»Faschisierung, aber kein Faschismus«

Taniev* von der Arbeiterfront der Ukraine über Soldatenrechte, Gewerkschaftsarbeit und die Unmöglichkeit von Frieden im Kapitalismus

In diesem Interview des nd hat Taniev von der RFU nochmal ausführlich Gelegenheit die Position konsequenter Antimilitarist:innen in der Ukraine zu begründen. Wir freuen uns über diese Wahl der nd-Redaktion. Auch wir hatten bereits mehrmals über die RFU berichtet.

https://gewerkschaftliche-linke-berlin.de/ukraine-muessen-wir-den-krieg-gewinnen/

https://gewerkschaftliche-linke-berlin.de/wir-muessen-handeln/

Wie reflektiert dieser jugendliche Neo-Bolschewismus ist, wird sich noch zeigen. Auf jeden Fall rebellieren die jungen Genoss:innen gegen ihre Vereinahmung durch die Kriegslegenden ihrer Obrigkeit und suchen nach grenzüberschreitender proletarischer Solidarität. (Jochen Gester)

Interview: Alieren Renkliöz

Taniev, Sie sind Mitglied der Arbeiterfront der Ukraine (RFU). Was ist das für eine Organisation?

Wir verfolgen eine marxistisch-leninistische Linie, wir wollen Revolution und Sozialismus. Wir veröffentlichen nicht nur linke Thesen, sondern helfen mit unserer Rechtsabteilung bei Fragen zum Arbeits- und Soldatenrecht. Wir arbeiten mit Juristen und Studenten und sind ständig dabei, Weiterbildungskurse anzubieten, um besser Hilfe leisten zu können. Als Organisation haben wir uns 2019 gegründet. Die Rechtsberatung für Soldaten gibt es erst seit Kriegsbeginn. Für uns ist in erster Linie relevant, die Rechte und Interessen der Mehrheit des ukrainischen Volkes zu vertreten. Das sind die Leute, die arbeiten. Zu Anfang des Krieges hatten wir auf Telegram um die 2000 Leser, jetzt sind es 7000.

Die Arbeiterfront kooperiert auch mit Organisationen in Deutschland. Warum?

Wir vernetzen uns mit deutschen Organisationen, weil es viele Ukrainer in Deutschland gibt, mit denen wir arbeiten wollen. Wir wollen zeigen, dass nicht alle 40 Millionen Ukrainer und auch die eine Million, die in Deutschland lebt, für den Krieg sind. Es gibt andere Positionen, die insbesondere für die Menschen relevant sind, die in den Frontgebieten leben. Wir waren bei Rheinmetall entwaffnen zu einer Diskussion in Berlin eingeladen und sind mit lokalen Gruppen auf Demos gegangen. Im Westen kommen vor allem Stimmen zu Wort, die den Krieg fortführen wollen. Es gibt eine gewisse Nachfrage nach Sozialchauvinisten aus der Ukraine. Kritisch beobachten wir in diesem Kontext die Arbeit von Linken, die Waffenlieferungen legitimieren.

Wie ist es, Marxist in der Ukraine zu sein?

Man muss sich verstecken, denn Kommunismus und alles, was damit verbunden ist, ist verboten. Selbst Ansichten, die nicht verboten sind, die du aber öffentlich äußerst, können deinen Namen und deine Karriere ruinieren. Deswegen arbeiten wir im Untergrund. Das ist wichtig, um alles sagen zu können, was wir sagen wollen. Wir haben eine eigene Website, sind auf Telegram, Tiktok, Instagram und Youtube. Diese Online-Medien benutzen wir für die Agitation der Menschen. Und eben dort bewerben wir auch, dass Menschen, die Arbeitsrechtsprobleme haben, uns anschreiben können. Dann können wir sie unterstützen.

Auf welche Weise unterstützt Ihre Organisation ukrainische Soldaten?

Soldaten stehen viele Rechte zu, zum Beispiel wenn sie verwundet werden oder krank sind. Die Regierung leistet diese Verpflichtungen aber nicht in jedem Fall. Dann verfassen wir ein Schreiben für die Leute, damit die Rechte, die ihnen zustehen, auch verwirklicht werden. Häufiges Thema sind finanzielle Gegenleistungen seitens der Regierung. Es wird öfters versucht, nicht die Besoldungsgruppe zu zahlen, in der jemand wirklich ist. Wenn man an der Front ist, bekommt man deutlich mehr als im Hinterland. Dann schummelt der Staat, indem er einen Soldaten nicht schon ab dem 1. Oktober als Frontsoldaten zählt, sondern erst ab dem 15. Oktober, obwohl er seit Anfang des Monats eingesetzt wird. Der Soldat riskiert die zwei Wochen trotzdem sein Leben, wird dafür aber nicht angemessen vergütet. Bei solchen Fragen helfen wir und benutzen diese Möglichkeit auch zur Agitation der Soldaten. Die verteidigen den Staat, riskieren ihr Leben, aber werden ja irgendwie veräppelt.

Die ukrainische Regierung will, dass Deutschland Deserteure ausliefert. Haben Sie Fälle von Menschen, die grundsätzlich nicht kämpfen wollen?

Ja, natürlich. Es wollen nur sehr wenige kämpfen, denn der Krieg ist sehr konkret. Allerdings herrscht in der Ukraine Wehrpflicht und die Musterungsprozedur ist vor zwei Monaten aufgeweicht worden. Mittlerweile muss jemand schwerbehindert sein, um nicht zum Kriegsdienst eingezogen werden zu können. Auch als Jurist kannst du da wenig machen. In so einer Situation ist das Beste, was man raten kann, sich zu verstecken. Sobald man diesen Schein bekommen hat, kommt man kaum noch raus.

Wie nehmen Sie den Kampfwillen in der ukrainischen Bevölkerung wahr?

Eigentlich müsste man eine unabhängige Umfrage machen. Macht aber keiner und dann beginnt man irgendetwas auf Gefühlsebene einzuschätzen. Der Kampfwille wird sich, abhängig davon, von welcher Stadt wir reden, sehr stark unterscheiden. Je näher man an die Front kommt, desto weniger Kampfwillen wird man finden. Denn je näher man an die Front kommt, desto öfter wird man bombardiert und desto stärker will man, dass der Krieg zu einem Ende kommt. Wenn man in Kiew sitzt, das weniger stark bombardiert wird und die beste Raketenabwehr hat, ist es einfacher zu sagen: Ja, lass mal weiterkämpfen, weil Patriotismus. Ich denke, die Kampfbereitschaft endet für viele, sobald sie selbst an die Front sollen.

Wie steht es um die Gewerkschaften?

Man darf nicht mehr streiken. Demos sind verboten, der Krankenschutz ist ausgesetzt. Für Gewerkschaften ist das Streiken aber das letzte und stärkste Mittel. Egal wie groß und unabhängig du bist, du kannst nicht mehr mit einem Streik drohen. Der Arbeitgeber kann jetzt ohne Mitspracherecht der Gewerkschaften Wochenendarbeit einführen. Früher musste man bei einer Nachtschicht nur sieben Stunden arbeiten und bekam den Lohn für acht. Jetzt muss man die volle Zeit arbeiten. Bei diesen Fragen kann man die Arbeiter nicht verteidigen, weil sie diese Rechte schlicht nicht mehr haben. Weil die Arbeiter nach dem ersten Krankheitstag schon gekündigt werden können, gibt es nicht einmal die Möglichkeit, eine passive Art des Streiks zu praktizieren. Die gewerkschaftliche Arbeit ist komplett lahmgelegt.

Ist der ukrainische Staat mächtig genug, um starke Repressionen auszuüben?

Auf jeden Fall. Infolge des Krieges hat der Staat enorme Macht akkumuliert. In der Ukraine finden politische Säuberungen statt. Der berühmteste Fall sind die Kononowitsch-Brüder, die in der Ukraine als Kommunisten unter Repression leiden. Die ganze kommunistische Partei der Ukraine ist verboten, manche Menschen wurden sogar getötet. Der ukrainische Staat ist sehr effektiv mit seinen Repression. Selbst die bourgeoise Opposition ist mittlerweile komplett verboten. Es hatte mit der Verfolgung prorussischer Organisationen angefangen, mittlerweile aber gilt fast jeder, der nicht für Präsident Selenskyj ist, als prorussisch und wird verfolgt.

Verglichen mit dem repressiven System Russlands, ist es da nicht besser, eine schlechte Demokratie wie die Ukraine zu verteidigen, um anschließend auf dieser Basis zu arbeiten?

Wenn wir jetzt versuchen rauszufinden, wer progressiver ist, die Ukraine oder Russland, dann landen wir bei der Problematik der Zweiten Internationale: »Lass mal unseren Bourgeois unterstützen, nachdem unser Bourgeois gewonnen hat, können wir was aufbauen.« Das ist genau der Konflikt zwischen Lenin und der Zweiten Internationale. Wir stehen in dieser Frage auf der Seite von Lenin. Beide Staaten sind kapitalistisch.

Wie viel Wahrheit liegt in der Behauptung der russischen Regierung, sie würde in der Ukraine den Faschismus bekämpfen?

Wir als RFU sehen natürlich die negativen Entwicklungen in der Ukraine, aber sie rechtfertigen in keinem Fall einen Invasionskrieg. In der Ukraine gibt es eine Faschisierung, aber eben keinen Faschismus. Das Gleiche sehen wir auch in Russland und vielen anderen europäischen Ländern. Allein die Tatsache, dass der Staat repressiver geworden ist oder nationalistische Gedanken sich im Alltag immer weiter ausbreiten, machen das Land noch nicht zum faschistischen Land. Es ist ein Weg dahin, aber die Regierung nutzt, obwohl es viele Nationalisten gibt, die das tragen würden, ihr Unterdrückungspotenzial nicht vollends aus.

Welche Perspektiven für das Ende des Krieges sehen Sie?

Friedensverhandlungen sind ein Weg. Doch auch mit solchen Verhandlungen wird es keinen langfristigen Frieden geben, denn die nationalistischen Gefühle und der Hass nach außen würden bleiben. Es würde ständig Grenzkonflikte geben, die dann zum nächsten Krieg führen würden. Menschenopfer müssen jetzt gestoppt werden, aber bei unserer Arbeit für den Frieden behalten wir im Hinterkopf, dass sich im Kapitalismus Kriege wiederholen werden – und zwar immer stärker.

Die Ukraine wird angegriffen und verteidigt sich. Kann man jemandem, der sich verteidigt, sagen: Hör auf zu kämpfen?

Wessen Interessen werden denn verteidigt? Man spielt hier die Karte, dass die Integrität der Grenzen im Interesse eines normalen Bürgers der Ukraine wäre. Aber was bekommt der durchschnittliche Bürger der Ukraine davon, ob die Grenze hundert Kilometer östlicher oder westlicher liegt? Für ihn gibt es davon nichts, weil das Land und die Ressourcen, die sich dort befinden, den Oligarchen gehören. Deren Interessen stehen in Gefahr, nicht die Interessen des Proletariers, der sich kaum noch das Essen leisten kann. Er wird in den Tod geschickt, um die Interessen der 0,1 Prozent zu verteidigen. Das gilt auch für die Russen. Was haben die denn davon gewonnen, wenn ein russischer Oligarch im Donbass Kohle, Gas oder Öl ausbeuten darf? Dadurch lebt der russische Arbeiter nicht besser. Das Größte, was er davon bekommt, ist ein kurzfristiger Dopaminschuss, wenn er auf der Karte feststellt, wie groß sein Land ist.

Was antworten Sie Linken, die Waffenlieferungen befürworten?

Dass sie die Waffen an die RFU liefern sollten (lacht). Waffenlieferungen an einen kapitalistischen Staat führen nur zu weiterem Krieg. Hier werden keine nationalen Interessen verteidigt, sondern die Interessen des nationalen Kapitals – das ist ein großer Unterschied. Man verteidigt damit nicht die Menschen, die in der Ukraine leben, sondern das Kapital. Wer Waffenlieferungen befürwortet, macht sich mitschuldig an den Toten auf beiden Seiten.

Aus Angst vor Repressionen durch den ukrainischen Staat verwendet der Interviewte ein Pseudonym. Der richtige Name ist dem Interviewer bekannt.

Die 2019 gegründete Arbeiterfront der Ukraine (RFU) versteht sich als Organisation ukrainischer Marxisten. Die RFU will marxistische Ideen verbreiten und Kader für eine zukünftige Arbeiterpartei ausbilden. In sozialen Medien und in Arbeitskreisen klärt sie nach Eigenaussage über soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit auf. Seit der russischen Invasion kümmert sich die RFU auch um die Rechte der Soldaten, die an der Front kämpfen.

Erstveröffentlicht im nd v. 13. 10. 2023
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1176972.ukraine-faschisierung-aber-kein-faschismus.html?sstr=Faschisierung

Wir danken für das Abdruckrecht.

Die Gelegenheit: Wie gerade jetzt der Kreislauf der Gewalt durchbrochen werden könnte

Bild: You Tube Video. Screenshot

Von Hans-Peter Waldrich

Es scheint, als würden durch eine Zertrümmerung des Gazastreifens genau jene Dispositionen erneut erzeugt, die zu den blutigen Gemetzeln in Israel geführt haben. Doch es gäbe einen Ausweg.

Im sozialen Leben gibt es keine Naturgesetze. Gleichwohl können kollektive Verhaltensweisen nahezu als eine Physik des menschlichen Zusammenlebens betrachtet werden. Demütigt eine Gruppe systematisch eine andere, so wissen wir mit an absoluter Sicherheit grenzender Gewissheit: die gedemütigte Gruppe wird, sobald ihr das möglich ist, in gleicher Weise zurückschlagen. Man nennt es den Kreislauf oder die Spirale der Gewalt. In diesem Kreislauf befindet sich Israel im Konflikt mit den Palästinensern seit seiner Gründung 1948. Arabische Staaten wollten das Problem sofort mit Gewalt lösen, israelische Gegengewalt führt damals zur Vertreibung von 700 000 Arabern aus ihrer Heimat.[i]

Israel hat sich seit seiner Gründung in diesem Kreislauf verfangen. Dabei stellt sich kaum die Frage, wer angefangen hat. Ist dieser Gewaltkreislauf erst einmal etabliert, folgt er einer eisernen Regel: Auge um Auge, Zahn um Zahn – Zahn um Zahn, Auge um Auge. Zwar stammt diese Metapher aus dem jüdischen Alten Testament, aber sie entspricht nicht der Tradition des aufgeklärten modernen Judentums. Der Staat Israel entstand nicht aus dieser Tradition.

Mensch, du bist mein Bruder!

Rolf Verleger, ehemaliges Mitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland, schrieb 2010: „Anstatt gemäß der jüdischen Tradition Frieden, Gerechtigkeit und Verständigung anzustreben, treibt Israel von einem Gewaltexzess zum nächsten.“[ii] Zur Zeit ist das schon wieder so. Unfassbare Gewalt wird von Seiten Israels mit unfassbarer Gewalt beantwortet. Dabei beruht der Grundgedanke des „Judenstaates“ auf einer ganz anderen Philosophie. Theodor Herzl, der die Idee des Judenstaates in die Welt brachte, war gerade kein Anhänger des Kreislaufs der Gewalt.[iii] Er propagierte nicht die Verdrängung der arabischen Bewohner Palästinas, sondern forderte vielmehr ihre Gleichberechtigung in einem multikulturellen Gemeinwesen. Herzl: „Es gibt nur einen Weg dafür: Die größtmögliche Toleranz. Unser Motto muss daher sein, jetzt und immerdar: Mensch, Du bist mein Bruder.“[iv] In diesem Sinn sollte der Judenstaat der Welt ein Vorbild sein, ein Staat, in dem Menschen jeglicher Herkunft und aller Religionen friedlich zusammenleben – selbstverständlich ein demokratischer Staat, kein Herrschaftssystem einer ethnischen Elite.

Weil die Gesetzmäßigkeiten der Unmenschlichkeit fast so ehern sind wie die Gesetze der Physik, werden wir nun das Gegenteil dessen erleben, was einst die Ausgangsidee des Zionismus war. Hatte die Traumatisierung derer, die im Freiluftgefängnis von Gaza geschunden werden, letztlich jene terroristische Grausamkeit bewirkt, die wir kürzlich erlebten, so wird der Gegenschlag nun genau den blutigen Boden düngen, aus dem diese Grausamkeit erwuchs. Noch mehr Grausamkeit wird daraus entstehen. Und – diesen Gedanken sollte man zulassen –: Es ist vielleicht eine Frage der Zeit, bis Israel nach diesem Rezept vom Erdboden verschwindet. Denn die internationalen Machtverhältnisse, die Israel stützen, werden nicht auf Ewigkeit so bleiben. Gelten kollektive soziale Regelmäßigkeiten oft fast so verbindlich wie Gesetze der Physik, so gibt es also keinen Ausweg.

Der Ausweg

Aber die sozialen Regelmäßigkeiten sind Gesetzmäßigkeiten mit Einschränkung. Der Unterschied zu den Fallgesetzen: Diese folgen der Schwerkraft, menschliches Handeln in Abwandlung sehr oft ebenfalls, aber – und das ist das Überraschende: keineswegs immer. Was könnte im gegenwärtigen Konflikt grundsätzlich anders laufen? Regel eins im konkreten Fall: Überzeugt Abschied nehmen vom Weg der Gewalt! Nicht tun wie in Stein gemeißelt, was man immer schon tat.  Nicht dem bedingten Reflex folgen, der da lautet: greift dich jemand an, dann greife ihn ebenfalls an. Und nicht blind und taub das Übel hochkochen und verschlimmern, sondern konsequent die Laufrichtung ändern. Israel könnte jetzt völlig anders handeln, als es seiner Gewohnheit entspricht. Es könnte!

Was also tun? „Halt!“ könnte das zur Zeit militärisch überlegene Israel rufen. Wir werden jetzt nicht zum soundsovielten Mal eine Zivilbevölkerung malträtieren. Wir werden nicht erneut jene ohnmächtige Wut auslösen, die uns abermals Terroristen schickt. Und wir fordern auf, jetzt, gerade jetzt, den großen Schritt in die Gegenrichtung zu tun. Präsident Biden, Bundeskanzler Scholz, Herr Sunak! Unterstützen sie uns bitte jetzt! Jetzt, genau jetzt, wollen wir im großen Maßstab wirklich verhandeln. Noch sind wir überlegen, und wir könnten flächendeckend zum Töten übergehen. Aber halt! Gerade das wollen wir jetzt nicht tun! Unser Vorschlag: Schluss mit der Apartheid in Israel und den besetzten Gebieten. Allen Bürgerinnen und Bürgern Israels und seiner Gebiete wollen wir gleiche Rechte einräumen. Schluss mit der „Ethnokratie“ (Shlomo Sand), in der Menschen, die sich Juden nennen, über fast alles bestimmen und der Rest nach unserer Pfeife zu tanzen hat. Eine ganz normale Bürgerdemokratie wollen wir werden. Was wir bieten ist unser Verzicht auf eine Zertrümmerung des Gazastreifens. Doch für solche Verhandlungen brauchen wir euren Beistand, internationale Unterstützung.

Stärke und Großmut

Eine solche Wendung könnte wirken. Etwas zu unterlassen, was geschehen könnte, weil man die Mittel dazu besitzt (den Gegenschlag), ist ein gutes Faustpfand. Großmut im Rahmen einer solchen Machtkonstellation wirkt besser als aus einer Position der Schwäche. Noch ist Israel militärisch gut gerüstet, unterstützend tauchen Kriegsschiffe an seiner Küste auf. Noch sind Zweifel an der Macht Israels unberechtigt. Wird es aber auf ewig so bleiben? Kann der Judenstaat endlos auf Macht und Gewalt gegründet werden? Kann er überhaupt ewig ein „Judenstaat“ sein, auch wenn von so genannten Juden längst angezweifelt wird, dass „Jude“ überhaupt eine gesicherte Identität ist?[v] Die Zweistaatenlösung ist durch die Siedlungspolitik verspielt. Der auf staatsbürgerlicher Gleichheit beruhenden Bürgerstaat kann aber immer noch verwirklicht werden. Weshalb nicht die große Krise in dieser Hinsicht nutzen? Gefährliche Krisen bergen auch große Chancen. Doch diese müssen gesehen und ergriffen werden.

[i]Bernhard Wasserstein, Israel und Palästina, Warum kämpfen sie und wie können sie aufhören? 2. Aufl. München 2009,  S. 155.
[ii]Rolf Verleger, Israels Irrweg, Eine jüdische Sicht, 3. Aufl. Köln 2010, S. 117.
[iii]Theodor Herzl, Der Judenstaat, Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage, Leipzig, Wien 1896 und: Ders.: Altneuland, Leipzig 1902, Neuauflage: Berlin 2023.
[iv]Zit. nach Verleger a. a. O. S. 51.
[v]Shlomo Sand, Die Erfindung des jüdischen Volkes, Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand, 4. Aufl. Berlin 2012.

Erstveröffentlicht im overton Magazin
https://overton-magazin.de/kommentar/politik-kommentar/die-gelegenheit-wie-gerade-jetzt-der-kreislauf-der-gewalt-durchbrochen-werden-koennte/

wir danken für das Abdruckrecht.

„Mit amerikanischer und europäischer Unterstützung vernichtet Israel den Gazastreifen.“

Foto: Al Araby, MediaWiki, Gaza, 10. Okober

Von Gideon Levy

Eine Bodeninvasion des Gazastreifens ist eine vorausgesagte Katastrophe.

Israel steht kurz vor einer katastrophalen Bodeninvasion des Gazastreifens – oder wird sie bereits gestartet haben, wenn diese Kolumne erscheint. Die Invasion wird wahrscheinlich in einem Fiasko enden, wie es Israel und Gaza noch nie erlebt haben. Dagegen könnten die Bilder, die in den letzten Tagen aus dem Gazastreifen kamen, wie eine Werbeveranstaltung aussehen. Wir könnten es mit einem Massengemetzel zu tun haben.

Eine große Anzahl israelischer Soldaten wird sinnlos getötet werden. Die Bewohner des Gazastreifens werden eine zweite Nakba erleben, deren erste Anzeichen bereits vor Ort sichtbar sind. Niemand wird aus diesen Gräueltaten als Sieger hervorgehen.

Progressive warnen vor „ethnischer Säuberung“ in Gaza und vertiefen die Kluft zu den etablierten Demokraten. Mit amerikanischer und europäischer Unterstützung vernichtet Israel den Gazastreifen. Es muss an den Tag danach denken.

In Gaza ist es schwer, auf den Beinen zu bleiben, aus Angst, denke ich.

Von Stunde zu Stunde werden die Bilder aus Gaza immer erschreckender. Die israelischen Medien, die in den Kampf verwickelt sind, verraten ihre Rolle und hindern ihr Publikum daran, die Szenen zu sehen. Sie begnügen sich mit endlosen langweiligen Reden von Generälen.

Aber die Tatsache, dass Israel nicht zeigt, was in Gaza passiert, bedeutet nicht, dass sich die Katastrophe dort nicht abspielt. Am Samstag flohen mehr als eine Million Menschen, die Hälfte davon Kinder, um ihr Leben oder blieben in einem selbstmörderischen Akt in ihren zerstörten Häusern.

Ältere Menschen, Frauen, Kinder, Behinderte und Kranke fliehen zu Fuß, auf den Motorhauben von Autos, auf Eseln oder Motorrädern mit nur wenigen Habseligkeiten in Richtung Süden. Die Menschen sind auf dem Weg ins Verderben, und sie wissen es.

Keiner in der riesigen Prozession Richtung Süden glaubt, dass er ein Haus haben wird, in das er zurückkehren kann. Es gibt niemanden, der nicht an die Szenen der Nakba erinnert wird, die die vorherige Generation ihrer Familien vor 75 Jahren durchgemacht hat. Der Gazastreifen glich am Samstag Nagorno-Karabach.

Wohin werden die Palästinenser in Gaza gehen? Wo werden sie sich verstecken? Wo werden sie Zuflucht finden? Im Meer, vielleicht. Es gibt keinen Strom, kein Wasser, keine Medikamente und kein Internet.

Diese Vertreibung ist eine kollektive Massenbestrafung, die ein Omen für das ist, was noch kommen wird. Israel sagt, dass der nördliche Gazastreifen von der Hamas geräumt werden muss, und dann wird es weiter nach Süden ziehen. Zwei Millionen Menschen, oder diejenigen, die noch am Leben sind, werden dann aufgefordert, zurück in den Norden zu fliehen, um den Süden zu säubern.

Die Mission wird erfüllt sein. Die israelischen Verteidigungskräfte werden die vielen Todesopfer, die sie verursacht haben, zur Kenntnis nehmen und behaupten, dass die meisten von ihnen zur Hamas gehörten. Jeder Teenager wird als Hamas-Mitglied bezeichnet werden. Mehr als 600 palästinensische Kinder sind bereits am Samstagnachmittag getötet worden, noch vor einer Bodeninvasion. Sie gehörten nicht zur Hamas.

Israel wird siegreich sein. Gaza wird dem Erdboden gleichgemacht werden. Das unterirdische Tunnelnetz der Hamas wird geräumt werden. Die menschlichen Tiere werden ermordet werden. Der Gestank des Todes, der aus dem Streifen aufsteigen wird, wird sich mit den Szenen der Hungertoten und der dem Tod nahe stehenden Menschen in den überfüllten Krankenhäusern vermischen.

Und die Welt wird Israel weiterhin unterstützen. Israel wurde barbarisch angegriffen und hatte keine andere Wahl. Die israelischen Geiseln könnten den Preis mit ihrem Leben bezahlen.

Und der Morgen wird über einem Gaza in Trümmern dämmern. Und was dann? Wer wird dort die Regierungsgeschäfte übernehmen? Die Vertreter der Jewish Agency? Die Kollaborateure von Gaza? Und was wird Israel davon haben? Und das, ohne einen Mehrfrontenkrieg zu erwähnen, der ebenfalls ausbrechen und das Spiel völlig verändern könnte.

Israel lässt sich auf eine gefährliche Militäroperation ein, die keine Aussicht auf Erfolg hat.

Es kann seinen Verbündeten in Washington fragen, was Amerikas sinnlose Kriege für Regimewechsel in der ganzen Welt gebracht haben. Darüber, wie viele Menschen unnötigerweise getötet wurden und wer durch das amerikanische Schwert die Macht übernommen hat. Aber wir brauchen nicht Amerika oder auch nur an die Katastrophe der Palästinenser zu denken, um zu verstehen, dass wir auch für Israel an der Schwelle einer historischen Katastrophe stehen.

Wenn diese Mission tatsächlich ausgeführt wird und Israel den Gazastreifen auf den Kopf stellt, wird dies für Generationen in das Bewusstsein der arabischen Welt, der muslimischen Welt und der Dritten Welt eingebrannt werden. Eine zweite Nakba würde Hunderte von Millionen Menschen auf der ganzen Welt davon abhalten, Israel zu akzeptieren. Es könnte einige arabische Regime geben, die zunächst Zurückhaltung üben werden, aber die öffentliche Meinung in ihren Ländern wird nicht zulassen, dass diese Zurückhaltung anhält.

Den Preis dafür wird Israel zahlen müssen, und er wird höher sein, als Israel derzeit denkt. Israel steht kurz vor einem katastrophalen Krieg – oder hat ihn vielleicht schon begonnen.

Zum Original dieses Artikels von Gideon Levy auf Haaretz. Die Übersetzung besorgte Christian Müller.

Erstveröffentlicht in GlobalBridge
https://globalbridge.ch/

Wir danken für das Abdruckrecht.

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