»Wir wollen ein Mitbestimmungsrecht für Betriebsräte beim Klimaschutz«

Die designierte IG-Metall-Chefin Christiane Benner über wirtschaftliche Demokratie, Klimaschutz und Strategien gegen Rechtsextreme

Bild: IG Metall

Interview: Eva Roth

Frau Benner, ein zentrales Anliegen von Ihnen ist die Mitbestimmung, dafür wollen Sie sich auch künftig als IG-Metall-Chefin einsetzen. Auf einer Tagung im letzten Jahr haben Sie gesagt: »Wir brauchen mehr wirtschaftliche Demokratie in diesem Land.« Was fordern Sie konkret?

Wir erleben derzeit gravierende Veränderungen in den Betrieben, durch die Einführung grüner Technologien, den Umstieg auf Elektromobilität, die Digitalisierung. Angesichts dieser Umbrüche brauchen wir für Betriebsräte mehr Mitbestimmung bei strategischen Unternehmensentscheidungen, die jetzt getroffen werden müssen im Hinblick auf die ökologische und digitale Transformation. Wir brauchen mehr Rechte, damit Betriebsräte eigene strategische Konzepte entwickeln können – und die Arbeitgeber wirklich gezwungen werden, sich auf Augenhöhe damit auseinanderzusetzen. Also nicht zu sagen: Okay, ich höre mir mal die Ideen der Betriebsräte an, und dann sage ich: Danke für das Gespräch, ich mache das Werk trotzdem dicht.

Sollen Betriebsräte zum Beispiel sagen können: Mit diesen Produkten kommen wir nicht weiter, das Unternehmen sollte nicht mehr große SUV herstellen, sondern kleine, stromsparende E-Autos oder Züge? Und dann muss sich das Management mit den Vorschlägen befassen und kann sie nicht einfach ablehnen?

Mit den Gewinnmargen der großen Fahr­zeuge finanzieren einige Hersteller den Umstieg auf E-Mobilität. Aber Sie haben recht. Das wäre ein Beispiel. Darum geht es. Betriebsräte der Automobilindustrie drängen schon seit Langem auf die Elektrifizierung und fragen: Wie kriegen wir das hin? Weil klar ist, dass wir umstellen müssen, wenn wir unsere CO2-Ziele im Verkehrssektor erreichen wollen. Dafür brauchen wir auch bezahlbare kleine Elektroautos, nicht nur Luxus­modelle. Bei Automobilzulieferern, die insbesondere für Verbrennungsmotoren produzieren, geht es um die Frage: Entweder man produziert weiter, solange es den Verbrennungsmotor gibt, und danach wird das Licht ausgemacht. Oder das Unternehmen geht mit den Kompetenzen der Beschäftigten in andere Produktfelder rein. Es gibt ja Wachstumsfelder, in denen Beschäftigte gebraucht werden, denken Sie an Windkraft, Solar, Speichertechnik, Kreislaufwirtschaft, Recycling oder IT-Tätigkeiten für die Digitalisierung.

Gab es so etwas schon mal: Die Umstellung einer Fabrik auf völlig neue Produkte?

Ja! Ich kann Ihnen ein Beispiel bei Continental nennen, wo ich stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende bin. Bei dem Conti-Werk in Gifhorn wurde klar, dass das Werk Ende 2027 geschlossen wird. Bislang werden dort Autokomponenten für Bremssysteme hergestellt. Jetzt ist die Aussicht, dass in der Fabrik künftig Wärmepumpen gefertigt werden. Stiebel Eltron wird dort einsteigen. Conti bietet Beschäftigten eine Weiterbildung dafür an. Viele werden weiter in dem Werk arbeiten können, aber nicht alle. Unsere Idee ist, dass sich weitere Unternehmen in einer Art Industriepark ansiedeln. Es gibt also schon heute positive Beispiele. Das Problem ist: Viele Unternehmen tun nichts oder viel zu wenig.

Wie kommen Sie darauf?

Wir haben im April Betriebsräte befragt, mehr als 2500 haben sich daran beteiligt. Über 50 Prozent haben gesagt: Ich erkenne in meinem Unternehmen keine Strategie für die Zukunft. Das ist in doppelter Hinsicht ein Riesenproblem: Diese Firmen tun zu wenig oder nichts für den ökologischen Umbau. Gleichzeitig tragen sie dazu bei, dass Menschen Angst davor haben. Es ist nämlich so: In Konzernen, in denen für die Belegschaft eine klare Zukunftsstrategie erkennbar ist, haben die Beschäftigten weniger oder keine Angst vor Veränderung. Wo keine Strategie erkennbar ist, sorgen sich die Leute um ihre Zukunft. Oft ignorieren Unternehmen auch Konzepte von Betriebsräten. Die schlagen ein Ei drüber und nehmen das nicht ernst.

Wo ist das passiert?

Da könnte ich Ihnen zahlreiche Fälle nennen; nehmen wir als ein Beispiel Vallourec, Düsseldorf. Da hat der Betriebsrat vor drei, vier Jahren gesagt: Wir haben Ideen, wie wir dieses Rohrwerk weiterführen können, wie wir es wirtschaftlich machen können. Die Vorschläge sind nicht aufgenommen worden und der Standort macht jetzt zu. Da bleibt am Ende nur ein Sozialplan. Wir haben Industriearbeitsplätze verloren und eine Chance verpasst, mit dieser schlauen Belegschaft etwas nach vorn zu entwickeln.

Wie sollen Unternehmen künftig gezwungen werden, sich mit Konzepten von Betriebsräten zu befassen?

Wir wollen im Betriebsverfassungsgesetz in Paragraf 87 verankern, dass der Betriebsrat auch beim Klimaschutz ein Mitbestimmungsrecht hat. Das heißt: Wenn der Betriebsrat ein Konzept vorlegt, etwa über neue Produkte oder klimafreundliche Herstellungsverfahren, muss sich das Unternehmen damit befassen. Lehnt das Unternehmen die Vorschläge ab, kann der Betriebsrat vor eine Einigungsstelle ziehen. Diese entscheidet dann darüber, ob das Konzept umgesetzt werden muss. Natürlich müssen die Vorschläge wirtschaftlich tragbar sein, das prüfen wir immer mit. Die Beschäftigungssicherung aus Paragraf 92a hängt damit zusammen und muss zu einem Mitbestimmungsrecht ausgebaut werden. Im Moment kann der Betriebsrat Vorschläge machen. Aber das war’s dann eben.

Die Einigungsstelle ist kein neues Gremium. Sie kann bereits jetzt angerufen werden, wenn sich Betriebsrat und Unternehmensleitung bei bestimmten Fragen nicht einigen können, etwa beim Gesundheitsschutz. Diese Schlichtungsstelle besteht aus Vertretern beider Seiten – und einem neutralen Vorsitzenden, meist ist das ein Arbeitsrichter. Sie wollen nun, dass dieses Gremium auch bei strategischen Unternehmensentscheidungen zum Klimaschutz eingeschaltet werden kann?

So ist es. Und was dort entschieden wird, muss umgesetzt werden. Aber ich hoffe natürlich, dass die Dinge so gut laufen, dass die Leute gar nicht zur Einigungsstelle müssen. Dass man also gemeinsam etwas nach vorn entwickelt.

Letztlich könnte die Stimme des neutralen Vorsitzenden, also eines Arbeitsrichters, ausschlaggebend sein, ob eine betriebliche Strategie umgesetzt wird oder nicht.

Nur so lässt sich eine Patt-Situation vermeiden. In der Praxis vermittelt der Vorsitzende in der Regel einen Kompromiss zwischen den Betriebsparteien. Das Verfahren führt also dazu, dass Betriebsrat und Unternehmensleitung auf Augenhöhe verhandeln.

Die Arbeitgebervereinigung BDA lehnt eine solche Ausweitung der Mitbestimmung, wenig überraschend, ab.

Meinetwegen kann man die strategische Mitbestimmung auch befristet anwenden. Wir brauchen sie aber jetzt. Es steht momentan so viel zur Disposition, dass wir anders an den Drücker kommen müssen. Zu viele Unternehmen machen bisher zu wenig. Das zeigt nicht zuletzt unsere Betriebsräte-Befragung. Es geht um die Zukunft der Industrie in diesem Land, um gute Industriearbeits­plätze, ge­rade auch in neuen Feldern. Es geht um Klimaschutz. Und übrigens auch darum, etwas zu tun, damit die Parolen von Rechten und Rechtsextremen seltener verfangen. Die stellen sich ja gegen den ökologischen Umbau.

Mitbestimmung hilft gegen politischen Verdruss und die Hinwendung zu reaktionären und rechtsextremen Positionen?

Ja, klar! Es muss große Veränderungen geben, um das Klima zu schützen. Wenn man die Demokratie im Betrieb stärkt, wenn die Leute wirklich mitbestimmen können, wie das läuft, dann machen sie auch mit. Dann müssen sie keine Angst haben. Wir wollen nicht nur mehr Mitbestimmung für Betriebsräte, sondern auch mehr Möglichkeiten zur Partizipation von Beschäftigten. Das gehört für mich zusammen. Wir wollen die Leute im wahrsten Sinne des Wortes ermächtigen, damit sie in eine Situation kommen, wo sie selbst, mit ihrem Handeln, ihre Bedingungen verbessern können. Das ist etwas, womit man die Menschen sehr stärkt. Rechte, autoritäre Parolen verlieren ihre Anziehungskraft. Warum sollte ich nach einem starken Mann rufen, wenn ich selbst über meine Arbeitsbedingungen mitbestimmen kann, das ist ja ein wichtiger Lebensbereich. Betriebliche Demokratie stärkt gesellschaftliche Demokratie. Davon bin ich fest überzeugt, und das zeigen auch wissenschaftliche Erhebungen wie die Leipziger Autoritaris­mus-Studie.

Wie reagiert die Ampel-Koalition auf Ihre Forderungen? Wie schätzen Sie die Umsetzungschancen ein?

Wir sind mit der Koalition im Gespräch und bekommen Unterstützung, zum Beispiel aus der SPD. Aber klar: Das ist ein sehr dickes Brett, uns stehen große Auseinandersetzungen bevor. Doch wir müssen diese Debatte führen, weil so viel auf dem Spiel steht.

Die IG Metall setzt sich auch dafür ein, dass sich Beschäftigte einfacher weiterbilden können, damit sie nicht arbeitslos werden, wenn beispielsweise keine Verbrennungsmotoren mehr hergestellt werden. Auch hier soll der Betriebsrat mehr mitbestimmen können. Haben Sie eigentlich auch schon mal die Beschäftigten selbst gefragt, was sie künftig gern machen würden?

Natürlich.

Und was ist raus­­ge­­kommen?

Ich habe zusammen mit meinem Vorstandskollegen Hans-Jürgen Urban das Projekt »Gewerkschaftliche Weiterbildungsmentoren« aufgesetzt. Wir haben im ersten Schritt 200 Leute ausgebildet in den Betrieben, die Kolleginnen und Kollegen auf dem Hallenboden, in den Büros bei den ganzen Umbrüchen begleiten. Da befragen wir ständig die Leute: Was könnt ihr vielleicht jenseits eurer formalen Qualifikation? Wo sind eure Interessen? Aus solchen Initiativen ist zum Beispiel die Fakultät 73 bei VW entstanden. Wir haben rausgefunden, dass Leute, die keine formale IT-Qualifikation haben, privat programmieren und da Fähigkeiten besitzen. Diese Leute wurden dann weitergebildet, jetzt arbeiten sie zum Beispiel mit KI in der Qualitätskontrolle.

VW hat seit einiger Zeit große Probleme im Softwarebereich. Das hat nichts mit dem Projekt zu tun, oder?

Nein. Die Probleme haben unter anderem etwas mit den Zeitplänen des Managements und der Komplexität von Betriebssystemen zu tun. Mein Kollege Thorsten Gröger, der die IG Metall in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt leitet, hat schon im vorigen Jahr appelliert, die Zeitpläne auf eine realistische Basis zu stellen.

Warum sind Sie sicher, dass mehr betriebliche Demokratie auch mehr Klimaschutz zur Folge hätte? Man kann ja auch argumentieren: Für Beschäftigte in der Autoindustrie ist zunächst mal ihr Job wichtig. Klar, davon hängt ihre materielle Existenz ab. Also wollen vielleicht viele, dass sie möglichst lange weiter bei Porsche oder BMW arbeiten können, ohne mit 50 Jahren noch mal eine neue Ausbildung machen zu müssen.

Die IG Metall bekennt sich klar zu den Pariser Klimazielen. Es gibt ja kein Zurück. Wir müssen in Richtung Klimaneutralität arbeiten. Da sind wir unmissverständlich. Und die Beschäftigten sind sehr klug, mit ihnen kann man in neue Produktionsfelder gehen. Es sind Unternehmen, die bislang zu oft blockieren. Es gibt auch noch ein anderes Problem: Die Politik muss die richtigen Rahmenbedingungen setzen, etwa bei der finanzierbaren Elek­tro­mobilität und den Ladesäulen. Daran hapert es zurzeit manchmal.

Was meinen Sie konkret?

Ich sage es mal ein bisschen zugespitzt: Wenn Beschäftigte die Erfahrung machen, dass sie nicht mehr zur Arbeit kommen, weil das Benzin so teuer ist und sie sich noch kein E-Auto leisten können, gibt es ein Problem. Oder wenn sie nicht wissen, wie sie mal eben 25 000 Euro aus dem Ärmel schütteln sollen für eine Wärmepumpe, solarbetrieben. Hier muss die Politik gute Lösungen finden. Ich hoffe, die Koalition hat aus den Erfahrungen mit dem Gebäudeenergiegesetz gelernt.

Noch mal zur Produktion: Die Umstellung auf E-Autos läuft bereits. Haben Unternehmen diesen Umbau genutzt, um die Arbeitsbedingungen zu verschlechtern, etwa in neuen Fabriken? Oder um Personal abzubauen?

Es gibt viele Unternehmen, bei denen wir das nicht erleben, etwa bei Auto­mobil­unternehmen, die stark mitbestimmt und tarifgebunden sind. Bei Zulieferern haben wir einen anderen Schnack. Hier wird die Transformation schon genutzt, um ein Argument zu finden, neue Produktion zu verlagern. Wir sehen, dass bestimmte Komponenten für Elektromobilität nicht in Deutschland gefertigt werden, sondern in einem Land, in dem die Subventionen höher und die Löhne niedriger sind.

Zum Beispiel?

Vitesco, eine Ausgliederung von Conti, stellt Inverter her, also das Teil, das man bei der Elektromobilität für die Energieumwandlung zum Motor braucht. Das Management hat mir die Komponenten ganz stolz gezeigt. Und als ich gefragt habe, wo die Inverter hergestellt werden, sagten sie: In Tschechien. Das wurde einfach so entschieden, ohne zu prüfen, ob das auch am Standort in Regensburg möglich ist – und schwupp, ist die Produktion weg.

Was ist Ihre Gegenstrategie?

Wir müssen strategisch vor die Welle kommen, indem wir mehr Mitbestimmung haben, bevor so eine Entscheidung getroffen wird. Damit wir Konzepte für die Standorte entwickeln und nicht nur einen Sozialplan aushandeln können, wenn schon alles entschieden ist. Da bin ich wieder beim Ausgangspunkt unseres Gesprächs.

Und Tesla …

… ist ein ganz schlechtes Beispiel, was die Arbeitsbedingungen anbelangt. Das hat eher etwas mit dem destruktiven Elon Musk zu tun als mit Elektroautos selbst. Es zeigt aber auch, dass eine ökologische Wende im schlechtesten Fall mit Sozialdumping einhergehen kann. Mit einer starken Mitbestimmung, mit richtig gut qualifizierten Betriebsräten und einem Tarifvertrag sähen die Arbeitsbedingungen bei Tesla anders aus. Hier steckt mein Kollege Dirk Schulze, der IG-Metall-Bezirksleiter von Berlin und Brandenburg, in den Details. Ich möchte im Sinne der neuen Teamarbeit auch auf ihn verweisen, wenn Sie sich genauer damit befassen wollen.

Sie meinen es ernst mit der Teamarbeit! In den letzten Wochen haben Sie ja immer wieder gesagt, dass Sie sich als neue Vorsitzende für Teamarbeit einsetzen wollen. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Es geht darum, wie wir unsere Ziele am besten erreichen. Bei Auseinandersetzungen in Unternehmen, etwa um Standorte, stellen wir fest: Wenn wir uns bezirksübergreifend und bundesweit organisieren und gemeinsam in eine Richtung marschieren, sind wir sehr erfolgreich. Dann erzielen wir gute Ergebnisse, dann gewinnen wir Mitglieder, dann bewegen wir Menschen. Das neue Vorstandsteam, das sich auf dem Gewerkschaftstag zur Wahl stellt, hat sich nun vorgenommen, dass wir diese Erfahrungen weiterentwickeln. Wir wollen gerade bei der ökologischen und digitalen Transformation verzahnter arbeiten, unsere Kräfte noch stärker bündeln und sehr fokussiert arbeiten. Wir müssen noch schneller handlungsfähig werden, damit wir den Wandel sozialer hinkriegen. Ich bin sicher: Wenn wir unsere Ideen gemeinsam vorantreiben, werden sie eine ganz neue Dynamik entfalten. Das gilt auch für die Mitbestimmung.

Interview

Christiane Benner (55 Jahre) ist seit acht Jahren Zweite Vorsitzende der IG Metall. Im Mai hat sie der Vorstand als Erste Vorsitzende nominiert. Auf dem Gewerkschaftstag vom 22. bis 26. Oktober stellt sie sich zur Wahl. Wird sie gewählt, wogegen nichts spricht, ist sie die erste Frau an der Spitze der größten deutschen Gewerkschaft mit über 2,1 Millionen Mitgliedern.
 Auf die Frage, was dies für die IG Metall bedeute, sagte Benner dem »Tagesspiegel«: »Ich bin eine Frau, und ich mache meinen Job. So einfach ist das.« Andere Medien haben sie ebenfalls zu ihrem Frausein befragt. Wir haben es auch deshalb gelassen. Außerdem werden Männer auch nicht dauernd gefragt: Was bedeutet es, wenn schon wieder ein Mann an der Spitze steht? Wir wollten von Benner wissen, warum sie so nachdrücklich für mehr wirtschaftliche Demokratie eintritt.
 Auf dem Gewerkschaftstag wird der gesamte geschäftsführende Vorstand gewählt. Nominiert sind Jürgen Kerner als Zweiter Vor­sitzender (derzeit Hauptkassierer) und Nadine Boguslawski als Kassiererin (derzeit Erste Bevollmächtigte in Stuttgart). Hans-Jürgen Urban stellt sich als Vorstandsmitglied zur Wiederwahl. Als neues Mitglied ist Ralf Reinstädtler nominiert, bislang Erster Bevollmächtigter der Geschäftsstelle Homburg-Saarpfalz. Der derzeitige IG-Metall-Chef Jörg Hofmann tritt nicht wieder an, das Gleiche gilt für die bisherigen Vorstandsmitglieder Wolfgang Lemb, Ralf Kutzner und Irene Schulz. rt

Erstveröffentlicht im nd v. 7/8.10. 2023
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1176805.ig-metall-vorsitzenden-christiane-benner-wir-wollen-ein-mitbestimmungsrecht-fuer-betriebsraete-beim-klimaschutz.html

Wir danken dem nd und der Kollegin Benner für das Abdruckrecht.

Allied Grounds: Public Talks – Umweltbewegung, grüner Kapitalismus, Arbeiter*innen Initiativen …

Allied Grounds: Public Talks an den Abenden des 5., 6. und 7. Oktobers im Haus der Demokratie und Menschenrechte

An den Abenden des 5., 6. und 7. Oktober lädt die Konferenz “Allied Grounds” die Öffentlichkeit zu Vorträgen ein. Wissenschaftler*innen, Aktivist*innen und Kulturschaffende aus mehr als 25 Ländern werden die politisch-diskursiven Anliegen des Projekts “Allied Grounds” aus drei thematischen Perspektiven diskutieren: “Agents of System Change,” “Resisting Green Jobs,” and “Politics of Translation”. Alle Veranstaltungen finden um 19:00 Uhr im Haus der Demokratie und Menschenrechte, Greifswalder Straße 4, 10405 Berlin, statt. Der Eintritt ist frei.

„Agents of System Change“ · 5. Oktober · 19:00 Uhr

Die moralische Kraft der Umweltbewegungen im Globalen Norden scheint unbestreitbar: Sie haben Recht, was die Zerstörung des Planeten und deren desaströse Folgen für die Mehrheit der Weltbevölkerung anbetrifft. Aber sind diese Bewegungen tatsächlich in der Lage, zu Agenten eines grundlegenden Wandels zu werden, nämlich des Übergangs vom Kapitalismus zum feministischen Ökosozialismus? Die Eröffnungsveranstaltung der „Allied Grounds“-Konferenz am Donnerstag, den 5. Oktober, wird uns dazu einladen, 1) das kämpfende globale Proletariat als Akteur eines systemischen Wandels neu zu bewerten, insbesondere die informellen Arbeiter*innen und Subsistenzarbeiter*innen, die zu „flüchtenden Arbeiter*innen“ geworden sind und 2) Ansätze zu diskutieren, die den für diesen Wandel notwendigen Boden für neue Allianzen bereiten. Referent*innen: Jennifer Kamau, Florin Poenaru. Moderation: Claudia Núñez.

„Resisting Green Jobs“ · 6. Oktober · 19:00 Uhr

„Grüne Jobs“ sind ein Projekt der herrschenden Klassen, um neue Möglichkeiten für exzessive Profitmacherei zu schaffen. Dagegen anzugehen bedeutet nicht zuletzt, einen Blick auf so unterschiedliche Arbeiter*innenorganisationen wie die großen Gewerkschaften und die Ableger des Anarchosyndikalismus zu werfen: Erliegen sie den Versprechungen des grünen Kapitals, oder kämpfen sie für wirklich nachhaltige Arbeitsplätze? Die zweite öffentliche „Allied Grounds“-Veranstaltung am Freitag, den 6. Oktober, wird die jüngsten Fälle einer ökologischen Politisierung innerhalb der Arbeiterinnenklasse in Süd- und Osteuropa erörtern und untersuchen, 1) wie Klimaaktivist*innen versuchen, den Boden für neue Allianzen mit Arbeiter*innen zu bereiten und 2) wie Forscher*innen in diesem Kontext einen Beitrag leisten können. Referent*innen: Svjetlana Nedimović, Paola Imperatore, Francesca Gabbriellini. Moderation: Rositsa Kratunkova.

„Politics of Translation“ · 7. Oktober · 19:00 Uhr

Arbeiter*innen aller Art übernehmen ihre Arbeitsplätze und organisieren sie nach horizontalen, nachhaltigen Prinzipien: ohne Chefs, ohne den Zwang, Profit zu machen, ohne die Trennung zwischen Produktion und Reproduktion. Gleichzeitig verändern und erweitern sich die Wertschöpfungsketten des Kapitals in einer Weise, die es schwieriger macht, aufbegehrende Arbeiter*innen zu identifizieren und zu vernetzen. Die dritte und letzte öffentliche Veranstaltung der „Allied Grounds“-Konferenz am Samstag, den 7. Oktober, wird der Frage nachgehen, wie eine Politik der Übersetzung aussehen könnte, die es ermöglicht, Kämpfe und Solidaritäten über verschiedene Räume, Maßstäbe und Subjektivitäten hinweg zu artikulieren und miteinander ins Gespräch zu bringen. Referenten: Dario Azzelini, Lorenzo Feltrin, Brett Neilson. Moderation: Anna Saave.

Wenn Sie Informationen über diese Veranstaltungen weiterleiten möchten, können Sie diesen Link verwenden: https://berlinergazette.de/de/allied-grounds-public-talks

Sie können unseren Beitrag auch über das soziale Netzwerk, formerly known as Twitter, teilen: https://twitter.com/berlinergazette/status/1706221705394274590

Zur Einstimmung auf die Konferenz können Sie sich einen Videovortrag von Harsha Walia über den Kampf der internationalistischen und multirassischen Arbeiter*innen gegen die Öko-Apartheid ansehen. Weiteres Material ist auf der Website des Projekts „Allied Grounds“ zu finden.

Foto Titelbild :Öffentlicher Vortrag auf der BG-Konferenz 2019. Foto: Norman Posselt.

Ausstieg aus der Autogesellschaft: Sinnvoll und machbar

Der Beitrag von Pau Michel setzt sich grundsätzlich mit der notwendigen Veränderung "Weg vom Invidualverkehr, hin zu einer klimaverträglichen Mobilität" gegen  die Interessen der Konzerne und einer kapitalistischen Wachstumsgesellschaft auseinander, aber auch, dass gerade durch einen grundsätzlichen klimaverträglichen Wechsel zukunfsfähige Arbeitsplätze entstehen. Siehe hierzu  u. a. unseren Beitrag: Klimagerechte Arbeitsplätze sind eine Alternative zu Werksschliessungen in der Automobilbranche ! Ausserdem: grundsätzliche Systemkritik, wie sie Paul Michel äussert,  ist  von der grün-kapitalistischen Lobby, die die Klimabewegung vor ihren Karren zu spannen versucht , absolut unerwünscht. Siehe hierzu unseren Beitrag "Für FFF Veranstalter Berlin – Antikapitalistische und sozialistische Kritik unerwünscht" (Peter Vlatten)

Paul Michel, 11.9.2023 [1]https://gewerkschaftsforum.de/17586-2/

Die Autokonzerne zeichnen in der Öffentlichkeit ein beängstigendes Bild für den Fall, dass ihre Wünsche nicht erfüllt werden. 400.000 Arbeitsplätze würden durch den Umstieg auf Elektro-Autos entfallen. Dabei sind es die Autokonzerne selbst, die für die Zerstörung der Arbeitsplätze sorgen. Bisher sind vor allem die Autozulieferer von massivem Arbeitsplatzabbau und Standortschließungen betroffen.

Die vermeintliche „Transformation“ ist häufig nur ein Vorwand für die Schließungen der Standorte in der Region. Dabei werden die bisherigen Tätigkeiten keineswegs eingestellt, sondern in Billiglohnländer nach Osteuropa verlagert. Roman Zitzelsberger, IG Metall Chef von Baden-Württemberg, äußerte: „Wir stellen fest, dass ein erheblicher Teil der Zulieferer plant, neue Komponenten für Elektromobilität tendenziell eher in Low-Cost-Countries zu verlagern oder, um den neuen Sprech zu bemühen: in Best-Cost-Countries.“ Der Autozulieferer Mahle machte sein Werk in Öhringen dicht und verlagerte die Arbeit nach Rumänien; Mahle Gaildorf nach Polen; Bosch Bietigheim-Bissingen nach Ungarn; Eberspächer nach Polen.

Zunehmend sind auch die Werke der großen Autokonzerne betroffen. Für das Ford-Werk in Saarlouis mit 5.000 Beschäftigten samt 2.000 Zuliefererarbeitsplätzen ist die Standortschließung bereit beschlossen. Auch die 1.300 Beschäftigten des Opel-Werks in Eisenach haben allen Anlass zur Sorge, dass die Stellantis-Bosse alsbald ihr Werk dichtmachen werden. Selbst VW droht in Turbulenzen zu geraten.

Das gilt für den chinesischen Absatzmarkt des Wolfsburger Konzerns, der im Bereich Elektromobilität auf null zuläuft und von der chinesischen Konkurrenz abgehängt wird. Ein Desaster. Denn vier von zehn Fahrzeuge verkaufte der Konzern bisher in China. Doch auch in Europa wird es für VW schwerer. Der Markenchef erklärte im Spätsommer vor 2.000 Managern: „Die Zukunft der Marke VW steht auf dem Spiel steht.“ Alles müsste jetzt „auf den Prüfstand“. Die „Kosten seien zu hoch“.

Elektroauto: Fortsetzung der ökologischen Zerstörung

Inzwischen orientieren fast alle Autokonzerne auf Elektro-Autos. Und sie werden nicht müde, diese Fahrzeuge als die ökologische Alternative zu präsentieren. Elektroautos verbrennen zwar im Betrieb keine fossilen Rohstoffe. Doch ihre Ressourcenbilanz ist katastrophal. Schürfen und Verarbeiten der seltenen Rohstoffe Graphit, Kobalt, Nickel, Neodym oder Lithium sind mit hohen CO2-Emissionen verbunden. Je größer die Batterie, umso größer der Umweltschaden. Beim aktuellen Strommix muss ein schwerer E-SUV 130.000 km fahren, bis der „ökologische Rucksack“ abgetragen ist und die Klimavorteile eines E-Pkw im Verkehr überhaupt erst relevant werden. Dazu kommt, dass die Gewinnung der Batterierohstoffe die Abbaugebiete vergiftet und dramatische Folgen für die ansässige Bevölkerung hat. Bereits jetzt werden immer neue Minen aufgemacht und ein Einstieg in den besonders zerstörerischen Tiefseebergbau ist in Vorbereitung. E-Autos sind keine Alternative zu den Verbrennern, sondern ihre massenhafte Produktion steht für die Fortsetzung der ökologischen Verwüstung unseres Planeten.

Völliges Umsteuern: Weniger Verkehr ist mehr

Eine verantwortungsbewusste Bilanz der bereits aufgetretenen Umweltschäden und die Anerkennung der Begrenztheit unseres Planeten führen nur zu einer Schlussfolgerung: Einen ressourcenfressenden Autoindividualverkehr können wir uns nicht mehr leisten. Eine Alternative ist durchaus sichtbar: Dazu gehören ein gut ausgebauter öffentlicher Schienenverkehr, ein gut getaktetes Bussystem, lokale urbane Seilbahnen und auch ein umfassendes und sicheres Fahrradnetz. Es würden in einem solchen System zwar auch noch Pkws erforderlich sein – aber in deutlich geringerer Zahl. Nötig wären etwa E-Taxis oder Betriebs- und Handwerkerfahrzeuge. Dazu käme eine begrenzte Zahl von gemeinschaftlich nutzbaren Car-Sharing-Fahrzeugen, insbesondere um für die Menschen auf dem Land eine gute Mobilität zu ermöglichen.

Ein anderes Problem sind die Lastwagen. Verkehrsminister Wissing (FDP) verkündete jüngst, dass in den nächsten drei Jahrzehnten der LKW-Verkehr auf den Straßen um 54 Prozent anwachsen würde. Das wäre die direkte Fahrt in die ökologische Katastrophe: Mehr Lärm, noch mehr Straßenbelastung und eine weitere Asphaltierung der Landschaft. Wissing sieht das als unabänderliches Naturgesetz. Das muss aber nicht sein. So würde eine geringere Autoproduktion oder die Herstellung von weniger kurzlebigen und reparaturfeindlichen Wegwerfprodukten automatisch zu weniger LKW-Transporten führen. Zudem bräuchte es ordnungsrechtliche Maßnahmen, um eine Regionalisierung der Produktion zu erreichen. So ist es völlig unverständlich, warum Milchprodukte aus dem Allgäu nach Norddeutschland transportiert und im Gegenzug norddeutsche Milch in den Süden geliefert werden muss.

„Just-in-Time“ und Lkw-Schlangen

Ein entscheidender Grund für die endlosen Lkw-Schlangen auf den Autobahnen ist die Just-in-Time-Produktion. Hierbei wird die Lagerhaltung praktisch auf Schiffe, Bahnen oder Lkw verlegt. Statt eventuell benötigtes Material länger auf Lager zu halten, werden dabei genau die benötigten Teile zeitlich passgenau angeliefert. Just-in-Time spart für die Firmen Lagerkosten. Güter werden nicht nur quer durch Deutschland transportiert, sondern auch durch ganz Europa und rund um den Globus. Eine Abkehr weg von der Just-in-Time-Produktion zur Lagerhaltung und eine Rücknahme der Produktion von globalen Lieferketten auf regionale oder lokale Produktion, würde den Lkw-Verkehr beträchtlich reduzieren und wäre zweifelsohne ein Segen für die Umwelt. Von dem, was dann immer noch an Lieferverkehr anfallen würde, sollte der Großteil, insbesondere der über lange Distanzen, auf die Schienen verlagert werden. In diesem Fall bräuchte man nur noch einen Lkw-Einsatz zur Überbrückung der „letzten Meile“ vom Güterbahnhof zu lokalen Unternehmen.

Konversion schafft Arbeitsplätze

Eine überschlägige Rechnung zeigt, dass für die Verlagerung eines Großteils des heutigen Automobilverkehrs auf öffentliche Verkehrsmittel das Bahn- und Bussystem um den Faktor 2,5 ausgebaut werden müsste. Dafür reichen die Kapazitäten der heutigen Bahn- und Bushersteller nicht aus. So kommt die deutsche Bahnindustrie insgesamt gerade mal auf zwölf Milliarden Euro Umsatz und nur 55.000 Beschäftigte. Bereits jetzt reichen diese Kapazitäten kaum für eine Sanierung der heruntergewirtschafteten Eisenbahnstrecken, geschweige denn für den Aufbau eines ökologischen Verkehrssystems. Aber es gibt eine Lösung: Die Umstellung eines großen Teils der heutigen Autoindustrie auf die Produktion von Eisen- und Straßenbahnen, Bussen, Kleinbussen und Sammeltaxis. Zusätzlich muss die Bahninfrastruktur ausgebaut werden. Das bedeutet: Bei einem Ausstieg aus dem Autoindividualverkehr werden die Beschäftigten in der Autoindustrie weiter gebraucht. Aber die Produktion müsste umgestellt werden.

Doch geht das auch? Dazu ein aktuelles Beispiel: Der Automobilzulieferer Continental verkündete im August 2023 die Schließung für sein Werk im niedersächsischen Gifhorn. Doch nach Protesten der Belegschaft, des Betriebsrats und der IG Metall wird das Werk von Stiebel Eltron übernommen. Statt Autokomponenten werden die 850 Beschäftigten in Gifhorn künftig Komponenten für Wärmepumpen fertigen. Genauso könnten in vielen Automobilwerken auch Eisenbahnen und Busse hergestellt werden.

Weitere Arbeitsplätze müssten geschaffen werden, wenn die Bahn nach einer Umwandlung von einer Börsenbahn zu einer Bürger*innenbahn endlich den Service bieten würde, der möglich und auch erforderlich ist, um deutlich größere Teile der Bevölkerung dazu zu motivieren, ihre Autos abzuschaffen und sich stattdessen mit Bahnen, Bussen, Fahrrad und den eigenen zwei Beinen fortzubewegen.

Ökologisch-soziales Umbauprogramm

Beim ökologischen Umbau des Verkehrssektors kommt dem Staat eine tragende Rolle zu. Die Aufträge für neue Züge, Straßenbahnen und Busse müssen durch die öffentliche Hand finanziert werden. Ein ökologischer Umbau des Verkehrssystems dürfte wohl 500–700 Milliarden Euro kosten. Politiker der bürgerlichen Parteien sind da schnell mit der Aussage zur Hand: UNBEZAHLBAR! Doch das Geld dafür ist real vorhanden. Nach Berechnungen von Prof. Böttger (HTW Berlin) wird der Autoverkehr jedes Jahr mit 87 Milliarden Euro subventioniert. Umgerechnet auf zehn Jahre sind das fast 900 Milliarden Euro. Kanzler Scholz hat von einem Tag auf den anderen ein 100-Milliarden-Hochrüstungsprogramm für die Bundeswehr beschlossen. Die Frage nach der Finanzierung war da kein Thema. Als letztes Jahr der Verband der Automobilindustrie (VDA) und die IG Metall im Schulterschluss von der Regierung für die Transformation vom Verbrennungsmotor zum Elektroauto 500 Milliarden Euro gefordert haben, war von Seiten der politisch Verantwortlichen kein Widerspruch zu hören.

Tax the Rich – Die Reichen sollen zahlen

Bekanntlich ist die BRD für die Superreichen ein Steuerparadies. Es gibt hier keine Vermögenssteuer und keine Erbschaftssteuer, die diesen Namen verdient. Auf Gewinne aus Kapital und Aktien wird eine Billigsteuer erhoben. Die großen DAX-Konzerne haben ihr Vermögen in den vergangenen zwei Jahren massiv gesteigert. Oxfam spricht von „obszönen Krisengewinnen“. Viele Milliarden Euros der Reichen vagabundieren als Spekulationsgeld durch die internationalen Finanzmärkte auf der Suche nach maximaler Rendite. Es ist höchste Zeit, dass mit der Politik der Steuergeschenke für die superreiche Minderheit Schluss gemacht wird.

Zu Zeiten der Kohl-Regierung lag der Spitzensteuersatz bei 56 Prozent. Auch die Steuern auf verschiedene Unternehmensgewinne waren deutlich höher als heute. Wären die Steuern auf dem Niveau der Zeit der Kohl-Regierungen, würde der Fiskus jährlich 45 bis 50 Milliarden mehr in der Kasse haben. Durch staatlich begünstigte Steuerhinterziehung, wie die bewusste personelle Unterbesetzung der Finanzämter und eine Politik der gezielten Verhinderung von Betriebsprüfungen gehen nach Schätzung von Monitor jährlich potentiell 70 Milliarden Euro mehr an Steuern verloren. Mit den zusätzlichen Steuereinnahmen ließen sich die marode Infrastruktur und die erforderlichen ökosozialen Umbaumaßnahmen einfach finanzieren.

Leider scheint Oxfam derzeit die einzige Organisation zu sein, die lautstark und konsequent eine stärkere Besteuerung von Unternehmen und hohen Vermögen verlangt. Die Linke hat zum Thema Steuern für Reiche viel Papier beschrieben. Aber in der täglichen politischen Arbeit spielt das Thema Umverteilung bei der Partei mit diesem Namen leider kaum eine Rolle.

Die Tyrannei der Gewinnmarge brechen – Mercedes & Co. vergesellschaften

Ingenieure und Wissenschaftler*innen bescheinigen, dass rein „technisch“ eine Konversion der Autoindustrie kein Problem wäre. Woran es fehlt, ist der Wille und die Bereitschaft der Leute an den Schaltstellen der Macht im real existierenden Kapitalismus. Hier regiert die Gewinnmarge. Das angelegte Kapital muss sich lohnen, muss Mehrwert abwerfen. Mercedes-Chef Ola Källenius hat verkündet, man wolle sich jetzt ganz auf das margenträchtige Segment der teuren, überflüssigen und umweltschädlichen Luxuskarossen, wie Maybach oder AMG, konzentrieren. Der Schaden, der von diesen Straßenpanzern an Mensch und Umwelt angerichtet wird, ist für Källenius kein Thema. Seine Kollegen von BMW und Audi ticken genauso. Das kapitalistische System ist eine systemische Krankheit, die den Menschen und der Umwelt immer schwerere Schäden zufügt.

Im Kapitalismus ist es nicht Ziel des Wirtschaftens, die tatsächlichen menschlichen Bedürfnisse zu erfüllen und das Leben der Menschen zu verbessern. Es wird investiert, um für die wohlhabenden Investoren, also die reiche Minderheit, ansehnliche Renditen zu erwirtschaften. Das Ergebnis sind massive ökologische Schäden.

Es ist nicht vorstellbar, dass eine Verkehrswende im Rahmen eines Kapitalismus, der nicht zuletzt auf die Nutzung fossiler Ressourcen aufbaut, machbar wäre. Wer die aus ökologischen Gründen dringend gebotene Verkehrswende und die Konversion der Autoindustrie will, kommt nicht darum herum, die Eigentumsfrage zu stellen, und das zu tun, was Kevin Kühnert 2019 in einem kurzen lichten Moment in die Debatte gebracht hat: BMW, Mercedes, VW, Ford, Stellantis & Co. enteignen und unter öffentliche Kontrolle bringen.

Lufthansa: Vergesellschaften, Umbauen, Schrumpfen

Zu den schlimmsten Klimakillern gehört zweifelsohne die Luftfahrtbranche. Derzeit trägt der Luftverkehr zu knapp drei Prozent zum weltweiten Ausstoß an Treibhausgasen bei. Das ist aber nur die halbe Wahrheit: Denn da, wo die Flieger die Abgase rauslassen – in mehr als 10.000 Meter Höhe –, haben sie eine viel schädlichere Wirkung als am Boden. Der internationale Luftverkehr ist seit 2003 um mehr als 150 Prozent gewachsen. Um die Emissionen zu mindern, muss der gesamte Luftverkehr deutlich reduziert werden.

Inländischer Flugverkehr sollte in Zukunft eingestellt werden. Er sollte, wie auch ein großer Teil des innereuropäischen Flugverkehrs, auf die Schiene verlagert werden. Inländische und innereuropäische Flüge sollten nur für Notfälle vorbehalten sein. Die betroffenen Beschäftigten sollten auf Tätigkeiten bei der Bahn umqualifiziert werden.

„Bundesnetzagentur Mobilität“

Die Autoindustrie, Bahnindustrie und Luftfahrtbranche sollten nach einer Konversion in eine integrierte Mobilitätsbranche überführt werden, in der die Produktion von Autos nur noch eine untergeordnete Rolle spielen sollte. Es braucht eine enge Verzahnung der bisher getrennt, oft gegeneinander arbeitenden Branchen Autoindustrie, Luftfahrt und Bahnindustrie. Alle drei Branchen müssen in öffentliches Eigentum überführt werden, um die vielfältigen erforderlichen Maßnahmen miteinander zu koordinieren: Paralleler Ausbau der Bus- und Bahnnetze bei gleichzeitigem Abbau der Kapazitäten in der Autoindustrie. Vorstellbar wäre eine öffentliche Verkehrsbehörde, eine Art „Bundesnetzagentur Mobilität“ mit den Säulen für Individualverkehr, öffentlicher Verkehr, Flugverkehr sowie Fußgänger- und Radverkehr.

System Change wird kein Spaziergang

Klar ist, dass die deutschen Autokonzerne sich mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen ökologisch-soziale Umstrukturierungsmaßnahmen wehren werden. Es kommt darauf an, dass Klimaktivist*innen und Belegschaften in den verschiedenen Sektoren der Mobilitätsbranche zusammenarbeiten und eine breite, dynamische Bewegung schaffen, die auch wichtige Teile der gesamten Gesellschaft miteinbezieht. Das ist gewiss keine einfache Aufgabe. Aber wir haben keine Wahl. Wie sagte doch Bertolt Brecht?

„Dass Du Dich wehren musst, wenn du nicht untergehen willst, wirst Du doch einsehen.“

Wir danken für die Publiktiosnrechte, erschienen in Gewerkschaftsforum.de am 11.9.2023

Der Autor Paul Michel ist aktiv im „Netzwerk Ökosozialismus“ (https://netzwerk-oekosozialismus.de/)

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1 https://gewerkschaftsforum.de/17586-2/

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