Aufrüstung und Klimaschutz: Die Welt am Kipppunkt

Open Source :

Eine rationale Weltinnenpolitik muss die Gefahr eines sich ausweitenden Krieges reduzieren und zugleich Klimawandel und ökologische Verwüstung rasch bremsen.

Von Fabian Scheidler

Wenige Tage nach dem russischen Angriff auf die Ukraine erschien ein neuer Bericht des UN-Klimarats IPCC, der unmissverständlich klarmacht: Die Erde steht kurz davor, in ein unkontrollierbares Klimachaos zu kippen, wenn nicht sehr schnell gegengesteuert wird. Die Hälfte der Weltbevölkerung, so der Bericht, ist schon jetzt durch die Auswirkungen des Klimawandels gefährdet. Das sind gut 3,5 Milliarden Menschen. UN-Generalsekretär Guterres wählte deutliche Worte: „Der Bericht spricht ein verdammendes Urteil über das Versagen der Klimapolitik. Die Weigerung zu entschlossenem Handeln ist kriminell. Die größten Emittenten der Erde machen sich der Brandstiftung an unserem einzigen Zuhause schuldig.“ Das Zeitfenster, in dem wir noch die schlimmsten Folgen verhindern können, schließt sich schnell. Doch diese Botschaft droht im Lärm des Krieges weitgehend ungehört zu verhallen. Dabei hat sie weitreichende Konsequenzen – auch für die Frage, wie unsere Regierungen auf die Ukrainekrise reagieren sollten.

Die doppelte Gefahr von Klimakollaps und Atomkrieg spiegelt sich in der sogenannten Doomsday Clock („Weltuntergangsuhr“), die von der Zeitschrift der US-amerikanischen Atomwissenschaftler veröffentlicht wird. Die Zeiger standen bereits vor dem russischen Überfall auf 100 Sekunden vor Mitternacht. Eine rationale Weltinnenpolitik muss daher alles tun, um die Zeiger Stück für Stück zurückzudrehen und uns aus der Gefahrenzone herauszumanövrieren. Und das bedeutet: Die Gefahr eines sich ausweitenden Krieges, gar eines nuklearen Weltkrieges reduzieren und zugleich Klimawandel und ökologische Verwüstung rasch bremsen. Die Antworten auf die Ukrainekrise müssen daher auf diesen doppelten Prüfstand.

Der größte Militarisierungsschub der Bundesrepublik

Bundeskanzler Scholz hat nun 100 Milliarden Euro zusätzlich für die Bundeswehr angekündigt sowie eine Erhöhung der jährlichen Militärausgaben auf zwei Prozent des BIP – das wäre der größte Militarisierungsschub in der Geschichte der Bundesrepublik. Das scheint zwar angesichts der schockierenden russischen Aggression auf den ersten Blick verständlich, doch drängen sich beim zweiten Hinsehen einige gravierende Fragen auf. Zunächst einmal die naheliegendsten: Hilft dieses Geld für die Rüstung den Menschen in der Ukraine? Wird es den Krieg verkürzen? Die Antwort lautet: Höchstwahrscheinlich nicht, denn ein rasches Ende der Kämpfe kann nur durch Verhandlungen erreicht werden. Macht es mittel- und langfristig Europa und die Welt sicherer? Das ist zumindest sehr fragwürdig. Die Geschichte lehrt, dass Rüstungsspiralen die Wahrscheinlichkeit von großen Kriegen eher erhöhen. Beispiel Erster Weltkrieg. Großbritannien, Deutschland und Frankreich lieferten sich vor 1914 einen beispiellosen Überbietungswettbewerb militärischer Vernichtungskraft. Am Ende genügte die regionale Krise um Serbien, um Europas „Schlafwandler“ in die bis dahin größte Katastrophe seiner Geschichte zu stürzen. Die Bündniskonstellationen rissen eine Nation nach der anderen mit in den Abgrund. All die Waffen hatten Europa nicht sicherer gemacht.

Die Präsenz von Atomwaffen fügt dem noch eine ganz andere Dimension hinzu. Ein nuklearer Schlagabtausch würde nicht nur die von den Bomben getroffenen Regionen der Nordhalbkugel unbewohnbar machen, sondern durch den folgenden nuklearen Winter auch die Landwirtschaft global zerstören und die Menschheit dadurch so gut wie ausrotten.

Der Militarisierungsschub beeinträchtigt die Möglichkeit von Klima-Investitionen erheblich

Man muss heute auch die Frage anfügen, warum denn ein Nato-Militärbudget von derzeit sage und schreibe 1,2 Billionen Dollar pro Jahr – das sind 60 Prozent der weltweiten Militärausgaben – nicht genügen soll, um Russland, das seinerseits lediglich über ein Budget von 62 Milliarden Dollar verfügt, davor abzuschrecken, Nato-Mitglieder anzugreifen. Machen uns 1,5 Billionen Dollar wirklich sicherer? Hat der Ausgabenzuwachs in der Nato um 25 Prozent von 2014 bis 2021 un in der Bundesrepublik um gar 40 Prozent mehr Sicherheit gebracht und den Krieg in der Ukraine verhindert? Und wozu sind all die Atomwaffen gut, wenn selbst ihre Befürworter gar nicht daran glauben, dass die Abschreckung wirklich funktioniert?

Eine weitere prinzipielle Frage ist, welchen Effekt die zusätzlichen dreistelligen Milliardenbeträge für das Militär auf die Bewältigung der zweiten großen Bedrohung für unser Überleben, nämlich der Klimakatastrophe haben werden. Wo wird dieses Geld herkommen und wem wird es am Ende fehlen? Der US-Ökonom Robert Pollin hat den bisher umfassendsten Vorschlag für einen Green New Deal vorgelegt, mit dem das nahende Klimachaos noch abgewendet werden könnte. Es beinhaltet Investitionen in den ökologischen Umbau in Höhe von 4,5 Billionen Dollar pro Jahr, die von den Hauptverursachern der Klimakrise aufgebracht werden müssen. Das entspricht etwa 2,5 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung. Andere Berechnungen, etwa von Jeffrey Sachs, kommen auf ähnliche Größenordnungen. Der aktuelle Militarisierungsschub beeinträchtigt die Möglichkeit dieser Investitionen erheblich und rückt uns daher weiter an die Mitternacht heran. Statt in den ökologischen Generalumbau, für den wir nur noch ein Jahrzehnt Zeit haben, wird das Geld in die klimaschädlichsten aller Wirtschaftssektoren gesteckt. Das US-Militär ist bereits heute der größte Emittent von Treibhausgasen weltweit.

Wir können es uns schlichtweg nicht leisten, für einen mehr als fragwürdigen Gewinn an Sicherheit unsere Ressourcen in eine weitere Militarisierung zu kanalisieren. Anstelle von blinder Aufrüstung müssen als Antwort auf die existentielle Doppelkrise andere, intelligentere Wege beschritten werden. Wie Bill McKibben, der Gründer der Klimabewegung 350.org, treffend bemerkte, brauchen wir als Reaktion auf Putins Krieg eine Großoffensive der erneuerbaren Energien und des ökologischen Umbaus, um von genau jenem Erdöl und Erdgas wegzukommen, das autoritäre Regierungen rund um den Erdball alimentiert und Kriege anheizt. Dezentrale erneuerbare Energien machen auch ökonomisch weit weniger verwundbar als die derzeitige Abhängigkeit von Gas und Öl.

Mit fortgesetzten Waffenlieferungen in das Kriegsgebiet machen sich die westlichen Staaten selbst zur Konfliktpartei

Was die Lage in der Ukraine betrifft, so geht es in der kurzen Frist darum, dass EU und Bundesregierung Bemühungen für die Vermittlung eines Waffenstillstandes aufnehmen, denn das ist das Einzige, was der ukrainischen Bevölkerung helfen kann. Dies aber kann nur gelingen, wenn die westlichen Staaten sich nicht durch fortgesetzte Waffenlieferungen in das Kriegsgebiet selbst zur Konfliktpartei machen. Mittel- und langfristig führt kein Weg daran vorbei, eine grundlegend neue Sicherheitsarchitektur für Europa zu entwickeln, und zwar mit allen Beteiligten, so schwer das seit dem russischen Angriffskrieg auch geworden ist. Das außenpolitische Vermächtnis von Willy Brandt und sogar von Helmut Kohl („Frieden schaffen mit immer weniger Waffen“) kann selbst in finsteren Zeiten wie den heutigen noch als Richtschnur dienen. Brandts Überlegung war damals einfach: Die Frage ist nicht, was wir von der Regierung im Kreml halten, ob wir ihre Handlungen gutheißen oder verurteilen. Selbst wenn wir meinen, dass dort die Inkarnation des Bösen sitzt, geht es noch immer darum, angesichts der Gefahr eines Atomkrieges unser Überleben zu sichern und zugleich konkrete Erleichterungen für die Menschen zu erreichen. Es geht um mehr als nur ums Rechthaben. Es geht um einen Realismus des Überlebens.

Wir danken dem Autor für den zur Verfügung gestellten Open Source-Artikel.

Fabian Scheidler ist Historiker und Philosoph, zuletzt erschien sein Buch„Der Stoff, aus dem wir sind. Warum wir Natur und Gesellschaft neu denken müssen“ (Piper 2021).

Seine Website findet sich hier:

www.fabian-scheidler.de

Militär, Umwelt und Klima

von Karl Heinz Peil

Die Menschheit ist heute vor allem durch Atomwaffen und Klimawandel bedroht. Beides hängt eng zusammen. Ohne Abrüstung werden die Ressourcen fehlen, um die notwendige sozial-ökologische Wende zur Bekämpfung des Klimawandels und anderer Umweltkatastrophen zu erreichen. Das Militär verschwendet aber mit der Aufrüstung nicht nur gewaltige Ressourcen, sondern ist gleichzeitig auch ein Hauptverursacher der Belastungen für Umwelt und Klima.

Kriege führen zu massenhaften Verlusten an Menschenleben durch die unmittelbaren Kampfhandlungen. Ihre Folgen reichen jedoch noch weiter. So wurde die Umwelt immer wieder für kriegerische Zwecke in Mitleidenschaft gezogen, Felder wurden verbrannt, Gewässer vergiftet und Land unbrauchbar gemacht, um der Bevölkerung und gegnerischen Truppen die Existenzgrundlage zu entziehen. Immer mehr kommt es bei Kriegen direkt oder indirekt auch zur Schädigung natürlicher Ökosysteme. Gewaltige Schädigungen verursachte der Zweite Weltkrieg mit Flächenbombardements und der Verminung von Land und Ozeanen. Viele Waffeneinsätze haben zudem Langzeitwirkungen für die menschliche Gesundheit durch Schadstoffe, die sich im Trinkwasser und der Nahrungskette anreichern.

Kriege und Kriegsfolgen

Die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki waren der erste Massenmord der Geschichte mit unmittelbar mehr als 100.000 Toten. Noch gravierender waren aber die Langzeitwirkungen der radioaktiv verseuchten Orte. Dort starben über die Jahrzehnte weitere Hunderttausende nach qualvollen Erkrankungen. Die erst im Gefolge des Moskauer Vertrages über den teilweisen Teststopp von 1963 eingestellten oberirdischen Kernwaffentests verursachten ebenfalls weitreichende Schäden für Mensch und Umwelt. Der Einsatz auch nur eines Bruchteils der heutigen atomaren Waffenarsenale, die offiziell der „Abschreckung“ dienen sollen, würde nach Studien eine Klimakatastrophe („atomarer Winter“) auslösen und die Menschheit schwer treffen. Der Vietnam-Krieg in den 1960er und 1970er Jahren war der erste Krieg, der sich gezielt auch gegen Natur und Umwelt richtete. Das US-Militär setzte großflächig das Entlaubungsmittel Agent Orange ein, um Wälder und Nutzpflanzen zu zerstören. Damit sollte die Nutzung des Dschungels als Versteck und gegnerische Nachschubroute unterbunden werden. Millionen Menschen in Vietnam erkrankten oder starben; bis heute kommen dort Kinder mit genetischen Schäden zur Welt.

In den Kriegen der US-geführten Koalition gegen den Irak 1991 und 2003 kam es zu Umweltschäden in Gestalt von Flächenbränden kuwaitischer und irakischer Erdölfelder, verursacht vor allem von den sich zurückziehenden Truppen Saddam Husseins. Im Irak wie auch im NATO-Krieg gegen Jugoslawien wurde Munition eingesetzt, die aus metallischen Uranabfällen mit enormer Härte und Dichte sowie mit Rest-Radioaktivität besteht, womit eine hohe  Durchschlagskraft beim Auftreffen auf Ziele erreicht wird. Durch die auftretenden sehr hohen Temperaturen wird das Uran in Mikropartikel zerstäubt und in der Umwelt breit verteilt. Bei Menschen dringen diese Partikel in die Blutbahn ein und rufen schwere genetische Schäden sowie Krebserkrankungen hervor. Dies ist aus den genannten Kriegsgebieten zwar gut dokumentiert, wird aber dennoch vertuscht. Angesichts der radioaktiven Halbwertszeit des angereicherten Urans von 4,7 Milliarden Jahren bestehen damit Umweltlasten für die Ewigkeit.

Militarisierung und Umwelt

Doch nicht nur Kriege verursachen Schäden für Umwelt und Klima. Das Militär schädigt bereits durch Aktivitäten wie Truppenbewegungen, Manöver und dergleichen die Umwelt und trägt damit zum Klimawandel bei. Weltweit verbraucht es riesige Mengen fossiler Brennstoffe und setzt beträchtliche Mengen an Treibhausgasen frei. In einer Studie über die Treibstoffnutzung des Pentagon, Klimawechsel und Kriegskosten1 verweist die US-amerikanische Politologin Neta Crawford auf den riesigen Energiebedarf der Streitkräfte, meist in Form fossiler Brennstoffe. So ist das Pentagon der weltweit größte institutionelle Verbraucher von Erdöl und damit auch der größte institutionelle Verursacher von Treibhausgasen. Allein in einem Jahr seien diese Emissionen größer als die vieler Staaten. So wären die vom Pentagon verursachten Treibhausgas-Emissionen 2017 höher gewesen als die von Industrieländern wie Schweden, Dänemark und Portugal. Wenn das US-Militär seine Treibhausgas-Emissionen signifikant senkte, so Crawford, würde es die Sicherheitsbedrohungen infolge von Klimawandel weniger wahrscheinlich machen. Immerhin seien Militär und Geheimdienste zunehmend besorgt, dass der Klimawandel die nationale und internationale Sicherheit bedrohe und sogar zu kriegerischen Konflikten führen könnte. Allerdings würde dabei übersehen, dass das Pentagon durch seine Treibhausgas-Emissionen selbst erheblich dazu beitrage. In dem 1997 verabschiedeten Kyoto-Protokoll wurde als Maßnahme gegen die globale Erwärmung festgelegt, dass alle Länder jährliche Rechenschaftsberichte über die von ihnen verursachten Treibhausgase erstellen, mit Hinweisen zu Reduktionszielen bei den ausgewiesenen Einzelpositionen. Auf Betreiben der USA wurde aber das Militär ausgeklammert. Wenngleich mittlerweile in den sogenannten Nationalen Inventarberichten überwiegend die militärisch verursachten CO2-Emissionen ausgewiesen werden, so bleiben diese doch recht lückenhaft. Denn das Militär verursacht nicht nur CO2-Emissionen durch Wärmeund Stromverbrauch in den heimischen Liegenschaften und den zivilen Fuhrpark, sondern mehr oder weniger bei Auslandseinsätzen, die auch in Deutschland immer mehr zur erklärten Zielsetzung werden. Letztere werden aber in CO2-Inventarberichten nicht dokumentiert. Im Ende 2019 beschlossenen Klimapaket der Bundesregierung kommt das Militär in Gestalt der Bundeswehr nicht vor, obwohl sie den überwiegenden Teil der CO2-Emissionen von Bundesinstitutionen verursacht. In Deutschland wird zwar formell der größte Teil an CO2-Emissionen jährlich dokumentiert, aber ohne Reduktionsziele. Allerdings ist die Bundeswehr mit ca. 250.000 militärischen und zivilen Beschäftigten die mit Abstand größte Institution auf Bundesebene und damit auch der größte Verursacher von Treibhausgasen unter Regierungsverantwortung. Doch auch wenn es keine öffentlichen, umfassenden Messwerte über die Emissionen der Bundeswehr gibt – sie sind enorm. Darauf verweist Jacqueline Andres in der IMI-Analyse „Krieg und Umwelt“.2 Es geht um ständige Kriegseinübung, die Errichtung und logistische Versorgung von Militärstützpunkten sowie die mit dem Militär zusammenhängende Rüstungsproduktion. Dazu einige Fakten:

– PilotInnen der Luftwaffe und SoldatInnen müssen Flugstunden absolvieren bzw. lernen, Panzer zu fahren oder Schiffe zu steuern. Solche militärischen Großgeräte verbrauchen Treibstoff in ganz anderen Dimensionen als zivile Fahrzeuge, ein Kampfpanzer Leopard 2 im Gelände z.B. rund 539 Liter Diesel auf 100 km, ein Kampfjet Eurofighter etwa 3.500 kg Treibstoff, wobei die Eurofighter der Bundeswehr 2018 10.480 Stunden in der Luft waren und damit 115.280 Tonnen CO2 ausstießen.

– Zahlreiche nationale und multilaterale Militärmanöver schädigen nicht nur die zivile Infrastruktur, vor allem Straßen und Brücken, sondern auch die Natur. Militärischer Übungsbetrieb ist stets verbunden mit Belastungen für natürliche Lebensgrundlagen und Gesundheit von Menschen. 2019 führte die NATO insgesamt 102 gemeinsame Militärübungen durch; hinzu kamen 208 Übungen der Mitgliedstaaten im nationalen oder multilateralen Rahmen. Militärische Großübungen wie Defender 20 oder Atlantic Resolve haben die Verlegung von Soldaten und militärischem Großgerät quer durch Europa zum Ziel. Auch auf russischer Seite wird nicht an Großmanövern gespart.

– Militärübungen verursachen auch „Kollateralschäden“. So führte eine 2018 trotz akuter Waldbrandgefahr bei Meppen durchgeführte Raketenübung zu einem vier Wochen dauernden Moorbrand, der nach Schätzungen des NABU etwa 500.000 Tonnen CO2 freisetzte. Übungen mit Luftbetankungen von Kampfjets führen zu Schadstoffemissionen wie Kerosinablässe von Transportmaschinen vor (Not-) Landungen. Das erfolgt vorzugsweise über Naturregionen wie z.B. dem Pfälzer Wald im Einzugsbereich der US Air Base Ramstein.

– Einen „ökologischen Fußabdruck“ hinterlassen auch die Militärstützpunkte. Allein die USA unterhalten über 800 Militärbasen außerhalb des Landes und eine starke maritime Dauerpräsenz auf den Weltmeeren.

­­– Erhebliche Belastungen für Umwelt und Klima im laufenden Betrieb verursacht die Entwicklung und Produktion von Rüstungsgütern. In den USA wird circa 15 Prozent der Industrieproduktion für die Rüstung aufgewendet. Die damit verbundenen ökologischen Schäden durch Schadstoffbelastungen über die gesamte Produktionskette und Treibhausgas-Emissionen sind immens.

Eine besondere Thematik, die erst in den letzten Jahren in den Fokus gerückt ist, sind per- und polyfluorierte Kohlenwasserstoffe (PFAS). Da diese Stoffe in der Umwelt biologisch praktisch nicht abbaubar sind, können sie auch als Ewigkeitslasten bezeichnet werden. Durch Einträge in Boden und Grundwasser führen diese zu  Anreicherungen in der Nahrungskette und toxischen Langzeitwirkungen im menschlichen Organismus. Zwar sind PFAS prinzipiell in Tausenden von Alltagsprodukten enthalten, jedoch gilt ihre Verwendung in Feuerlöschschäumen zur Brandbekämpfung bei Flugzeugen als mit Abstand größter Einzelverursacher. Das erfolgte in der Vergangenheit zwar auch auf zivilen Flughäfen, jedoch exzessiv durch das US-Militär, um die kostspieligen Kampfjets vor Beschädigungen am Boden bei Feuerausbruch zu schützen. In den USA gelten etwa 1.000 Standorte als PFAS-belastet. Auch in Deutschland ist das bei über 100 militärischen Standorten der Fall oder befindet sich noch in der Untersuchung auf entsprechende Kontaminationen.

Fazit

Kriege und Übungen mit Kriegsgeräten haben eines gemeinsam: Rücksichtnahmen auf die Umwelt und Langzeitfolgen – auch für die menschliche Gesundheit – sind aufgrund der Mentalität des Militärs irrelevant. Allein die Beseitigung militärischer Altlasten müsste im Überlebensinteresse künftiger Menschheitsgenerationen zwingend eine Umleitung heutiger Rüstungsausgaben erfordern. Doch nicht nur Kriege, Kriegsübungen und deren Folgen stellen eine Menschheitsbedrohung dar. Die weiterhin eskalierenden Rüstungsausgaben entziehen notwendige Ressourcen für eine sozial-ökologische Wende sowie globalen Klimaschutz. Die hierfür dringend erforderlichen Aufwendungen betragen nur einen Bruchteil der weltweiten Aufrüstung. „Militärische Sicherheit“ wird immer mehr zum Euphemismus für die reale Unsicherheit der menschlichen Existenz. Weitere Aufrüstung hat unweigerlich eine von zwei existenzvernichtenden Konsequenzen: entweder durch einen globalen Atomkrieg oder durch die von Aufrüstung bedingte Verhinderung wirkungsvoller Maßnahmen gegen die globale Erwärmung. „Militärische Sicherheit“ steht zugleich auch für Konfrontation in Zeiten notwendiger globaler Kooperation, die aktuell zur Bekämpfung der Corona-Pandemie notwendig ist.

1 Zur Sttudie von Neta C. Crawford: IMI-Studie Nt. 7/2019. Das Militär: Auf Kriegsfuß mit dem Klima. https://www.imi-online.de/download/IMI-Studie20219-7-US-Klima-Web.pdf

2 Andres, Jacqueline (2020): Krieg und Umwelt. IMI-Analyse Nr. 34-2020. https://www.imi-online.de/2020/07/21/krieg-und-klima/.

Wir danken dem Autor Karl-Heinz Peil für das Recht seinen Beitrag hier in voller Länge veröffentlichen zu dürfen.
Der Artikel ist zuerst erschienen in „Welt Trends“ Nr. 174 / April 2021

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