Nach vier Jahren: Besetzte Fabrik in Florenz von Räumung bedroht

Alle verbliebenen Arbeitsverträge des Fabrikkollektivs ex-GKN gekündigt

Von Anton Benz

Bild: workers.coop

Ausgerechnet zum vierten Jahrestag der Werksbesetzung eines ehemaligen Automobilzulieferers spitzt sich die Lage für das Fabrikkollektiv ex-GKN dramatisch zu: Denn Ende Juni beschloss ein Finanzgericht die Räumung der Fabrik, wie Cedric Büchling, Teil eines Unterstützungsnetzwerks, »nd« berichtet. Vorausgegangen war diesem Schritt die Kündigung der etwa 120 verbliebenen Arbeitsverträge. Es war die dritte Kündigungswelle – und die erste, die vor Gericht bestand.

Genau vier Jahre liegt der erste Versuch zurück, die Belegschaft loszuwerden: Am 9. Juli 2021 wurde allen GKN-Angestellten in Campi Bisenzio über Nacht per Mail gekündigt. Das schon Jahre zuvor gegründete »Fabrikkollektiv«, ein Zusammenschluss der Arbeiter*innen, ging erfolgreich gerichtlich vor und versammelte alle Beschäftigten zu einer permanenten Betriebsversammlung an dem Produktionsstandort, die bis heute anhält. Doch mit der Räumungsanordnung ist deren Fortgang so ungewiss wie nie. Dabei deutet vieles darauf hin, dass es dem Eigentümer des Geländes nicht um die Neuansiedlung eines weiteren Unternehmens geht – sondern lediglich um Immobilienspekulation.

Hoffnung für das Fabrikkollektiv birgt ein Gesetz der toskanischen Landesregierung vom Dezember 2024, das genau solchen Spekulanten entgegenwirken soll: Es ermöglicht die Gründung von Industriekonsortien in öffentlicher Hand, die die Reindustrialisierung stillgelegter Produktionsstätten fördern sollen, insbesondere durch die Unterstützung von Arbeitergenossenschaften.

Dieses Gesetz könne die Rechtsgrundlage bieten für das Vorhaben des Fabrikkollektivs, in Campi Bisenzio als Genossenschaft Lastenräder und Solarpanele zu produzieren. Mit diesem Plan haben sich die Arbeiter*innen viel Unterstützung in der Region und ganz Europa eingebracht. Vielen dient das Projekt als Vorbild für die Konversion der fossilen Autoindustrie, auch in Deutschland. Im kleinen Maßstab läuft die Herstellung von Rädern bereits, eine Genossenschaft ex-GKN for Future mit Anteilszusagen in Höhe von über einer Millionen Euro steht in den Startlöchern und die italienische Genossenschaftsbank Banca Etica hat ein »Reindustrialisierungskonzept« für finanziell tragfähig befunden.

Ende vergangener Woche hat die dritte Gemeinde der Region beschlossen, dem Industriekonsortium der Region Florenz beizutreten, das die ehemalige GKN-Fabrik übernehmen und anschließend an die Genossenschaft des Fabrikkollektivs übertragen könnte. Mitte Juli soll mit der Stadt Florenz die vierte und letzte Gemeinde der Region über ihren Beitritt zu diesem rechtlichen Zusammenschluss entscheiden. Für August ist dann die erste Gesellschafterversammlung des Konsortiums geplant und das Fabrikkollektiv hofft, dass möglichst bald über die Übernahme entschieden wird.

Doch was ist, wenn die Räumung der Fabrik dem zuvorkommt? Würde sie das Ende des Kampfes für eine Umstellung vom Autozulieferer zum Lastenradhersteller in Arbeiterhand bedeuten? Nicht unbedingt: Das 40 000 Quadratmeter große Industrieareal würde zunächst weiterhin brachliegen, das Gesetz der Landesregierung dementsprechend weiterhin greifen. Aber, meint Büchling: »Im Zweifel könnte es dazu kommen, dass eine Ausweichfläche gefunden werden muss.«

Büchling hält es für unwahrscheinlich, dass eine Räumung unmittelbar bevorsteht. Zumindest nicht vor den »großen Events« am Wochenende, für die er und viele andere Unterstützer*innen aus ganz Europa nach Italien reisen werden. Gemeint ist die Feier des vierten Jahrestags der Besetzung am Freitag mit vielen Konzerten mitten in Florenz. Und die große Genossenschaftsversammlung am Samstag.

Erstveröffentlich im nd v. 9.7. 2025
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1192488.fabrikkollektiv-ex-gkn-nach-vier-jahren-besetzte-fabrik-in-florenz-von-raeumung-bedroht.html?sstr=GKN

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Die Volksbühne erinnert an den Arbeitskampf im Berliner Kino »Babylon« vor 15 Jahren

Berlin: Streik im Kino, Punk im Theater

Von Peter Nowak

Ein Arbeitskampf in dem Berliner Kino »Babylon« am Rosa-Luxemburg-Platz mit nicht einmal drei Dutzend Beschäftigten schlug 2009/10 ungewöhnlich hohe Wellen. Das lag auch daran, dass damals die Basisgewerkschaft Freie Arbeiter*innen-Union (FAU) die Beschäftigten vertrat. 15 Jahre später ist dieser Arbeitskampf nicht mehr so bekannt. Am Donnerstagabend wurde im Roten Salon der Volksbühne im Rahmen der Veranstaltungsreihe »Vergessene Arbeitskämpfe – Ein Punk-Abend« daran erinnert.

»Es ist faszinierend zu sehen, wie gut das Konzept ›Punk trifft auf Arbeitskampf‹ funktioniert«, sagt Martin, einer der Gäste, der die im Saal angebrachte Wandzeitung ausführlich studierte. Er habe vom »Babylon«-Kampf gehört, sei damals noch Schüler gewesen und habe gerade begonnen, sich für linke Politik zu interessieren. »Mir ist aber nicht klar gewesen, dass durch den Arbeitskampf die Basisgewerkschaft FAU sogar in ihrer Existenz bedroht war.« Er habe erst während der Veranstaltung erfahren, dass der FAU damals die Gewerkschaftsfähigkeit aberkannt wurde. »Ich hätte gar nicht gedacht, dass eine solche Maßnahme in Deutschland möglich ist«, sagt Martin.

Der Rote Salon ist ein gleich in mehrfacher Hinsicht passender Ort für die Veranstaltung. Die Volksbühne befindet sich in unmittelbarer Nähe des Kinos »Babylon«. Zudem fand genau in diesem Saal am 30. Januar 2010, also vor mehr als 15 Jahren, eine Diskussionsveranstaltung über »Neue Formen von Arbeitskampf und kollektiver Organisierung« im Rahmen des Arbeitskampfes statt. Ein Mitschnitt der Debatte war am Donnerstagabend auf einem Bildschirm zu sehen. Auf einem zweiten Monitor lief ein weiterer fast einstündiger Dokumentarfilm, der von Streikenden und Unterstützer*innen vor 15 Jahren gedreht wurde.

Die Filme stießen beim Publikum auf großes Interesse. Selbst während die beiden Berliner Punkbands »Batterrrii« und »Zwang« auf der Bühne standen, widmeten sich einige den Dokumentarfilmen oder der dreiseitigen Wandzeitung, die sämtliche Stationen des fast zweijährigen Arbeitskampfes im »Babylon« auflistete.

»Es war der Mut der Belegschaft, die sich gegen die miserablen Arbeitsbedingungen in dem Kino wehrten und einen Tarifvertrag forderten«, sagt Hansi Oostinga von der FAU. Er war vor 15 Jahren als Mitglied der Basisgewerkschaft in dem Arbeitskampf aktiv. Er schildert, wie die Kinoleitung auf die Forderungen von Belegschaft und Gewerkschaft mit Ablehnung reagierte. Nur einmal sei es zu einem Treffen zwischen FAU und der Leitung bekommen, sagt Oostinga. Danach sei die Kinoleitung immer auf Konfrontationskurs gegangen. FAU-Mitglieder wurden mithilfe der Polizei aus dem Kino geworfen.

»Mir ist nicht klar gewesen, dass durch den Arbeitskampf die Basisgewerkschaft FAU sogar in ihrer Existenz bedroht war.« Martin Besucher

Am 16. Juni 2009 begann der Streik der »Babylon«-Beschäftigen, der knapp einen Monat später mit einem Boykottaufruf verschärft wurde: Solidarische Kinobesucher*innen wurden aufgerufen, das Kino zu meiden, bis die Forderungen der Beschäftigten nach besseren Arbeitsbedingungen und einem Tarifvertrag umgesetzt sind. Solche Boykottaufrufe gehören seit vielen Jahren zu den Instrumentarien von Gewerkschaften im Arbeitskampf. Die Leitung des »Babylon« reagierte mit juristischen Mitteln und beantragte, der FAU ihre Gewerkschaftsfähigkeit abzusprechen.

Nachdem das Arbeitsgericht dem Antrag stattgegeben hatte, sei für die FAU eine »gefährliche Situation« entstanden, erinnert sich ein Mitglied der Basisgewerkschaft. »Die FAU musste zunächst jede gewerkschaftliche Aktivität einstellen, weil sonst hohe Strafzahlungen gedroht hätten.« Sofort setzte eine länderübergreifende Solidaritätskampagne ein, bis das Verbot aufgehoben wurde. Die dokumentierte Diskussionsveranstaltung war ein Höhepunkt dieser Arbeit. Dort sprachen neben Holger Marcks für die FAU auch Jochen Gester von der IG Metall und Renate Hürtgen, die 1989 als linke DDR-Oppositionelle die Initiative für eine unabhängige Gewerkschaft mitgegründet hatte. Dort hatte seinerzeit die FAU mitgearbeitet, die Hürtgen damals kennenlernte.

»Es ist nach 15 Jahren immer noch höchst interessant nachzuhören, auf welch hohem Niveau damals auf der Veranstaltung über die Notwendigkeit basisdemokratischer Strukturen in der Gewerkschaftsbewegung gesprochen wurde. Das ist heute noch genauso aktuell, aber leider wird weniger darüber geredet«, sagt Konzertbesucherin Miriam zu »nd«. Sie hat bereits zum dritten Mal eine Veranstaltung der Reihe »Vergessene Arbeitskämpfe« im Roten Salon der Volksbühne besucht. »Mich überzeugt das Konzept, neben Punkmusik noch mehr über einen Arbeitskampf zu erfahren«, so die junge Besucherin.

Bei den mittlerweile fast 50 Punk-Abenden wurden in der Reihe »Vergessene Arbeitskämpfe« unterschiedliche Streiks in aller Welt thematisiert. Der Ausstand der überwiegend migrantischen Frauen beim Autozulieferer Pierburg im Jahr 1973 stand ebenso im Mittelpunkt eines Abends wie der Arbeitskampf der Minenarbeiter*innen in Südafrika 2012 und der Streik der Streichholzfrauen in Norwegen im Jahr 1898.

Der »Babylon«-Arbeitskampf ist leider keine Erfolgsgeschichte. 2015 startete die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi dort noch einmal einen Arbeitskampf und war ebenso wie fünf Jahre zuvor die FAU mit dem Konfrontationskurs der Kinoleitung konfrontiert. Verdi konnte schließlich nur Abfindungen für ihre Mitglieder aushandeln. Heute ist das Kino wieder gewerkschaftsfrei.

Hansi Oostinga sieht schwere Fehler bei Verdi: »Die Gewerkschaft wollte vor 15 Jahren nicht akzeptieren, dass die FAU in dem Kino die größte Gewerkschaft war, und nahm Verhandlungen mit der Kinoleitung gegen den Willen der Mehrheit der Belegschaft auf.« Als die FAU im Kino kein Faktor mehr war, war auch für Verdi dort kein Platz mehr. Oostinga ist überzeugt: »Hätten wir vor 15 Jahren im «Babylon» alle an einem Strang gezogen, sähe es heute vielleicht anders aus mit der gewerkschaftlichen Organisierung in dem Kino.«

Erstveröffentlicht im nd v. 7.7. 2025
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1192430.arbeitskampf-berlin-streik-im-kino-punk-im-theater.html

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Nach der Konzernerklärung zum 8. Mai – Gedenkstätten in Erklärungsnot

Von Ulrich Sander

Im Februar 2025 hat die Dortmunder Verwaltung beschlossen, die Beweise von Naziverbrechen ökonomischer Eliten aus dem Verkehr zu ziehen. Die Erinnerungsarbeit wird verändert, indem die Gedenkstätte Steinwache gereinigt wird von dem Material, das die Verbrechen führender Industrieller nachweist. Der siebte Themenraum »Die Schwerindustrie setzte auf Hitler« wurde ab 1. Juni für immer geschlossen.

Begründung: Neue Beweise würden die Vögler, Flick, Springorum, Krupp, Kirdorf, Reusch und Co. entlasten. Die Mitgliedermassen der NSDAP und nicht die Industrie hätten die Partei finanziert. Es wurde zuletzt noch ein neuer Kurzkatalog herausgegeben, in dem es zum Raum 7 heißt: Der Zentrumspolitiker Franz von Papen sei derjenige gewesen, der am 30. Januar 1933 von Reichspräsident Hindenburg mit der Regierungsbildung beauftragt wurde. Die Industrie habe Papen und nicht Hitler gewollt. Papen habe dann Hitler zur Kanzlerschaft verholfen.

Neue Beweise gibt es für die Verbrechen der Industriellen – so im Buch des führenden Wirtschaftshistorikers Adam Tooze mit dem bezeichnenden Titel »Ökonomie der Zerstörung«.

Und ganz neu: Die Erklärung von 49 führenden Konzernvertretern zum Jahrestag des 8. Mai 1945. Darin heißt es: »Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 wäre ohne das Versagen der damaligen Entscheidungsträger in Politik, Militär, Justiz und Wirtschaft nicht denkbar gewesen. Heute übernehmen wir als deutsche Unternehmen Verantwortung, die Erinnerung an die Verbrechen der NS-Zeit sichtbar zu machen.« Die Konzerne hätten entscheidend dazu beigetragen, das NS-Regime zu »festigen«.

Das Konzerndokument bringt die staatliche Erinnerungspolitik im ganzen Land in Erklärungsnot. In Gedenkstätten wurden kapitalismuskritische antifaschistische Aussagen getilgt. Das ging so weit, dass in der Wewelsburg bei Paderborn, der einstigen Kultstätte der SS, kein Wort zum Freundeskreis Reichsführer SS, dem Keppler-Kreis gesagt wird – die Mitglieder aus der Wirtschaft machten ja nach 1945 weiter.

Offenbar geschah die Änderung der Gedenkstätten auf Weisung der Regierung, ja des Verfassungsschutzes. Die Formulierung im Schwur von Buchenwald, dass die Vernichtung des Nazismus mit »seinen Wurzeln« notwendig sei, wird als verfassungswidrig gewertet, da gegen den Kapitalismus gerichtet, der als Bestandteil des Grundgesetzes anzusehen sei – was nicht der Wahrheit entspricht. Der Kapitalismus wird nicht im Grundgesetz erwähnt, ist nicht von ihm geschützt.

Die Erinnerungsarbeit der VVN-BdA NRW findet mit der Konzernerklärung, auch wenn diese nicht ausreichend ist (siehe die Seite 13 der antifa) eine Ermutigung.

In den Gedenkstätten sind die den Kapitalismus beschönigenden Darstellungen bzw. Unterlassungen rückgängig zu machen. In Oberhausen sollte zum Beispiel die Losung »Faschismus kommt nicht über Nacht, er wird vom Kapital gemacht« wieder an der Gedenkhalle angebracht werden. Stadtrundgänge sollten auch an Stätten der ökonomischen Täter führen. Die Kampagne »Verbrechen der Wirtschaft« wird neue Impulse bekommen. Ulrich Sander

Literaturhinweise: Günter Gleising, Verbrechen der Wirtschaft, RuhrEchoVerlag, 2017 und Ulrich Sander (Hg.), Von Arisierung bis Zwangsarbeit. Verbrechen der Wirtschaft an Rhein und Ruhr 1933-1945, Papyrossa Verlag, Köln 2012.

Ferner Veröffentlichungen der VVN-BdA gemeinsam mit der Stadt Herten mit Hinweisen auf Stätten des NS-Terrors in der Stadt: www.vvn-bda-re.de/pdf/Gedenkplattenverlegungen.pdf und besonders: nrw-archiv.vvn-bda.de/bilder/spurensuche_herten.pdf

Erstveröffentlicht in der antifa, Magazin der VVN BdA Juli/August 2025

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