch die Steuern auf verschiedene Unternehmensgewinne waren deutlich höher als heute. Wären die Steuern auf dem Niveau der Zeit der Kohl-Regierungen, würde der Fiskus jährlich 45 bis 50 Milliarden mehr in der Kasse haben. Durch staatlich begünstigte Steuerhinterziehung, wie die bewusste personelle Unterbesetzung der Finanzämter und eine Politik der gezielten Verhinderung von Betriebsprüfungen gehen nach Schätzung von Monitor jährlich potentiell 70 Milliarden Euro mehr an Steuern verloren. Mit den zusätzlichen Steuereinnahmen ließen sich die marode Infrastruktur und die erforderlichen ökosozialen Umbaumaßnahmen einfach finanzieren.

Leider scheint Oxfam derzeit die einzige Organisation zu sein, die lautstark und konsequent eine stärkere Besteuerung von Unternehmen und hohen Vermögen verlangt. Die Linke hat zum Thema Steuern für Reiche viel Papier beschrieben. Aber in der täglichen politischen Arbeit spielt das Thema Umverteilung bei der Partei mit diesem Namen leider kaum eine Rolle.

Die Tyrannei der Gewinnmarge brechen – Mercedes & Co. vergesellschaften

Ingenieure und Wissenschaftler*innen bescheinigen, dass rein „technisch“ eine Konversion der Autoindustrie kein Problem wäre. Woran es fehlt, ist der Wille und die Bereitschaft der Leute an den Schaltstellen der Macht im real existierenden Kapitalismus. Hier regiert die Gewinnmarge. Das angelegte Kapital muss sich lohnen, muss Mehrwert abwerfen. Mercedes-Chef Ola Källenius hat verkündet, man wolle sich jetzt ganz auf das margenträchtige Segment der teuren, überflüssigen und umweltschädlichen Luxuskarossen, wie Maybach oder AMG, konzentrieren. Der Schaden, der von diesen Straßenpanzern an Mensch und Umwelt angerichtet wird, ist für Källenius kein Thema. Seine Kollegen von BMW und Audi ticken genauso. Das kapitalistische System ist eine systemische Krankheit, die den Menschen und der Umwelt immer schwerere Schäden zufügt.

Im Kapitalismus ist es nicht Ziel des Wirtschaftens, die tatsächlichen menschlichen Bedürfnisse zu erfüllen und das Leben der Menschen zu verbessern. Es wird investiert, um für die wohlhabenden Investoren, also die reiche Minderheit, ansehnliche Renditen zu erwirtschaften. Das Ergebnis sind massive ökologische Schäden.

Es ist nicht vorstellbar, dass eine Verkehrswende im Rahmen eines Kapitalismus, der nicht zuletzt auf die Nutzung fossiler Ressourcen aufbaut, machbar wäre. Wer die aus ökologischen Gründen dringend gebotene Verkehrswende und die Konversion der Autoindustrie will, kommt nicht darum herum, die Eigentumsfrage zu stellen, und das zu tun, was Kevin Kühnert 2019 in einem kurzen lichten Moment in die Debatte gebracht hat: BMW, Mercedes, VW, Ford, Stellantis & Co. enteignen und unter öffentliche Kontrolle bringen.

Lufthansa: Vergesellschaften, Umbauen, Schrumpfen

Zu den schlimmsten Klimakillern gehört zweifelsohne die Luftfahrtbranche. Derzeit trägt der Luftverkehr zu knapp drei Prozent zum weltweiten Ausstoß an Treibhausgasen bei. Das ist aber nur die halbe Wahrheit: Denn da, wo die Flieger die Abgase rauslassen – in mehr als 10.000 Meter Höhe –, haben sie eine viel schädlichere Wirkung als am Boden. Der internationale Luftverkehr ist seit 2003 um mehr als 150 Prozent gewachsen. Um die Emissionen zu mindern, muss der gesamte Luftverkehr deutlich reduziert werden.

Inländischer Flugverkehr sollte in Zukunft eingestellt werden. Er sollte, wie auch ein großer Teil des innereuropäischen Flugverkehrs, auf die Schiene verlagert werden. Inländische und innereuropäische Flüge sollten nur für Notfälle vorbehalten sein. Die betroffenen Beschäftigten sollten auf Tätigkeiten bei der Bahn umqualifiziert werden.

„Bundesnetzagentur Mobilität“

Die Autoindustrie, Bahnindustrie und Luftfahrtbranche sollten nach einer Konversion in eine integrierte Mobilitätsbranche überführt werden, in der die Produktion von Autos nur noch eine untergeordnete Rolle spielen sollte. Es braucht eine enge Verzahnung der bisher getrennt, oft gegeneinander arbeitenden Branchen Autoindustrie, Luftfahrt und Bahnindustrie. Alle drei Branchen müssen in öffentliches Eigentum überführt werden, um die vielfältigen erforderlichen Maßnahmen miteinander zu koordinieren: Paralleler Ausbau der Bus- und Bahnnetze bei gleichzeitigem Abbau der Kapazitäten in der Autoindustrie. Vorstellbar wäre eine öffentliche Verkehrsbehörde, eine Art „Bundesnetzagentur Mobilität“ mit den Säulen für Individualverkehr, öffentlicher Verkehr, Flugverkehr sowie Fußgänger- und Radverkehr.

System Change wird kein Spaziergang

Klar ist, dass die deutschen Autokonzerne sich mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen ökologisch-soziale Umstrukturierungsmaßnahmen wehren werden. Es kommt darauf an, dass Klimaktivist*innen und Belegschaften in den verschiedenen Sektoren der Mobilitätsbranche zusammenarbeiten und eine breite, dynamische Bewegung schaffen, die auch wichtige Teile der gesamten Gesellschaft miteinbezieht. Das ist gewiss keine einfache Aufgabe. Aber wir haben keine Wahl. Wie sagte doch Bertolt Brecht?

„Dass Du Dich wehren musst, wenn du nicht untergehen willst, wirst Du doch einsehen.“

Wir danken für die Publiktiosnrechte, erschienen in Gewerkschaftsforum.de am 11.9.2023

Der Autor Paul Michel ist aktiv im „Netzwerk Ökosozialismus“ (https://netzwerk-oekosozialismus.de/)

References

References
1 https://gewerkschaftsforum.de/17586-2/

Von “Eine Mark mehr“ zu “We organize in less than 10 minutes“ – Wilde Streiks bei Ford, Hella und GORILLAS 1973 – 2023

1973 war das Jahr der wilden Streiks. Viele Fabrikarbeiter:innen setzten ihre Aufenthaltserlaubnis auf´s Spiel, um sich gegen ihre miesen Arbeitsbedingungen zur Wehr zu setzen. Jenseits der üblichen Vertretungsorgane nahmen sie ihren Kampf selbst in die Hand. Die migrantischen Arbeiter:innen kämpften nicht nur für höhere Löhne und mehr Urlaub, sondern auch für Gleichberechtigung. Jenseits der großen Fabriken kämpften in den letzten Jahren Fahrradkuriere immer wieder u.a. mit wilden Streiks gegen ihre besonders prekären Arbeitsbedingungen.

Streikbeteiligte von damals und heute berichten von ihren Erfahrungen.
Anhand dessen wollen wir über Möglichkeiten und Grenzen selbstorganisierter Kämpfe diskutieren.


Sonntag 17.09.2023 17 Uhr Aquarium Skalitzer Str. 6 10999 Berlin-Kreuzberg

Filmisches Begleitprogramm:
„Pierburg – Ihr Kampf ist unser Kampf“ 1974, 49 Min., dt
„Diese spontane Arbeitsniederlegung war nicht geplant“ 1982, 43 Min., dt.

Donnerstag 07. September 2023 19 Uhr Regenbogenkino Lausitzer Straße 22 10999 Berlin-Kreuzberg
„Liebe, D-Mark und Tod“ – „Aşk, Mark ve Ölüm“ 2022, 96 Min, Türkisch & dt. OmU

Samstag 23. & Sonntag24. September 15:30 Uhr fsk-Kino Segitzdamm 2 10969 Berlin-Kreuzberg

Die Zerschlagung der Gewerkschaften am 02.05.1933

Vorbemerkung: Neben anderen gewerkschaftlichen Veranstaltungen am 2. Mai 2023wir berichteten „2.Mai , eine historische Lehre“ – lud der Kreisverband Berlin-Ost des DGB „zum Gedenken an die Toten, Verletzten und Verhafteten anlässlich des 90. Jahrestages der gewaltsamen Zerschlagung der Gewerkschaften durch die Nazi-Regierung am 02.05.1933“ ein. Die Veranstaltung fand auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde-Lichtenberg statt. Zwischen den Reden von Vertretern des VVN-BdA, DIE LINKE Lichtenberg, von GEW und IG BAU trugen die Liederfreunde Vorwärts und Isabel Neuenfeldt Lieder aus dem gewerkschaftlichen Widerstand vor dem Sturm auf die Gewerkschaftshäuser vor. Anschließend führte der Gedenkverein zum Gräberfeld der über 800 Gewerkschafter, die ab der Zerschlagung getötet, verwundet oder verhaftet wurden. Fast gleichzeitig fand nicht weit entfernt davon eine Gedenkkundgebung zum Brandanschlag am 2.Mai 2014 auf das Gewerkschaftshaus im ukrainischen Odessa statt. 48 Menschen starben in dem Progrom und bei dem schlimmsten faschistischen Angriff auf eine Gewerkschaftliche Einrichtung im Nachkriegseuropa, bis heute ungesühnt und neuerdings totgeschwiegen. Wir veröffentlichen hier die Rede von Jörn Rieken (Vorstand IG Bau Berlin und freier Mitarbeiter unserer Redaktion), aus der sich auch für die aktuelle Situation wichtige Lehren ziehen lassen. (Peter Vlatten)

Die Zerschlagung der Gewerkschaften am 02.05.1933

Jörn Rieken

Vorausgegangen waren ein drastischer Sparkurs und Notverordnungen der Präsidialregierungen. Mit den sogenannten Notverordnungskabinetten des Zentrum-Politikers Heinrich Brüning ab 1930 war die Politik der Regierung nicht mehr auf einen Interessenausgleich orientiert.

Am 30.01.1933 fand die Machtübertragung an von Hindenburg an Hitler die Unterstützung fast bürgerlichen Parteien. Sie richtete sich in erster Linie gegen Sozialdemokraten und Kommunisten, Gewerkschafter und Betriebsräte. Ziel war deren vollkommene Ausschaltung. Spätestens ab diesem Zeitpunkt war die Gewalt gegen Kommunisten und Sozialdemokraten für niemanden mehr zu übersehen.

Selbst ab März 1933, als es überall im Deutschen Reich zu Übergriffen auf Gewerkschaftshäuser kam und Betriebsräte für abgesetzt erklärt wurden, konnte sich der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund (ADGB) nicht zum Widerstand durchringen.

Theodor Leipart, der Vorsitzende des ADGB hatte zuvor die Parole ausgerufen „Organisation, nicht Demonstration ist die Parole der Stunde“. Ein Generalstreik wurde, mit der Begründung eigner Schwäche, nicht ernsthaft erwogen. Selbst nach der Machtübertragung erklärte sich der ADGB noch zur Einordnung in den neuen Staat bereit. Und das, obwohl bei den letzten Betriebsrätewahlen der ADGB 73% der Stimmen erhalten hatte, die Nazi-Gewerkschaft aber nur 12%. Trotz des schon länger anhaltenden Terrors von SA-Kolonnen erklärte die ADGB- Führung weiterhin ihre Neutralität gegenüber den neuen Herrschern.

Erstmals zum Feiertag erklärt, diente der 1. Mai 1933 zur Demonstration einer vermeintlichen Einheit von Nazis und Arbeiterschaft. Die Anpassung der ADGB-Führung war Mitte April 1933 derart weitgegangen, dass sie zur Teilnahme an den Nazifeiern anlässlich des »Tages der nationalen Arbeit« aufgerufen hatte. Selbst für die Demonstrationen zum 1. Mai rief die ADGB-Führung die Arbeiter noch auf »Disziplin zu wahren«. Aber auch dieser politische Selbstmord verhinderte nicht das vollkommene Ende-und-Aus für die Gewerkschaften.

Gewerkschaftsgeschichte als Organisationsgeschichte

Warum aber agierten die ADGB-Verbände nicht wie im Jahr 1920 anlässlich des Kapp-Putsches? Warum riefen sie nicht zum Generalstreik auf, um die Nazigefahren abzuwehren?

Die Zurückhaltung des ADGB resultierte aus seiner geringeren Schlagkraft als in den 1920er Jahren, u.a. auch wegen dramatischer Mitgliederverluste. Die Löhne sanken, weil es die Regierungspolitik so wollte.

Zu Beginn der Weltwirtschaftskrise (1929/30) wollte die kommunistische RGO mit politischen Streiks den Lohnabbau verhindern. Aber als eine Gegenwehr mit Hilfe von Streiks noch eher möglich gewesen wäre, sah gerade die ADGB-Spitze darin mehr Risiko als Gewinn. Die zunächst noch vorhandenen Spielräume wurden sträflich unterschätzt. Das Schlichtungswesen mit staatlich verordneten Verbindlichkeitsverpflichtungen wurde zum Instrument des Lohnabbaus. Die Gewerkschaften zogen kaum Konsequenzen daraus.

Das RGO-Konzept beruhte allerdings auf einer Überschätzung der Aktionsmöglichkeiten. Es war eine Selbsttäuschung, wenn sie wegen der um sich greifenden Verarmung vom Anstieg der Kampfbereitschaft sprach und die Krise als letzte kapitalistische Regung deutete. Die abnehmende Streikbereitschaft belegt, wie wenig Aktionsbereitschaft vorhanden war. Anfang März 1933 stellte die Polizei in einem Überwachungsbericht fest, dass »mit Lohnkämpfen größeren Umfangs« nicht mehr zu rechnen sei. Auch die RGO-Agitation für einen Generalstreik sei nahezu »wirkungslos« gewesen, hieß es weiter.

Zwar hatten viele sozialdemokratische Freigewerkschafter im Frühjahr 1933 mit ihrer Anpassungspolitik versagt, aber nur kurze Zeit später bestätigten sie sich im Widerstand. Viele wurden misstrauisch wurden gegenüber den Arbeitern, die sie zumindest z. T. als Überläufer empfanden.

Lehren

Schon zu Beginn der Naziherrschaft in Deutschland saß der Schock vieler internationaler, aber auch vieler engagierter deutscher Gewerkschafter sehr tief über das kampflose Zurückweichen des ADGB vor dem Nationalsozialismus. Das ändere sich in der Nachkriegszeit nur langsam.

Beim FDGB war unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg noch eine „erinnerungspolitische Offenheit“ zu spüren. Bis 1983 galt der Widerstandskampf immer noch als Grundlage für die Einheitsgewerkschaft, wurde doch betont, dass nur der FDGB die Lehren aus der Geschichte umgesetzt habe. In der folgenden Zeit wurde dann wieder die Einschätzung übernommen, hauptsächlich die rechten Führer von SPD und Gewerkschaften hätten die Arbeiterbewegung 1933 in den Untergang geführt. Bis Anfang 1933 dominierte allerdings in der RGO-Führung die Einschätzung die SPD-Führung als primärem Gegner zu sehen. Spätestens ab 1983 wurde diese zweifelhafte politische Ausrichtung der RGO-Führung im FDGB kaum noch thematisiert.

Beim DGB gab es auf mittlerer und unterer Funktionärsebene eine nicht unerhebliche Reihe von Personen, die vom ADGB in nationalsozialistische Organisationen und wieder zurück in den DGB gewechselt waren. Im Unterschied zu Unternehmen und selbst bundesdeutschen Ministerien wird dieser Teil der Geschichte des DGB bis heute verdrängt. Auch eine Analyse der Gründe für die Niederlage von 1933 unterblieb.

Als Versuche einer Verarbeitung der Erinnerung an den 2. Mai 1933 können dagegen gewertet werden, dass gewerkschaftliche Gestaltungsmacht gegen unternehmerische Interessen und deren politischer Formulierung nur in enger Zusammenarbeit aller abhängig Beschäftigten erreicht werden kann.

Daraus folgten die Befürwortung einer Einheitsgewerkschaft, ein starker Internationalismus und die Idee von den Betrieben als politikfreien Räumen. Den westlichen Besatzungsmächten war die Wucht politischer und Generalstreiks aus Frankreich und Italien sehr bewusst. Maßgeblich legten sie die Grundsteine für das Korporatistische Modell des Rheinischen Kapitalismus. Damit wurde der politische Gestaltungsanspruch des DGB von den Betrieben in die politischen und verwaltungstechnischen Institutionen verlagert.

Langsam, aber stetig werden Betriebe aufgesplittert, Sparten in Tochterunternehmen ausgelagert, treten Unternehmen und sogar einzelne Bundesländer aus Tarifverbünden aus. Gegen diesen schleichenden Abbau korporatistischer Mitsprache haben die Gewerkschaften bisher noch kein Gegenmittel gefunden. Streiks zu allgemeinpolitischen Themen, selbst wenn sie direkt in die Arbeitswelt eingreifen, werden weiterhin gesetzlich unterbunden. In Zeiten, in denen die Dominanz westlichen Kapitals auf dem Weltmarkt stark am Sinken ist, Einkommens- und Vermögensungleichheit Ausmaße wie vor dem 1. Weltkrieg annehmen und am Faschismus orientierte Parteien deutlichen Zulauf erhalten, sollte die Lehre des Korporatistischen Modells einer deutlichen Prüfung unterzogen werden. Der 2. Mai 1933 sollte uns immer eine Warnung sein.

Wir danken Jörn Rieken (Vorstand IG Bau Berlin) für das Recht zur Veröffentlichung

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