Hört ihr noch die Stimmen des Friedens?

Ein kleines Gedicht. Einfache Worte. Für klare Gedanken. Kein intellektuelles Geschwurbel: „Ja,aber“! So einfach wie die Verwunderung der Kinder auf dem Titelbild über die aktuelle Entwicklung: „ich dachte immer, Krieg wäre Vergangenheit!“ In Rene Osselmanns Stimme schwingt Verzweifelung mit. Aber seine Stimme erhebt sich, um sich gegen diese „unglaubliche“ Entwicklung zu stemmen: Die Stimmen des Friedens dürfen nicht untergehen! Stimmt mit ein, dass das Wort „Friede“ den Schrei nach Krieg wieder übertönt! „Nie wieder Krieg!“

Wir danken Rene Osselmann für das Publikationsrecht seines Videos , 25. Mai 2025

Titelfoto: Peter Vlatten

Ein Mord in Spanien und die westlichen Werte (die die Ukraine angeblich verteidigt)

Von Stefano di Lorenzo

Bild: GlobalBridge

Der ukrainische Journalist Anatolij Sharij gehört zu den Kritikern der von Wolodymyr Selenskyj geführten Ukraine und muss deshalb im Exil (in Spanien) leben. Niemand muss mit seinen Kommentaren einverstanden sein, aber muss er, weil von der Ukraine als „Feind“ eingestuft, umgebracht werden, wie es viele Ukrainer wünschen? In der Ukraine werden die Tötungen von Andersdenkenden oft begrüsst und öffentlich gutgeheissen …

(Red.) Für jene, die die Ukraine persönlich kennen – die Redaktion von Globalbridge gehört dazu –, ist es zwar nichts Neues, aber es ehrt unseren Autor in Russland, Stefano di Lorenzo, der auch die ukrainische Sprache versteht, dass er es zu thematisieren wagt: Viele, sehr viele Ukrainer freuen sich regelrecht, wenn ein Andersdenkender umgelegt wird. Das zeigen nicht zuletzt die Kommentare auf den „sozialen“ Medien. (cm)

Seit mindestens zehn Jahren wird in Europa und Amerika kunstvoll ein geschöntes Bild der Ukraine als edles, unschuldiges und tapferes Land kultiviert, dessen einziger Wunsch es sei, wohlhabend, frei und demokratisch zu sein. In Wirklichkeit hatte die PR-Kampagne zur Europäisierung der Ukraine bereits 2004 mit der ersten ukrainischen Revolution, der „Orangenen Revolution“, begonnen. Da aber die Jahre der prowestlichen Präsidentschaft Juschtschenkos alles andere als erfolgreich waren und 2010 dann der „falsche“ Kandidat gewann, wurde die Kampagne zur Glorifizierung der Ukraine erst mit der Revolution von 2014 in großem Stil wieder aufgenommen.

Es besteht kein Zweifel, dass die Ukrainer, als sie im Winter 2014 auf dem Maidan sangen, tanzten, europäische Fahnen schwenkten und Steine – und nicht nur Steine – warfen, von dem träumten, was ihnen als der sagenhafte Reichtum Europas schien. Über die spezifisch ukrainische Interpretation von Freiheit und Demokratie kann man allerdings streiten. Schließlich sind die Begriffe von Freiheit und Demokratie so allgemein, dass sie alles Mögliche bedeuten können, und man kann sie so verwenden, dass sie völlig bedeutungslos werden.

Vor einigen Tagen wurde in Madrid in Spanien der bekannte ukrainische Anwalt Andriy Portnow vor der Schule seiner Tochter erschossen. Die spanische Polizei war nicht in der Lage, den Mörder festzuhalten, der offensichtlich – nach der Effizienz zu urteilen, mit der er seine Arbeit verrichtete – ein Profi in seinem Fach gewesen sein soll.

Portnow war kein gewöhnlicher Ukrainer. Während der Präsidentschaft von Viktor Janukowitsch war er einer der zentralen Figuren im Rechts- und Verfassungsapparat gewesen und hatte wichtige Positionen gehabt, wie die des Leiters der Hauptabteilung für das Justizwesen und des stellvertretenden Leiters der Verwaltung des Präsidenten. Nach dem Sturz von Janukowitsch im Jahr 2014 war Portnow zur Zielscheibe der Post-Maidan-Säuberungswelle geworden und wurde – wie viele andere – der Korruption und des Hochverrats beschuldigt, obwohl keine konkreten Anschuldigungen jemals zu einer endgültigen gerichtlichen Verurteilung führten. Nach Jahren des Exils in Russland und Österreich kehrte er 2019 in die Ukraine zurück, nur um das Land bald wieder zu verlassen und sich in Spanien niederzulassen, als die letzte Phase des Ukraine-Krieges begann.

Es soll hier nicht über die Identität des Mörders oder seines Anstifters spekuliert werden. Es ist die Reaktion vieler, allzu vieler Ukrainerinnen und Ukrainer auf die Nachricht vom Tod eines Mannes, die bestürzend ist. „Das wurde endlich auch mal Zeit“, schreibt einer auf Facebook unter einem Post von Deutsche Welle, „Sie enden alle so wie er“ schreibt ein anderer, und es gibt eine Menge ähnlicher, von Schadenfreude durchdrungener Kommentare, die jedem Menschen mit einem Mindestmaß an Menschlichkeit den Magen umdrehen können.

Die sozialen Medien sind nämlich – das sollte inzwischen klar sein – kein Ort, an dem sich Freunde treffen, die sich lieben, sondern eine giftige Arena, in der es oft von Hass wimmelt, in der Menschen leicht zu Beleidigungen gegen diejenigen greifen, mit denen sie nicht einverstanden sind, und in der viele – öffentlich, vor den Augen der ganzen Welt – das Schlimmste von sich geben. Selten jedoch kann man sehen, dass sich jemand über den gewaltsamen Tod eines anderen Menschen freut. Doch in diesem Fall ist es geschehen.

Leider handelt es sich dabei keineswegs um einen Einzelfall. Jedes Mal, wenn jemand von den „Feinden der Ukraine“ brutal ermordet wird – und diese Vorfälle haben sich in den letzten Jahren mit einer gewissen Regelmäßigkeit ereignet – muss man nur durch die Reaktionen in den sozialen Medien scrollen, um jeden Rest an Glauben an die Menschheit zu verlieren. Es sind diese Menschen, die Ukrainer, die laut der offiziellen Medienberichterstattung die Verfechter der europäischen Werte sein sollten, die Verteidiger von Freiheit, Demokratie und Fortschritt – kurz gesagt das Edelste, was die Menschheit im Laufe ihrer Geschichte hervorgebracht hat. 

Neulich witzelte ein großer ukrainischer Fernsehsender sogar über das nächste mögliche Opfer, Anatoliy Sharij, einen bekannten oppositionellen Journalisten und Blogger, der seit vielen Jahren in Spanien lebt. Seine Feinde bezeichnen ihn als „pro-russisch“, doch in Wahrheit ist Sharij keineswegs ein Anhänger des Kremls: Er ist einfach ein scharfer Beobachter der internen Machtdynamik der Ukraine. In seinen manchmal provokanten, oft polemischen Videos kritisiert er sowohl die Korruption als auch die politische Unterdrückung in dem Land. Seit Jahren wird er von den ukrainischen Behörden mit dem Vorwurf des Hochverrats und ein „Anti-Ukrainer“ zu sein verfolgt. Nach der russischen Invasion im Jahr 2022 verschärfte Kiew seine Jagd auf Andersdenkende, setzte Scharij auf die schwarze Liste, forderte von Spanien seine Auslieferung und schürte eine permanente Hasskampagne. Sharij hat drei Millionen von Followers auf YouTube, aber auch viele Gegner, die ihn hassen, weil er angeblich „antiukrainische Narrative“ verbreiten soll. 

Siehe dazu auch den folgenden Artikel von Christian Müller von 2019:
https://www.infosperber.ch/politik/europa/ukraine-neuer-ministerpraesident-heisst-neonazis-willkommen/

Am auffälligsten ist jedoch die Reaktion vieler Ukrainer. Es gibt keine Diskussion, keine Analyse, keine Argumente und Gegenargumente. Nur Hass. Nur der Wunsch nach Rache. In den letzten Jahren haben die westlichen Freunde der Ukraine oft die Parole „Slava Ukraini“, „Ruhm für die Ukraine“, wiederholt. Dabei ignorieren sie nicht nur den nationalistischen Ursprung der Parole, sondern auch ihre Ergänzung, die in der Regel lautet: „Smert voroham“ — „Tod den Feinden“. Dieser Slogan, der heute bei den Streitkräften, in den sozialen Medien, bei Aktivisten und Patrioten allgegenwärtig ist, ist zu einem Symbol der neuen Ukraine geworden. Jeder „Ruhm“, der den „Tod der Feinde“ fordert, trägt jedoch den Keim der Barbarei in sich. Und man fragt sich: Wollen die europäischen Verfechter der Freiheit, der Menschenwürde und der Toleranz, die Freunde der Ukraine mit der Flagge über der Ukraine auf ihren Facebook-Profilen, wirklich mit denen befreundet sein, die eine solch finstere Parole schwenken und bereit sind, den Tod eines Dissidenten zu wünschen und zu feiern?

Oles Busina, Journalist und Historiker, war eines der ersten Opfer. Auch er wurde 2015 erschossen, vor seinem Haus in Kiew. Er war ein Außenseiter, ein Kritiker der nationalistischen Rhetorik und ein Nostalgiker der russophilen Ukraine. Er schrieb auf Ukrainisch und Russisch, veröffentlichte Artikel und Essays, die viele verärgerten. Er war klar kein Agent des Kremls. Aber er wurde am helllichten Tag ermordet. Zwei Verdächtige wurden verhaftet – Mitglieder ultranationalistischer paramilitärischer Gruppen –, aber der Prozess wurde hinausgezögert, sabotiert und praktisch abgebrochen. Keiner wurde verurteilt. Und im Netz kursierten Witze über „einen Verräter weniger“.

Das Paradoxon einer prowestlichen, fortschrittlichen, grausamen und erbarmungslosen Ukraine gegenüber ihren Feinden wurde in einem berühmten Artikel des amerikanischen Journalisten Keith Gessen in der London Review of Books im Jahr 2014 hervorgehoben. So schrieb er: „Alle Feinde des Fortschritts an einem Ort, alle Verlierer und Versager: Wäre es nicht besser, das Problem ein für alle Mal zu lösen? Wäre es nicht eine bessere langfristige Lösung, so viele wie möglich zu töten und den Rest von ihnen für immer in Angst und Schrecken zu versetzen? Das ist es, was ich von respektablen Leuten in Kiew gehört habe. Nicht von den Nationalisten, sondern von Liberalen, von Fachleuten und Journalisten. Alle schlechten Menschen waren an einem Ort — warum sollte man sie nicht alle töten?“

Es ist kein Zufall, dass sich auch 2014 eine der dunkelsten Episoden der jüngeren europäischen Geschichte ereignete: der Brand des Hauses der Gewerkschaften in Odessa am 2. Mai. An diesem Tag wurde bei Zusammenstößen zwischen Euromaidan-Anhängern und prorussischen Demonstranten ein Gebäude in Brand gesetzt, in dem mehrere prorussische Aktivisten Zuflucht gesucht hatten. Achtundvierzig Menschen starben, einige durch Ersticken, andere verbrannten bei lebendigem Leibe, wieder andere stürzten bei einem Fluchtversuch aus dem Fenster. Die ukrainischen Behörden haben den Vorfall nie vollständig aufgeklärt, und die Täter – sofern sie ermittelt wurden – wurden nie exemplarisch bestraft. Was jedoch im Gedächtnis bleibt, ist die Reaktion: In den sozialen Medien gab es Hunderte, ja Tausende ironischer Kommentare von Ukrainern, verächtlich, begeistert. Einige posteten Memes mit Überschriften wie „Willkommen in der Hölle“, andere machten Witze über die Schreie der Sterbenden. Auch hier war es nicht nur die kriminelle Handlung selbst, die einen zutiefst beunruhigte, sondern das völlige Fehlen von Mitleid, die Gleichgültigkeit, die Freude. Selbst einige Politiker schlossen sich dem makabren Chor des Hasses an.

Die Morde an Andriy Portnow, Oles Busina, die in Odessa bei lebendigem Leib verbrannten Menschen und die Verfolgten wie zum Beispiel Scharij bilden ein beunruhigendes Mosaik, das nicht ignoriert werden kann. Es handelt sich weder um „Unfälle“ noch um persönliche Racheakte noch um Verbrechen aus Leidenschaft. In den meisten Fällen handelt es sich um gezielte Tötungen. Und, was vielleicht noch schlimmer ist, eine Praxis, die von der Gesellschaft nicht abgelehnt, sondern oft mit Freude oder bestenfalls mit Gleichgültigkeit begrüßt und kommentiert wird. (Auszeichnung dieses Abschnittes durch die Redaktion.)

Die Ukrainer jedoch hören diese Dinge überhaupt nicht gerne und fangen gewöhnlich an, über „anti-ukrainische“ Narrative und russische Propaganda zu schwadronieren, wenn diese Themen angesprochen werden. Es ist ein wirksamer rhetorischer Trick, jede abweichende Meinung als Unterwanderung durch den Feind zu bezeichnen. Damit wird das Klima der Hexenjagd und der blutigen Besessenheit vom Feind aufrechterhalten. Auf diese Weise wird auch die Gewalt gerechtfertigt. 

Es ist jedoch an der Zeit, zwischen dem Recht, sein Land zu verteidigen, und dem gefährlichen Drang, jede Stimme aus dem Chor zu eliminieren, zu unterscheiden. Unter dem Vorwand eines Krieges mit Russland haben viele in der Ukraine seit 2014 eine „Lizenz zum Töten“ erhalten. Aber man muss sehr vorsichtig sein, wenn man diese Dinge hervorheben will, der Name desjenigen, der davon spricht, könnte auf der „Mirotvorets“-Website der ukrainischen Regierung (was so viel wie „Friedensstifter“ bedeutet) landen, auf der die persönlichen Daten (oft sogar die Wohnanschrift) der angeblichen „Feinde“ der Ukraine gemeldet und veröffentlicht werden. Einige von ihnen wurden schließlich getötet, obwohl es nicht möglich ist, alle zu töten, da die Liste mittlerweile sehr lang ist. Das ist die Realität der Ukraine, die Europa als „liberal“ und „demokratisch“ darstellen will. Und für viele Ukrainer ist daran nichts auszusetzen, der Krieg, der Ausnahmezustand, die Ursache der Maidan-Revolutionen, rechtfertigen alles. Die Verfechter von Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie in Europa täten gut daran, mit dieser Art von Freunden vorsichtig zu sein.

Erstveröffentlicht auf GlobalBridge v. 24.5. 2025
https://globalbridge.ch/ein-mord-in-spanien-und-die-westlichen-werte-die-die-ukraine-angeblich-verteidigt/

Wir danken für das Publikationsrecht.

„Nuklear unabhängig von den USA“

German-Foreign-Policy, 16.; Mai 2025

Frankreichs Präsident Macron treibt Debatte über französischen Nuklearschirm für Europa voran – auch für Deutschland. Berlin sucht Optionen zur Mitentscheidung über einen französischen Kernwaffeneinsatz. AfD will deutsche Bombe.
PARIS/WARSCHAU/BERLIN (Eigener Bericht) – Frankreichs Präsident Emmanuel Macron prescht mit dem Vorschlag voran, weitere Staaten Europas, darunter womöglich Deutschland, einem auf französischen Atombomben basierenden „Nuklearschirm“ nach dem Vorbild der USA zu unterstellen. „Ernsthafte Gespräche“ darüber mit Polen seien bereits im Gange, teilte am Freitag anlässlich der Unterzeichnung eines französisch-polnischen Kooperationsvertrags Polens Ministerpräsident Donald Tusk mit. Derlei Gespräche werde man auch mit anderen Staaten führen, kündigt Macron an. Bestrebungen, eine Alternative zur nuklearen Teilhabe an US-Kernwaffen aufzubauen, gibt es auch in Berlin – verstärkt, seit der jetzige Bundeskanzler Friedrich Merz am 21. Februar Gespräche darüber mit Paris und London in Aussicht stellte. Zwar ist in deutschen Leitmedien unlängst auch die Aufrüstung mit einer „deutschen Bombe“ im nationalen Alleingang erwogen worden – unter Bruch des Atomwaffensperrvertrags wie auch des Zwei-plus-Vier-Vertrags. AfD-Politiker befürworten dies. Die Regierungsparteien in Berlin setzen jedoch auf eine „europäische Lösung“. Unklar ist, wie eine Beteiligung Berlins an der Entscheidung über einen Atomwaffeneinsatz durchgesetzt werden kann.

„Alte Fesseln lösen“

Die Debatte, ob der bisherige US-Nuklearschirm über Europa beibehalten oder durch einen eigenen europäischen Nuklearschirm ersetzt werden soll, entflammte zunächst anlässlich der Präsidentenwahl in den Vereinigten Staaten im November vergangenen Jahres, dann nach dem Amtsantritt von Präsident Donald Trump am 20. Januar neu. Zeitweise wurden Forderungen laut, Deutschland solle in einem nationalen Alleingang Atomwaffen beschaffen. So hieß es etwa in einem prominent platzierten Plädoyer in der einflussreichen Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit Blick auf die Tatsache, dass der Zwei-plus-Vier-Vertrag eine nukleare Aufrüstung der Bundesrepublik nicht erlaubt, es gebe „gute Gründe“, von einem „Wegfall der Grundlage für den Zwei-plus-vier-Vertrag zu sprechen“; Deutschland müsse „alte Fesseln lösen“.[1] Etwa gleichzeitig wurden Resultate von Meinungsumfragen bekannt, denen zufolge eine atomare Bewaffung der Bundesrepublik zwar noch nicht mehrheitsfähig sei, aber von einem wachsenden Teil der Bevölkerung befürwortet werde.[2] Zudem werde auch in anderen Staaten über den Bau einer Atombombe diskutiert, etwa in Südkorea oder in Polen. Technologisch in der Lage, Uran in hinlänglichem Umfang anzureichern, um damit Kernwaffen zu produzieren, sei die Bundesrepublik allemal.

Die deutsche Bombe

Einflussreichere Politiker haben sich der Forderung nach einer deutschen Bombe bislang noch nicht angeschlossen. Auf die medial diskutierte Option, künftig „eigene Kernwaffen zu entwickeln“, habe die Bundesrepublik „völkerrechtlich bindend verzichtet“, äußerte kürzlich Karl-Heinz Kamp, ein ehemaliger Präsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik (BAKS), der aktuell bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) tätig ist.[3] Es gebe derzeit „keine politisch ernst zu nehmende Stimme in Berlin, die daran etwas ändern wollte“. Offene Plädoyers für eine deutsche Bombe kommen inzwischen allerdings aus der Alternative für Deutschland (AfD). So wurde schon im März beispielsweise der verteidigungspolitische Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion, Rüdiger Lucassen, mit der Aussage zitiert: „Deutschland braucht eigene Atomwaffen“. Die Bundesrepublik müsse „selbst nuklear abschreckungsfähig werden“ – und zwar „im Rahmen einer strategischen Autonomie Europas“.[4] Lucassen ist Oberst a.D. der Bundeswehr. Der Forderung schloss sich der AfD-Bundestagsabgeordnete Hannes Gnauck an, ein Oberfeldwebel, der dem Arbeitskreis Verteidigung seiner Partei angehört. Gnauck äußerte: „Deutschland braucht einen eigenen nuklearen Schutzschirm.“[5]

Die europäische Option

Ein anderes Vorgehen schlug vor geraumer Zeit – an alte Überlegungen anknüpfend – der Direktor des Global Public Policy Institute (GPPi) in Berlin, Thorsten Benner, vor. Zwar riet Benner dazu, man solle „für den Fall der Fälle die grundlegenden wissenschaftlichen und technologischen Fähigkeiten vorhalten, um ein deutsches Nuklearbombenprojekt zu verfolgen“: „die sogenannte nukleare Latenz“.[6] In der politischen Praxis solle man aber „eine europäische Option“ anstreben. Darauf dringt auch Kamp. Er weist darauf hin, dass im Trinity House Agreement zwischen Großbritannien und Deutschland vom Oktober 2024 [7] ausdrücklich ein bilateraler „Austausch über Nuklearfragen“ vorgesehen sei. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron habe ebenfalls „schon frühzeitig“ für einen Dialog über eine Nutzung der Force de frappe für ein Aufspannen eines Atomschirms über der EU plädiert.[8] Kamp schlägt nun vor, Deutschland könne sich „an den erheblichen Kosten der nuklearen Kapazitäten“ Frankreichs und Großbritanniens beteiligen. Dies setze freilich voraus, dass ein „direkter Zusammenhang zwischen den Kernwaffenpotentialen beider Länder und der Sicherheit Deutschlands und Europas hergestellt“ werde – und zwar „in bilateralen Verträgen rechtlich bindend“ festgelegt. Damit erhielte Berlin direkten Einfluss auf französische und britische Atomwaffen.

Gemeinsame Atomkriegsmanöver

Macron hat in den vergangenen Tagen dem Plan, die Staaten der EU unter den Schutz der französischen oder auch der französisch-britischen Atomwaffen zu stellen, einen neuen Schub verpasst. Er wirbt schon lange für ihn – und begründet ihn mit seiner Auffassung, Frankreichs nationale Kerninteressen, deren Schutz die französischen Atomwaffen dienten, enthielten heute „eine europäische Dimension“. Das ermögliche es, Frankreichs nukleare Abschreckung ohne jeden Nachteil für das eigene Land auf andere europäische Staaten auszudehnen.[9] In Paris ist mit einiger Aufmerksamkeit registriert worden, dass am 21. Februar der heutige Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte, „Europa“ werde womöglich „nuklear unabhängiger werden müssen von den USA“. Darüber wolle er mit Paris und London verhandeln.[10] Ende Februar bekräftigte Macron bei einem Besuch in Portugal die für eine Ausweitung des Nuklearschirms zentrale „europäische Dimension“ von Frankreichs Kerninteressen. Experten trieben die öffentliche Debatte rasch weiter voran. So hieß es etwa Anfang März, es werde Jahre dauern, bis man genug neue Atomsprengköpfe produziert habe, um Kernwaffen nach dem US-Vorbild der nuklearen Teilhabe in anderen europäischen Ländern zu stationieren. Schon kurzfristig realisierbar seien aber beispielsweise gemeinsame Atomkriegsmanöver.[11]

„Ernsthafte Gespräche“

Seit Ende vergangener Woche konkretisiert sich der Plan. Am Freitag haben Frankreich und Polen einen Freundschaft- und Kooperationsvertrag geschlossen (Traité de Nancy), der unter anderem eine engere Rüstungs- und Militärkooperation vorsieht sowie eine Beistandsklausel enthält.[12] Er gilt als Gegenstück zu den Traités de Londres mit Großbritannien aus dem Jahr 2010, zum Traité d’Aix-la-Chapelle mit Deutschland aus dem Jahr 2019, zum Traité du Quirinal mit Italien aus dem Jahr 2021 und zum Traité de Barcelone mit Spanien aus dem Jahr 2023. Die Beistandsklausel eröffne die Option, über eine Ausweitung der französischen Nuklearabschreckung auf Polen zu diskutieren, heißt es. Wie Polens Ministerpräsident Donald Tusk am Freitag bestätigte, führe seine Regierung darüber inzwischen „ernsthafte Gespräche“ mit Paris.[13] Macron wiederum hat am Dienstag in einem Interview bekräftigt, er wolle die Debatte über eine Teilhabe an Frankreichs atomarer Abschreckung „mit allen Partnern“ führen, „die das wünschen“.[14] Er werde die Gespräche in den nächsten Wochen und Monaten intensivieren. Klar sei allerdings dreierlei: Frankreich werde nicht „für die Sicherheit anderer zahlen“; es werde keine Kernwaffen verlegen, die es selber benötige; und die Entscheidung über den Einsatz einer französischen Atombombe verbleibe allein beim französischen Präsidenten.

Start der Debatte

Dass Berlin einer Ausweitung des französischen Nuklearschirms auf Deutschland unter der Voraussetzung zustimmt, keinerlei Mitentscheidung über einen etwaigen Einsatz zu haben – dies ist zur Zeit bei der nuklearen Teilhabe an US-Atombomben der Fall –, kann aktuell als unwahrscheinlich gelten. Eine gewisse Mitbestimmung könnte die von Kamp favorisierte Kofinanzierung bieten. Andere Optionen werden erwogen: Die Debatte ist eröffnet.

[1] Reinhard Müller: Deutschland muss alte Fesseln lösen. Frankfurter Allgemeine Zeitung 24.03.2025.

[2] S. dazu Alte Fesseln lösen.

[3] Karl-Heinz Kamp: Deutschland kann Kernwaffenarsenale mitfinanzieren. faz.net 18.04.2025.

[4], [5] Annika Leister: AfD-Politiker fordern Atomwaffen für Deutschland. t-online.de 06.03.2025.

[6] Majd El-Safadi, Mark Schieritz: Brauchen wir die Bombe? zeit.de 03.03.2025.

[7] S. dazu Die Konzentration der europäischen Rüstungsindustrie.

[8] Karl-Heinz Kamp: Deutschland kann Kernwaffenarsenale mitfinanzie

9] Cécile Ducourtieux, Philippe Ricard, Elise Vincent: L’extension du parapluie nucléaire français et britannique en Europe suscite un intérêt grandissant de la part des alliés. lemonde.fr 04.03.2025.

[10] Merz will mit europäischen Atommächten über Nuklearschirm sprechen. zeit.de 21.02.2025.

[11] Cécile Ducourtieux, Philippe Ricard, Elise Vincent: L’extension du parapluie nucléaire français et britannique en Europe suscite un intérêt grandissant de la part des alliés. lemonde.fr 04.03.2025.

[12] Emmanuel Macron et Donald Tusk signent un traité à Nancy pour renforcer les liens militaires entre la France et la Pologne. lemonde.fr 09.05.2025.

[13] Signal aus Nancy. Frankfurter Allgemeine Zeitung 10.05.2025.

[14] Dissuasion nucléaire : sur TF1, Macron se dit « prêt à ouvrir une discussion » avec d’autres pays de l’UE. tf1info.fr 13.05.2025.

Wir danken für das Publikationsrecht

Titelbild: Collage Peter Vlatten

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