Lohnspirale abwärts

MAN verlagert tausende Arbeitsplätze ins Ausland – und ist damit nicht allein

Von Ulf Immelt

Bild: Abschied in Etappen: MAN will Karosserien in Polen produzieren. Die Gewerkschaften fürchten, dass weitere Arbeits­plätze folgen. (Foto: MAN Truck & Bus SE)

Produktionsverlagerungen in Niedriglohnländer und Stellenstreichungen waren schon immer ein lukratives Geschäftsmodell und erleben in Zeiten von Krise und Transformation eine wahre Renaissance. Das jüngste Beispiel liefert MAN. Nachdem bereits Daimler Truck angekündigt hatte, 5.000 Arbeitsplätze vor allem in Deutschland zu streichen, gab auch die Konzernleitung des Münchner Lkw- und Busherstellers in der vergangenen Woche bekannt, 2.300 der etwa 15.000 Stellen in Deutschland abzubauen und den Karosseriebau des „Traton Modular Systems“ (TMS) nach Krakau in Polen zu verlagern.

Durch Kostensenkungen und Effizienzsteigerungen solle das Ergebnis bis zum Jahr 2028 um rund 935 Millionen Euro verbessert werden, heißt es aus dem Management. Teil des Plans sei auch die Streichung von Gehaltsbestandteilen im Umfang von 160 Millionen Euro.

Die IG Metall spricht sogar von der Vernichtung von 3.100 Arbeitsplätzen und befürchtet, dass der Konzern den gesamten Karosseriebau aus dem Stammwerk in München nach Krakau verlagert. MAN hatte bereits in den vergangenen Jahren massiv Arbeitsplätze abgebaut und Teile der Produktion in die Türkei und nach Osteuropa verlagert. Die Produktion in Salzgitter wurde eingestellt, das Werk im österreichischen Steyr ganz geschlossen und die Entwicklungsabteilung mehrmals zusammengestrichen.

Das Management hingegen verweist auf hohe Strom- und Arbeitskosten sowie auf schwächelnde Verkäufe als Grund für die Sparmaßnahmen. Eine TMS-Karosseriefertigung in Deutschland sei einfach nicht wirtschaftlich, betonten MAN-Finanzvorständin Inka Koljonen und Personalchef Hubert Altschäffl im Intranet des Konzerns. Angesichts drohender strengerer CO₂-Ziele in Europa und starker Konkurrenz aus China müsse man den Konzern jetzt zukunftsfähig machen, heißt es dort – „auch wenn das vielleicht mit einigen Entscheidungen einhergeht, die zunächst einmal nicht jedem gefallen“. Außerdem verweist man darauf, dass der konzerninterne schwedische Rivale Scania deutlich profitabler sei – eine altbewährte Strategie, um den Unterbietungswettbewerb der einzelnen Standorte anzuheizen und die Belegschaften gegeneinander auszuspielen.

MAN ist kein Einzelfall. Nach einem jüngst veröffentlichten Bericht des Statistischen Bundesamt zu globalen Wertschöpfungsketten haben deutsche Unternehmen binnen zwei Jahren zehntausende Jobs ins Ausland verlagert. Zwischen 2021 und 2023 zogen 1.300 Firmen ab einer Größe von 50 Beschäftigten Unternehmenseinheiten ganz oder teilweise ab. Das waren 2,2 Prozent aller 2023 in Deutschland ansässigen Firmen dieser Größe. Infolgedessen wurden 71.100 Stellen in Deutschland abgebaut, so die in Wiesbaden ansässige Behörde. Dem stehen im gleichen Zeitraum durch Umschichtungen in anderen Unternehmenseinheiten und Neueinstellungen gerade einmal 20.300 neu geschaffene Jobs gegenüber. Netto gingen so rund 50.800 Stellen vor allem im industriellen Sektor in Deutschland verloren, so die Statistiker.

Von den befragten Unternehmen, die Arbeitsplätze verlagerten, wählten 900 Zielorte in der Europäischen Union. In Staaten außerhalb der EU verlagerten 700 der befragten Firmen Stellen. Als Motiv für diese unternehmerische Entscheidung nannten knapp drei Viertel (74 Prozent) die Senkung von Lohnkosten. Als weitere Begründungen folgten strategische Entscheidungen (62 Prozent), andere Kostenvorteile (59 Prozent) und der Fachkräftemangel im Inland (38 Prozent).
Als Gründe, warum nicht noch mehr Firmen Arbeitsplätze ins Ausland verlagern, nennt die Befragung des Bundesamts hauptsächlich rechtliche oder administrative Hürden und steuerliche Probleme sowie Bedenken, dass die Kosten der Verlagerung den Nutzen übersteigen.

Zurück zu MAN: Um die Beschäftigung langfristig zu sichern und das Werk München zu stärken, hatten IG Metall und Belegschaft angeboten, bis zu zwei Stunden mehr zu arbeiten, Sonderzahlungen auszusetzen und ab 2027 auf Tariferhöhungen zu verzichten. Das reicht den Bossen in der Vorstandetage bei weitem nicht. Schließlich soll die operative Umsatzrendite auf 8 Prozent gesteigert werden.

Erstveröffentlicht in der UZ v. 28.11. 2025
https://www.unsere-zeit.de/lohnspirale-abwaerts-4809451/

Wir danken für das Publikationsrecht.

Endhaltestelle: Sechs Minuten Pinkelpause

Verdi fordert für BVG-Beschäftigte längere Pausen, mehr Urlaubstage und Arbeitszeitverkürzung

Von Maria Neuhauss

Bild: Wikimedia

Für die kommenden Tarifverhandlungen im Berliner Nahverkehr hat sich die Gewerkschaft auf ihre Forderungen geeinigt. Die Arbeitsbedingungen müssten besser werden, meint Verdi, auch um das Personal zu halten.

Die Traube von Gewerkschafter*innen in Warnwesten, die sich am Donnerstagvormittag vor der Hauptverwaltung der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) eingefunden hat, bricht in Gelächter aus: Kurz klingt es so, als würde Verdi für die Beschäftigten der BVG in der kommenden Tarifrunde 33 weitere Urlaubstage fordern. Statt eines ganzen Monats geht es aber lediglich um drei zusätzliche Tage, die am Ende für die Beschäftigten herausspringen sollen. Sie sind Teil eines Forderungspakets, mit dem diese vor allem eins wollen: Entlastung.

»Die Fahrer sind am Ende ihrer Kräfte«, meint Serat Canyurt, Verdi-Gewerkschaftssekretär und neuer Verhandlungsführer auf der Arbeitnehmerseite. »Wir haben alle Beschäftigten, nicht nur die Verdi-Mitglieder, in einer zwei Monate laufenden Umfrage nach ihrer Meinung befragt, und zu 99 Prozent wollen sie Entlastung.«

»Die Fahrer sind am Ende ihrer Kräfte.«Serat Canyurt  Verdi-Gewerkschaftssekretär und Verhandlungsführer

Neben mehr Urlaub fordert die Gewerkschaft die ausnahmslose Umsetzung der vereinbarten Mindestruhezeit von elf Stunden und eine maximale Schichtlänge von zwölf Stunden. Zudem sollen die Wendezeiten auf sechs Minuten erhöht werden. Damit ist die Zeit gemeint, die Fahrer*innen an den Endhaltestellen zur Verfügung steht, bevor sie die Rückfahrt antreten müssen. Aufgrund ständiger Verspätungen während der Fahrten verkürzen sich Wendezeiten häufig – oder fallen gleich ganz weg. »Ich rate jedem, sich einfach mal einen Wendepunkt anzugucken und zu schauen, was die Busfahrer in der Wendezeit als Erstes machen: Die steigen aus ihren Fahrzeugen aus, rennen auf Toilette, rennen wieder zurück und steigen in den Bus. Weil sie keine Zeit haben«, sagt Kemal Aykac. Aykac ist Mitglied im Personalrat der BVG.

Problematisch seien auch die geteilten Dienste, wenn also zwischen zwei Arbeitsblöcken eine längere Pause liegt. »In der Pause können die Fahrer weder nach Hause noch etwas anderes machen. Das heißt, sie sind teilweise zwölf Stunden auf Achse, aber davon fahren sie nur acht Stunden und bekommen auch nur acht Stunden bezahlt«, sagt Aykac. Verdi fordert eine höhere Zulage für solche Dienste und ihre Abschaffung an Wochenend- und Feiertagen.

In den kommenden Verhandlungen ringen Verdi und Vertreter*innen des Landes Berlin um einen neuen Manteltarifvertrag, in dem die Arbeitsbedingungen der 16 000 Beschäftigten der BVG und Berlin Transport (BT) geregelt sind. Entgelte und Zulagen sind diesmal kein Thema. Die aktuelle Fassung des Entgelttarifvertrags wurde bereits im April beschlossen. Damals war aufgrund verhärteter Fronten ein Schlichtungsverfahren eingeleitet worden. Im Ergebnis konnte Verdi eine Lohnerhöhung von bis zu 20 Prozent für die Fahrer*innen durchsetzen.

Im Rahmen der Schlichtung hatten sich die Arbeitgeber zudem das Versprechen abnehmen lassen, in den Verhandlungen zum Manteltarifvertrag auch über die Arbeitszeiten zu sprechen: Für die anstehende Tarifrunde erwartet Verdi daher Gespräche über eine 35-Stunden-Woche, eine Vier-Tage-Woche und flexiblere Arbeitszeitmodelle, wie es in einer Tarifinfo an die Verdi-Mitglieder heißt.

»Es geht darum, dass der ÖPNV zuverlässig funktioniert.«Serat Canyurt

Der Gewerkschaft zufolge sind die Tarifverhandlungen auch für die Passagiere relevant. »Es geht darum, dass der ÖPNV zuverlässig funktioniert«, so Gewerkschaftssekretär Canyurt. Denn dass Linien verlässlich befahren werden können, hänge auch von einer guten Personalausstattung ab. Zwar hätten sich mit Erhöhung der Entgelte die Bewerber*innenzahlen bei der BVG erhöht. Doch würden viel zu viele Beschäftigte das Unternehmen wieder vorzeitig verlassen. »Wir haben uns die Zahlen angeschaut. Im Vergleich zu anderen Unternehmen ist die Personalfluktuation bei der BVG fast doppelt so hoch«, so Aykac. Das liege vor allem an den schlechten Arbeitsbedingungen im Fahrdienst.

Die Forderungen der Gewerkschaft wurden am Donnerstagvormittag an die Arbeitgeber überreicht. Da letztere nicht zugegen waren, mussten sie im Büro abgegeben werden – ein Zeichen fehlender Wertschätzung, wie Canyurt findet.

Mit der Auftaktverhandlung am 13. Januar startet die bundesweite Tarifrunde im kommunalen Nahverkehr. Betroffen sind bundesweit knapp 150 kommunale Unternehmen in ebenso vielen Städten und Landkreisen sowie in den drei Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen. Die konkreten Forderungen legen die jeweiligen Tarifkommissionen für jeden Landestarifvertrag eigenständig fest.

Erstveröffentlicht im nd v. 29.11. 2025
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1195820.nahverkehr-in-berlin-an-der-endhaltestelle-sechs-minuten-pinkelpause.html?sstr=Minuten|Pinkelpause

Wir danken für das Publikationsrecht.

Befreit Dr Abu Safiya!

Petition

An die Staats- und Regierungschefs der USA, Großbritanniens und der EU sowie an alle Regierungsvertreter, die am Gipfeltreffen in Sharm El-Sheikh zum Waffenstillstand in Gaza beteiligt sind: „Wir fordern Sie auf, alles in Ihrer Macht Stehende zu tun, um Dr. Hussam Abu Safiya und alle palästinensischen medizinischen Mitarbeiter zu befreien, die unter Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht unrechtmäßig in israelischen Gefängnissen festgehalten werden. Wir sind äußerst besorgt um ihr Wohlergehen, da es Hinweise auf Folter in den Gefängnissen gibt und Gaza ohne seine Ärzte, Krankenschwestern und Gesundheitspersonal nicht wieder aufgebaut werden kann: Befreit die Mediziner aus Gaza jetzt!“Sie haben seinen Sohn getötet. Sie haben sein Krankenhaus bombardiert. Sie haben die Versorgung blockiert, mit der er Kinder behandelte, die vor Schmerzen schrien.

Aber er hörte nicht auf, Leben zu retten – bis israelische Streitkräfte ihn inhaftierten und Berichten zufolge folterten.

Jetzt werden er und etwa 90 weitere Mediziner in Haft gehalten, viele von ihnen wurden während der Versorgung ihrer Patienten festgenommen. Fünf sollen hinter Gittern gestorben sein, andere leiden unter Übergriffen und Schlägen.

Während sich die Staats- und Regierungschefs der Welt auf den Waffenstillstandsplan konzentrieren, erheben Ärzte auf der ganzen Welt ihre Stimme, um die Freilassung ihrer mutigen Kollegen zu fordern, damit diese Tausende von verwundeten Kindern in Gaza am Leben erhalten können.

Schließen wir uns ihnen an: Setzen Sie Ihren Namen unter die Forderung nach der Freilassung von Dr. Abu Safiya und seinen Kollegen, die gezeigt haben, wozu die Menschheit fähig ist, und helfen Sie mit, sie zu ihren Familien zurückzubringen.

AVAAZ-Petition

https://secure.avaaz.org/campaign/en/free_dr_abu_safyia_loc_b/?&utm_source=email&utm_medium=social_share&utm_campaign=56251&share_location=post_action

Image credit: A still from Al Jazeera and a video verified by NBC News showing Dr Abu Safiya before detention and approaching a military vehicle in Gaza.

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