La Nation Tartuffe

Von Stefan Nold

Bild: Screenshot eines You Tube Videos der DW

Kürzlich habe ich in einem Nebensatz geschrieben, die USA hätten die Nordstream-Pipelines gesprengt. [1] „Alarm, Alarm!“ läuten da die Glocken der Faktenchecker. Hatte nicht im August 2024 die Tagesschau exklusiv gemeldet, der Generalbundesanwalt habe im Juni 2024 in dieser Angelegenheit einen Haftbefehl gegen den in Polen wohnhaften Ukrainer Wolodymyr Z. erlassen?

Leider hat sich der zwischenzeitlich in die Ukraine abgesetzt und ist dort für die deutsche Justiz nicht mehr erreichbar, wohl aber für die Tagesschau: „In einem kurzen Telefonat am Dienstag zeigte sich Z. überrascht von dem Vorwurf. Er bestritt, an den Anschlägen auf Nord-Stream beteiligt gewesen zu sein.“ Recherchen ergaben „zumindest keine direkten Verbindungen zum ukrainischen Militär oder zu Geheimdiensten.“ [2]

Seither ist es still geworden um Herrn Z., der zusammen mit zwei anderen auf der Segeljacht „Andromeda“ in 70 – 90 Meter Tiefe drei Stahlrohre von 1,15 Meter Durchmesser, 45 mm Wandstärke plus 109 mm Betonmantel in die Luft gesprengt haben soll. [3] Hut ab! Da hätte selbst James Bond Schwierigkeiten gehabt. Das war wohl eher eine Ente, die die Bundesregierung mal kurz durchs Sommerloch hat watscheln lassen – ganz exklusiv für die Tagesschau.

In einer Anhörung vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hat der renommierte US-Professor Jeffrey Sachs (Columbia University) dargelegt, nur ein staatlicher Akteur mit entsprechendem Know-how und einem Zugang zur Ostsee habe die Möglichkeit gehabt, solch einen Anschlag auszuführen und nannte dabei Russland, die Vereinigten Staaten, Polen, Norwegen, Deutschland, Dänemark und Schweden. [3] Die Ukraine habe weder die technischen Möglichkeiten noch den Zugang zur Ostsee und hatte zu dem Zeitpunkt „ganz andere Prioritäten“ [4]. Anfangs stand die russische Spur hoch im Kurs. Danach hätte Russland die eigenen, mit sehr viel Mühe gegen heftigsten Widerstand der USA errichteten Pipelines gesprengt, um den Anschlag der Ukraine in die Schuhe zu schieben, oder um Regressforderungen zu entgehen, die es aber ohnehin nicht zahlen würde. [4] Das ist eine These, die selbst für westliche Medien so steil ist, dass sie derzeit nicht weiter verfolgt wird.

Somit kommen nur NATO-Staaten als Täter in Frage. Von ihnen haben neben Norwegen vor allem die USA das stärkste Motiv: Die US-Gaskonzerne versorgen nun Europa mit ihrem umweltschädlichem gefrackten Gas und verdienen dabei Milliarden. Seymour Hersh, der durch viele aufsehenerregende Enthüllungen Weltruhm erlangte, hat in einem Bericht plausibel dargelegt, wie die Aktion ausgeführt wurde. [5] Man wirft ihm vor, nur eine Quelle verwendet zu haben und „Verschwörungstheorien“ zu bedienen. [4] Nach dem was Julian Assange und andere durchmachen mussten, sollten wir froh sein, dass sich überhaupt jemand aus dem kleinen Kreis der Eingeweihten gegenüber Hersh geäußert hat.

Vor allem aber: Joe Biden hatte in einer Pressekonferenz ein halbes Jahr zuvor angekündigt, den Nordstream-Pipelines „ein Ende zu setzen.“ [6] – und das nach einer erstaunten Rückfrage einer Journalistin – immerhin geht es um die kritische Infrastruktur eines Bündnispartners – noch einmal bestätigt. Unser Bundeskanzler stand daneben, widersprach nicht und verzog keine Miene. Das hatte etwas von dem ikonischen Foto von 1979, als der damalige Generalsekretär der UdSSR Leonid Breschnew unserem Oberindianer aus Pankow durchs Maul knutschte. [7] Wir sind wieder mal die „Jawoll“-Nation. [8]  Vorbei die Zeit als Bundeskanzler Helmut Schmidt das deutsch-russische Erdgas-Röhren-Geschäft gegen erbitterten Widerstand der USA selbstbewusst mit den Worten durchdrückte: „Da können andere noch soviel quaken.“ [9]

Es bleibt dabei: Nach derzeitigem, öffentlich bekannten Stand der Ermittlungen haben die USA auf Anweisung ihres Präsidenten Joe Biden mit einer akribisch geplanten Sabotageaktion eine kritische Infrastruktur eines seiner engsten Bündnispartners in die Luft gesprengt, um der eigenen Industrie einen strategischen Vorteil zu verschaffen.

Es ist wie in der Komödie von Molière, in der die USA als Schwindler und Heuchler Tartuffe brilliert, während Deutschland die Rolle des treudoofen Orgon übernommen hat, der den Überredungskünsten Tartuffes unterliegt und ihm freudig sein gesamtes Hab und Gut überschreibt. Erst als er, unter einem Tisch versteckt, mitbekommt, wie Tartuffe ihm die Frau ausspannen will, kommt er zu Verstand. [10] Bei Molière gibt‘s ein Happy End, der Schwindler wird verhaftet; der Depp kommt mit dem Schrecken davon. Für Deutschland sieht es weniger gut aus.

Erstveröffentlich im Overton Magazin v. 8.11. 2024
https://overton-magazin.de/top-story/la-nation-tartuffe/

Wir danken für das Publikationsrecht.

Quellen:

[1] Nold, Stefan (3.11.2024) Pumpernickel statt Panzer. Overton-Magazin. Buchkomplizen GmbH: Köln.
https://overton-magazin.de/top-story/pumpernickel-statt-panzer/

[2] Berwander, Manuel u.a. (14.8.2024) Erster Haftbefehl wegen Nordstream-Anschlägen. ARD: Hamburg. https://www.tagesschau.de/investigativ/ndr-wdr/nordstream-172.html

[3] Sachs, Jeffrey (21.2.2023) Briefing to the United Nations Security Council on the Nordstream pipeline: „The destruction of the Nord Stream pipelines required a very high degree of planning, expertise, and technological capacity. The Nord Stream 2 pipelines are a marvel of engineering (see, for example, here and here). Each section of pipe is rolled steel of 4.5 cm thickness, and with a pipeline internal diameter of 1.15 meters. The pipe is encased in concrete of 10.9 cm thickness. The weight of each section of concrete-encased pipe is 24 metric tons. The Nord Stream 2 pipelines, some 1,200 kilometers in length, contain around 200,000 pipes. The pipelines sit on the sea floor. Destroying a pipeline of heavy rolled steel, encased in concrete, at the depth of 70- 90 meters, requires highly advanced technologies for transportation of the explosives, diving to install the explosives, and detonation. To do so undetected, in the exclusive economic zones of Denmark and Sweden, adds greatly to the complexity of the operation. As a number of senior officials have confirmed, an action of this sort must have been carried out by a state-level actor. Only a handful of state-level actors have both the technical capacity and access to the Baltic Sea to have carried out this action. These include Russia, the United States, the United Kingdom, Poland, Norway, Germany, Denmark, and Sweden, either individually or in some combination. Ukraine lacks the necessary technologies, as well as access to the Baltic Sea.” https://www.jeffsachs.org/recorded-lectures/f4rsfnzw9rbdx2tz2n38lfgsctsbc8 Siehe auch https://press.un.org/en/2023/sc15206.doc.htm

[4] Dornblüth, Gesine (19.8.2023) Nordstream Pipeline Wer steckt hinter dem Anschlag? Deutschlandradio: Köln. https://www.deutschlandfunk.de/nord-stream-pipelines-anschlag-100.html

[5] Hersh, Seymour (8.2.2023) How America took out the Nordstream pipeline. https://seymourhersh.substack.com/p/how-america-took-out-the-nord-stream

[6] Biden, Joe (7.2.2022) Pressekonferenz mit Olaf Scholz im Weißen Haus. Bericht: Andrea Shalal und Rosalba O’Brien: If Russia invades Ukraine, there will be no Nord Stream 2, Biden says https://www.reuters.com/business/energy/if-russia-invades-ukraine-there-will-be-no-nord-stream-2-biden-says-2022-02-07/ Reuters: London Video: LIVE: Biden and German Chancellor Olaf Scholz Hold Joint Press Conference https://www.youtube.com/watch?v=quEbUA1ldmE (Minute 11:30 – 12:00) Bloomberg Quicktake: New York (USA).

Anmerkung: Die Antwort von Präsident Biden auf die Frage nach Nord Stream 2 lautete nach dem Bericht von Reuters und den im Netz verfügbaren Video-Aufnahmen: “If Russia invades, that means troops and tanks crossing the border of Ukraine again, then there will be no longer Nord Stream 2. We will bring an end to it.” Im Wortprotokoll der Bundesregierung steht: „Wenn Russland zum Beispiel mit Panzern und Truppen die Grenze zur Ukraine überquert, wird es Nord Stream 2 nicht mehr geben.” Der zweite entscheidende Satz der Video-Aufnahme wurde im Wortprotokoll der Bundesregierung weggelassen, obwohl er zwar leise, aber deutlich zu hören ist. https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/pressekonferenz-von-bundeskanzler-scholz-und-dem-praesidenten-der-vereinigten-staaten-von-amerika-biden-am-7-februar-2022-in-washington-2003648

[7] Bossu, Régis (5.10.19179) Le Baiser. (Der Kuss) Der sozialistische Bruderkuss zwischen Leonid Breschnew und Erich Honecker in Berlin anlässlich des 30-jährigen Bestehens der DDR. Grundlage für das Bild an der Berliner Mauer von Dimitry Vrubel https://rarehistoricalphotos.com/socialist-fraternal-kiss-leonid-brezhnev-erich-honecker-1979/

[8] Szijjártó, Péter (10.10.2024) St. Petersburg, Internationales Gasforum. Armin Coeper ZDF: „Can we understand your participation here as another provocation against Brussels and the EU?“  Péter Szijjártó: „No. Try to behave in a polite and respectful way towards Hungria. This is first. And try to make an attempt to understand. All right? Try not to show your disrespect to other countries. Of what kind of provocation are you speaking about? This is a sovereign, a sovereign right of a country to decide on what events the ministers participate and on what not. We are not a Jawohl-nation, okay? So you cannot dictate us. No one, nor the German government nor the greens in Germany, okay?“ https://dert.site/kurzclips/video/222185-wir-sind-keine-jawoll-nation/

[9] Meyer-Larsen, Werner (21.3.1982) Der unverziehene Strang nach Osten. DER SPIEGEL: Hamburg. https://www.spiegel.de/wirtschaft/der-unverziehene-strang-nach-osten-a-7e646f14-0002-0001-0000-000014337181

[10] Molière (1669) Le Tartuffe, Acte IV, Scène V et VI. Aus: Molière, Oeuvres complètes II, S. 257 – 345. Ausgabe Garnier-Flammarion 1965: Paris.

Ampel-Aus: Vorwärts in die Vergangenheit?

Mit dem Ampel-Aus stehen wir vor der Wahl zwischen national-konservativer Konterrevolution und echter links-grüner Politik

Von Klaus Dörre

Bild: Screeshot Collage Christian Lindner

Das Ende der Ampel-Koalition in Berlin fällt mit zwei Ereignissen zusammen, deren politische Bedeutung kaum zu überschätzen ist: dem Comeback Donald Trumps und der Prognose des EU-Beobachtungsprogramms Copernicus, dass die 1,5-Grad-Schwelle bei der Erderhitzung 2024 »ziemlich sicher« überschritten wird.

Beginnen wir mit den Berliner Ereignissen. Ungeachtet der öffentlich ausgetragenen Fehde um den Stil des Koalitionsbruchs gilt: Das Ampel-Aus war überfällig. Die Dreier-Allianz hatte sich anfangs als Koalition präsentiert, die bei der Umsetzung der Agenda 2030, auf die sich die Weltstaatengemeinschaft geeinigt hatte, eine Vorreiterrolle beanspruchte. Aussichten auf grünes Wachstum und eine ökologisch erneuerte Wirtschaft einten Koalitionäre, die allerdings gegensätzliche Strategien verfolgten. Grüne und SPD setzten auf einen Staat, der Märkte als ideeller Gesamtkapitalist selbst schafft. Das geht nicht ohne Planung und vor allem nicht ohne öffentliche Investitionen in Milliardenhöhe, die mit der Schuldenbremse nicht zu realisieren sind.

Die FDP favorisierte hingegen das politische Arsenal eines marktgetriebenen Finanzkapitalismus. Ließen sich die programmatischen Gegensätze anfangs noch überbrücken, traten sie mit dem Ukraine-Krieg, dem Wegfall von billigem russischen Gas, der Inflation und den Wohlstandsverlusten vor allem der unteren Einkommenshälfte offen hervor. Fortan wirkte die FDP wie eine Opposition auf der Regierungsbank. Wahlpolitisch ist ihr das schlecht bekommen: Die Freidemokraten müssen trotz unverhältnismäßig großer medialer Präsenz um ihre parlamentarische Existenz fürchten.

Deshalb hat sich die Führungsriege der FDP mehrheitlich zu einem Befreiungsschlag entschlossen, der – zu Recht – zu einer politischen Richtungsentscheidung aufruft. Das Lindner-Papier für eine »Wirtschaftswende Deutschland« ist tatsächlich eine Scheidungsurkunde, deren Umsetzung Grünen und SPD die politische Selbstaufgabe abverlangt hätte. Die FDP will die Unternehmenssteuern senken und Investitionen in Bundeswehr, Infrastruktur und Digitalisierung durch Einsparungen beim Klimaschutz und beim Bürgergeld ermöglichen. An die Stelle einer »vertikalen Industriepolitik« soll eine marktbasierte, technologieoffene Angebotspolitik treten. Die besondere Förderung erneuerbarer Energien soll beendet werden, die vermeintliche »Überregulierung« etwa durch ein Tariftreue- und ein Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz gestoppt und die Arbeitszeit verlängert werden. Beim Klimaschutz soll Deutschland nicht länger »Vorreiter«, sondern »Vorbild« sein, unter anderem durch »Abschaffung von unnötigen klimapolitischen Regulierungen und Subventionen« und Auflösung des Klima- und Investitionsfonds (KTF).

Das Lindner-Papier plädiert letztendlich für eine sozial-ökologische Konterrevolution. Es ist prokapitalistisch, aber in wichtigen Aussagen nicht mehr neoliberal. Zwar entspricht es der alten Utopie des Kapitals, der zufolge eine möglichst regelungsfreie Wirtschaft ein Optimum an Wachstum und Wohlstand garantiere. Aber es ruft zugleich nach einem starken Staat. Das gilt neben den Rüstungsplänen vor allem für das ohnehin rigide Migrationsregime, das laut Lindner-Papier weiter verschärft werden soll. Wie Grenzkontrollen und Abschreckung von Migranten zu einem Wirtschaftsmodell passen, das zumindest innerhalb der EU auf Freizügigkeit und grenzüberschreitender Mobilität beruht, bleibt ein Geheimnis der FDP-Führungsriege. Kein Wunder, dass der Verkehrsminister mit seinem Parteiaustritt der Lindner-Crew indirekt staatspolitische Verantwortungslosigkeit bescheinigt.

Um es klar zu sagen: Was die FDP-Führungsriege vorschlägt, bedeutet eine Annäherung an eine national-konservative Politik, die große Schnittmengen nicht nur mit der Merz-Söder-Union, sondern auch mit der AfD enthält. Darin liegt die eigentliche politische Herausforderung: Gelingt einem national-konservativen Block, dessen inhaltliche Grenzen zur extremen Rechten immer durchlässiger werden, der Sprung an die Macht? Oder kommt es zu einer echten Nachhaltigkeitswende, die klarstellt, dass Klimaschutz und Erhalt der Artenvielfalt bei Ausblendung sozialer Gerechtigkeit nicht zu haben sind?

Statt verpassten Chancen zur Einigung hinterherzutrauern und zu postulieren, dass eine Einigung selbst unter Wahrung der Schuldenbremse möglich gewesen wäre, wie Robert Habeck argumentiert, sollte die gesellschaftliche und politische Linke innerhalb wie außerhalb der Regierung die anstehende Richtungsentscheidung ernst nehmen.

Dazu wäre im ersten Schritt zu korrigieren, was vor allem für die Grünen einen Genickbruch bedeutete. Die grüne Politik leidet nicht nur an einem Vermittlungsproblem, und längst nicht alle Fehler sind auf die Führungsschwäche des Kanzlers zurückzuführen. Das Hauptproblem der rot-grünen Koalitionäre ist, so die Wahrnehmung vieler, dass sie ökologische Nachhaltigkeitsziele unter Ausblendung sozialer Gerechtigkeit betrieben haben. Wo ist das Klimageld geblieben? Welche Sicherheitsgarantien gibt es für jene, die beim Umbau der Industrie ihre Jobs verlieren werden? Wie verhalten sich Krieg und geplante Aufrüstung zu ökologischer Nachhaltigkeit? Diese Fragen haben die rot-grünen Koalitionäre unbeantwortet gelassen. Nicht das sozial-ökologische Umbauprogramm mit seinen Themen ist ihr Hauptproblem, sondern die Inkonsequenz, mit der sie es vorangetrieben haben.

Deshalb liegt die Chance einer linken Opposition jenseits von Rot-Grün nicht in der Vermeidung oder gar in der affektgesteuerten Abwertung ökologischer Zielsetzungen, wie sie sich auch beim BSW findet. Für ökologische Großgefahren wie den Klimawandel gilt: Werden sie zeitweilig verdrängt, schlagen sie etwa in Gestalt von Wetterextremen umso heftiger auf die Gesellschaften auch der reichen Länder zurück. Die Unwetter, die in der spanischen Region Valencia Hunderte das Leben kosteten, deuten die Zustände an, wenn wir – wie gegenwärtig wahrscheinlich – auf ein 2,4- oder gar ein 2,8-Grad-Erderhitzungsszenario zusteuern.

Was AfD, CDU/CSU und FDP wollen, bedeutet unnötigen Zeitverlust und höhere Kosten für den sozial-ökologischen Umbau der Gesellschaft. Die Neue Volksfront in Frankreich hat trotz aller internen Streitigkeiten gezeigt, was dem entgegenzusetzen ist: »Tax the Rich!« und Nutzung der Einnahmen für den sozial-ökologischen Umbau lautet ihr Programm, mit dem sie als Siegerin aus den zurückliegenden Parlamentswahlen hervorgegangen ist. Dass der gesellschaftliche Reichtum auch in Deutschland gerechter verteilt werden könnte, meint hierzulande nahezu jeder und jede. Doch kaum jemand glaubt, der Linken könnte eine Umverteilung von den Stärksten zu den Schwachen wirklich gelingen. Deshalb konnte die extreme Rechte die Oben-unten-Konflikte in Auseinandersetzungen zwischen »Innen« und »Außen«, zwischen »autochthoner« Bevölkerung und vermeintlich integrationsunwilligen Migranten umdeuten.

Ethnisierende Deutungen der sozialen Frage sind in Teilen der Bevölkerung inzwischen fest verankert. Umso wichtiger ist, dass diese mittels besserer Politik allmählich wieder an Glaubwürdigkeit verlieren. Die Linke kann nur erfolgreich sein, wenn sie sich zur politischen Trägerin einer Nachhaltigkeitsrevolution macht, die ökologische und soziale Zielsetzung gleich gewichtet. Eine solche Zielsetzung ist die einzig zukunftstaugliche Antwort auf jene Weltordnung, die mit Donald Trump neu entstehen wird.

Dem erwartbaren Neomerkantilismus der USA und der geplanten Exportoffensive Chinas – wieder einmal – allein mit den Kräften des Marktes begegnen zu wollen, ist lächerlich. Die CO2-Bepreisung, wie sie Liberale und Konservative befürworten, bietet Anschauungsunterricht: Sind die CO2-Preise zu niedrig, haben sie für Unternehmen keine Lenkungswirkung; sind sie zu hoch, belasten sie vor allem die unteren und mittleren Einkommensschichten und treiben diese in die ausgebreiteten Arme der ökologischen Konterrevolution.

Dagegen hilft nur eine linke Politik, die utopischen Überschuss mit politischem Realismus verbindet. Dazu gehört, dass gängige Feindbilder korrigiert werden. Die Linke jenseits der Ampel hatte sich lange auf einen grünen Kapitalismus eingeschossen, dessen Verwirklichung nun in den Sternen steht. Das hat die transformierende Linke unfähig gemacht, die radikale Rechte im tagespolitischen Geschäft erfolgreich zu bekämpfen. Dass die AfD bei den zurückliegenden EU- und Landtagswahlen jeweils mit Abstand stärkste Arbeiterpartei wurde, ist ein Alarmsignal. Werden die Signale gehört, dann kann die Zukunft – wenn auch noch nicht bei den kommenden Bundestagswahlen und keineswegs zwingend innerhalb bestehender Parteigrenzen – links-grün sein.

Erstveröffentlicht im nd v. 9./10.11
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1186639.regierungskrise-ampel-aus-vorwaerts-in-die-vergangenheit.html?sstr=Klaus|D%C3%B6rre

Wir danken für das Publikationsrecht.

Das Übel der kleineren Übel

Die US-Wahlen zeigen, dass mit einer Verteidigung des »liberalen« Status quo die Faschisierung nicht zu stoppen ist, glaubt Raul Zelik

Obwohl in meinem Bekanntenkreis nur eine einzige Person in den USA abstimmen durfte (die Kamala Harris am Ende übrigens auch als kleineres Übel nicht gewählt hat), habe ich in den vergangenen Wochen viel über die Präsidentschaftswahlen diskutiert. Das ist alle vier Jahre so und letztlich ziemlich absurd, denn ob wir uns in Deutschland zu dieser oder jener Kandidat*in bekennen, ist für die dortige politische Entwicklung völlig irrelevant.

Wenn ich trotzdem noch einmal Argumente zu der Frage aufschreibe, warum Linke Politiker*innen wie Kamala Harris nicht unterstützen sollten, dann deshalb, weil diese Debatte auch für die politischen Konflikte Bedeutung besitzt, die bei uns anstehen und in denen wir, anders als im US-Wahlkampf, sehr wohl eine Rolle spielen.

»Schicksalswahl«?

Nicht wenige in meinem Bekanntenkreis, aber auch in der Redaktion des »nd« haben den vergangenen Dienstag als »Schicksalswahl« bezeichnet. Aus ihrer Sicht trafen bei der Wahl zwei große Alternativen aufeinander: eine schwarze Frau, die angeblich gleiche Rechte für alle verteidigte, und ein weißer Milliardär, der Rassismus und Misogynie normalisiert. Ein Sieg von Trump werde die autoritäre Rechte weltweit stärken, während »Kamala« – viele wechselten bei der Debatte gleich zum vertraulichen Du – für ein progressives Amerika stehe. Wenn ich daraufhin einwandte, dass die demokratische Präsidentschaftskandidatin eben gerade nicht für ein progressives Projekt, sondern wie Trump für Konzernpolitik, polizeiliche Repression, Masseninhaftierung und die Bereitschaft zum imperialistischen Krieg stehe, warf man mir vor, den Faschismus zu verharmlosen. Selbst wenn wahr sei, was ich behauptete, und es sich bei Harris tatsächlich um eine bürgerliche Neoliberale à la Christian Lindner handele, müsse man sie unterstützen, weil grundsätzlich ein Wahlsieg von Rechtsextremen zu verhindern sei. Auch gemeinsam mit Neoliberalen und Konservativen.

Für dieses Argument spricht aus meiner Sicht einiges. So hat mir in Frankreich immer eingeleuchtet, dass die Linke bei Stichwahlen zu einer Stimmabgabe »gegen Le Pen« aufgerufen hat. Allerdings ist kaum davon auszugehen, dass wir in Anbetracht eines drohenden AfD-Wahlsiegs in Deutschland die Vorzüge von »Friedrich«, »Olaf« oder »Robert« feiern würden. Der Aufruf für »eine Stimme gegen den Faschismus« sieht anders aus als die Unterordnung unter eine bürgerliche Politik.

Im Zusammenhang mit den US-Wahlen stellt sich allerdings zunehmend die Frage, ob das Argument des kleineren Übels, mit dem man regelmäßig aufgerufen wird, das Schlimmste zu verhindern, nicht allmählich erschöpft ist. Der Fall Kamala Harris zeigt vielleicht ganz gut, worin das Problem dabei besteht.

Wenn man sich die Ergebnisse der US-Wahlen anschaut, stellt man fest, dass Donald Trump im Vergleich zu 2020, als er die Wahlen verlor, keine Stimmen hinzugewann. Die krachende Niederlage der Demokraten hat allein damit zun tun, dass die Demokraten massiv verloren: Etwa 10 Millionen Wähler*innen, die 2020 – viele von ihnen wohl schon damals zähneknirschend – für Joe Biden als das kleinere Übel stimmten, sind diesmal zu Hause geblieben.

Junge, Niedrigverdiener, Hispanics

Auch wenn Wähleranalysen in den USA interessanterweise schlechter zu bekommen sind als in Deutschland, weiß man, wo Harris besonders klar an Boden verloren hat: bei jungen Wähler*innen, Niedrigverdienern und Hispanics. Das hat viele Ursachen, aber zwei stechen hervor: Zum einen hat sich die wirtschaftliche Lage gerade für Niedrigverdiener seit 2021 weiter verschlechtert. Bei einer Umfrage des Fernsehsenders NBC äußerten 45 Prozent der Befragten, es gehe ihnen schlechter als vor vier Jahren – nicht zuletzt wegen der galoppierenden Inflation. Zum anderen hat die Unterstützung von Israels Krieg in Gaza, den viele progressive oder nichtweiße Nordamerikaner*innen als rassistischen Feldzug gegen den globalen Süden lesen, Millionen von der Demokratischen Partei entfremdet. Außenpolitik spielt in der US-Politik zwar nur eine kleine Rolle, doch in den aktivistischen Teilen der Bevölkerung, die sich selbst in Wahlkämpfen engagieren, hat das Thema eine große Rolle gespielt.

»Während die demokratische Parteiführung den Status quo verteidigt, ist das amerikanische Volk wütend und möchte Veränderung.«Bernie Sanders

Mir ist klar, welches Argument jetzt folgt: »Aber das alles wird unter Trump jetzt doch noch viel schlimmer.« Das stimmt – die soziale Lage der Armen wird sich durch die Steuererleichterungen für Reiche weiter verschlechtern, Netanjahu hat freie Hand, um einen Regionalkrieg gegen den Iran vom Zaun zu brechen und die Region in Absprache mit den korrupten Öl-Autokratien neu zu ordnen, und in den USA wird das Bekenntnis zum Rassismus jetzt zur Staatsräson.

Nichtsdestotrotz stimmt umgekehrt aber eben auch: Unter der Demokratischen Partei hat sich in den vergangenen vier Jahren in den entscheidenden Fragen nichts zum Besseren verändert. Zwar hat Biden ein gewaltiges Infrastrukturprojekt in Höhe von 550 Milliarden US-Dollar auf den Weg gebracht. Doch von den Staatsausgaben haben die Ärmeren offenbar nicht profitiert. Der links-sozialdemokratische Senator Bernie Sanders, der im Wahlkampf loyal für Harris warb, benannte das Problem nach der Wahlniederlage sehr klar: »Es sollte nicht besonders überraschen, dass eine Demokratische Partei, die die Arbeiterklasse im Stich gelassen hat, jetzt feststellen muss, von der Arbeiterklasse verlassen worden zu sein. Während die demokratische Parteiführung den Status quo verteidigt, ist das amerikanische Volk wütend und möchte Veränderung.«

Der Status Quo als Treiber der Faschismus

Offenbar besteht das Problem darin, dass der liberal-kapitalistische Normalzustand, für den die Demokratische Partei steht, selbst jene faschistoide Entwicklung produziert, die es zu bekämpfen gilt. Ein paar Beispiele: Unter Biden sind die Vorbereitungen für die – auch militärische – Konfrontation mit China weitergegangen. Der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze hat diese Woche im »Politics Theory Other«-Podcast berichtet, dass in Washington mittlerweile mit größter Selbstverständlichkeit Szenarien eines Zwei-Fronten-Kriegs in Korea und Taiwan durchgespielt werden. Gleichzeitig praktiziert Israel, wichtigster US-Verbündeter in Nahost, mit Rückendeckung aus Washington einen Staatsterrorismus, der dem Putins im Tschetschenien-Krieg der 2000er Jahre in nichts nachsteht.

Innenpolitisch ist die Zahl der Polizeimorde unter Präsident Biden nicht nur weiter gestiegen, sondern sogar etwas schneller, als es unter Trump der Fall war, wie die Initiative »Mapping Police Violence« feststellte. Ähnlich verhält es sich mit der Kriminalisierung von Migrant*innen: Das »Migration Policy Institute«, das die Zahl der landesweiten Abschiebungen erfasst, stellte in einem Bericht vor wenigen Monaten fest, dass unter der Biden-Administration genauso viele Einwanderer deportiert wurden wie zuvor unter Trump – nämlich etwa 1,5 Millionen Menschen in vier Jahren. Gleichzeitig ist der Mindestlohn von sieben Dollar die Stunde seit 2009 nicht angehoben worden, obwohl die Demokraten in dieser Zeit mit einer einzigen Unterbrechung durchgängig regierten. Inflationsbereinigt liegt der Mindestlohn damit um 45 Prozent niedriger als Ende der 60er Jahre.

Was ich sagen will: Was Rhetorik, Diversität und symbolische Anerkennung angeht, liegen zweifelsohne Welten zwischen Kamala Harris und Donald Trump. Doch gleichzeitig zeigt sich eben auch, dass die Wahl des kleineren Übels die strukturellen und materialistischen Probleme nicht löst. Die Wahl von Präsidenten der Demokratischen Partei hat sich in den vergangenen 16 Jahren als ungeeignet erwiesen, die faschistoide Entwicklung zu stoppen, weil diese von den sozialen und ökonomischen Verhältnissen (und nicht von den Wahlen) in Gang gesetzt und vorangetrieben wird.

Wen ich an Theoretiker*innen in den letzten Monaten für das »nd« auch gesprochen habe – die Albanerin Lea Ypi, die US-Amerikaner*innen Ruth Wilson Gilmore und Natasha Lennard, den Jenaer Soziologen Klaus Dörre oder die Italiener Alberto Toscano und Enzo Traverso –, sie alle haben betont, dass es einer Alternative von links bedarf, um den Faschismus zu stoppen. Wer sich hinter eine Politik des bürgerlichen »Weiter so« schart und die sozialen Ungleichheits- und Ausgrenzungsverhältnisse nicht als Motor der Faschisierung begreift, kann nur scheitern.

Wie gesagt: Es ist wenig relevant, ob uns in Deutschland Kamala Harris und die Demokratische Partei gefallen. Aber es nicht egal, wie wir uns im eigenen Land positionieren. Und hier sollten wir erkennen, dass die »Verteidigung von Rechtsstaat, Demokratie und offener Gesellschaft« (womit in der Regel die Bewahrung von Status quo und Eigentumsverhältnissen gemeint ist), als antifaschistische Strategie ungeeignet ist.

Bernie Sanders hat recht: »Die Leute sind wütend und sie wollen Veränderung.« Solange von links keine glaubwürdige Alternative von Gleichheit, Internationalismus und Solidarität aufgezeigt wird, die im Leben der Menschen einen echten Unterschied macht, wird es die extreme Rechte sein, die vom rasanten Zerfall der herrschenden Weltordnung profitiert.

Erstveröffentlicht im nd v. 11.11. 2024
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Wir danken für das Publikationsrecht.

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