Kleiner Ostermarsch gegen Waffenfabriken in Ludwigsfelde

38 Brandenburger Linke ziehen durch die Industriestadt Ludwigsfelde

Von ANDREAS FRITSCHE

Alle Bilder: nd/ Andreas Fritsche

Man weiß nicht, ob man sich die Kante geben soll angesichts von so viel „Kopf in den Sand stecken“ im Land. Oder ob man es eher bewundern sollte, dass die Wenigen den Mut haben Flagge und Gesicht zu zeigen, ohne Angst, sich zum Gespött zu machen. Vielleicht auch um anderen den Spiegel vorzuhalten. In jedem Fall ist es gute journalistische Pflicht, auch wenn es schmerzlich ist, unsere Schwäche zu zeigen und nicht zu verstecken. Auch das gehört zu Rosa Luxemburgs Vorstellung revolutionärer Politik. „Sagen, was ist“. (Jochen Gester)

Titelbild: Linke-Landesgeschäftsführer Stefan Wollenberg rüstet einen Transporter seiner Partei zum Lautsprecherwagen um. Foto: nd/Andreas Fritsche

Am Sonntag um kurz nach 10 Uhr startet am Bahnhof von Ludwigsfelde im Landkreis Teltow-Fläming ein Ostermarsch der Brandenburger Linken gegen Wehrpflicht und Rüstungsindustrie. Landesgeschäftsführer Stefan Wollenberg ist aus Potsdam bereits um 9.30 Uhr mit einem Transporter zur Stelle und hievt mit einem Seil nacheinander vier Lautsprecherboxen auf das Dach des Fahrzeugs, wo er die Boxen dann routiniert befestigt.

Dieser Transporter dient immer wieder bei ganz verschiedenen Demonstrationen als Lautsprecherwagen. »Das ist ja immer das gleiche Fahrzeug, das kenne ich irgendwie schon«, sagt ein Polizist, der den Ostermarsch durch die Straßen begleiten wird. Er bittet, die Musik durchaus wahrnehmbar abzuspielen, aber nur in noch erträglicher Lautstärke. Beim Soundcheck dröhnt ein kurzes Stück eines Songs der Berliner Band Kafvka los: »Wir sind ja nicht mal linksradikal. Das ist einfach nur normal. Alle hassen Nazis.« Der letzte Satz kommt schon leiser aus den Boxen, weil ein Genosse unten im Auto die Lautstärke etwas herunterregelt.

Die Landesvorsitzende Katharina Slanina ist inzwischen angekommen. »Wo ist meine Rede?« So fragt sie Stefan Wollenberg. »Gelbe Mappe, Mittelsitz«, ruft der vom Dach des Transporters. Slanina steckt die ausgedruckte Rede ein und schnappt sich eine der Fahnen. Als sie die Flagge entrollt, stellt sich heraus, dass es eine der Linksjugend Solid ist. Slanina schmunzelt und findet, auch mit 48 Jahren könne sie eine Fahne der Linksjugend tragen. Sie will keine andere und behält diese.

Landesvorsitzende Katharina Slanina mit Solid-Fahne: »Müssen wir mehr werden? Auf jeden Fall!«
Landesvorsitzende Katharina Slanina mit Solid-Fahne: »Müssen wir mehr werden? Auf jeden Fall!« Foto: nd/Andreas Fritsche

Ihre Rede soll sie erst bei der Abschlusskundgebung halten. »Kiew, Gaza, Beirut, Teheran – jeden Tag brennt die Welt live auf unseren Bildschirmen und wir sitzen in der ersten Reihe und schauen zu«, steht im Manuskript. »Wir dürfen aber nicht länger zuschauen, wenn diese Welt noch eine Zukunft haben soll. Und deswegen freue ich mich, dass wir heute gemeinsam hier stehen.«

Ähnliche Artikel

»Sind wir genug?« Die Antwort ist sonnenklar: »Nein!« Slanina sagt: »Müssen wir mehr werden? Auf jeden Fall!« Brandenburgs Linke zählt rund 5400 Mitglieder. Aber es sind keine 50 Genossen gekommen, sondern gerade einmal 38. Die wenigen, die da sind, kommen zum Teil auch aus dem Nachbarlandkreis Potsdam-Mittelmark und ein paar sogar den weiten Weg aus Cottbus. Vor einem Jahr zählte der Ostermarsch der Linken gegen die Aufrüstung der Bundeswehr am Fliegenhorst Holzdorf auch höchstens 70 oder 80 Teilnehmer, und da hatten die Landesverbände Sachsen und Sachsen-Anhalt mit aufgerufen.

Die Tradition der Ostermärsche sei etwas eingeschlafen, bedauert Tobias Lübbert. Er ist Vorsitzender der Linken in Ludwigsfelde und Umgebung und hat die Veranstaltung bei der Polizei angemeldet. Er könne sich dafür keine bessere Stadt vorstellen, sagt er. Immerhin sei Ludwigsfelde im Zweiten Weltkrieg einer der größten Standorte der Rüstungsindustrie in Europa gewesen. Die Stadt ist quasi auf einem Zwangsarbeiterlager gewachsen. In der DDR wurden hier Lastkraftwagen des Typs W50 gebaut, nach der Wende übernahm Mercedes-Benz das Werk, das 1936 von Daimler Benz zur Fertigung von Flugzeugmotoren gegründet worden war. Die Zukunft des Standorts ist ungewiss. Es ist unklar, wie es ab 2030 weitergeht. Dann wieder Rüstungsindustrie? »Wir bauen eure Waffen nicht«, ruft Lübbert. Es ist das Motto dieses Ostermarschs.

»Kiew, Gaza, Beirut, Teheran – jeden Tag brennt die Welt live auf unseren Bildschirmen und wir sitzen in der ersten Reihe und schauen zu. Wir dürfen aber nicht länger zuschauen.« Katharina Slanina Linke-Landesvorsitzende

Tobias Lübbert ist Anfang 30, Katharina Slanina Ende 40. Beide mussten ihr Leben lang nie in einem Krieg leiden. Doch Slanina erinnert an drei Hilfskonvois an die polnisch-ukrainische Grenze. Auf dem Rückweg hatte Brandenburgs Linke insgesamt mehr als 100 ukrainische Kriegsflüchtlinge mitgenommen, deren Schicksale zu Tränen rührten – »über 100 Menschen, denen oft weiter nichts geblieben war, als die Sachen, die sie auf dem Leibe trugen, und eine Plastiktüte mit dem Nötigsten«.

In Potsdam gab es bereits am Samstag den 25. Ostermarsch der dortigen Friedenskoordination mit rund 100 Teilnehmern. »Wir lassen uns nicht für dumm verkaufen«, erklärte Reiner Braun vom Internationalen Friedensbüro Berlin in Potsdam. Man lasse sich auch nicht einreden, dass der russische Präsident Wladimir Putin mit seinen Truppen bis ans Brandenburger Tor vorstoßen wolle.

Der Potsdamer Ostermarsch findet traditionell nicht am eigentlichen Osterwochenende statt, sondern schon eine Woche vorher. Am 4. April gibt es dann den 5. Ostermarsch des Bündnisses für Frieden in Brandenburg/Havel. Treffpunkt ist 14 Uhr auf dem Neustädtischen Markt. In Brandenburg/Havel sollen am Standort der Heidelberger Druckmaschinen AG künftig Drohnen-Abwehrsysteme hergestellt werden.

Ebenfalls am 4. April gibt es den Ostermarsch der Berliner Friedenskoordination. Er soll um 13 Uhr am Mauerpark, Ecke Oderberger Straße beginnen. Als Redner angekündigt sind unter anderen der Kabarettist Arnulf Rating und Matthew Read von der Vereinigung Eltern gegen Wehrpflicht.

Erstveröffentlicht im nd v. 29.3. 2026
Kleiner Ostermarsch …

Wir danken für das Publikationsrecht.

Frommes Gedicht der Konzernbesitzenden

von Peter Jüriens, März 2026

Willkommen im Shop of the wars
Wir treten der Welt für verteufelt viel Geld
bis sie brennt immer fest in den Mors
Und für Uns ist’s bequem
Euer Outlawsystem
Das ihr da nennt die freie Welt

Wir werden Euch alles verkaufen:
Hier Raketen wie wild, da ’nen Raketenschild
Panzerflotten, die Unser Öl saufen
Kriegsgrund gratis dazu!
Heut gibt’s Schulkindragout!
Regen billig! Viel Platz in den Traufen!

Wir geben Euch nur eine Regel:
Daß der Frieden nie reicht den ihr eh nie erreicht –
Blut her! Füttert des Krieges Egel!
Uns ist’s regelbasiert
wenn ihr losbombardiert,
massakriert, killt, blockiert. Es ist leicht.

Keine Rechtsgrundlage ist gegeben
Weil halt might makes so right und Ihr dumm genug seid
Uns zu geben Geld Macht, und das Leben…
Und für Uns ist’s genial
Los! Das Ganze nochmal!
Unsern Arsch auf den Weltthron zu heben.

Alle Bilder: Collagen Peter Jüriens

In den USA fanden gestern, 28.März, unter dem Motto „No Kings“ landesweit Demonstrationen mit 8 bis 10 millionenfacher Beteiligung gegen Präsident Trump statt. 

Krieg zeugt Krieg: Zum Geburtstag von Wilhelm Liebknecht

Vor 200 Jahren wurde Wilhelm Liebknecht geboren, Mitbegründer der deutschen Sozialdemokratie

Von MARIO HESSELBARTH

Links von Papas SPD, aber in seinem Geiste: In diesen Parteien waren Wilhelm Liebknechts Söhne Theodor und Karl (Decke im SPD-Museum in Eisenach) Foto: Archiv

Wilhelm Liebknecht ist aktueller, als man denkt. Mit Blick auf die damaligen rechtskonservativen und nationalistischen Bewegungen merkte er in seiner letzten öffentlichen Rede am 28. Juli 1900 in Dresden an: »Es wird jetzt von unseren Gegnern so viel von der Verrohung des politischen Tons geredet. Die Klage ist berechtigt. Nur sollten die Herren in den Spiegel sehen. Im schönen Deutschland und besonders in Sachsen, das wegen seiner Gemütlichkeit berühmt ist, haben die sogenannten Patrioten, Antisemiten, Alldeutschen einen rüpelhaften, renommistischen Ton eingeführt, der unserer Bildung keine Ehre macht.«

Geboren am 29. März 1826 in Gießen, wurde er Handwerker, Lehrer und Journalist, beteiligte er sich an 1848/49 an der gescheiterten bürgerlichen Revolution in Baden, musste danach nach England fliehen, wurde Mitglied des Bundes der Kommunisten von Karl Marx und Friedrich Engels und dann einer der Gründungsväter der SPD, für die er (einschließlich deren Vorläufer) er bis zu seinem Tod 1900 im Reichstag saß.

Liebknechts Werke bieten auch heute in Fragen der sozialen Gerechtigkeit und des Kampfes gegen kapitalistische Ausbeutung und des Militarismus grundlegende Denkansätze. Je entwickelter der Kapitalismus sei, »desto reaktionärer muß er seiner Natur nach werden, weil er nur noch durch Gewaltmittel seinen mit dem Wohl der ungeheuren Mehrheit des Volkes unverträglichen Bestand retten kann«, glaubte er und sah im Streben nach geistiger Emanzipation, nach Bildung die Voraussetzung für einen erfolgreichen Befreiungskampf, denn Unwissenheit diene nur dem Machterhalt der Unterdrücker. »Wissen ist Macht. Bildung macht frei«, rief er den Mitgliedern des Dresdner Bildungsvereins am 5. Februar 1872 zu. Seine Parole lautete: »Agitieren, organisieren, studieren«.

Im Kaiserreich mit seinem Streben nach dem »Platz an der Sonne« im Imperialismus prangerte Liebknecht immer wieder den Militarismus an. »Krieg zeugt Krieg«, erklärte er 1892 in seiner Rede gegen die Aufrüstungspläne der Regieung im Deutschen Reichstag. »Wenn jemals ein falscher, ein widersinniger Satz ausgesprochen worden ist, so ist es der alte Römerspruch […] – um den Frieden zu sichern, bereite dich zum Kriege vor. Nein, um den Frieden zu sichern, muß man den Frieden vorbereiten«. Das sehen seine Nachfahren an heutigen Parteispitze der SPD komplett anders. Für Liebknecht aber war klar: »Mit dem Weiterrüsten wird unter keinen Umständen etwas erreicht.« Stattdessen sei es notwendig, eine humane Moral und einen sittlichen Geist in die Politik einzuführen, für die nach seiner festen Überzeugung nur der Sozialismus stand. Der »Sozialismus will diesen Einklang zwischen Handlung und Bekenntnis, will nicht, dass man Christentum und Menschliebe im Munde führt und Krieg und Massenmord vorbereitet; er will, daß die Zivilisation, mit welcher wir prahlen, auch verwirklicht werde in dem Staat und in der Gesellschaft.«

Karl und Theodor Liebknecht, zwei seiner fünf Söhne, setzten diese Politik ihres Vaters fort – links von der SPD.

Ausführlicher siehe auf der Homepage der Historischen Kommission der Linkspartei, Erklärungen: Die Linke Historische Kommission
Zu Ehren von Wilhelm Liebknecht lädt die Leipziger Linke unter dem Motto »Soldat der Revolution, Parteiführer, Parlamentarier« an diesem Samstag, den 28. März, ins Liebknecht-Haus, Braustraße 15, Leipzig (10 bis 13 Uhr)

Erstveröffentlicht im nd v.27.3. 2026
Krieg zeugt Krieg

Wir danken für das Publikationsrecht.

Diese Seite verwendet u. a. Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung