Sowjetunion – Schuld am Weltkrieg? Geschichtsfälschungen der Europäischen Union als Mittel der Kriegsvorbereitung

Rechtzeitig vor dem 1. September, dem Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen, des Auslösers zum Beginn des Zweiten Weltkriegs, wies die FAZ darauf hin, dass es dringend notwendig sei, mehr auf die angebliche Schuld der Sowjetunion am Zweiten Weltkrieg und auch am Überfall auf sich selber hervorzuheben.

Unter dem Titel „Stalins Mitschuld“ veröffentlichte die FAZ auf einer ganzen Zeitungsseite einen Artikel von Prof. Dr. Manfred Kittel zum Beginn des Zweiten Weltkriegs. Letztlich gehen zahlreiche Bemerkungen jedoch in die Richtung, dass die Sowjetunion die Hauptschuld trägt. „Ohne den Hitler-Stalin-Pakt … hätte Hitler schwerlich so losschlagen können, wie er es tat.“ Er stützt sich auf NS-Staatssekretär Ernst von Weizsäcker, nach dem der Polenfeldzug ohne den Hitler-Stalin-Pakt „nicht entfesselt worden wäre.“ Er beruft sich auf Leo Trotzki, nach dem Stalin der „Quartiermeister“ Hitlers bei dessen „militärischen Operationen“ gewesen sei, also sein ihm dienender Komplize. Allerdings lasse sich nicht „hundertprozentig“ sagen, ob Hitler ohne Pakt mit Stalin auf die Invasion in Polen verzichtet hätte. 

Ist es also nur eine „fünfzigprozentige“ Behauptung?

Aber Kittel geht noch weiter. Die Sowjetunion habe mit dem Pakt imperiale Träume verfolgt, sie habe – angeblich nach eigenem Eingeständnis „weitreichende imperialistische Ambitionen“ gehabt. Die Sowjetunion habe wie der Zarismus einen „Gebietsimperialismus“ verfolgt.

Stalin habe sich auch mitschuldig am Überfall Deutschland vom 22. Juni 1941 gemacht. Er hätte nämlich einen „Neutralitätspakt – ohne geheime Annexionsabsprachen und Handelsverträge – schließen sollen. Das hätte zwar den Krieg gegen Polen nicht verhindert, aber den auf sowjetischem Boden „wesentlich schwieriger“ gemacht. 
Kittel tritt also z.B. dafür ein, dass es besser für den Frieden gewesen wäre, wenn der Hitlerfaschismus ganz Polen hätte erobern können.

Klar ist allerdings: Seine Vorschläge hätten die Angriffsposition Hitlerdeutschlands gestärkt.

Putin beruft sich als großrussischer Vertreter des russischen Kapitalismus/Imperialismus fälschlicherweise auf den Vaterländischen Krieg, der ein Verteidigungskrieg war. Es wächst das Interesse, dem heutigen (im Verhältnis zu seinen westlichen Konkurrenten schwächeren) russischen Imperialismus eine imperialistische Tradition schon zu Stalins Zeiten anzudichten.

Zum Autor Manfred Kittel und seinem FAZ-Artikel der folgende Beitrag:

https://www.pressenza.com/de/2026/08/moskaus-mitschuld-am-weltkrieg/

Von unserer Broschüre Sowjetunion – Schuld am Weltkrieg? Geschichtsfälschungen der Europäischen Union als Mittel der Kriegsvorbereitung, März 2026 138 Seiten, haben wir im Mai eine zweite Auflage drucken lassen.

In der Broschüre wird anhand von zahlreichen Dokumenten nachgewiesen, dass die angebliche Mitschuld der Sowjetunion eine Geschichtsfälschung ist, die den Hitlerfaschismus entlastet und die Vorbereitungen zu einem Krieg gegen Putins Russland rechtfertigen soll.

Die Broschüre wird auf unserem Blog vorgestellt: https://klartext-info.de/sowjetunion-schuld-am-weltkrieg. Dort ist sie im pd-Format verlinkt (ca. 1 MB) sowie separat auch das Inhaltsverzeichnis. Wir freuen uns auf Bestellungen und Kommentare.

Sonderpreis: Fünf Ex. der „Hitler-Stalin-Pakt“- Broschüre für zehn Euro inklusive Versand.

Einzelbroschüren geben wir gegen eine Spende ab.

Bestellungen nehmen wir unter info@klartext-info entgegen. Mit dem Versand teilen wir die Kontonummer mit.

Quelle: Klartext-Blog Rainer Roth
www.klartext-info.de

Gegen Aufrüstung und Sozialabbau – Tausende protestieren am Antikriegstag

Der Antikriegstag am 1. September ist ein zentraler Tag im politischen Kalender der antimilitaristischen Bewegung in Deutschland. Auch in diesem Jahr protestierten Tausende gegen Aufrüstung und Kürzungen im Sozialen. Auf den wachsenden Demonstrationen spielen zunehmend auch Rüstungsstandorte vor der eigenen Haustür eine größere Rolle.

Titelbild: Perspektive Online, CC BY-NC-SA 4.0
Bilder Collage: Jutta-Kausch-Henken, Peter Vlatten

Am 1. September 1939 starteten die Hitlerfaschisten ihren verheerenden Angriffskrieg gegen die polnische Republik. Der Überfall markierte damit den Auftakt des Zweiten Weltkriegs in Europa, des bisher tödlichsten imperialistischen Verbrechens in der Menschheitsgeschichte.

Im Zuge dessen wurde erstmals in der Sowjetischen Besatzungszone am 1. September 1946 ein „Weltfriedenstag der Jugend“ begangen. In der DDR wurde der Tag daraufhin als „Tag des Friedens“ zur Regelmäßigkeit, in Westdeutschland rief der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) erstmals im Jahr 1957 zu Aktionen unter dem Motto „Nie wieder Krieg“ auf. Seitdem ist der Tag zu einem Kampftag der antimilitaristischen Bewegung in Deutschland geworden.

Auch in diesem Jahr gingen bundesweit am 1. September wieder Tausende Menschen auf die Straße, vielerorts sind die Demonstrationen gewachsen. Das Netzwerk Friedenskooperative etwa zählt insgesamt über 170 Veranstaltungen im ganzen Land. Die Aktionen reichten dabei von Demonstrationen über Kundgebungen bis zu kreativeren Aktionen sowie Mahnwachen gegen den Krieg.



Die bestimmenden Themen: Sozialabbau und Aufrüstung

Rund um den diesjährigen Antikriegstag gründeten sich zur Vorbereitung der Proteste breite Bündnisse in zahlreichen Städten Deutschlands. Diese umfassten unter anderem Teile der traditionellen Friedensbewegung, welche pazifistische und teils russlandnahe Kräfte beinhalten. Besonders in den Großstädten prägten aber auch junge, revolutionäre und klassenkämpferische Organisationen den Ausdruck der Proteste.

Das spiegelte sich auch in den gezeigten Inhalten und den angestimmten Parolen wider: In Hamburg etwa war auf einem Transparent der Föderation Klassenkämpferischer Organisationen (FKO) „Sozialabbau stoppen, Kriege beenden, Sozialismus erkämpfen“ zu lesen. Auf der Demonstration unter dem Motto „Eure Kriege ohne uns!“ protestierten etwa 2.000 Menschen.

Die bestimmenden Themen zum Antikriegstag 2026 waren die zunehmende Aufrüstung, der damit einhergehende Sozialabbau sowie die anstehende Wiedereinführung der Wehrpflicht. Vor diesem Hintergrund beteiligten sich auch besonders junge Menschen, die in erster Linie von dem neuen Wehrdienstgesetz der Bundesregierung betroffen sind, an den Protesten. So bildete sich in Leipzig rund um den Schulstreik gegen das HaltWehrpflicht-Bündnis ein Jugendblock aus sozialistischen und kommunistischen Jugendorganisationen, welcher großen Zulauf erfuhr.

Auch der DGB rief wie in jedem Jahr zu Aktionen in einigen Städten auf. In seinem Aufruf wandte er sich unter anderem gegen eine Wiedereinführung der Wehrpflicht sowie „Kürzungen bei sozialer Sicherung, Bildung und öffentlicher Daseinsvorsorge“. Die zugrunde liegenden Ursachen für die Aufrüstung und den Sozialabbau werden jedoch nicht thematisiert.

Lokale Rüstungsstandorte: „Der Krieg beginnt vor der Haustür“

Ein größeres Thema in diesem Jahr war dabei die Frage danach, welche Ansätze für antimilitaristische Politik es auch im engeren Sinne in den eigenen Städten gibt. Dabei spielten besonders geplante oder existierende lokale Rüstungsstandorte eine wichtige Rolle. So war beispielsweise die neue Munitionsfabrik von Rheinmetall in Berlin-Wedding bereits mehrere Male Austragungsort von kämpferischem Protest.

Ostdeutschland kommt dabei als mögliche logistische Drehscheibe auch eine besondere Rolle in den aktuellen Kriegsvorbereitungen zu. Aktuell stehen hier gleich mehrere Bauprojekte in der kriegsrelevanten Industrie an. In der sachsen-anhaltinischen Stadt Sangerhausen soll eine Produktionsstätte des israelischen Rüstungskonzerns Elbit Systems entstehen.

In Leipzig wurde wiederum jüngst bekannt, dass die US-israelische Rüstungsfirma Covenant den Bau von Mittelstreckenraketen vor Ort angehen will. Lokale Organisationen und Bündnisse riefen im Zuge dessen dazu auf, sich besonders deswegen am Antikriegstag sowie an weiteren Protesten zu beteiligen. „Sie riskieren unser aller Leben und machen unsere Nachbarschaften zur Zielscheibe, nur um ihre imperialistischen Kriege und die Profitinteressen der Rüstungskonzerne abzusichern“, schreibt dazu etwa das Solidaritätsnetzwerk Leipzig.

Deutschland ist dabei der viertgrößte Waffenlieferant der Welt, zuletzt befanden sich die deutschen Waffenlieferungen, gemessen an der Höhe der Ausgaben, auf einem neuen Rekordniveau. Dass der deutsche Staat damit aktiv Kriege in aller Welt finanziert und stützt, wurde auch auf den zahlreichen Protesten am 1. September thematisiert. In Solidarität mit der kurdischen Befreiungsbewegung kamen etwa in Hamburg Rauchfarben in der Fahne Rojavas zum Einsatz.

Der Antikriegstag ist vorbei – der Protest geht weiter

Gleichzeitig beginnt mit dem Antikriegstag auch das antimilitaristische Rheinmetall Entwaffnen-Aktionscamp in Köln. Wie bereits in den vergangenen zwei Jahren plant das Bündnis auch in diesem Jahr, breiten Protest gegen lokale Kriegsprofiteure zu organisieren und darüber hinaus zahlreiche Kräfte der antimilitaristischen Bewegung zusammenzubringen und zu inhaltlichem Austausch anzuregen.

Die Polizei versuchte dabei, eine gemeinsame Demonstration vom Aktionscamp heraus einzuschränken. Die Rote Jugend Deutschland berichtet jedoch, dass sich die Protestierenden den Einsatzkräften widersetzten und damit eine gemeinsame, kämpferische Anreise zur Startkundgebung ermöglichten. Das Rheinmetall-Entwaffnen-Camp selbst wird noch bis zum 6. September in Köln stattfinden. Am Samstag wird es eine große Antikriegsdemonstration geben; diese wurde im letzten Jahr brutal von der Polizei zusammengeschlagen und aufgelöst.

In der kommenden Zeit wird es darüber hinaus auch weitere Möglichkeiten geben, sich an antimilitaristischen Protesten zu beteiligen. Am 3. Oktober finden etwa in Stuttgart und Berlin bundesweite Friedensdemonstrationen statt. An diesen beteiligten sich bereits im vergangenen Jahr auch zahlreiche revolutionäre und klassenkämpferische Organisationen.

Doch auch der September bleibt ereignisreich: So wird vom 22. bis 24. September im nordrhein-westfälischen Essen eine NATO-Konferenz stattfinden, kurz darauf veranstaltet das Militärbündnis ebenso ein groß angelegtes Manöver in Hamburg. Zu beiden Anlässen rufen bereits jetzt Bündnisse und Initiativen zu breiten Demonstrationen und Aktionstagen auf.

Erstveröffentlicht auf Perspektive Onlinehttp://www.perspektive-online.net
Tausende protestieren …

Wir danken für den in CC gestellten Beitrag und die Überlassung des Friko-Redebeitrags.

Redebeitrag von Jutta Kausch-Henken:

Desertieren in der Ukraine

Zu Fuß über die Karpaten, um dem Krieg zu entkommen

Musa Kaplan im Gespräch mit Alexej aus Zaporizhzhia

Titelmotiv: Denkmal für die Opfer der NS-Militärjustiz in Ulm

Das Bild von einer Ukraine, die im Widerstand gegen Russland zu ihrer nationalen Einheit findet, ist Propaganda. Vor Ort sieht es anders aus: Anfang dieses Jahres klagte der damalige ukrainische Verteidigungsminister, Mychajlo Fedorow, zwei Millionen junge Männer würden versuchen, die Einziehung zum Krieg zu vermeiden. Stand November 2025 gab es laut ukrainischen Behörden darüber hinaus rund 56200 Desertionsverfahren und 255000 Verfahren wegen unerlaubter Abwesenheit.

Alexej kommt aus der Ukraine, aus Saporischschja. Er ist Künstler und hat als Kunstlehrer gearbeitet. Im Jahr 2024 musste er die Ukraine wegen der Mobilisierung verlassen. Über Rumänien ist er nach Deutschland gekommen. Er ist Mitglied der Postsowjetischen Linken. Mit ihm sprach Musa Kaplan.

Wie war die Zeit vor dem Krieg?

Der Krieg in der Ukraine hat nicht erst im Jahr 2022 begonnen, sondern schon 2014, als Russland die Krim annektierte und der Krieg im Donbas begann. Damals wurden die Menschen, die zuvor schon einen Kriegsdienst geleistet hatten, zuerst mobilisiert. Das betraf mich noch nicht, denn ich habe nicht in der Armee gedient.
Damals beriefen sie einen Freund von mir ein. Er ist im Juli im Krieg gestorben. Für mich war das eine schockierende Information. Das war das erste Mal, dass dieser Krieg mich persönlich betraf. Dieser Mensch war vollkommen unpolitisch, für ihn gab es keinen Unterschied zwischen Russland und der Ukraine. Er gab sein Leben für diesen Konflikt. Ich konnte mir nicht erklären, wofür das alles gut sein soll.
Abgesehen von einigen Konflikten mit ukrainischen Nationalisten betraf mich der Krieg in den Jahren nicht so sehr. Etwa 2020 habe ich angefangen, mich für linke Politik zu interessieren. Als dann 2022 alles angefangen hat, war ich schon deutlich politisierter. Ich wusste schon im Vorhinein, dass dieser Krieg kommen würde. Ich verstand auch, wie absurd das alles ist, und wusste, dass der Krieg nichts mit mir zu tun hat. Damals habe ich mich entschieden, dass ich mich nicht an diesem Krieg beteiligen werde, weder auf der Seite von Russland, noch von der Ukraine.
Zu Beginn schien es, als könnte Saporischschja von Russland besetzt werden. Im Sommer stellte sich heraus, dass die Front nicht bis zu uns vorrücken würde. Damals kehrte das Leben in unsere Stadt zurück, ich habe zu der Zeit weitergearbeitet. Ich habe nicht geplant, mich zu mobilisieren, und die Militärverwaltung behelligte mich auch nicht weiter. In der Zeit habe ich mehrmals Einberufungsbescheide erhalten.

Wie hast du darauf reagiert?

Im Mai 2024 wurde ich dann von der Polizei auf der Straße verhaftet. Nicht, weil ich ein Verbrechen begangen habe, sondern für die Kriegsdienstdatenbank. Sie meinten, ich hätte zuvor einen Einberufungsbescheid bekommen und nicht darauf reagiert.
Ich wurde dann von Mitgliedern der Regionalen Rekrutierungsbehörde TCK in einen Bus gesetzt. Sie haben mich relativ anständig behandelt, niemand von ihnen hat mich geschlagen oder verprügelt. Dann haben sie mich auf die Militärkommission mitgenommen, wo ich eine Geldstrafe und eine medizinische Untersuchung erhielt.
Auf der Kommission waren viele Menschen, die in einer ähnlichen Situation waren wie ich und direkt eingezogen wurden. Ich habe gesehen, wie sie die Menschen dort behandeln, Konflikte provozieren, schimpfen. Wie durch ein Wunder haben sie mich erst mal wieder laufen lassen. Da habe ich entschieden, nie mehr dort hin zurückzukehren. Ich beschloss, die Strafe nicht zu zahlen, und arbeitete noch zwei Wochen weiter.
Dann hat die ukrainische Regierung ein neues Mobilisierungsgesetz beschlossen. Gemäß diesem Gesetz hat niemand das Recht, in staatlichen Unternehmen zu arbeiten, ohne seine Wehrdienstdaten aktualisiert zu haben. Und eine solche »Aktualisierung der Daten« bedeutet fast zwangsläufig, dass die betreffende Person anschließend zur Armee einberufen und nach ein paar Monaten an die Front geschickt wird.
Die Chefs aller staatlichen Unternehmen, auch die Direktoren der Schulen, begannen, ihre Mitarbeiter zum Militärdienst zu schicken. Nachdem meine Verwaltung zwei Aufforderungen wegen mir bekommen hatte, habe ich meinem Direktor gesagt, dass ich nicht gehen werde. Die Verwaltung hatte kein Recht, mich weiterzubeschäftigen, sonst wäre sie bestraft worden. Also fragte ich, ob ich kündigen sollte oder ob sie mir kündigen wolle. So verlor ich im Sommer 2024 meine Arbeit.
Ich dachte, mein Vorgesetzter würde mich in den Kriegsdienst schicken, aber er hat das nicht getan. Auch von anderen habe ich viel Verständnis für meine Entscheidung erfahren.

Wie hast du dich auf deine Flucht vorbereitet?

Es war eine schwierige psychische Situation für mich. Ich habe die Arbeit sehr geliebt, es war meine erste richtige Arbeit. Nun hatte ich sie verloren. Ich musste mir überlegen, wie es weitergehen sollte und wie ich Geld verdienen könnte.
Im Juni letzten Jahres habe ich dann angefangen, darüber nachzudenken, die Ukraine illegal zu Fuß zu verlassen. Seit Beginn der Zwangsmobilisierung gab es viele Berichte darüber. Ein Freund, der bereits eingezogen war, hat mir eine Telegram-Gruppe empfohlen. Es gibt viele Betrüger, die die Situation ausnutzen, um Geld damit zu verdienen. Aber diese Gruppe war gut, es waren keine Betrüger.
Ich fand einen Partner für den Grenzübertritt an der Grenze zwischen der Ukraine und Rumänien. Wir planten, gemeinsam über die Karpaten zu gehen. Es gibt auch Menschen, die nach Belarus flüchten.
Über die Berge nach Rumänien ist der schwierigere, gefährlichere Weg, aber das Risiko, dabei verhaftet zu werden, ist niedriger. Mir erschien es am besten, den Grenzübertritt im Oktober zu versuchen. Einen Monat lang haben wir uns vorbereitet, Ausrüstung eingekauft und zwei Probewanderungen unternommen. Dann sind wir in die Westukraine, in die Karpaten gefahren. Diese Fahrt war riskant. Glücklicherweise haben wir es ohne Probleme in ein kleines Dorf geschafft, das noch ziemlich weit von der Grenze entfernt lag.

Wie habt ihr es über die Grenze geschafft?

Wegen des Krieges und der Mobilisierung gab es dort keine Touristen, insgesamt waren wenige Menschen dort. Den ersten Tag nutzten wir zum Ankommen und zum Training, danach machten wir uns auf den Weg über die Grenze. Wir waren sechs Tage lang unterwegs.
Der Weg war schwierig. Wir kamen durch Orte, in denen wir nicht gesehen werden durften und uns verstecken mussten, und wir liefen über schwieriges Terrain. Unterwegs fanden wir einige Gegenstände, die Menschen vor uns zurückgelassen hatten: Schuhe, Klamotten, Zelte, Schlafsäcke. Als wir schließlich am Grenzzaun ankamen, sahen wir, dass er bereits verbogen war, dass wir nicht die Ersten waren.
Es gab Gerüchte, dass der ukrainische Grenzdienst rumänisches Gebiet durchsucht. Deswegen gingen wir schnell weiter. In Rumänien war das Gebiet genauso unwegsam wie zuvor in der Ukraine.
Wir gingen weiter bis Einbruch der Dunkelheit. In der Nacht haben wir einen Hirten mit Hunden getroffen, der uns zu sich eingeladen hat. Er sagte uns, dass er auch andern Kriegsdienstverweigerern hilft. Während wir warteten, streifte ein Bär an uns vorbei. Nach einer Weile kamen zwei weitere Verweigerer dazu. Für einen von ihnen war es schon der zweite Versuch, die Grenze zu übertreten. Beim ersten Mal wurde er von ukrainischen Grenzbeamten verhaftet und verprügelt.
Wir bedankten uns bei dem Hirten für seine Hilfe und gaben ihm Geschenke. Der Hirte schlug vor, rumänische Grenzbeamte zu rufen. In der Gegend gab es kein Mobilfunknetz, weshalb er einen vorbeifahrenden Bekannten, einen Wildhüter, bat, die Grenzschutzbeamten zu rufen. Dann kamen die Grenzer, sie haben uns vier in einem Auto auf ihre Station in einem kleinen Ort in der Nähe mitgenommen. Dort wurden wir in einen provisorischen Haftraum gesteckt. Es war keine Zelle, sondern einfach ein Raum mit Betten. Dort waren viele andere Kriegsdienstverweigerer. So viele, dass es keine freien Plätze mehr in dem Zimmer gab.
Auf dieser Station wurden wir verhört, außerdem durften wir telefonieren. Am nächsten Tag wurden wir gleich morgens in einen größeren Ort mitgenommen, an einen Migrationspunkt, und erhielten dort einen sogenannten »vorübergehenden Schutz«. Der Kontakt mit den rumänischen Grenzbeamten war in Ordnung, auf dem Weg dorthin lachten sie mit uns Kriegsdienstverweigerern.
Es gab eine ukrainische Übersetzerin dort, die uns unsere aufenthaltsrechtliche Situation erklärte. Das war für uns nicht so wichtig, weil niemand plante, in Rumänien zu bleiben.
Am nächsten Tag reisten wir weiter. Viele reisten nach Serbien oder Moldawien, um die EU zu verlassen, wieder einzureisen und so einen Einreisestempel zu erhalten. Das ist wichtig, weil wir alle nicht über offizielle Grenzübergänge in die EU einreisen und uns diese Stempel daher fehlen.
Mein Partner und ich trennten uns, er ging zum Bahnhof und ich an den Flughafen, um nach Deutschland zu fliegen. Einen Monat nach meiner Ankunft habe ich angefangen, hier zu arbeiten. Inzwischen habe ich auch ein Bleiberecht.

Wie ist der Kontakt mit deiner Familie und deinen Angehörigen?

In Russland leben noch sehr entfernte Verwandte. Wir halten den Kontakt zu den Personen aufrecht, mit denen wir zuvor schon ein gutes Verhältnis hatten. Der Krieg hat unsere Beziehungen in keiner Weise beeinflusst.
Mit einem Teil der Verwandten hatten wir auch vor Beginn des Angriffskriegs keinen Kontakt, weil ihre Lebensanschauungen nicht mit unseren übereinstimmen, und sich aus diesen Ansichten auch ihre gesellschaftliche und politische Haltung ableitet.
In der Ukraine ist die Situation komplizierter. Es gibt Verwandte, die aufgrund ihres Alters und ihres Gesundheitszustands nicht an einen sicheren Ort gebracht werden können, sodass wir ihnen im Rahmen unserer Möglichkeiten helfen müssen – das ist derzeit sehr schwierig.

Erstveröffentlicht in der SoZ August 2026
https://www.sozonline.de/2026/08/ein-ukrainischer-kriegsdienstverweigerer-erzaehlt/

Wir danken für das Publikationsrecht.

Diese Seite verwendet u. a. Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung