„Wir müssen handeln“

Kleiner Bericht über die Versammlung „Wir müssen handeln“, die unter dem Dach der „Antikriegskoordination“ am Samstag, den 9.9. im Mehringhof stattfand.

Die Veranstaltung, an der bis zu 60 vorwiegend junge Leute teilnahmen, bestand aus den Blocks: „Gespräch mit Antimilitarist:innen aus Russland und der Ukraine“, Vorstellung der Arbeit des trans/feministischen Kollektivs „Non una di Meno“ aus Mailand und des Hafenarbeiterkollektivs CALP aus Genua. Danach folgte ein Referat von Jürgen Wagner von der auch im Forum schon oft zitierten „Informationsstelle Militarisierung“ (IMI) (https://www.imi-online.de/) Den Abschluss bildete eine Diskussionsrunde zu weiteren Perspektiven. Ich beschränke mich hier auf das Russland/Ukraine-Thema, obwohl gerade in Bezug auf die politische Schlagkraft gerade die italienischen Genoss:innen von CALP und der „Non una die Meno“ im gemeinsamen Antimilitarismus sicher ein größeres Rad drehen und besonders lehrreich sind. „Nun una di Meno“ ist ein internationales feministisches Netzwerk, das in Lateinamerika als Widerstand gegen die Femizide entstanden ist. (1) In Italien spielt „Nun una die Meno“ eine wichtige Rolle bei der Organiaierung und Mobilisierung des Widerstands gegen die Militärbasen der NATO, die aktuell ausgedehnt werden. Denn Krieg ist auch die zugespitzte Form patriarchaler Gewalt. Ferner thematisieren die Frauen erfolgreich den Zusammenhang von Aufrüstung und Sozialabbau. Zur CALP siehe auch hier: https://gewerkschaftliche-linke-berlin.de/italien-das-autonome-hafenarbeiterkollektiv-calp/

Die Gäste aus Russland und der Ukraine waren online ohne Bild zugeschaltet, da sie illegal operieren müssen. Ursprünglich war die Gruppe RTU vorgesehen,die seit längerem mit den ukrainischen Genoss:innen der RFU kooperiert. Doch hat dies wohl aus Sicherheitsgründen nicht geklappt, so das die Gruppe RKSM (b) eingesprungen ist. Vorbereitet wurde die Versammlung vor allem aus Aktivist:innen von „Rheinmetall entwaffnen“, der Gruppe  „Migrantstrikes“ und der Initiative „Nieder mit dem Krieg!“. Letztere ist eine der kommunistischen Neugründungen, die in den letzten Jahren entstanden sind und vor allem aus jungen Aktivist:innen besteht. Teilweise erlebt man hier wohl eine Art Deja-vu der K-Gruppen-Szene der 70er Jahre. Doch freuen wir uns über das rebellische Moment und hoffen auf Lernprozesse.   

Die RFU wies darauf hin, dass die Situation in der Ukraine dadurch gekennzeichnet sei, dass die gesamte Opposition, auch die bürgerliche, unterdrückt wird. Die Ukraine habe eine fortschrittliche Arbeitsverfassung aus der Zeit der UdSSR gehabt, die aber jetzt entsorgt würde. Streik- und Demonstrationsrecht seien aufgehoben. Ebenso der Kündigungsschutz. Wer auch nur einen Tag krank wird, muss damit rechnen entlassen zu werden. Die maximale Länge der wöchentlichen Arbeitszeiten wurde von 40 auf 60 Stunden erhöht, ohne dass es dafür mehr Geld gibt. Nachtzuschläge gibt es ebenfalls nicht mehr. Auch wurde das Recht Kollektiverträge abzuschließen kassiert. Renten werden gekürzt und die Lebensarbeitszeit verlängert. Im Rahmen der neoliberalen Umgestaltungen der Arbeitswelt verspräche sich besonders Blackrock einen größeren Anteil an der Beute des Krieges. Die RFU arbeitet vor allem unter Wehrpflichtigen, die sie unterstützt im Kampf um den versprochenen Sold, bei Krankheit und anderen Problemen und nimmt hier eine wachsende Unzufriedenheit wahr. Die Arbeitslosigkeit habe in der Ukraine zeitweise mehr als 50% betragen und sei jetzt auf ein Niveau von 35% gesunken. Dies erzeuge starke Abhängigkeiten und Gefügigkeit. Das erkläre auch, warum viele in die Armee gegangen sind. Diese bestehe in hohem Maße aus Arbeitern, die sich eine Ausreise nicht leisten können und irgendwie überleben müssen. In Russland sei das nicht viele anders. Insgesamt hätten sich von dort wohl 1 Mio Menschen ins Ausland abgesetzt. In der Armee sind die, die sich nicht ins Ausland absetzen können. In der Diskussion zur Gruppe „Sotsialny Ruch“, die in Deutschland für Teile der Linken eine wichtige Kontaktgruppe ist, befragt, antwortete der Genosse, SR sei für sie eine sozialchauvinistische Vereinigung und habe eigentlich in der Ukraine keinen wirklichen politischen Einfluss und Basis, existierte nur auf Grund von Geldzuwendungen aus dem Westen. Ihr Kern bestünde wohl aus RLS-Stipendiat:innen. Credo der RKSM (b); „Wir dürfen nicht die Sozialchauvinismusfehler der Linken im 1. Weltkrieg wiederholen.“ Die RFU operiert mit sozialen Medien wie telegramm und You Tube und schafft Öffentlichkeit durch Grafitties.

Die RKSM (b) – b steht für Bolschewiki – ist ebenfalls eine ML-Gruppe, die unter Gleichgesinnten auch international vernetzt ist. Sie unterstützt die Selbstorganisation der Jugend, arbeitet auch in Sportvereinen, macht Lesekreise und Schulung in Literatur der marxistischen Klassiker, möchte die Arbeiterbewegung stärken. Aktuell hat sie eine Protestbewegung der russischen Postangestellten unterstützt, die Wellen durch ganz Russland ausgelöst hatte. Gemeinsam mit RTU  und RFU möchte sie eine gemeinsame Plattform der ukrainischen und der russischen Kommunist:innen erarbeiten. Zur Frage, wie sich die russische Linke insgesamt zum Krieg positioniert, wurde gesagt: Es gibt drei Lager, eins ist pro-westlich, ein zweites für die Unterstützung der russischen Regierung und ein drittes antimilitaristisch und internationalistisch. Das dritte bekomme gerade unter jungen Leuten verstärkten Zulauf. Die RKSM (b) sieht Faschisierungstendenzen in Russland. Doch sieht sie dort ebenso wie die RTU keinen Faschismus an der Macht. In der Debatte über die Frage, ob Russland imperialistisch sei, bemühten die Genoss:innen ausgiebig Lenins Imperialismusschrift und verwiesen insbesondere auf die zentrale Bedeutung des Kapitalexports für Lenin. Darüber versuchten sie zu begründen, dass die russische Außenpolitik einem imperialistischen Pfad folgt. Sie wiesen in diesem Kontext auch darauf hin, dass die russischen Oligarchen in der Ukraine viel Geld und Einfluss verloren haben, was ihr Interesse an kriegerischen Lösungen beflügelt haben könnte. Natürlich habe Russland nicht die imperialistische Potenz wie die USA, sei kleiner und schwächer, doch seien die Triebkräfte der Politik keine anderen.   

Der antimilitaristische Konsens der Veranstaltung war tragend. Ohne erkennbare Resonanz blieben die Wortmeldung einer ungarischen Linken, Waffenlieferungen an die Ukraine seien unverzichtbar und die Klage einer ehemaligen RAF-Angehörigen im Saal herrsche eine empörende Russlandfeindlichkeit.

Bei aller Freude darüber, dass sich hier eine Bewegung auf antimilitaristischer Basis formiert, die sich weigert, Kriegspartei zu sein, hatte ich aber auch den Eindruck, dass die Veranstalter eher in ihrem bescheidenen Rahmen weiter wirken wollen, ohne sich der Aufgabe zu stellen, dazu beizutragen, die Friedensbewegung insgesamt wirkungsmächtiger zu machen. Es genügt der Blick auf die Entschlossenheit der kriegstreibenden Kräfte und die geringe eigene Mobilisierungsfähigkeit, um zu begreifen, dass wir erst am Anfang stehen. Ein bedeutender Schritt vorwärts wäre, wenn die jetzt getrennt marschierenden Kräfte der Linken, sich über einen belastbaren Minimalkonsens einigen könnten, der für alle Kriegsgegner:innen offen ist und gleichzeitig alle Friedenssimulanten abweist.

(1) Ni una menos (wörtlich „Nicht eine weniger“) ist eine gesellschaftspolitische feministische Bewegung, die durch Streiks, Demonstrationen und gewaltfreie Mobilisierungen gegen geschlechtsspezifische Gewalt, Patriarchat, Chauvinismus, Machismo und Sexismus kämpft. Es setzt sich für eine Gesellschaft ein, die frei von patriarchaler Logik ist und Institutionen, Medien, Arbeit und Verhalten von einem überwiegend männlichen Modell befreit. Geboren wurde die Bewegung am 3. Juni 2015 in Argentinien geboren, der Name greift einen Satz der mexikanischen Dichterin Susana Chávez auf: „Ni una mujer menos, ni una muerta más (Nie eine Frau weniger, noch eine tote Frau mehr)“. Sie hatte die Feminizide angeprangert, die in ihrer Heimatstadt Ciudad Juárez verübt wurden und in der sie an den Folgen starb.Nach einigen Episoden der Gewalt mobilisierten Menschen auf der Straße, um gegen den Femizid von Chiara Paez zu protestieren, einem vierzehnjährigen schwangeren Mädchen, das von ihrem Freund in Santa Fè zu Tode geprügelt und am nächsten Tag (15. Mai 2015) im Krankenhaus aufgefunden wurde starker sozialer Vorstoß für die Zukunftsbewegung. Am 3. Juni 2015 fand die erste Demonstration statt, deren Organisationskomitee aus gut vernetzten Journalistinnen, Akademikerinnen und Aktivistinnen bestand. Die Zusammensetzung der Gruppe war im Bezug auf politische Ausrichtung und Zugehörigkeiten sehr divers. Durch funktionierende Vernetzungs- und Kommunikationsstrukturen konnte Ni Una Menos schnell vielfältige Bevölkerungsschichten ansprechen und mobilisieren. An dieser Demonstration nahmen 300.000 Teilnehmende teil. Sie fand auf der Plaza del Congreso in Buenos Aires statt. In der Folge fanden weitere Demonstrationen landesweit in mehr als 100 Städten statt. Rasch wurden die Massenproteste zu einer transnationalen, feministischen Bewegung, die durch globale Frauenstreiks am Internationalen Frauentag 2017 und 2018 fortgesetzt wurden. Die Proteste breiteten sich sofort von Mexiko bis Uruguay aus und erreichten Länder wie Südkorea und Polen. Dies löste einen Zyklus von Massenprotesten in Lateinamerika und darüber hinaus aus, einschließlich der Globalen Frauenstreiks am Internationalen Frauentag 2017 und 2018. Bis 2018 hatte sich Ni Una Menos auf mindestens sechshundert Städten weltweit ausgedehnt. (Wikipedia)

Krieg ohne Krieger – oder: Das phantomhafte Töten und Sterben an der Front

Bild: Tote Soldaten, verpackt in weisse Säcke … (Symbolbild)

Seit über anderthalb Jahren bekämpfen sich russische und ukrainische Soldaten auf dem Gebiet der Ukraine. Täglich sterben zahllose Soldaten zu beiden Seiten der Front. Doch vom wechselseitigen Töten und Sterben bekommen wir nichts mit.

Von Leo Ensel

Über anderthalb Jahre dauert inzwischen der – ja, wie soll man eigentlich schreiben?

„Völkerrechtswidrige russische Angriffskrieg auf die Ukraine“? – Das wäre nicht falsch, ist aber nur die halbe Wahrheit, denn Kiew beschießt seit über neun Jahren die russische oder mit Russland sympathisierende Bevölkerung im Donbass und kappt die Wasserversorgung für die Bewohner der Krim.

„Stellvertreterkrieg zwischen dem Westen und Russland auf ukrainischem Territorium“? – Der tobt ebenfalls bereits erheblich länger, denn sowohl die USA als auch Russland sind seit mehr als neuneinhalb Jahren verdeckte oder offene ‚Player‘ in der Ukraine.

Die „militärische Spezialoperation“? – Die nennen mittlerweile auch in Russland immer mehr Menschen beim richtigen Namen: Krieg!

Anyway: Über anderthalb Jahre ist es mittlerweile her, dass der Krieg in der Ukraine mit Russlands direktem militärischen Eingreifen auch außerhalb der Rebellengebiete im Donbass und auf der Krim eine neue brandgefährliche Dimension erreicht hat. Auf dem Gebiet der Ukraine kämpfen seitdem russische Soldaten – die meisten von ihnen, sieht man von professionellen Söldnerbanden wie der bis vor kurzem aktiven „Wagner“-Gruppe ab, sicher nicht freiwillig – gegen ukrainische Wehrpflichtige, die ihrerseits von, meist rechtsextremen, Paramilitärs, westlichen „Interbrigaden“ und ultranationalistischen russischen Putin-Gegnern personell unterstützt werden. Seit Monaten ist dieser Krieg festgefahren zu einem an die Gefechte des Ersten Weltkriegs erinnernden Stellungs- und Zermürbungskrieg, in dem mit erheblichen Verlusten an Menschen und unter in Kaufnahme der Verseuchung weiter Flächen durch Minen, Uran- und Streumunition verbissen um jeden Quadratkilometer Terrains gekämpft wird und von dem immer mehr Militärfachleute offen einräumen, dass er für keine Seite zu gewinnen ist.

Aktuell zum Thema und unterstütze die Forderung "Keine Auslieferung von Kriegsflüchtlingen an die Ukraine!" 

Die im Dunklen sieht man nicht

Seit Kriegsbeginn hämmern uns die westlichen Leitmedien unisono im Dauerstaccato ein, dass (nahezu) alle ukrainischen Soldaten gut und (nahezu) alle russischen abgrundtief böse, wenn nicht teuflisch seien. (In Russland ist es selbstverständlich umgekehrt.) Dass es sich zumindest bei den regulären russischen Soldaten um Männer handelt, die in ihrer überwiegenden Mehrzahl in diesen Krieg, der nicht ihrer ist, von ihrer Obrigkeit hineingezwungen werden und dass auch die ukrainischen Männer im mittlerweile auf 60 Jahre hochgesetzten wehrpflichtigen Alter aufgrund der verhängten Ausreisesperre so gut wie keine Möglichkeit haben, sich dem Kriegsdienst zu entziehen – es sei denn, es gelingt ihnen, von der allgegenwärtigen Korruption zu profitieren; sprich: sie entstammen privilegierten Familien oder sind finanziell potent genug, sich frei zu kaufen –, dass wir es also auf beiden Seiten überwiegend mit zwangsverpflichteten Männern zu tun haben, das mag hier in seltenen Fällen mental vielleicht noch präsent sein, emotional ist es längst inexistent. Und das soll es ja auch sein! 

Diese Soldaten kämpfen tagtäglich. (Genauer: Sie müssen das!) Das heißt: Sie greifen an und sie verteidigen. Sie sitzen in Panzern, Kampfhubschraubern und -flugzeugen und sie sind hinter der x-ten Verteidigungslinie in Schützengräben verschanzt. Sie bedienen Raketenwerfer, Langrohrkanonen, Mörser und Haubitzen, sie starten Drohnen und Marschflugkörper, sie schießen mit Panzerfäusten, Granaten, Raketen, Schmetterlingsminen, Streumunition und abgereichertem Uran. Sie beschießen militärische und sie beschießen zivile Ziele. Kurz: Sie zerstören, sie verletzen, sie töten. Und sie werden verletzt und getötet.

Von all diesen direkten Kampfhandlungen bekommen wir, die ,mündige Bürger‘ genannten Medienkonsumenten im Westen, aber auch in der Ukraine und in Russland so gut wie nichts mit. Und das obwohl, wie immer wieder berichtet, in der Ukraine täglich solch astromische Mengen von Munition verballert werden, dass EU wie USA mit der Produktion mittlerweile gar nicht mehr nachkommen! (Die völkerrechtlich verbotene Streumunition wurde von den USA ja angeblich nur geliefert, weil nichts Anderes mehr im Angebot war.)

Die Kämpfer aber, ob Russen oder Ukrainer – und vor allem die Toten und Verletzten unter ihnen – bleiben auf gespenstische Weise unsichtbar. Ominöse Sprachfloskeln wie die mittlerweile hüben wie drüben eingebürgerte vom berüchtigten „Bachmuter Fleischwolf“ eröffnen zwar einen grauenerregenden Phantasieraum, sehen tun wir jedoch – vorausgesetzt, wir verlassen uns auf die Leitmedien aller kriegführenden Parteien – so gut wie nichts! Keine Soldatenleichen, kein verzweifelt nach seiner Mutter wimmernder Kämpfer, dem die Gedärme aus dem Leibe hängen, kein Leichengestank quillt uns aus Drohnenbildern der Bachmuter Ruinen entgegen und auch die zahllosen Amputierten und anderen Kriegsversehrten – das Wall Street Journal berichtete am 1. August diesen Jahres, „zwischen 20.000 und 50.000 Ukrainer“ hätten seit Kriegsbeginn „ein oder mehrere Gliedmaßen verloren“ – werden wir erst viel, viel später zu Gesicht bekommen. Eine ‚feindübergreifende Allparteienkoalition‘ der Verteidigungsminister, Regierungssprecher und Medien verschont uns mit allem gnädiglich. 

Kurz: Die Informationen vom wechselseitigen Abschlachten an der Front bleiben völlig abstrakt. Gefühle lösen sie – im Gegensatz zu den fast täglichen Bildern von den zivilen Opfern in ihren ausgebombten Häusern – nicht aus. 

Vom ‚Informationsdesaster‘ zu ‚Embedded Journalists‘

Nicht nur die USA, auch die manifest kriegführenden Akteure in der Ukraine haben aus dem seinerzeitigen ‚Informationsdesaster‘ der US-Army und ihrer GIs im Vietnamkrieg gelernt: Damals lieferten mutige Kriegsberichterstatter noch weitestgehend unzensierte Bilder vom Morden, vom Töten und vom Sterben direkt von der Front frei Haus, die weltweit über die Bildschirme flimmerten und auf den Titelseiten der tonangebenden Zeitungen erschienen – und vor allem die junge Generation in den Ländern des Westens zu Protest- und Verweigerungsaktionen auf die Straße trieben. Spätestens seit dem Golfkrieg 1991 werden wir, wenn überhaupt, nur noch mit – den Militärs und Machthabern genehmen – klinisch-reinen Bildern und Filmen von „Embedded Journalists“ beliefert.

(Dass, wie in allen Kriegen, auch im Ukrainekrieg alle Seiten alles dafür tun, die Verluste der gegnerischen Seite möglichst hoch- und die der eigenen möglichst herunterzuschreiben, die realen Zahlen der Getöteten und Verletzten aber als streng gehütetes Staatsgeheimnis versiegeln, versteht sich von selbst. Schließlich soll die ‚Moral‘ von Kämpfenden und Heimatfront nicht gefährdet werden!)

Und so kommt es, dass wir bezogen auf die Zahlen der zivilen Kriegsopfer besser informiert sind als über die der Soldaten: Vom 24. Februar 2022 bis zum 30. Juni 2023 dokumentierte das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte für die Ukraine 9.171 getötete und 15.993 verletzte Zivilisten. (Die Dunkelziffer dürfte sicher deutlich höher liegen.) Was die Zahl der Kämpfer angeht, so sprach der ranghöchste Militär der USA, der Vorsitzende des Vereinigten Generalstabs der US-Streitkräfte, Mark Milley, im November letzten Jahres für beide Seiten von insgesamt mehr als 100.000 getöteten oder verwundeten Soldaten. (Militärexperten schätzen die Relation von Getöteten zu Verwundeten auf eins zu drei oder vier. Wir hätten es also mit jeweils 20.000 bis 33.000 Toten unter den Soldaten zu tun.) Mittlerweile dürfte sich die Zahl auf beiden Seiten – besonders allerdings auf der ‚angreifenden‘ ukrainischen – deutlich erhöht haben, zumal derselbe General kürzlich davor warnte, die ukrainische Gegenoffensive werde „lange dauern, und sehr, sehr blutig werden.“

„Amputiert, aber sexy!“ – Der zynische Trost

Einen indirekten Eindruck von dem, was sich jeden Tag zu beiden Seiten der Front abspielen mag, erhalten wir immerhin durch einen medizinischen Fachartikel, den eine sich „Global Surgical and Medical Support Group“ nennende US-Organisation im August veröffentlichte. (Ich zitiere hier aus einem zusammenfassenden Bericht, der gerade im Schweizer Infosperber erschien.) 

Das Pikante: Das Hauptanliegen dieser „Globalen chirurgischen und medizinischen Unterstützungsgruppe“, die bereits wenige Tage nach Kriegsbeginn in der Ukraine eintraf, ist trotz ihres humanitär klingenden Namens nicht in erster Linie, verletzten ukrainischen Soldaten medizinische Hilfe anzubieten. Ziel ist vielmehr, wie bereits die Überschrift des Artikels ungeniert verrät, „Lektionen aus dem Krieg in der Ukraine und Anwendungen für künftige Konflikte mit nahezu ebenbürtigen Gegnern“ zu ziehen. „Der Konflikt mit der Ukraine bildet eine einmalige Gelegenheit für die Vereinigten Staaten, sich auf einen potenziellen, künftigen Konflikt mit nahezu ebenbürtigen Widersachern vorzubereiten – gegnerische Nationen mit gleichwertiger militärischer Stärke“ [gemeint sind China und Russland; d.V.], schreibt die Gruppe einleitend. 

Ein wahres Himmelsgeschenk, dieser Krieg in der Ukraine! Hatten die USA in den letzten Jahrzehnten doch nahezu alle Kriege – ob gegen „den Terror“ oder zu eliminierende Diktatoren – gegen erheblich schwächere Gegner und dazu zumeist auch noch aus der Luft oder via Joystick geführt. Unmöglich, nicht an die Ärzte zu denken, die das U.S. Strategic Bombing Survey wenige Monate nach den ersten beiden Atombombenabwürfen in die weitgehend zerstörten und verstrahlten Städte Hiroshima und Nagasaki schickte und deren Job es nicht etwa war, den zahllosen verletzten, hochtraumatisierten Menschen medizinische Hilfestellung zu leisten, sondern die bis dato völlig unbekannten Auswirkungen der radioaktiven Strahlung auf den menschlichen Organismus wissenschaftlich zu erforschen!

Die konkreten, zum Teil verheerenden Verletzungen und Probleme bei der Ersten Hilfe, die die Autoren auf der ukrainischen Seite der Front beobachteten, dürften mutatis mutandis auch für deren russische Gegner zutreffen: 

  • Beim Einsatz panzerbrechender Munition starben z.B. in leichteren Fahrzeugen als Panzer Dreiviertel der Menschen sofort. Bei einem Menschen in 60 Metern Entfernung verbrannten 80 Prozent der Hautoberfläche; drei Tage später verstarb er. 
  • Über 70 Prozent der Verletzungen würden von Artilleriefeuer und Raketenbeschuss stammen, was zu massiven „Polytraumata“ an multiplen Organen führe. Obwohl die allermeisten Soldaten in der Ukraine Helm und Körperschild trügen, würden oft Fremdkörper durch den Schild hindurch oder seitlich oder unterhalb des Schilds eindringen. Einer der Gründe: Im Moment der Bedrohung rissen die Soldaten die Arme hoch, um ihren Kopf schützen.
  • Bei Raketen- und Artilleriebeschuss komme es regelmäßig zu Schädel-Hirn-Traumata, die allerdings oft noch durch andere Wunden und Verletzungen überschattet würden.
  • Jeder vierte Verwundete, der frontnah behandelt werde, befände sich wegen des starken Blutverlustes im Schockzustand.
  • Blutkonserven, die über 40 bis 50 Prozent der Eingelieferten benötigten, könnten nicht immer verabreicht werden, da die für das Kühlen bzw. Auftauen der Konserven benötigten Stromgeneratoren in Frontnähe die Sicherheit gefährdeten. 
  • Der Nachschub für chirurgische Ersthelfer an der Front gerate regelmäßig unter Beschuss und da feindliche Drohnen und Flugkörper bis weit ins Hinterland reichten, seien Verletzte und Helfer selbst in geschützten Anlagen noch nicht sicher. Ambulanzen und Gesundheitseinrichtungen würden zudem gezielt angegriffen. Das Gleiche gelte für die Kommunikation zwischen Helferteams und Front.

Momentaufnahmen, die – mehr haben wir im Moment kaum zur Verfügung – immerhin die Phantasie anstacheln könnten! Für die bereits erwähnten 20.000 bis 50.000 Ukrainer allerdings, denen infolge von Kriegsverletzungen bereits ein oder gar mehrere Gliedmaßen amputiert werden mussten, hatte ein Kolumnist der New York Times einen höchst originellen Trost parat. Er zitierte die Frau eines Amputierten mit den Worten: „Er ist sehr sexy ohne Bein!“

Wäre es angesichts dieser Gräuel und dieser Zynismen nicht endlich an der Zeit, allen Kämpfenden dies- und jenseits der Front die guten Worte Bertolt Brechts entgegenzuschleudern: „Habt doch endlich Mitleid mit Euch selber!“ Und wäre es nicht an der Zeit, die hoffentlich kampfesmüde Gewordenen durch eine internationale Kraftanstrengung für ein sofortiges Schweigen der Waffen zu erlösen, damit es statt eines ‚Kriegs ohne Krieger‘ endlich nur noch ‚Krieger ohne Krieg‘ gibt?

Erstveröffentlicht auf „GlobalBridge“
https://globalbridge.ch/

Wir danken für das Abdruckrecht.

Warum die Linkspartei Gewerkschaften priorisieren muss

Die LINKE muss ihr Verhältnis zu Gewerkschaften, Bewegungen und Ostdeutschland neu justieren – und die Partei einen. Dabei können Gewerkschafter in ihren Reihen eine wichtige Rolle spielen, denn sie wissen vom Arbeitskampf, dass Einheit unverzichtbar ist.

Von Ulrike Eifler

Pünktlich zur Sommerpause präsentierte die LINKE der Öffentlichkeit ihr Spitzenteam zur Europawahl. Mit der Seawatch-Kapitänin Carola Rackete und dem Sozialmediziner Gerhard Trabert soll die Partei sichtbarer an die Seite der sozialen Bewegungen gestellt werden. Doch die Nominierung war nicht nur der Auftakt zu Diskussionen des linken Personaltableaus. Sie war auch ein Versuch der Parteispitze, den innerparteilichen Streit mit dem Flügel um Sahra Wagenknecht machtpolitisch und – auch das gehört zur Wahrheit dazu – unter Verletzung der innerparteilichen Demokratie zu entscheiden.

Denn das Vorschlagsrecht für die Europaliste obliegt laut Bundessatzung nicht der Parteiführung, sondern dem Bundesausschuss. Dieser tagt vierteljährlich und ist das höchste beschlussfassende Gremium zwischen den Parteitagen. Er wurde durch die Pressekonferenz der Parteivorsitzenden ebenso vor vollendete Tatsachen gestellt wie der Rest der Partei.

Statt machtpolitische Pflöcke einzuschlagen, wäre die Partei gut beraten, ihre strategischen Leerstellen zu schließen.

In der innerparteilichen Diskussion stehen sich die Forderung einer »disruptiven Neugründung« und die Idee einer »konstruktiven Erneuerung« scheinbar unversöhnlich gegenüber. Dieser Konflikt steht zugleich für das innerparteiliche Ringen um das richtige Verhältnis von Einheit und Klarheit. Denn einerseits muss die LINKE angesichts komplexer gesellschaftlicher Krisen klare politische Einschätzungen liefern, die über die Flügelkompromisse der Vergangenheit hinausgehen. Doch werden solche klaren Positionierungen mittels politischer und organisatorischer Brüche erzielt, leidet andererseits die Einheit der Partei. Eine Strategie der Aufsplitterung würde die gesellschaftliche Linke aber insgesamt nicht stärken und wäre angesichts wachsender AfD-Zustimmungswerte unverantwortlich.

»Akteure aus den Bewegungen für die Spitzenplätze auf Wahllisten zu nominieren, ist noch keine Strategie, sondern spiegelt allenfalls ein gegenseitig instrumentelles Verhältnis zwischen Partei und Bewegung wider.«

Die Suche nach dem richtigen Verhältnis von Einheit und Klarheit sollte sich daher an den zentralen gesellschaftlichen Konfliktlinien ausrichten. Diese sind in einer Zeit multipler Krisen, die die Gesellschaft auf einen permanenten Ausnahmezustand einstimmen, einerseits leicht zu identifizieren – etwa im Kampf gegen den Klimakollaps, die zunehmende soziale Ungleichheit und das wachsende militärische Eskalationspotential. Andererseits ist es hochkompliziert, sie zu bearbeiten.

In der Strategiedebatte der LINKEN könnte es hilfreich sein, wenn sich die Partei auf den sozialistischen Analyserahmen – die Betrachtung der Klassenverhältnisse – konzentriert. Damit stünde am Anfang des Strategieprozesses die Frage, wie sich die multiplen Krisen auf die Arbeits- und Lebensbedingungen der arbeitenden Menschen auswirken. Ausgehend davon müsste die bisherige Politik der Partei in drei Punkten einer Prüfung unterzogen werden: in ihrem Verhältnis zu Gewerkschaften, in ihrem Verhältnis zu Bewegungen, in ihrem Verhältnis zu Ostdeutschland.

Multiple Krisen und ihre Folgen

Die Zunahme der sozialen Ungleichheit, epochale Umbrüche in der Arbeitswelt, eine zu gesellschaftlicher Dysfunktionalität führende Krise der öffentlichen Infrastruktur, der drohende Klimakollaps, die Krise der Demokratie und nicht zuletzt die Mobilisierung für einen neuen Kalten Krieg – diese Krisen kommen unterschiedlich bei den Menschen an, aber in ihrer Gesamtheit schaffen sie ein neues Gefühl von Unsicherheit. Das gilt in besonderer Weise für die Lohnabhängigen.

Gegenwärtig saugt die AfD dieses Unsicherheitsgefühl auf. Sie lebt von der wachsenden Unzufriedenheit und schürt die Konkurrenz in den unteren Klassen. Dadurch gelingt es ihr, sich als »Partei des kleinen Mannes« zu inszenieren, obwohl sie wie keine zweite Partei für weiteren Sozialabbau, eine weitere Umverteilung nach oben und für den Abbau von Arbeitnehmerrechten steht. Das gelingt ihr auch deshalb, weil die Politik der Bundesregierung bestehende Sorgen vor Verarmung, Klimawandel oder militärischer Eskalation befördert, anstatt sie abzubauen.

Will die LINKE als Opposition zu dieser Politik wahrgenommen werden, muss sie ebenso empathisch wie lösungsorientiert an dieses Gefühl anknüpfen. Wut und Verunsicherung müssen eine Handlungsperspektive bekommen. Denn nicht die Partei ist die Trägerin gesellschaftlicher Veränderung, sondern die Klasse der Lohnabhängigen. Für die LINKE heißt das: Sie muss ihren Beitrag dazu leisten, dass die arbeitenden Menschen den Krisenfolgen nicht ohnmächtig ausgesetzt sind, sondern ihnen handlungsfähig entgegentreten und ihre Interessen durchsetzen können.

Das Verhältnis zu den Gewerkschaften

Die gewerkschaftspolitische Orientierung der Partei beschränkt sich zumeist darauf, Solidarität mit kämpfenden Belegschaften zu bekunden, etwa wenn die Vorsitzenden sich an der Autobahnraststätte Gräfenhausen mit streikenden LKW-Fahrern zeigen oder wenn die Partei die Streiks im öffentlichen Dienst unterstützt. Solche Solidaritätsbekundungen sind wichtig. Sie waren es für die LKW-Fahrer, die von ihrer polnischen Spedition erst monatelang um ihren Lohn geprellt und dann von einem paramilitärischen Schlägertrupp bedroht wurden. Und sie waren es auch für die streikenden Pflegekräfte und Kitabeschäftigten, die in Krisenzeiten auf eine faire Bezahlung drängten.

Gerade Streiks im öffentlichen Dienst entfalten nur wenig ökonomische Macht und sind deshalb um so mehr auf den Rückhalt und die Unterstützung durch die Bevölkerung angewiesen. Die Solidarisierung mit streikenden Belegschaften gehört zur politischen DNA linker Parteien und ist unverzichtbar. Doch in einer Zeit epochaler Umbrüche in Arbeitswelt und Gesellschaft kann diese Solidarisierung nur der Ausgangspunkt linker Politik sein, nicht der Weisheit letzter Schluss.

Gewerkschaften sind Klassenorganisationen, die die Arbeits- und Lebensbedingungen der Lohnabhängigen verbessern wollen – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Dass dieses Interesse mittels Arbeitskampfmaßnahmen durchgesetzt wird, ist allerdings eher die Ausnahme als die Regel. Der Schutz der Beschäftigteninteressen findet überwiegend entlang von Detailfragen des Arbeitsalltags statt: Wenn Arbeitgeber versuchen, kurzfristig Betriebsferien durchzusetzen, die zu Lasten der Beschäftigten gehen. Wenn Mitarbeitende mit Rückenproblemen an Maschinen beordert werden, an denen sie den ganzen Tag stehen müssen. Oder wenn Beschäftigte in Bauberufen beweisen sollen, dass die Hautkrebserkrankung tatsächlich auf die 220 Tage Arbeit unter freiem Himmel zurückzuführen ist und nicht – wie die Arbeitgeberseite unterstellt – auf den zweiwöchigen Mallorca-Urlaub.

»Wenn Umverteilungskämpfe in Zeiten von Inflation, Energiekrise und Aufrüstung schwieriger werden, dann müssen die Gewerkschaften sich politisch mehr zu Wort melden. Die Partei sollte diese Rolle einfordern und unterstützen.«

Gewerkschaftsarbeit ist also viel kleinteiliger, als es sich in romantischen Vorstellungen von Klassenkampf oft darstellt. Dennoch gilt: Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter sind der fortschrittlichste Teil der Arbeiterklasse. Sie haben sich dazu entschlossen, ihre Interessen nicht individuell, sondern gemeinsam durchzusetzen. Das schließt nicht aus, dass sie verengten Blickwinkeln aufsitzen und ihnen politische Irrtümer unterlaufen. Doch es ist wichtig zu verstehen, dass nicht subjektives Führungsagieren Gewerkschaftsarbeit widersprüchlich macht, sondern die objektiv bestehende kapitalistische Konkurrenz zwischen den Unternehmen die Gewerkschaften immer wieder auch in Widersprüche hineinmanövriert – etwa in Fragen von Migration, Standortpolitik oder Aufrüstung. Deshalb braucht die gewerkschaftliche Diskussion gerade in zugespitzten gesellschaftlichen Krisensituationen Impulse von links – nicht zuletzt um das Bewusstsein der Klasse für die Notwendigkeit systemischer Brüche zu schärfen.

Die Verankerung in der organisierten Arbeiterklasse muss daher zu einem notwendigen Element des Parteiaufbaus werden. Denn linke Impulse finden nur dann Eingang in die gewerkschaftliche Diskussion, wenn sie in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit eine Rolle spielen, in den Vertrauensleutestrukturen diskutiert werden und in den strategischen Debatten der Funktionäre Berücksichtigung finden. Ohne Verankerung bleibt es bei Appellen, Ideen und Ratschlägen von außen.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Betrieb & Gewerkschaft ist der größte innerparteiliche Zusammenschluss der LINKEN. Das lässt darauf schließen, dass die Partei über eine relevante Anzahl von aktiven Betriebsrätinnen, Vertrauensleuten und hauptamtlichen Gewerkschaftern verfügt. Sie brauchen Material, Argumente und vielleicht auch Schulungen, um in die gewerkschaftliche Diskussion über die Vier-Tage-Woche, den Krieg in der Ukraine oder das politische Mandat der Gewerkschaften eingreifen zu können. Eine solche Verankerung würde zudem die Partei erden, weil sie sich mit den Erfahrungen, den Fragen und auch mit den Flausen der Arbeiterklasse konstruktiv auseinandersetzen müsste.

Die Gewerkschaftsorientierung der Partei muss also weiterentwickelt werden. Nicht zuletzt weil gegenwärtig der gewerkschaftspolitische Blick der LINKEN wie auch der Rosa-Luxemburg-Stiftung stark auf Organizing-Strategien verengt ist. So wichtig der Aufbau von Organisationsmacht ist – gewerkschaftliche Handlungsfähigkeit entsteht dann, wenn betriebliche und gesellschaftliche Kräfteverhältnisse zusammen in den Blick genommen werden. Es reicht nicht, mehr zu werden. Wenn gewerkschaftliche Umverteilungskämpfe in Zeiten von Inflation, Energiekrise und Aufrüstung schwieriger werden, dann müssen die Gewerkschaften sich politisch mehr zu Wort melden. Die Partei darf einer Stärkung der politischen Rolle der Gewerkschaften nicht ausweichen, sondern sollte diese Rolle einfordern und unterstützen.

Das Verhältnis zu den Bewegungen

Die LINKE muss zudem ihr Verhältnis zu sozialen Bewegungen konkretisieren. Akteurinnen und Akteure aus den Bewegungen für die Spitzenplätze auf Wahllisten zu nominieren, ist noch keine Strategie, sondern spiegelt allenfalls ein gegenseitig instrumentelles Verhältnis zwischen Partei und Bewegung wider. Bewegungen sind aufsehenerregende, aber organisatorisch lose politische Eruptionen, die oftmals von großer Euphorie getragen werden und häufig auf ein einzelnes Thema ausgerichtet sind. Daraus ziehen sie ihre Stärke.

Doch auch soziale Bewegungen können politisch irren oder in strategischen Zielkonflikten feststecken. Das zeigt der aktuelle Zustand der Klimabewegung. Seit der Bundestagswahl 2021 hat sich die Strategie breiter Mobilisierungen mit dem Ziel eines Regierungs- und Politikwechsels als Sackgasse herausgestellt. Lützerath gilt hier als Symbol für den Verrat der Grünen an den Forderungen der Klimabewegung. Doch mehr noch als das Abbaggern von Lützerath wurde Deutschlands Engagement im Ukrainekrieg zum ökologischen Offenbarungseid der Bundesregierung – allein wenn man an die exportierten Leopard-Panzer denkt, die auf 100 Kilometer 530 Liter Kraftstoff verbrauchen. Im November 2021 mit dem Versprechen einer klimapolitischen Wende als Fortschrittskoalition angetreten, hat die Ampel ein in der Geschichte der Bundesrepublik beispielloses Sondervermögen verabschiedet, das effektiv ein Konjunkturprogramm für eine Wegwerfindustrie darstellt.

Die multiplen Krisen, die sich, wie Krieg und Klimakrise, miteinander verschränken und gegenseitig verstärken, lassen sich weniger denn je als voneinander losgelöste Problemfelder behandeln. Doch die Klimabewegung tut sich schwer damit, sich zum Krieg zu positionieren. Derweil kompensiert sie den Verlust ihrer Illusionen in die Regierungspolitik, indem sie Straßen blockiert und auf Rollbahnen stürmt. Diese Radikalisierung ist Ausdruck ihrer strategischen Schwäche. Sie kann nur durch den Schulterschluss mit wirkmächtigen Bündnispartnern aufgelöst werden.

»Weil sich die spontane Energie der Bewegungen schnell wieder verflüchtigt, besteht verantwortungsvolle Bewegungspolitik darin, starke Parteistrukturen aufzubauen.«

Der Zeitdruck, den das Fortschreiten des Klimawandels objektiv erzeugt, macht diese Krise zu einem strategischen Dilemma. Doch in einer Studie der Universität Oslo aus dem Jahr 2019 fand das Forschungsteam um Sirianne Dahlum, Carl Henrik Knutsen und Tore Wig heraus, dass bei sämtlichen sozialen Bewegungen der letzten hundert Jahre und über den gesamten Globus betrachtet, Proteste vor allem dann erfolgreich waren, wenn sie sich mehrheitlich aus der städtischen Mittelschicht und der organisierten Industriearbeiterklasse zusammensetzten. Im Kontext des Krisen- und Kriegskapitalismus müssen daher das geostrategische Einordnungsvermögen der Friedensbewegung, die gesellschaftliche Diskursmacht der Klimabewegung und die Durchsetzungsstärke der Industriegewerkschaften zusammenfinden, um der Zerstörung von Mensch undNatur wirksam etwas entgegensetzen zu können.

Linke Parteien verfügen über zwei strategische Vorteile gegenüber sozialen Bewegungen: Sie sind in der Regel im Besitz eines leistungsstarken politischen Apparats. Und sie weiten die Einzelanliegen ihrer Mitglieder zu einer politischen Gesamtperspektive aus. Damit können sie zum organisatorischen Zentrum strategischer Debatten und Aktivitäten werden. Weil sich die spontane Energie der Bewegungen schnell wieder verflüchtigt, besteht verantwortungsvolle Bewegungspolitik darin, starke Parteistrukturen aufzubauen. »Keine Bewegung hält für immer – und auf immer neue Bewegungen zu hoffen, ist ein Lotteriespiel«, schreibt Max Veulliet von der KPÖ in einem Beitrag über das Verhältnis von Bewegungen, Parteien und Parlamenten.

Die LINKE kann ihren Gebrauchswert als sozialistische Partei nicht entfalten, wenn sie sich moralisch in den Widersprüchen einrichtet – wie sie es beispielsweise im Februar 2023 getan hat, als sie von den Initiatorinnen und Initiatoren des »Manifests für Frieden« eine immer stärkere Distanzierung von rechts verlangte und eine solche zur Bedingung für die eigene Mobilisierung gegen den Krieg machte; oder als sie sich in der Frage des Kohleausstiegs einseitig der Klimabewegung anschloss und dabei übersah, dass zeitgleich die Beschäftigten der Kohleindustrie für einen sozialen Übergang kämpften.

Während die LINKE gemeinsam mit der Klimabewegung gegen das Abbaggern von Lützerath protestierte, bemühten sich die Gewerkschaften unter dem Druck des Strukturwandels darum, dass die Kohlereviere nicht zu abgehängten Landstrichen, sondern aus fossilen Energieregionen nachhaltige Energieregionen werden. Der Gebrauchswert einer linken Partei besteht vielmehr darin, in die bestehenden Widersprüche zu intervenieren. Bewegung und Klasse zusammenbringen, sollte die zentrale Aufgabe einer linken Partei sein. Wer die Welt des Kapitals schwächen möchte, wird an einer Stärkung der Welt der Arbeit nicht vorbeikommen.

Das Verhältnis zu Ostdeutschland

Im Kontext hoher Umfragewerte und zunehmender Wahlerfolge für die AfD ziehen Teile der Partei die Bilanz, die LINKE habe das Vertrauen der Menschen in Ostdeutschland eingebüßt und müsse sich nun wieder stärker um sie kümmern. Vor dem Hintergrund zunehmender Lohnunterschiede zwischen Ost und West ist dieser Impuls richtig. Als strategischer Ansatz, die LINKE aus der Krise herauszuführen, scheint er allerdings weniger geeignet. Viel eher müsste es der Partei darum gehen, die Ungleichheit als Klassenkonflikt zu artikulieren und die Solidarität zwischen den Lohnabhängigen in Ost und West zu organisieren.

Seit Jahren bekommen Beschäftigte in den neuen Bundesländern monatlich etwa 800 Euro weniger im Vergleich zu ihren Kolleginnen und Kollegen in Westdeutschland – bei gleicher Arbeit. Die wachsende Tarifflucht gerade im Osten und die Kompensation schwieriger Tarifpolitik im Kontext von Pandemie, Inflation und Energiekrise durch Sonderzahlungen und Inflationsausgleichsprämien hat diese Differenz mittlerweile auf 13.000 Euro jährlich ansteigen lassen. Dies ist eine Ungerechtigkeit, die von keiner linken Partei widerspruchslos hingenommen werden kann. Im 33. Jahr der deutsch-deutschen Einheit stellt sich aber die Frage, wie diese Situation überwunden werden kann.

Will sich die LINKE stärker um den Osten kümmern, muss sie ihr Engagement für Ostdeutschland in eine gesamtdeutsche Bearbeitung von Strukturbrüchen einbetten. Diese haben zu früheren Zeitpunkten auch in anderen Teilen der Bundesrepublik stattgefunden. Etwa im Ruhrgebiet, wo die Krise der Steinkohle und später die Krise der Stahlindustrie für Hunderttausende den Verlust gut bezahlter Arbeitsplätze nach sich zog. Von den zwanzig selbständigen Hüttenwerken Mitte der 1970er Jahre waren 1988 nur noch acht übrig. Die Beschäftigtenzahl hatte sich halbiert. Es folgte ein wirtschaftlicher Niedergang der Region. Heute liegt das verfügbare jährliche Pro-Kopf-Einkommen in den Ruhrgebiets-Hochburgen Duisburg und Gelsenkirchen bei 17.741 beziehungsweise 17.015 Euro. Nirgendwo in Deutschland verdienen die Menschen so wenig wie in diesen beiden Städten.

Aber auch wenn man andere Parameter heranzieht, wird deutlich: Trotz des Strukturbruchs in Ostdeutschland, der in rasanter Geschwindigkeit Industrie, Arbeitsplätze und regionale Wertschöpfung vernichtete, ist die Zunahme von Armut, abgehängten Regionen und sozialer Ungleichheit ein gesamtdeutsches Problem. So hat beispielsweise das Saarland die höchste kommunale Pro-Kopf-Verschuldung, gefolgt von Hessen und Rheinland-Pfalz. In Brandenburg, Bayern und Sachsen war der kommunale Pro-Kopf-Schuldenstand dagegen sogar besonders niedrig. Baufällige Schulgebäude, ausgedünnte ÖPNV-Linien und weiße Flecken in der öffentlichen Infrastruktur sind das Ergebnis einer solchen Entwicklung.

Dennoch gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen den Strukturwandelerfahrungen in Ost und West: die Geschwindigkeit. Der Niedergang der Ruhrkohle begann Ende der 1950er Jahre mit dem verstärkten Einsatz von Erdöl in privaten Haushalten und industrieller Fertigung. Er zog sich über ein halbes Jahrhundert bis weit in die 2000er Jahre. Gleiches gilt für die Stahl- und die Werftenindustrie. Dagegen vollzog sich der industrielle Niedergang Ostdeutschlands viel rasanter und unter ganz anderen Rahmenbedingungen. Hier halbierte sich allein zwischen 1989 und 1991 die Beschäftigtenzahl im verarbeitenden Gewerbe. Ein Trend, der sich fortsetzte: Bis 1995 ging die Zahl der Industriebeschäftigten noch einmal um die Hälfte zurück, sodass innerhalb weniger Jahre nur noch 14,5 Prozent der Menschen in der ostdeutschen Industrie tätig waren. Dieser Strukturbruch wurde begleitet von einer rücksichtslosen »Freilandpraxis«: Ostdeutschland wurde zu einer Art Experimentierfeld, in dem die Unternehmen versuchten, die Arbeitskraft so abzuwerten, wie sie es in Westdeutschland aufgrund starker Gewerkschaften nicht konnten.

»Der Vertrauensverlust der LINKEN in Ostdeutschland ist eine regionale Tragödie. Doch der Vertrauensverlust der LINKEN unter den arbeitenden Menschen in ganz Deutschland ist das viel größere strategische Problem.«

Mit der Vereinigung von WASG und PDS zur LINKEN ergriffen beide Parteien die historische Gelegenheit, die Erfahrungen der Menschen in Ost und West gleichermaßen in den Blick zu nehmen. Der rot-grüne Neoliberalismus der Regierung Schröder traf die arbeitenden Menschen in beiden Teilen Deutschlands und war ein wesentlicher Faktor, weshalb Ost- und Westlinke zusammenfinden konnten. Dadurch gelang es erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik, eine in der Arbeiterbewegung verankerte Partei links von der Sozialdemokratie zu etablieren.

Die ähnlichen Erfahrungen halfen, die Trennung in der deutsch-deutschen linken Parteiengeschichte zu überwinden und ein gemeinsames Agieren zu ermöglichen. Auch das machte die LINKE in ihrer Gründungszeit stark. Nicht zuletzt, weil sich der Anteil von Arbeiterinnen, Angestellten und Arbeitslosen in ihrer Wählerschaft zwischen 2002 und 2005 mehr als verdreifachte. Nur vier Jahre später – bei der Bundestagswahl 2009 – wählte nahezu jeder fünfte Arbeiter die LINKE. Bei den Arbeitslosen war es sogar jede vierte Person. »Über Nacht« habe die PDS einen Arbeitnehmerflügel bekommen, schrieb der Soziologe Horst Kahrs damals im Wahlnacht-Bericht der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Mittlerweile ist der Anteil der Arbeiter in der Wählerschaft der LINKEN auf 5 Prozent geschrumpft. Der Rückgang drückt das Misstrauen der Klasse aus. Sie geben ihre Stimme eher den Grünen, der FDP oder der AfD, als die LINKE zu wählen. Der Vertrauensverlust der LINKEN in Ostdeutschland ist eine regionale Tragödie. Doch der Vertrauensverlust der LINKEN unter den arbeitenden Menschen in ganz Deutschland ist das viel größere strategische Problem. Die LINKE muss die Erfahrungen der Lohnabhängigen in Ostdeutschland in besonderer Weise in den Blick nehmen, sie aber in den Erfahrungshorizont der gesamten Klasse einbetten. Eine einseitige Konzentration auf Ostdeutschland, im schlimmsten Fall ohne den Fokus auf den Faktor Klasse, würde die notwendige Gesamtperspektive aufgeben, die mit dem Zusammenschluss der LINKEN bei ihrer Gründung gebildet wurde.

Hinzu kommt: Ostdeutschland ist nicht nur die Region, in der sich der heftigste Strukturbruch deutsch-deutscher Nachkriegsgeschichte vollzogen hat. Ostdeutschland ist nicht nur eine abgehängte Region. Ostdeutschland ist auch der Teil Deutschlands, in dem eine neue Generation von Beschäftigten heranwächst, die nicht mehr bereit ist, widerspruchslos hinzunehmen, dass sie länger arbeiten muss und dafür weniger Geld bekommt. Die sich gewerkschaftlich organisiert und anfängt, im Arbeitskampf Tarifverträge durchzusetzen. Im neoliberalen Experimentierfeld Ostdeutschland beginnt sich der Wind zu drehen – gegen längere Arbeitszeiten, gegen fehlende Tarifbindung, gegen Union-Busting. Diese Menschen führen einen Kampf um Lohngleichheit, der lange überfällig ist.

Für die Strategiedebatte der LINKEN lohnt sich der Rückblick auf die Auseinandersetzung um die 35-Stunden-Woche in Ostdeutschland. Damals waren in den neuen Bundesländern die Beschäftigten der Stahlindustrie sowie der Metall- und Elektroindustrie in den Streik getreten. Aber als es aufgrund von Zulieferverflechtungen zu einer Fernwirkung des Streiks auf westdeutsche Firmen kam und diese Kurzarbeit anmelden mussten, sah sich die IG Metall gezwungen, den Streik ergebnislos abzubrechen. Diese Erfahrung zeigt, dass es die Entschlossenheit im Osten und die Solidarität aus dem Westen ebenso braucht wie eine Gesamtperspektive.

Wie weiter in der Partei?

Eine konstruktive Erneuerung der LINKEN ist alternativlos, denn ein Scheitern dieser Partei wäre eine politische Tragödie für die gesamte Linke. Soll dieser Prozess gelingen, muss er mit analytischer Schärfe ebenso wie mit integrativen Angeboten an alle Teile der Partei organisiert werden. Die Einschätzungen zur Krise der Partei und ihren Ursachen sind sehr unterschiedlich. Ziel eines solchen Prozesses muss daher sein, dass sich die Positionen annähern und die Schlussfolgerungen zueinander finden – insbesondere in Bezug auf die Gewerkschaften, die Bewegungen und auch in Bezug auf Ostdeutschland.

Über das Verhältnis der Partei zu Gewerkschaften nachzudenken, würde die Betrachtung der Klassenverhältnisse in den Mittelpunkt der strategischen Debatte stellen und der innerparteilichen Diskussion einen tragfähigen Analyserahmen geben. Das Verhältnis zu sozialen Bewegungen neu zu verhandeln, könnte der Partei helfen, sich strategischer auf die Fragen zu beziehen, an denen gesellschaftliche Mobilisierungen entstehen, und sie auch gegenüber den Bewegungen handlungsfähiger machen. Die Diskussion über Ostdeutschland schließlich würde fortsetzen, was mit dem Vereinigungsprozess von WASG und PDS begonnen wurde: eine Gesamtperspektive einzunehmen, ohne die besondere Zurücksetzung Ostdeutschlands dabei zu vergessen.

Die Rücksichtslosigkeit der Flügelkämpfe in den letzten Jahren hat die Partei extrem polarisiert. Der Aufbau eines strategischen Zentrums, das nicht nur die Interessen der eigenen Strömung im Blick hat, sondern die Entwicklung der Gesamtpartei, kann daher ein integratives Angebot mit dem Ziel einer konstruktiven Erneuerung sein. Doch ein solches Zentrum entsteht nicht von allein. Es braucht die Einsicht und die Bereitschaft der einzelnen Flügel ebenso wie die Unterstützung der Parteiführung.

Auf der Tagesordnung steht also, innerparteilichen Kontroversen auf den Grund zu gehen. Auf der Tagesordnung steht aber auch, eine innerparteiliche Kultur zu entwickeln, die Mehrheitsbeschlüsse nicht zur Ausgrenzung nutzt, sondern so organisiert, dass sie die Partei mit all ihren Flügeln tragen. Im Prozess der konstruktiven Erneuerung können die Erfahrungen linker Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter eine besondere Rolle spielen. Ihre größte Kompetenz: Sie wissen, dass Einheit notwendig ist, aber nicht von allein kommt. Einheit muss über Meinungsverschiedenheiten hinweg organisiert werden, um gemeinsam handlungsfähig zu werden.

Hinzu kommt: Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter stehen tagtäglich in den kleinen und großen Konflikten zwischen Kapital und Arbeit. Und es sind Erfahrungen wie diese, die den Blick der Partei auf die zentralen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen schärfen und neben der Einheit auch für die notwendige Klarheit sorgen können.

Die Autorin:

Ulrike Eifler ist Bundessprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft Betrieb & Gewerkschaft in der Partei DIE LINKE.

Der Beitrag wurde auf https://jacobin.de/ zuerst veröffentlicht und wird mit freundlicher Genehmigung der Autorin hier gespiegelt.

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