Antilopen Gang. „Linke“ Frontband für die Rechten?

Ich konnte nicht umhin, als der Song „Oktober in Europa“ der Band Antilopen Gang in der Facebook Gruppe „Omas gegen Rechts – Deutschland“ gepostet wurde, einen deutlichen Kommentar zu schreiben.

Fotomontage Fabian Lehr
Gefundenes Fressen für die Rechten

Der Song wird inzwischen Landauf Landab von der deutschen Rechten bis weit über die AFD hinaus abgespielt und abgefeiert. Eine vermeintlich „linke“ Band bezeugt das rechte Narrativ: nicht die Rechten und Neonazis seien die eigentlichen Rassisten und Nachfolger des Holocausts, sondern „linke Anti-Rassisten“, die die israelisch zionistische Politik kritisieren und die jahrzehntelange Besatzungspolitik gegenüber Palästinenser:innen sowie das aktuelle Massenmorden in GAZA verurteilen.

„Antisemitismus“ als Kampfbegriff für die Nachfahren der Holocausttäter!

Jeder, der die Verletzungen Israels von Menschen- und Völkerrecht kritisiert, ist nach dieser absurden Logik -wie etwa Greta Thunberg so heißt es im Song – ein Judenhasser und Antisemit. Gleichzeitig wird die rechte Mär vom Ursprung und Import von Rassismus und Antisemitismus durch vor allem muslimische und arabisch stämmige Migranten nach Deutschland bedient, mit denen sich eine „antisemitische“ Linke blind solidarisieren würde. Was für eine Verdrehung! Das Wort Antisemitismus mißrät zum Kampfbegriff der wahren Nachfolger der Verantwortlichen für den Holocaust gegen ihre Gegner und rassistischen Opfer. Bitterer Kommentar einer antizionistischen Jüdin dazu: „Die während des Holocausts ermordeten Angehörigen derjenigen Israelis, die gegenwärtig diese unschuldigen Palästinenser demütigen und ihre Kinder, Frauen und Mütter durch Bomben und Hunger gezielt töten und aus ihrer Heimat vertreiben, sterben jetzt ein zweites Mal.“ [1]https://gewerkschaftliche-linke-berlin.de/israelische-presse-kritisiert-massiv-bedingungslose-deutsche-unterstuetzung-fuer-die-zionistische-regierungspolitik/ [2]https://gewerkschaftliche-linke-berlin.de/ueber-den-deutschen-umgang-mit-krieg-rassismus-und-antisemitismus/ [3]https://gewerkschaftliche-linke-berlin.de/sprache-des-voelkermords-keine-leeren-worte/

Der Liedtext selbst, siehe Video [4] https://youtu.be/-QbQWtYe194?si=XZ2A7wWfK6muhmnq ist ein Propaganda Gemisch von geschickter Stimmungsmache mit Falschinfornationen oder verzerrten Darstellungen. Nicht eine einzige der aufgestellten faktischen Behauptungen ist korrekt. So u. a.: Es habe in Berlin keine Pro Israel Demo gegeben, an der der Sänger hätte teilnehmen können. Es würden keine Stolpersteine mehr geputzt oder der Kanzler trinke mit Mördern (der Hamas? , das rechte Lager jauchzt), wo doch der Kanzler selbst versichert hat, dass er vollstes Vertrauen in Netanyahu habe, dass dieser nichts falsch mache.

Symbolträchtig. Die Hände des israelischen Staatspäsidenten Herzog umschliessen „brüderlich“ die Hand des niederländischen Rechtspolpulisten und Rassisten Wilders. Authentischer Ausschnitt. [5]https://www.middleeasteye.net/news/israels-president-meets-far-right-leader-geert-wilders-amsterdam Inzwischen scheuen auch gemäßigtere Repräsentanten des Zionismus als Netanyahu den direkten Kontakt mit europäischen Rechtextremisten nicht mehr. Ein Dilemma für sich „links“ gebährdende Antideutsche, müssten sie doch eigentlich die Seiten der Demonstrationen wechseln.

Last not least macht sich die Antilopen Gang das neue beliebte Narrativ der deutsche Rechten zu eigen, dass der Holocaust eine Idee der Palästinenser und nicht von Hitler selbst gewesen sei. Niemand Geringeres als der gegenwärtige israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu hat diese erlogene Geschichte vor mehreren Jahren in die Welt gesetzt. In Wahrheit, so zeigt der Faktencheck [6]https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/faktenfuchs-mufti-von-jerusalem-war-nicht-hitlers-ideengeber,Txk5oru war es genau umgekehrt. “Und natürlich gefällt diese Verschwörungstheorie den Enkeln der Nazis, weil sie ihre Opis entlastet.”

Wer Menschen angreift, die den Grundsatz verteidigen, „Alle Menschen sind gleich“, ist nicht GEGEN Rechts, er ist selber rechts!
  • Mein Kommentar in der Oma gegen Rechts Facebook Gruppe: „Was ist das für eine einseitige Darstellung! Bitte mal mit den Fakten vergleichen. Wir haben selber noch die Erinnerungssteine und viele andere wie immer geputzt. Es gab etliche pro israelische Demos und Kundgebungen in Berlin, an denen der Sänger hätte teilnehmen können. Sogar der Bundespräsident hat dort geredet. Solidaritätsdemos mit Palästina wurden dagegen zu über 50 Prozent in den ersten beiden Monaten verboten. In Berlin, aber auch in Israel selbst werden die meisten Jüd:innen Opfer gerade auch zionistischer Aggression. Letzte Woche 100 000 Tausende auf Israels Straßen, sogar Angehörige der Geiseln bekamen Schläge und Pfefferspray der Polizei von Netanjahu ab, an einem einzigen Wochenende wohl mehr jüdisch/israelische Opfer in israel selbst als seit dem 7.Oktober in Berlin. Obwohl auch hier jeder einzelne Übergriff einer zuviel ist. Aber wo bleiben die Relationen? Zu den 40 000 Toten in Gaza? Wo werden die wahren Verursacher der Gewalt genannt? Wieso wird Greta Thunberg als Judenhasserin diffamiert, obwohl sie GLEICHE Rechte auch für Palästinenser:innen wie für Israel:innen und Jüd:innen (wie mehrfach klar- und richtiggestellt) einfordert. [7]https://gewerkschaftliche-linke-berlin.de/greta-thunberg-free-palestine-stand-with-gaza-und-juedische-stimme-protestiert-gegen-deutsche-repressionen/ Eine Selbstverständlichkeit gegen jede rassistische und rechtsradikale Agenda. Wer Menschen wie Greta angreift, die den Grundsatz verteidigen, „Alle Menschen sind gleich“, ist nicht GEGEN Rechts, er ist selber rechts.“ [8]https://gewerkschaftliche-linke-berlin.de/spiegel-haelt-dem-sittenverfall-deutscher-politik-den-spiegel-vor/
  • Antwort von G. F. aus der Gruppe: „Da die Antilopen Gang zu meinen absoluten „Lieblingsbands“ gehört und ich auch dieses aktuelle Stück sowohl musikalisch als auch textlich im Großen und Ganzen ziemlich gut finde, bin ich gerne bereit, die ein oder andere Zuspitzung bzw. Ungenauigkeit zu „verzeihen“. Nichtsdestotrotz (…danke für den „Faktencheck“!) finde auch ich, dass es gerade bei diesem Thema von großer Wichtigkeit ist, ganz genau zu sein und die Fakten bzw. die Wahrheit nicht leichthin zu vernachlässigen oder – noch schlimmer – zu verdrehen. Das sollte auch meine „Lieblingsband“ beherzigen, auch wenn die Komposition – wie die Band ja selbst schreibt, von dem Massaker der Hamas überschattet wurde. Dies ist vielleicht verständlich, aber eben auch kritikwürdig.“
  • Ich bedanke mich bei G. F. : „Danke für Deine Antwort und selbstkritische Reflexion. Du gibst damit ein gutes Beispiel für wirklichen demokratischen Diskurs, mögen die konkreten Einschätzungen in mehreren Punkten auch auseinander liegen. Es gibt aber Grundsätze, die wir alle beachten sollten: Die Lehre aus dem Holocaust. Nie wieder ungleiches Menschenrecht für niemanden! Wer Menschenrecht sekelektiv anwendet, öffnet der rechten Agenda die Tür. Israelische und jüdische Leben und Interessen sind genauso viel wert wie palästinensische und muslimische und umgekehrt. Das vermisse ich in letzter Zeit auch in einigen Kommentaren dieser Gruppe.“
  • Ein Like von G. F. und “ Wahre Worte zum Thema Menschenrechte. Genauso sehe ich das auch.“
Eine der Standardforderungen der AFD: der Staat müsse endlich entschlossen gegen „linken Antisemitismus“ vorgehen. Der Staat übererfüllt diese AFD Forderung schon seit langem. Das zeigt besonders deutlich das aktuelle Agieren gegen den Palästinakongress. [9]https://gewerkschaftliche-linke-berlin.de/berliner-sparkasse-sperrt-konto-der-juedischen-stimm/ Aber auch eine weltweit beispiellose Hetze und Repressalien gegen alle Israelkritischen Stimmen, nicht zuletzt auch gegen viele nicht mit dem Zionismus und dem Zentralrat der Juden konform gehende Jüd:innen und Israeli:nnen. [10]https://gewerkschaftliche-linke-berlin.de/israelkritische-juedin-verhaftet-und-wer-stopp-den-krieg-ruft-dem-droht-die-berliner-polizei/
„Linkes“ und „liberales“ Image und geschickte musikalisch textliche Verwebung verdecken bei vielen, welche gefährlichen und die Realität verzerrenden Inhalte durch den Song transpotiert werden!

Der linke Blogger Fabian Lehr hat den Song mit noch deutlicheren Worten kritisiert.
„Die Antilopengang, ohnehin schon ungewöhnlich gut in der antideutschen Kunst, eine pseudorebellische Attitüde mit kriecherischer Anschleimerei an die Staatsräson der BRD zu vereinen, hat es endgültig geschafft: Mit „Oktober in Europa“ sind sie von der CDU, der FDP und der BILD bis ins „ideologiekritische“ Lager gefeierte Helden der neuen anti-antizionistischen deutschen Volksgemeinschaft geworden.“

Fabian Lehr fragt zugespitzt: Wann bringt die Antilopen GANG Ihr erstes gemeinsames Album mit der AFD heraus?

Wir meinen vermutlich nicht sobald, weil sie sonst ihre Funktionen im Rahmen der zionistischen Antideutschen Front im Lager der Linken und Demokraten verlieren würden, den Kampf gegen Rassismus, gegen Faschismus und Krieg sowie Unterdrückung von Minderheiten und Völkern zu spalten. Aus „Oma gegen Rechts“ soll eben „Oma gegen Links“ werden. So wie jetzt Strack-Zimmermann im EU Wahlkampf als „Oma Courage“ auftritt. [11]https://focus.de/259813738

Um die zerstörerische Wirkung der Antideutschen Bewegung als Speerspitze des Zionismus  im linken und antifaschistischen Lager besser zu verstehen, möchten wir hier jedem die folgende Veranstaltung am 14. April ans Herz legen: "Geschichte und Wirkung der „Antideutschen“!

Hier die ausführliche Widerlegung von Fabian Lehr fast aller Behauptungen im Song der Antilopen und eine scharfsinnige Analyse der Hintergründe und Zielsetzung dieses Songs. Leider etwas langatmig geraten:

Fabian Lehr, 7.April 2024

Zum Abschluss ein kritischer Kommentar zu uns und Fabian Lehr:
„Fabian Lehr (…) wirft der Band vor, bestimmte politische Narrative zu unterstützen, was allerdings auf Missverständnissen beruht. Die Antilopengang nutzt ihre Musik für eine kritische Reflexion gesellschaftspolitischer Themen, nicht zur Unterstützung extremer Ansichten. Ihre Auseinandersetzung mit dem Israel-Palästina-Konflikt und historischen Kontexten wie der Verbindung zwischen der Muslimbruderschaft und der NSDAP zeigt, dass die Band zu differenzierter Betrachtung anregt. Die Kritik von Lehr scheint die künstlerische Methode und Intentionen der Band zu missverstehen, die darauf abzielen, auf Missstände hinzuweisen und zur Diskussion anzuregen. Eine oberflächliche Interpretation wird der Band nicht gerecht und verkennt ihren Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs.“

Die Kritik zeigt, wie Ästethik dazu verführt, über die Fakten und feststellbaren Verdrehungen hinweg zu sehen. Wir meinen, das ist Kalkül der Band oder zumindest ihres antideutschen Hintergrundes. Ja der Liedtext thematisiert eine Verbindung von Nazis und Muslimbruderschaft, aber eben falsch rum. Wie vieles zu verstehen ist, „Bild“ hat es schon lange erklärt. Warum hat denn die Antlopen Gang nichts unternommen, um den angeblichen Missbrauch durch die rechte Presse und Szene richtigzustellen und die vermeintlichen Missverständnisse auszuräumen?

Doppelter Rechtsruck

Raul Zelik über die Staatsräson der politischen Mitte

Die Universität Köln hat die US-Philosophin Nancy Fraser, eine der wichtigsten Vertreter*innen der Kritischen Theorie, diese Woche mit einem knappen Brief von der Albertus-Magnus-Professur ausgeladen. Der Grund: Die feministische Sozialistin Fraser unterzeichnete im November 2023 gemeinsam mit 200 Wissenschaftler*innen die Erklärung »Philosophy for Palestine«. Zwar hat Fraser – anders als die US-Philosoph*innen Judith Butler und Masha Gessen – in der Debatte um den Gaza-Krieg seitdem keine größere Rolle mehr gespielt. Doch die Unterzeichnung einer Erklärung reicht mittlerweile aus, um aus staatlichen Bildungseinrichtungen verbannt zu werden.

Gewiss: Das eigentliche Problem besteht nicht darin, dass eine linke Intellektuelle ihre Vorlesungen zur kapitalistischen Krise nicht halten darf. Skandalös ist, dass der Krieg gegen die Zivilbevölkerung in Gaza ungebremst weitergeht. Nicht die Entscheidung der Universitätsleitung in Köln, sondern die Aushungerung von zwei Millionen Palästinenser*innen muss uns empören.

Trotzdem ist der Fall Fraser besorgniserregend. Denn er ist Ausdruck des doppelten Rechtsrucks, den Deutschland gerade erlebt. Neben dem Aufstieg der AfD gibt es nämlich einen kaum minder gefährlichen Rechtsruck der politischen Mitte, die von »Kriegsertüchtigung« bis zur Zensur alles normalisiert, was für autoritäre Politik steht. Mit dem Verweis auf Putin und die Hamas wird Bellizismus zum moralischen Auftrag verklärt und jeder kritische Einwand gegen die Gewaltpolitik des Westens beiseite gewischt.

Was genau wirft die radikalisierte Mitte, die sich auf die deutsche Staatsräson und die Verteidigung der Freiheit beruft, Intellektuellen wie Fraser eigentlich vor? Der Aufruf, den die Philosophin im Herbst unterzeichnete, hatte zum Ziel, die israelische Kriegsmaschinerie zu stoppen, bevor Zehntausende Menschen tot und 1,9 Millionen vertrieben waren. Er war als Gegenrede zur offiziellen Position »des Westens« gedacht, der der rechten Regierung Israels damals einen Blankoscheck erteilte und damit genau jene Katastrophe ermöglichte, die nun eingetreten ist.

So manche*r, die oder der die Erklärung »Philosophy for Palestine« kennt, wird nun vermutlich auf jenen Nebensatz verweisen, in dem sich die Unterzeichnenden für »einen akademischen und kulturellen Boykott israelischer Institutionen – nicht aber Personen« aussprechen. Doch eine Debatte darüber wäre eine Nebelkerze. Es ist unwesentlich, ob Nancy Fraser unrecht hat. Entscheidend ist, dass uns die politische Mitte von Grün bis Union auf eine wie auch immer geartete »Staatsräson« der Herrschenden einschwören will. An dieser Stelle müssen wir misstrauisch werden. Denn was kommt als nächstes? Wie viel Unterwerfung unter den Sicherheits-Terrorbekämpfungs-Freiheits-Mainstream wird noch gefordert werden? Schon allein aus diesem Grund muss man der peinlichen Ausladung entgegentreten – was die wichtigsten Stimmen der kritischen Sozialwissenschaften in Deutschland von Rahel Jaeggi und Axel Honneth bis zu Oliver Nachtwey, Sabine Hark und Stephan Lessenich in einer eiligen Erklärung gestern auch getan haben: »Bliebe die Kölner Universität bei ihrer Entscheidung, würde dies (…) dem akademischen Leben hierzulande weiteren schweren Schaden zufügen.«

Doch der Rechtsruck der Mitte beschränkt sich längst nicht nur darauf, dass man der israelischen Rechten bei ihrem Krieg den Rücken frei gehalten hat. Nicht minder beunruhigend waren die Hymnen, die grüne und liberale Kommentator*innen zum gestrigen 75. Geburtstag der Nato anstimmten – des immer noch wichtigsten Kriegsbündnisses der Welt. Bellizismus oder die Unterordnung unter die »Staatsräson« können niemals Mittel sein, um Faschismus und Barbarei zu stoppen. Nicht nur der Aufstieg der AfD, sondern auch der Rechtsruck der politischen Mitte gefährdet die Demokratie.

Erstveröffentlicht im nd v. 6./7.April 2024
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1181256.uni-koeln-ausladung-von-nancy-fraser-doppelter-rechtsruck.html?sstr=Zelik

Wir danken für das Publikationsrecht.:

Kundgebung Berliner Gewerkschafter:innen "GAZA KRIEG STOPPEN - MENSCHENLEBEN RETTEN" 

10. April 2024 von 16 bis 17 Uhr, am Platz des 18.März, Lindenrondell / Brandenburger Tor.

Wir bitten alle Gewerkschafter:innen, die sich für die Einhaltung von Völkerrecht, Menschenrecht und Frieden weltweit einsetzen, sich diesen Termin angesichts der Ereignisse in GAZA vorzumerken und Kolleg:innen breit einzuladen! Lassen wir unseren Erklärungen "Sagt Nein - zu Aufrüstung, Krieg und Burgfrieden" Taten folgen!

Julian Assange – das Drama setzt sich fort!

Aufschub, nochmal eine „letzte Chance“ oder doch nur Tod auf Raten, um den Ruf einer „unabhängigen“ Justiz zu wahren? Allein das Verfahren kommt inzwischen einer Höchststrafe gleich. Hier ein treffender Kommentar dazu von Sevim Dagdelen. ( Peter Vlatten)

Kommentar Sevim Dagdelen

Der britische High Court hat eine Auslieferung des Journalisten und Wikileaks-Gründers Julian Assange an die USA, wo ihm wegen der Veröffentlichung von US-Kriegsverbrechen bis zu 175 Jahre Haft drohen, vorerst aufgeschoben. Dennoch bietet die Entscheidung des Gerichts wenig Grund zur Freude. Denn: Nach fünf Jahren Folterhaft im britischen Hochsicherheitsgefängnis bleibt Assange seiner Freiheit beraubt und muss weiterhin mit einer Auslieferung an die USA rechnen. Ob es dazu kommt, will der High Court von politischen Zusicherungen der US-Regierung abhängig machen. Diese erhält drei Wochen Zeit, um Garantien abzugeben, bevor das Gericht bei einer weiteren Anhörung am 20. Mai eine abschließende Entscheidung fällt. Die USA sollen zusichern, dass sich Assange bei einem Verfahren in den USA auf den ersten Zusatzartikel der US-Verfassung zum Schutz der Meinungsfreiheit berufen kann, dass er nicht wegen seiner Staatsbürgerschaft benachteiligt wird und dass eine Todesstrafe unterbleibt.

Was von solchen Deals zu halten ist, hat die Menschenrechtsorganisation Amnesty International auf den Punkt gebracht: „Diplomatische Zusicherungen der USA sind von Natur aus unzuverlässig.“
Auch UN-Sonderbeauftragte für Folter, Alice Jill Edwards warnte im Februar dieses Jahres: „Diplomatische Zusicherungen der Regierung der Vereinigten Staaten über eine humane Behandlung sind keine ausreichende Garantie, um Herrn Assange vor solchen Risiken zu schützen.“ Edwards weiter: „Sie sind rechtlich nicht bindend, haben nur einen begrenzten Geltungsbereich und die Person, die durch die Zusicherungen geschützt werden soll, hat im Falle einer Verletzung der Zusicherungen möglicherweise keinen Rechtsanspruch.“

Indem die britische Justiz die Entscheidung über Assanges Auslieferung an Zusicherungen der USA koppelt, legt sie das Schicksal des Journalisten ausgerechnet in die Hände des Landes, das seine Entführung und Ermordung geplant hat. Die einzige Garantie für das Leben von Julian Assange und den Schutz der Pressefreiheit ist die Beendigung seiner Verfolgung. Die Bundesregierung muss den Aufschub des Gerichts dringend nutzen, um bei ihren NATO-Partnern in Washington und London auf die Freilassung von Julian Assange hinzuwirken. Jeder weitere Tag, an dem der Journalist Julian Assange seiner Freiheit beraubt bleibt, ist eine Schande für die gesamte westliche Welt. Bundeskanzler Olaf Scholz hat sich kürzlich erstmals öffentlich gegen eine Auslieferung von Assange an die USA ausgesprochen. Es ist höchste Zeit, dass jetzt Taten folgen!

Wir danken Sevim für die Erklärung

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