Lieferdienste: Wer streikt, kriegt Prügel

Nach RBB-Recherche: Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) prüft Direkt­anstellungs­gebot für Lieferdienste

Von Christian Lelek

Seitdem die sich als liberal verstehende politische Mitte verstärkt autoritäre Diskusrse munitioniert, deren Botschaften immer weniger von denen der extremen Rechten zu unterscheiden sind, und dieser damit bisher unbekante politische Popularität beschert, ist auch das Feld des herrschaftskritischen Journalismus auf dem Rückzug. Ein rühmenswertes Gegenbeispiel ist die am gestrigen Abend ausgestrahlte Reportage des rbb über das kriminelle und menschenfeindliche Milieu, das sich in den Lieferdiensten ausbreitet und dessen Profiteure ganz oben auf der sozialen Leiter stehen. Diesen Beitrag sollte man sich nicht entgehen laassen. (Jochen Gester)

Bild: Screenshot ARD-Mediathek

Barauszahlungen, Verstöße gegen den Mindestlohn, Kündigungsdrohungen und Strohmänner als Geschäftsführer: Eine RBB-Recherche dokumentiert neue Fälle von Rechtsverstößen in der Branche der Essenskuriere. Im Mittelpunkt stehen die Subunternehmen, über die Unternehmen wie Wolt, Uber Eats und Lieferando ihre Kuriere beschäftigen.

Die beiden Journalisten Jan Wiese und Fabian Grieger begleiten mehrere Beschäftigte mit der Kamera. Etwa als sich ein Fahrer bei einem neu gegründeten Subunternehmen, einem sogenannten Flottenpartner von Uber Eats, bewirbt. Wie mehr als 80 Fahrer*innen vor ihm soll er 500 Euro bezahlen. »Wir müssen hier deinen Arbeitsvertrag machen und da alles eintragen, deine Sozialversicherungsnummer, deine Krankenversicherung und das alles«, soll ein Mitarbeiter laut Gedächtnisprotokoll des Fahrers die Zahlungsaufforderung erklärt haben.

Ein weiterer Fahrer für ein anderes Subunternehmen soll zur Täuschung der Behörden lediglich einen Teilzeitvertrag bekommen haben. Die darüber hinausgehende Arbeitszeit sei zur Umgehung von Abgaben bar vergütet worden. Bei der Geldübergabe wird der Fahrer von der mutmaßlichen Chefin darauf hingewiesen, den Geldumschlag zu verstecken. Sie droht mit Kündigung für den Fall, dass der Fahrer nicht härter arbeiten sollte. Nach Abzügen errechnet der RBB einen Stundenlohn von 7,01 Euro für den Fahrer. Uber Eats erklärt, die Zusammenarbeit mit dem betroffenen Unternehmen eingestellt zu haben.

»Zeigt mir die Gesichter der Fahrer. Wenn sie nicht wissen, was Mafia ist, zeigen wir ihnen, was Mafia ist.« Chef eines Subunternehmens von Uber Eats

Für einen bereits mehrfach vor Gericht verhandelten Fall haben sich die Journalisten auf die Suche nach einem Geschäftsführer eines Subunternehmens von Wolt begeben. Gefunden haben sie ihn im polnischen Poznań. Der in einer Kleingartenanlage lebende Mann weiß nichts von seiner vermeintlichen Geschäftsführungstätigkeit. Auch an die Unterschrift auf dem zwischen ihm und den damaligen Geschäftsführern von Wolt geschlossenen Vertrag kann er sich nicht erinnern. Der RBB geht davon aus, dass der Mann ohne sein Wissen als Geschäftsführer eingesetzt wurde, um die wahren Verantwortlichen zu verschleiern.

Um gegen die widrigen und zum Teil illegalen Arbeitsbedingungen zu protestieren, in die viele Beschäftigte vor allem aus Südostasien gezwungen werden, stellten einige von ihnen im vergangenen Frühling ihre Arbeit für Uber Eats ein. 700 Fahrer*innen sollen zwei Tage lang irregulär gestreikt haben. Neben angedrohten Kündigungen soll es laut der RBB-Dokumentation dabei auch zu Übergriffen von Betreibern von Subunternehmen auf streikende Fahrer gekommen sein. »Zeigt mir die Gesichter der Fahrer. Wenn sie nicht wissen, was Mafia ist, zeigen wir ihnen, was Mafia ist«, heißt es in einer Sprachnachricht. Später sollen mehrere Chefs von Flottenpartnern protestierende Fahrer verletzt haben. Ein Fahrer berichtet, dass er am Tag nach dem Streik keinen Zugang mehr zu seinem Account der Uber-Eats-App hatte.

Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) kündigte an, angesichts anhaltender Arbeitsrechtsverstöße ein Direktanstellungsgebot in der Branche zu prüfen. Zuvor hatte die Konferenz der Landesarbeits- und Sozialminister*innen ein solches Verbot von Subunternehmen gefordert. Den entsprechenden Antrag hatte die ebenfalls SPD-geführte Berliner Senatsverwaltung für Arbeit eingebracht.

Bas erklärte nun, es sei nicht tragbar, wenn digitale Plattformen keine Verantwortung für die Menschen übernähmen, aufgrund deren Ausbeutung sie enorme Profite erwirtschaften würden. Deshalb prüfe das Ministerium ein Gesetz zur verpflichtenden Direktanstellung – »und ich bin schon dafür«, sagte Bas, »dass wir es rechtlich hinbekommen, aber es ist nicht ganz einfach«.

Die Dokumentation »Ausgeliefert! Das Geschäft mit den Kurierfahrern« von Fabian Grieger und Jan Wiese kann über die ARD-Mediathek kostenlos gestreamt werden.

Erstveröffentlicht im nd v. 2.12. 2025
Wer streikt, kriegt Prügel
Wir danken für das Publikationsrecht.

Hier ist der rbb-Beitrag:
Ausgeliefert!

Kein Raum für Faschismus – Nicht heute, nicht morgen, nie wieder!

Warum die Proteste gegen die Gründung einer neuen AFD-Jugendorganisation Hoffnung machen

Die massiven Proteste in Gießen am 29.11.25 mit über 25.000 Demonstrierenden, die sich aus dem gesamten Bundesgebiet in der Stadt zusammengefunden haben sowie die zeitgleich stattfindende Gegendemonstration mit rund 1.200 Protestierenden in Berlin (1) hatten eines gemeinsam: den entschlossenen Widerstand gegen die Organisation rechtsextremer und faschistischer Strukturen. Das Engagement und der Mut dieser Menschen ist überwältigend und macht Hoffnung. Denn es geht um nicht weniger als um die Verteidigung der Demokratie in diesem Land.

Warum der Widerstand so wichtig ist!

Man muss nur kurz in die Redebeiträge der Mitglieder der „Generation Deutschland“ an ihrem Gründungstag reinhorchen. Wenn ausschließlich von millionenfacher Remigration die Rede ist, die nötig sei um „unsere Frauen und Kinder zu schützen“ (2), von der „nationale(n) Pflicht, die deutsche Kultur vor Fremdeinflüssen zu schützen“, die im Hitler-Stil dargeboten wird (3) …. dann ist klar: in der ideologischen Blase dieser jungen Rechtsextremisten ist nur Platz für einige Wenige und die Liste der auszugrenzenden Bevölkerungsgruppen lang. Diese als junge Kaderschmiede für die AFD bezeichnete Organisation ist weder gemäßigt noch bürgerlich, auch wenn sie versucht sich so zu inszenieren. Sie ist durch und durch von rechtsextremer und faschistischer Ideologie und einem verfassungs- und menschenfeindlichen Weltbild geprägt. Diese Redebeiträge zeigen deutlich, was auf dem Spiel steht, wenn wir uns nicht widersetzen: fundamentale Menschenrechte, die jahrhundertelang durch die Zivilgesellschaft erkämpft wurden sowie das demokratische Zusammenleben unserer Gesellschaft. Sie stehen unter massivem Angriff durch die extreme Rechte. Noch gefährlicher ist aber die Komplizenschaft der politischen Mitte, die bereits in ihrer Rhetorik, vor allem aber auch im politischen Agieren zeigt, dass sie längst scharf nach rechts abgebogen ist.

Diffamierung statt Differenzierung

Statt das Engagement der Demonstrierenden, sich gegen den Faschismus zu stellen, zumindest anzuerkennen, zumal die Vorgängerorganisation bereits als gesichert rechtsextrem eingestuft und aufgelöst wurde, kommt von den Regierenden nur Kritik, die sich ausschließlich gegen die Demonstrant:innen richtet. So sagte der Ministerpräsident Hessens Boris Rhein „Die Gewaltmärsche von Gießen waren ein linker Tiefpunkt“ (4). Hessens Innenminister Roman Poseck behauptete in einem Interview mit der WELT „Ich danke den Polizisten für ihren wirklich aufopferungsvollen Einsatz (…) wenn die Polizei nicht so stark aufgetreten wäre (…) wäre es zu schwersten Gewalt- und Straftaten und zu erheblichen Beeinträchtigungen von Leib und Leben gekommen.“ (5). Verkehrte Welt könnte man bei diesen überspitzten Kommentaren also meinen. Obwohl die Verbindungen der „Generation Deutschland“ zu rechtsextremen Netzwerken offenkundig sind, wird ihr Versammlungsrecht energisch verteidigt, der Protest dagegen jedoch kritisiert und die Polizeigewalt verharmlost. Unterschlagen wird zudem, dass ziviler Ungehorsam in Form von Blockaden juristisch legitimierte demokratische Widerstandsformen sind und nich pauschal zu Straftaten erklärt werden können. Keine Differenzierung, keine gleichberechtigte Gegenüberstellung. Nur Spaltung und Diffamierung des antifaschistischen Protests. Allenfalls kleinlaut wird überhaupt erwähnt, dass es sich in Gießen zu einem überaus großen Teil um eine friedliche Demonstration handelte; und eben nicht um eine im Kern gewaltbereite Meute. Fast könnte man meinen, Einschüchterung von nicht weniger als der Mitte der Gesellschaft sei hier das Ziel. Es zeigt offenbar auch Wirkung. Von vielen Menschen hörte ich, sie hätten Angst sich der Demonstration anzuschließen, da sie sich vor gewalttätigen Ausschreitungen fürchten. Das Bild einer krawallgebürsteten Kampfeinheit namens „Antifa“ ist perfekt in den Köpfen verbaut. Aufgrund tendenziöser Berichterstattung und der permanenten Gleichsetzung von links und rechts – obwohl beide grundverschieden sind – wird oft verkannt, dass links die Demokratie erweitern möchte, während rechts darauf abzielt, sie zu schwächen oder abzuschaffen. Ebenso verzerrend wird die Antifa als eine Art linksextremistisch geprägte Organisation dargestellt. Dabei existiert eine Institution oder Organisation namens „Antifa“ nicht, sondern eine Vielzahl von Gruppen, die „in Zweck und Ausrichtung ihrer Aktionen nicht homogen sind.“ (6) Umso wünschenswerter wäre eine Berichterstattung und Kommentierung, die das berücksichtigt, anstatt dem berechtigtem Anliegen einer Vielzahl von Menschen mit Ignoranz und Ablehnung zu begegnen.

Nie wieder ist jetzt! Warum es jetzt auf die Zivilgesellschaft ankommt.

Trotz all der Diffamierung zeigte der Protest vor allem, dass es eine sehr große Mehrheit gibt, die sich laut gegen einen erstarkenden Faschismus in Deutschland ausspricht und den Mut hat den rechten Kräften entgegen zu treten. Er zeigte, dass die Menschen in einer demokratischen, solidarischen und friedlichen Welt leben möchten und dieser Wunsch alle, die nach Gießen kamen verbindet. Und auch die Zahlen sprechen für sich: lediglich ca. 1000 AFD-Mitglieder waren im Vergleich zu zehntausenden Demonstrierenden in Gießen versammelt. Das macht Hoffnung. Und dennoch bleibt es erst der Anfang. Denn er zeigte auch deutlich, auf wessen Seite sich Regierungsverantwortliche und Behörden stellen, wenn es drauf ankommt. Die berühmte KZ-Überlebende Esther Bejarano mahnte einst: „Wer gegen Nazis kämpft, der kann sich auf den Staat nicht verlassen.“ (7) Es kommt also auf uns alle im Kampf gegen den Faschismus an. Gießen hat eben auch gezeigt: wir müssen uns weiter widersetzen; gegen die AFD und die reale Gefahr einer Regierungsbeteiligung, gegen die erstarkende Rechte weltweit und gegen eine Politik, die die Brandmauer längst eingerissen hat. Die Geschichte hat gezeigt, dass es für den Protest irgendwann zu spät sein kann. Daher müssen wir uns Jetzt verbinden, uns gegenseitig stärken und uns gemeinsam widersetzen. Jede/r kann einen Beitrag leisten. Ob auf der Straße, als Unterstützer:innen der antifaschistischen Aktionsbündnisse und deren Organisationen, im Gespräch mit Freunden und Familien oder in Diskussionsforen, als Spender:innen und ehrenamtlich Helfende. Ob in Schulen, Institutionen und Betrieben. Gießen hat mir eines gezeigt: ich bin nicht allein. Zehntausende Menschen sind für den Erhalt der Demokratie und eine lebenswerte Zukunft! Wir sind VIELE! Und das macht ungemein Mut. Mut weiterzumachen und dagegen zu halten. Mit vereinten Kräften.

(1) https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2025/11/polizisten-rechtsextreme-demo-einsatz-neonazis-berlin-mitte-gegner-demonstranten.html

(2) https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/afd-parteijugend-100.html

(3) https://www.focus.de/politik/deutschland/fuchtelnder-zeigefinger-und-hitler-ton-hohm-reagiert-auf-skurrile-rede-bei-afd-jugendkongress_9191e59d-05ee-4adc-867e-6264ca257423.html

(4) https://www.tagesschau.de/inland/regional/hessen/demo-giessen-polizeieinsatz-100.html

(5) https://www.welt.de/politik/deutschland/video692d707feb716dafb494b7e8/proteste-gegen-afd-jugend-in-giessen-massive-gewaltausbrueche-seitens-der-linksextremen-szene.html

(6) https://www.verfassungsschutz.de/SharedDocs/hintergruende/DE/linksextremismus/die-antifa-antifaschistischer-kampf-im-linksextremismus.html

(7) https://www.erinnerungskultur-viersen.de/demokratie-und-demokratiebewusstsein

Zum Aktionsbündnis Widersetzen: https://widersetzen.com/

SIPRI-Bericht: Weltweite Rüstungsumsätze erreichen neuen Rekordstand

Die Welt investiert in Zerstörung statt in eine lebenswerte Zukunft für uns alle. Der neue SIPRI Report zeigt: Die Steigerungsraten für Krieg und Militär sind gewaltig und schaukeln sich durch einen Kurs der Konfrontation immer weiter hoch. Es ist ein Bombengeschäft für wenige. Jeder Euro mehr für den Tod ist ein Euro weniger für das Leben aller anderen. Das sollten wir bis in jeden Tarifkampf hinein beherzigen! (Peter Vlatten)

Pressenza Wien, 2.12.2025

Die globale Rüstungsindustrie hat im Jahr 2024 so viel verdient wie noch nie. Laut neuen Daten des Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) stiegen die Umsätze der 100 größten Waffen- und Militärdienstleistungsunternehmen auf 679 Milliarden US-Dollar – ein Zuwachs von 5,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Verantwortlich für diese Entwicklung sind vor allem die anhaltenden Kriege in der Ukraine und im Gazastreifen, geopolitische Spannungen und stetig steigende Militärhaushalte.

Erstmals seit 2018 konnten alle fünf größten Rüstungsunternehmen ihre Einnahmen steigern. Insgesamt nahm die Branche in nahezu allen Weltregionen Fahrt auf. Einzige Ausnahme war Asien und Ozeanien, wo interne Probleme in der chinesischen Rüstungsindustrie die Entwicklung bremsten. Die übrigen Regionen verzeichneten deutliche Zuwächse, die sich vielerorts in rasch wachsenden Produktionskapazitäten, neuen Tochterfirmen oder Übernahmen widerspiegelten.

USA: Wachstum trotz struktureller Probleme

Mit 334 Milliarden US-Dollar entfällt knapp die Hälfte der globalen Rüstungsumsätze auf die USA. Die meisten der 39 US-Unternehmen in den Top 100 verzeichneten 2024 steigende Einnahmen, darunter Branchengiganten wie Lockheed Martin oder Northrop Grumman. Doch hinter der Dynamik verbirgt sich eine andere Realität: Viele der zentralen Rüstungsprogramme leiden unter erheblichen Verzögerungen und Kostenexplosionen. Der F-35-Kampfjet, das nukleare U-Boot der Columbia-Klasse oder die neue Sentinel-ICBM sind nur einige Beispiele für milliardenschwere Projekte, deren Zeitpläne ins Wanken geraten.

Diese Engpässe, warnt SIPRI-Forscher Xiao Liang, könnten die militärische Planung der USA beeinträchtigen – und ihre Bemühungen erschweren, die enormen Verteidigungsausgaben effizienter zu gestalten.

Europa rüstet auf – und stößt an Grenzen

Auch in Europa hinterlässt Russlands Angriffskrieg deutliche Spuren. Die veränderte Sicherheitslage hat einen neuen, tiefgreifenden Aufrüstungsschub ausgelöst. Die 26 größten Rüstungsunternehmen mit Sitz in Europa steigerten ihre Umsätze im Jahr 2024 um 13 Prozent. Besonders ins Auge fällt die tschechische Czechoslovak Group: Mit einem Umsatzwachstum von 193 Prozent wurde sie zum größten Gewinner der Rangliste – vor allem dank umfangreicher Munitionslieferungen an die Ukraine. Auch das ukrainische Staatsunternehmen JSC Ukrainian Defense Industry verzeichnete ein deutliches Plus.

Doch dieser erneute Aufrüstungskurs selbst wirft Fragen und Sorgen auf. Während Europa seine militärischen Kapazitäten rasch ausbaut, wächst zugleich die Befürchtung, dass sich der Kontinent dauerhaft in eine Rüstungslogik hineinbewegt. Viele Expertinnen und Experten warnen, dass eine solche Entwicklung politische Ressourcen bindet, gesellschaftliche Prioritäten verschiebt und das Risiko weiterer Spannungen erhöht. Gleichzeitig geraten Unternehmen unter Druck, ihre Produktion immer weiter hochzufahren – häufig schneller, als langfristige Strategien und demokratische Debatten es zulassen.

Russland: Binnenmarkt federt Sanktionen ab

Trotz weitreichender Sanktionen und einem Mangel an Fachkräften verbuchten auch Russlands große Rüstungsunternehmen deutliche Zuwächse. Rostec und die United Shipbuilding Corporation steigerten ihre Umsätze um 23 Prozent, getragen vor allem vom eigenen Staat, der massive Mengen an Waffen bestellt. Während die Exporte einbrachen, blieb der Inlandsmarkt so groß, dass die Einnahmen insgesamt stiegen. Dennoch warnt SIPRI, dass der Fachkräftemangel künftig die Modernisierung und Innovationskraft des Sektors beeinträchtigen könnte.

Asien und Ozeanien: China bremst, andere steigen auf

In der Region Asien/Ozeanien zeigte sich ein gemischtes Bild. Während China aufgrund von Korruptionsskandalen, verschobenen Beschaffungen und einem drastischen Einbruch bei NORINCO einen Rückgang von 10 Prozent verzeichnete, legten Japan und Südkorea kräftig zu. In Südkorea stieg etwa der Umsatz des Hanwha-Konzerns um 42 Prozent, insbesondere dank einer wachsenden Nachfrage aus Europa.

Naher Osten: Bedeutender Aufstieg einer neuen Rüstungsregion

Im Nahen Osten meldete SIPRI einen neuen, allerdings höchst fragwürdigen Rekord: Zum ersten Mal schafften es neun Unternehmen aus der Region in die Top 100 der weltweit größten Rüstungsfirmen. Dass ausgerechnet in einer Zeit eskalierender Konflikte so viele Hersteller aus dem Mittleren Osten aufsteigen, wirkt wie ein bedrückendes Sinnbild dafür, wie sehr Kriege und Unsicherheit wirtschaftliche Anreize schaffen.

Besonders die israelischen Rüstungsunternehmen steigerten ihre Umsätze um 16 Prozent – und das, obwohl die internationale Kritik an Israels Kriegführung in Gaza immer lauter wurde. Doch auch türkische und emiratische Firmen profitierten von der wachsenden Nachfrage. Der türkische Rüstungssektor festigte seine Stellung mit insgesamt fünf Unternehmen in den Top 100 – ein weiterer Hinweis darauf, wie lukrativ die anhaltende Militarisierung für die Industrie geworden ist, während die humanitären Folgen in den betroffenen Regionen weiter eskalieren.

Weltweiter Trend: Aufrüstung wird zur Normalität

Auch Länder wie Indien, Deutschland oder Indonesien verzeichnen steigende Umsätze. Und mit SpaceX tritt nun sogar ein Raumfahrtunternehmen in die Top 100 ein – ein Symbol dafür, wie breit und technologiegetrieben moderne Aufrüstung geworden ist.

SIPRI betont, dass dies erst der Anfang einer Datenreihe ist, die bis zum SIPRI Yearbook 2026 führen wird. Doch schon jetzt zeichnet sich ein besorgniserregender Trend ab: Die Welt rüstet auf – schneller und umfassender als in den vergangenen Jahrzehnten.

Hinter all diesen Zahlen stehen jedoch nicht nur Unternehmen, Staaten und Militärstrategien, sondern vor allem Menschen. Menschen, die in Konflikten leben müssen. Menschen, die ihre Heimat verlieren. Menschen, die hoffen, dass Regierungen Wege finden, Konflikte anders zu lösen als durch Waffen.

Der neue SIPRI-Bericht ist daher mehr als eine wirtschaftliche Analyse. Er ist ein Spiegel dafür, wie weit sich die Welt von nachhaltigem Frieden entfernt hat – und wie dringend ein Umdenken wäre.

Der Beitrag ist zuerst erschienen bei Pressenza am 2.12.2025. Wir danken für das Publkationsrecht.

Quellen:

SIPRI Top 100 arms producers see combined revenues surge as states rush to modernize and expand arsenals

Sipri Jahrbuch

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