Die Welt soll stillstehen

Ein internationales Bündnis ruft Frauen dazu auf, Lohn- und Sorgearbeit niederzulegen

Von FELIX SASSMANNSHAUSEN

Bild: Frauenstreik in der Schweiz 2024. Foto: Unia

Unter dem Motto »Enough!« sind Frauen* an diesem Montag weltweit dazu aufgerufen, ihre bezahlte und unbezahlte Arbeit niederzulegen. Der Protest weitet den gestrigen internationalen Frauentag gezielt aus und richtet sich gegen patriarchale Gewalt, die Ausbeutung durch Doppelbelastung und eskalierende globale Krisen. Wenn die Hälfte der Weltbevölkerung die Arbeit verweigert, trifft das den Kern des Systems: Geschlossene Kitas, leere Supermarktkassen und unversorgte Haushalte machen die sonst unsichtbare Sorgearbeit schlagartig sichtbar. »Wenn wir dieses Pfund in die Waagschale werfen, können wir eine Menge bewegen«, erklärte Adrienne Goehler, im Vorfeld des Streiktages. Die Psychologin und ehemalige Berliner Kultursenatorin ist eine der Hauptinitiator*innen der Initiative »Enough! Globaler Frauen*-Generalstreik« in Deutschland.

Auch wenn es wohl nicht zu flächendeckenden globalen Arbeitsniederlegungen kommen wird: Die Folgen einer solchen kollektiven Verweigerung wären immens. Allein schon aufgrund der systematischen Doppelbelastung, die für Millionen Frauen den Alltag bestimmt. Laut dem gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut leisten erwerbstätige Frauen mit Kindern allein in Deutschland oft eine 60-Stunden-Woche – wobei 60 Prozent dieser Zeit auf unbezahlte Sorge-Arbeiten entfallen. Das Europäische Gewerkschaftsinstitut bestätigt dieses Bild: Frauen leisten europaweit wöchentlich 13 Stunden mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer und werden am Arbeitsmarkt oft in systemrelevante, aber prekäre Sektoren gedrängt.

Systembruch als Notwehr

Da politische Streiks in Deutschland juristisch prekär und nicht als klassische Arbeitskämpfe geschützt sind, sollen Teilnehmerinnen kreative Wege nutzen: indem sie Urlaub einreichen, sich beurlauben lassen oder ihre Mittagspausen für den Protest verlängern. Selbst in Zeitungsredaktionen wie der des »nd« bleibt es heute leerer; automatische Abwesenheitsnotizen verkünden die Streikteilnahme von Kolleginnen.

Der maßgeblich in Deutschland verbreitete Aufruf ist international ausgerichtet und reagiert auf einen massiven globalen Backlash gegen Frauenrechte. Laut UN stagniert der globale Fortschritt bei der Gleichstellung, während konfliktbezogene sexualisierte Gewalt in Krisengebieten drastisch zunimmt. Frauen* verfügen weltweit im Schnitt nur über 64 Prozent der gesetzlichen Rechte von Männern. Für die meisten gehören sexuelle Belästigung und Gewalt zum Alltag.

»Es ist eine totale Attacke auf die Sinne, auf die Existenz«, betonte Initiatorin Goehler, »ein Generalangriff auf die psychische, physische und geistige Gesundheit, was derzeit auf uns niederprasselt.« Dies bedürfe einer globalen Antwort, ist sie überzeugt. Den Initiator*innen zufolge hätten sich von Lima über Buenos Aires bis New York solidarische Kollektive gebildet, die sich anschließen wollen. Wie viele Gruppen es konkret sind und wo Protest erwartet wird, blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

»Faul herumliegen« statt marschieren

Statt starrer Manifeste eint sie »das größte gemeinsame Vielfältige«: Protest gegen toxische Männlichkeit steht neben Forderungen nach einer globalen Vermögensteuer für Milliardäre zur Bewältigung der Klimakrise. Dabei soll inhaltlich wenig vorgegeben werden, auch um die bisherigen Spaltungen und Verwerfungen zwischen den verschiedenen Strömungen der Frauen*bewegung zu überwinden.

Auf die Frage, ob diese nicht auch eine gewisse Berechtigung hätten und ob es trotzdem rote Linien geben soll, etwa mit Blick auf Vereinnahmungsversuche durch rechte Gruppen, reagierten die Initiator*innen bis Redaktionsschluss nicht. In Frankreich versuchen extrem rechte Frauengruppen wie das »Collectif Nemesis«, feministische Proteste für ihre rassistische Mobilisierung zu kapern.

Die Aktionen folgen der Sonne einmal um den Globus und konzentrieren sich auf eine Kernzeit von 12 bis 14 Uhr Ortszeit. Dabei weicht die Form bewusst vom klassischen Marsch ab. »Wir werden picknicken, liegen, schreien oder tanzen, aber wir marschieren nicht«, so Goehler. In München legen sich Frauen demonstrativ »faul« auf zentrale Plätze; andernorts wird kollektiv geschrien.

Eine weltverändernde Tradition

Der heutige Protest steht in einer Reihe historischer Kämpfe. Als erster organisierter Frauenstreik im deutschsprachigen Raum gilt der Wiener »Streik der 700« von 1893, bei dem Fabrikarbeiterinnen den Zehnstundentag erkämpften. Bekannter ist der isländische »Kvennafrídagurinn« von 1975, an den auch die Organisator*innen anknüpfen: 90 Prozent der Frauen beteiligten sich, Büros und Kitas blieben geschlossen, Väter mussten ihre Kinder zur Arbeit mitnehmen. Nur ein Jahr später folgte ein weitreichendes Gleichberechtigungsgesetz.

Diese Kämpfe bilden den historischen Hintergrund für Millionenstreiks der jüngeren Vergangenheit, etwa die Bewegung »Ni Una Menos« (spanisch für »nicht eine weniger«) in Argentinien gegen Femizide oder die riesigen Schweizer Frauenstreiks von 1991 und 2019. »Die Geschichte kennt unsere Macht. Hohe Zeit, sie wieder zu nutzen«, heißt es dementsprechend im aktuellen Aufruf. Zur Mittagszeit wird sich zeigen, wie groß die globale Welle der Verweigerung tatsächlich wird.

Klar ist jedoch, dass mit dem Streik nicht nur Protest artikuliert wird, sondern eine andere Lebensweise eingefordert wird. Die dialektisch-materialistische Feministin Frigga Haug hatte betont, dass ein Streik in der Sorgearbeit immer auch ein Widerstand gegen eine Profitlogik ist, die das gesamte Leben der ökonomischen Verwertung unterordnet – ein Streik für die Rückgewinnung der eigenen Zeit.

Erstveröffentlicht im nd v. 9.3. 2026
„Die Welt soll stillstehen“

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Welt der Wölfe

Wer aber von Frieden redet, muss auch etwas dafür tun.

Die Verbrechen des iranischen Regimes, zuletzt mindestens 30.000 Ermordete bei den Protesten Anfang Januar, sind unauslöschlich. Jede:r in der Diaspora weiß darum, kennt Einzelheiten der Verbrechen und betroffene Familien. Ihre Hoffnung, dass sich nach so viel Leid endlich etwas ändert, kann man nicht mit geostrategischen Überlegungen wegwischen. Ob sich die Erwartungen an eine friedliche, demokratische Zukunft des Landes auf Grundlage des Krieges erfüllen? Eher unwahrscheinlich. Das böse Erwachen wird kommen. Aber sind das Argumente, ein auf Endlosigkeit gebuchtes Regime nicht um jeden Preis loswerden zu wollen? Man kann die Verbrechen der israelischen Regierung nicht gegen die Verbrechen des iranischen Regimes aufrechnen. Das ist das eine.

Das andere ist ein deutscher Bundeskanzler, der nach Beginn der israelischen und US-amerikanischen Angriffe auf den Iran sagte, jetzt sei nicht der Moment für völkerrechtliche Belehrungen. Kritisiert werden von Deutschland, Großbritannien und Frankreich dagegen die iranischen Gegenangriffe. Der Begriff „Doppelstandard“ beschreibt nur noch unzureichend die selektive Aussetzung des Völkerrechts. Internationale Normen gelten nicht für „Partner und Verbündete“ (Merz), dieser Maßstab ist den Feinden vorbehalten. Aber man kann nicht an das Völkerrecht appelieren, wenn es um Grönland, Taiwan und die Ukraine geht und es beiseite schieben, wenn es um Iran, Venezuela und andere Regime geht – entweder das Völkerrecht gilt für alle, oder für keinen. Ob es gefällt oder nicht.

Neu ist im Gegensatz zu früheren Militärinterventionen die Dreistigkeit, mit der das Völkerrecht gebrochen wird und wie unverhohlen eigene Interessen durchgesetzt werden. Setzten die USA im Krieg gegen den Irak 2003 noch auf eine sogenannte Koalition der Willigen, die die fehlende Legitimation durch den UN-Sicherheitsrat aufwiegen sollte, handeln Israel und die USA heute allein. Weil sie es können. Es gilt das imperiale Recht des Stärkeren.

Nach dem Genozid in Gaza, dem Ende des Assad-Regimes und der massiven Schwächung der Hisbollah im Libanon, scheint der Moment für die USA und Israel gekommen zu sein, den Mittleren Osten vollständig nach ihren Interessen umzugestalten: Vermeintliche Sicherheit für die einen auf Kosten des Lebens der anderen. Dirk Moses prägte den Begriff der „dauerhaften Sicherheit“, das Streben eines Staates nach Immunität gegenüber Bedrohungen, auch zukünftiger. Dieses Streben lässt keinen Kompromiss zu, sondern ist mit der Vernichtung, Vertreibung oder Kontrolle derer verbunden, die als Gefahr für die Sicherheit des Staates angesehen werden.

Noch kurz vor den Angriffen auf den Iran war von einem möglichen Durchbruch bei den Verhandlungen zum iranischen Atomprogramm zu lesen, während die USA und Israel im Hintergrund die Angriffe auf das Land bereits geplant hatten. Welche Bedeutung hat Diplomatie in Zukunft noch, wenn sie keinerlei Verbindlichkeit mehr hat?

Dass es keine nennenswerte internationale Institution mehr gibt, die dem Recht des Stärkeren noch Einhalt gebieten könnte, hat Deutschland mit zu verschulden. Auch wenn Friedrich Merz seine Haltung als pragmatische Reaktion auf eine immer unübersichtlichere Welt verkauft, könnte die Bundesrepublik eine andere Rolle spielen, als sich der Macht unterzuordnen: Waren nicht die Institutionalisierung des internationalen Rechts, die Etablierung des zwischenstaatlichen Gewaltverbots und die juristische Verfolgung von Kriegsverbrechen und -verbrechern Lehren aus dem von Deutschland begonnenen Zweiten Weltkrieg?

Die Wolfswelt gestaltet sich ohne Völkerrecht, ein permanenter Kriegszustand zur Garantie vermeintlicher Sicherheit, zur Durchsetzung eigener Interessen und zur Sicherung von Ressourcen. Doch das Recht des Stärkeren ist keine Option für eine Welt, die genug Krisen zu bewältigen hat, die nur gemeinsam gelöst werden können. 

Wer aber von Frieden redet, muss auch etwas dafür tun. Will Europa an Frieden und Völkerrecht festhalten, braucht es einen anderen Blick auf die eigene Gewalt und Komplizenschaft, eine eigene Idee in der neuen Weltordnung. Sich der Abwärtsspirale unterzuordnen, aufzurüsten, auszugrenzen, abzuschotten, das verstärkt sie nur, spielt den Rechten in die Hände und führt uns alle in den Abgrund.

Spendenaufruf

Im Iran fördert medico ein aktivistisches Netzwerk, das Verletzte durch die Unterdrückung der Proteste nach dem Mord an Jina Mahsa Amini und Angehörige von Inhaftierten unterstützt. Die Gruppe trägt Behandlungskosten ebenso wie Kosten für Prothesen und Fahrtkosten in Krankenhäuser. In einigen Fällen waren die Inhaftierten oder Ermordeten auch die Versorger:innen ihrer Familien, die auf sich gestellt in finanzielle Not gerieten. Sie werden mit der Übernahme von Kosten für medizinische Behandlungen und beim Lebensunterhalt unterstützt. Angesichts der US-amerikanisch-israelischen Angriffe musste diese Arbeit vorerst eingestellt werden.

Im Libanon arbeitet medico seit Jahrzehnten mit der Gesundheitsorganisation Amel Association zusammen. Amel betreibt im ganzen Land Gesundheitszentren, sowie sechs mobile Kliniken. Ihre Mitarbeiter:innen bieten für alle Menschen eine Basisgesundheitsversorgung an, in der Bekaa-Ebene versorgen sie zudem syrische Flüchtlinge. Angesichts der jüngsten Eskalation versorgt Amel Vertriebene aus dem Süden des Landes in Schulen und anderen Notunterkünften medizinisch und mit Lebensmitteln. Mit ihren mobilen Kliniken erreichen sie auch abgelegene Schutzorte. Unsere langjährige palästinensische Partnerorganisation Nashet organisiert aktuell die Versorgung für die aus dem Süden des Landes fliehende Bevölkerung.

In Israel begeben sich die medico-Partner:innen mehrmals am Tag in die Shelter in Tel Aviv, Jerusalem oder Haifa. Ihre Arbeit ist den Umständen angepasst. In Gaza und der Westbank sind seit dem Beginn des Krieges Zufahrtswege beschränkt, Checkpoints und Grenzübergänge geschlossen, Palästinenser:innen können ihre Städte nicht verlassen. Hilfsgüter und andere Waren werden nicht nach Gaza hineingelassen, es gibt bereits erneute Schwierigkeiten bei der Versorgung mit Lebensmitteln. Die medico-Partner:innen kennen diese Notlage nur zur gut und leisten weiter Hilfe.

Auch mit unseren Partner:innen in Syrien, Irak und den kurdischen Regionen sprechen wir gerade täglich. Wir tauschen Einschätzungen aus und teilen die Besorgnis, über das was noch kommen mag.

Mit einer Spende können Sie die Arbeit unserer Partner:innen vor Ort unterstützen.

Quelle: medico international – newsletter
Welt der Wölfe

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Atomarer „Schutzschirm“?

Eine Aufforderung zum Mitdenken.

Von HANS-PETER WALDRICH

Bild: Freepic

Weltweit wird atomar aufgerüstet. In Europa und Deutschland wird der „nukleare Schutzschirm“ wieder als Garantie der Sicherheit diskutiert. Dabei zeigen schlagende Argumente, wie atomare Abschreckung ebenso gut in die Katastrophe führen kann. In gebotener Kürze habe ich neun Hauptargumente zusammengestellt. Frage an die Leserinnen und Leser: Gibt es Einwände oder Verbesserungsvorschläge? Schreibt es in die Kommentare!

Erstes Argument: Atomare Abschreckung ist ohne wissenschaftliche Basis

Der Glaube an den „atomaren Schutzschirm“ ist ein haltloses Konzept. Es fehlen die empirischen Grundlagen, um zu beweisen, dass es verlässlich ist. Im Laufe des Kalten Kriegs stand die Abschreckung mehrfach vor dem Zusammenbruch. Während der Kubakrise 1962 oder 1983, als ein sowjetischer Offizier den Atomkrieg gerade noch verhindern konnte. Es gab noch weitere Fast-Atomkriege. Dagegen basieren Aussagen über die Schutzwirkung von Atomwaffen auf wackeligen Füßen. Es handelt sich um ausgedachte Hypothesen, die unüberprüfbar sind. Es gibt Experten, die an sie glauben und Experten, die sie bestreiten.

Der Atomwaffenexperte der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik, Peter Rudolf, einer der wenigen ausgesprochenen Spezialisten der atomaren Abschreckung in Deutschland, sieht es so: „Bei der nuklearen Abschreckung handelt es sich um ein Konstrukt, ein System von nicht verifizierbaren Annahmen, das geradezu ideologischen Charakter hat. Abschreckungspolitik beruht auf Axiomen, für die es keine empirische Evidenz im wissenschaftlichen Sinne gibt, sondern allenfalls anekdotische Evidenz, deren Interpretation also glaubensgeleitet ist. Der Glaube an die nukleare Abschreckung ist ebendies – ein Glaube.“1

Sollen wir unser Überleben von Hypothesen anhängig machen, die nicht streng überprüfbar sind oder gar einem Glauben? Brauchen wir nicht mehr Gewissheit, wenn es um Leben und Tod so vieler Menschen geht?

Zweites Argument: Kollabiert Abschreckung, vollzieht sich die historisch größte jemals erlebte Katastrophe

Zahlreiche wissenschaftlich Studien machen es hoch wahrscheinlich: Selbst ein kleiner und begrenzter Atomkrieg wird die Zivilisation rund um den Globus zerstören. Der Einsatz von Atomwaffen könnte zu einer absolut einmaligen, ja der größten nur denkbaren Katastrophe der gesamten menschlichen Geschichte führen. Das liegt vor allem am „nuklearen Winter“, der monatelangen Verdunkelung der Atmosphäre. Die dadurch erzeugte Abkühlung wird Ernten vernichten und zu katastrophalen Hungersnöten führen. Anschließend brauchen wir auch keinen Klimaschutz mehr, da das Weltklima zerstört wäre.2 Im Atomkrieg gibt es deshalb weder Sieger noch Besiegte. Für die Menschheit begänne ein unvorstellbarer Leidensweg und möglicherweise ihr Untergang.

Was ist das für eine „Sicherheit“, die mit der Möglichkeit des historisch größtmöglichen Infernos erkauft wird? Niemand, der für atomare Abschreckung eintritt, kann versichern, dass ein solches Desaster verbindlich und garantiert niemals eintreten wird. Weil also die Frage der atomaren Abschreckung mit der unabweisbaren Möglichkeit des Zivilisations- oder Weltendes verbunden ist, handelt es sich um die wichtigste aller Fragen überhaupt. Das ist früher einmal erkannt worden, gegenwärtig wird es ignoriert.3

Drittes Argument: Im Hinblick auf Atomwaffen sollten Warnungen stärker gewichtet werden als optimistische Behauptungen

Dieses Argument stammt von dem prominenten Philosophen Hans Jonas. Er bezog es auf Umweltfragen, etwa die Klimaerwärmung. Das Argument gilt unabhängig von der jeweiligen Positionierung für oder gegen die atomare Abschreckung und erzwingt bereits eine Entscheidung noch bevor endgültig klar ist, welche Überzeugung hier die zutreffende ist.

Es lautet so: Wenn wir nicht sicher wissen, ob sich eher die positive Voraussage (Atomwaffen bieten einen sicheren Schutzschirm) oder die negative bewahrheiten wird (Abschreckung mit Atomwaffen wird eines Tages kollabieren), gilt das Prinzip Vorsicht. Dann sollte der schlechten Prognose vor der guten der Vorzug gegeben werden.4

Denn die unterschiedliche Sichtweise ist auch Ausdruck der Tatsache, dass die Wahrheit strittig ist und – unabhängig von der eigenen Position – Fragezeichen anzubringen sind. Der Streit unter Experten zeigt deutlich: Was im Hinblick auf die Abschreckungsfrage richtig und was falsch ist, wissen wir nicht so sicher, dass wir jeden davon überzeugen könnten. Steht eine Schulklasse bei einer Wanderung vor einer Brücke, deren Sicherheit verschieden beurteilt wird, so entscheidet der verantwortungsbewusste Lehrer, diese Brücke besser nicht zu überqueren. Und das auch dann, wenn er selbst die Brücke für eher stabil halten sollte.

Unabhängig von eigenen Überzeugungen ist die Brücke über den Abgrund der atomaren Vernichtung also entweder eine sichere Brücke oder sie ist unsicher und wackelig. Berücksichtigt man, was Experten bislang dazu vorbrachten, ist beides möglich. Daher ist es unverantwortlich so zu tun, als existiere hier ein wissenschaftlicher Konsens und als gebe es keine ernsthaften Einwände gegen die Abschreckung. Das aber ist leider die Position der Entscheider.

Viertes Argument: Atomare Abschreckung ist ein Glücksspiel

Was in den Augen vieler unsere Sicherheit erhöht, gleicht nach anderer Lesart einer riskanten Wette oder einem Glücksspiel. Die Begründung für Letzteres hat der Journalist Leon Wieseltier so auf den Punkt gebracht:  Nukleare Abschreckung sei „das einzige politische Konzept, das total versagt, wenn es nur zu 99,9 Prozent erfolgreich ist.“5

Wie viel Glück gehört dazu, wenn politisches (oder militärisches) Handeln stets total erfolgreich sein muss?  Immer: das heißt während sämtlicher politischer Krisen und auf unbegrenzte Zeit! Gab es jemals ein menschliches Konzept, das völlig fehlerfrei war? Kann auf unabsehbare Zeit garantiert werden, dass niemals ein Irrtum unterläuft? Oder ist die „Sicherheit“ der atomaren Abschreckung nicht eher ein faules Versprechen, das wichtige Erfahrungen in den Wind schlägt?

Fünftes Argument: Atomare Abschreckung widerspricht der Demokratie und dem Rechtsstaatsprinzip

Atomare Abschreckung hat es mit dem Leben und Sterben unzähliger Menschen zu tun. Was möglicherweise so folgenreich, auf jeden Fall aber so fragwürdig ist, muss öffentlich verhandelt, es muss ein demokratischer Konsens hergestellt werden. Dieser aber fehlt. In höchstem Maße undemokratisch ist die Tatsache, dass weltweit weniger als zehn Personen über den Einsatz von Nuklearwaffen entscheiden und das ohne die Zustimmung demokratisch gewählter Gremien.6

Ähnlich sieht es im Hinblick auf die Rechtsstaatlichkeit der atomaren Abschreckung aus. Zu den grundlegenden Rechtsstaatsprinzipien gehört die Auffassung, dass Grund- und Menschenrechte „vorstaatlicher“ Natur sind und daher – so die Formulierung des Deutschen Grundgesetzes –  in ihrem Wesensgehalt niemals angetastet werden dürfen. Atomare Abschreckung impliziert jedoch Situationen, in denen selbst das Recht auf Leben nicht mehr gilt, also abgeschafft ist. Bezeichnenderweise auch für die Menschen in anderen Ländern oder Erdteilen.

Denn: Kollabiert die atomare Abschreckung, kommt es zu einem Massensterben weltweit.

Die meisten der Betroffenen hätten nichts mit den auslösenden Konflikten zu tun. Billigend würden die atomaren Konfliktparteien deren Leiden und ihren Tod in Kauf nehmen, da die Wirkung von Atomwaffen nun einmal nicht zu begrenzen ist. Atomkrieg ist daher nichts anders als Massen- und Völkermord. Das ist im Übrigen der Grund, weshalb Gegner der Abschreckung Atomwaffen für zutiefst unmoralisch halten.

Sechstes Argument: Das Funktionieren der Abschreckung basiert auf einem realitätsfremden Axiom

Dieses Axiom lautet, dass Abschreckung nur sicher ist, sofern alle Beteiligten rational handeln.

„Rationalität“ bedeutet hier, dass jeder Akteur stets im Sinne seines eigenen objektiven Vorteils agiert. Unvorteilhaft wäre es aber, sich durch die Verwendung von Atomwaffen selbst zu schädigen. Daher werde es zu keiner atomaren Auseinandersetzung kommen.

Diese unbeweisbare Voraussetzung ist auffallend widersprüchlich. Denn würden alle stets einsehen, dass der Einsatz von Atomwaffen unvorteilhaft ist, könnte man auf diese Art der Bewaffnung verzichten. Rational gesehen läge niemals ein Grund vor, von Atomwaffen Gebrauch zu machen. Sie zu bauen oder aufzustellen wäre Geldverschwendung. Wer atomar abschreckt, unterstellt aber, andere könnten dennoch zu Atomwaffen greifen und zwar, weil rationales Verhalten im definierten Sinn nicht garantiert werden kann. Das ist zugleich die Negierung des Axioms und ein Eingeständnis, dass Atomkriege möglich sind.

Implizit geht die Abschreckungstheorie also davon aus, dass in unser Welt auch Irrationalität eine bedeutende Rolle spielt. Das heißt: Niemand weiß wirklich, unter welchen Umständen ein atomar bewaffneter Akteur von dieser Technologie Gebrauch machen wird. Völlig realitätsfremd ist die Vorstellung, Machthaber, Diktatoren, aber auch demokratisch bestellte Staatenlenker würden ausschließlich umsichtig, weise und human handeln. Ein Konzept, dass auf so realitätsfernen Prämissen basiert, kann auf Dauer nicht funktionieren.

Siebtes Argument: Abschreckung muss glaubhaft sein und tendiert daher in Richtung Kollaps

Atomare Abschreckung basiert auf der glaubhaften Zusicherung, dem Gegner notfalls einen gewaltigen Schaden zuzufügen. Unglaubhaft sind Atomwaffen, wenn man garantiert, sie unter keinen Umständen einzusetzen. Wer Atomwaffen niemals einsetzen will, wird sich keine anschaffen. Denn: Atomwaffen zu besitzen oder über sie zu verfügen, ohne sie jemals verwenden zu wollen, ist ein Widerspruch. Um den zu kaschieren, wird der eigenen Bevölkerung vorgemacht, der Atomkrieg werde durch diese Waffen verhindert, während man dem Gegner das Gegenteil suggeriert oder sogar den Ersteinsatz androht. Nur Indien und China haben deutlich auf den Ersteinsatz verzichtet. Aber auch Indien und China müssen versichern, dass sie unter Umständen zum Atomkrieg bereit sind. Andernfalls entfiele die Abschreckungswirkung ihrer Nuklearwaffen.

Die glaubhafte Signalisierung, notfalls Atomwaffen zu verwenden, nutzt verschiedene Wege. Einer davon ist die Aufrüstung mit Atomwaffen. Diese braucht keinen Kommentar, denn wer sich Atomwaffen anschafft, würde sie auch nutzen und der Gegner weiß das. Der Besitz solcher Waffen kann auch mit expliziten Drohungen verbunden werden. Man deutet auf seine Waffen und warnt den Gegner. Säbelrasseln also. In Krisensituationen wird Glaubhaftigkeit aber am häufigsten durch demonstrativ bedrohliches Verhalten angezeigt. Dann signalisieren Atommächte deutlich, dass sie jederzeit zum Nuklearkrieg bereit sind. Diese „Politik am Abgrund“ ist als Nervenkrieg gedacht. Wer knickt zuerst ein? Knickt keiner ein, wird atomar zugeschlagen, denn der demonstrativen Drohung müssen Taten folgen, wenn Atomwaffen ihre einschüchternde Wirkung behalten sollen.

Die Kuba-Krise war eines von mehreren Beispielen für dieses Vorgehen. Wie Historiker wissen, rechneten die Akteure damals ganz bewusst mit dem Weltuntergang, denn ein atomarer Konflikt wäre damals sofort in den interkontinentalen Schlagabtausch übergegangen. Dass die Kuba-Krise dennoch gut endete, war reines Glück.

Achtes Argument: Je perfekter die militärische Technik, desto fragiler wird die Abschreckung

Militärtechnischen Innovationen zielen darauf, die Wirkung der eigenen Abschreckung zu erhöhen und die des Gegners zu unterlaufen. Schon von daher macht das den Atomkrieg wahrscheinlicher. Technologische Vorteile können also zugleich Nachteile für die Sicherheit sein. Am deutlichsten wird das im Hinblick auf die Konstruktion immer schnellerer Raketen. Sie erreichen unterdessen zwanzigfache Schallgeschwindigkeit. Zudem werden sie gerne möglichst nahe am Gegner positioniert. Wenn gegenseitige Abschreckung auch darauf beruht, dass der Gegner zweitschlagsfähig bleibt („wer zuerst schießt, stirbt als zweiter“), spielen Geschwindigkeit und Entfernung eine große Rolle.

Deshalb versuchen sich Atommächte durch Frühwarnsysteme zu schützen. Je rascher aber Raketen zielgenau anfliegen, desto kürzer werden die Vorwarnzeiten. Oft betragen sie nur wenige Minuten. Was technisch gesehen ein Fortschritt ist, ist im Hinblick auf die Sicherheit ein Nachteil. Denn die Technik unterläuft jedes menschliche Maß. In wenigen Minuten kann niemand entscheiden, ob Meldungen der Frühwarnsysteme zutreffen.

Daher wird die Entscheidung über Krieg und Frieden automatisiert. Sie wird an Computertechnologie und Künstliche Intelligenz delegiert. Mehrfach schon haben Informatiker und KI-Spezialisten gewarnt: Diese Automatisierung funktioniert nicht! Sie macht den Atomkrieg aus Versehen und gegen unseren Willen hoch wahrscheinlich.7

Neuntes Argument: Abschreckung ist keine Sicherheitsgarantie, sondern die Garantie des Untergangs

Dass der Atomkrieg nicht nur wahrscheinlich, sondern unvermeidlich ist, beruht auf einem statistischen Argument. Existiert dauerhaft die Möglichkeit, dass etwas geschieht, wird es im Laufe der Zeit tatsächlich geschehen. Der Volksmund hat das in einem Sprichwort ausgedrückt: Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht. Im Hinblick auf das Thema Abschreckung sagt es der Mathematiker, Philosoph und Nobelpreisträger Bertrand Russell so: „Was die nukleare Konfrontation angeht, so so kann man unter Umständen annehmen, dass zwei Seiltänzer zehn Minuten balancieren können, ohne abzustürzen. Aber nicht zweihundert Jahre.“8

Etwas konkreter der ehemalige Direktor der kardiologischen Abteilung der Harvard School of Public Health Bernhard Lown, der Mitbegründer der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs (IPPNW): „Man hat uns durch Experten versichern lassen, der Atomkrieg werde nie stattfinden. Aber die elementaren Gesetze der Wahrscheinlichkeit lehren uns, dass selbst ein so geringfügiges jährliches Risiko von nur 1 % zu einer Wahrscheinlichkeit von 40 % kumuliert, wenn man es für die zu erwartende Lebenszeit der heutigen Jugend hochrechnet. Es ist eine statistische Gewissheit, dass eine ständige Schussbereitschaft nicht als Dauerzustand fortbestehen kann. (…) Bislang ist der Welt die Katastrophe erspart geblieben, aber unser Glück ist zerbrechlich. Der Atomkrieg ist ein Schicksal, das darauf wartet, sich zu ereignen.“9

Wegen der großen Bedeutung dieses Arguments noch eine dritte Formulierung (von Horst Afheldt auf Grund von Aussagen von Carl Friedrich von Weizsäcker): „Soll die Abschreckung über lange Zeit glaubwürdig bleiben, muss die Wahrscheinlichkeit des Einsatzes dieser Waffen über lange Zeit größer als Null sein. Ist diese Wahrscheinlich aber konstant größer als Null, so wird sie über sehr lange Zeiträume gleich 1, der Krieg also sicher.“10

Schlussfolgerung

Das Konzept der atomaren Abschreckung ist verantwortungslos und unmoralisch. Es nimmt in Kauf, dass das größtmögliche historische Inferno irgendwann unvermeidlich eintritt und dabei ein Massen- und Völkermord stattfindet. Selbst das Ende der Menschheit kann nicht ausgeschlossen werden. Daraus resultiert eine einfache Logik: Entweder wir schützen das Leben auf diesem Planeten, indem wir auf diese Waffen verzichten, oder wir Tanzen auf dem Vulkan, bis es zur sicheren Endkatastrophe kommt.

Weil es Menschen gibt, denen dieses bewusst ist, wurde 2021 der UNO-Atomwaffenverbotsvertrag beschlossen (AVV). Bis zum September 2024 sind ihm 94 Staaten beigetreten, Deutschland nicht. Wer möchte, dass auch unserer Kinder und Kindeskinder menschlich leben können, sollte sich dafür einsetzen. Etwa indem er nur Abgeordnete wählt, die sich hier engagieren.

Quelle

1  Peter Rudolf: Welt im Alarmzustand. Die Wiederkehr der nuklearen Abschreckung, Bonn 2022, S. 128.

2 s03021_gp_auswirkungen_atomwaffen_d_studie_07_2020_fly_fin_neu.pdf (greenpeace.de) (2.2.2025) – www.atomwaffena-z.info | Atomwaffen A-Z  (20.03.2025) –  An India-Pakistan nuclear war could kill millions, threaten global starvation | CU Boulder Today | University of Colorado Boulder (25.7.2024) – Ehrlich, Paul R., Sagan, Carl: Die nukleare Nacht, Die langfristigen klimatischen und biologischen Auswirkungen von Atomkriegen, Köln 1983 –  Bach, Wilfried: Der nukleare Winter, Der sicherste Weg zum kollektiven Selbstmord, in: Bastian, Till (Hg.): Wir warnen vor dem Atomkrieg. Dokumentation zum 5. Medizinischen Kongreß zur Verhinderung des Atomkrieges in Mainz, Neckarsulm 1986. –  Stehen wir vor der Superkatastrophe? | Overton Magazin

3 Hans-Peter Waldrich: Philosophen gegen die Bombe. Wie wir der herrschenden Apokalypse-Blindheit trotzen, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 7/2020.

4 Hans Jonas: Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technische Zivilisation, Frankfurt am Main 1984, S. 63ff.

5 Zit. nach: Ines-Jacqueline Werkner: Friedens- und Konfliktforschung. Eine Einführung, München 2020, S. 218f.

6 Ohne Kontrolle: Wer entscheidet über Atomwaffeneinsätze? | Overton Magazin

7 Atomkrieg aus Versehen – www.atomkrieg-aus-versehen.de

8 Zit. nach: Arthur Kaufmann : Gerechtigkeit, der vergessene Weg zum Frieden, München 1986, S. 60f.

9 Bernhard Lown: Zur Dringlichkeit moralischer Empörung, in: Gemeinsam leben – nicht gemeinsam sterben! Dokumentation des 6. Weltkongresses der IPPNW in Köln, hrsg. v. Till Bastian, Karl Bonhoeffer, Nick Bramley, München 1987, S. 119 – 121, zit. S. 119.

10 Zit. nach: Ernst Tugendhat: Nachdenken über die Atomkriegsgefahr und weshalb man sie nicht sieht, Berlin 1986, S. 55f.

Hans-Peter Waldrich

Dr. Hans-Peter Waldrich ist Politikwissenschaftler (Dipl. sc. pol.). Sein Geld hat er vor allem im Bildungswesen und -unwesen verdient, an Schulen und Hochschulen und unter anderem beim Bundesamt für den Zivildienst. Während der 1980ger-Jahre engagierte er sich in der Friedensbewegung. Seit seiner Jugend schrieb er für eine Vielzahl von Zeitungen und Zeitschriften, etwa den Freitag oder die Blätter für Deutsche und internationale Politik, und veröffentlichte mehrere Bücher, vor allem zu politischen, pädagogischen und philosophischen Fragen. Er hält sich zugute, dass er sich niemals genötigt sah zu publizieren, um davon leben zu müssen und dass er stets nur auf eines Rücksicht zu nehmen hatte: seine eigenen Überzeugungen.
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Erstveröffentlicht im Overton Magazin v. 23.2. 2026
Atomarer „Schutzschirm“?

Wir danken für das Publikationsrecht.

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