Wir stellen Fragen

Die Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost, stellt Fragen und gibt Erklärungen, die uns helfen, die Menschlichkeit zu verteidigen

Von Jochen Gester

Bilder: Jochen Gester

In den letzten Tagen vor dem Wochenende und noch bis heute wird in vielen Medien der Republik an die Befreiung des KZ Auschwitz durch die Rote Armee erinnert. Der Jahrestag ist noch nicht durch den Geist der Zeitenwende in die Vergessenheit befördert worden, was jedoch angesichts der wachsenden ideologischen Schnittmengen zwischen Schwarz und Blau für die Zukunft nicht auszuschließen ist. Im Rahmen einer jetzt neu definierten Staatsräson behalten sich deren Träger jedoch eine exklusive Deutung dieses Datums und seiner erforderlichen Schlussfolgerungen vor.

Die Lehre aus Auschwitz soll nicht die Forderung sein, dass kein Volk erneut Opfer eines Genozids werden darf. Also „Nie wieder für alle“. Stattdessen lautet der moralische und politische Imperativ: Niemals darf Juden sowas erneut passieren. Die Juden werden nicht mehr wie jedes andere Volk als Pluralität von Meinungen und Menschen behandelt, sondern als ethnisches Kollektiv, das ein Schutzrecht hat, egal wie sich Einzelne verhalten, egal, ob sie selbst Täter werden und Verbrechen begehen. Zugespitzt trifft dies für den Staat Israel zu, der sich ja mittlerweile als eine staatliche Repräsentanz nur von Juden begreift. Die Schöpfer der deutschen „Staatsräson“ sehen sich als eine Art Schutzmacht für „die Juden“. Moralisch dazu berufen sehen sie sich durch die Tatsache, dass Deutschland historisch den größten Genozid der neueren Geschichte zu verantworten hat.

Doch es ist nicht überzeugende Reue und Läuterung, die hier Pate steht. Dazu muss man sich nur ansehen, wie das liberale Bürgertum gerade nach rechts drängt und eine Politik einfordert, die noch vor nicht wenigen Jahren nur von der radikalen Rechten vertreten wurde. Es sind die geopolitischen Interessen, die Deutschland und Israel miteinander verbinden, die hier schöne Kleider bekommen.

Und es ist offensichtlich, dass diese Kleider nicht allen gefallen. Eigentlich allen kritischen Bürger:innen – nicht nur hier zu Lande -, denen klar ist, dass Menschenrechte unteilbar sind und denen zunehmend missfällt, dass der staatliche Imperativ einer wachsenden Repression bedarf, um sich Geltung zu verschaffen. Und natürlich gefällt das weder den durch eine rechte Regierung marginalisierten Linken im Staate Israel noch einem Großteil der Diaspora-Jüdinnen. Darunter auch viele linke Jüdinnen und Juden in Deutschland, die öffentlich zum Ausdruck bringen wollen, dass die von Regierung und Armee des Staates Israel zu verantwortenden Verbrechen im Nahen Osten nicht in ihrem Namen begangen werden.

In diesem Sinne hatte die Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost am Sonntag-Nachmittag dem 26. Januar zu einer Kundgebung auf dem Berliner Bebelplatz in der Stadtmitte aufgerufen. Im liberalen Tagesspiegel fehlte diese bei der Auflistung der Gedenkveranstaltungen ebenso wie in den Ankündigungen des Berliner Landesverbands der VVN BdA, der größten und traditionsreichsten antifaschistischen Organisation in Deutschland. Beides ist ein trauriger Ausdruck über das Ausmaß der Entsolidarisierung, die sich in der Gesellschaft breit gemacht haben, in einer Situation, in der es darauf ankäme, eine offene Debatte zu ermöglichen und den Opfern einer mörderischen deutschen Außenpolitik beizustehen.

Dazu passte dann auch die polizeiliche Begleitung der wohl vom Senat als Provokation empfundenen Veranstaltung. Bereits nach dem Ausstieg aus der U-Bahnstation Unter den Linden war ein halbes Dutzend Polizeifahrzeuge geparkt. Ebenso viele standen am Bebelplatz. Der direkte Gehweg dorthin war eingezäunt. Den Bebelplatz in Sichtweite, stieß man erst einmal auf eine Gruppe von Demonstrant:innen, die mit Israel-Fahnen bekunden wollten, dass ihnen die hier angemeldete Kundgebung nicht passte. Der Bebelplatz selbst war weitgehend abgesperrt durch Polizeigitter. Den Teilnehmer:innen der angemeldeten Kundgebung der Jüdischen Stimme war der Zugang zum Platz verwehrt. Man hatte ihnen lediglich einen kleinen Randbereich im Vorplatz der St. Hedwig-Kathedrale zugewiesen. Das ganze Szenario sollte offensichtlich den Eindruck vermitteln, dass hier ein besonders gefährliches Klientel unterwegs ist, mit dem man sicher besser nicht gemein macht. Als Bürger:innen der Stadt einfach dazuzustoßen war nicht. So kamen nur die, die unbedingt kommen wollten und nicht einzuschüchtern waren.

Das polizeiliche Drehbuch sah dann vor Beginn der Kundgebung das Vorlesen von Auflagen vor. Die Anwesenden wurden darauf aufmerksam gemacht, niemand zu töten oder schwer zu verletzten, niemanden in seiner Menschenwürde zu beinträchtigen oder seine Rechte infragezustellen. Bedenkt man, wie oft Menschen, die in den letzten Monaten an Solidaritätsdemonstrationen für Gaza teilgenmmen haben, Opfer willkürlicher Polizeigewalt wurden, wären solche Unterweisungen wohl eher vor Einsätzen der Ordnungskräfte durch ihre Vorgesetzten am Platz. Auch könnte man dem Verlesen solcher Ermahnungen auf CDU/CSU und AFD-Veranstaltungen, auf denen der Entzug von Rechten und offene Repression gegen Migrantin:innen oder Bürgergeldbezieher gefordert wird, deutlich mehr Sinn abgewinnen.

Die Zahl der Kundgebungsteilnehmer – zuerst war nur ein Dutzend anwesend – stieg mit der Zeit auf etwa 200. Die Stimmung war gelassen, friedlich und selbstbewusst. Auch der eher als Provokation gedachte Besuch einer jungen pro-israelischen Gegendemonstrantin mit Fahne war kein großes Thema. Freudlich versuchte ein Vertreter der Ordnungsmacht sie davon zu überzeugen, dass das keine so gute Idee sei.


Die Kundgebung wurde wegen starken Regens zwischendurch unterbrochen. Dann ging es unbeirrt weiter. Nach dem Auftakt durch eine Sprecherin der Jüdischen Stimme (s. Beitrag unten) folgte ein Redebeitrag einer Sintije, der es ein Anliegen war, klarzustellen, dass die Politik Deutschlands gegenüber den Opfern der Nazizeit kein Anlass für Stolz und Freude sein könne. Sie versicherte ihren jüdischen Mitstreiter:innen uneingeschränkte Solidarität. Zum Schluss sprach ein Veteran jüdischer Antifaschist:innen, der fast seine ganze Familie in der Shoha verlor und dessen Eltern durch Glück überleben konnten. Obwohl sie sich geschworen hatten, nie wieder deutschen Boden zu betreten, entschieden sie sich dann doch 1948 zur Rückkehr, mit dem festen Willen, in der DDR mitzuhelfen, eine neue antifaschistische Ordnung aufzubauen. Die Kundgebung endete mit einer 3-minütigen Gedenkminute für die Opfer der Shoah, anderer Nationen und verfolgter Minderheiten. In das Gedenken eingeschlossen wurden die Millionen Toten, die die Sowjetunion bis zum Überwindung der Nazibarbarei erbringen musste. Ein besonderer Dank ging an die Soldaten der Roten Armee, denen wir die Befreiung von Auschwitz zu verdanken haben.

Im Folgenden veröffentlichen wir den Hauptkundgebungsbeitrag der Jüdischen Stimme. Er gibt einen authentischen Zugang zu den Fragen, die sie bewegt. Der Widerspruch zu den ihr unterstellten Motiven springt ins Auge. Wir bedanken uns für das Abdruckrecht und hoffen mit diesem Bericht einen kleinen Beitrag gegen den Ausschluss der Jüdischen Stimme aus der öffentlichen Diskussion leisten zu können.

KUNDGEBUNGSBEITRAG DER JÜDISCHEN STIMME AUF DER KUNDGEBUNG AM 26.1. 2025 AM BEBELPLATZ

Wir haben euch heute eingeladen, nicht allein, um der Vergangenheit zu gedenken, sondern um uns die letzten 16 Monate deutlich zu vergegenwärtigen. Wir wollen hier heute einen Platz schaffen, nicht so sehr für ein Erinnern, sondern eher für ein Vergegenwärtigen. Über eine Gemeinschaft, die die Bereitschaft zum Unterschiedlich-Sein teilt und die sich über das Mensch-Sein verbindet. Eine Gemeinschaft, die sich der Resilienz und dem Widerstand gegen Teile und Herrsche Taktiken der deutschen Regierung verpflichtet fühlt. Eine Gemeinschaft, die zusammenkommt und gemeinsam reflektiert, was Nie Wieder heute überhaupt bedeutet, wenn es geradem schon wieder, vor unser aller Bildschirmen, unseren palästinensischen Brüdern und Schwestern widerfahren ist.

Was meint eine deutsche Erinnerungspolitik, wenn sie dieses Nie Wieder mit grundgesetzwidrigen Resolutionen, Gesetzesklauseln und Gedenkfeiern zu gedenken vorgibt? Was meint der deutsche Staat, wenn das, was schon wieder passiert ist, kaum als solches in Medien und der Öffentlichkeit benannt werden darf. Was bedeutet Nie wieder, wenn es nur für eine bestimmte, abstrahierte Identität gil wird. Was bedeutet Nie wieder in der Gegenwart? Der Zukunft? Der Vergangenheit?

Wenn all die Male, zu denen sich Deutschland an Genoziden schon wieder und immer wieder mitschuldig gemacht hat -der Herero und Nama, der Armenier:innen, der Pol:innen, der Sintizze und Romanji, in Ruanda totgeschwiegen werden. Wenn der einzige Genozid, über den gesprochen werden und an den selektiv erinnert werden darf – der Genozid an Juden und Jüd:innen – lediglich dient, instrumentalisiert zu werden, um einen weiteren Genozid zu begehen. Der aber nicht als solcher benannt werden darf.

Was bedeutet erinnern für diejenigen, die hier stehen, nach 16 Monaten andauerndem Genozid in Gaza. Für diejenigen, die jetzt erst Aufatmen können, weil endlich Güter nach Gaza reingelassen werden. Für diejenigen, die jetzt erst die Gelegenheit erhalten, in eine Phase der Erleichterung, aber auch der Trauer überzugehen?

Trauer darüber, dass dieses Nie Wieder, das in Deutschland so gerne moralisch angemahnt wurde, schon wieder von der deutschen Regierung, politischen Parteien und dem Rechtssystem geduldet und aktiv militärisch, politisch und ideologisch unterstützt wurde. Geleugnet wurde. Rationalisiert wurde. Verzerrt und verteidigt wurde.

Jedes Zeitalter trägt das Potential zum Faschismus in sich. Auf jedem Kontinent, in jeder Kultur, jeder Religion, in jedem Land und in jedem Menschen schlummert ein zerstörerisches Potenzial für das Entflammen autoritärer und faschistischer Orientierungen. Faschismus agiert da, wo Machthabende, auf die eine oder andere Art und Weise, ihnen unliebsame Zivilist:innen die Möglichkeit und Fähigkeit des Selbstausdrucks, des Gesehen und Beachtet-Werdens systematisch vorenthalten. Das kann ethnische Minderheiten, Geschlechter, religiöse Gruppierungen aber auch die gesamte Gesellschaft betreffen. Wenn sie manche Menschen auf totalitäre Weise gegenüber dem System ausliefern, während sie anderen, unter der Bedingung der Anpassung und des Konformismus Sicherheiten und Privilegien gewährleisten.

* Dies geschieht nicht nur durch die Anwendung von staatlicher Repression und Polizeigewalt. Dies entsteht durch Wissenschaftsfeindlichkeit, wie wir am Umgang mit palästina-solidarischen Student:innen und Professor:innen an Universitäten in Berlin und der gesamten Bundesrepublik beobachten konnten.

* Dies geschieht durch vergiftete und toxische Narrative, wie beispielsweise das Narrativ über arabische bzw. muslimische Menschen mit Fluchterfahrung, die eine von Antisemitismus gereinigte und geläuterte deutsche Gesellschaft erneut drohen, mit ihrem eigenen, vermeintlich inhärenten Antisemitismus zu verseuchen.

* Dies geschieht durch Verleugnung. Wie beispielsweise die Verleugnung dass es sich – wider eindeutiger, wissenschaftlicher Erkenntnisse – in Gaza tatsächlich um einen Genozid handel.

* Dies geschieht durch bewusste Verzerrung, wie beispielsweise die Verzerrung dessen, was antisemitisches Verhalten meint, und was es nicht meint. Dies geschieht durch die Verschmutzung der Justiz. Wie beispielsweise eine Justiz, die sich nicht an den klar festgelegten Grundsätzen des Grundgesetzes orientiert, sondern an rechtswidrigen Resolutionen und der rechtswidrigen, deutschen Staatsräson.

* Dies geschieht dort, wo eine Nostalgie propagiert wird. Eine Nostalgie über eine Gesellschaft, die angeblich nur freiheitlich demokratisch ist und reibungslos funktioniert, wenn bestimmte Menschen, welche die falschen Werte vertreten, politisch unterdrückt, kontrolliert, verfolgt werden.

* Dies geschieht dort, wo Illusionen verkauft werden. Wie beispielsweise, dass eine gesellschaftliche Ordnung, dass Sicherheit, Freiheit, der westliche Lebensstil für manche Menschen erst wieder gewährleistet werden kann, wenn wieder massenweise und in großem Stil abgeschoben wird.

Müssen wir uns heute an etwas erinnern, oder geht es nicht vielmehr darum, sich schmerzhafte Gewissheiten, die gerade wieder aktuell sind, kompromisslos zu vergegenwärtigen und aus diesen Gewissheiten Konsequenzen für heutiges Handeln abzuleiten? Bedeutet Erinnerung, dass nur jüdische Menschen davor geschützt werden, der Gewalt anderer Menschengruppen je wieder zum Opfer zu fallen? Will die deutsche Gesellschaft aus den Mustern ihrer Geschichte wirklich lernen?

Ich zweifle daran. Aber ich will daraus lernen, und frage mich heute, was ich – was wir – anders machen müssen, damit Gedenken und Erinnern und sich kontinuierliches Vergegenwärtigen wirklich bedeutet, dass sich nicht nur Auschwitz niemals wiederholt, sondern auch all die anderen Genozide, die sich nicht wiederholen dürfen.

Gibt es hier in Deutschland ein Zukunftszenario, in dem wir uns der lebendigen Diversität des Miteinanders erfreuen? Oder vermag Deutschland nur, den Toten zu gedenken?

Gedenken bedeutet, sich damals wie heute zu verdeutlichen, dass die Gefahr des Faschismus nie überwunden geglaubt werden kann. Dass autoritäre Züge, Faschismus, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, Rassismus, Terrorismus nichts ist, was von außen in eine Gruppe importiert wird. Es bedeutet, sich zu vergegenwärtigen, dass dieses Virus in jedem einzelnen Menschen schlummert, zum brodeln gebracht und unter bestimmten Bedingungen reaktiviert werden kann.

Sind wir immun gegen Faschismus und Rassismus, weil unsere Vorfahren einem Massenmord, einem Genozid, staatlicher Verfolgung und Ausgrenzung zum Opfer gefallen sind? Sind Menschen, deren Vorfahren Opfer wurden immun dagegen, sich in der Gegenwart in Täter:innen zu verwandeln?

Die letzten 16 Monate haben uns eines Besseren belehrt. Weder Religion, noch Identität, noch Nationalität bewahrt uns davor, faschistische Ideologien zu verinnerlichen und reproduzieren.

Was bedeutet es über unser Verständnis von Schuld und Unschuld, wenn die Nachkommen der historisch als unschuldig deklarierten ihre Erfahrung des Opfer geworden-seins instrumentalisieren können, um sich eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit schuldig zu machen? Was nehmen wir mit aus der Erkenntnis, dass Ideen, Einstellungen und Glaubenssysteme, die man mit Gewalt versucht auszurotten und zu bekämpfen, letzten Endes Widerstandskräfte entwickeln und gestärkt aus dieser Bekämpfung hervorgehen können?

Welche gesellschaftlichen Konditionen müssen wir entwickeln, um Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu verhindern? Auf welche Regeln und Gesetze wollen wir uns als gemeinsame Nenner einigen, wenn die Rechtsprechung des internationalen Gerichtshofes gescheitert ist, und das deutsche Grundgesetz nur noch auf dem Papier gilt, aber nicht angewendet wird? Was muss jeder von uns tun, um strukturelle Gewalt nie wieder zu reproduzieren, reproduzieren zu wollen? Reicht es, wenn Regeln und Gesetze festgehalten werden? Beispielsweise im deutschen Grundgesetz?

Diejenigen, die dessen Einhaltung eigentlich achten und umsetzen sollen, Polizisten, Politiker:innen, Staatsbeamte, verstoßen tagtäglich dagegen. Sie entwickeln Resolutionen im Bundestag, um ebendieses Grundgesetz, das totalitären Bestrebungen vorbeugen soll, zu umgehen.

Müssen wir uns grundsätzliche Fragen über Demokratie, Regierungsformen, über Normalität, über Regeln, über Gesetze, über Konformismus stellen? Reicht das, was wir bisher entwickelt haben, nicht mehr aus?

Wenn alle diese Regeln, Grundgesetze, Erinnerungskulturen, öffentlichen Aushandlungsprozesse scheitern, was bedeutet dann antifaschistischer Widerstand? Was macht eine Gesellschaft widerstandsfähig gegen Autoritarismus, Rassismus, Faschismus und ideologischen Extremismus?

Es ist höchste Zeit. Nicht zu gedenken, sondern eine gesunde, gegenwärtige Diskussionskultur zu entwickeln, und zu handeln. Nie wieder muss für alle gelten, sonst passiert es nicht nur schon wieder, sondern immer wieder.

Kleines Kursbuch

Ein Land in Olivgrün

Von Jochen Gester

Bild: Collage Jochen Gester

Nachdem der Corona-Pandemie, die auch genutzt wurde, die Bevölkerung an autoritäre Eingriffe des Staates, die Grundrechte suspendierten, zu gewöhnen, hat sich seit dem Febrauar 2022 schlagartig ein neuer Virus ausgebereitet, der jedoch nicht über die Atemwege sonden durch die Gehirne Verbreitung findet. Sein Name lautet „Kriegstüchtigkeit“. Besonders befallen sind die politischen Eliten des Bürgertums. Ihre gegenwärtigen Vorkämpfer beschränken sich nicht auf die rechtsautoritären Kreise, die in dieser Klasse schon immer das Recht beansprucht haben, ihre Interessen mit offener Gewalt durchzusetzen sondern haben sich auch auf diese Milieus ausgebreitet, die aus den subalternen Klassen einen Aufstieg zu Rang und Namen geschafft haben. Statt den Krieg verachten diese heute mehr sogenannte Lumpenpazifisten, die daran erinnern, dass Kriege keine Probleme lösen sondern nur verschärfen. Vorbei die Zeiten, in der man sich als geläutertes gebranntes Kind präsenierte und reumütig verkündete, dass von deutschem Boden nie wieder ein Krieg ausgehen sollte und man bereit sei, die Hand zu Verständigung und Versöhnung zu reichen. Das neue Feindbild ist das alte: Russland. Und wie dies das ABC der Kriegspropaganda erfordert, muss der Feind personifiziert werden. Es ist „Putin“, der wie der selige Grofaz in deutschen Diensten nicht nur allmächtig sein soll, sondern dem – so die neuesten Erkenntisse hiesiger Gazetten – auch alles dort gehöre. Ein Super-Musk sozusagen.

Nicht weniger duchgeknallt ist die Debatte um die erforderliche Höhe des Rüstungshaushalts, die den Charakter einer Auktion angenommen hat. Wer bietet mehr? Das lange nicht durchsetzbare Ziel, jährlich 2% des BIPs dafür zu verausgaben, ist Verfassungsauftrag. Doch war das nur eine Dammbruchmarke. Die Bieterkette aus Pistorius, Merz, Trump, Musk und Weidel ist nun bei 5% und mehr angelangt. Die Sympathieerklärungen der bürgerlichen Mitte nach rechtsaußen reißen nicht ab. Wen wundert es da noch, dass der Leiter des arbeitgeberfreundlichen ifo-Instituts Clemens Fuest, sich für die Goebbelsche Losung „Kanonen statt Butter“ erwärmen kann. Auch mit dem geradezu avantgardistischem Einsatz der einmal grasgrünen Partei für Umwelt und Frieden bekommt Deutschland eine olivgrüne Färbung. Kaum vergeht ein Tag, an dem nicht neue Vorschläge die Runde machen. Dabei dreht es sich immer mehr auch darum, dass die Gesellschaft in den Kriegskurs eingebunden wird und nicht irgendwie widerspensig oder gleichgültig außen vor bleibt. Eine koordinierende und durchgriffsfähige Exekutive ist gefragt. Auch soll eine „Kriegsmentalität“ entstehen.

Ganz aktuell hat sich der designierte Bundeskanzler aus dem Sauerland zu diesem Thema in einem Vortrag des Global Leader Dialogs bei der Körber Stiftung geäußert. Im Fokus steht der neu eingerichte Nationale Sicherheitsrat. Nach den verstärkt an Schulen einzusetzenden Jugendoffizieren der Bundeswehr und den Angriffen auf die Zivilklauseln an den Hochschulen, die miliärischer Forschung Grenzen setzten, möchte Merz gleich ganze Lehrstühle für Sicherheitspolitik einrichten.

„Dreh- und Angelpunkt der kollektiven politischen Entscheidungsfindung der Bundesregierung soll der neue Nationale Sicherheitsrat im Kanzleramt werden. Ihm sollen die mit innerer und äußerer Sicherheit befassten Minister der Bundesregierung, Vertreter der Bundesländer sowie die wichtigsten Sicherheitsbehörden angehören, die Bundesregierung werde hier zu jeder grundsätzlichen Frage eine gemeinsame Linie finden und diese dann auch gemeinschaftlich vertreten. „Die Zeiten, in denen europäische Partner aus Berlin andere Antworten bekommen haben – je nachdem, ob sie im Kanzleramt, im Auswärtigen Amt oder im Finanzministerium angerufen haben – müssen der Vergangenheit angehören“, so Merz. Der Sicherheitsrat soll auch die Federführung bei der Erstellung einer neuen nationalen Sicherheitsstrategie haben, die binnen eines Jahres fertiggestellt sein soll. Friedrich Merz kündigte zudem an, Geld für die Einrichtung sicherheitspolitischer Lehrstühle an deutschen Hochschulen bereitzustellen.“1

Auch Entwicklungszusammenarbeit soll klarer unter der Prämisse stehen, den strategischen Interessen Deutschlands zu dienen. Israel soll es an nichts fehlen und im Indopazifik hätte der CDU-Vorsitzende gerne eine Marinebasis. Und er weiß als ehemaliger Deutschland-Verantwortlicher für Blackrock auch, dass die aktuellen und zukünftig ersehnten Geschäfte in der Ukraine nicht durch Friedensbemühungen torpediert werden dürfen. Die Allianz mit den USA ist für ihn einmalig und unersetzbar. Donald Trump sieht er nicht düster sondern eher als Chance.

Da passt es doch prima ins Bild, dass auch die taz einen Artikel würdigt, den Michael Krüger, emiritierter Professor für Sportwissenchaften in Münster im offiziellen Organ des Deutschen Sportlehrerverbandes, veröffentlich hatte. Der Autor möchte seinen Artikel als Beitrag zur Demokratieerziehung im Geiste des SPD-Politikers Carlo Schmids verstanden wissen.

„Was hätte Carlo Schmid heute zu seinem SPD-Genossen und Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius gesagt, der angesichts des Krieges des russischen Diktators Wladimir Putin gegen die Ukraine und letztlich auch gegen die Menschen in Russland davon gesprochen hat, dass die Bundeswehr wieder „kriegstüchtig“ werden müsse, um sich gegen diese Aggression zu wappnen. Auch wenn es Boris Pistorius nicht gesagt hat, aber „kriegstüchtig“ bedeutet nicht nur, dass das Kriegsgerät funktioniert und in ausreichender Zahl Waffen und Munition zur Verfügung steht, sondern es geht auch um die Menschen, die bereit und in der Lage sind, einen Krieg zu führen, die Waffen zu bedienen und die physischen und psychischen Strapazen sowie Entbehrungen eines Krieges auf sich zu nehmen, wie es die ukrainischen und russischen Soldaten tun. Wie viele von ihnen inzwischen gefallen sind, weiß niemand genau – Schätzungen gehen in die Hunderttausende. Leibesübungen und Sport sind kein Mittel der „Erziehung zu seelischer und körperlicher Militärtauglichkeit“. Das sollten wir festhalten. Carlo Schmid wusste jedoch auch, dass die „Würde des Menschen“, wie es im Grundgesetz heißt, erkämpft und verteidigt werden muss. Eine freiheitliche Gesellschaft in einem demokratischen Staat braucht deshalb Bürger*innen, die sowohl seelisch als auch körperlich in der Lage sind, dies zu tun. Die charakterliche und physische Erziehung durch Bewegung, Spiel und Sport ist in diesem Sinn auch Teil der Erziehung zur „Kriegstüchtigkeit“ in einem freiheitlichen Gemeinwesen. „Frieden ohne Freiheit ist kein Frieden“, meinte Konrad Adenauer, Carlo Schmids Gegenspieler von der CDU und erster Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. In diesem Punkt waren sich die beiden einig.“2

Der Autor scheint diese Sätze mit Bedacht zu formulieren. Er sagt nicht, dass mit den Ertüchtigungen nun im nächsten Schuljahr in der Grundschule begonnen werden muss. Es ist aber naheligend, daran zu erinnern, dass er Sportlehrer ist und natürlich auch die ihm anvertrauten Kinder und Jugendlichen im Blick hat. Da ist es denn nur eine Frage, ab wann damit begonnen werden sollte. Schließlich spricht er von „Erziehung“, und damit ist normalerweise nicht die Vermittlung von Wissen und Können bei Erwachsenen gemeint. In jedem Fall sollte man dieser Art Neu-Jahnscher Wehrertüchtigung jegliche Legitimationshilfe verwehren.

Das Wort „Kriegstauglichkeit“ wäre eigentlich der konkurrenzlose Kandidat für das „Unwort des Jahres“ gewesen, das jedes Jahr von einer Jury vergeben wird. Die Jury hat sich nicht getraut. Geworden ist es „biodeutsch“. Der Gewinner hatte nur 10 Einsendungen. „Kriegtauglichkeit“ wollten 58 Voten. Wo bleibt die Hoffnung? Hier ist sie.

Fußnoten:

1 Deutscher Bundeswehrverband:
https://www.dbwv.de/aktuelle-themen/blickpunkt/beitrag/merz-bei-koerber-stiftung

2 https://dslv-niedersachsen.de/wp-content/uploads/2024/08/Sportunterricht-Brennpunkt-August-2024.pdf

Auf den Spuren von Walburga

Zu Besuch im KZ Auschwitz, wo das Leben meiner Großmutter endete

Von Rudolf Stumberger

Bild: pixabay

Die Fahrt mit dem Vorortzug vom Hauptbahnhof in Krakau nach Auschwitz dauert etwa eineinhalb Stunden; der Zug hält alle zehn Minuten an einer kleinen Haltestelle. Es gibt auch schnellere Züge, doch dieser hier erschien mir von der Abfahrtszeit günstig. Je weiter wir uns von Krakau entfernen, desto geringer wird die Zahl der Fahrgäste. Schließlich sitze ich an diesem Montagnachmittag alleine im Abteil, draußen vor dem Fenster huscht die Landschaft vorbei. Waldstücke mit Laubbäumen, darunter viele Birken, wechseln ab mit Feldern, auf denen noch der Mais steht. Das Land ist flach, hie und da von Gewässern durchzogen.

Ob wohl auch Walburga diese Aussicht hatte? Meine Großmutter wurde im März 1943 mit Hunderten anderer Frauen vom Gefängnis im oberbayerischen Aichach in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert, mit der Eisenbahn. Am 7. April beschwerte sich der Gendarmerieposten Aichach über das »primitive Waggonmaterial«, das dabei zum Einsatz kam. Die eingesetzten beiden Waggons seien für die dreieinhalbtägige Fahrt »ungeeignet« gewesen. Für das Begleitpersonal habe es keine Kabine zum Ausruhen gegeben, ein Waggon habe über keine Toilette verfügt und das Dach sei undicht gewesen. Die Anstaltsleitung des Frauengefängnisses schließt sich dieser Beschwerde »voll an«, da mit weiteren Transporten zu rechnen ist. Walburga, damals 47 Jahre alt, muss wohl auch diesen Weg genommen haben.

Gestorben ist meine Großmutter am 8. Mai 1943 im Alter von 47 Jahren. Als Todesursache steht »Durchfall« auf der Todesurkunde.

Wir fahren jetzt an dem Örtchen Dwory vorbei, hier baute die IG Farben 1942 ihr riesiges Buna-Werk, in dem die KZ-Häftlinge arbeiten mussten. Schließlich hält der Zug am Bahnhof mit dem Ortsschild Oświęcim, dem polnischen Namen für Auschwitz, jenem Begriff, der in Verbindung mit dem Konzentrationslager in aller Welt zum Synonym für das Grauen des Massenmordes wurde. Ich war schon einmal hier, vor Jahrzehnten als junger Mann, doch damals wusste ich noch nichts von Walburga und ihrem Schicksal, ein Tabu in meiner Familie.

Heute bin ich hier, um an einem internationalen Journalistenseminar teilzunehmen, das vom Museum Auschwitz-Birkenau organisiert wurde. Es geht auch um den Ausblick auf den 80. Gedenktag zur Befreiung des Lagers durch die Truppen der Roten Armee am 27. Januar 1945. Unsere Gruppe ist bunt zusammengewürfelt, die Journalisten kommen aus den USA, aus England, aus Österreich und Deutschland, auch ein Spanier und ein Ungar sowie eine Journalistin aus Rumänien sind dabei. Wir sind in einem modernen Hotel untergebracht; früher stand hier die Fabrik des örtlichen Likör­fabri­kanten Jakub Haberfeld, das Flüsschen Sola mit seinen grünen Auen ist nur ein paar Schritte entfernt. Wiederum ein paar Schritte in die entgegengesetzte Richtung findet sich der große Marktplatz inmitten der Altstadt von Auschwitz.

Um 1918 lebten viele jüdische Bürger in der Stadt, die mal zu Preußen, zuletzt zum Reich der Habsburger und zu dieser Zeit wieder zu Polen gehörte. Am 1. September 1939 marschierte Hitler in Polen ein, das innerhalb weniger Wochen von der Landkarte getilgt wurde. Oświęcim wurde zu Auschwitz und dem Deutschen Reich zugeschlagen. Und schon bald tauchten die ersten SS-Männer auf, die nach geeigneten Standorten für Konzentrationslager suchten.

Das Interessensgebiet

Unsere Gruppe wird von Pawel Sawicki betreut, einem früheren bekannten Radio-Moderator, der vor 17 Jahren beschlossen hatte, sein weiteres Berufsleben dem Auschwitz-Museum zu widmen. Dreieinhalb Stunden lang wird er uns durch Auschwitz 1 oder das Stammlager führen, das 1940 auf dem Gelände einer ehemaligen Kaserne errichtet wurde, um zunächst polnische Gefangene aufzunehmen, denn die Gefängnisse waren nach dem Sieg der Wehrmacht überfüllt mit Menschen, die Widerstand leisteten oder auch nur auf Verdacht verhaftet worden waren.

Im September 1939, als der Zweite Weltkrieg begann, saß meine Großmutter Walburga im Frauengefängnis Aichach eine mehrjährige Freiheitsstrafe ab. Das Landgericht München I hatte sie wegen kleiner Taschendiebstähle zu mehr als fünf Jahren verurteilt. Aber es war nicht das erste Mal – das Leben hatte es nicht gut mit ihr gemeint. Kleptomanisch veranlagt, hatte sie immer wieder kleine Geldbeträge gestohlen, manchmal vier Reichsmark, manchmal sieben. Sie selbst konnte sich ihr Handeln nicht erklären, doch die nun nationalsozialistisch gefärbte Justiz stempelte sie als »Gewohnheitsverbrecherin« ab. Viele der Frauen in Aichach saßen wegen kleiner Delikte ein: Unterschlagung einer Pelzjacke, unbefugter Verkauf von Strümpfen oder Diebstahl von Zuckerrüben etwa.

Zusammen mit Pawel Sawicki gehen wir an der ehemaligen Kommandantur vorbei in Richtung der Villa von Rudolf Höß, ab April 1940 der erste Kommandant des Konzentrationslagers. Das Haus ist heute in Privatbesitz, aber der dazugehörige Garten ist zugänglich. Der Kinofilm »The Zone of Interest« behandelt das Familienleben von Höß mit Frau und Kindern in der Gartenidylle, nur wenige Meter vom tödlichen, mit Starkstrom geladenen Stacheldraht entfernt, der das Lager umgab. Der Filmtitel verweist auf das von der SS erklärte »Interessensgebiet«, das sie für ihre Lagerpläne brauchte; die polnische Bevölkerung wurde vertrieben.

Tausend Meter Fußweg zwischen Stacheldrähten. Die aussortierten Menschen wurden hier entlang in die Gaskammern der Krematorien IV und V getrieben. edition ost/frank schumann, fritz schumann

Vor gut eineinhalb Stunden haben wir das Gelände des ehemaligen KZ durch das Haupttor mit der berüchtigten Aufschrift »Arbeit macht frei« betreten. Wir haben die Steinbaracken gesehen, in denen die Häftlinge zusammengepfercht auf Holzpritschen schlafen mussten. Den Gefängnisblock 11, auch »Todesblock« genannt. Im Keller waren kleine Verschläge zu sehen, die sogenannten Stehbunker, zugänglich nur durch ein Loch am Boden. Und die sogenannten Hungerzellen, in denen Häftlinge ohne Nahrung eingesperrt wurden, bis sie verhungert waren – das war die Vergeltung der SS für die Flucht von Gefangenen.

Das Lager mit seinen Erschießungsplätzen und dem Galgen war ein Ort des unendlichen Grauens und verzweifelten Überlebenskampfes der Häftlinge, um neben den Hinrichtungen dem Tod durch Hunger, Krankheit und Auszehrung zu entgehen. Doch sei Auschwitz, so erklärt Pawel Sawicki, über die knapp fünf Jahre seiner Existenz vom Sommer 1940 bis Januar 1945 nie ein einheitliches, gleichbleibendes Gebilde gewesen. Das Lager habe sich stetig verändert, sei permanent etwa den Anforderungen vonseiten des »Reichsführers SS« Heinrich Himmler angepasst worden, etwa als beschlossen wurde, KZ-Häftlinge für die IG-Farben-Fabrik zu stellen. Es habe sich quasi um die beständige Improvisation und Neuanpassung einer Todes- und Disziplinierungsmaschine gehandelt. Höß sprach in seinen Aufzeichnungen so auch von »einer nicht mehr abreißenden Kette von immer neuen Aufträgen, immer wieder neuen Planungen«.

Totenschein Nr. 19 683

Ich habe jetzt eine Verabredung in Block 24, direkt neben dem Haupttor. »Archiwum« steht auf einem roten Schild an der Eingangstür. Drinnen empfängt mich Wiktoria Piotrowska, eine junge Mitarbeiterin des Museums­archivs. Sie ist jene Frau, die mir auf Anfrage zum Schicksal meiner Großmutter geantwortet hat. Jeder kann sich auf der Suche nach Angehörigen an das Archiv in Auschwitz wenden und erhält eine Antwort. Sie bringt mich zu Wojciech Płosa, dem Archivdirektor; sein Büro liegt im ersten Stock des Gebäudes. Der 52-Jährige ist ein hagerer Mann mit Brille, umgeben von Aktenstößen auf den Tischen.

20 Mitarbeiter kümmern sich im Archiv um das, was übrig geblieben ist von den Akten und Dokumenten in Auschwitz. Denn: »Kurz vor der Befreiung des Lagers hat die SS an die 90 Prozent aller Unterlagen verbrannt«, erklärt Archivleiter Plosa. Heute umfasst der Bestand des Archivs deutsche Originaldokumente, Zeitzeugeninterviews, 39 000 Negative von Häftlingen, die bei deren Aufnahme im Lager gemacht wurden, 284 Dokumentationsbände der Zentralbauleitung der Waffen-SS mit Bauplänen und technischen Dokumentationen. Und zum Bestand des Archivs gehören auch 48 sogenannte Sterbebücher, mit 70 000 Sterbeurkunden der in Auschwitz Ermordeten.

Zwei der Bände stammen aus dem Jahr 1941, die restlichen von 1942 und 1943. Und hier stoße ich auch auf die Sterbeurkunde meiner Großmutter. Sie findet sich zwischen der Sterbeurkunde des Sattlers Johann Eggerer aus Fürth (gestorben 9. Mai 1943 im Alter von 48 Jahren, Todesursache »Bronchopneumonie«) und der von Zdenka Burianski aus Mähren (gestorben am 12. Mai 1943 im Alter von 21 Jahren, Todesursache »Grippe bei Körperschwäche«).

Die Todesurkunde meiner Großmutter ist, wie die anderen auch, datiert auf den 20. Mai 1943; gestorben ist sie am 8. Mai im Alter von 47 Jahren. Oben trägt der Schein die Nummer 19 683. So viele Menschen sind in diesem Jahr bis zu diesem 20. Mai 1943 im Lager gestorben, jedenfalls wenn sie registriert wurden, was bei Hunderttausenden nicht der Fall war. Als Todesursache steht »Durchfall« auf dem Papier, unterzeichnet vom »Doktor der Medizin Rhode«. Ausgestellt wurde der Totenschein von einem »Standesamt Auschwitz«. »Dieses Standesamt gehörte zur Politischen Abteilung der Lagerverwaltung«, erklärt der Archivdirektor. Man hatte dort eine Liste mit Todesursachen, aus denen man sich jeweils eine beliebige heraussuchte und in den Totenschein eintrug.

Am zweiten Tag des Journalistenseminars steht ein Rundgang im Lager Auschwitz-Birkenau auf dem Programm, nur wenige Kilometer vom Stammlager entfernt. Mit dem Bau dieses Lagers wurde im Herbst 1941 begonnen, es sollte gigantische Ausmaße haben und war zunächst für 50 000, dann bis zu 200 000 sowjetische Kriegsgefangene gedacht. Die Lebensbedingungen in Auschwitz-Birkenau waren noch entsetzlicher als im Stammlager. Auf sumpfigem Gelände wurden Baracken aus Ziegelsteinen errichtet, in die statt 180 Personen über 700 hineingepfercht wurden.

Die meisten Gefangenen mussten in Baracken aus Holz schlafen, die ursprünglich als Pferdeställe gedacht waren, ungeschützt gegen die Kälte im Winter. Die hygienischen Verhältnisse waren katastrophal, bei Regen verwandelte sich das Gelände in ein Schlammloch. Die Häftlinge wurden von Ungeziefer geplagt, es breiteten sich Epidemien wie Typhus und Fleckfieber aus. Nachdem die ersten eingelieferten sowjetischen Kriegsgefangenen rasch gestorben waren, änderte sich 1942 der Charakter von Auschwitz: Es wurde nun zum Vernichtungslager für die in Viehwaggons herantransportierten Juden.

Im Frauenlager

Wir stehen an der Bahnrampe hinter dem Haupttor von Auschwitz-Birkenau. Linker Hand sind auf dem riesigen Gelände die noch vorhandenen Steinbaracken zu sehen, rechter Hand einige Holzbaracken. Von den meisten ist freilich nur noch der steinerne Kamin stehen geblieben. Es ist früh am Morgen, über dem Museum liegt eine große Stille. Während beim gestrigen Besuch im Stammlager die Sonne schien und den furchtbaren Ort in ein viel zu freundliches Licht tauchte, rollen jetzt schwere Wolken über einen dunklen Himmel, ab und zu fallen ein paar Regentropfen. Ganz hinten im Lager, werden wir später sehen, befinden sich die Überreste der Gaskammern, die kurz vor dem Rückzug der SS gesprengt wurden. Das Lager war intern durch Stacheldraht in verschiedene Zonen abgeteilt: das Männerlager, das Frauenlager, das Zigeunerlager, das Effektenlager. Eine Stadt des Grauens. An der Bahnrampe, an denen die Ärzte die Selektion vornahmen zwischen den arbeitsfähigen Juden und jenen, die ins Gas getrieben wurden, steht einer der Waggons, aus denen die Opfer damals gestiegen sind.

Es gibt eine Reihe von Fotos, aufgenommen 1944 von der SS, die die Ankunft aus Ungarn deportierter Juden an der Selektionsrampe zeigen. Die Bildserie – eines der wenigen fotografischen Dokumente aus dem Lager, in dem Fotografieren ansonsten streng verboten war – sollte wohl der SS-Führung die Effektivität des Selektionsprozesses vorführen. Mit jedem Foto werden die Menschen an der Rampe weniger, schmilzt der aufgetürmte Berg mitgeführter Habseligkeiten. Am Schluss ist die Rampe leer, die SS hat ihre Arbeit getan, entspannt schlendern ein paar Uniformierte am Gleis entlang.

Walburga überlebte nicht einmal fünf Wochen in Auschwitz.

Am Ende des Rundgangs besichtigen wir noch einige Steinbaracken, darunter eine Küche und eine Latrine, bei denen gerade Erhaltungsmaßnahmen durchgeführt werden. Sie liegen im Sektor B1, in dem das Frauenlager von Auschwitz untergebracht war. Hierher wurde Walburga Ende März 1943 verschleppt. Über ihr Schicksal war ein halbes Jahr zuvor gut 600 Kilometer weiter östlich in Schitomir, einer Stadt in der Ukra­ine, entschieden worden. Dort hatte der »Reichsführer SS« Heinrich Himmler sein Feldquartier aufgeschlagen. In einer fünfstündigen Besprechung einigten sich im September 1942 der SS-Führer und Reichsjustizminister Otto-Georg Thierack darauf, alle im Gewahrsam der deutschen Justiz befindlichen Juden, Zigeuner, Russen und Ukra­iner sowie alle Polen mit mehr als dreijährigen und alle Tschechen und Deutschen mit über achtjährigen Haftstrafen der SS zu übergeben. Gleiches galt für die rund 15 000 Deutschen, die sich Mitte 1942 in den Gefängnissen in Sicherungsverwahrung befanden. Dazu gehörte auch Walburga. »Auslieferung asozialer Elemente aus dem Strafvollzug an den Reichsführer SS zur Vernichtung durch Arbeit«, schreibt Thierak später in seinem Protokoll über diese Besprechung.

Bereits im Oktober 1942 wird mit einem Geheimerlass des Justizministeriums die Auslieferung »asozialer Elemente« aus dem Strafvollzug an die SS zur »Vernichtung durch Arbeit« angeordnet; am 1. November 1942 beginnt die Selektion in den Haftanstalten. Rechtlich bedeutete diese Auslieferung den totalen Rückzug der Justiz – die Betroffenen erwartete kein Gerichtsverfahren mehr, sondern nur noch die Willkür von SS, Gestapo und Polizei. Bis zum 30. April 1943 waren 14 700 Personen aus den Haftanstalten in die Konzentrationslager deportiert worden, davon waren bereits am 1. April über 5900 verstorben.

Die Haft im überfüllten Frauengefängnis in Aichach war sicher kein Zuckerschlecken. Zeitweilig waren in der für 500 Insassen gebauten Anstalt bis zu 2000 Frauen untergebracht, darunter politische Gefangene wie die bekannte Augsburger Kommunistin Anna Pröll. Manche Gefangene waren verzweifelt, wie eine gewisse Anna G., die am 19. Februar 1940 insgesamt 43 Nägel, 10 Näh- und zwei Stecknadeln verschluckte. Aber die Gefängnisse unterstanden nicht der SS, es ging nicht um das nackte Überleben. Anders als bei den mehr als 350 Frauen in »Sicherungsverwahrung«, die als »Haftunterbrechung« von Aichach nach Auschwitz in den Tod geschickt wurden.

Im Frühjahr 1943 beherbergte das Frauenlager 20 000 Frauen, die dort unter infernalischen Bedingungen in Baracken und auf faulen Strohsäcken dahinvegetierten. Die Wienerin Ella Lingens, die als Ärztin und »Arierin« durch ihre Tätigkeit im Krankentrakt überlebte, beschrieb die Zustände im Frauenlager so: »Das Gros der Frauen glich hässlichen, alten Skeletten, die sich wie durch ein Wunder auf den Beinen hielten.« Wer sich nicht irgendwie zusätzliche Nahrung verschaffen konnte, »starb in Auschwitz in der Regel zwischen dem vierten und dem zehnten Lagermonat«. Im März 1943, als die Frauen aus Aichach ins Lager kamen, wütete dort das Fleckfieber. »Die Mortalität lag bei etwa 80 Prozent«, so Lingens in ihren Erinnerungen, »Tote, Tote, wohin man blickte.« Walburga überlebte nicht einmal fünf Wochen in Auschwitz. Die meisten Frauen aus Aichach teilten ihr Schicksal.

Ich stehe bei den Fundamenten einer der Baracken aus dem Frauenlager, der Schornstein ist am Zerbröckeln. Inzwischen ist es fast Mittag, das Lager füllt sich mit Besuchergruppen, die auf den Kieswegen unterwegs sind. Der Himmel hat sich ein wenig aufgehellt. Ich denke an Walburga, die Großmutter, die ich nie kennengelernt habe. Die Gefängnisakten aus Aichach sind das wenige, was von ihr geblieben ist. Ich lege einen Blumenstrauß nieder.

Erstveröffentlicht im nd v. 24.1. 2025
https://nd.digital/editions/nd.DieWoche/2025-01-25/articles/16393742

Wir danken für das Publiktionsrecht.

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