Selenskyjs „Siegesplan“

Präsident Selenskyj besucht Deutschland und dringt auf weitere Mittelzusagen für einen von ihm entwickelten Plan für einen „Sieg der Ukraine“. Dabei steht Kiew einer Niederlage näher denn je zuvor; eine neue Massenflucht droht.

06 Sep 2024

Von German Foreign Policy

Bild: Ukrainian Presidential Press Office

BERLIN/KIEW (Eigener Bericht) – Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, der einen Plan für einen „Sieg der Ukraine“ über Russland entwickelt zu haben behauptet, trifft am heutigen Freitag zu einem Gespräch mit Bundeskanzler Olaf Scholz in Deutschland ein. Selenskyj hat die Ankündigung Berlins scharf kritisiert, über die seinem Land bereits fest zugesagten Mittel hinaus keine weiteren Milliardensummen mehr zur Verfügung zu stellen. Er wird Scholz mutmaßlich drängen, die Ankündigung zurückzunehmen. Auch bei US-Präsident Joe Biden will er sich bald für neue Gelder einsetzen. Den angeblichen Plan für einen „Sieg der Ukraine“ bringt er vor, während die ukrainische Offensive im Gebiet Kursk gescheitert ist und die russische Einnahme der Stadt Pokrowsk bevorsteht. Diese ist ein logistischer Knotenpunkt; ihr Verlust brächte die ukrainischen Streitkräfte einer Niederlage deutlich näher. Zugleich steht der Ukraine, weil Russland ihre Energieversorgung zerstört, womöglich eine neue Massenflucht bevor, die ihr selbst dringend benötigte Arbeitskräfte nehmen und in der EU wegen wachsenden Unmuts in der Bevölkerung für größere Unruhe sorgen dürfte. Russland erklärt sich zu Verhandlungen bereit.

Werbeoffensive für Waffen

Der kurzfristig für den heutigen Freitag angekündigte Deutschland-Besuch des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj ist Teil einer Werbeoffensive, mit der Kiew einen weiteren Schub an Unterstützung vor allem mit Waffen zu erreichen sucht. Bereits am Donnerstag war der ukrainische Verteidigungsminister Rustem Umjerow in Berlin zu einem Gespräch mit seinem deutschen Amtskollegen Boris Pistorius zusammengekommen; zuvor hatte Umjerow in Washington Verhandlungen über künftige Waffenlieferungen geführt. Selenskyj will heute an einem Treffen der Ukraine Defense Contact Group (UDCG) auf der US-Luftwaffenbasis Ramstein teilnehmen und am Nachmittag in Frankfurt am Main mit Bundeskanzler Olaf Scholz Verhandlungen unter vier Augen führen.[1] Thema ist mutmaßlich die Ankündigung der Bundesregierung, keine zusätzlichen Mittel an Kiew über die bereits fest zugesagten Gelder hinaus zu vergeben.[2] Selenskyj hat außerdem angekündigt, er werde in Kürze US-Präsident Joe Biden einen Plan für einen „Sieg der Ukraine“ über Russland vorlegen, für den freilich Washington die erforderlichen Mittel bereitstellen müsse.[3] Als denkbar gilt ein Treffen am Rande der UN-Generalversammlung; dort steht eine Rede von Biden für den 24., eine weitere von Selenskyj für 25. September in Aussicht.

Vor der Niederlage

Von dem „Sieg“, den Selenskyj für möglich erklärt, ist die Ukraine in Wirklichkeit weiter entfernt denn je. Die Offensive der ukrainischen Streitkräfte im russischen Gebiet Kursk ist längst ins Stocken geraten. Ihr Ziel, die russischen Truppen, die in der Ostukraine kämpfen, zu einer räumlichen Diversifizierung zu zwingen und damit ihren Ansturm im Gebiet Donezk zu schwächen, ist gescheitert. Während Moskau zur Verteidigung von Kursk Einheiten aus anderen Landesteilen herbeibeordert hat, rücken die russischen Truppen in Donezk weiter auf die Stadt Pokrowsk vor, die als ein wichtiger logistischer Knotenpunkt für die Versorgung der ukrainischen Streitkräfte im Osten des Landes gilt.[4] Die Einnahme des gesamten Gebiets Donezk, die Moskau anstrebt, gerät damit laut Einschätzung von Militärs so langsam in Reichweite. Zudem setzt Moskau die Zerstörung der ukrainischen Energieinfrastruktur fort – wie die Londoner Denkfabrik Royal United Services Institute (RUSI) bereits im Juni urteilte, mit „beeindruckender Genauigkeit“.[5] Das RUSI wies ebenfalls bereits im Juni darauf hin, manche gingen davon aus, im Winter werde es in der Ukraine teilweise nur vier Stunden Strom pro Tag geben. Dies werde zahlreiche ukrainische Zivilisten auf die Flucht treiben – und zwar nach Westeuropa.

Eine neue Fluchtbewegung

Dies wird voraussichtlich auf gleich mehreren Ebenen zu neuen Schwierigkeiten für die Ukraine und ihre westlichen Unterstützer führen. So löste die Aussicht, es könne demnächst „zu einer weiteren großen Fluchtbewegung kommen“, in der vergangenen Woche auf einem Treffen der EU-Außenminister erhebliche Sorgen aus.[6] Schon jetzt wächst der Unmut in der Bevölkerung über ukrainische Flüchtlinge. Schon im Frühjahr gab es erste Vorstöße deutscher Politiker, die die Streichung des Bürgergelds für vor dem Krieg geflohene Ukrainer verlangten.[7] Ähnliche Forderungen werden seit geraumer Zeit in Irland laut.[8] Umfragen zeigen, dass in Polen 95 Prozent der Einwohner der Ansicht sind, die Unterstützung für ukrainische Flüchtlinge solle reduziert werden, während nur noch 17 Prozent – im Vergleich zu 37 Prozent ein Jahr zuvor – eine langfristige Ansiedlung von Ukrainern in Polen für gut befinden, während schon 61 Prozent sich klar dafür aussprechen, die Flüchtlinge sollten sofort nach dem Ende des Kriegs in ihr Herkunftsland zurückkehren.[9] In den Niederlanden wiederum war der Anteil derjenigen an der Bevölkerung, die prinzipiell die Aufnahme von Flüchtlingen aus der Ukraine ablehnten, von lediglich 11 Prozent im Februar 2022 auf 23 Prozent im Februar 2024 gestiegen.[10]

Konsequenzen für Generationen

Droht in der EU – auch in Deutschland – der Unmut der Bevölkerung weiter anzuschwellen, so zeichnen sich vor allem für die Ukraine selbst gravierende weitere Probleme ab. So besteht schon jetzt ein Mangel an Arbeitskräften, weil zahllose Männer in die Streitkräfte einberufen wurden und weit mehr als eine Million Frauen, darunter vor allem gut ausgebildete, in die EU geflohen sind. Zwar gelingt es mehr und mehr, Arbeitsplätze mit verbliebenen Frauen zu besetzen; doch reicht die Zahl der verfügbaren Frauen Berichten zufolge längst nicht aus.[11] Sollte eine hohe Anzahl ukrainischer Zivilisten aufgrund der unzulänglichen Versorgung mit Energie und Wasser im Herbst oder im Winter tatsächlich in Richtung Westen fliehen, dann nähme der Arbeitskräftemangel noch weiter zu. Für die Zeit nach dem Ende des Kriegs sagen Demographen ohnehin schon jetzt eine desolate Situation voraus: Weil die Geburtenrate kriegsbedingt abgestürzt ist und eine hohe, stets weiter wachsende Zahl junger Männer an der Front umkommt, ist vollkommen unklar, wie sich die ukrainische Gesellschaft, die bereits jetzt durch Krieg, Flucht und Gebietsverluste zehn Millionen Menschen verloren hat, adäquat entwickeln können soll. Experten warnen vor „Konsequenzen für Generationen“.[12]

(Nicht) verhandlungsbereit

Während Selenskyj, neue militärische und soziale Katastrophen für die Ukraine vor Augen, zugunsten eines nicht erkennbaren „Sieges“ über Russland Verhandlungen über ein Ende des Krieges ablehnt, hat sich Russlands Präsident Wladimir Putin am gestrigen Donnerstag zum wiederholten Mal zu solchen Verhandlungen bereiterklärt. Wie Putin am Rande des Östlichen Wirtschaftsforums in Wladiwostok äußerte, könnten die Gespräche jederzeit aufgenommen werden. Grundlage könne die vorläufige Übereinkunft sein, die beide Seiten Ende März 2022 in Istanbul erreicht hatten, bevor Kiew sie – nicht zuletzt unter westlichem Druck stehend – zurückwies.[13] Als mögliche Vermittler nannte der russische Präsident China, Brasilien oder Indien.[14] Zu Gesprächen mit dem chinesischen Außenminister Wang Yi hatte sich erst im Juli der nun zurückgetretene ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba in der Volksrepublik aufgehalten.[15] China hat zuletzt am Dienstag vergangener Woche dazu aufgerufen, den Friedensplan zu unterstützen, den es zuvor gemeinsam mit Brasilien entwickelt hatte; der Appell erfolgte im Anschluss an ein Treffen mit Repräsentanten Brasiliens, Südafrikas sowie Indonesiens, bei dem es ebenfalls um die Beendigung des Ukraine-Kriegs gegangen war.[16] Lediglich im Westen bleibt Unterstützung für einen Waffenstillstand bislang aus – auch und vor allem in Deutschland.

[1] Ukrainischer Präsident will mehr Waffen: Scholz und Selenskyj treffen sich offenbar am Freitag in Frankfurt. tagesspiegel.de 05.09.2024.

[2] S. dazu Kursk und die Folgen.

[3] Selenskyj will Russland zum Frieden zwingen. Frankfurter Allgemeine Zeitung 28.09.2024.

[4] Sébastian Seibt: Why Ukraine’s Kursk offensive has failed to distract Russia from Donbas push. france24.com 04.09.2024.

[5] Sam Cranny-Evans: Bracing for the Hardest Winter: Protecting Ukraine’s Energy Infrastructure. rusi.org 24.06.2024.

[6] Thomas Gutschker: Ukrainischer Optimismus trifft auf europäische Skepsis. Frankfurter Allgemeine Zeitung 30.08.2024.

[7] „Unmut in der Bevölkerung“: Union will Bürgergeld für Ukraine-Flüchtlinge streichen. focus.de 18.04.2024.

[8] Ireland mulling cuts in support for asylum seekers, Ukrainian refugees. reuters.com 13.05.2024.

[9] Martin Fornusek: Polish attitudes towards Ukrainian refugees deteriorating, survey shows. kyivindependent.com 19.06.2024.

[10] Solidarity with Ukraine: more urgent than ever. dorcas.org 23.02.2024.

[11] Constant Méheut: War Is Draining Ukraine’s Male-Dominated Work Force. Enter the Women. nytimes.com 20.08.2024.

[12] Massimo Diana: Amid Russian aggression, Ukraine is also facing a demographic crisis. aljazeera.com 11.07.2024. S. auch „Europa ist im Krieg”.

[13] China, India and Brazil could mediate Russia-Ukraine talks, Russia’s Putin says. reuters.com 05.09.2024. S. auch Kein Wille zum Waffenstillstand.

[14] Zoya Sheftalovich: Putin says China, Brazil or India could act as intermediaries in Ukraine peace talks. politico.eu 05.09.2024.

[15] S. dazu Diplomatie statt Waffen.

[16] Huizhong Wu: China calls for more support for its Ukraine peace plan created with Brazil. apnews.com 27.08.2024.

Erstveröffentlicht am 6.9. 2024 bei German Foreign Policy
https://www.german-foreign-policy.com/news/detail/9674

Wir danken für das Publikationsrecht.

Statt Waffenstillstand – totaler Krieg von Israel – wo endet das?

Selbst der Spiegel meldete am 6. September:

„Von schlimm zu katastrophal in weniger als einer Stunde

Nach mehr als zehn Monaten Krieg bricht die medizinische Versorgung in Gaza zusammen. Kinder sterben an einfachen Infekten, da Medikamente fehlen. Und die Evakuierungstaktik der Israelis verschärft das Problem erheblich. [1](https://www.spiegel.de/ausland/gaza-humanitaere-lage-von-schlimm-zu-katastrophal-in-nur-eine-stunde-a-dc4bbd1e-e5e8-4707-bbc2-82eeabaeeb3b

Die permanente israelische Aggression auf den Gazastreifen ging gestern in seinen 336. Tag in Folge. Die Bombardierungen und Luftangriffe dauern an, die Zahl der Opfer steigt, während die Notlage durch die anhaltende Vertreibung in den südlichen Gebieten des Küstenstreifens ihren Höhepunkt erreicht.

In den letzten Stunden wurden die Zelte der Vertriebenen in verschiedenen Gebieten des Gazastreifens, insbesondere im Zentrum, Norden und Süden, mit beispielloser Intensität und Härte angegriffen.

Einer von vielen Vorfällen: Israelische Flugzeuge bombardieren Zelte, die Flüchtlinge in einer Schule in Jabalia im Norden des Gazastreifens beherbergen!

Mit den perfiden Regelungen werden immer wieder Möglichkeiten für humanitäre Hilfe unterlaufen!

Die NZZ vom 6. September meldet, dass der Schweizer Chef Lazzarini des Uno-Hilfswerks UNRWA für die Palästinaflüchtlinge nicht mehr nach Israel und Gaza einreisen darf! Er ist nur das prominenteste Opfer eines neuen Visaregimes, das die UN HilfsOrganisation hindert, ihren so dringend benötigten Job zu machen. [2]https://www.nzz.ch/schweiz/unrwa-chef-lazzarini-darf-nicht-mehr-nach-israel-einreisen-was-bedeutet-das-ld.1847224

Ohne das Uno-Hilfswerk für Palästinaflüchtlinge gäbe es keine Nahrungsmittelversorgung für 1,9 Millionen Palästinenser auf der Flucht und keine Polio-Impfkampagne für Zehntausende Kinder, wie sie gerade im südlichen Gazastreifen anläuft.

Laut UNRWA haben letzten Monat fast eine Million Vertriebene im Süden von GAZA keine Lebensmittelrationen mehr erhalten. Schon 70 % aller Schulen wurden von der IDF dem Erdboden gleich gemacht!

Seit Wochen kommen die Verhandlungen über einen Waffenstillstand nicht von Fleck.

Die rechtsextremen Hardliner um Netanyahu beharren auf ihren Maximalforderungen, die nicht einmal von der Führung des israelischen Militärs mitgetragen werden. Und von der Mehrheit der israelischen Bevölkerung schon gar nicht. 100 Tausende demonstrieren gegen die Netanyahu Regierung.

Neokoloniale faschistische Träume von Rechts und Big Bussiness

Volle militärische Kontrolle auf Ewig und Schließung des Palästinenserhilfswerkes UNRWA. Das sind Netanyahus Minimalziele, die ein Waffenstillstand nicht durchkreuzen darf. Zwei seiner Minister gehen offen weiter. Sie wollen einen Großteil der Gaza-Bevölkerung in den Kongo umsiedeln. Im Gazastreifen sollen Juden leben. 200 Tausend „Araber“ als Billigarbeitskräfte reichen aus. [3]https://taz.de/Zukunft-des-Gazastreifens/!5980050/ Das israelische Geheimdienstministerium empfahl schon letztes Jahr in einem anderen Vertreibungsmodell die gewaltsame und dauerhafte Umsiedlung der 2,2 Millionen palästinensischen Bewohner aus Gaza auf die ägyptische Sinai-Halbinsel. [4]https://gewerkschaftliche-linke-berlin.de/vertreibung-aller-palaestinenser-aus-dem-gazastreifen-empfiehlt-das-israelische-regierungsministerium/

Längst haben Pläne konkret Gestalt angenommen, das palästinensische GAZA vollständig auszuradieren, sich die Ausplünderung der Rohstoffe für alle Zeiten zu sichern und auf dem zerbombten entleerten Land eine kapitalistisch konsumorientierte Megacity mit modernster Infrastruktur hochzuziehen. So hat eine Gruppe israelischer Geschäftsleute die Vision eines „Singapur des Nahen Ostens“ erdacht. Auch deutsche Konzerne und Investoren sollen sich beteiligen können. Trümmer und Schutt könnten sich hervorragend als Füllmatierial für die neuen Wolkenkratzer eignen. [5]https://www.zdf.de/politik/auslandsjournal/globalpolitix-was-passiert-mit-gaza-102.html

Krieg, Gewalt und Besatzung in alle Richtungen

Israel hat schon vor Wochen die gesamte Grenzlandschaft zum Libanon einschließlich der wertvollen Olivenhaine durch international geächtetes Phosphorgas komplett verwüstet, unbetretbar und unpassierbar gemacht.

Sogenannte Präventivschläge heizen die explosive Spannung an. Auch am 6.9. haben Israelische Kampfflugzeuge mehr als 15 Abschussrampen und militärische Infrastruktur der Hizbullah-Miliz im Süden des Libanon attackiert. Die Provokationen können jederzeit zum grossen Krieg eskalieren.

Parallel etabliert Israel mit Außenposten neue Siedlungen im Westjordanland. Wöchentlich demonstrieren Palästinenser dagegen. Der Landraub zugunsten der radikalen Siedler schreitet in Schüben voran, bis wohl auch hier das letzte Land seinen palästinenschischen Bewohnern weggenommen ist.

Bis Freitag, den 6. September waren während der letzten israelischen Invasion in Städte und Gemeinden im Westjordanland 39 Menschen ermordet und 150 verletzt worden. Eine 26-jährige internationale Aktivistin, Aysenur Ezgi Eygi, eine US-Amerikanerin türkischer Abstammung, ist an diesem Morgen des 6. September ihren Verletzungen erlegen. Die Familie fordert eine unabhängige Untersuchung gegen die Besatzungsarmee. [6]https://youtu.be/nmEsbam-EgY?si=aFdSuUtfJd7sO7i8

Die Gesamtzahl der Todesopfer im Westjordanland liegt seit dem 7. Oktober 2023 bei 691. Über 5.700 Menschen wurden verletzt und über 10.400 Personen wurden inhaftiert.

Deutschland festgemauert in der „Staatsräson

Bundeskanzler Scholz auch jetzt wieder: „Deutschland steht an der Seite Israels.“ [7]https://www.deutschlandfunk.de/nahost-krieg-gazastreifen-zukunft-100.html

Kein Vernichtungskrieg, keine Menschenrechtsverletzungen, keine UN Beschlüsse oder Gutachten des IGH lassen Deutschland von seiner als Staatsräson deklarierten „bedingungslosen“ Unterstützung und militärischen Zusammenarbeit mit der zionistischen Politik Israels und der Netanyahu Regierung abrücken.

Die geäusserten Sorgen deutscher Politiker über die „humanitäre Katastrophe in GAZA“ wirken angesichts der praktizierten Rückendeckung heuchlerisch.

Deutschland steht international in der Kritik und isoliert mit dem Rücken zur Wand. Nicht nur die Länder des globalen Südens, die BRICS Staaten, mehr als eine Drei-Viertel Mehrheit der UN Vollversammlung, sondern auch fast alle internationalen Gewerkschafts-, Menschenrechts- und humanitären Hilfsorganisationen sowie der internationale Gerichtshof – sie alle verurteilen das militärische Vorgehen Israels und klagen Israel des Völkermords und Bruchs von Menschenrecht und Völkerrecht an!

Im Inland sprechen sich in Umfragen schon lange bis zu 70% der deutschen Bevölkerung gegen das Vorgehen der israelischen Armee im GAZA aus. Trotz einer Dauerpropaganda über alle Mainstreamkanäle, bedingungslos aus Gründen der Staatsräson, verpflichtend aus dem Holocaust, an der Seite Israels stehen zu müssen. Inzwischen haben laut einer ZDF Erhebung 48 % der Deutschen kein Vetrauen mehr in diese Medienberichterstattung zu Nahost. Ein absoluter Negativrekord.
Deutschlands scheinheilige „Antisemitismus“-Argumentation steht am Pranger!

Deutschland versucht laut weit verbreitetem internationalen Urteil mit einer scheinheiligen „Antisemitismus“-Argumentation die Unterstützung einer rechtsradikalen zionistischen Regierung zu kaschieren. Die moralische Verpflichtung aus dem Holocaust könne aber einzig und allein nur sein: nie wieder Täter oder Mittäter solcher Barbarei zu werden.

Menschen- und Völkerrecht sind unteilbar! Niemand sei auserwählt oder keinem Staat gebühre „bedingungslose“ Unterstützung, wenn er sich über elementares Menschen- und Völkerrecht hinwegsetzt.

Wer sich im Inland der globalen Kritik an Israel und dem deutschen Staat anschliesst muss befürchten, als Antisemit diffamiert und ausgegrenzt zu werden. Menschenrechtler und selbst Jüd:innen und Israel:innen bekommen Repressalien und die Willkür der staatlichen Behörden in Deutschland zu spüren, wenn sie öffentlich die rechtsradikale zionistische Politik Israels verurteilen und für die Rechte der Palästinenser demonstrieren. Eine israelkritische Jüdin in Berlin soll inzwischen die am meisten verhaftete Person Europas sein.

Die Parteien wollen mit einer Bundestagsresolution ihren heuchlerischen Meinungsdruck verschärfen!

Geplant ist ein Bekenntnis der Bundestagsparteien zur sogenannten „International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA). Diese Erklärung soll zur offiziellen Grundlage des Kampfes gegen Antisemitismus in Deutschland gemacht werden. Wider besseren Wissens. Denn die IHRA wird inzwischen sogar von ihren Urhebern wegen der Möglichkeiten zur Instrumentalisierung zugunsten der israelischen Besatzungspolitik und eines faschistischen Zionismus kritisch gesehen. Weltweite Warnungen aus dem Judentum selbst und der Holocaust Forschung werden ignoriert. Diese empfehlen statt der IHRA die Jerusalemer Erklärung.

Wer heute hinter die Jerusalemer Erklärung zurückfallt, stellt sich nicht ehrlich dem Anliegen, Antisemitismus wirksam bekämpfen zu wollen.“

Denn es geht darum, „dass der Antisemitismus zwar bestimmte charakteristische Merkmale aufweist, der Kampf dagegen jedoch untrennbar mit dem allgemeinen Kampf gegen alle Formen der rassischen, ethnischen, kulturellen, religiösen und geschlechtlichen Diskriminierung verbunden ist.“

Deutschland verfestigt mit dem Bekenntnis zu einer zweifelhaften Resolution seine Staatsräson zur unabdingbaren Unterstützung der israelischen Politik, die sich gerade vor unser aller Augen mit all ihren Hässlichkeiten abspielt.

Antisemitismus“ soll als Kampfbegriff gegen Kritik gegen Israel willkürlich mißbraucht werden können. Diese Art von Meinungsterror soll wohl durch die Resolution eine aufgefrischte legitime Fassade erhalten.

Damit wird aber dem eigentlichen Antisemitismus Vorschub geleistet. Eine diabolische Ignoranz, mit der die sogenannte „demokratische Mitte“ ihre eigenen moralischen Ansprüche gegen Rassismus und Neokolonialismus verfehlt und die sogenannte Brandmauer löchrig wie einen Schweizer Käse macht.

Geopolitisches Schachspiel

Die so verbissen wirkende und selbstrufschädigende Unterstützung des Vernichtungskrieges von Isreal hat geopolitische Gründe. Israel agiert als „Flugzeugträger“ und Ordnungshüter der USA im Nahen Osten. Deutschland hat sich mit dem Ukrainekrieg auf Basis seiner ökonomischen Macht ebenfalls zum militärischen Interprimus in Europa auserkoren lassen. Der Preis für diese wachsende imperiale Vormachtstellung des deutschen Kapitals ist die zunehmende Verwicklung in die internationalen Konflikte. Deutschland wird in die Pflicht genommen. Auf Seiten der USA. Kriegskurs unvermeidlich. Deutschland soll maßgeblich gegenüber Russland den USA den Rücken im Kampf gegen China freihalten.

Aktuelle Termine zur Solidarität
Der größte Feind nach 11 Monaten Krieg und scheusslichen Verbrechen ist die Gewöhnung. Wer sich davon überwältigen lässt, hat die erste Stufe zur „Kriegstüchtigkeit“ schon erklommen!

Spendenaktion für die Menschen im Gaza. Veranstaltung mit Podiumsdiskussionen und Basar: Stöbern Sie in wunderschönen handgefertigten Artikeln wie Kufiyas, Büchern, Schmuck und vielem mehr. Sie können sich auch ein Solo-Tattoo oder Henna machen lassen und an einem Tatreez-Workshop teilnehmen, Verlosung mit tollen Preisen

Ob Jüd:in , Muslim:in, Christ:in, Europäer:in, Deutsche,Palästineser:in oder Israel:in, ob Kurd:in oder Türk:in, ob Asiat:in, Afrikaner:in, Koreaner:in oder Amerikaner:in Kommt alle am 3.10. zur Demo nach Berlin "Nein zu Krieg und Hochrüstung! Ja zu Frieden und internationaler Solidarität"!

Alle gmeinsam haben wir Power gegen den Krieg!

Fotos Peter Vlatten

Eine Nacht, die nach Pfefferspray und Pyrotechnik riecht

Das Bündnis »Rheinmetall entwaffnen« versuchte am Freitag die Kieler Rüstungsindustrie zu blockiere

Von Anton Benz

Titelbild: Früh aufstehen gegen die deutsche Rüstungsindustrie: Gegen 3 Uhr morgens verließ der Protestzug das Camp im Kieler Werftpark. Foto: nd/Anton Benz

Es ist zwei Stunden nach Mitternacht, als ein Klingeln die Stille der Nacht durchschneidet. Ein zweiter Wecker stimmt mit ein, dann ein dritter und bald hallt ein leises Weckton-Konzert über den Kieler Werftpark. Ein mehrstimmiger Kanon aus den Klingeltönen von Android-Handys und iPhones. Zu den Sternen am schwarzen Himmel gesellt sich ein rot-grünes Blinken: eine Drohne der Polizei. Sie blickt hinab auf die letzten Vorbereitungen am Tag der Aktion für das antimilitaristische Bündnis »Rheinmetall Entwaffnen«.

Die meisten von denen, die gerade möglichst leise durch den Park wuseln, um noch einmal aufs Klo zu gehen, einen Kaffee zu trinken, oder die Zähne zu putzen, haben kaum ein Auge zugedrückt. Vor Aufregung, oder weil sie noch letzte Vorbereitungen treffen mussten. Denn es ist erst wenige Stunden her, als ihr Aktionsplenum in dem Zirkuszelt endete, das während der Aktionstage »Kiel entwaffnen! Rüstungsindustrie versenken!« eine Art Dorfplatz für das Camp darstellt. Dort wurde auf die bevorstehende Aktion eingeschworen. »Man kann den großen Krieg gegen China bereits am Horizont sehen«, mahnte ein Sprecher des Bündnisses. Und mit einer ruhigen Stimme, die etwas Wichtiges verheißt: »Wir fühlen uns verpflichtet einzugreifen«. Seine Kollegin ergänzt: »Wenn wir hier blockieren, kann die Rüstungsindustrie anderswo keinen Schaden anrichten«. Was genau blockiert werden soll, bleibt vorerst ein Geheimnis. Niemand soll die Pläne durchkreuzen.

Das Ziel bleibt geheim

Denn auch wenn der Name des Bündnisses es anders vermuten lässt, sein Protest beschränkt sich nicht nur auf den größten deutschen Rüstungskonzern Rheinmetall, sondern richtet sich gegen die deutsche Rüstungsindustrie als Ganzes. Mit Waffen aus Deutschland soll, wenn es nach »Rheinmetall Entwaffnen« geht, nirgendwo Krieg geführt werden. Und Kiel ist mit den Unternehmen rund um den Hafen einer der »Rüstungs- und Militär-Hotspots in Deutschland«, wie die Organisation schreibt.

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Nur so viel steht fest: die Aktivist*innen wollen ein »Werk der Kieler Rüstungsindustrie blockieren« und zwar in dem sie die Arbeiter der Frühschicht daran hindern, an ihren Arbeitsplatz zu gelangen. Doch auf dem Aktionsplenum geht es weniger um den konkreten Ort als um die Vorbereitung auf die Aktion. »Es ist sinnvoll, eine schwarze Regenjacke einzupacken«, heißt es, und Handschuhe solle man auch mitnehmen, diese würden »gegen die Kälte helfen«. Dass es nicht darum geht in einer Sommernacht warm angezogen zu sein, sondern durch ähnliche Outfits in der Masse unterzutauchen – das versteht hier jeder. Das Handy soll im Zelt bleiben, eine Nummer für rechtliche Hilfe mit Edding auf den Arm geschrieben werden und Wasserflaschen mit Saugverschluss gehören ebenfalls zur Ausrüstung. Damit kann Pfefferspray aus den Augen gespült werden. Die Flaschen werden später schneller gebraucht, als viele denken.

Auf das Aktionsplenum folgt die »Fingeraufstellung«, also eine Probe der Formation, in der sich die Menschenmenge nachts fortbewegen möchte. Die Protestierenden nennen einen eigenständigen Abschnitt ihres Demonstrationszugs Finger, weil sich die einzelnen Teile möglichst aufspreizen sollen, wenn der Kontakt mit der Polizei naht – so wie die ausgestreckten Finger von einer Handfläche.

Jetzt gilt es, das trainierte umzusetzen: Es ist 2:49 Uhr und die beiden Finger setzen sich in Bewegung. Laute Parolen dringen in das Schwarz der Nacht: »Kein Mensch, kein Cent der Bundeswehr«, »Krieg dem Krieg, überall – bringt die Nato jetzt zu Fall«, aber auch »Free, Free Palestine«. Über den hügeligen Werftpark, etwas östlich des Kieler Innenhafens, führt der Weg ein kurzes Stück durch einen Wald. Während die einen kräftige Schlachtrufe anstimmen, machen sich andere Sorgen über die bevorstehende Route: Mehrere Engstellen könnten der Polizei die Möglichkeit bieten, den Zug zu stoppen. Immer wieder warten am Rand Radler*innen, die sich kurz mit Personen aus der Menschenmasse austauschen. Sie erkunden offenbar die Gegend nach Polizeipositionen.

Parolen und Pfefferspray

Erleichterung bei Jonah Fischer vom Presseteam des Bündnisses: Die erste Gefahrenzone ist passiert. Dafür hat sich ein Polizeiauto vor das Menschenpulk gesetzt. »Die kritischste Stelle ist eine schmale Fußgängerbrücke über das Kieler Hafenbecken«, erklärt Fischer. Er läuft ein wenig abseits und verliert für einen Moment den Anschluss, weil der Demonstrationszug unerwartet links abgebogen ist. Der Grund wird wenig später sichtbar: Die Polizei hatte das Ende der Brücke tatsächlich abgeriegelt.

Prompt reagiert die Polizei auf die kurzfristige Änderung der Route: Auf der anderen Seite der Hafenbucht rast Blaulicht die Straße entlang. Eine Gruppe von Polizist*innen rennt hinterher. Anstatt über die Fußgängerbrücke geht es für die Aktivist*innen jetzt um das Hafenbecken herum. Unter einer Brücke für Autos kommt es zum Zusammenstoß: Beamte blockieren den Weg, doch die Aktivist*innen geben nicht nach und versuchen, sich durchzudrücken. Die Polizei reagiert mit Pfefferspray, Schlagstöcken, Schlägen und Tritten. In einer Pressemitteilung wird sie es später so darstellen: »Ein Teil des Aufzugs ging unvermittelt die Beamten an und versuchte massiv, die polizeiliche Absperrung zu durchbrechen«. Es ist die Rede von zwei verletzten Polizeibeamten, einer von ihnen »war nach einem Schlag mit einer Holzlatte nicht mehr dienstfähig«. Tatsächlich ist auf einer Videoaufnahme des »nd« ein Teilnehmer mit einer Holzlatte, vermutlich zum Halten eines Plakates, zu erkennen, aber nicht, wie damit zugeschlagen wird. Unklar bleibt, ob ein Angriff auf einen Polizisten zu einem anderen Zeitpunkt erfolgte.

Die Polizei durchkreuzte die Pläne des Bündnisses, ein Unternehmen der Kieler Rüstungsindustrie zu blockieren.
Die Polizei durchkreuzte die Pläne des Bündnisses, ein Unternehmen der Kieler Rüstungsindustrie zu blockieren. Foto: nd/Anton Benz

Jonah Fischer beklagt hingegen die »massive Gewalt« vonseiten der Polizei. An einem Brückenpfeiler haben Demosanitäter die Verletzten gesammelt. Es sind Schmerzensschreie zu hören und tränende Augen zu sehen. Szenen, wie nach einer Schlacht. Viele sitzen einfach nur da, lehnen mit hängenden Schultern und leerem Blick an Straßenpollern. Die freiwilligen Sanitäter haben alle Hände voll zu tun, sie versuchen Pfefferspray aus den Augen zu spülen und sich einen Überblick über die Verletzten zu verschaffen. Eine Person bekommt eine Halskrause angelegt. Wenig später trifft ein Krankenwagen ein und bringt sie ins Krankenhaus. Eine gebrochene Nase, wie Fischer wenig später erfährt. Die Angaben zu den Verletzten – auf beiden Seiten – lassen sich nicht unabhängig überprüfen.

Unter den Blicken einiger unbeteiligter Frühaufsteher, die das Geschehen von der Brücke aus beobachten, verliest ein Polizist die Auflagen für das weitere Vorgehen: Die Gruppe wird zu einer angemeldeten Kundgebung geführt, unter der Bedingung, dass sie auf Pyrotechnik und Vermummung verzichtet. »Auch FFP2-Masken zählen als Vermummung«, betont der Polizeisprecher mehrfach.

Blockierte Blockierer

Nach dem frühen Einschreiten der Polizei ist klar: Das ursprüngliche Ziel wird heute nicht mehr erreicht. Denn eigentlich – so viel ist inzwischen bekannt – wollte »Rheinmetall Entwaffnen« die Frühschicht der Anschütz GmbH stören, einem internationalen Unternehmen, dass unter anderem Navigationstechnik für die Raketenabwehr von Militärschiffen herstellt. Dass die Blockade keine leichte Sache sein würde, wurde spätestens mit Beginn des Camps zu Beginn der Woche deutlich. Denn die Kieler Rüstungsindustrie hat sich gerüstet. »Die Sicherheit der Beschäftigten hat für Thyssenkrupp Marine Systems stets höchste Priorität, weshalb in Abstimmung mit den Sicherheitsbehörden Maßnahmen ergriffen worden sind, die mögliche Einflüsse von Seiten des Protestcamps vermeiden sollen«, schreibt die Marine-Tochter von Thyssenkrupp dem »nd«. Rheinmetall habe seine Mitarbeiter gleich für den ganzen Tag freigestellt, will das Antimilitarismus-Bündnis zudem erfahren haben. »Allein das Camp hat die Kieler Rüstungsindustrie zittern lassen«, lautet deshalb bereits am Vorabend im Zirkuszelt das Resümee.

Nachdem alle FFP2-Masken unter die Nase gezogen wurden – so die Auflage – setzt sich der Demonstrationszug wieder in Bewegung, eng umstellt von der Polizei. Inzwischen ist es etwa vier Uhr. Enttäuschung ist den Aktivist*innen nicht anzumerken. Entschlossen ziehen sie durch die Nacht und rufen: »Iran, Irak, Syrien, Türkei – bei jeder Schweinerei ist die BRD dabei« oder »Deutsche Waffen, deutsches Geld, morden mit in aller Welt«. Ein langer Marsch liegt vor ihnen. Das neue Ziel – eine Kaserne – liegt etwa sechs Kilometer entfernt.

Widerstand regte sich nicht nur gegen die Rüstungsindustrie. Auch Politiker*innen waren Ziel des Protests.
Widerstand regte sich nicht nur gegen die Rüstungsindustrie. Auch Politiker*innen waren Ziel des Protests. Foto: nd/Anton Benz

Viel Zeit also für Jonah Fischer, über das Bündnis »Rheinmetall Entwaffnen« zu erzählen. Dessen Geschichte begann mit einem Foto. Es war das Bild eines deutschen Leopard2-Panzers des Waffenbauers Rheinmetall im nordsyrischen Afrin. Ein Beweis dafür, dass auch deutsche Waffen an der türkischen Militäroffensive gegen die kurdische YPG beteiligt waren, die von vielen Jurist*innen als völkerrechtswidriger Angriffskrieg bewertet wird. Mit diesem Foto warb »Rheinmetall Entwaffnen« für seine erste Aktion 2018. Das erklärt auch, warum die Solidarität mit der Arbeiterpartei Kurdistans PKK eng mit dem Bündnis verwoben ist.

Protest nach der Zeitenwende

Doch seit 2018 hat sich viel getan. Während es früher noch darum ging, überhaupt darauf aufmerksam zu machen, dass in Deutschland Waffen für Kriege produziert werden, hat sich seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine das Image der deutschen Rüstungsindustrie gewandelt. Diese genießt inzwischen eine selten dagewesene Akzeptanz. »Heute kämpfen wir gegen die öffentlich hegemoniale Politik«, so Fischer. Deshalb habe sich »Rheinmetall Entwaffnen« zum Ziel gemacht, eine neue antimilitaristische Bewegung anzustoßen. »In Zeiten der neuen Militarisierung braucht es eine neue Antikriegsbewegung«, sagt Fischer. »Wir sind der Teil der radikalen Linken, der den Entwicklungen der Zeit etwas entgegensetzt.« Anders gesagt: »Rheinmetall Entwaffnen« will die Zeitenwende zurückdrehen.

Zwar sei das Bündnis solidarisch mit der »alten« Friedensbewegung, doch es gebe Unterschiede, so Fischer. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Akteuren begreife sich »Rheinmetall Entwaffnen« nicht als pazifistisch. »Klar wollen wir in einer Welt mit Frieden leben«, erklärt Fischer. »Aber wenn eine unterdrückte emanzipatorische Bewegung zu bewaffnetem Widerstand greift, dann erkennen wir das an.«

»Wir sind der Teil der radikalen Linken, der den Entwicklungen der Zeit etwas entgegensetzt.« Jonah Fischer Pressesprecher von »Rheinmetall entwaffnen«

Das sorgt für Spannungen innerhalb des Bündnisses. Die Frage nach Waffenlieferungen an die Ukraine hat für viel Aufregung gesorgt. Einige Mitglieder haben »Rheinmetall Entwaffnen« verlassen, weil sie sich gegen die Haltung des Bündnisses stellten, Waffenlieferungen abzulehnen. Dennoch ist das diesjährige Camp das bisher größte, das das Bündnis bislang auf die Beine gestellt hat. Und mit laut eigenen Angaben 500 Teilnehmenden (die Polizei spricht von 300 Personen) gehört auch der Blockadeversuch zu den größten Aktionen der Organisation.

Unterstützung für den bewaffneten Widerstand in Kurdistan, aber eine Verweigerung der militärischen Hilfe für die Ukraine: Wie passt das zusammen? »Bei der Ukraine handelt es sich um einen Nationalstaat, der nicht mit seiner Bevölkerung gleichzusetzen ist«, meint Fischer. »Die PKK und Kurdistan hingegen sind emanzipatorische Befreiungsbewegungen.«

Rückzug in der Dämmerung

Als der Aufzug um kurz vor sechs vor der Kaserne eintrifft, beginnt es zu dämmern. Die Stimmung unter den Teilnehmenden ist gut – trotz der Zusammenstöße mit der Polizei und des gescheiterten Blockadeversuchs. Sie sind sogar zu Scherzen aufgelegt: »Jetzt brauchen wir nur noch Kleber, dann können wir einen auf Klimaaktivist*innen machen«, sagt eine Teilnehmerin zu einer anderen, die am Straßenrand auf der Bordsteinkante rastet.

Dann zieht sich ein Teil der Demonstrierenden eine gelbe Weste und einen pinken Schal an. Gerade als sich die Sonne über den Horizont hebt, tritt »Rheinmetall Entwaffnen« den Rückzug an. Jetzt ist es hell und die Demonstration im Kieler Stadtzentrum bekommt viel Aufmerksamkeit. Viele drücken ihre Zustimmung aus. Nur einmal hört man einen Mann von dem »Pazifisten-Pack« raunen. Am Schritttempo merkt man, das die Teilnehmenden zurück ins Camp wollen. Es ist 9:30 Uhr als sie dort unter Jubelrufen und Applaus empfangen werden. Der Abschluss eines stundenlangen Einsatzes, der endet, als für viele der Tag erst beginnt.

Immer wieder zündeten Teilnehmende auf dem Rückweg Pyrotechnik. Infolgedessen stoppte die Polizei den Demonstrationszug mehrmals.
Immer wieder zündeten Teilnehmende auf dem Rückweg Pyrotechnik. Infolgedessen stoppte die Polizei den Demonstrationszug mehrmals. Foto: nd/Anton Benz

Erstveröffentlicht im nd am 9.9. 2024
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1185101.protest-gegen-ruestungsindustrie-eine-nacht-die-nach-pfefferspray-und-pyrotechnik-riecht.html

Wir danken für das Publikationsrecht.

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