Die Rentenkommission und die Lüge von der Schwedenrente

Die Rentenkommission verkauft ihre Reform als „schwedisches Modell“. Doch der Vergleich hält einer genaueren Prüfung nicht stand.

Von TOBIAS WEIßERT

Titelbild: Stadtarchiv Kiel, CC BY-SA 3.0 DE, via Wikimedia Commons

Zu was braucht die Politik Kommissionen? Um sich dahinter zu verstecken. Die Rentenkommission hat ihren Bericht geliefert. Die Politik ist begeistert. Programm aus einem Wurf! Merz verspricht den Vorschlag ohne Abstriche umzusetzen. Es kommt: das schwedische Modell.

Von uns Kritikern der deutschen Rentenpolitik wurde das österreichische Rentenmodell bevorzugt. Alle Erwerbstätigen wurden dort in eine Rente zusammengefasst. Ergebnis: In Österreich sind die Renten ungefähr um ein Drittel höher als in Deutschland. Die Losung, die sich hier ausbreitete, war Erwerbstätigenversicherung unter Einbeziehung aller Erwerbspersonen, inklusive Selbständigen und Beamten, bei gleichzeitiger Abschaffung von Bemessungsgrenzen. Unter den abhängigen Beschäftigten hat das eine breite Anhängerschaft gewonnen.

Dagegen wurde von den Kapitalverbänden eingewandt, dass man nicht Rosinen rauspicken sollte. Das österreichische Modell habe Nachteile und sei auf Deutschland nicht anwendbar. An seine Stelle propagierten sie das schwedische Modell. Schweden habe es geschafft durch die Einführung einer staatlichen, alle Erwerbspersonen verpflichtenden Kapitalrente seine Rentenkrise zu überwinden und stabile ertragreiche Renten zu ermöglichen. Das bräuchten wir auch.

Die Rentenkommission empfiehlt, damit ab 2028 endlich ernst zu machen und die zweite Säule einer gesetzlichen Rente auf Kapitalbasis anzupacken. Zuerst sollen dazu 0,5 Prozent des Bruttolohns herangezogen werden und die Einzahlung sollte schnell auf 2 Prozent gesteigert werden.

Hier wird eine Rosine herausgepickt.

Mit dem schwedischen Rentenmodell hat das wenig zu tun

In Schweden hat die Alterssicherung hauptsächlich drei Elemente. Es gibt die Einkommensrente aus dem Umlageverfahren. Dazu werden insgesamt 16 Prozent der Bruttolohnsumme monatlich eingezahlt. Dazu kommt die Prämienrente. Der Rentenertrag daraus ergibt sich aus der Rendite des am Kapitalmarkt agierenden staatlichen Rentenfonds. Dafür werden obligatorisch 2,5 Prozent des Bruttolohns eingezahlt. Beide Rentenarten erfordern also 18,5 Prozent der Bruttolohnsumme. Das ist mit unserem Rentenbeitrag von 18,6 Prozent vergleichbar.

Aber es gibt einen wesentlichen Unterschied. Von den 18,5 Prozent bezahlt in Schweden der Unternehmer 11 Prozent, die abhängig Beschäftigten 7,5 Prozent. Die 7,5 Prozent der abhängig Beschäftigten werden auf die Steuerlast angerechnet und mindern die Steuerzahlung. Dann hat das schwedische Rentensystem noch eine 3. Säule: die Betriebsrente. Sie wird ausschließlich von den Unternehmen bezahlt, die dafür mindestens 4,5 Prozent der Bruttolohnsumme aufwenden und am Kapitalmarkt anlegen müssen. 90 Prozent der schwedischen Rentner sind durch eine Betriebsrente gesichert.¹

Aus diesen drei Säulen erhalten die schwedischen Rentnerinnen und Rentner eine deutlich höhere Rentenleistung als die Deutschen. Ihr Sicherungsniveau aus allen Elementen beträgt für einen Vollzeitbeschäftigten knapp 80 Prozent des Nettolohns. Dafür müssen die Schweden keineswegs länger arbeiten als wir Deutschen. Das durchschnittlicher Rentenzugangsalter in der Einkommensrente in Schweden ist 64,5 Jahre, während es in Deutschland inzwischen bei 64,7 liegt. Was die Bezugsdauer betrifft, ist interessant zu wissen, dass die durchschnittliche Lebenserwartung in Schweden 2,6 Jahre länger ist als in Deutschland, woraus logisch folgt, dass die Rentenbezugszeit in Schweden deutlich länger sein muss als bei uns.

Der Standardwert der Einkommensrente aus der Umlageversicherung, der in Schweden mindestens 50 Prozent des vorigen Nettolohns sichert, wird in Schweden in 40 Versicherungsjahren erreicht. Bei uns braucht man dazu 45 Jahre seit der Rentenreform von 1991. Würde man zu den 40 Jahren zurückkehren, müsste man den jährlichen Rentenwert um 5 Punkte erhöhen.

Wollen die Vertreter des schwedischen Modells das alles wirklich? Mitnichten!

Sie wollen nur eine Rosine rauspicken und die nur in verschrumpelter Form. Die Rosine heißt Einstieg in eine obligatorische kapitalgedeckte Rente mit dem Ziel, die gesetzliche Rente aus dem Umlageverfahren zu schwächen. Parallel zum Aufbau einer kapitalgedeckten Rente soll der Nachhaltigkeitsfaktor, der die umlagefinanzierte Rente senkt, wieder wirksam werden. Die sogenannte Haltelinie der Rente von 48 Prozent vom bereinigten Netto vor Steuern soll so um ca.  drei Prozent in den nächsten Jahren fallen. Die Erträge aus der neuen Zusatzrente sollen, so wird versprochen, die Verluste auf 48 Prozent ausgleichen und damit die Rente stabilisieren. Da ist eine erhebliche Verschlechterung selbst gegenüber der Riester-Rentenreform. Die Zusatzrenten sollten, so wurde versprochen, die Rentenhöhe auf 51 bis 53 Prozent anheben und nicht nur stabilisieren.

Heute will man die Rente senken und verlangt deswegen für den alten Wert einen höheren Beitrag. Dass die Kapitalrente die Rentensenkung nicht kompensieren wird, sei zusätzlich angemerkt.

Gleichzeitig soll es immer schwerer werden in Rente zu gehen. Die sogenannte Rente mit 63, die es heute noch erlaubt im Jahr 2028 mit 45 Versicherungsjahren mit 64 in Rente zu gehen, soll ersatzlos gestrichen werden. Auch die Möglichkeit, mit 63 Jahren durch Inkaufnahme von Rentenabschlägen aus dem Arbeitsleben auszuscheiden, soll erschwert werden. Die dafür geforderten Abschläge von heute immerhin 3,6 Prozent pro Jahr sollen deutlich erhöht werden.

Auch hier haben die Schweden es besser. In Schweden kann jeder mit 63 Jahren in Rente gehen.  Rentenabschläge sind hinzunehmen.

Was aber ist der eigentliche Skandal!

Sowohl in Schweden wie in Österreich und den meisten Ländern Europas sind die Renten oft um ein Drittel höher als bei uns. Darüber gibt die OECD mit der Statistik „Rente auf einen Blick“ immer wieder Auskunft. Danach betrug das Sicherungsniveau der gesetzlichen Rente 2023 in Deutschland 47,8 Prozent zum bereinigten Nettolohn. Der Durchschnitt der EU-Länder lag bei 66,7 Prozent. Niedriger als in Deutschland waren die Renten nur in Polen und Litauen.²

Das Land, das als das wirtschaftsstärkste Europas gilt und deshalb die politische und militärische Führung beansprucht, hat das mieseste Rentensystem. Der Anteil am BIP für Renten ist in Deutschland mit 9,5 Prozent³ deutlich niedriger als in den meisten europäischen Ländern (Schweden 10,7 Prozent).

Der Bezug auf das schwedische Modell ist eine einzige Lüge

Was daran allein interessiert, ist die Absicht kapitalgedeckte Rentenelemente aufzubauen und die Erwerbstätigen zu zwingen, ihr Geld Finanzhaien anzuvertrauen, weil die gesetzliche Rente keine Absicherung mehr bietet. So wurde schon mit den Betriebsrenten verfahren. Dafür zahlen fast nur noch die Erwerbstätigen ein ohne Garantien für die Zukunft zu erhalten.4 Auch hier ist der Unterschied zu Schweden fundamental, denn dort sind es die Unternehmer, die die Kosten tragen. Treiber der Kostenverlagerer auf die abhängigen Beschäftigten sind die Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und die Versicherungsunternehmen. Sie haben sich sofort gegen die neue Kapitalrente gestellt, weil sie Zusatzbeiträge auch von Unternehmern verlangt und vom Staat verwaltet werden soll. Ihre Schlagworte sind Eigenverantwortung und Freiwilligkeit. Der BDA will die Lohnkosten senken und die Versicherungen wollen den Zugriff auf die Versicherungsprämien und -policen ohne Beschränkung der Vermittlungs- und Verwaltungskosten. Beide wollen sie die privaten Beiträge der Versicherten erhöhen, um möglichst viel privates Geld für den Geldmarkt zu gewinnen. Deswegen romantisieren sie das Aktienkapital, verschweigen die Risiken und versprechen goldene Zeiten.

Anmerkungen

 ¹ https://taz.de/Aktienrente-in-Skandinavien/!6067196/

² OECD Pensions at a Glance, 2023

³ 22.05.2025 — Rentenversicherung. Bund. Bundesmittel: Wofür der Staat. Steuereinnahmen an die. Rentenversicherung zahlt. Imke Brüggemann-Borck und Edgar Kruse.

4 https://www.unsere-zeit.de/rente-mit-sozialbetrugsanteil-4815895/

Tobias Weißert

Tobias Weißert
Nach Studium der Geschichte, Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft war ich lange Jahre als Lehrer und Ausbilder in der Erwachsenenbildung tätig. Ich unterrichtete hauptsächlich Sozial-und Wirtschaftskunde. Seit nahezu 60 Jahren bin ich politisch aktiv und habe mich intensiv mit politischer Theorie beschäftigt. In dem großen Ausbildungsbetrieb war ich Sprecher der gewerkschaftlichen Vertrauensleute und lange Jahre Betriebsratsvorsitzender. Heute bin ich unter anderem im Rhein-Main-Bündnis gegen Sozialabbau und Billiglöhne politisch tätig.
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Erstveröffentlicht im Overton Magazin v. 29.6. 2026
Schwedenrente

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»Ich will nicht mehr verantworten, was passiert«

Nach jahrzehntelanger Arbeit im Krankenhaus hat Chefarzt Andreas Umgelter gekündigt. Die Versorgungslücken des Systems will er nicht mehr mittragen.

Interview: Ruta Dreyer

Titelfoto: Jochen Gester

Vor Kurzem haben Sie ihren Job als Chefarzt in der Notaufnahme gekündigt. Wieso?

Ich will nicht mehr verantworten, was dort passiert. Von allen Seiten wird auf die Notaufnahmen Druck ausgeübt. Man ist dazu gezwungen, Patient*innen auszuwählen. Wenn ein Krankenhaus heute wirtschaftlichen Erfolg haben will, muss es Patient*innen behandeln, die ein definiertes Problem haben, das man gut abrechnen kann. Das Gegenteil sind Notfallpatient*innen mit diffusen Problemen und sozialem »Ballast« wie Pflegebedarf. Gleichzeitig ist man als Chefarzt in der Position, dass man für Entscheidungen verantwortlich gemacht wird, die man nicht beeinflussen kann. Es ist für mich ein ständiger Kampf gewesen zu verhindern, dass Stellen gestrichen werden. Das drohte jetzt wieder. Auch fehlt die ärztliche Professionalität. Von einem Fachärzt*innenstandard rund um die Uhr sind wir gerade in diesem kritischen Bereich weit entfernt. Unter der Hand wird einem von den Behörden gesagt: Unsere eigenen Qualitätsvorgaben kontrollieren wir nicht, weil das für die Krankenhäuser zu teuer wäre.

Ben Gross

Andreas Umgelter ist Internist und klinischer Notfallmediziner. Seit 2017 leitete er die Notaufnahme in einem Vivantes-Krankenhaus in Berlin. Er ist Mitglied der Partei Die Linke und kandidiert bei den Wahlen für das Berliner Abgeordnetenhaus im September.

Teilweise spricht man von einer »Fehlinanspruchnahme« von Patient*innen in der Notfallmedizin.

Die Frage ist: Was haben die Leute eigentlich für Alternativen? Ein Großteil der Patient*innen, die wir als Fehlzuweisung bezeichnen könnten, weil sie kein lebensbedrohliches Problem haben, kommen aus anderen Sektoren. Beispielsweise aus Pflegeheimen, weil diese keine ausreichende ärztliche Versorgung vor Ort haben. Oder sie kommen, weil sie transportiert werden müssen, weil sie nicht mobil sind und niemand zu ihnen nach Hause kommt. Wir kriegen die Versorgungslücken dieses Systems ab. Denn die Notaufnahmen sind die letzten Orte im Gesundheitswesen, wo man immer hingehen kann, egal welche Voraussetzungen man mitbringt. Dort sind wir in großem Maß auch mit dem Elend der vulnerablen Bevölkerungsteile konfrontiert: Egal, ob das Obdachlosigkeit ist oder ob es Probleme wie Suchterkrankungen sind oder solche, die mit fehlender psychologischer oder psychiatrischer Versorgung zu tun haben. Sie sind der Ort, wo man in den nächsten Jahren verfolgen können wird, wo dieser Generalangriff auf die Sozialsysteme hinführt. Notaufnahmen sind politische Orte.

Seit mehr als 30 Jahren arbeiten Sie im Krankenhaus. Was hat sich verändert?

Die auffälligste Veränderung ist, wie sehr das Wissen verloren geht. Medizinisches Personal ist sowohl in der Pflege als auch im ärztlichen Bereich mit Verwaltungstätigkeiten beschäftigt. Die Fachärzt*innen und Oberärzt*innen sind mit Interventionen oder Diagnostik beschäftigt, die sich für das Haus rechnen, und haben keine Zeit für Ausbildung. Es gibt keine vernünftige Zusammenarbeit zwischen den erfahreneren und den weniger erfahreneren Ärzt*innen. Dann haben wir die immer stärkere Erlösorientierung. Selbst in öffentlichen Krankenhäusern ist der Kaufmann immer derjenige, der das letzte Wort hat. Unser Vergütungssystem funktioniert nach Fallpauschalen. Nach diesen teilen wir die Patient*innen anhand von Diagnosen und medizinischen Leistungen ein – dafür gibt es bestimmtes Geld. Wer diese Leistung billiger macht, nicht besser, erzielt zusätzlichen Erlös. Wir haben ein rein erlösorientiertes Regime, dem alles andere untergeordnet wird.

Wie sollte das Gesundheitssystem Ihrer Meinung nach aussehen?

Man muss bei dem Versorgungsbedarf der Menschen anfangen. Ein Problem ist, dass wir keine guten Erhebungen haben, was die Menschen eigentlich brauchen. Dafür gibt es in der Krankenhausplanung zwar Möglichkeiten. Doch wenn der Senat Daten zur Versorgung haben will, können privatwirtschaftlich betriebene Krankenhäuser sich auf ihr Geschäftsgeheimnis berufen und wichtige Versorgungsdaten zurückhalten. Auch Vivantes, das die Rechtsform einer GmbH hat. Da muss man erst mal eine gewisse Transparenz herstellen. Dann brauchen wir Versorgungsstrukturen, die sich um die Menschen kümmern, bevor sie mit dem Krankenwagen in die Notaufnahmen gebracht werden. Also eine Versorgung, die ambulant, häuslich und interprofessionell ist. Von der gesamtökonomischen Sicht aus der Bevölkerungsperspektive ist das auch viel günstiger, weil man die Probleme nicht reifen lässt, bis sie sich für Krankenhäuser wirtschaftlich lohnen, sondern versucht, sie früh zu beheben.

Sie haben Vivantes angesprochen. Bei deren Töchtern hatten die Beschäftigten mehr als 60 Tage lang für die Rückführung in den Mutterkonzern gestreikt.

Die Tatsache, dass es die Töchter überhaupt gibt, ist ja darauf zurückzuführen, dass man durch das Outsourcing Geld sparen wollte. Man nimmt die Leute aus dem Tarif raus und begrenzt, was sie leisten, auf einen in einem Vertrag festgelegten Katalog. Es zählt dann nicht mehr das eigentliche Ergebnis, sondern, ob die Beschäftigten die Vertragsformulierung erfüllt haben. Natürlich würde die Versorgung besser werden, wenn die Leute besser bezahlt und in die Strukturen vor Ort wieder eingegliedert würden.

Im September kandidieren Sie für die Linke für das Berliner Abgeordnetenhaus. Entscheidet sich die Zukunft des Gesundheitssystems an der Wahlurne?

Die Politik in den Parlamenten kann nur so gut sein wie der Druck, den sie von außerhalb bekommt. Wir wollen eine Art kollektiver Mandatsausübung, also im Mandat die Menschen in unseren Kiezen einbinden und nicht völlig losgelöst den Diktaten des parlamentarischen Betriebes folgen. Natürlich wird ein Schwerpunkt darauf liegen, die politische Organisation außerhalb der Parlamente aufzubauen. Die Kraft und die Energie, die von außerhalb kommt, sollte man in die Parlamente tragen.

Andreas Umgelter ist Internist und klinischer Notfallmediziner. Seit 2017 leitete er die Notaufnahme in einem Vivantes-Krankenhaus in Berlin. Er ist Mitglied der Partei Die Linke und kandidiert bei den Wahlen für das Berliner Abgeordnetenhaus im September.

Erstveröffentlicht im nd v. 26.6. 2026
Ich will nicht mehr verantworten …

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Vor 85 Jahren: Faschistischer Vernichtungswahn überrollt die Sowjetunion

Am 22. Juni 1941 hat das faschistische «Großdeutsche Reich» die Sowjetunion überfallen – vertragsbrüchig, aber dennoch angekündigt. Es folgte ein Raub-, Eroberungs- und Vernichtungskrieg gegen ein Land, den es vorher so nicht gab. Dahinter standen allerdings auch westliche Interessen, über die heute kaum geredet wird.

Von THILO GRÄSER

Persönliche Anmerkung: In diesem Artikel wird auf das Buch von Peter Scherer „Freie Hand im Osten“ verwiesen. Peter kam über den SDS zur IG Metall und wurde dort Leiter der Zentralbibliothek. Er war studierter Geograf und wusste seine Kenntnisse für das Verständnis imperialistischer Politik anzuwenden. Ich konnte ihn noch persönlich kennenlernen, da ich ihn zur Wendezeit eingeladen hatte, sein Buch auf einer Veranstaltung der IG Metall Augsburg vorzustellen. Scherer ist ein gutes Beispiel dafür, welche intellektuellen Ressourcen die IG Metall-Vorstandsverwaltung einmal hatte. Es kommt Wehmut auf. (JG)

Titelbild: Nicht alle Einwohner der von der deutschen Wehrmacht eroberten Gebiete haben sich einfach ergeben, es kam an vielen Orten zu Partisanengruppierungen. Mit diesen gingen die Deutschen aber besonders hart um, wie dieses Bild zeigt …

Mit insgesamt 3,6 Millionen Soldaten, 3.500 Panzern und 2‘700 Flugzeugen überfiel die faschistische deutsche Wehrmacht gemeinsam mit verbündeten Truppen aus Rumänien, Finnland, Ungarn und der Slowakei am 22. Juni 1941 die Sowjetunion. Der vor 85 Jahren als „Unternehmen Barbarossa“ begonnene deutsche Raub-, Eroberungs- und Vernichtungskrieg sollte nach Vorstellungen der Wehrmachtsgeneräle nur wenige Wochen dauern. Daraus wurde nichts: Er forderte bis zu seinem offiziellen Ende am 8. Mai 1945 allein auf sowjetischer Seite etwa 27 Millionen Tote. „Der deutsche Angriff erfolgt, ohne dass zuvor politische und/oder ökonomische Forderungen an die Sowjetunion gestellt worden wären“, schrieb der Historiker Erich Später 2015 in seinem Buch „Der dritte Weltkrieg – Die Ostfront 1941 – 1945“. 

Der Autor wies darauf hin, dass die faschistischen Pläne, die Sowjetunion zu unterwerfen und zu zerschlagen, „auf einem breiten Konsens innerhalb der herrschenden deutschen Eliten“ beruhten. Die deutschen Machteliten in Wirtschaft, Verwaltung und Militär hätten nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg und in der Weimarer Republik nicht aufgehört, „über eine erneute Offensive nachzudenken“. Das Gebiet der Sowjetunion sei wegen seiner Rohstoffe und Absatzmärkte sowie billigen Arbeitskräften zum Ziel der deutschen Expansion geworden. Dabei sei es um eine „autarke Großraumwirtschaft“ statt einer stärkeren internationalen Verflechtung gegangen. Das wurde auch mit dem „Generalplan Ost“ vorbereitet und zumindest teilweise umgesetzt. Später dazu:

„Mit dem Vormarsch der Deutschen Wehrmacht und SS in der Sowjetunion realisiert sich im gesamten deutschen Machtbereich das radikalste Programm zur vollständigen Vernichtung eines Teils der Menschheit, das jemals erdacht und geplant wurde.“

Allgemein gilt, dass der Zweite Weltkrieg am 1. September 1939 begann, als das Großdeutsche Reich Polen überfiel und das Land gemeinsam mit der Sowjetunion aufteilte. Meist wird die Vorgeschichte des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrages weggelassen: Zuvor hatte Moskau lange Zeit versucht, gemeinsam mit den westlichen Staaten eine kollektive Sicherheitspolitik gegenüber dem faschistischen Deutschland zu gestalten. Das sei spätestens mit dem Münchner Abkommen vom 29. September 1938 gescheitert, wie unter anderem Historikerin Bianka Pietrow-Ennker in dem 2000 veröffentlichten Sammelband „Präventivkrieg. Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion“ feststellte.

Nützliche Faschisten

„Wir waren das letzte europäische Land, das einen Nichtangriffspakt mit Deutschland geschlossen hat“, erklärte der russische Historiker und Politiker Wjatscheslaw Nikonow dazu in einem Interview im Mai 2020. Er ist der Enkel des früheren sowjetischen Außenminister Wjatscheslaw Molotow, der 1939 den sowjetisch-deutschen Nichtangriffsvertrag unterschrieb.

„Das Problem war, dass England und Frankreich wollten, dass die Sowjetunion und Hitler-Deutschland gegeneinander kämpfen. Zu diesem Zweck haben sie alles getan. Es gab eine regelrechte Beschwichtigungspolitik gegenüber dem aggressiven Deutschland. Gleichzeitig erweckten sie den Anschein von Verhandlungen mit der Sowjetunion. Aber niemand wollte ein Abkommen mit uns schließen.“

Doch nicht nur England und Frankreich hatten ein großes Interesse an einem sowjetisch-deutschen Krieg. Werner Rügemer schrieb dazu in seinem Buch „Verhängnisvolle Freundschaft – Wie die USA Europa eroberten“ unter anderem, die US-Führung habe mit dem Münchener Abkommen die Hoffnung geteilt, „es werde zwischen Deutschland und Russland zu einem Krieg der gegenseitigen Vernichtung kommen“. Das habe damals der führende US-Stratege des 20. Jahrhunderts, Walter Lippmann, erklärt. Dass der Eroberungs- und Vernichtungskrieg gegen das Land im Osten von Beginn an zu den Plänen der deutschen Faschisten gehörte, war lange vorher bekannt. 

„In seinem Buch ‹Mein Kampf› (1. Band 1925) hatte Hitler, für jedermann zu lesen, die programmatische Erklärung abgegeben: ‚Der Kampf gegen die jüdische Weltbolschewisierung erfordert eine klare Einstellung zur Sowjetunion (…) Wir weisen den Blick nach dem Land im Osten (…) Wenn wir aber heute in Europa von neuem Grund und Boden reden, können wir in erster Linie nur an Russland denken.‘“ 

Das schrieb der Historiker Fritz Fischer 1992 in seinem Buch „Hitler war kein Betriebsunfall“. Der Überfall traf die Sowjetunion „umso härter, als die Moskauer Führung trotz zuverlässiger Warnungen von innen und außen bis zum letzten Tag auf dem fatalen Fehler beharrte, ihre Truppen im Westen davon abzuhalten, eine wirksame Verteidigung aufzubauen“, stellte der Historiker Dietrich Eichholtz 2011 fest.

Bittere Erkenntnisse

„Dass es zwischen uns und dem faschistischen Deutschland zum Krieg kommen würde, unterlag für mich nicht dem geringsten Zweifel“, erinnerte sich der sowjetische Schriftsteller und Kriegsberichterstatter Konstatin Simonow. Er ist bekannt unter anderem durch die Trilogie „Die Lebenden und die Toten“ über den Krieg. „Seit dem Jahr 33, seit Reichstagsbrand und Dimitroff-Prozess schien meiner Generation die Auseinandersetzung mit dem Faschismus unvermeidlich“, schrieb der 1915 Geborene in seinem letzten, 1979 verfassten Buch „Aus der Sicht meiner Generation – Gedanken über Stalin“, das 1988 erstmals erscheinen konnte und 1990 auf Deutsch veröffentlicht wurde. Auch der deutsch-sowjetische Nichtangriffsvertrag habe diese Gewissheit nicht beseitigen können, wenn er auch beruhigte: „Allerdings bestand die Meinung, bis dahin wär’s noch ziemlich weit, der Krieg zwischen Deutschland und Frankreich und England würde lange dauern, erst danach, irgendwann, würden wir mit dem Faschismus zusammenprallen.“ 

Das Buch enthält auch einen Text aus dem Jahr 1965, in dem sich Simonow über die Rolle Stalins im Krieg äußerte. Darin widerspricht er der Vorstellung, Stalin hätte nur auf die frühen Warnungen vor einem deutschen Angriff, unter anderem von Richard Sorge, hören müssen. Dann hätte der Überfall die Sowjetunion nicht so schwer getroffen und nicht zu den großen Anfangsverlusten geführt, meinen manche. Der Schriftsteller erinnerte an den Terror, der 1937/38 auch die Rote Armee erfasste und dem zahlreiche erfahrene Kommandeure zum Opfer fielen. „Ohne das Jahr 37 wären wir im Sommer 41 unstrittig in jeder Hinsicht stärker gewesen“, so Simonow. Selbst 1940 und 1941 habe der „Wahn der Verdächtigungen und Anschuldigungen“ angehalten.

Das habe dazu geführt, dass hochrangige Militärs verhaftet und ermordet wurden. Der offizielle Grund: Sie hätten den Gerüchten von angeblichen feindseligen Absichten Deutschlands Glauben geschenkt. Selbst der vorherige Generalstabschef und der Volkskommissar für Rüstung waren zu Kriegsbeginn in Haft, beschrieb Simonow das Klima in der Sowjetunion kurz vor dem faschistischen Überfall.

Der wurde in Moskau in den ersten Stunden als Provokation und nicht als Beginn des Krieges gesehen. Das schrieb Alexander Nekritsch in dem Buch „Genickschuss – Die Rote Armee am 22. Juni 1941“. In diesem setzte er sich 1965 mit den Gründen für die militärischen Misserfolge der sowjetischen Armee in der Anfangsphase des Krieges auseinander. Erst am Abend des Juni-Tages 1941 seien den eigenen Truppen Gegenschläge gegen die einfallende faschistische Wehrmacht befohlen worden. „Innerhalb von wenigen Stunden hatte das gesamte Leben der UdSSR abrupt eine neue Richtung erhalten“, schrieb Nekritsch über die Folgen des Kriegsbeginns. „Der Krieg war da, ein grausamer und schonungsloser Krieg.“ Viele hätten sich freiwillig zur Roten Armee gemeldet:„Der Wunsch aller fand in der lakonischen Schlagzeile der Prawda vom 23. Juni 1941 seinen Ausdruck: ‚Der Faschismus wird vernichtet werden.‘“

Westliche Interessen

Zur Wahrheit des 22. Juni 1941 gehört das Interesse der führenden Kräfte im Westen an dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion. Bevor sie später mit dem überfallenen Land die Anti-Hitler-Koalition bildeten, hofften sie, dass das auch mit ihrer Hilfe wieder aufgerüstete Deutschland als „Bollwerk gegen den Bolschewismus“ dient. Auf diese Rolle hatte bereits 1920 der US-amerikanische Ökonom und Soziologe Thorstein Veblen hingewiesen. In seiner 1920 veröffentlichten Rezension des Buches von John Maynard Keynes «Die ökonomischen Folgen des Friedens» über den Versailler Vertrag beschrieb Veblen klar, worum es bei dem Vertrag eigentlich ging: Nämlich „das reaktionäre Regime in Deutschland wiederherzustellen und es zu einem Bollwerk gegen den Bolschewismus zu machen“.

Die «zentrale und verbindlichste Bestimmung» des Vertrages und des Völkerbundes sei «eine uneingestandene Klausel» gewesen, „durch welche sich die Regierungen der Großmächte zur Unterdrückung Sowjetrusslands zusammentun“. Die Siegermächte des Ersten Weltkrieges hätten das seit 1917 kommunistische Russland als Bedrohung ihres eigenen grundlegenden Systems gesehen. Dieses funktionierte längst auf Grundlage der „Eigentümerschaft in Abwesenheit“, wie Veblen es nannte, was wir heute als Herrschaft des Finanzkapitals durch Aktien- und Fondsbesitz und andre Formen kennen.

Veblen machte darauf aufmerksam, dass die nach außen gegen Deutschland streng wirkende Vertragskonstruktion in Wirklichkeit von einer „bemerkenswerten Nachsicht“ bestimmt sei, „die auf eine Art von betrügerischer Nachlässigkeit hinausläuft“. Das hätten sich vor allem die britischen Vertreter in Versailles ausgedacht, mit dem Ziel, Deutschland nicht so sehr zu lähmen, „dass das kaiserliche Establischment in seinem Kampf gegen den Bolschewismus im Ausland oder den Radikalismus im Inland wesentlich geschwächt wird“. Die deutsche Oberschicht sollte verschont bleiben und das Elend der Kriegsfolgen nur die einfachen Deutschen treffen, erkannte Veblen. Der Zorn der Unterschicht sollte dann der Nährboden sein, auf dem die herrschenden Kreise in Deutschland im Sinne ihrer westlichen Gesinnungsgenossen ein reaktionäres, antibolschewistisches Regime errichten konnten. 

„In ihrem Bestreben, die bestehende politische und wirtschaftliche Ordnung zu sichern – die Welt für eine Demokratie der Investoren sicher zu machen – haben sich die Staatsmänner der Siegermächte auf die Seite der kriegsschuldigen deutschen abwesenden Eigentümer und gegen deren untergebene Bevölkerung gestellt.“

Zu diesem Urteil kam Veblen Jahre, bevor der Faschismus sich in Deutschland breit machte und 1933 an die Macht gehievt wurde. Danach zeigte sich der Westen gegenüber dem deutschen Faschismus weiterhin sehr nachsichtig und ließ ihm fast alles durchgehen: von der Besetzung des entmilitarisierten Rheinlandes 1936 über die Annexion der Tschechoslowakei 1938 bis hin zum Überfall auf Polen 1939. Das wird allgemein als Appeasement-Politik aufgrund wirtschaftlicher Interessen oder gar des Friedenswillens gedeutet, hatte aber handfeste ideologische Motive. 

Gemeinsamer Feind

Der Historiker und Gewerkschafter Peter Scherer schrieb dazu 1989 in seinem Buch „Freie Hand im Osten – Ursprünge und Perspektiven des Zweiten Weltkrieges“: „Nicht der Vertreter des deutschen Imperialismus wurde zwischen 1935 und 1938, ja bis 1940 hinein, von Großbritannien und Frankreich hofiert, sondern der Kommunistenfresser und Antibolschewik. Ihm hätten sie ganz Ost- und Südosteuropa ausgeliefert, wenn er sich nur auf diese Rolle des ‹Exterminators›, des politischen Kammerjägers und Massenmörders hätte beschränken lassen.“

Hitler sei der garantierte Krieg gegen Sowjetrussland, an dem auch die westlichen Mächte interessiert gewesen seien. Die russische Revolution 1917 habe anders als von ihren deutschen Finanziers gedacht, „innerhalb weniger Wochen ein Loch in die Landkarte des Imperialismus, das sich so schnell nicht mehr schließen sollte“, gebrannt. Das konnten sie Russland und später der Sowjetunion nie verzeihen. „Die imperialistische Welt sieht sich aus der Basis des europäischen Kontinents heraus in Frage gestellt“, so Scherer über die Folgen. 

„Es lag nahe, dieser Bedrohung im Maßstab ihrer geographischen Dimension entgegenzuarbeiten: im Osten mit Japan gegen die Revolution in China, im Westen mit Deutschland gegen die Sowjetunion.“

Scherer zitierte aus der US-Zeitung New York Herald Tribune vom 12. Oktober 1939, die kurz nach dem polnischen Zusammenbruch schrieb:  „Die Frage besteht nicht darin, wo die Grenzen Deutschlands, Polens oder der Tschechoslowakei verlaufen. Die Frage besteht darin, wo in Europa die Grenze gegen die Verbreitung des Bolschewismus verläuft.“

Der Autor erinnerte auch daran, dass die Westmächte selbst dann nicht Deutschland angriffen, als die faschistische Wehrmacht am 10. Mai 1940 ihren „Westfeldzug“ begann. Es habe nicht schon 1939 einen Zusammenbruch der Wehrmacht gegeben, weil „die rund 110 französischen und englischen Divisionen im Westen sich während des Polenfeldzuges gegenüber den 23 deutschen Divisionen völlig untätig verhielten“. Das bestätigte der ehemalige Chef des Wehrmachtsführungsamtes, Alfred Jodl, vor dem Internationalen Militärgerichtshof 1946 in Nürnberg.

Dafür hatten die Westmächte begonnen, Expeditionskorps gegen die Sowjetunion aufzustellen, die im sowjetisch-finnischen Winterkrieg 1939/40 in Narvik, Petsamo und Murmansk landen sollten. Ebenso wurde in London und Paris geplant, die sowjetischen Erdölgebiete von Baku und Batumi zu bombardieren. Es blieb bei den Plänen. Scherer machte auf die zunehmende Rolle des US-Kapitals hinter der britischen Politik aufmerksam und zitierte den US-Senator und späteren US-Präsidenten Harry Truman. Der hatte am 24. Juni 1941, zwei Tage nach dem faschistischen Überfall auf die Sowjetunion, gegenüber der Zeitung New York Times erklärt [1]:  „Sehen wir, dass Deutschland gewinnt, so müssen wir Russland helfen, wird aber Russland gewinnen, so müssen wir Deutschland helfen, und auf diese Weise sollen sich nur möglichst viele totschlagen.“

Antikommunistische Russophobie

Der Überfall am 22. Juni vor 85 Jahren war „keine spezifisch deutsche Aktion“, stellte Scherer klar. Briten, Franzosen, Tschechen, Japaner, Amerikaner und 1920 auch Polen hätten sich schon daran versucht, „das bedrohliche Loch zu stopfen“, welches das kommunistische Russland und dann die UdSSR „in die Landkarte des Imperialismus gerissen hatte“. Hitler habe als „ideeller Gesamtimperialist“ gehandelt, es aber nicht vermocht, „der imperialistischen Führungsmacht Großbritannien ihren Segen zu seinem Kreuzzug abzuringen“ – die auch das Interesse gehabt habe, dass der Konkurrent Deutschland geschwächt wird oder gar untergeht. Mit Blick auf das Verhalten der Westmächte schrieb Scherer:

„Die Zeit nach Barbarossa kam nicht und die Westmächte zogen es endgültig vor, den deutschen Konkurrenten mehr zu fürchten als den Bolschewismus, der ihnen auf Jahre hinaus ein nützlicher Verbündeter sein sollte.“

Zugleich gaben sie ihre antikommunistische Russophobie nicht auf: „Deutschland wurde nach Meinung der US-Regierung und ihres Emissärs Allan Dulles 1943 für ‚Ordnung und Wiederaufbau‘ hinter einem neuen antibolschewistischen ‹sanitären Riegel› vorgesehen.“

Einen wichtigen Beitrag zur Erinnerung an den deutschen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion hat unlängst der Historiker Jochen Hellbeck mit seinem Buch „Ein Krieg wie kein anderer“ geleistet (von Klaus von Raussendorf für die NachDenkSeiten rezensiert). Darin macht er ebenfalls darauf aufmerksam, dass es auch ein ideologischer Krieg gegen den „Weltfeind Nr. 1“ war, wie nicht nur die deutschen Faschisten die Sowjetunion sahen. Hellbeck will „der UdSSR den ihr gebührenden Platz in der Geschichtsschreibung des Zweiten Weltkriegs und des Kampfes gegen den Nationalsozialismus zurückgeben“. Die Sowjetunion habe „nicht nur als Versuchslabor für die deutsche Politik des Massenmordes“ fungiert. Sie sei „auch die entscheidende Staatsmacht, die das Dritte Reich besiegte,“ gewesen.

Hellbeck schreibt gegen den seit langem im Westen und insbesondere in der Bundesrepublik verbreiteten Geschichtsrevisionismus an. Diesen will er einer eigenen „Revision“ unterziehen, „und zwar nicht nur der Geographie der nationalsozialistischen Gewalt, sondern auch ihrer Chronologie“. Der Große Vaterländische Krieg der Sowjetunion werde nach wie vor nicht als der entscheidende Schauplatz des Krieges betrachtet. Der Autor macht auf die Ursache dafür aufmerksam: „Der Antikommunismus des Westens ist der Grund dafür, dass die Sowjetunion in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs eher als Täter denn als Opfer beschrieben wird.“ 

An diesem Punkt treffen sich wieder die Interessen der einstigen deutschen Faschisten und jener im Westen, die bis heute Russland im Visier haben. Wie einst Deutschland dient nun die Ukraine samt Faschisten als Bollwerk gegen das heutige, nicht mehr kommunistische Russland – bis zum letzten Ukrainer. Wenn auch der „Bolschewismus“ Geschichte ist, ist Russland immer noch der Feind: Weil es bis heute nicht bereit ist, sich einfach dem Westen unterzuordnen. Wie damals wird auch dieser Versuch scheitern, den aber viele Menschen auf beiden Seiten mit dem Leben bezahlen. Die Interessen dahinter sind die gleichen wie vor mehr als 100 Jahren beim Ersten Weltkrieg und vor mehr als 80 Jahren beim Zweiten Weltkrieg. (Hervorhebung durch die Redaktion.)

(Red. GlobalBridge) Um sich eine Vorstellung zu machen, mit welcher unmenschlichen Brutalität die deutschen Truppen in der Sowjetunion vorgegangen sind, empfehlen wir – nicht zum ersten Mal – den Film «Komm und sieh!», der hier mit deutschen Untertiteln angesehen werden kann. (cm)

[1] Turner Catledge, «Our Policy Stated», New York Times, June 24, 1941, pp. 1, 7

Erstveröffentlicht auf GlobalBridge v. 24.6. 2026
Faschistischer Vernichtungswahn …

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