Wer auf Atomwaffen setzt, setzt auf Massenmord!

Kundgebung für das weltweite Verbot der Atomwaffen am 9. 8 in Berlin

Vor 81 Jahren zerstörten die Atombombenabwürfe auf Japan zwei Städte und veränderten unzählige Leben für immer. Das Gedenken an die Opfer erinnert uns daran, warum eine Welt ohne Atomwaffen keine Utopie, sondern eine politische Notwendigkeit ist. Dies gilt insbesondere in einer Zeit, in der der Drang zu Atomwaffen einen neuen historischen Höhepunkt erreicht und das Leben auf der Erde existenziell bedroht. Aus diesem Anlass gab es am 9. August eine gemeinsame Aktion auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor, die von ICAN Deutschland initiiert war und an der ein sich außer der ICAN (https://www.icanw.de/) die Berliner Mahnwache für das weltweite Verbot der Atomwaffen (https://mahnwache-atomwaffenverbot.de/), die buddhistische Gemeinschaft Soka Gakkai (https://www.sokagakkai.de/) und die Initiative Streetaction4Peace (https://freeassange-berlin.de/streetaction4peace/index.htm) beteiligte. Der bewegendste Moment der Kundgebung war für mich der Vortrag eines Augenzeugenberichts über den Einsatz der Atombombe in Hiroshima durch die junge Japanerin Kaoru Maeno. Die Aktion war ein hoffungsstiftender Beitrag für die weitere Zusammenarbeit der Bewegung gegen den Krieg vor Ort und die Beendigung der atomaren Bedrohung.

Alle Bilder: Klaus Ihlau

Wir dokumentieren im Folgenden die Redebeiträge:

Sebastian Niemetz (ICAN Deutschland)

Am 9. August 1945 – heute vor genau 81 Jahren – explodierte eine Atombombe über der japanischen Stadt Nagasaki. Drei Tage zuvor hatte die US-Armee eine Atombombe über Hiroshima abgeworfen und damit ein neues Zeitalter der nuklearen Massenvernichtung eingeleitet. Die Explosionen rissen Abertausende Menschen in den Tod, verstümmelten und verseuchten noch viele mehr.

Allein bis Ende des Jahres 1945 erlagen über 200.000 Menschen ihren Verletzungen oder starben an der Strahlenkrankheit. Die Auswirkungen dieser nuklearen Gewalt ziehen sich über Generationen hinweg und sind noch heute zu spüren. Frauen und Kinder sind aus biologischen Gründen besonders betroffen von radioaktiver Strahlung.

Was ist geblieben nach der atomaren Zerstörung? Nach den weltweit über zweitausend durchgeführten Atomwaffentests? Unzählige Tote und Opfer, die bis heute unter den Folgen leiden. Ganze Landstriche die zerstört, verseucht und noch immer unbewohnbar sind.

Aber geblieben ist auch: Widerstand und Hoffnung.

Aus den Ruinen von Hiroshima und Nagasaki wuchs globale Solidarität und eine Bewegung, die für eine Welt frei von Atomwaffen kämpft. Am Anfang und an der Spitze dieser Bewegung stehen die Hibakusha, die Überlebenden.

Ja, wir gedenken heute den Opfern. Aber wir erinnern auch an die Überlebenden, die mit ihren Erzählungen das Unbeschreibliche vermitteln. Die die Realität nach einem Atomschlag kennen und seitdem mahnen: Das darf sich niemals wiederholen!

Den Hibakusha und der globalen Bewegung gegen Atomwaffen ist es zu verdanken, dass 2017 nach langem Kampf der Atomwaffenverbotsvertrag der Vereinten Nationen beschlossen wurde. Er ist der erste internationale Vertrag, der Atomwaffen umfassend verbietet und delegitimiert.

Dieses Abkommen ist ein Refugium in krisengebeutelten Zeiten, denn es spendet Sicherheit und Hoffnung. Bereits 100 Staaten sind dem Verbotsvertrag beigetreten – und es werden mehr. Für uns ist klar: Auch Deutschland wird dieses Abkommen unterzeichnen müssen. Denn Hiroshima und Nagasaki mahnen.

Ine Kayser (Berliner Mahnwache für das weltweite Verbot der Atomwaffen)

Liebe Anwesende, herzlich willkommen!

Ich spreche hier für die Mahnwache für ein weltweites Verbot der Atomwaffen. 

Wir stehen hier mit unserem großen Transparent an jedem 9. des Monats, am Tag des Atombombenabwurfs auf Nagasaki, verteilen Flugblätter und versuchen, mit den Menschen ins Gespräch über das Atomwaffenverbot zu kommen.

Ich sage erstmal ertwas ganz Persönliches – das Wissen um die schrecklichen Auswirkungen von Atomwaffen und die Gewissheit, dass wir dagegen vorgehen müssen, hat mich mein Leben lang begleitet. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass ich genauso alt bin wie die mörderischen Abwürfe der Atombomben auf Hiroschima und Nagasaki. Meine Mutter war eine politisch wache Frau und über sie haben mich die schrecklichen Bilder von Tod, andauerndem Leid und Zerstörung erreicht und erschüttert.

Jetzt, da sich nach einer Phase der Entspannung die Drohungen der Atommächte gegeneinander wieder enorm verschärfen und die Atomareale wieder gewaltig hochgerüstet werden, bekommen diese Bilder wieder eine erschreckende Aktualität. Und wir wissen, dass die jetzigen Atomwaffen um ein Vielfaches zerstörerischer sind.

Das macht Angst, besonders bei uns Älteren, die wir in Trümmern aufgewachsen sind.

Wir fragen uns im Zusammenhang mit unserer Mahnwache natürlich immer wieder, warum diese schreckliche Gefahrensituation nicht zu größerem Widerstand gegen die Politik unserer Regierungen führt, Widerstand dagegen, dass diese Regierungen die Eskalationsspirale immer höher schrauben. 

Warum gibt es so wenig Gegenaktionen?

Aus unseren Erfahrungen bei den Gesprächen ergeben sich unter anderem zwei Gründe.

Vor allem bei jüngeren Menschen wird die Gefahr oft einfach geleugnet oder heruntergespielt. Häufig ist es der Glaube, dass uns nichts passierern kann, weil wir die Stärkeren sind, der Glaube an die Abschreckung. 

Es wir ausgeblendet, dass außer durch direkten politischen Willen auch durch technische Fehler, durch menschliche Kurzschlussreaktionen oder durch eine sich verselbstständigende Eskalation, jetzt auch durch KI, die Gefahr einer atomaren Katastrophe sehr realistisch ist.

In dieser geglaubten Logik der Abschreckung müssen wir ständig versuchen, die stärkere, schnellere Seite zu sein, und das versuchen dann natürlich auch die anderen

Die Eskalationsspirale dreht sich immer schneller und das Risiko wird immer größer. Diesem Selbstbetrug, es gebe eine Sicherheit durch immer raffiniertere Atomwaffen, müssen wir mit Fakten und durch Aufkärung über die tatsächlichen Gefahren entgegentreten.

Eine andere Reaktion, die uns bei unseren Mahnwachen begegnet, und die ich sehr gut nachvollziehen kann, ist die aus Angst resultierende Verdrängung, weil die Gefahr einfach zu erschreckend ist.

Diese tiefsitzende Angst und daher Abwehr, das Schreckensszenario an sich heranzulassen, verhindert immer wieder, gemeinsam zu überlegen, welche Wege es gibt, der atomaren Bedrohung entgegenzutreten. Der Bedrohung von allem, was uns lieb ist, unser eigenes Leben, das Leben unserer Kinder und Enkel. 

Ich glaube einfach nicht, dass das alles den meisten Menschen egal ist. Wir müssen nur die Ansatzpunkte finden.

Wir alle wollen Sicherheit und wir versuchen zu vermitteln, dass es Sicherheit nur mit einem grundlegenden RICHTUNGSWECHSEL der Politik geben kann. Indem unser Land, gerade unser Land, dass zwei schreckliche Kriege zu verantworten hat, sich für Abrüstung, endlich für Verhandlungen einsetzt, die zu neuen internationalen Abrüstungsverträgen führen müssen.

Hier könnnen wir den Menschen im Gespräch einen Hoffnungsschimmer und eine Handlungsperspektive aufzeigen – dass wir gemeinsam versuchen, den gesellschaftlichen Druck aufzubauen, dass Deutschland dem ja auf UN-Ebene schon existierenden Verbot von Atomwaffen beitritt als Schritt, einem atomaren Inferno entgegenzutreten.

Gerald Seifert (Soka Gakkai)

Guten Abend!

Vielen Dank, dass ihr und sie alle heute Abend zu dieser Mahnwache anlässlich des Gedenkens der Opfer der Atombombenabwürfe von Horishima am 6.8.1945 und Nagasaki am 9.8.1945. 

Ich möchte mich bei ICAN und den Veranstalter*innen der Mahnwache Berlin bedanken, dass wir heute mit ihnen zusammen dieses Gedenken begehen. Ich möchte auch meinen tiefen Respekt vor ihrer kontinuierlichen Arbeit und Widmung zum Ausdruck bringen, jeden Neunten des Monats eine Mahnwache kontinuierlich abzuhalten.

Mein Name ist Gerald Seifert

Wie einige andere hier auch, bin ich Mitglied der buddhistischen Glaubensgemeinschaft der Soka Gakkai in Deutschland. 

Wir sind Teil einer weltweiten, gemeinschaftsbasierte buddhistische Vereinigung und Graswurzelbewegung zur Förderung von Frieden, Kultur und Erziehung, auf der Grundlage des Lotos-Sutra, dessen Basis das Glück jedes einzelnen Menschen und die Wertschätzung allen Lebens, der Respekt vor der Würde des Lebens ist. Wir glauben daran, dass jeder einzelne Mensch ein immens wertschaffendes Potenzial in sich trägt, das die Kraft besitzt, nicht nur positive Veränderung im eigenen Leben und der direkten Umgebung zu schaffen, sondern darüber hinaus auch Teil der Verwandlung des negativen Karmas der gesamten Menschheit ist.

Das Leben und seine Würde ist der wertvollste aller Schätze und muss unter allen Umständen immer weiter und immer neu wertgeschätzt, hochgehalten und verteidigt werden.

Als internationale Gemeinschaft – SGI, sind wir auch als NGO bei den vereinten Nationen vertreten und auch Bündnispartnerin von ICAN

Nicht erst seit der Deklaration für die Abschaffung von Atomwaffen des 2. Präsidenten der Soka Gakkai, Josei Toda, im Jahr 1957, sondern auch in ihrer Charta bezieht sich die Soka Gakkai ausdrücklich auf die die Abschaffung von Atomwaffen.

So hart es klingt – ist es doch pures Glück, dass es bisher zu keinem weiteren Atomwaffeneinsatz gekommen ist. 

Nicht Weisheit oder Vernunft haben uns davor geschützt – sondern Zufall. 

„Glück gehabt zu haben“ oder Zufall – ist aber keine verlässliche Strategie und schon gar kein Garant.

Solange Atomwaffen existieren, ist es keine Frage des „Ob“, sondern nur des „Wann“, dass sie erneut eingesetzt werden. Sei es durch einen Fehler, ein Missverständnis oder einen bewussten Angriff.

Eine Welt ohne Atomwaffen zu erschaffen ist ein komplexes Vorhaben – sicherlich. Aber es ist nicht utopisch. 

Es sind Menschen die diese Waffen erdenken und schaffen. Und deshalb können auch Menschen das verändern.

Daisaku Ikeda, der vor knapp drei Jahren verstorbene 3. Präsident unserer Glaubensgemeinschaft, brachte es mit folgenden Worten auf den Punkt:

Zitat: „Wenn wir die Ära des nuklearen Terrors hinter uns lassen wollen, müssen wir gegen den wahren ‚Feind‘ kämpfen. Dieser Feind ist weder die Atomwaffe an sich, noch sind es die Staaten, die sie besitzen oder entwickeln. Der wahre Feind, dem wir uns stellen müssen, sind die Denkweisen, die Atomwaffen rechtfertigen – die Bereitschaft, andere zu vernichten, wenn sie als Bedrohung oder Hindernis erscheinen.“ (Daisaku Ikeda, Peace Proposal 2010, Toward a world without nuclear weapons, https://www.daisakuikeda.org/assets/files/peace2010.pdf

Wir sind überzeugt, dass jeder Mensch die Fähigkeit in sich trägt, unbegrenztes Mitgefühl, Weisheit und Kreativität zu entwickeln, dass jeder Mensch dieses Potenzial besitzt und jederzeit öffnen– und dadurch aktiv zu einer friedvollen Veränderung beitragen, Hoffnung schaffen und Zuversicht schenken kann. Jeder einzelne Mensch ist unersetzlich wichtig bei diesem Vorhaben und kann Ausgangspunkt von großer Veränderung, im Sinne von Wertschaffung sein.

Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit!

Ich übergebe nun an Kaoru Maeno, die uns einen Augenzeugenbericht eines Überlebenden (Hibakusha) des Atombombenabwurfs auf HIroshima vortragen wird.

Kaoru Maeno

Mein Gedächtnisprotokoll des vorgetragenen Augenzeugenberichts von Shigeru Nonyama durch Karu Maeno

Shigeru Nonoyama – Hiroshima, 6. August 1945

Shigeru Nonoyama war 15 Jahre alt, als die Atombombe auf Hiroshima am 6.8.1945 fiel.  Er und sein Freund Hideaki waren damals beide zu Hause am Ufer des Flusses Tenma, im Delta der Stadt Hiroshima. 

Shigeru erzählte, dass er mit seinem Freund Hideaki am Fluss gewesen sei. Sie wollten schwimmen gehen. Nachdem der Fliegeralarm aufgehoben worden war, sprangen sie von einer Brücke ins Wasser. Plötzlich hörten sie Bomber. Shigeru tauchte unter – und genau in diesem Moment kam der grelle Lichtblitz.

Die Grundschule am Ufer sei auseinandergerissen worden, Menschen seien durch die Luft geschleudert worden. Das Wasser habe zu kochen begonnen. Der Druck sei so gewaltig gewesen, dass Shigeru sich unter Wasser kaum habe bewegen können. Er habe Sand und Wasser geschluckt.

Als er wieder auftauchte, sei die Sonne verschwunden gewesen. Es war stockdunkel. Er habe mitten im Fluss gestanden und überhaupt nicht verstanden, was geschehen war.

Als es wieder heller wurde, habe Shigeru beim Anblick seines Freundes Hideaki erkannt, wie schwer sie beide verletzt waren: verbrannte Haare, abgelöste Haut im Gesicht, an der Brust und an den Händen. Beide hätten schrecklich ausgesehen.

Am Ufer habe Shigeru seine Mutter gefunden. Sie war unverletzt. Seine eine Schwester hatte eine schwere offene Brustverletzung, die er notdürftig mit seiner Badehose verband. Seine andere Schwester hatte ein von Glassplittern zerfetztes Gesicht.

Überall seien Menschen aus den Trümmern gekommen und geflohen. Shigeru beschrieb Menschen mit verbrannter und abgelöster Haut, deformierten Körpern und schwersten Verletzungen. Er beschrieb, dass er die Menschen nicht mehr unterscheiden konnte. Die ganze Stadt sei ein einziges Chaos gewesen.

Besonders erschütternd sei eine Szene gewesen, als er dachte, er hätte in einer Zisterne eine Puppe gesehen, aber erkannte schnell, dass es ein totes Baby war.

Nach etwa einem Kilometer habe Shigeru nicht mehr weiterlaufen können. Seine Mutter habe ihn in einem Kartoffelfeld abgelegt. Dann habe es angefangen, große schwarze Tropfen zu regnen. Der Regen sei so stark gewesen, dass er bald fast vollständig im Wasser gelegen habe.

Sein Freund Hideaki starb an diesem Tag.

Auch danach sei das Sterben weitergegangen. Seine Schwester starb am 15. August. Andere Angehörige folgten. Bei seiner anderen Schwester seien Tage später plötzlich rote Flecken aufgetreten; sie habe über eine längere Zeit Unmengen Blut erbrochen. Trotzdem habe sie wie durch ein Wunder überlebt.

Shigeru selbst habe drei Monate zwischen Leben und Tod geschwebt. Seine Verbrennungen eiterten, Fliegen setzten sich auf die Wunden, später kamen Maden aus den Wunden. Seine Mutter habe ihn Tag und Nacht gepflegt und eine einfache Salbe aus Strohasche und Speiseöl hergestellt.

Damals habe niemand gewusst, was Radioaktivität bewirken konnte.

Menschen, die später nach Hiroshima kamen, um Angehörige zu suchen, seien krank geworden: Fieber, rote Flecken, Haarausfall, Blutungen. Viele starben, ohne zu wissen, woran. Die Toten seien auf den Reisfeldern verbrannt worden. Der Gestank verbrannter Körper habe über der ganzen Stadt gelegen.

Viele Jahre später heiratete Shigeru eine andere Hibakusha, Kimie. Auch sie hatte, wie viele Hibakusha gesellschaftliche Ächtung erleben müssen. Ihr ursprünglicher Verlobter sagte sich los von ihr aus Angst davor, eine Überlebende von Hiroshima zu heiraten. Shigeru und seine Frau Kimie bekamen trotzdem Kinder und alle waren gesund. Später wurden sie auch Großeltern.

Am Ende sprach Shigeru über seine fünf Enkel. Wenn er an sie denke, müsse er auch an seinen Freund Hideaki denken, erklärte er.

Seine Botschaft sei deshalb ganz einfach:

Niemand verdient es, von einer solchen Waffe getroffen zu werden.

Er wünsche sich eine Welt, in der Kinder und Enkelkinder immer lachen können.

Die Menschheit braucht keine Atombomben.

Erstveröffentlicht von der Berliner Mahnwache für das weltweite Verbot der Atomwaffen
Wer auf Atomwaffen setzt, setzt auf Massenmord

Wir danken für das Publikationsrecht.

Brandbrief an Merz: Siemens und Co. fordern schnelleren Sozialabbau auf unsere Kosten

Höchstarbeitszeit abschaffen, Sozialleistungen kürzen, Rente antasten – das fordern Bosse aus der Industrie in einem Brandbrief an die Regierung. Und die stimmt begeistert zu, während die Gewinne der Konzerne weiter sprudeln. – Ein Kommentar von Thomas Mercy.

Titelbild: Sozialstaat verteidigen. Rainer Engels. R-mediabase

„Versprechen einlösen: Jetzt handeln!“ – unter diesem Motto versandten 17 Wirtschaftsverbände und Vertreter:innen großer bayerischer und baden-württembergischer Unternehmen einen Brandbrief an die Bundesregierung, in dem sie einen schnelleren Sozialabbau in Deutschland fordern. Als Begründung wird angegeben, dass die hohen Energiekosten, ein sich wandelndes wirtschaftliches Umfeld und der internationale Wettbewerb viele Betriebe spürbar belasten würden.

Die Forderung: Arbeitszeit erhöhen, Lebensstandard senken

Sie fordern vor allem, dass die „Arbeitskosten“ gesenkt werden und die angeblich so veraltete Grenze der Höchstarbeitszeit von 10 Stunden am Tag abgeschafft werden soll. Ersteres soll gelingen, indem der Anteil der Sozialbeiträge an den Arbeitskosten von aktuell 42 Prozent nur noch 40 Prozent beträgt. Um das zu ermöglichen, müssten dann auch die Sozialleistungen noch weiter gestrichen werden. In dem Brief werden deshalb auch „echte Strukturreformen in allen Zweigen der Sozialversicherung, die an der Kostenseite ansetzen“ gefordert. Damit wollen sie die „Arbeitskosten am Standort Deutschland wieder auf ein Niveau senken, das im internationalen Vergleich wettbewerbsfähig ist“.

Unter anderem wird sich deshalb auch gegen die Abschaffung der sogenannten Blocklösung bei der Altersteilzeit ausgesprochen: Hierbei arbeiten die Beschäftigten in einem gewissen Alter zum Beispiel drei Jahre Vollzeit für die Hälfte ihres Lohns, um dann von ihrem Betrieb drei Jahre früher freigestellt werden zu können, aber weiterhin den halben Lohn ausgezahlt bekommen. Viele Konzerne benutzen dieses Modell gern, um Arbeiter:innen für die Hälfte des Lohns arbeiten zu lassen und gleichzeitig schneller Jobs abbauen zu können.

Wirtschaft erzielt immer noch Milliardengewinne

Neben Siemens befinden sich unter den Unterzeichnenden des Briefs einige Vertreter:innen der Automobilbranche mit Unternehmen wie Audi, BMW, Porsche sowie dem Zulieferer ZF. Darüber hinaus sind es aber auch Konzerne wie Siemens und die Spitzen der Metall-Kapitalverbände von Baden-Württemberg und Bayern.

Dass die Automobilbranche an den Reformen ein besonders großes Interesse hat, wundert nicht. Immerhin wird sie nicht müde zu erzählen, wie schwer sie es gerade hat, und droht dabei auch mit Massenentlassungen und Werksschließungen.

Dass die Automobilbranche weniger Gewinn macht als noch letztes Jahr oder vor ein paar Jahren, stimmt ebenfalls. Trotzdem werden immer noch regelmäßig Milliardengewinne eingefahren: So erzielte BMW im ersten Halbjahr 2026 zum Beispiel immer noch einen Nettogewinn von 2,87 Milliarden Euro. Das sind zwar 28,5 Prozent weniger als im Vorjahr, ist jedoch trotzdem eine riesige Summe an Geld. VW und Porsche machten sogar mit 5,9 Milliarden und 1,35 Milliarden Euro gar keinen Verlust, konnten aber ihren Gewinn auch nicht groß steigern. Die Krise der Automobilbranche besteht also (noch) nicht darin, gar nicht mehr profitabel oder existenzfähig zu sein, sondern nur darin, dass ihr Profit den Konzernchefs nicht genügt.

Insgesamt verzeichnen die DAX-Unternehmen, Deutschlands größte Börsenkonzerne, im zweiten Quartal gar Rekordgewinne: sie konnten ihren Betriebsgewinn vor Zinsen und Steuern im Vergleich zum Vorjahreszeitraum insgesamt um rund 7 Milliarden Euro auf 52,6 Milliarden Euro erhöhen.

Wirtschaft und Regierung sind auf einer Seite

Dass die Regierung gar kein Problem mit den geforderten Maßnahmen der Großunternehmen hat, zeigt sich allein schon daran, dass auch ohne den Brandbrief in den letzten Monaten bereits die schärfsten und breitesten Einschnitte in den Sozialstaat seit der Agenda 2010 geplant und beschlossen wurden.

Im Gesundheitswesen wurden etliche Sparmaßnahmen für die gesetzliche Krankenversicherung beschlossen, die Leistungseinschränkungen und höhere Eigenbeteiligungen für gesetzlich Versicherte zur Folge haben. Ebenso steigt die Belastung für Arbeiter:innen im Gesundheitsbereich, da Kliniken die steigenden Personalkosten nicht mehr vollständig erstattet bekommen. Die Regierung hat sich zudem auf ein 34-Punkte-Reformpaket geeinigt, das unter anderem die Attestpflicht ab Tag eins und längere sachgrundlose Befristungen vorsieht.

Im kommenden Herbst wird die Axt dann bei der Renten- und Pflegeversicherung, dem 8-Stunden-Tag und diversen anderen sozialen Leistungen wie Elterngeld, Wohngeld und Unterhaltsleistungen angesetzt. Weil das der Autoindustrie aber nicht schnell genug geht, hat Kanzleramtsleiterin Nina Warken (CDU) diese im ZDF-Morgenmagazin am Freitag noch einmal beschwichtigt, dass es ja zwischen Regierung und Kapitalseite keinen Dissens gäbe. Auch sie sei der Meinung, dass, obwohl bereits viel angestoßen wurde, noch „großer Handlungsbedarf“ bestehe.

Widerstand organisieren!

Im Endeffekt sind sich Regierung und Unternehmer:innen also einig – auch wenn sich die Konzernchefs wohl gefreut hätten, würde der Bundestag früher aus der Sommerpause zurückkehren. Uns Arbeiter:innen soll es schlechter gehen, damit das Bruttoinlandsprodukt und Privatkonto der Oberschicht mehr Geldzufluss bekommen. Wir sollen länger arbeiten für weniger Lohn, während unsere Sozialleistungen weiter dezimiert werden.

Und das, obwohl wir diejenigen sind, die Krankenhäuser, Schulen und Praxen am Laufen halten, welche die Autos zusammenschrauben, die Softwares entwickeln oder die Kunden betreuen. Die an der Supermarktkasse sitzen, Lieferräder fahren oder die Flure wischen. Und trotzdem bekommen wir nur einen Bruchteil von dem, das wir erarbeiten, als Lohn ausgezahlt – und jetzt soll sogar noch unsere Rente und das bisschen Freizeit, das wir noch haben, dran glauben?

Anstatt also zu hoffen, dass diejenigen, die dafür sorgen, dass es uns immer schlechter geht, irgendwann einmal das Gegenteil machen werden, müssen wir selbst aktiv werden. Das heißt, den Reformen und Konzernriegen den Kampf anzusagen, im Betrieb und auf der Straße, statt diese still über uns ergehen zu lassen. Statt uns also für das Interesse der Profitmaximierung aufreiben zu lassen, müssen wir uns klar dagegen stellen und für unser Recht auf ein besseres Leben kämpfen.

Thomas Mercy

Thomas Mercy

Erstveröffentlicht auf perspektive online
Brandbrief …

Wir danken für den in CC gesetzten Beitrag.

Nicht zum Nulltarif

Finanzbedarfe einer umfassenden Verkehrswende und Ansätze der Gegenfinanzierung

4. September 2026, 18:00 – 19:30 Uhr, Haus der IG Metall, Alte Jakobstraße 149, 10969 Berlin

Titelbild: Screenshot BVG-Info

Viele Konzepte für eine gerechte Mobilitätswende scheitern nicht nur am mangelnden politischen Willen und unterbesetzten Planungs- und Verwaltungskapazitäten, sondern vor allem an der Finanzierung. Eine gerechte Mobilitätswende ist nicht zum Nulltarif zu haben.

Der Ausbau des Nah- und Schienenverkehrs, gute Arbeitsbedingungen, bezahlbare Fahrpreise (bis hin zum Nulltarif im ÖPNV) sowie neue Produktionskapazitäten brauchen erhebliche Investitionen und finanzielle Mittel. Wer eine gerechte Mobilitätswende will, muss daher viel stärker auch die Frage der Umverteilung oder besser gesagt, des „Rückverteilens“ stellen.

Doch, wie hoch ist eigentlich der Finanzierungsbedarf? Und wie könnten diese Mittel aufgebracht werden – und durch wen? Die hier vorliegende Studie klärt Finanzbedarfe einer umfassenden Verkehrswende und entwirft Ansätze einer möglichen Gegenfinanzierung.

Es gilt Machtressourcen praktisch zu bündeln, von Gewerkschaften wie Ver.di, EVG und die IG Metall, ebenso wie Umweltbewegungen wie BUND oder Fridays for Future, den Paritätischen Gesamtverband, linke Parteien und Bewegungen etc. Trotz bestehender Differenzen, kann die Finanzierungsfrage viel Gemeinsamkeit stiften. Wir diskutieren, inwiefern die vorliegende Studie dafür gute Argumente liefert, für eine gemeinsame sozial-ökologische (Klassen-)Praxis.

Vorstellung der gleichnamigen Studie von Hendrik Sander und Carl Waßmuth, im Auftrag der Rosa-Luxemburg-Stiftung, vorgestellt von Hendrik Sander.

Mit Kommentaren von Andreas Schackert (Bundesfachgruppenleiter Busse verdi) und Benjamin Hoff (Leiter IG Metall Grundsatzabteilung), Moderation: Nina Schlosser (Rosa-Luxemburg-Stiftung)

Quelle: rosa-Luxemburg-Stiftung
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