Pazifisten und Antimilitaristinnen aus jüdischen Familien

Ein historischer Überblick vom 19. Jahrhundert bis hin zur Gegenwart – über mutige Menschen und „kluge Köpfe“, die unter keinen Stahlhelm passen

Von PETER BÜRGER

Forum-Red.: Der Autor stellt uns hier eine reichhaltige humanistische und friedensbewegte jüdische Tradition vor. In dieser Tradition sehen wir uns auch. Mit Sicherheit nicht in dieser Tradition stehen die Erbauer der „deutschen Staatsräson“, für die gerade ein absurdes reaktionäres Gesetz verabschiedet werden soll. (JG)

(Die Erstveröffentlichung erfolgte am 27.06.2026 in „Krass & Konkret“, Red. Florian Rötzer; hier folgt eine leicht bearbeitete, aktualisierte Fassung vom 29.06.2026.)

Abbildung oben: Das friedensbewegte Ehepaar Albert und Elsa Einstein am 2. April 1921 auf dem Schiff „Rotterdam“ bei ihrer Ankunft in New York. commons.wikimedia (bearbeitet).

Eine ‚Werkbank‘ des Projekts „Schalom-Bibliothek“ zu Pazifisten und Antimilitaristinnen aus jüdischen Familien enthält als Ergebnis eines ersten Recherche-Durchgangs mit vorrangig deutscher Perspektive schon fast 200 Namens-Einträge. Warum waren und sind Juden/Jüdinnen bzw. Menschen aus jüdischen Familien auffällig stark in der weltweiten Friedensarbeit vertreten? Aus friedenstheologischer Sicht möchte ich gerne annehmen, dass – auch bei den ‚Säkularen‘ – vor allem Prägungen durch die jüdische Religion einen Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden begünstigt haben. Es hat ja kein Geringerer als Ernst Bloch (1885-1977) die Vision der Propheten Israels („Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen“) als „das Urmodell der pazifistischen Internationale“ betrachtet.

Die pazifistischen Neigungen des rabbinischen Judentums in zwei Jahrtausenden sind zumindest ein möglicher Hintergrund, wie beispielhaft das Selbstverständnis der 1941 begründeten Jewish Peace Fellowship und natürlich die Rabbis for Human Rights zeigen.

Hinzu kommen jedoch auf jeden Fall weitere geschichtliche Aspekte, die sich aus Kulturkontexten und der ‚Diaspora‘-Erfahrung ergeben – wie z.B.: die Affinität zu Bildung und Aufklärung (später zu politisch nonkonformen, freiheitlichen, linken Bewegungen); die eigenen Minderheits- und Gewalterfahrungen in der Geschichte; Identitätsbildung, familiäre Verbundenheit und Kommunikationsräume über Nationalgrenzen hinweg (oft einhergehend mit einer ausgeprägten Mehrsprachigkeit).

Jeffrey Sachs (geb. 1954 in Detroit, USA) – Entwicklungsökonom und Leiter des Zentrums für nachhaltige Entwicklung an der Columbia University; ehedem Direktor des UN-Millenium-Projekts zur globalen Armutsbekämpfung – votiert im „Nahost-Konflikt“ für eine „Zwei-Staaten-Lösung“ und wendet sich gegen die nationalreligiösen Bellizisten mit folgendem Bekenntnis: „Für mich und unzählige andere außerhalb Israels ist das Judentum ein Leben voller Ethik, Kultur, Tradition, Gesetz und Glauben, das nichts mit Nationalität zu tun hat“ (August 2025).

Das beeindruckende Spektrum von Pazifisten und Antimilitaristinnen aus jüdischen Familien lädt alle Neugierigen zu weiteren Erkundungen ein. Einige historische Felder der pazifistischen Bewegung und Friedensarbeit sollen in diesem Beitrag (nach älteren Vorlagen) beleuchtet werden:

  1. Friedensbewegte Pioniere und Tolstoi-Vermittler
  2. Wissenschaft – rationaler Pazifismus
  3. Erster Weltkrieg – Nonkonformisten in der Sozialdemokratie
  4. Die Dichter:innen widersagen dem Krieg
  5. Verfemter Pazifismus in der Weimarer Republik
  6. Nazi-Jagd auf jüdische Pazifisten
  7. „Kultur-Zionismus“ – „Hebräischer Humanismus“
  8. Nuklearpazifismus
  9. Antipazifistische Judenfeindlichkeit heute.
1. Friedensbewegte Pioniere und Tolstoi-Vermittler

Der lange Reigen der nationalistischen und antipazifistischen Judenverächter nahm seit jeher Anstoß an der hohen ‚Friedensethik der Hebräer‘. Der – wie gleichgesinnte ‚deutsche Christen‘ aus der napoleonischen Zeit – von Feindseligkeit gegen Juden bewegte Ernst Moritz Arndt, Schöpfer des „Volksthum“-Begriffs, schrieb schon 1813 in seiner Schrift „Der Rhein“: „Verflucht aber sei die Humanität und der Kosmopolitismus, womit ihr prahlet! Jener allweltliche Judensinn, den ihr uns preist als den höchsten Gipfel menschlicher Bildung!“ Das Hassobjekt war nicht etwa eine ‚nationale Idee‘ des Judentums, sondern im Gegenteil ein ‚jüdischer Universalismus‘, der auf die eine – unteilbare – Menschheit blickt.

Die Anfänge einer organisierten Friedensbewegung im Sinne des heutigen Verständnisses reichen zurück ins frühe 19. Jahrhundert. Hierbei nehmen Pazifisten aus den USA und aus England eine führende Stellung ein. In Deutschland blieb der Friedensgedanke – trotz Immanuel Kant – noch lange eine ganz unterbelichtete Sache. Im Zusammenhang mit der 1850 gegründeten und nur kurz bestehenden Königsberger Friedensgesellschaft nennt Karl Holl den jüdischen Radikaldemokraten Johann Jacoby (1805-1877), der ab 1867 auch der „Internationalen Friedens- und Freiheitsliga“ angehörte.

Der Österreicher Moritz Adler (1831-1907) zählte im 19. Jahrhundert zu den wenigen Pionieren der Friedensbewegung im deutschsprachigen Raum. Schon im Alter von 20 Jahren verschrieb sich dieser Kritiker des preußischen Schwertglaubens der Friedensidee und veröffentlichte dann 1868 eine der Zeit weit vorauseilende Europa-Vision unter dem Titel „Der Krieg, die Kongressidee und die allgemeine Wehrpflicht“. In einem Sendschreiben an den Chirurgen Professor Theodor Billroth verglich er 1892 systematische Maßnahmen für eine verbesserte Medizinversorgung des Kriegsapparates mit der Bereitstellung neuer Kanonen für den institutionalisierten Massenmord.

Der Schriftsteller Eduard Loewenthal (1836-1917), aus einem frommen jüdischen Elternhaus kommend, gründete 1874 einen „Deutschen Verein für internationale Friedenspropaganda“.

Der Liberale Max Hirsch (1832-1905) wirkte in der deutschen Gruppe der Interparlamentarischen Friedenskonferenz und 1898–1900 als Vorsitzender der Deutschen Friedensgesellschaft.

Im wilhelminischen Deutschland bekannte sich der jüdische Philosoph und Neukantianer Hermann Cohen (1842-1918) – eingedenk des „sittlichen Enthusiasmus der Propheten“ – zum Pazifismus und verwies ausdrücklich auf das Gebet an hohen Festtagen der Juden: „Auf dass alle Erschaffenen sich vereinigen in einem Bunde.“ (Sein Standort im Ersten Weltkrieg kann aus friedensbewegter Perspektive jedoch nicht mehr überzeugen.)

Maßgeblicher Mitbegründer der Deutschen Friedensgesellschaft (DFG) war 1892 der gebürtige Wiener und frühe Pazifist Alfred Hermann Fried (1864-1921). Er erhielt 1911 den Friedensnobelpreis. Aufgrund seiner Herkunft war Fried, der trotz fehlender religiöser Bindung eine Distanzierung vom Judentum durch Konfessionswechsel ablehnte, auch Zielscheibe für antisemitische Angriffe. Wegen der Anfeindungen hatte Bertha von Suttner diesem engen Weggefährten am 10. September 1892 geschrieben: „Ich sehe schon, daß sich die [Friedens-]Gesellschaft in Berlin konstituieren wird. … Wie die Dinge stehn, darf die Initiative nicht von zu vielen Juden ausgehen – sonst wird sie gleich klassifiziert; ebensowenig wie sie etwa zu sozialdemokratisch sein dürfte. Die österreichischen Witzblätter stellen mich ohnehin als Anführerin polnischer Juden dar.“ Im gleichen Jahr hatten Suttners Gegner in einem Artikel u.a. geklagt, es sei namentlich der „Geifer … der frech spöttelnden jüdischen Seite“, welcher gegen das hohe Ideal des Militärischen zu Felde ziehe.

Insgesamt lassen sich viele Berührungspunkte zwischen Pazifismus und Kampf gegen den Antisemitismus aufweisen. Ludwig Quidde (1858-1941) zum Beispiel, der als ‚Nichtjude‘ bereits 1881 mit einer wegweisenden Schrift gegen die Antisemitismus-Agitation in der deutschen Studentenschaft hervorgetreten war, gehörte ab 1892 ebenfalls der Deutschen Friedensgesellschaft an und wurde für seinen Einsatz in der deutschen Friedensbewegung 1927 mit dem Friedensnobelpreis geehrt.

Der mit einer Lehrerlaubnis als Rabbiner bedachte Wilhelm Jerusalem (1854-1923) – österreichischer Soziologe, Philosoph und Pädagoge (AG sozialistischer Erzieher) – veröffentlichte u.a.: „Kants Bedeutung für die Gegenwart“ (1904), „Der Krieg im Lichte des Gesellschaftslehre“ (1915), „Friedenspflichten des Einzelnen“ (Gotha 1917), „Moralische Richtlinien nach dem Kriege“ (1918).

Erst seit letztem Jahr liegt eine 660 Seiten umfassende Darstellung und Quellensammlung zu „Leo Tolstoi – Begegnung mit dem Judentum“ (Tolstoi-Friedensbibliothek, Hamburg 2025) vor, die ein kaum bekanntes Feld aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg erhellt: Zahlreichen jüdischen Übersetzern, Vermittlerinnen und Rezipienten ist es in erster Linie (!) zu verdanken, dass der russische Friedensbotschafter weit über die Grenzen des Zarenreiches hinaus – und namentlich auch in deutschen Landen – so viele Menschen mit seinen Schriften zur Gewaltfreiheit erreichen konnte. Auch die US-amerikanische Anarchistin, Antimilitaristin und Friedensaktivistin Emma Goldman (1869-1940, geb. im Russischen Kaiserreich) war in ihrem Werdegang mit beeinflusst vom Werk Leo Tolstois.

2. Wissenschaft – rationaler Pazifismus

Einige frühe Beiträge zu einer wissenschaftlichen Friedensforschung und Kriegskritik dürfen in unserer Darstellung nicht übergangen werden. Der russische Staatsangehörige und Eisenbahnmagnat Johann – bzw. Jan, Iwan, Jean – von Bloch (1836-1902), aufgewachsen in Polen als Sohn einer ärmlichen jüdischen Handwerkerfamilie, veröffentlichte 1898 in sechs Bänden sein in mehrere Sprachen übersetztes monumentales Werk über den modernen Krieg im Industriezeitalter und warnte, leider vergeblich, unermüdlich vor den „Folgen eines Krieges zwischen Großmächten“.

Der Österreicher Rudolf Goldscheid (1870-1931) war ein Pionier der Soziologie im deutschsprachigen Raum, pazifistischer Sozialist und seit 1922 Herausgeber der ‚Friedenswarte‘. In seinen weit vorausschauenden Überlegungen zur kulturellen Evolution der menschlichen Gattung stellt er das Friedenserfordernis ins Zentrum.

Georg Friedrich Nicolai (1864-1974), geb. Lewinstein – Mediziner, trotz Repressionen des deutschen Staates und der Militärs unbeugsamer Pazifist (jedoch schon 1922 Emigration nach Südamerika) – ist Verfasser des bahnbrechenden anthropologischen Grundlagenwerkes „Biologie des Krieges“ (entstanden ab 1915, Erstauflage 1917 Schweiz), dessen ‚Aktualität‘ (Wie endet der homo sapiens?) heute dringend aufgedeckt werden müsste.

Zu den Pionieren in Völkerrechts- und Menschenrechtsdiskursen zählt der Jurist und Friedensforscher Raphael Lemkin (1900-1959). Er wurde auf seinem Weg zuerst aufgewühlt durch das Schicksal der Armenier und gilt als maßgeblicher Wegbereiter des internationalen Rechts wider ‚Genozid‘. (Eduard Bernstein hatte schon 1902 als leidenschaftlicher Anwalt der unterdrückten Armenier vor kommendem Unheil gewarnt. Später wird Franz Werfel an die Leiden des armenischen Volkes mit einem großen Roman erinnern.)


3. Erster Weltkrieg – Nonkonformisten in der Sozialdemokratie

Gemeinhin streicht man die große patriotische „Opferbereitschaft“ der deutschen Juden nach Beginn des Ersten Weltkrieges heraus, die mit der trügerischen, ja absurden Hoffnung verbunden war, durch Kriegsdienstleistung gesellschaftliche Akzeptanz und uneingeschränkte Gleichberechtigung erlangen zu können. Und in der Tat: Selbst der Historiker Veit Valentin, der sich später als Anwalt von Republik und Pazifismus einen Namen machte, unterschrieb im Oktober 1914 einen kriegerischen Aufruf deutscher Wissenschaftler. Auch ein Denker wie Martin Buber (1878-1965) wurde – zum Entsetzen seines pazifistischen Freundes Gustav Landauer (1870-1919) – zunächst von der Kriegsbegeisterung erfasst.

Unter den jungen Zionisten gehörte derweil Gershom [Gerhard] Scholem (1897-1982), ein Bruder des im KZ Buchenwald ermordeten antistalinistischen Kommunisten Werner Scholem (1895-1940), schon 1915 zu jenen, die jeglicher Kriegsverherrlichung widersagten und sich zu einem aktiven Pazifismus bekannten.

Andere Intellektuelle aus jüdischen Familien – darunter Walter Benjamin, der Ungar Georg Lukács oder Theodor Lessing – zeigten ebenso wenig Interesse daran, Kriegsdienst für die Herren Kaiser zu leisten. Ernst Bloch (1885-1977) war schon vor 1914 scharfer Kritiker des preußisch-deutschen Militarismus und Imperialismus. Günther Anders (1902-1992) [Günther Siegmund Stern] gründete 1917 zusammen mit anderen noch jugendlichen Freunden einen „Bund für ein vereinigtes Europa ohne Grenzen“, und diesem „Kinderspiel“ folgte ein langer pazifistischer Lebens- und Leidensweg.

Zu den bedeutsamen publizistischen Kritikern der Weltkriegspolitik zählten u.a. Hermann Fernau (1884-1935, Geburtsname: Latt), Richard Grelling (1853-1929), der österreichische Anarchist Rudolf Großmann (1882-1942, Pseudonym Pierre Ramus), Salomon Grumbach (1884-1952), Emil Julius Gumbel (1891-1966), der vormalige Siegfrieden-Befürworter Maximilian Harden (1861-1927) und Theodor Wolff (1868-1943). Die von Siegfried Jacobsohn (1881-1926) begründete „Weltbühne“ wurde ab 1918 ein bedeutsames Forum für die pazifistische und antimilitaristische Linke.

Rosa Luxemburg (1871-1919), Tochter jüdischer Eltern, war maßgebliche Verfechterin von Massenstreiks zur Kriegsverhinderung und wandte sich als kompromisslose Internationalistin 1914 gegen den Kriegskurs der Funktionäre in der deutschen Sozialdemokratie. Zu den Gegnern der „sozialdemokratischen“ Burgfrieden-Politik im Ersten Weltkrieg zählten nicht wenige Sozialisten aus jüdischen Elternhäusern. In dem – später abgespaltenen – Friedensflügel der SPD waren ‚jüdische Parteimitglieder‘ wirklich überproportional vertreten: Eduard Bernstein (1850-1932), Julian Borchardt (1868-1932), Oskar Cohn (1869-1934), Kurt Eisner (1867-1919), Hugo Haase (1863-1919), Joseph Herzfeld (1853-1939), Rudolf Hilferding (1877-1941), Edgar Jaffé (1866-1921), Paul Levi (1883-1930), Kurt Rosenfeld (1877-1943), Arthur Stadthagen (1857-1917), Emanuel Wurm (1857-1920) …

Eduard Bernstein, nach anfänglicher Gut- bzw. Staatsgläubigkeit ein radikaler Aufklärer wider die deutschen Kriegslügen, hatte bereits 1917 einen friedensbewegten Aufsatz über „Die Aufgaben der Juden im Weltkriege“ veröffentlicht. Die sozialistischen Nonkonformisten erfuhren antisemitische Angriffe auch innerhalb der deutschen Sozialdemokratie.

Nach der Revolution 1918/19 war der Komplex der „Dolchstoßlegende“ schon ganz und gar antisemitisch besetzt. Die Parole lautete sinngemäß: ‚Tod den jüdischen Friedenshetzern!‘ Ermordet wurden von den antipazifistischen Judenfeinden: Kurt Eisner (bayerischer Ministerpräsident), USPD-Mitbegründer Hugo Haase, Gustav Landauer, Rosa Luxemburg …


4. Die Dichter:innen widersagen dem Krieg

Eigens genannt seien die jüdischen Literaten, die sich dem Kriegswahn entgegenstellten: Hans Bardach Edler von Chlumberg (1897-1930) – Dramatiker; ehemaliger Offizier im 1. Weltkrieg, veröffentlichte 1930 sein Anti-Kriegsdrama „Wunder von Verdun“. Die Schriftstellerin Hedwig Dohm (1831-1919, Großmutter von Thomas Manns Ehefrau Katia) verfasste ein Plädoyer für den Pazifismus mit dem Titel „Der Mißbrauch des Todes“ (1917). Lion Feuchtwanger (1884-1958) ist als kosmopolitischer Kriegsgegner bekannt. Karl Kraus (1874-1936) – Schriftsteller, Satiriker und vieles mehr auf dem Feld des Wortes – wandelte sich 1914 zu einem der erschütterndsten Ankläger des Krieges im ganzen deutschen Sprachraum. Else Lasker-Schüler (geb. 1869 Wuppertal-Elberfeld, gest. 1945 Jerusalem), gehörte zur ‚Friedensfraktion‘; sie unterstützte später in Palästina ab 1939 den ‚Brit Schalom‘ (Friedensbund) sowie dessen Nachfolgerin ‚Ichud‘ (Vereinigung).

Auch nach 1918 schreiben gegen Krieg und Militarismus: Ernst Toller (1893-1939), Kurt Tucholsky (1890-1935), Franz Werfel (1890-1945), Arnold Zweig (1887-1968) sowie Stefan Zweig (1881-1942).


5. Verfemter Pazifismus in der Weimarer Republik

Fritz Leon Bernstein (1888-1920), gewesener Militärrabbiner, trug zu Weihnachten 1918 als ‚religiöser Mensch‘ seine scharfe Anklage wider das „Teufelswerk des modernen Krieges“ vor: „Der moderne Mensch entsetzt sich, wenn er von den Heiden längst vergangener Zeiten liest, dass sie als ein ihrem Götzen wohlgefällige Opfer ihre eigenen Kinder dem Feuertode überliefert haben. Man ist empört über die Ruchlosigkeit der römischen Kaiser, die vor einer schaulustigen Menge wehrlose Menschen dem Todeskampf mit wilden Tieren ausgesetzt haben. Wie lächerlich klein erscheint dieser Heidenwahnwitz und dieser Cäsarenblutdurst gegenüber der Riesenschuld, die die sogenannte zivilisierte Menschheit durch die Entfesselung der Weltkriegsfurie auf sich geladen hat!“

Der in Berlin geborene Journalist, Buchautor und Zionist Cheskel Zwi Klötzel (1891-1951) hatte 1915-1918 als Soldat am Ersten Weltkrieg teilgenommen. Ein Jahr nach Ende des großen Menschenmordens schrieb er in einem Text, den er seinen jüdischen Geschwistern als dem „ältesten Friedensvolk“ widmete: „Wenn in irgendeinem Lande, so ist heute in Deutschland die Notwendigkeit gegeben, sich zu entscheiden: für oder gegen Militarismus, für oder gegen Pazifismus.“

In der Weimarer Republik sahen sich Pazifisten fortschreitend repressiven Bedingungen ausgesetzt, woran zuletzt auch Parteien wie die SPD und das Zentrum eine erhebliche Mitverantwortung trugen (u.a. faktische Berufsverbote sowie Parteiausschlussverfahren Ende der 1920er Jahre). Die Pazifisten gehörten jedoch zu den entschiedensten Kritikern des Antisemitismus und sie forderten – neben einer demokratischen Friedenserziehung – Kompetenzen der Gesellschaft im Sinne des gewaltfreien Widerstandes gegen Unrecht und Unterdrückung. Innerhalb der maßgeblichen Milieus und überhaupt bei den Menschen in Deutschland hätte es ab 1933 wohl weitaus mehr geistige Immunität und Alltagsresistenz wider die faschistische Mörderbande gegeben, wenn die Weimarer Republik ein freundlicherer Ort für Pazifisten gewesen wäre.

Der Journalist Berthold Jacob Salomon (1898-1944, Tod nach Gestapo-Haft) – 1917 zunächst Kriegsfreiwilliger, dann radikaler Pazifist – war befreundet mit Carl von Ossietzky und in der Weimarer Republik führend im investigativen Journalismus zur Aufdeckung der heimlichen Aufrüstung (‚Schwarze Reichswehr‘). Er wurde deshalb 1928 wie Fritz Küster (‚Das andere Deutschland‘) „wegen Landesverrats“ zu neun Monaten Festungshaft verurteilt. Nach seiner Emigration brachte ihm die Verfolgung durch NS-Agenten im Ausland (ab 1935) schließlich den Tod.

Zu den jüdischen Vertretern im pazifistischen Spektrum zählten außerordentlich prominente Persönlichkeiten. Bei den Unterzeichnern des „Manifestes gegen die Wehrpflicht“ von 1926 und der Erklärung „Gegen die Wehrpflicht und die militärische Ausbildung der Jugend“ von 1930 findet man u.a. Martin Buber, Albert Einstein, Sigmund Freud und Kurt Hiller – außerdem den US-amerikanischen Rabbiner Judah Leon Magnes (1877-1949), Pazifist und ab 1925 Kanzler der Hebräischen Universität in Jerusalem.

Am 19. März 1929 wurde die „Arbeitsgemeinschaft der Konfessionen [!] für den Frieden“ gegründet, welcher der Friedensbund Deutscher Katholiken (FdK), die Deutsche Vereinigung des Weltbundes für internationale Freundschaftsarbeit der Kirchen und der Jüdische Friedensbund angehörten. Zur Aufgabenstellung gehörte die „Mitarbeit an der Herbeiführung eines kriegslosen Zustandes“. Im Gründungsaufruf, unterzeichnet u.a. von Dr. Leo Baeck (Feldrabbiner im ersten Weltkrieg), Albert Einstein und dem Zentrumspolitiker Friedrich Dessauer, hieß es: „Gestützt auf das Zusammenwirken aller gleichgesinnten Kräfte will die Arbeitsgemeinschaft der Konfessionen zur Schaffung einer allgemeinen Friedensatmosphäre beitragen und durch praktische Arbeit die völkerrechtliche Sicherung eines dauernden Friedens fördern. Dieselben Gedanken und Empfindungen beleben heute die Einsichtigen aller Völker. Die Bekenner der Religionen der Liebe und des Friedens werden einander über die Grenzen hinweg die Hände reichen.“

Nach seiner eigentlichen Konstitution stand der Jüdische Friedensbund unter dem Vorsitz von Oscar Wassermann (1869-1934). Ortsvereine werden für Leipzig, Köln, Frankfurt und Hamburg genannt. Es schlossen sich – korporativ – auch andere jüdische Vereinigungen an. Zu den Gründern gehörten der jüdische Friedenstheologe und bekannte Rabbiner Leo Baeck, Albert Einstein sowie weitere Rabbiner und Gemeindevorsteher aus mehreren Orten, darunter Wilhelm Kleemann (1869-1969) aus der Berliner Jüdischen Gemeinde.

In einer Predigt zum Versöhnungstag in der Synagoge zu Bielefeld am 14. Oktober 1929 setzte der friedensbewegte, später in die USA emigrierte Rabbiner Dr. Hans Kronheim dem fatalistischen Weltbild der Bellizisten die Botschaft der Propheten Israels entgegen: „Wir glauben an die Zukunft des Menschengeschlechts, glauben an einen Fortschritt. Wir glauben, dass die Zeit kommen wird, da Gewalt und Unrecht aufhören und an die Stelle der kriegerischen Auseinandersetzung eine friedliche Verständigung der Völker treten wird.“

Es gab also eine jüdisch-christliche Ökumene der Pazifisten. Im Zusammenhang mit dem ersten „Juden-Boykott“ im April 1933 bat Oscar Wassermann als Vorsitzender des Jüdischen Friedensbundes den Breslauer Kardinal Adolf Bertram später freilich vergebens um ein Wort der deutschen Bischöfe, während sich der alsbald von den Bischöfen fallengelassene und von den Nazis aufgelöste Friedensbund Deutscher Katholiken (FdK) bei einer Tagung in Düsseldorf am 2. April 1933 mit den drangsalierten jüdischen Geschwistern solidarisierte.


6. Nazi-Jagd auf jüdische Pazifisten

Der NSDAP-Chefideologe Alfred Rosenberg, seit 1921 Hauptschriftleiter des „Völkischen Beobachters“, betrachtete den Pazifismus als „Hilfstruppe des Judentums“, agitierte gegen eine „jüdisch-demokratisch-pazifistische Presse“ und drohte schon während der Weimarer Republik dem ‚jüdischen Pazifismus‘ mit Gewalt: „Jeder Deutsche […] hätte das Recht, wenn der Staat nicht in der Lage ist, die Ehre des Volkes zu wahren, diesem Kurt Tucholsky bei der ersten Begegnung mit einer Hundepeitsche die Meinung zu sagen, bis ihm die Lust zu seinen Unflätigkeiten vergeht“ (zit. D. Riesenberger: Geschichte der Friedensbewegung in Deutschland. 1985, S. 246).

Joachim Joesten schrieb dann 1932 in der ‚Weltbühne‘ in seinem pazifistischen Bekenntnis: „Steh ich auch auf der Liste? Kommt die SA? … Vor solchen Fragen treten alle andern zurück. Ein großes Winseln hebt an. Pazifismus und Syphilis sind bei uns synonym geworden. Pazifist, Waschlappen, mieser Jude, Feigling desgleichen …“

„Von Anfang an“, so Karl Holl, „hatte der Nationalsozialismus den Pazifismus mit Judentum und Demokratie assoziiert“. Unmittelbar nach der sogenannten Machtergreifung 1933 war deshalb „das Schlimmste für Leib und Leben aller bekannten Vertreter der Friedensbewegung“ zu befürchten, besonders gefährdet waren jedoch jüdische Pazifisten (bzw. Pazifisten „mit jüdischer Herkunft“). Holl nennt in diesem Zusammenhang namentlich die international engagierte Gertrud Baer (1890-1981), die Frauenrechtlerin Constanze Hallgarten (1881-1969), Albert Einstein (1879-1955), den Leiter der Republikanischen Beschwerdestelle Alfred Falk, geb. Cohn (1896-1951), den im Ersten Weltkrieg zum Pazifisten gewordenen Sozialdemokraten Arnold Freymuth (1872-1933), den Generalsekretär der Deutschen Liga für Menschenrechte Kurt Richard Grossmann (1897-1972), den DFG-Mitbegründer Adolf Heilberg (1858-1936), den Schriftsteller Kurt Hiller (1885-1972), Magnus Hirschfeld (1868-1935), den „Friedenswarte“-Herausgeber Arnold Kalisch (1882-1956), Hermann Ulrich Kantorowicz (1877-1940), Robert René Kuczynski (1876-1947), den schon bald von den Nazis auf tschechischem Boden ermordeten Theodor Lessing (1872-1933), Ernst Toller (1893-1939) und den Historiker Veit Valentin (1885-1947).

Prof. Albrecht Mendelssohn Bartholdy (1874-1936) – Musiker, Rechts- und Politikwissenschaftler und Pazifist; Richter am Haager Schiedsgericht (1925) – emigrierte nach harten Repressionen aus NS-Deutschland im Jahr 1934. Der Physiker, Verleger und „linke Zentrumspolitiker“ Friedrich Dessauer (1881-1963), prominenter Vertreter der katholischen Friedensbewegung (s.o.), kam aus einer ursprünglich jüdischen Industriellenfamilie und wurde wegen „nichtarischer Abstammung“ zwangsweise in den Ruhestand versetzt. Nach monatelanger Inhaftierung emigrierte auch er 1934.

Zu den frühen Mordopfern der Nationalsozialisten zählt auch der anarchistische Antimilitarist Erich Mühsam (1879-1934), der allerdings in seinen revolutionären Schriften seine anfängliche Nähe zu Tolstois Haltung in der „Gewaltfrage“ verlassen hatte. Felix Fechenbach (1894-1933) – jüdischer Sozialist, Pazifist und nach der Bayerischen Revolution 1918 Sekretär von Kurt Eisner – wurde ebenfalls von der SA ermordet.

Parallel zur Bücherverbrennung vom April 1933 hatten die Führer der „Deutschen Studentenschaft“ aufgerufen zur Denunziation jüdischer Professoren und „sämtlicher Hochschullehrer, deren wissenschaftliche Methode ihrer liberalen bzw. insbesondere pazifistischen Einstellungen entspricht“.


7. „Kultur-Zionismus“ – „Hebräischer Humanismus“

Die heute bei vielen Menschen in keinem guten Ruf mehr stehende zionistische Bewegung entstand im späten 19. Jahrhundert vor dem Hintergrund des in Europa erstarkenden Rassenantisemitismus und der Pogromwellen in Russland. Die Suche nach einer Heimstatt war die Suche nach einem Ort des geschützten Lebens. Ethischer Universalismus, eine eigene Friedenstheologie und der pazifistische Glaube, dass vom Zion das Heil der Völker in einer Welt ohne Waffen ausgehen werde, sind kennzeichnend für bedeutsame Persönlichkeiten des frühen Zionismus. (Mit zunehmenden Studium muss ich allerdings – im Unterschied zu früheren Veröffentlichungen – heute zugeben, dass diese Richtung wirklich nur eine kleine Minderheit darstellte und ihre Anliegen im weiteren Verlauf der Geschichte nicht erfolgreich einbringen konnte.)

Als sich 1918 in Palästina erstmals eine bewaffnete Miliz von jüdischen Siedlern bildete, erinnerte der pazifistische Zionist Aaron David Gordon (1856-1922) die Bewegung in einem Text an das Prophetenwort „… und nimmer werden sie Krieg lernen …“. Der Zionist Achad Ha-Am (1856-1927) [Geburtsname Ascher Ginsburg] warnte davor, jemals auf den jüdischen „Vorrang in der Welt der Sittlichkeit zu verzichten“ und nahm zeitweilig Stellung gegen die zunehmende Einflussnahme militanter Nationalisten. Der jüdische Pazifist und Zionist Natan Hofshi (1889-1980), im Jahre 1909 aus Polen emigriert, bekannte sich nach dem tödlichen Zusammenstoß zwischen Juden und Arabern am 29. Februar 1920 im obergaliläischen Tel Chai noch entschiedener zur Gewaltfreiheit und sah zeitlebens das „Zeugnis über die Einheit der Menschheit, der völligen Gleichheit aller Menschen als Geschwister und die Heiligkeit des menschlichen Lebens“ als die besondere Mission des Judentums an.

Hans Kohn (1891-1971), Historiker, pazifistischer Zionist und seit 1921 Mitglied der „War Resistersʼ International“, schrieb 1928 in seinem Essay „Judentum und Gewalt“: „Das Judentum hat den Kampf gekannt, das zähe Ringen um die Schwere der Aufgabe, den Mut, um dieser Aufgabe willen alles zu ertragen, und das Martyrium. Aber es hat den Krieg gehasst, den es seit zwei Jahrtausenden nicht mehr geführt hat, den organisierten Mord, wie jede Gewalttat überhaupt. Jeder Jude trägt in seinem Blute eine instinktive und bis zur Heftigkeit gesteigerte Abneigung gegen rohe Gewalt, Mord und Krieg. Der Heroismus des Krieges, der sportliche Geist des Wettbewerbes sind ihm unverständlich. In talmudischer Zeit wird diese Erkenntnis von der Einheit und Gleichheit des Menschengeschlechtes, von der Würde und Größe jedes einzelnen Menschen immer wieder betont. ‚Wo immer du die Spur eines Menschen wahrnimmst, dort steht Gott vor dir‘.“

1925 wurde unter Vorsitz des führenden Zionisten (und „Rassenforschers“) Arthur Ruppin (1876-1943) der Brit-Shalom (Friedensbund) gegründet, der sich für ein friedliches Zusammenleben von Juden und Arabern sowie die Gründung eines binationalen jüdisch-palästinensischen Staates einsetzte. (Ruppin selbst verließ 1929 nach Sinneswandel den Bund wieder; es wird ihm wohl kaum warme Sympathien entgegenbringen, wer die von Shlomo Sand [„Die Erfindung des jüdischen Volkes“, 2008] zusammengetragenen Informationen zu seinen ‚darwinistischen Rassen-Anschauungen‘ gelesen hat.)

Dem heterogen zusammengesetzten Friedensbund, der allerdings nie mehr als hundert Mitglieder zählte, gehörten auch Hans Kohn, Yehoshua Radler-Feldmann (1880-1957) und Robert Weltsch (1891-1982), der Redakteur der „Jüdischen Rundschau“, an. Judah Magnes, erster Präsident der Hebräischen Universität in Jerusalem, stand ihm nahe und wirkte für die Ziele des Bundes später in der 1942 gegründeten „Ichud“ (Union, Einigung). Vor dem XIV. Zionistenkongress hat Arthur Ruppin die Perspektive eines Zwei-Nationalitäten-Staates in Palästina vorgetragen. Dieser sollte, so Hans Kohn, ein Gemeinwesen sein, „in dem beide Völker ohne Vorherrschaft des einen und ohne Bedrückung des anderen in voller Gleichberechtigung zum Wohle des Landes arbeiten.“ Bald nach Gründung des Brit-Shalom schrieb Kohn von folgender Vision: „Geschichtlich und geographisch ist Palästina ein Land des Friedens. […] Dies soll auch in seiner äußeren Stellung zum Ausdruck kommen, es soll ein neutrales Land unter dem Schutz des Völkerbundes werden, eine Stätte nationalen und internationalen Friedens, die durch Geschichte und Lage in naher Zukunft auch der Sitz des Völkerbundes sein sollte. […] Ein im inneren Leben friedliches, prosperierendes und in seiner kulturellen Mehrfältigkeit autonomes Palästina, das, auch nach außen stets neutral, unverletzlich und unbewaffnet, Frieden wahrt und ausstrahlt, kann die erste große Tat des Völkerbundes auf seinem mühsamen Wege zu seiner wahren Form und Aufgabe werden.“

Dem für Frieden und binationalen Staat eintretenden Brit-Shalom war – zusammen mit Gershom Scholem und dem in Berlin geborenen Philosophen Ernst Akiba Simon (1899-1988) – auch Martin Buber verbunden. Buber gehörte wie Chaijim Weizmann, der erste israelische Staatspräsident, zum demokratischen Flügel („Zionei Zion“) der zionistischen Bewegung. Er hatte zunächst, trotz des frühen Vorbildes seines Lehrers Achad Ha-Am, noch keinen ausgeprägten Sinn für die sogenannte „Araber-Frage“. 1917 warnte Buber jedoch vor einem „Hineingezogenwerden in die imperialistische Okzidentalisierung des zukünftigen jüdischen Gemeinwesens“, und spätestens seit dem XII. Zionistenkongress in Karlsbad 1921 votierte er für eine sehr weitreichende „Politik der Verständigung mit den Arabern“. Mitnichten war seine – über eine neu ausgerichtete jüdische Frömmigkeit entwickelte – Philosophie des Dialoges rein theoretisch oder weltfremd. Gabriel Stern (1913-1983) zufolge hat kein Geringerer als David Ben-Gurion seinen „Freund und Widersacher“ Martin Buber als „sehr realistisch und wirklichkeitsnah“ beschrieben.

Die Publizistin Hannah Arendt (1906-1975) plädierte 1945 in einem Aufsatz „für die Errichtung einer palästinensisch-arabischen Föderation. Ihren Artikel empfanden zionistische Politiker jeder Couleur und Fraktion als Affront. Sie erhielt empörte Reaktionen. Freunde brachen mit ihr und erklärten sie zur Feindin der jüdischen Sache“.

Die wirklich sehr lange Liste der Friedensarbeiter:innen aus jüdischen Familien, die sich seit dem Zweiten Weltkrieg in Israel und zahlreichen anderen Ländern für eine Verständigung mit den Palästinensern eingesetzt haben, kann uns zur Menschlichkeit ermutigen: Joseph Abileah [Wilhelm Niswiszki] (1915-1994), Uri Avneri (1923-2018, geb. in Westfalen), Josef Ben-Elizier (1929-2013), Jeff Halper (geb. 1946), Reuven Moskovitz (1928-2017), Abie Nathan (1927-2008), Mordechai Vanunu (geb. 1954 in Marrakesch) … und sehr viele andere mehr.


8. Nuklearpazifismus

Die Erschütterungen von Albert Einstein (1879-1955) und Robert Oppenheimer (1904-1967, Leiter des Manhattan-Projekts) nach den Verbrechen der atomaren Massenmordkomplexe vom August 1945 (Hiroshima, Nagasaki) sind heute gut bekannt. Herausragende Persönlichkeiten des geistigen und politischen Widerstandes gegen die Atombombe stammen aus jüdischen Familien. Der polnische Kernphysiker Józef Rotblat (1908-2009) hat 1944 als einziger beteiligter Wissenschaftler das Nuklearprojekt in Los Alamos aus ethischen Gründen verlassen und betrachtete später den Kampf für Abschaffung aller Atomwaffen als seine Lebensaufgabe (Mitinitiator der ‚Pugwash Conferences on Science and World Affairs‘, Friedensnobelpreis 1995).

Der Philosoph, Schriftsteller und Dichter Günther Anders (1902-1992) [Günther Siegmund Stern] gehörte zu den Initiatoren des frühen weltweiten Protestes gegen die Bombe und enthüllte mit seinen Schriften (s. Die Antiquiertheit des Menschen, 1956) die ‚Apokalypse-Blindheit‘ des Atomzeitalters. Auch für Einstein stand es außer Frage: nach der Atombombe muss der homo sapiens den Krieg verlernen – oder er scheitert im Abgrund. – Hans Jonas (1903-1993) schließlich vermerkt in seinem Hauptwerk „Das Prinzip Verantwortung“ (1979): Selbst „zur Rettung seiner Nation darf der Staatsmann kein Mittel verwenden, das die Menschheit vernichten kann. […]. Über das individuelle Recht zum Selbstmord läßt sich reden, über das Recht der Menschheit zum Selbstmord nicht“.

Diese Repräsentanten einer „jüdischen Intelligenz“ im 20. Jahrhundert verbanden höchste Klarheit und Menschlichkeit. Es galt in vielen öffentlichen Diskursen noch das Albert Einstein zugeschriebene Diktum: „Ein kluger Kopf passt unter keinen Stahlhelm!“


9. Antipazifistische Judenfeindlichkeit heute

Eine beeindruckende Persönlichkeit der jüngeren jüdischen Friedensbewegung in Deutschland ist der Neuropsychologe Rolf Verleger (1951-2021) gewesen, der wegen seines Widerspruchs gegen die sogenannte deutsche Staatsraison scharfe Attacken entgegennehmen musste. (Micha Brumlik meinte im April 2022 über Verleger, er habe „wie wenig andere in seinem Leben und Denken die politische Vernunft aus dem Geist des Judentums verkörpert“).

Wegen der Verleihung eines Friedenspreises an die „Jüdische Stimme für Frieden“ kam es 2019 zu einer heftigen öffentlichen Kontroverse; dem Journalisten Andreas Zumach konnte man jedoch nicht – wie beabsichtigt – gerichtlich verbieten lassen, von Verleumdung zu sprechen.

Seit dem Hamas-Massaker in israelischen Wohngebieten vom 7. Oktober 2023 (mit mehr als 1200 Mordopfern) und dem sich anschließenden Krieg der extrem rechten israelischen Staatsführung gegen die palästinensische Bevölkerung im Gaza-Streifen (mit mehr als 50.000 Opfern des militärischen Massenmordens der real vorherrschenden Zionismus-Fraktionen) werden vermehrt Gewalttätigkeiten gegen ‚Juden/Jüdinnen in der Diaspora‘ mit antizionistischem bzw. israelbezogen-antisemitischem Hintergrund gemeldet.

Zumal in Deutschland ist es andererseits auch in vielen Fälle zu staatlichen (oder gesellschaftlichen) Repressionen gegen jüdische Friedensarbeiter:innen und jüdische Kritiker:innen der israelischen (oder deutschen) Regierungspolitik gekommen, was dem traditionsreichen Feld der antipazifistischen Judenfeindlichkeit zugeordnet werden kann (u.a. Ausladungen, Redeverbote, Raumkündigungen, gezielte Diffamierungen im öffentlichen Raum). So wurde z.B. die Aktivistin Iris Hefets (Jüdische Stimme für gerechten Frieden) von Ende 2023 bis Juni 2025 bei Protesten bereits fünfmal ohne nachvollziehbaren Grund von der Berliner Polizei festgenommen: „Ich werde als Jüdin politisch verfolgt. Sie wollen uns einschüchtern und verhindern, dass sich Juden mit Palästinensern solidarisieren.“

Zu den gleichsam regierungsamtlich Ausgeladenen gehörte 2024 auch Moshe Zuckermann als Sohn von Holocaustüberlebenden und Kritiker der israelischen Staatspolitik.

Der Philosoph Omri Boehm (geb. 1979 Haifa) wird von Nationalisten, Bellizisten und deutschen Zensoren ebenso attackiert, weil er – im Einklang mit bedeutsamen jüdischen Überlieferungslinien – als Ethiker einen „Radikalen Universalismus“ vertritt. An ‚Denunzianten‘ mangelt es nicht.

Die Friedensarbeiterin und Künstlerin Nirit Sommerfeld wurde unlängst damit konfrontiert, dass man die schon zugesagte Förderung einer Veranstaltungsreihe mit Persönlichkeiten aus dem Judentum nach einschlägigen Protesten zurückzog. – Zu den vorgesehenen jüdischen Gästen gehört neben Eva Menasse, Susan Neiman und Candice Breitz die Schriftstellerin Deborah Feldman (geb. 1986 in New York), die ihre ethische Grundhaltung so ausdrückt: „Ich bin der festen Überzeugung, dass es nur eine einzige legitime Lehre des Holocaust gibt, und das ist die absolute, bedingungslose Verteidigung der Menschenrechte für alle“ (ZDF, 01.11.2023).

Der Politikwissenschaftler und Ökonom Dr. Shir Hever (geb. 1978 in Israel) ist Geschäftsführer von BIP e.V. (Bündnis für Gerechtigkeit zwischen Israelis und Palästinenser). Auch er gehört zu jenen Zionismus-Kritikern, die als Juden von deutschen „Antisemitismusbeauftragten“ ohne Scham observiert werden.

Vor Gericht haben im April 2026 die „Verfassungs“- und Staatsraison-Schützer der deutschen Staatsmacht bezüglich ihrer Einschüchterungsstrategie gegen die „Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost“ zeitweilig eine Schlappe erlitten; sie dürfen nach Entscheid des Verwaltungsgerichtes in Berlin über ihren Bericht für 2024 die jüdischen Kritiker:innen der todbringenden Kriegspolitik der gegenwärtigen israelischen Regierung nicht mehr als „gesichert extremistisch“ diffamieren und kaltstellen. Den aktuellen Stand in dieser Sache nach einem abweichenden Beschluss des Kölner Verwaltungsberichtes (20.05.2026) vermitteln Interviews der Nachdenkseiten und der jungen Welt mit Wieland Hoban, dem Vorsitzenden der „Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost“.

_____

Das vom Verfasser betreute Projektportal der Schalom-Bibliothek: enthält u.a. einen Gesamtüberblick zur Publikationsreihe über Pazifisten und Antimilitaristinnen aus jüdischen Familien, ein fortlaufend ergänztes Namensverzeichnis und einen Lesesaal mit aktuellen Beiträgen.

Erstveröffentlicht im Overton Magazin am 27.6. 2026

Wir danken für das Publikationsrecht.
https://overton-magazin.de/top-story/pazifisten-und-antimilitaristinnen-aus-juedischen-familien/

Wir danken für das Publikationsrecht.

Das Bild Kubas in den westlichen Medien – es ist Framing

Von: DIETER REINISCH

Der Globale Süden kommt in den westlichen Medien vergleichsweise selten vor, und falls doch, ist er von kolonialen und eurozentrischen Vorurteilen geprägt. Dies wird deutlich bei einer kritischen Medienanalyse zu Kuba. In diesem ersten von zwei Beiträgen wird das Framing beschrieben.

Titelbild: Jens Schulze – R-mediabase.eu

Studien zeigen ein deutliches Unbehagen gegenüber den Medien im Allgemeinen und den öffentlich-rechtlichen Medien im Besonderen. Immer weniger Menschen konsumieren regelmäßig traditionelle Medien. Das hat unterschiedliche Gründe, aber auch eine zunehmend offene Parteilichkeit bei ehemaligen oder vorgeblichen Qualitätsmedien. Das ist besonders offensichtlich in der internationalen Berichterstattung über die Kriege in Osteuropa und Westasien, wo sich die Tonalität deutlich unterscheidet. Während Russland „direkt und gezielt“ die Ukraine bombardiert und die dortige Bevölkerung „terrorisiert und ermordet“, ist die Beschreibung des Genozids in Gaza eine gänzlich andere. Dort „sterben Menschen“ durch „Explosionen“. Einmal in aktiver Sprache mit direkter Nennung des Aggressors und deutlicher Wertung, auf der anderen Seite passive Sprache und Vermeidung der Erwähnung Israels als Täter. Mehrere Studien zeigten diese Unterschiede etwa in der Berichterstattung der New York Times. Derartige Mechanismen sind nicht auf die Berichterstattung über diese beiden Konflikte beschränkt und nicht neu; sie haben jedoch in den letzten Jahrzehnten rapide zugenommen.

Anhaltender Medienputsch gegen die Linke in Lateinamerika

In der September-2024-Ausgabe der Granma lesen wir: „Nicolás Maduro hat die letzten Wahlen in Venezuela gewonnen, aber die Geschichte der Mainstream-Medien und einiger der nicht ganz so mächtigen Medien ist eine andere.“ Die Zeitung beobachte einen „anhaltenden Medienputsch gegen die Linke in der Region“ und nannte als Beispiele dafür den „schmutzigen Krieg gegen den Sandinismo in Nicaragua, der Militärputsch gegen Zelaya in Honduras, der parlamentarische Putsch gegen Fernando Lugo in Paraguay (und) das Amtsenthebungsverfahren gegen Dilma Roussef in Brasilien und der Militärputsch gegen Evo Morales in Bolivien“. Dadurch sei es „diesem journalistischen Diskurs“ gelungen, in der lateinamerikanischen Gesellschaft den Eindruck zu erwecken, „dass die Linke korrupt ist, weshalb es schwierig war, angesichts dieser Gerichtsprozesse die Straße zu mobilisieren, und weshalb es ihnen sogar gelungen ist, dafür zu sorgen, dass dies für viele nicht mehr in Frage kommt“.

Diese Medienpropaganda gegen Kuba hat bereits mit der Revolution begonnen. 1960 sagte der spätere chilenische Präsident Salvador Allende im dortigen Senat: „Tag für Tag, Minute für Minute stellen sie (die großen Medienkonzerne) falsch dar, was in Kuba passiert“, wie im Text von Tim Anderson „‘Orientalism‘ and Cuba: How Western media get it wrong“, erschienen 2010 in Links: International Journal of Socialist Renewal nachzulesen ist.

In der Einleitung seines 2019 bei Pluto Press erschienenen Buchs Manufacturing the Enemy: The Media War Against Cuba schreibt Keith Bolender: „Die Massenmedien haben die konterrevolutionären Ziele der Regierung, Kubas sozialistisches Experiment zu beenden und das Land zu zwingen, in die Arme Amerikas zurückzukehren, enthusiastisch unterstützt.“ Die Rolle der Medien bestehe darin, die Revolution „in den negativsten Formen zu propagieren, was zur Normalität der Dämonisierung der kubanischen Revolution und ihrer Unterstützer“ geführt habe: „Die Medien haben den unaufhaltsamen Marsch hin zur Schaffung einer kritischen Erzählung angeführt, die einer ehrlichen Prüfung nicht standhält“, so Bolender, der in seiner Studie über die US-Medien schreibt. Doch gleiches gilt auch für andere Länder und die dortigen Medien: Denise Baden von er Universität Southampton forscht zu Kuba und erinnert sich an die Berichterstattung zum Tod von Fidel Castro in britischen Medien: „In Großbritannien wurde den überwiegend negativen Ansichten einiger Emigranten aus Miami, die seinen Tod bejubelten, große Aufmerksamkeit geschenkt, während die Millionen Trauernden, die ihren Führer verloren hatten, übersehen wurden, wie sie im Beitrag „On Western Bias Against Cuba“ in der Ausgabe 9.1 des International Journal of Cuban Studies 2017 schreibt.

Denise Baden musste zudem erfahren, dass es nicht nur die Massenmedien sind, sondern auch Hindernisse gibt, in akademischen Publikationen ausgewogen über Kuba zu berichten: „Erst nach meinem zweiten Besuch in Kuba im Jahr 2015 wurde mir bewusst, wie schwierig es ist, eine ausgewogene Geschichte über die Insel zu erzählen.“ Ziel der Recherchereise war es, mit Spitzenmanagern der Pharma- und Biotechnologiebranche zu sprechen, um das Erfolgsgeheimnis Kubas zu erörtern, etwa die Herstellung des ersten Impfstoffs gegen Lungenkrebs, schreibt sie. Doch Baden konnte ihre Forschung später nicht publizieren: „Als meine Kollegen und ich versuchten, unseren Artikel über die kubanische Pharmaindustrie zu veröffentlichen, wurde er von einer angesehenen wissenschaftlichen Zeitschrift abgelehnt, und zwar nicht aus methodologischen oder analytischen Gründen, wie es normalerweise der Fall ist, sondern aus ideologischen Gründen.“ Ihr Team sei „überrascht“ gewesen, als ein Gutachter die Empfehlung erhielt, den Artikel abzulehnen, „und zwar mit der Begründung, Kuba sei eine Diktatur, die das Leben seiner Bevölkerung ruiniert habe!“ Ähnliche Erfahrungen hat auch Helen Yaffe gemacht, wie sie mir in einem Interview für das deutsche Magazin Cuba Libre erzählt hat, das am 10. Jänner 2024 unter dem Titel „Kuba ist für viele Wissenschaftler nicht zu erklären“ erschien. 

Eine Rekonstruktion der Realität

In einer 2010 in der Revista Latina de Comunicación Social erschienenen Studie untersuchte Miguel Ernesto Gómez Masjuán, wie die Washington Post zwischen August 2006 und Februar 2008 über Kuba berichtete. Es ist die Phase der Ankündigung des Rücktritts Fidels Castro und der offiziellen Wahl Raúls Castro. Die Arbeit eines Reporters ist, den Diskurs zu nutzen, um über Ereignisse zu berichten, sowie um Situationen, Charaktere und Szenarien zu beschreiben, die Ereignisse zu erzählen und Nachrichtenereignisse zu bewerten und zu kommentieren: „Journalisten präsentieren selten die nackten Tatsachen und selten in der Reihenfolge, in der sie geschehen sind. Was in Zeitungen, im Radio und im Fernsehen als Realität erscheint, ist zwangsläufig eine Rekonstruktion der Realität, um den Bedürfnissen und Anforderungen des Journalismus gerecht zu werden“, schreibt Herbert Altschull 1995 in Agents of Power: The Media and Public Policy.

Der journalistische Diskurs der Washington Post konzentrierte sich hauptsächlich auf die Reaktionen der in Südflorida ansässigen kubanisch-amerikanischen Gemeinschaft: Zweifel innerhalb der kubanischen Bevölkerung bezüglich ihrer Zukunft, die massiven Einwanderungswellen, die die US-Küste erreichen würden, sowie Spekulationen über Machtkämpfe zwischen verschiedenen Regierungspersönlichkeiten spielten in diesem Diskurs eine zentrale Rolle. Der Diskurs der Washington Post zeichnete somit ein verzerrtes, fragmentiertes und voller Klischees behaftetes Bild. Die Zeitung ging noch weiter und zog eine Parallele zwischen Fidel und der Diktatur des chilenischen Faschisten Augusto Pinochet: „Die Parallelen sind frappierend: Zwei skrupellose Diktatoren, die Menschenrechte für politische Ziele opferten. Zwei Männer, die von ihren Anhängern vergöttert und von den Exilanten, die sie vertrieben, verachtet wurden“, war 2006 in einem Artikel von Michael Shifter zu lesen.

Was hier gemacht wird, nennt sich Framing. Darunter ist zu verstehen, wie Medien den Rahmen des Denkens und der öffentlichen Diskussion über die Ereignisse bestimmen. Dem Leser werden die notwendigen Elemente zur Verfügung gestellt, um das Verständnis der Ereignisse zu gewährleisten – Schlüsselkonzepte, paratextuelle Beziehungen –, zusätzlich dazu, die Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Aspekt des informativen Objekts zu lenken, gleichzeitig andere auszuschließen, während Vorurteile, die zu seltsamen und ‚abweichenden‘ Lesarten führen, strategisch konfrontiert und widerlegt werden, und somit ein kohärentes und interdefinierbares Diskussionsfeld geschaffen wird. Der Framing-Effekt ist mit der Fähigkeit der Presse verbunden, die Wirklichkeit sozial zu konstruieren und im Publikum nützliche Bezugsrahmen für die Diskussion und Interpretation öffentlicher Angelegenheiten zu schaffen.

Die Washington Post stellte die kubanische Realität anhand mehrerer solcher Frames dar. Zunächst gab es einen Diskurs, der erneut versuchte, die Castro-Brüder zu dämonisieren. Die beiden galten als große Hindernisse für den Dialog und die Normalisierung der Beziehungen zwischen Kuba und den USA. Ein zweiter allgemeiner Ansatz betraf die Zukunft der Beziehungen zwischen den beiden Ländern: Obwohl der Diskurs mehrere Strategien nutzte, um einen gewissen Konsens der Eliten über die Möglichkeit einer anderen politischen Annäherung an Kuba zu erreichen, gab es tatsächlich keine wesentliche Kritik an der Politik der Regierung George Bushs.

Die dritte Linie, die in der Argumentation der Washington Post herausgearbeitet wurde, war die Darstellung einer Interessengemeinschaft zwischen den sogenannten Dissidenten in Kuba und den Kubanern in Südflorida, eine Vereinigung, die die Zeitung als eine der wichtigsten Möglichkeiten zur Gestaltung des „neuen Kuba“ betrachtete. Die vierte Achse, um die sich verschiedene Annäherungen drehten, galt dem „gescheiterten kubanischen System“. Die Washington Post stellte es als Ursache für „die Armut aller Städte des Landes“ und als einen „Zustand kollektiver Verzweiflung“ dar, der die Kubaner dazu veranlasste, sich auf das „Abenteuer übers Meer“ in die USA einzulassen.

Framing der Proteste 2021

Die Kuba-Solidaritätsgruppe in Großbritannien veröffentlichte gemeinsam mit der britischen Tageszeitung Morning Star einen Bericht über das Framing der Proteste in Kuba im Jahr 2021. Sie erwähnen zunächst das Vokabular: Gesprochen wird nicht von der Regierung oder der Verwaltung, sondern von „Regime“. Dies deutet auf ein verwerfliches politisches System hin, das mittels eines „Regimewechsels“ (regime change) geändert werden sollte. Dieser Begriff wird nie für befreundete Nationen oder westliche Länder verwendet, selbst wenn es in diesen Ländern viele Probleme mit der Demokratie oder den Menschenrechten gibt. (Hervorhebung durch die Redaktion.)

In Kolumbien wurden in den Jahren unter rechten Regierungen vor dem Amtsantritt des linken Pedro mehr als 400 politische Morde verübt, und dennoch sprachen die westlichen Medien weiterhin von der kolumbianischen „Regierung“. In Indien wurden Massenlager errichtet, um zwei Millionen Einwohner, hauptsächlich Muslime, zu deportieren. Dennoch lesen wir in den westlichen Medien nicht vom „indischen Regime“ oder vom „Modi-Regime“ – denn er ist ein Verbündeter des Westens.

Wenn es um Kuba geht, verwenden die Medien oft das Wort „Diktatur“, obwohl das Land über ein sehr umfangreiches Konsultationssystem verfügt: Keine grundlegende Entscheidung wird getroffen, ohne die Bevölkerung zu konsultieren. In einer Diktatur passiert das nicht. Selbst in europäischen Systemen gibt es keine Gewohnheit oder Bereitschaft, die Bevölkerung bei wichtigen Entscheidungen innerhalb von Legislaturperioden zu konsultieren – es sei denn, dies ist durch Verfassungen zwingend vorgeschrieben. Die aktuelle kubanische Regierung konnte, wie auch die vorherigen, immer auf die starke Unterstützung der Bevölkerung zählen; sonst hätte die Revolution unter den feindseligen und schwierigen Umständen, die Kuba erlebt hat, nicht überlebt – dieser Aspekt soll durch die Verwendung des Begriffs „Diktatur“ ausgeblendet werden.

Framing bedeutet auch, bestimmte Themen über- oder unterzubetonen. So waren beispielsweise die Demonstrationen gegen die Regierung 2021 deutlich kleiner als jene zugunsten der Regierung.

Darüber hinaus werden der wirtschaftliche Kontext und der Einfluss der US-Blockade – von den Mainstream-Medien als „Embargo“ bezeichnet – heruntergespielt. Kuba hat innerhalb von 30 Jahren zweimal seine wichtigsten Handelspartner und ausländischen Investoren verloren – und Anfang Jänner durch die imperialistische Aggression gegen Venezuela sogar ein drittes Mal. Dies ist eine wirtschaftliche Katastrophe für jedes Land. Das globale Sanktionsregime trifft Kuba besonders hart.

Das Land ist der längsten Wirtschaftsblockade der Weltgeschichte ausgesetzt und kann keinen Dollar mehr verwenden. Die Blockade kostet das Land jährlich etwa fünf Prozent seines BIP. Für die Mainstream-Medien ist das „Embargo“ jedoch kein wesentlicher Faktor. Ihrer Ansicht nach liegt die Ursache der wirtschaftlichen Misere in der Unfähigkeit der Regierung. (Hervorhebung durch die Redaktion.)

Die westlichen Medien geben dem letzten und aktuellen US-Präsidenten Joe Biden und Donald Trump gerne ein Forum: Ohne jegliche Kontextualisierung konnten bzw. können die beiden Präsidenten des Landes, das Kuba wirtschaftlich im Würgegriff hält, freimütig behaupten, dass sie dem kubanischen Volk zur Seite stehen? Der ehemalige mexikanische Präsident Andrés Manuel López Obrador erwiderte Biden in einem Interview, dass er, wenn er Kuba wirklich helfen wolle, die Wirtschaftsblockade beenden müsste. Obradors Botschaft gelangte nicht in die europäischen Mainstreammedien.

(Red.) Auch die Schweizer Banken, inklusive die dem Staat gehörende „PostFinance“, verweigern Zahlungen nach Kuba – offensichtlich auf „Wunsch“ der USA. Es ist so einfach: Man bringt mit Wirtschaftssanktionen ein Land in wirtschaftliche Nöte und behauptet dann, dass das dortige „Regime“ für die Wirtschaftsprobleme verantwortlich sei. Gerade hat die staatliche Schweizer Infoplattform „swissinfo“ über Kuba berichtet. Ein kritisches Wort gegenüber dem US-Politiker Rubio? Denkste! (cm)

Weitere Artikel von: Dieter Reinisch

Erstveröffentlicht auf GlobalBridge v. 12.7. 2026
Kubas Bild …

Wir danken für das Publikationsrecht.

Solidarität mit Kuba unerwünscht?

Bild: Cuba Si (Ein Solidaritätscontainer für Kuba)

Am 18. Juli gibt es ein Fest der Arbeitsgemeinschaft Cuba Si in der Partei DIE LINKE, auf dem die Initiative 35 Jahre „gelebte Solidarität“ mit Kuba feiern will. Dies ist eine stolze Bilanz und die Verstärkung dieser Solidarität ist auch das Gebot der Stunde. Man sollte nun annehmen, dass alle, die Kuba in einer Situation existenzieller Bedrohung seitens des US-Imperialismus beistehen wollen, mit Freude begrüßt werden. Doch Verantwortliche der AG scheinen hier anderer Auffasung zu sein. So bekam die Wuppertaler Inititative „Informationsbüro Nicaragua e.V.“ https://infobuero-nicaragua.org/ , die das Fest unterstützen wollte, eine Absage, in deren Begründung es heißt, die AG „… versteht sich seit vielen Jahren nicht nur als kulturelles Fest, sondern vor allem als politische Solidaritätsveranstaltung mit Kuba sowie den fortschrittlichen und linken Regierungen und Bewegungen in Lateinamerika. Diese grundsätzliche Solidarität bildet die gemeinsame politische Basis der Veranstaltung und ist für uns ein wesentliches Kriterium bei der Auswahl der teilnehmenden Organisationen und Stände.“ Die Veranstalter wollen also ihre Position, die offensichtlich eine bedingungslose Unterstützung der aktuellen Regierungen Lateinamerikas mit linkem Anspruch für richtig hält, zur Bedingung erklären, dass jemand an einem Fest zur Solidarität mit Kuba teilnehmen kann. Über den linken Charakter der gegenwärtigen Regierungen all dieser Länder von Brasilien, über Mexiko, Kolumbien, Venezuela bis hin zu Kuba selbst, gibt es in den Ländern dieser Regierungen und in der internationalen Linken mit guten Argumenten unterschiedliche Einschätzungen. Der offene, solidarische Streit darüber, welche Politik der Arbeiterklasse am besten dient, ist existenziell für ihre Entwicklung. Wer dies zu unterbinden versucht, erweist linker Politik einen Bärendienst – insbesondere der kubanischen Bevölkerung, die jede ernst gemeinte Unterstützung drigend benötigt. Wir hoffen, dass diese Haltung in der Arbeitsgemeinschaft dringend revidiert wird.

Im folgenden publizieren wir eine Stellungnahme von Matthias Schindler, langjähriger gewerkschaftlicher Aktivist in der IG Metall und Brigadist der ersten Stunde in Nicaragua, die er uns zur Veröffentlichung angeboten hat. (JG)


Politische Zensur in der Partei Die Linke?

Falls es sich nicht um ein unglückliches Missverständnis handeln sollte, hat die Arbeitsgemeinschaft der Partei Die Linke mit dem Namen Cuba Sí eine Gruppe von langjährigen Aktivisten der Nicaragua Solidarität von der Fiesta de Solidaridad 2026 ausgeladen. Sollte dieser skandalöse Akt politischer Zensur innerhalb der Partei Die Linke nicht innerhalb kürzester Frist korrigiert werden, könnte dies großen Schaden für die Solidarität mit Kuba und auch für Die Linke anrichten.

Vom ersten Tag der kubanischen Revolution an hat der US-Imperialismus versucht, den nicht-kapitalistischen Weg Kubas mit allen politischen, wirtschaftlichen, militärischen und terroristischen Mitteln zu zerstören. Unabhängig davon, wie die unterschiedlichen Strömungen der Linken die innenpolitische Entwicklung Kubas beurteilen, war es immer eine gemeinsame Haltung der Linken, jegliche Intervention der USA gegen dieses Land kategorisch abzulehnen.

Das Teilnahmeverbot für die Nicaragua Aktivisten bedeutet, dass die Solidarität mit Kuba nur noch auf diejenigen politischen Kräfte eingeschränkt werden soll, die den kubanischen Weg kritiklos unterstützen. In Zeiten, in denen Kuba – wie kaum jemals zuvor – auf eine breite internationale Unterstützung seiner nationalen Souveränitätsrechte angewiesen ist, würde der autoritäre Ausschluss von Andersdenkenden eine massive Schwächung der Kuba Solidarität bedeuten. Angesichts der aktuellen Debatten in Kuba selbst können wir darüber hinaus sicher sein, dass die kubanische Führung ein solches sektiererisches Manöver nicht gutheißen würde.

Das Motto des Festes lautet: „feiern, diskutieren und Solidarität leben“. Wenn davon in Wirklichkeit nur noch das Feiern übrig bleibt, hat diese Veranstaltung ihren eigentlichen Sinn komplett verloren. Wie soll es eine Diskussion geben, wenn mögliche Mitdiskutanten ausgeladen werden? Was bedeutet Solidarität, wenn andere Meinungen auf autoritäre Weise unterdrückt werden? Wer gibt Cuba Sí das Recht, zu bestimmen, wer zur Solidarität gehört und wer nicht? Was soll das für eine Solidarität sein, die nur noch vom eigenen kleinen Machtzirkel getragen wird und jegliche breitere und pluralistische Solidarität ausschließt?

Die beste Verteidigung Kubas gegen die aggressive Politik Washingtons besteht darin, eine Kritik am politischen Modell Kubas zuzulassen und gleichzeitig jegliche Intervention der USA als unrechtmäßige Großmachtpolitik zurückzuweisen. Der einzig legitime Akteur zur Bestimmung der inneren gesellschaftlichen Verhältnisse ist das kubanische Volk selber.

Die Linke hat auf ihrem Parteitag gezeigt, dass sie eine pluralistische Partei ist, die solidarisch miteinander debattieren kann. Da ist auch von der Gruppe Cuba Sí zu erwarten, dass sie einen politischen Pluralismus innerhalb der Linken akzeptiert und eine demokratische Debatte erlaubt.
Lissabon, 9. Juli 2026

Matthias Schindler (74), seit den Demonstrationen gegen die Vietnamkrieg Unterstützer der Befreiungsbewegungen im Globalen Süden, seit 1979 Aktivist der Solidaritätsbewegung mit Nicaragua. Er ist Autor des kürzlich im Verlag Die Buchmacherei erschienen Buches „Nicaragua zwischen Sandinistischer Revolution und Ortega-Diktatur“.

https://diebuchmacherei.de/de_de/produkt/nicaragua-zwischen-sandinistischer-revolution-und-ortega-diktatur/

Diese Seite verwendet u. a. Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung