Gigantisches Internierungslager

Mit einer Hungerblockade will Israel Gaza ethnisch säubern. Die Hilfsorganisation Palestinian Medical Relief Society schlägt Alarm

Von Raul Zelik

Bild: Pixabay

Auch in Deutschland setzt sich allmählich die Erkenntnis durch, dass Israels Vorgehen in Gaza mit den offiziellen Kriegszielen wenig zu tun hat. So stellte Kanzler Merz diese Woche fest, er könne die Logik der israelischen Militärschläge »nicht mehr erkennen«. Und Luisa Neubauer von Fridays For Future, die sich vor einigen Monaten wegen Gaza noch empört von Greta Thunberg distanziert hatte, fordert die Bundesregierung nun zum Handeln auf.

Die Einsicht kommt spät und bleibt unzureichend. Denn immer offenkundiger entpuppt sich Israels Politik in Gaza als großangelegtes Projekt der ethnischen Säuberung. Wie dramatisch die Lage ist, vermittelte die Nichtregierungsorganisation Palestinian Medical Relief Society (PMRS) Mitte dieser Woche in einem Pressegespräch. Die Organisation, die mit 80 mobilen Teams die Gesundheitsversorgung in Gaza aufrecht zu erhalten versucht und dementsprechend einen umfassenden Überblick über die Situation besitzt, zeichnet ein verheerendes Bild.

Dem Leiter von PMRS Mustafa Barghuthi zufolge hat Israels Armee seit Oktober 2023 insgesamt 100 000 Tonnen Sprengstoff über Gaza abgeworfen, was der Explosivkraft von mehr als fünf Hiroshima-Bomben entspricht. 53 000 Menschen, davon 18 000 Kinder seien getötet, weitere 122 000 verletzt worden – von denen 11 000 wegen fehlender Behandlungsmöglichkeiten akut vom Tod bedroht sind. Insgesamt seien 10 Prozent der Zivilbevölkerung tot oder verletzt.

Die Bevölkerung soll erst in einer Zone konzentriert und dann zwangsumgesiedelt werden.

Immer deutlicher wird auch, welche Pläne mit der Blockade verfolgt werden. Seit drei Monaten ist Gaza abgeriegelt, Anfang der Woche begann die umstrittene US-Organisation Gaza Humanitarian Foundation nun mit der Verteilung von Lebensmitteln in einigen wenigen »humanitären Zentren«. Das Problem ist dabei aber nicht nur, dass die Menge der Lieferungen unzureichend ist. Nach Berechnungen der Palestinian Medical Relief Society müssten zur Versorgung der Bevölkerung etwa 1000 Lastwagen täglich Gaza erreichen, durchgelassen würden von Israel aber nur neunzig. Als weitaus problematischer erachtet Barghuthi, dass Israel mit der Einrichtung der Verteilzentren die Internierung von zwei Millionen Menschen durchsetzen will. Durch Hunger sollen die Zivilisten in abgeriegelte Zonen gezwungen werden, aus denen sie nicht mehr an ihre Wohnorte zurückkehren dürfen.

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Für Barghuthi versteckt sich hinter den Lebensmittellieferungen deshalb ein Militärplan: Die Bevölkerung soll erst konzentriert und dann zwangsumgesiedelt werden. Das scheint auch Jake Wood, dem bisherigen Leiter der Gaza Humanitarian Foundation, aufgefallen zu sein. Wood trat Anfang der Woche zurück, weil humanitäre Organisationen dem Prinzip der Neutralität verpflichtet seien – was er von der eigenen Organisation offenbar nicht mehr behaupten konnte.

Das in Deutschland lange akzeptierte Narrativ, es handele sich bei den Zerstörurungen um Kollateralschäden der Hamas-Bekämpfung, ist in Anbetracht der Entwicklungen nicht mehr zu halten. Laut PMRS hat das israelische Militär alle 36 Krankenhäuser des Gazastreifens bombardiert und 330 Gesundheitsarbeiter umgebracht. Von den 15 Sanitätern, die israelische Soldaten Ende März hinrichteten, seien, so Barghuthi, einige bei lebendigem Leib verscharrt worden. Des Weiteren geben es systematische Angriffe auf die Berichterstattung. 216 palästinensische Journalisten wurden seit Oktober 2023 in Gaza getötet.

Auch die Situation im Westjordanland spitzt sich weiter zu. Alle Städte der West-Bank sind mittlerweile besetzt, 800.000 schwerbewaffnete Siedler verüben fast täglich Angriffe auf die Zivilbevölkerung. Immer unverhohlener wirbt Israels Rechte für eine zweite Nakba – eine Massenvertreibung, wie sie die Palästinenser 1948 erlitten.

Aus Sicht Barghuthis hätte diese Entwicklung verhindert werden können, wenn die internationale Gemeinschaft Israel frühzeitig Grenzen gesetzt hätte. Als zweitgrößter Waffenlieferant trage Deutschland hier unmittelbar die Verantwortung.

Tatsächlich dürften sich viele im historischen Rückblick fragen, warum sie sich einem offenkundig faschistischen Projekt gegenüber so lange gleichgültig verhielten.

Erstveröffentlicht im nd v. 29.5. 2025
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1191564.krieg-in-gaza-gigantisches-internierungslager.html?sstr=Raul|Zelik

Wir danken für das Publikationsrecht.

Opferzahl unbekannt

Hunderttausende starben oder wurden verwundet während des Ukraine-Krieges. Die genauen Zahlen der Gestorbenen und Verwundeten wird man womöglich nie erfahren

Von Daniel Säwert

Bild: Pixabay

Der Krieg in der Ukraine ist der tödlichste Konflikt in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Hunderttausende verloren seit der russischen Invasion vor über drei Jahren ihr Leben oder wurden verletzt. Die genaue Zahl der Opfer wird möglicherweise nie bekannt werden. Beide Seiten versuchen, ihre eigenen Verluste runter- und die gegnerischen hochzurechnen. Zudem werden viele Gefallene aus den Statistiken gestrichen, vor allem ehemalige Häftlinge, die für die Front rekrutiert wurden.

Relativ gesicherte Zahlen gibt es zu den zivilen Opfern in der Ukra­ine selbst. Laut Zählungen des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte (OHCHR) gab es bis zum 31. März 2025 mindestens 12 910 Todesopfer in der ukra­ini­schen Zivilbevölkerung, darunter mindestens 682 Kinder. Zudem wurden bis Ende März 2025 mindestens 30 700 verletzte Zivilisten vom OHCHR erfasst, darunter 1950 verletzte Kinder. Hinzu kommen mehrere Hundert getötete Zivilisten in den russischen Gebieten Kursk und Belgorod sowie anderen Regionen. Allein in Kursk sollen über 280 Zivilisten getötet und 430 verletzt worden sein.

Wie viele Soldaten in den vergangenen über drei Jahren ums Leben kamen oder verletzt wurden, wird weder in Russland noch in der Ukra­ine offenbart. Russlands Armeeführung hatte zu Beginn der Invasion noch täglich eigene Verlustzahlen gemeldet, damit aber aufgehört, als deutlich wurde, dass der Krieg länger und verlustreicher wird als angenommen. Seitdem wird daraus ein Staatsgeheimnis gemacht, ebenso in der Ukra­ine. Lieber verkünden Moskau und Kiew die vermeintlichen Verluste des Gegners und nennen exorbitante Zahlen, die einzig der Propaganda dienen.

Lieber verkünden Moskau und Kiew die vermeintlichen Verluste des Gegners.

Wer es wagt, die ukra­ini­schen Verluste zu beziffern, wird attackiert. Als EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen Ende 2022 von 100 000 toten und verwundeten ukrainischen Soldaten twitterte, reagierte Wolodymyr Selenskyj wütend. Von der Leyen löschte den Tweet daraufhin. Im Dezember 2024 sprach die Nato von einer Million getöteten und verwundeten Soldaten, 600 000 Russen und 400 000 Ukrainern. US-Präsident Donald Trump meinte einen Monat später gar, die Ukraine habe Verluste von 700 000 Soldaten und Russland von über einer Million. Als er im April zu Friedensgesprächen aufrief, schrieb Trump von 5000 Toten jede Woche. Nachprüfen lassen sich diese Zahlen nicht.

Selenskyj, der zu den eigenen Verlusten schweigt, sprach kurz vor dem dritten Jahrestag des Krieges beim US-Sender NBC von 46 000 getöteten und bis zu 380 000 verwundeten ukrainischen Soldaten. Ein Jahr zuvor waren es laut Selenskyj 31 000 getötete ukrainische Soldaten. Das würde bedeuten, dass in diesem Jahr täglich 41 ukrainische Soldaten starben. Eine enorme Zahl, die von vielen Seiten jedoch angezweifelt wird. Mit Verweis auf die wachsenden Friedhöfe werfen viele Ukrainer ihrem Präsidenten vor, viel zu niedrige Zahlen zu nennen. Und dabei sind die Toten des äußerst verlustreichen Einmarsches in das Kursker Gebiet nicht eingerechnet. Ukra­ini­sche Medien schreiben von bis zu 50 000 ukrainischen Familien, die Entschädigungsgelder für einen toten Angehörigen bekommen sollen.

Damit wäre Selenskyjs Kursk-Einmarsch ein ähnlicher »Fleischwolf« wie etwa die monatelange Schlacht um Bachmut von 2022 bis 2023, bei der auf ukrainischer und russischer Seite zusammen über 100 000 Soldaten gefallen sein sollen. Laut BBC, die ausschließlich russische Tote zählen, soll das tödlichste Jahr aber 2024 gewesen sein. Demnach sollen 45 287 Soldaten gefallen sein. Oder anders ausgedrückt: Für jeden Kilometer eroberten ukrainischen Gebietes ließen mindestens 27 Russen ihr Leben.

Wie hoch Russlands Verluste wirklich sind, lässt sich nur mutmaßen. Zu Beginn des Krieges veröffentlichten lokale Beamte häufig Nachrufe auf Gefallene und ermöglichten es Journalisten, das Ausmaß des Sterbens zu erfassen. Mittlerweile sind solche Nachrufe verboten.

Gemeinsam mit dem russischen Dienst der BBC sucht das Onlinemedium »Media­zona« weiter nach Nachrufen russischer Soldaten im Netz. Bis zum 2. Mai konnten so 104 673 Gefallene identifiziert werden. Militärexperten gehen davon aus, dass die von BBC und »Mediazona« recherchierten Zahlen zwischen 45 und 65 Prozent der Gefallenen wiedergeben: Demnach sind zwischen 164 222 und 237 211 Russen in der Ukra­ine gefallen.

Viele Menschen tauchen jedoch in diesen Statistiken nicht auf. Vor allem in den Schlachten, die extrem viele Opfer fordern, werden viele Tote, insbesondere ehemalige Häftlinge, nicht erfasst. Dabei geht es um die Schönrechnung der Verluste, aber auch um das Vermeiden von Zahlungen an die Angehörigen.

Viele Soldaten werden offiziell als vermisst gemeldet. Seit Anfang 2024 hat das ukrainische Projekt »Ich möchte leben« über 84 000 Anfragen aus Russland zum Verbleib von Angehörigen bekommen. In Russland selbst gibt es mehrere selbstorganisierte Gruppen, die nach als vermisst gemeldeten Soldaten suchen.

Im ukrainischen Register der Verschollenen waren Anfang Februar 62 948 Menschen erfasst, allerdings sowohl Soldaten als auch Zivilisten. Aufgeschlüsselt wird das nicht. Im Sommer 2023, als noch etwas mehr als 23 000 Menschen registriert waren, hieß es, 90 Prozent davon seien Soldaten.

Erstveröffentlicht im nd v. 30.5. 2025
https://nd.digital/editions/nd.DieWoche/2025-05-30/articles/18016574

Wir danken für das Publikationsrecht.

Linkspartei sucht Basis – sucht die Klasse diese Partei?

Von Klaus Dallmer

20.5.2025

Bild: Untergrundblättle

Die Einheit von Klasse und Partei wäre nicht ganz neu: In den 70er, 80er Jahren des 19. Jahrhunderts hatte sich die deutsche Arbeiterbewegung in aufopferungsvollen Kämpfen Gewerkschaften geschaffen – und die politische Organisation, die Sozialdemokratie, die die Bewegung verbreiterte und die Perspektive formulierte: Die Abschaffung der kapitalistischen Ausbeuterordnung und ihre Ersetzung durch den Sozialismus.

Bereits dreißig Jahre später hatte die Integrationskraft des Kapitalismus Gewerkschaften und SPD auf den imperialistischen Kriegskurs gebracht. Der Rest ist bekannt. Heute ist eine Abwendung der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften von ihrer klebrigen Bindung an ihren Sozialpartner völlig undenkbar geworden, auch wenn dieser auf Rüstungs-, Militarisierungs- und Kriegskurs geht. Im Gegenteil – sie geben dabei auch noch den Vorturner.

Die kommunistischen Restbestände sind durch Vernichtung, Wohlstandsentwicklung und Zusammenbruch des Ostblocks dezimiert und marginalisiert.
So steht die Klasse nun allein da, wenn sie aus der sozialpartnerschaftlichen Falle ausbrechen will.

Aber es gibt ja die Linkspartei, die sich als einzige linke Opposition gerade großen Zulaufs erfreut. Sie möchte zur Klassenpartei werden und stellt soziale Fragen wieder in den Vordergrund, die andere Parteien dann teilweise aufgreifen müssen. Ihre parlamentarischen Anfragen zerren die Wahrheit ans Licht, auch wenn die Medien der herrschenden Klasse deren Verbreitung behindern. Ihre Gewerkschaftskonferenzen schaffen Verbindungen und Informationsaustausch. Sogar von Sozialismus ist wieder die Rede, und manche Redner, sogar aus einem Gewerkschaftsvorstand, schmücken schöne sozialistische Zukunftsbilder aus. Will man mehr, und wenn ja, was?

Die Arbeiterklasse sieht sich einer verschärften Überproduktionskrise gegenüber, überall werden tausende von Arbeitsplätzen abgebaut, damit die Ausschüttungen an die Aktionäre reibungslos weitergehen. Die Belegschaften werden im Produktivitätswettbewerb gegeneinandergehetzt. Die Tarifabschlüsse bringen bereits teilweise Verschlechterungen, auch weil die Kampfkraft nicht ausgereizt wird. Unverschämte Herrschaften stellen öffentlich soziale Errungenschaften in Frage. Die systemnotwendige Profiterzeugung stockt und sucht sich den staatlich garantierten Absatz der Rüstungsindustrie als Ausweg. Die Hunderte von Milliarden für die Rüstung dienen auch als Ersatz für die bisher so einträgliche Arbeitsteilung mit den USA: Die EU dehnte ihren Wirtschaftsraum aus und die NATO sicherte ihn militärisch ab. Diese Arbeitsteilung ist in der Ukraine an ihre Grenze gestoßen, und die USA spielen künftig nicht mehr mit. Als nächstes steht Georgien auf dem Speiseplan, und nun muss die EU Russland allein unter Druck setzen und selbst Regimechanges organisieren. Die Zeche für die Milliardenkredite wird der Arbeiterklasse aufgebürdet, und sie ist es auch, die bei der mutwillig herbeigeführten Kriegsgefahr später wird Köpfe und Körper hinhalten müssen. Und die ganze Gesellschaft wird mit dem Märchen von der russischen Bedrohung ideologisch und materiell auf den Krieg vorbereitet, so wie es vor dem Ersten Weltkrieg der Fall war.

Noch ist es nicht so weit, dass die VW-Belegschaften streiken und geschlossen die Fordwerke besuchen, oder die Werke von Opel, Daimler, BMW und Audi. Noch nehmen die Beschäftigten aller Branchen den massenhaften Stellenabbau und die gleichzeitige Ausschüttung märchenhafter Dividenden an die oberen Zehntausend hin. Noch wird Arbeit in der Rüstungsindustrie, der Tanz auf der Bombe, als sicherer Hafen gesehen. Aber das geht nicht ewig so weiter.

Welche Art politischer Organisation braucht die Arbeiterklasse in einer solchen Situation? Halbgare reformistische Parolen wie „Preise runter“, „sozialer Wohnungsbau“, „Besteuerung der Reichen“ etc. können erste Mobilisierungen einleiten, werden aber nicht mehr ernst genommen, weil sie im Rahmen der Marktwirtschaft verbleiben, weil sie nur in – unrealistischen – Koalitionen umsetzbar wären und keine Perspektive bieten. Offensichtlich notwendig ist die Orientierung auf Enteignung und Übernahme der Großbetriebe in einen kollektiven Fonds mit gesellschaftlicher Steuerung einer sinnvoller Produktion durch die Belegschaften, damit wieder Massen eine Perspektive sehen, für die es sich einzusetzen lohnt. So kann eine wachsende Bewegung sich eine neue sozialistische Klassenpartei schaffen. Das geschieht nicht im Parlament, und dazu werden nur Teile der Linkspartei einen Beitrag leisten können – und das auch nur unter dem außerparlamentarischen Druck einer erstarkenden Arbeiterbewegung.

Wenn man aber sieht, wie die LINKE jetzt wieder hineinschliddert in die Sucht, von parlamentarischen Partnern ernstgenommen zu werden, und in künftige Koalitionen kriechen möchte, kann man zweifeln, ob die Partei einen nützlichen Beitrag wird leisten können. Zudem ist die Anpassung an die Gedanken der Herrschenden und deren Weiterverbreitung weit fortgeschritten, sei es im Israelfetischismus, der sich in Repression gegen palästinasolidarische Parteimitglieder äußert, sei es im unangefochtenen Wirken von Mitgliedern, die die Ausdehnung des westeuropäischen, des deutschen Imperialismus für „Freiheit“ halten und den Waffenlieferungen an die ukrainischen Nationalisten das Wort reden. Man möchte vor der noblen Welt nicht als Paria dastehen, und so werden hier Positionen des Klassengegners bezogen – die Erkenntnis „der Hauptfeind steht im eigenen Land“ ist Lichtjahre entfernt.
Erst eine erstarkende Arbeiterbewegung wird somit der Prüfstein sein, ob Teile der Linkspartei sich entwickeln können und für die kollektive Kraftentfaltung zu gebrauchen – oder eher hinderlich sind.

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