Klimakrise: Kaum noch Handlungsspielraum

Das CO2-Budget der Menschheit ist fast erschöpft und Rückkopplungen verschärfen den Klimawandel. Küstengebiete drohen dauerhaft im Meer zu versinken

Von Wolfgang Pomrehn

Bild: Screenshot Greenpeace-Artikel zu Folgen des Klimawandels

Langsam wird es wirklich eng, wenn es darum geht, ein für Menschen erträgliches Klima auf der Erde zu erhalten. Immer neue lokale Hitzerekorde, und die globale Mitteltemperatur liegt im fünfjährigen Mittel bereits zwischen 1,3 und 1,4 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau. Nie zuvor seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen war es so warm, und in den vergangenen zweieinhalb Jahren lag die globale Temperatur sogar meist um mehr als 1,5 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau, wie aus den Daten von Copernicus hervorgeht, der Erdbeobachtungsagentur der EU.

Ganz offensichtlich hat sich seit 2010 die globale Erwärmung beschleunigt, wie auch in einer gemeinsamen Erklärung der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft (DMG) und der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG) gewarnt wird. Alle sechs der oft zitierten globalen Temperaturdatensätze unterschiedlicher wissenschaftlicher Teams zeigen, dass 2024, gefolgt von 2023 und 2016, das bisher wärmste Jahr war. Die Daten veranlassten DMG und DPG Ende September zu dem alarmierenden Hinweis, dass selbst eine Erwärmung um drei Grad bis zur Mitte des Jahrhunderts nicht mehr auszuschließen sei.

In einem Ende Oktober veröffentlichten, unter Federführung der Oregon State University entstandenen »State of the Climate Report« heißt es, dass 2024 vermutlich das wärmste Jahr seit 125 000 Jahren war. An der im Fachjournal »BioScience« erschienenen Arbeit wirkte auch das renommierte Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) mit. Vor 125 000 Jahren befand sich unser Planet in der vorletzten Warmzeit, dem sogenannten Eem. Der Meeresspiegel war in dieser Zeit sechs bis neun Meter höher als heute.

Norddeutschland unter Wasser

Damals standen große Gebiete an den Küsten unter Wasser, die heute zu Norddeutschland und den Niederlanden gehören, und durch das Gebiet Schleswig-Holsteins zog sich ein Meeresarm, der die Nordsee mit der Ur-Ostsee verband. Der Meeresspiegel war dort noch einige Jahrhunderte oder länger weiter angestiegen, als sich das Klima bereits wieder abzukühlen begann. Letzteres haben seinerzeit an der Uni Kiel durchgeführte Untersuchungen alter Ablagerungen im tiefen Untergrund ergeben.

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Diese Kieler Befunde sind ein Hinweis darauf, dass der tiefe Ozean und die Eisschilde viele Jahrhunderte benötigen, bis sie sich völlig an globale Klimaveränderungen angepasst haben, und dies ist auch der Grund für den Hinweis der beiden wissenschaftlichen Gesellschaften, dass über den geordneten Rückzug aus einigen flachen Küstengebieten nachgedacht werden muss.

»Mehr als drei Viertel der lebenswichtigen Erdsystem-Funktionen befinden sich nicht mehr im sicheren Bereich.« Johan Rockström 
Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

Die steigenden Temperaturen führen derweil dazu, dass extreme Wetterereignisse wie Stürme, sintflutartige Regenfälle, Überschwemmungen, aber auch Dürren und Hitzewellen immer mehr zunehmen. Sogenannte Kipppunkte, an denen einzelne Teilsysteme der großen Klima- und Biosphärenmaschine unseres Planeten unwiederbringlich in einen anderen Zustand übergehen, kommen in greifbare Nähe. Die planetaren Belastungsgrenzen werden immer weiter überschritten.

»Mehr als drei Viertel der lebenswichtigen Erdsystem-Funktionen befinden sich nicht mehr im sicheren Bereich. Die Menschheit verlässt ihren sicheren Handlungsraum und erhöht so das Risiko, den Planeten zu destabilisieren«, sagte Ende September PIK-Direktor Johan Rockström, der an einem »planetaren Gesundheitscheck« seines Instituts mitgearbeitet hatte. Betroffen sind nicht nur das Klima, sondern auch die Artenvielfalt, wichtige Nährstoffkreisläufe und die Versauerung der Ozeane, Letzteres eine Folge des steigenden CO2-Gehalts der Atmosphäre.

Korallenriffe vor dem Zusammenbruch

Die Meere sind ohnehin stark durch Verschmutzung und steigende Temperaturen gebeutelt. Die Ozeane haben in den vergangenen zwei Jahren beispiellose Hitzewellen erlebt, wodurch weltweit die Korallenriffe inzwischen am Rande des Zusammenbruchs stehen. Der im Oktober veröffentlichte und maßgeblich an der britischen Universität von Exeter erarbeitete »Global Tipping Points Report 2025« stellt fest, dass im Falle der Korallen der erste Kipppunkt, der erste Punkt ohne Wiederkehr, erreicht ist.

Lang anhaltende Wassertemperaturen von 31 Grad Celsius und mehr, wie sie ein US-Forschungsteam in der vorletzten Oktoberwoche im Fachblatt »Science« für den Süden Floridas im Sommer 2023 beschrieb, machen ihnen den Garaus. Wird das Wasser zu warm, verlassen die mit den Korallen in Symbiose lebenden Algen ihre Wirte, die dadurch ihre wichtigste Nahrungsquelle verlieren. Hält die Trennung länger an, sterben die Korallen ab. Genau das wird derzeit rund um den Globus beobachtet. Da die Riffe eine herausragende Rolle für viele Fische spielen, verlieren somit Millionen Fischerfamilien ihr Einkommen, die Weltbevölkerung eine wichtige Eiweißquelle und Inseln sowie Küstenregionen einen wichtigen Schutz vor Erosion durch Wellen.

Derweil nimmt die Konzentration des Kohlendioxids in der Atmosphäre weiter zu. Im vergangenen Jahr mit einem Anstieg um 3,5 ppm (Millionstel Volumenanteilen) auf einen Gehalt von 423,9 ppm sogar so stark wie nie zuvor seit Beginn der Messungen 1957. Da die Emissionen 2024 zwar viel zu hoch waren, aber im Vergleich zum Vorjahr kaum noch stiegen, könnte das Phänomen ein Hinweis auf unangenehme positive Rückkoppelungen sein. Der Klimawandel beginnt Prozesse anzustoßen, die ihn weiter verstärken.

Bisher wird die Erwärmung dadurch gedämpft, dass die Ozeane 26 und die Biosphäre 31 Prozent der Emissionen mehr oder weniger unmittelbar aufnehmen. Nur die verbleibenden 43 Prozent reichern sich in der Atmosphäre an und verbleiben dort einige Jahrtausende. Doch diese Puffer können sich erschöpfen – und dafür gibt es erste Anzeichen.

Mehr CO2 aus Waldbränden

Eine mögliche Ursache für den Rekord-CO2-Anstieg könnten die enormen Busch- und Waldbrände gewesen sein, die 2024 auf verschiedenen Kontinenten wüteten. Wie schon in den Jahren zuvor brannte eine Fläche etwas größer als Indien ab. In einem typischen Jahr machen Savannen, Steppen und Buschland mehr als 80 Prozent der verbrannten Fläche aus, doch in der zurückliegenden Feuersaison war der Waldanteil rund zehn Prozentpunkte größer. Das heißt, es verbrannte deutlich mehr Biomasse.

Ermittelt wurde das in einer großen internationalen Studie, die Mitte Oktober im wissenschaftlichen Journal »Earth System Science Data« erschien. Mehr als 8 Milliarden Tonnen CO2 seien freigesetzt worden, etwa 10 Prozent mehr als in den Jahren zuvor. Zum Vergleich: Durch direkte menschliche Aktivitäten gelangten 2024 knapp 42 Milliarden Tonnen CO2 in die Atmosphäre. Wie es aussieht, war 2024 kein Ausrutscher: Es gibt einen Trend zu »größeren Ausmaßen und größerer Intensität der Brände in den kohlenstoffreichen Wäldern«, so Matthew Jones von der britischen Universität von East Anglia, der an der Studie mitgearbeitet hat.

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Rückkopplungseffekte verengen also unseren ohnehin nur noch sehr geringen verbliebenen Spielraum. Nur noch 250 Milliarden Tonnen CO2 dürfen emittiert werden, wenn wir eine 50-prozentige Chance haben wollen, dass die globale Temperatur nicht dauerhaft auf mehr als 1,5 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau steigt. Soll die Erwärmung dauerhaft »deutlich unter zwei Grad Celsius« bleiben, wie es als definitives Ziel im Pariser Klimavertrag steht, wären es noch 1110 Milliarden Tonnen. Aber eigentlich ist eine 50-prozentige Chance, das Ziel zu verfehlen, viel zu hoch angesichts der verheerenden Folgen, die mit jedem Zehntelgrad Erwärmung katastrophaler werden.

Moore und Permafrost auf der Kippe

Wie dem auch sei: Von diesem Budget gehen auf jeden Fall noch die Rückkopplungseffekte ab. Dazu zählen nicht nur immer mehr Waldbrände, auch Dürren führen zum Beispiel dazu, dass Moore erhebliche Mengen CO2 abgeben – in welchem globalen Umfang, ist noch unklar.

Eine weitere Kohlendioxidquelle entsteht hoch im Norden, wo die Erwärmung – die dort zwei- bis dreimal schneller als im globalen Durchschnitt voranschreitet – den Permafrostboden auftauen lässt. In diesem sind gigantische Mengen Kohlenstoff in Form von Kadavern und abgestorbenen Pflanzen enthalten, die durch Verwesung als CO2 und Methan freigesetzt werden, sobald der Dauerfrost sich zurückzieht.

Am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg haben Modellierungen ergeben, dass bis zum Jahr 2300 knapp 450 Milliarden Tonnen CO2 zusätzlich anfallen könnten, sollte die globale Erwärmung in den nächsten Jahrzehnten zwei Grad Celsius erreichen. Das verbliebene Budget ist also noch kleiner als gedacht. Nun meinen einige, man könne ja CO2 einfangen und im Untergrund speichern. Auch als Notnagel wird diese Variante von Klimawissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern gehandelt, um die CO2-Konzentration wieder zu senken, wenn die Emissionen endlich drastisch zurückgefahren sein sollten.

Allerdings wird das Potenzial solcher Maßnahmen stark überschätzt, wie Anfang September ein internationales Team im Fachblatt »Nature« demonstrierte. Die Forschenden hatten sich in aller Welt die infrage kommenden geologischen Formationen etwas genauer angeschaut. Die Schlussfolgerung: Statt 10 bis 40 Billionen Tonnen CO2, wie bisher in der Fachliteratur angenommen, kann die Erdkruste nur 1,46 (Unsicherheitsbereich: 1,29 bis 2,71) Billionen Tonnen des Treibhausgases sicher, dauerhaft und ohne Gefahren für Anwohner und Umwelt aufnehmen. Zur raschen Vermeidung weiterer Emissionen gebe es daher keine Alternative.

Erstveröffentlicht im nd v. 6.11. 2025
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1195264.klima-klimakrise-kaum-noch-handlungsspielraum.html?sstr=wolfgang|pomrehn

Wir danken für das Publikationsrecht.

„Der jüdische Präsident und sein ‚Arier‘-Soldat mit SS-Runen“

Von Florian Rötzer

Bild: Keine Montage, der jüdische Präsident Selenskij beim Besuch von Freiwilligenverbänden an der Donezk-Front am 4.11.2025  vor einem Nazi-Symbol der „Rubizh“-Brigade. Bild: president.gov.ua/CC BY-NC-ND-4.0

Es sei Unsinn, wenn Moskau davon spricht, dass die Ukraine entnazifiziert werden müsse, heißt es im Westen. Pauschal wird seit Beginn des Krieges nicht oder kaum mehr über rechtsnationalistische Ereignisse, Gruppen und Freiwilligenverbände berichtet. Da Präsident Selenskij doch jüdischer Abstammung sei, wird als Beweis dafür angeführt, dass die russische Behauptung Unsinn sei.

Wie weit das Militär mit den vielen freiwilligen Kampfverbänden, die schon vor dem Krieg pro forma in die Streitkräfte oder die Nationalgarde integriert wurden, auch um deren Finanzierung sicherzustellen, als rechtsextrem, völkisch-nationalistisch oder neonazistisch bezeichnet werden kann, ist schwierig zu sagen. Seit dem Maidan ist bekannt, dass Teile der daraus hervorgegangenen Freiwilligenverbände oder Milizen einen starken Rechtsdrall hatten. Das hat sich mit dem Krieg verstärkt (Heldentag, Verklärung der Nazi-Kollaborateure und Waffenausbildung in den Schulen). Auch hohe Militärs wie der ehemalige Oberbefehlshaber Salsuchnyi („Die Richtlinien von Stepan Bandera sind dem Oberbefehlshaber wohlbekannt“) haben sich als Verehrer des Nationalhelden Bandera geoutet, der mit den Nazis kollaboriert hat und dessen faschistoide Milizen der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN-B) für Pogrome gegen Juden und Polen verantwortlich war.

2023 war Selenskij schon einmal ein symptomatisches Missgeschick passiert, als er in Kanada war. Während des Auftritts im kanadischen Parlament im Beisein des damaligen kanadischen Ministerpräsidenten Trudeau wurde vom Parlamentspräsidenten Anthony Rota als einer der „distinguished guests“ Jaroslaw Hunka, der im Zweiten Weltkrieg Mitglied der berüchtigten SS-Division Galizien (14. Waffen-Grenadier-Division der SS) war, ausdrücklich begrüßt. Rota nannte ihn einen „Helden der Ukraine und einen Helden Kanadas“. Und er dankte ihn für all seine Dienste. Frenetisch wurde der „Held“ gefeiert und beklatscht. Auch Selenkij und Trudeau schlossen sich an, die das gewusst haben mussten. Rota stellte Hunka als einen der „ukrainischen Veteranen“ vor, der im Zweiten Weltkrieg „für die ukrainische Unabhängigkeit gegen die Russen kämpfte und weiter die Truppen bis heute unterstützt“ (Im kanadischen Parlament wurde ein Mitglied der Waffen-SS Galizien frenetisch gefeiert).

Als der Hintergrund des Gefierten öffentlich bekannt wurde, trat Parlamentspräsident zurück, Trudeau will nichts damit zu tun gehabt haben, Selenskij schwieg wohl wissend, wie wichtig die Banderisten in der Ukraine für die Kriegsführung und die im Ausland als Lobbyisten sind. Und die Bundesregierung als Unterstützer der Ukraine – und damit auch der rechtsextremen Freiwilligenverbände – drückt damals wie heute die Augen zu: Bundesregierung interessiert Rechtsextremismus in der Ukraine nicht.

Verleihung von Orden an Soldaten der Rubizh-Brigade. Bild: president.gov.ua/CC BY-NC-ND-4.0
Abzeichen der Rubizh-Brigade
Abzeichen der Rubizh-Brigade
Siegrune der SS. Die Verwendung des Symbols ist in Deutschland nach § 86a StGB ebenso wie die Wolfsangel strafbar.

Die ukrainische Regierung stützt sich auf die rechten Kampfverbände wie Asow (siehe den Film von Le Monde über die Nazi-Symbole bei Asow) oder die Ukrainische Freiwilligenarmee (UDA) von Jarosch. Das hat Selenskij gerade wieder deutlich gemacht, als er Richtung Front in Donezk reiste und sich dort u.a. beim 1st Corps von Asow und bei der 4th Rapid Response Brigade (Rubizh) der Nationalgarde bedankte, die bei Dobropillia in der Nähe von Pokrowsk kämpft und deren Kämpfer er Orden verlieh. Dort sollen nach Selenskij und dem Oberbefehlshaber Syrsky die ukrainischen Truppen vorstoßen, obgleich nach Deep State auch hier die Russen vorrücken, während sie in Pokrowsk die Russen angeblich erfolgreich abwehren, obgleich auch von immer mehr ukrainischen Stimmen gesagt wird, dass die Stadt bald vollständig eingekesselt sein werde. Selenskij will aber wie schon früher lieber einen aussichtslosen Kampf führen, um Stäörke und Kampfeswillen zu zeigenauch wenn es dabei hohe Verluste gibt, anstatt eine Niederlage einzuräumen und einen Rückzugbefehl geben. Manche sagen schon länger, Selenskij werde nicht wahrheitsgetreu informiert.

Bei der Verleihung der Orden an Kämpfer der Rubizh-Brigade stellte sich Selenskij sogar neben eine Swastika oder ein Hakenkreuz, das ein Symbol dieser Brigade ist. Es findet sich auch auf dem Abzeichen der Einheit auf der Unform, was niemanden zu stören scheint. Die Asow-Leute scheinen hier etwas vorsichtiger geworden sein. Die ukrainische Historikerin Marta Havryshko, die jetzt am Strassler Center for Holocaust and Genocide Studies der Clark University lehrt, kommentiert sarkastisch: „Selenskyijs PR-Team, die Journalisten der „Rubizh“-Brigade, hochrangige Kommandeure, Berater … Und … niemand – niemand dachte daran, dass SS-Runen vielleicht nicht die beste Art sind, für die Ukraine zu werben. Wie normal sind Nazi-Symbole in Zelenskys Ukraine?“ Oder: „Der Präsidenten Jude und sein ‚Arier‘-Soldat mit SS-Runen. Selbst Mosfilm hätte sich so etwas nicht ausdenken können.“

Ohne die rechten Freiwilligenverbände wäre wahrscheinlich die Verteidigung der Ukraine längst zusammengebrochen. Die kokettieren sich nicht nur mit den Nazi-Symbolen, die sich auch auf vielen Tätowierungen finden. Dass sich Selenskij so deutlich mit diesen Verbänden und ihren Nazi-Abzeichen zeigt, zeugt entweder von Dummheit oder davon, dass Selanskik unter Druck steht und von diesen abhängig ist. Es ist entlarvend, dass die Bundesregierung auch solche Truppen und eine Regierung unterstützt, die diese offen gewähren lässt, während in Deutschland angeblich gegen Nazi-Symbole und -Slogans polizeilich vorgegangen wird. Das sollte man sich schenken.

Erstveröffentlicht im Overton Magazin v. 5.11. 2025
https://overton-magazin.de/top-story/der-juedische-praesident-und-sein-arier-soldat-mit-ss-runen/

Wir danken für das Publikationsrecht.

Ohne Witz: Nato erhält Friedenspreis

Von Florian Rötzer

Bild : Pressefoto der NATO. Der Generalsekretär Rutte im Anflug an die Volkel Air Base, Stationierungsort für Atomwaffen im Rahmen der sog. „nukleraren Beteiligung“, die nicht natürlich völkerrechtlich völlig illegal ist.

Ich muss gestehen, bislang habe ich den von der Wirtschaftlichen Gesellschaft für Lippe und Westfalen (WWL) seit 1998 anlässlich des 350. Jahrestages des Westfälischen Friedensschlusses alle zwei Jahre verliehenen „Internationalen Preis des Westfälischen Friedens“ nicht wahrgenommen. Ausgezeichnet wird damit „besonderes Engagement für nachhaltigen Frieden und internationale Verständigung“. Dotiert ist der Preis mit 100.000 Euro. Und dieses Jahr erhält ihn die Nato, vertreten durch ihren Generalsekretär Mark Rutte.

Warum sollte ein Militärbündnis, das sich zwar als Verteidigungsbündnis darstellt, das aber durchaus Angriffskriege geführt hat, dessen Mitglieder sich an Kriegen beteiligt haben, das aktuell eine Kriegspartei mit Waffen und anderem unterstützt und sich massiv aufrüstet, einen Friedenspreis erhalten? Mit der Nato wird auch gleich den Vereinigten Staaten der Friedenspreis gewidmet, die ihr Verteidigungsministerium angemessen in Kriegsministerium umgetauft haben, gerade eine Armada vor Venezuela und Kolumbien aufbieten oder den Iran bombardieren. Betont wird denn auch auch die „transatlantische Zusammenarbeit“. Von der Türkei brauchen wir gar nicht reden, die die Opposition unterdrückt und Teile Syriens okkupiert. Selbst wenn man der Meinung ist, dass ein Militärbündnis durch Abschreckung und Bedrohung das Ausbrechen eines Kriegs verhindert oder sich auch in der Ukraine, am Hindukusch oder vor China verteidigt, ist das kaum als aktiver Einsatz für die Herstellung und Bewahrung von Frieden zu sehen.

Die Entscheidung der Wirtschaftlichen Gesellschaft erinnert an die des Friedensnobelpreiskomitees, das mit Machado, die eine militärische Intervention der USA in Venezuela fordert und die auf Verdacht hin erfolgte Ermordung von Bootsbesatzungen billigt, weil damit angeblich Leben gerettet wird. Und sie erinnert auch daran, dass uns seit Jahren eingeredet wird, dass nur „Stärke“ zu Frieden führt oder dass Waffen Menschenleben retten. Neuer Dreh der Wirtschaftlichen Gesellschaft ist der Slogan: „Frieden durch Zusammenhalt oder Stabilität“, gemeint ist militärischer Zusammenhalt und Frieden durch Bedrohung/Abschreckung.

„Die NATO“, sagt WWL-Vorsitzender Reinhard Zinkann, „steht seit mehr als sieben Jahrzehnten als Bündnis für eine regelbasierte Sicherheitsarchitektur, die Konflikte eindämmt, Eskalation vorbeugt und Zusammenarbeit stärkt.“ Man würdige „eine Institution, die in einer Zeit globaler Unsicherheit Verlässlichkeit schafft, Partnerschaft fördert und Frieden durch Stabilität ermöglicht“.

Als Beispiel wird die „verantwortungsvolle Unterstützung“ der Ukraine genannt – „ohne selbst Konfliktpartei zu werden“, was aber bestenfalls juristisch so sein mag, aber nicht faktisch. Oder die Friedensmission KFOR im Kosovo, wobei man vergisst, dass der ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg der Nato auf Serbien vorausging und der Kosovo unter Verletzung der serbischen Souveränität ohne Referendum der Bevölkerung als unabhängig erklärt wurde. Nicht einmal alle EU- und Nato-Mitgliedsstaaten erkennen den Kosovo als unabhängigen Staat an. Auch die Ukraine macht dies nicht. Und dann wird noch die Stabilität durch die Nato-Erweiterung um Finnland und Schweden genannt, selbstverständlich ohne zu erwähnen, dass die Osterweiterung der Nato mit einen Beitrag zum Krieg in der Ukraine geleistet hat. Schön ist auch die Formulierung: „Resilienz als Friedensbasis: Durch Mindeststandards zur Krisenfestigkeit stärkt die NATO die Stabilität der Mitgliedsstaaten und damit die Friedensfähigkeit Europas.“ Das heißt, Aufrüstungsvorschriften stärken den Frieden. Wenn das auch noch die Stabilität der Staaten stärken soll, kann man das auch so verstehen, dass ein starkes Militär Unruhen im Land verhindert.

Wenn man sich ansieht, wer in der Jury des „Friedenspreises“ sitzt, wundert sich über die Orwellschen Begründungen nicht mehr. Es geht um die Durchsetzung und Auszeichnung der Regierungs- und Nato-Politik. In der Jury u.a. mit Sigmar Gabriel, Alexander Graf Lambsdorff, Jean-Claude Juncker, Friedrich Merz, Cem Özdemir, Georg Friedrich Prinz von Preußen oder Frank-Walter Steinmeier findet sich niemand, den man irgendwie mit Friedenspolitik in Verbindung bringen könnte.

Bei der Farce spielen auch staatstreue Medienvertreter mit. Die Süddeutsche Zeitung veröffentlicht so einen Kommentar von Christoph Koopmann unter dem Titel „Paradox, aber richtig“.  Militärische Stärke und Friedenssicherung würden sich gegenseitig bedingen, heißt es da zur Bestätigung, was auch die Devise von Gangs, Milizen und autoritären Staaten wie Nordkorea sein könnte. Natürlich muss da Putin „mit seinem Hass auf alles Freiheitliche“ herhalten. Gegen dessen „Großmachtstreben“ wirke die Abschreckung der Nato, Letzteres könnte man genauso umgekehrt sehen. Bei der Friedensfeier stört auch Trump nicht. Der Preis soll daran erinnern, dass die Nato nicht nur eine „Waffenbruderschaft“ ist, sondern von Staaten gegründet wurde, „denen etwas an Freiheit und Demokratie“ liegt. Das liegt nicht nur in den USA oder in der Türkei im Argen. Man hätte auch einmal daran erinnern können, was die Einsätze der Nato oder einzelner Nato-Staaten im Iran, in Syrien, in Afghanistan, in Serbien, in Libyen etc. hinterlassen haben. Stabilität und Frieden eher nicht.

Erstveröffentlichung im Overton Magazin v. 7.11. 2025
https://overton-magazin.de/top-story/ohne-witz-nato-erhaelt-friedenspreis/

Wir danken für das Publikationsrecht.

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