Die Linke als Klassenpartei

Die Turbulenzen um die Rolle der Linken bei der Wahl von Friedrich Merz zum Bundeskanzler diese Woche haben zu heftigen kontroversen Debatten in der linken Bewegung geführt. Wir berichteten. Hier ein weiterer wertvoller Grundsatzbeitrag zum Diskurs, welchen Kurs die Partei die Linke einschlagen soll. Der Beitrag bewertet den Leitantrag, der auf dem Parteitag Ende der Woche zur Beschlussfassung vorliegt. Aus meiner Sicht wären bei der Kritik 3 Punkte zur Kennzeichnug der imperialen Klasseninteressen in der aktuellen Situation stärker hervorzuheben. Erstens strebt das deutsche Kapital an, europäische Führungsmacht zu werden. Zweitens strebt das deutsche Kapital an, mittels einer europäischen Großmachtpolitik seine geopolitischen Interessen mit der erforderlichen Abgressivität zur Geltung bringen zu können. Drittens wird dazu ein militärisch industrieller Komplex aufgebaut, dessen Interessen in Zukunft zunehmend bedient werden müssen. (Peter Vlatten)

Was bedeutet dieser Anspruch und wie ihm gerecht werden?

Die Linke hat die Nahtod-Erfahrung überlebt. Sie hat im Februar nicht nur den Wiedereinzug in den Bundestag geschafft, sondern vor allem einen Zustrom zehntausender Mitglieder. Überall entstehen neue Strukturen der Partei, überall wollen neue Mitglieder aktiv werden, um den Vormarsch der AfD, die Militarisierung der Gesellschaft und die zu erwartenden Angriffe der Merz-Klingbeil-Regierung auf die Lohnabhängigen und sozial Benachteiligten zu stoppen. Das ist eine riesige Chance.

Von Sascha Staničić, Sol-Bundessprecher und Linke-Mitglied, SOL 7. Mai 2025

Es weht ein frischer Wind in der Linken und die vielen tausend Neumitglieder mischen die Partei hoffentlich gehörig auf. Jedoch haben die letzten Wochen auch gezeigt, dass die Lehren aus der Existenzkrise, in die Die Linke geraten war, noch nicht gezogen wurden und die Gefahr besteht, dass die Fehler der Vergangenheit wiederholt werden.

Was bedeutet Klassenpartei?

Der dem im Mai stattfindenden Bundesparteitag vorliegende Leitantrag erhebt den Anspruch, Die Linke zu einer Klassenpartei zu machen. Das ist ein großer Fortschritt im Vergleich zu Debatten der Vergangenheit, wo die Kategorie Klasse entweder in Frage gestellt wurde oder aber nicht als die zentrale Kategorie für Sozialist*innen betrachtet wurde. Doch welche Schlussfolgerungen sollten sich aus diesem Anspruch ergeben?

Klasse gegen Klasse

Partei einer Klasse zu sein bedeutet, anzuerkennen, dass die Interessen der Klasse, die man vertreten möchte, nur im Kampf gegen eine andere Klasse durchgesetzt werden können, bedeutet also den Klassenkampf anzuerkennen. Im Klassenkampf muss die arbeitende Klasse eine selbständige Position einnehmen. Sie braucht von der herrschenden, kapitalistischen Klasse und ihren staatlichen Institutionen unabhängige Organisationen und eine davon unabhängige politische Programmatik. Das geht darüber hinaus, dass man in der Frage von Löhnen und Arbeitsbedingungen für möglichst gute Standards eintritt. Es geht darum, in allen gesellschaftlichen Fragen die Klasseninteressen zu formulieren und zu vertreten.

Der Leitantrag, der zum Chemnitzer Parteitag vorliegt, wird dem in vielen Punkten nicht gerecht, auch wenn er im Vergleich zu ähnlichen Papieren der Vergangenheit einen Schritt in die richtige Richtung darstellt.

Eigentumsfrage

Klassenpolitik bedeutet also, die Herrschaft einer Klasse über eine andere Klasse zu überwinden. Folglich sollte sie die Quelle dieser Herrschaft aufdecken und einen Weg aufzeigen, diese versiegen zu lassen. Die Quelle der Macht der kapitalistischen Klasse ist ihr Eigentum an Produktionsmitteln. Der Leitantrag wirft die Eigentumsfrage jedoch so gut wie gar nicht auf. Weder angesichts des Arbeitsplatzabbaus in der Industrie, noch hinsichtlich der nötigen Umstellung der Produktion auf eine nachhaltige Produktionsweise und ebensolche Güter, noch hinsichtlich der Macht der privaten Banken und Finanzinstitute wird die Frage der Überführung in öffentliches Eigentum aufgeworfen. Nicht einmal die von „Deutsche Wohnen und Co. enteignen“ popularisierte Forderung nach der Enteignung großer Immobilienunternehmen hat es in den Leitantrag geschafft, offenbar will die Führung der Linkspartei sich hier auf die Forderung nach einem Mietendeckel beschränken. 

Regierungsbeteiligung

Eine unabhängige Klassenposition wird konterkariert, wenn man in Regierungsbündnisse mit prokapitalistischen Parteien eintritt und mit diesen gemeinsam dann die kapitalistischen Verhältnisse verwaltet. Die Linke hat eine lange und traurige Geschichte solcher Regierungsbündnisse mit SPD und Grünen. Sie haben überall dazu geführt, dass sie sich an Maßnahmen gegen die Arbeiter*innenklasse beteiligt und viel Unterstützung verloren hat. Zuletzt haben die Vertreter*innen der Linken in den Landesregierungen von Bremen und Mecklenburg-Vorpommern im Bundesrat für die Aufhebung der Schuldenbremse zur grenzenlosen Finanzierung der Aufrüstung der Bundeswehr, aber in den Monaten zuvor auch für Waffenlieferungen an die Ukraine und, im Fall von Mecklenburg-Vorpommern, auch für das so genannte Sicherheitspaket der Bundesregierung gestimmt. In Bremen hat Die Linke Haushaltskürzungen zugestimmt. Dies wird im Leitantrag nicht kritisiert.  Regierungsbündnisse mit prokapitalistischen Parteien werden stattdessen aber in einem Nebensatz als Selbstverständlichkeit abgehandelt. Das bedeutet, dass aus den vergangenen Krisen der Linken nicht die nötigen Lehren gezogen wurden und die Gefahr besteht, dass diese sich wiederholen werden. Jetzt schon wird in der Berliner Linken darüber diskutiert, im kommenden Jahr wieder eine Koalition mit SPD und/oder Grünen im Berliner Senat (die dortige Landesregierung) zu bilden – doch selbst wenn Die Linke als stärkste Kraft eine solche Regierungskoalition bilden würde, ändert das nichts daran, dass dort nur prokapitalistische Politik umsetzbar wäre (wie Thüringen zeigt)

Sozialismus

Die Klassenherrschaft überwinden zu wollen, bedeutet für die Überwindung des Kapitalismus und die Einführung einer sozialistischen Demokratie einzutreten. Auch wenn Die Linke sich als sozialistische Partei bezeichnet, sucht man den Begriff „Sozialismus“ im Leitantrag vergeblich. Stattdessen wird als Zielsetzung „Verteidigung des Sozialstaates und in die Wirtschaft eingreifenden Staates“ benannt. Das schürt die Illusion, man könne ohne eine Überwindung der kapitalistischen Profitwirtschaft, die sozialen und ökonomischen Missstände überwinden. 

Fazit

Die Linke hat aufgrund des Mitgliederzustroms eine große Chance, einen Beitrag zur Bildung einer sozialistischen Massenpartei von Arbeiter*innen und Jugendlichen zu leisten. Sol-Mitglieder beteiligen sich solidarisch und konstruktiv am Aufbau der Partei. Wir wollen gleichzeitig einen Beitrag zur selbstkritischen Aufarbeitung der Krisen der Vergangenheit leisten und treten für einen Kurswechsel in Richtung einer tatsächlich sozialistischen Klassenpartei ein. 

Titelbild: CC BY 2.0, Die Linke via Flickr

Frauen im antikolonialen und antifaschistischen Widerstand in Südostasien

Veranstaltung mit Agnes Khoo, Internationalistin und Anti-Kriegs-Aktivistin aus Singapur und China

Freitag * 23. Mai 2025 * 19:30 Uhr * Kiezraum Dragonerareal * Mehringdamm * Berlin

Agnes Khoo ist Soziologin und lehrt derzeit an der Shenzhen Technology University in China. Aufgewachsen in Singapur, hat sie viele Jahre zum Unabhängigkeitskampf gegen den britischen Kolonialismus und dem Widerstand gegen den japanischen Faschismus geforscht. Wir wollen mit Agnes Khoo über die Rolle von Frauen in Asien im weltweiten Kampf gegen den Imperialismus sprechen.

2004 publizierte Agnes Khoo ein Oral-History-Buch mit Stimmen von Frauen, die in der antikolonialen Guerilla gekämpft haben und das seither in mehreren Auflagen und Sprachen veröffentlicht wurde. Es sind Frauen, die gegen Krieg und Kapitalismus für eine befreite, emanzipierte Gesellschaft gekämpft haben. Es ist die bislang einzige Monografie über den Widerstand von zumeist vergessenen Kämpfer*innen gegen den britischen und japanischen Imperialismus in Malaysia und Singapur. Im Vorwort ihres Buches »Life as the River flows – Women in the Malayan anti-colonial struggle« schreibt sie, dass wir die Geschichte nicht der bürgerlichen Hegemonie überlassen dürfen. Dass wir Frauen als kämpfende Subjekte und Teil der Geschichte sichtbar machen müssen. Die Geschichte diene als Orientierung für unsere eigene Praxis. Ohne diese Geschichte lasse sich die Gegenwart nicht verstehen und könnten wir nicht erkennen, wie wir unsere Zukunft erschaffen können.

»Eine Möglichkeit, meinen Überzeugungen treu zu bleiben, ist die Übersetzung von Geschichten historischer und aktueller Kämpfer*innen, die für Freiheit und Gerechtigkeit eingetreten sind. Sie erinnern mich daran, dass es Zeiten gab, in denen der Internationalismus über den Ethno-Nationalismus triumphierte.«

Eingeladen wurde Agnes Khoo aus Anlass des 80. Jahrestages der Befreiung vom deutschen Faschismus. Sie macht eine Rundreise durch verschiedene Städte und wir freuen uns, sie auch in Berlin begrüßen zu dürfen. Denn die militärische Eskalation unter den imperialistischen Mächten ist in vollem Gange. Wird Südostasien das nächste Zentrum im globalen Kriegsgeschehen? Was können wir von den revolutionären Kämpfer*innen lernen? Welchen Platz nimmt Feminismus im antimilitaristischen Kampf ein?

Wir sind gespannt, Agnes Khoo als Anti-Kriegs-Aktivistin aus Südostasien zu ihrer Perspektive zu befragen.

Ausgerichtet von Rheinmetall Entwaffnen Berlin

Link zum Veranstalter:
https://rheinmetallentwaffnen.noblogs.org/post/2025/05/06/veranstaltung-am-23-mai-in-berlin-frauen-im-antikolonialen-und-antifaschistischen-widerstand-in-suedostasien/

Die Selbstbefreiung

Vor 80 Jahren erhoben sich die Häftlinge von Buchenwald gegen ihre Peiniger

An diesem Wochenende wird in der Gedenkstätte Buchenwald an das Ende der Schreckensherrschaft der SS in diesem einst größten Konzentrationslager auf deutschem Boden erinnert.

Von Ulrich Schneider

Bild: DIE LINKE Thüringen

Im März 1945 drohte das Stammlager Buchenwald aus allen Nähten zu platzen. Hierher waren vor allem aus Auschwitz, aber auch aus anderen Konzentrations- und Vernichtungslagern im Osten angesichts des Vormarsches der Roten Armee Tausende Häftlinge aller Nationen getrieben worden. Doch nunmehr näherten sich auch dem Lager auf dem Ettersberg bei Weimar alliierte Streitkräfte.

Nach Sachsenhausen, errichtet 1936, wurde es als zentrales Konzentrationslager 1937 für die Mitte des Deutschen Reiches errichtet. Es folgten Flossenbürg und Mauthausen (1938) sowie das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück (1939). Buchenwald war mit zahlreichen Außenlagern auch das größte. Zunächst diente es der längerfristigen Ausschaltung innenpolitischer Gegner, Anhänger der Arbeiterparteien und Gewerkschaften, linker Intellektueller und christlicher Nazi-Gegner, in Vorbereitung auf den geplanten Krieg. Aus der Sicht der Nazis war der Erste Weltkrieg durch die Unruhen an der Heimatfront verloren worden (»Dolchstoßlegende«). Das sollte nicht noch einmal passieren.

Gleichzeitig ging es um eine Normierung der faschistischen »Volksgemeinschaft«. Dazu sollten »volksschädliche Elemente«, wie es in der Nazi-Diktion hieß, interniert werden. Neben den politischen Gegnern gehörten zu den »Volksfeinden« auch sogenannte Arbeitsscheue, Menschen, die sich nicht in das System der militarisierten Arbeit einzwängen ließen. »Fahrende«, aber auch sesshaft gewordene Sinti und Roma, wurden darunter ebenso gefasst. Auch »befristete Vorbeugehäftlinge«, im Nazi-Jargon »Berufsverbrecher«, gehörten zu den ersten Häftlingen.

Die Errichtung des Lagers begann am 15. Juli 1937. Auf dem circa neun Kilometer von der Klassikerstadt Weimar entfernten Ettersberg, der damals noch unberührtes Waldgelände war, traf das erste Vorkommando von 149 Häftlingen ein, unter ihnen 52 politische aus dem KZ Sachsenhausen. Es folgten in den nächsten Tagen Häftlinge aus den sogenannten wilden provisorischen KZ Sachsenburg und Lichtenburg, die später aufgelöst wurden. Die Überlebenden dieser Aufbauphase berichteten in ihren Erinnerungen, sie mussten in täglich 14- bis 16-stündiger schwerster körperlicher Arbeit, unter ständiger Lebensgefahr durch Knüppel schwingende, tretende und schießende SS-Leute in kaum zwei Jahren Häftlingsbaracken und SS-Unterkünfte, Verwaltungsgebäude und Villen für die höheren SS-Offiziere errichten, ohne technische Hilfsmittel. Mit der Picke wurden die Steine gebrochen und auf den Schultern im Laufschritt an die Stelle getragen, an der sie gebraucht wurden. Auch die vielen gefällten Bäume wurden nicht mit Lastwagen fortgefahren, sondern mussten auf Schultern weggeschleppt werden.

Schon vor Beginn des Krieges befanden sich in Buchenwald die ersten ausländischen Häftlinge. Es waren politische und jüdische Häftlinge aus Österreich, eingeliefert im Frühjahr 1938 nach dem »Anschluss« des südlichen Nachbarlandes, und aus den nach dem Münchener Abkommen besetzten tschechischen Gebieten. Mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 kamen Häftlinge aus allen vom deutschen Faschismus okkupierten Ländern in das Lager auf dem Ettersberg.

Das KZ-System war ein riesiger bürokratischer Apparat. Täglich wurde gezählt, die Häftlingsschreibstube musste Listen über Listen ausfüllen: Transportlisten, Belegstärke, Zu- und Abgänge. Bei ihrer Einweisung erhielten die Häftlinge eine Nummer, die nicht wie in Auschwitz auf dem Unterarm eintätowiert wurde, sondern deutlich sichtbar auf der Häftlingskleidung getragen werden musste. Zudem gab es farbige Winkel. Der – heute noch als Symbol populäre – rote Winkel kennzeichnete politische Gegner des NS-Regimes, Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter, aber auch bürgerliche Antifaschisten, mitunter auch Wehrmachts- oder NSDAP-Angehörige, die als »Meckerer«, »Schwarzhörer« oder »Devisenschieber« angeklagt waren. Alle Häftlinge aus den verschiedenen überfallenen Ländern erhielten ebenfalls einen roten Winkel mit Länderkennung, zum Beispiel F für Frankreich.

In der Aufbauphase bildeten die Träger grüner Winkel, wegen krimineller Delikte verdächtigte und verurteilte Häftlinge, eine recht große Gruppe. Aus der Sicht der Politischen handelte es sich bei ihnen häufig um problematische Mithäftlinge, da viele von ihnen sich von der SS als eine Art verlängerter Arm oder als Spitzel missbrauchen ließen. Tatsächlich stellten sich nicht wenige von ihnen gegen Ende des Krieges den SS-Verbänden, insbesondere der SS-Division Dirlewanger, zur Verfügung, um aus dem Lager entlassen zu werden. Es gab unter ihnen aber durchaus auch aufrechte Antifaschisten und verlässliche Mitstreiter für die politischen Häftlinge in dem alsbald sich im Lager formierenden illegalen Widerstand.

Ebenfalls differenzierter als die SS-Zuordnung vermuten lässt, verhielt es sich mit den Trägern der schwarzen Winkel. Die SS bezeichnete sie pauschal als »Asoziale«, was jedoch nur bedeutete, dass sich diese Menschen aus der Sicht des NS-Regimes nicht den Regeln der »Volksgemeinschaft« unterwarfen. Dazu gehörten »Jahrmarktsmenschen« und »Arbeitsscheue«. Häftlinge, die wegen ihrer Homosexualität verurteilt waren, erhielten einen rosa Winkel.

Neben den sowjetischen Häftlingen stellten über die gesamte Zeit der Existenz des KZ Buchenwald Juden die zahlenmäßig größte Häftlingsgruppe, auch wenn dies in der Erinnerung Ehemaliger und in der Literatur so nicht präsent ist. Ihre Zahl war auch deshalb so hoch, weil die SS viele Häftlinge mit einer »Doppelidentität« versah, indem ihrem jeweiligen Winkel, der den Haftgrund und das Land offenbarte, noch ein gelber Winkel beigefügt wurde, wenn sie gemäß der faschistischen Rassenideologie als »Jude« angesehen wurden. Diese trugen deshalb neben dem farbigen Winkel noch einen gelben Winkel, der über Kreuz mit dem anderen vernäht war, sodass optisch daraus der sechseckige Stern entstand.

Einer dieser Häftlinge war Emil Carlebach aus Frankfurt am Main, der zunächst ins KZ Dachau, später nach Buchenwald kam. Er verstand sich als Kommunist, dem die jüdische Identität von den Nazis zugeschrieben wurde. Ähnlich sah es offensichtlich auch die SS im Lager, die ihn – trotz einer Anweisung, dass Juden keine Häftlingsfunktionen übernehmen durften – zum Blockältesten des »Judenblocks« 26 machte. Eine große Zahl jüdischer Häftlinge erreichte Buchenwald mit den »Evakuierungstransporten« und Todesmärschen aus den Vernichtungslagern im Osten Ende 1944/Anfang 1945.

Sinti und Roma unterlagen einer besonders grausamen Behandlung durch die SS. Ihnen wurden die schwersten körperlichen Arbeiten aufgebürdet. Zudem wurden sie von der Rassenhygienischen Forschungsstelle des Reichsgesundheitsamtes für angebliche wissenschaftliche Studien missbraucht. Etwa 3500 Sinti und Roma waren in Buchenwald interniert, mindestens 400 von ihnen wurden hier umgebracht.

In ihrer Herrenmenschen-Mentalität drückte sich die SS vor allen Arbeiten. Dies betraf auch Verwaltungsaufgaben und die Organisation des Lageralltags wie die Zusammenstellung von Arbeitskommandos. Das sollten Häftlinge übernehmen, was nicht bedeutete, dass jene viel Spielraum gehabt hätten. Wenn 100 Häftlinge auf »Transport« gehen sollten, mussten auch 100 Namen auf der Liste stehen. Mit der Übertragung gewisser Funktionen an Häftlinge versuchte die SS zudem, die Häftlingsgesellschaft zu spalten. Die sogenannten Kapos und Blockältesten hatten für das reibungslose Funktionieren des Lagers zu sorgen, für »Ordnung und Disziplin«. Lief etwas nicht im Sinne der SS, wurden nicht nur die jeweiligen Häftlinge, sondern ebenfalls der Kapo oder Blockälteste bestraft.

Neben den sowjetischen Häftlingen stellten Juden die zahlenmäßig größte Häftlingsgruppe.

Die Häftlinge erkannten rasch, welcher Kapo oder Blockälteste der SS gefallen wollte und selbst mit Schlägen und anderen Schikanen sie zur Arbeit antrieb oder ihnen das Überleben im Lager leichter zu gestalten versuchte. Anfangs hatte die SS vor allem »Grüne« in Funktionen eingesetzt. Es gelang den »Roten«, diese zunehmend zu verdrängen; auch in den Augen der SS waren die Politischen zuverlässiger als die wegen krimineller Delikte eingewiesenen Häftlinge. Letztlich bleibt zu konstatieren: Entgegen der heutzutage vorherrschenden Geschichtsschreibung, die mitunter den Begriff »Häftlingsselbstverwaltung« verwendet, betonten die überlebenden KZ-Häftlinge stets, dass von einer solchen keine Rede sein könne.

Doch zurück ins Frühjahr 1945: Die US-Army war nur noch 150 Kilometer Luftlinie von Buchenwald entfernt, da sollte auch das Stammlager auf dem Ettersberg aufgelöst werden, wobei vollkommen unklar war, wohin denn die Gefangenen getrieben werden könnten. Um Unruhen zu vermeiden, ließ der Lagerkommandant, SS-Oberführer Herrmann Pister, gegenüber den »reichsdeutschen« Häftlingen erklären, dass »bei seinem Ehrenwort als Offizier« das Lager nicht evakuiert werde. Doch schon am 4. April kam der erste Befehl dazu – zunächst die jüdischen Häftlinge betreffend.

Als am Morgen des folgenden Tages zum Appell beordert wurde, gab es erstmals seit acht Jahren ein Bild des Durcheinanders statt der befohlenen »Ordnung«. Bei den »Judenblocks« fehlten Hunderte, bei den Blocks der »Arier« standen plötzlich mehr Häftlinge als zuvor. Ein bisher unerhörter Vorgang. Besonderen Mut zeigte Wilhelm Hammann, der Blockälteste von Blocks 8, dem »Kinderblock«. Als SS-Leute dort erschienen und befahlen, sämtliche jüdischen Kinder antreten zu lassen, erklärte er mit fester Stimme, hier gebe es keine. Seinen Schützlingen hatte er zuvor eingetrichtert, sich auf keinen Fall bei der Frage »Wer ist Jude?« zu melden. Einen Jungen, der sich aus Angst vor der SS melden wollte, brüllte er an: »Du bist kein Jude!« und schickte ihn wieder ins Glied. Hammann hat durch diese Aktion allein 400 der insgesamt 904 Buchenwald überlebenden Kinder und Jugendliche gerettet.

Am 6. April kommandierte die SS 46 Häftlinge, unter ihnen 32 Deutsche, fünf Niederländer, vier Tschechen, drei Österreicher und zwei Polen ans Lagertor. In der Häftlingsschreibstube war durchgesickert, ein Spitzel habe sie als angebliche »Führer des Widerstands« denunziert. Das im Juli 1943 gebildete illegale Internationale Lagerkomitee (ILK) unter Leitung des deutschen Kommunisten Walter Bartel beschloss: »Die aufgerufenen Häftlinge stehen unter dem Schutz des Internationalen Komitees und werden im Lager versteckt! Wer der SS hilft, die 46 Versteckten zu finden, ist ein Verräter, ein Feind. Exekutionen der SS werden nicht mehr geduldet. Wenn die SS versucht, mit Gewalt einen der 46 ans Tor zu schleppen, wird ihr Gewalt entgegengesetzt.«

Die von der SS Gesuchten wurden an verschiedenen Orten im Lager versteckt. Die Suche nach den 46 blieb »erfolglos«. Das war nicht nur eine Botschaft an die SS, sondern auch an die Häftlingsgesellschaft: Widerstand war möglich.

Am Sonntag, dem 8. April, wurden die Blockältesten um elf Uhr ans Lagertor mit der zynischen Inschrift »Jedem das Seine« gerufen. Der SS-Lagerführer erklärte: »Bis zwölf Uhr muss das Lager leer sein.« Sie sollten alle Häftlinge antreten lassen. Dies geschah jedoch nicht. Worauf um 14 Uhr schwer bewaffnete SS-Kolonnen aufmarschierten und zwei Maschinengewehre aufstellten. Es gelang, innerhalb einer Stunde 9600 Häftlinge auf den Appellplatz zu treiben. Die Hälfte wurde zum Weimarer Bahnhof gescheucht, die anderen blieben bis zum Abtransport unter Bewachung ukrainischer SS-Freiwilliger unter freiem Himmel.
Wissend, dass sich alliierte Streitkräfte bereits im Raum Gotha befanden, hatte das ILK an diesem Tag bereits um 13.30 Uhr über sein illegales Funkgerät einen Funkspruch in englischer, deutscher und russischer Sprache abgesetzt: »An die Alliierten, an die Armee des Generals Patton – hier Konzentrationslager Buchenwald – SOS – wir bitten um Hilfe – man will uns evakuieren – die SS will uns vernichten.« Es dauerte nur eine kurze Zeit, bis eine Antwort der US-Armee in englischer Sprache empfangen werden konnte: »KZ Buchenwald – aushalten – wir eilen Euch zu Hilfe – Stab der 3. Armee.« Man kann sich vorstellen, mit welcher Euphorie diese Nachricht von den Illegalen aufgenommen wurde. Und wie sie den Überlebenswillen stärkte.

Am kommenden Tag gab es durchweg Fliegeralarm, sodass die SS die Räumung des Lagers nicht fortsetzen konnte. Am Dienstag, dem 10. April, befahl Kommandant Pister: »Das Lager wird heute restlos evakuiert. Um elf Uhr gehen die russischen Kriegsgefangenen in einem Sondertransport ab, dann folgen alle übrigen Häftlinge zu 4000 Mann in Abständen von je zwei Stunden«. Erst mit deutlicher Verspätung formierte sich der Transport der Kriegsgefangenen der Roten Armee, die in Buchenwald in einem gesonderten Lager gefangen gehalten wurde und die schlimmsten Schikanen hatten erleiden müssen, von Folter bis hin zu willkürlichen Erschießungen. Ihnen hatte die Ende 1943 im Lager gebildete Internationale Militärorganisation (IMO) aus ihrem heimlich angelegten Arsenal Messer, Schlagwaffen und andere Gegenstände zur Selbstverteidigung übergeben, damit sie sich gegen Versuche der SS wehren könnten, sie während des »Transports« zu liquidieren.

Erneute Tieffliegerangriffe der US-Amerikaner verzögerten die Zusammentreibung weiterer Häftlinge. In der Nacht vom 10./11. April rechnete das Gros der Häftlinge damit, dass es entweder zu einer Bombardierung des Häftlingsbereichs durch deutsche Flieger oder zu einem Massenabtransport kommen würde – oder zu Kämpfen mit der SS. Das Artilleriefeuer der 3. US-Army rückte immer näher, geflüstert wurde, Erfurt sei eingenommen. In der Agonie der Auflösung ermordete die SS noch die letzten 24 Häftlinge im berüchtigten Bunker, man wollte keine Zeugen für die Verbrechen. In der Effektenkammer bedienten sich SS-Leute an Geld, Uhren und anderen Wertsachen, auch Papieren und Personaldokumenten, um nach »dem Ende« unter falscher Identität untertauchen zu können.

Am 11. April 1945 gab es noch etwa 21 000 Häftlinge auf dem Ettersberg. Um 10.15 Uhr ertönte die Sirene, signalisierte »Feind-Alarm«. Wenig später befahl Pister den Lagerältesten Hans Eiden, einen deutschen Kommunisten, seit 1939 in Buchenwald, zu sich. In einer weinerlichen Rede erklärte er, dass er diesem hiermit das KZ übergebe. Offenkundig wollte er sich absetzen und mit der weiteren Entwicklung nichts mehr zu tun haben. Andere Häftlinge jedoch wollten gehört haben, dass Pister das Lager liquidieren wolle, wenn keine Bomber mehr zur Verfügung stünden, dann mit von Tieffliegern abgeworfenen Gasgranaten.

Eine Message aus der Vergangenheit – von Fred Hüning decodiert

Schier unglaublich aber wahr. Eine filmreife Geschichte. Sie beginnt hoch oben auf dem unwirtlichen Ettersberg bei Weimar. Drei Häftlinge des KZ Buchenwald, die das Glück haben, dank ihrer geschickten Hände in der kunstgewerblichen Werkstatt arbeiten zu dürfen, müssen ein Schiffsmodell bauen. Schiffsmodelle sind beliebt bei den SS-Männern, die aus einer Art Warenkatalog auswählen können, was ihnen beliebt zur Ausstattung ihres behaglichen Heims. Das Angebot ist reichlich, von Spielzeug bis …

In dieser Situation, als die alliierten Truppen anscheinend in direkter Nähe des Lagers waren, entschied sich das ILK für einen Aufstand und erteilte dem Leiter der IMO die Freigabe der Waffen. Fast gleichzeitig wurden an bestimmten Durchbruchstellen die Tore und Drahthindernisse niedergerissen, die Postentürme besetzt, mit den dort erbeuteten Waffen weitere militärisch geschulte Häftlinge ausgerüstet. Der spanische Schriftsteller, Résistance-Kämpfer und Buchenwalder Jorge Semprún schilderte diesen Tag mit folgenden Worten: »Die Kampfgruppen sammelten sich an den zuvor festgelegten Stellen. Um 15.00 Uhr gab das militärische Komitee den Befehl, die Aktion zu beginnen. Die Kameraden brachen plötzlich vor, Waffen im Arm: automatische Gewehre, Maschinenpistolen, einige Handgranaten, Parabellum, Panzerfäuste … Waffen, die in langen Jahren geduldig gesammelt worden waren für den heutigen, so unwahrscheinlichen Tag …«

Die von der SS zurückgelassenen und auf sich selbst gestellten Wachmannschaften setzten dem Angriff der Kampfgruppen der Häftlinge wenig Widerstand entgegen. Größtenteils ergaben sie sich oder suchten ihr Heil in der Flucht. Bis zur Nacht wurden etwa 120 von ihnen als Gefangene eingebracht. Sie wurden den später eintreffenden US-Truppen übergeben. Das ILK und die Leitung der IMO duldeten keine Selbstjustiz.

Am 19. April fand die Trauerkundgebung für alle jene Häftlinge statt, die das Grauen in Buchenwald nicht überlebt hatten. Laut dem Bericht des ILK waren die Blocks und Baracken mit Fahnen und Transparenten geschmückt. »Unter den Klängen ihrer Nationalhymnen marschierten die Nationen auf. Sowjetische Häftlinge, Polen, Tschechen und Slowaken, Jugoslawen, Österreicher, Ungarn, Rumänen, Engländer, Deutsche, Franzosen, Italiener, Spanier, Belgier, Holländer und Luxemburger.« Dann verlasen ILK-Mitglieder, jeder in seiner Sprache, eine Erklärung: »Kameraden! Wir Buchenwalder Antifaschisten sind heute angetreten zu Ehren der in Buchenwald und seinen Außenkommandos von der Nazi-Bestie und ihren Helfershelfern ermordeten 51 000 Gefangenen! 51 000 erschossen, gehenkt, zertrampelt, erschlagen, erstickt, ersäuft, verhungert, vergiftet, abgespritzt. 51 000 Väter-Brüder-Söhne starben einen qualvollen Tod, weil sie Kämpfer gegen das faschistische Mordregime waren. 51 000 Mütter und Frauen und Hunderttausende Kinder klagen an!« Und nach dem Dank an die Befreier, »den verbündeten Armeen der Amerikaner, Engländer, Sowjets und allen Freiheitsarmeen«, folgte der berühmte Schwur von Buchenwald: »Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht! Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.«

Überlebende Buchenwalder bestanden darauf, dass es am 11. April 1945 eine Selbstbefreiung war. Es steht niemandem zu, erst recht keinem Nachgeborenen, dies in Zweifel zu ziehen, zu negieren oder zu denunzieren.

Der Historiker Dr. Ulrich Schneider ist Generalsekretär der Internationalen Föderation der Widerstandskämpfer (FIR) und Autor eines jüngst erschienenen Buches über »Buchenwald« (PapyRossa, 142 S., br., 12 €).

Erstveröffentlicht im nd v. 8.5. 2025
https://nd.digital/editions/nd.DerTag/2025-05-08/articles/18004649

Wir danken für das Publikationsrecht.

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