Kommission „Justitia et Pax“ der Deutschen Katholiken für die Ächtung der Atomwaffen

Von Leo Ensel

Unter dem Titel „Die Ächtung der Atomwaffen als Beginn nuklearer Abrüstung“ hat, noch vor Beginn des Ukrainekrieges und vom Mainstream völlig ignoriert, die Deutsche Kommission „Justitia et Pax“ der katholischen Kirche ein Dossier herausgebracht, das gerade wieder eine bestürzende Aktualität erlangt hat.

„Die bipolare Welt beginnt sich trotz der noch vorhandenen Dominanz der Supermacht USA wirtschaftlich, politisch und militärisch zu einer multipolaren Welt zu entwickeln. Regelverletzungen und Vertragsbrüche nehmen zu, multilaterale Abkommen werden durch bilaterale ‚Deals‘ ersetzt, Desinformation und Fake-News verwirren Öffentlichkeit und Politik. Vertrauen als Basis friedlicher internationaler Beziehungen verliert rapide an Wert. Die Machtverhältnisse in der Welt verschieben sich dramatisch, ohne sich zu einer neuen Weltordnung zusammenzufügen, weil allgemeine Normen und Regeln entweder immer häufiger nationalen Interessen geopfert werden oder ihr universeller Geltungsanspruch bestritten wird. Zu den bedenklichen Entwicklungen gehört die Tendenz, die Vereinten Nationen an den Rand der internationalen Politik zu drängen, ganz zu ignorieren oder gar ihre Bemühungen zu hintertreiben.“

Nein, diese Sätze stammen nicht aus dem Interview, das die Financial Times im Sommer vor drei Jahren mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin führte, sondern – halten Sie sich fest! – aus einem Dossier der Deutschen Kommission „Justitia et Pax“ (Gerechtigkeit und Frieden) der katholischen Kirche! 

Die Ächtung der Atomwaffen

Jawohl, Sie haben richtig gelesen! Ziel des unter dem Titel „Die Ächtung der Atomwaffen als Beginn nuklearer Abrüstung“ veröffentlichten Papiers ist nichts weniger als die ethische Delegitimierung der Atomwaffen und damit der gesamten Politik der atomaren Abschreckung – und zwar ohne jegliches Wenn und Aber. Das Dossier – das bereits vor dreieinhalb Jahren veröffentlicht wurde, im Zuge des Ukrainekrieges und nach dem jüngsten Vorrücken des Zeigers auf der ‚Weltuntergangsuhr‘ auf 90 Sekunden vor Mitternacht aber eine beklemmende Aktualität erlangt hat – kommt, wir greifen vor, zu dem Schluss, dass „weder der Besitz noch der Einsatz von Atomwaffen ethisch oder politisch zu rechtfertigen ist.“

Man sollte aus der Tatsache, dass das Dossier ausgerechnet im Umfeld der katholischen Kirche erstellt wurde, nicht voreilig falsche Schlüsse ziehen: Hier geht es nicht um akademische Glasperlenspiele weltfremder Moraltheologen oder -philosophen im Elfenbeinturm. Das Papier will eingreifen. Seine erklärte Absicht ist es, „überzeugende Impulse für die internationale Debatte zu leisten und die verschiedenen Friedensbemühungen zu unterstützen.“ Die moralische Ächtung der Atomwaffen soll, wie der Titel der Schrift bereits andeutet, die ethische Fundierung für ein Verbot dieser Massenvernichtungsmittel liefern. Und damit deckt sich das Anliegen von „Justitia et Pax“ exakt mit dem von ICAN (International Campaign to Abolish Nuclear Weapons), der 2007 gegründeten Initiative zur vollständigen Abschaffung der Atomwaffen, die 2017 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde: im Rahmen der Vereinten Nationen mittel- oder längerfristig einen Vertrag zum völkerrechtlichen Verbot von Atomwaffen durchzusetzen. (In einer ersten Abstimmung im Sommer vor fünf Jahren stimmten bereits 122 Staaten für diesen Vertrag. Die Atomstaaten sowie die meisten NATO-Staaten – inclusive Deutschland – entzogen sich dagegen den Verhandlungen. Der Vertrag trat am 22. Januar 2021 in Kraft – was die Atommächte allerdings nicht daran hindert, ihr Arsenal weiter zu ‚modernisieren‘.) 

Die Radikalisierung der Position: „Ethisch nicht mehr zu rechtfertigen!“

Natürlich argumentiert das Papier zunächst immanent, das heißt: Es setzt am letzten Stand der – vor allem in den Achtziger Jahren, der Hoch-Zeit der Friedensbewegung, intensiv geführten – innerkatholischen Debatte zur Legitimität der Abschreckungsstrategie und des Atomwaffenbesitzes an und konfrontiert den damaligen Debattenstand mit der aktuellen durch Erosion der Sicherheitspolitik und allseitige erneute atomare Aufrüstung gekennzeichneten militärpolitischen Weltlage. Die Kernargumente aber – das wird sich gleich zeigen und das macht den brisanten, über das katholische Umfeld weit hinausgehenden Stellenwert des Dossiers aus – sind nahezu eins zu eins auch für Protestanten, Orthodoxe, Gläubige anderer Religionen sowie für Agnostiker und Atheisten übernehmbar. 

Anschlussfähig sind diese Argumente nicht zuletzt deshalb, weil, wie das Papier klarstellt, „das übergreifende Anliegen der von katholischer Seite geforderten Friedenspolitik darin besteht, die Institution des Krieges durch den Auf- und Ausbau internationaler Institutionen und somit durch gewaltfreie und gewaltarme Konfliktlösungswege zu ersetzen. Die internationale Ordnung soll durch die Vereinten Nationen, den Internationalen Gerichtshof und Schiedsgerichte, durch internationales Recht und internationale Abkommen gestützt werden und ein friedliches Zusammenleben der Völker ermöglichen.“

Das Dossier radikalisiert die bisherige Position der katholischen Kirche zur nuklearen Abschreckung und verabschiedet sich damit von den gewundenen Formulierungen der Achtziger Jahre, die diese moralisch – mit viel Ach und Krach oder in den damaligen Worten: „mit schwersten Bedenken“ – als Kriegsverhütungsstrategie als gerade noch „befristet hinnehmbar“ bezeichnet hatten, „vorausgesetzt, die durch sie erkaufte Zeit werde politisch genutzt, um das ‚Gleichgewicht des Schreckens‘ zu überwinden.“ Die wichtigste Bedingung für diese vorbehaltliche Zustimmung lag also „in dem erkennbar ernsthaften Willen der Regierungen, diese prekäre und auf Dauer weder erfolgversprechende noch hinnehmbare Konzeption der Friedenssicherung durch weniger riskante Alternativen abzulösen.“ Die Schrift von „Pax et Justitia“ kommt dagegen zu dem unzweideutigen Schluss, „dass die bedingte Zustimmung zum Besitz von Atomwaffen ethisch nicht mehr zu rechtfertigen ist.“ Der Einsatz für eine friedliche Welt verlange vielmehr „eine uneingeschränkte internationale Ächtung von Atomwaffen, die ihren völkerrechtlichen Ausdruck in einem vollständigen Verbot von Atomwaffen findet, sowie gemeinsame Abrüstung.“

Die Erosion des Abschreckungssystems

Es ist nicht nur die – trotz zeitweiliger atomarer Abrüstungsschritte Ende der Achtziger Jahre – nicht genutzte Chance, die Strategie der Abschreckung grundsätzlich zu überwinden, die „Justitia et Pax“ zu einer Revision der bisherigen Bewertung genötigt hat. Es ist vielmehr ein Bündel der diesem System inhärenten Widersprüche auf dem Hintergrund dramatischer globaler Umbrüche, die in ihrer Zusammenschau diesen Schluss für die Autoren als zwingend erscheinen lassen.

Das System der atomaren Abschreckung erweist sich nämlich bei genauerer Analyse als unüberwindbar instabil und als unaufhebbar widersprüchlich. Unüberwindbar instabil ist das System, weil es in seiner tiefsten Wurzel von einem abgründigen Misstrauen genährt wird, das sich in den Worten der Autoren „fortwährend bestätigt sieht und hartnäckig auf Abhilfe durch mehr, bessere und überlegene Waffen drängt. Den fortgesetzten Anstrengungen der USA, einen zuverlässigen Abwehrschirm durch Raketen oder Laser aufzubauen, entspricht folgerichtig das Streben Russlands, superschnelle Raketen zu entwickeln, die durch kein Abwehrsystem abgefangen werden können.“ – Unaufhebbar widersprüchlich ist die Abschreckungsstrategie, weil sie erstens als Strategie der „massiven Vergeltung“, um glaubwürdig zu sein, genau das minutiös planen und vorbereiten muss, was sie angeblich verhindern will: Die alles vernichtende atomare Apokalypse. Sie ist es zweitens, wenn sie als Strategie der „flexible response“ auf der Illusion basiert, den Ablauf eines atomaren Konflikts steuern, gar begrenzen und gewinnen zu können. „Damit aber“, so die Autoren, „hebt sich die Strategie der atomaren Abschreckung selber auf. Denn womit ließe sich eine Atommacht, die einen atomaren Schlagabtausch siegreich beenden könnte, von einem Atomwaffenangriff abschrecken?“

Dem System der Abschreckung liegen zudem, laut „Pax et Justitia“, zwei verhängnisvolle Illusionen zugrunde: die Illusion der Wirkungskontrolle und die Illusion der Eskalationskontrolle. Zur angeblichen Wirkungskontrolle: Es liegt im Begriff der Massenvernichtungsmittel, dass sie den ethisch und völkerrechtlich hochbedeutsamen Grundsatz, die Zivilbevölkerung zu schonen, ignorieren. Dies gilt auch für die gegenwärtig geplanten sogenannten ‚kleinen‘ Atombomben, deren Sprengkraft kaum der Hiroshimabombe nachsteht. „Wenn in der neuen Nuklearplanung der USA ins Auge gefasst wird, auch gegnerische Zentren der Cyber-War-Kriegsführung nuklear zu attackieren, dann fällt es schwer, sich vorzustellen, wie das ohne die Tötung von Zivilisten durchgeführt werden könnte.“ Von den lokal gar nicht zu begrenzenden Strahlenschäden ganz zu schweigen. – Bezogen auf die Illusion der Wirkungskontrolle zitieren die Autoren trocken das bekannte Clausewitz‘sche Dictum, nach dem keine menschliche Tätigkeit so eng mit dem Zufall verbunden ist, wie der Krieg. „Die Strategie der atomaren Abschreckung ist kein rationales Kalkül, sondern verleitet zu einem riskanten Spiel mit Höchsteinsatz. Dessen Gefährlichkeit wächst in tendenziell unbeherrschbarem Maß, je mehr in einer multipolaren Welt mit noch mehr Atommächten schon rein rechnerisch die Zahl der möglichen Konflikte steigt.“

Das Verbot der Atomwaffen und ihre vollständige Abrüstung

Nach dieser schonungslosen Analyse liegen die Konsequenzen auf der Hand, auch wenn sie vorerst utopisch scheinen mögen: Das gesamte Konzept der atomaren Abschreckung ist ethisch nicht länger verantwortbar, die Atomwaffen müssen als uneingeschränkt verwerflich völkerrechtlich geächtet, abgerüstet und vollständig aus der Welt geschafft werden! Den Segen von Papst Franziskus dafür gibt es bereits.

Die Autoren sind nicht blauäugig: „Es wäre eine naive Illusion zu meinen, Konventionen oder Verträge brächten per se diese oder andere Waffen zum Verschwinden. Aber sie helfen nachweisbar dabei, Kontrollregime aufzubauen, die es wirksam erschweren, sie in großem Umfang herzustellen und zu lagern. Die beunruhigende Tendenz der Atommächte, sich der wenigen bestehenden Fesseln der nuklearen Rüstung durch Rüstungskontrolle und Abrüstung zu entledigen, darf auf keinen Fall widerspruchslos hingenommen werden.“

Da die Ächtung der Atomwaffen, die Überwindung der Strategie der atomaren Abschreckung und die Beseitigung der Atomwaffen ohne oder gegen die Atommächte nicht möglich sein wird, plädieren die Autoren leidenschaftlich dafür, alles zu unternehmen, um die Atmosphäre in den internationalen Beziehungen zu verbessern. Die Vertrauensbasis zwischen den Atommächten müsse schrittweise durch regelmäßige Kontakte und Gespräche in unterschiedlichen Foren und Formaten wiederhergestellt werden. „Das ist eine der Lehren aus den Jahren der Entspannungspolitik mit ihren Konsequenzen für die Rüstungskontrolle und Rüstungsbegrenzung.“ Der erste Schritt solle dabei vom Westen ausgehen: Die westlichen Staaten, insbesondere die USA sollten erklärtermaßen auf ihre militärische Überlegenheit verzichten. Diese Erklärung sollte „mit einer vorbehaltslosen Einladung an Russland und China verbunden sein, sich an der Wiederbelebung entspannungsorientierter Diplomatie zu beteiligen.“ Absolute Priorität habe zudem die Reformierung, Förderung und Stärkung der Vereinten Nationen, die in einer globalisierten Welt unverzichtbar seien.

Die feine Nase des Mainstream

Die aufmerksame Lektüre des Dossiers von „Pax et Justitia“ lässt nur einen Schluss zu: Hier war ein Team bestens informierter und scharfsinnig argumentierender Fachleute am Werke, das bereit ist, aus seinen Analysen kompromisslos die Konsequenzen zu ziehen und sie unmissverständlich auf den Punkt zu bringen. Das Dossier wurzelt in der katholischen Friedensethik, seine sicherheitspolitischen Analysen und deren radikale Konsequenzen jedoch – und das macht das Papier brisant – sind auch für Anders- oder Nichtgläubige kompatibel.

Und daher wird es diesmal für die atomaren Aufrüstungsapologeten sämtlicher Couleur wirklich gefährlich. Denn diese Schrift – vorausgesetzt, sie wird zur Kenntnis genommen und intensiv diskutiert – hat das Potenzial, die gesellschaftliche Mitte, die hier allein auf Dauer wirkungsvollen Druck entfalten kann, tatsächlich zu erreichen. 

Keiner hat das besser verstanden als der Mainstream in Medien und Politik, der mit seiner feinen Nase das Papier vollständig ignorierte. Dass niemand Geringeres als die katholische Kirche in ihrem Bemühen um die Ächtung der Atomwaffen nun ihrerseits vom Mainstream geächtet wird, das ist eine besonders delikate Kapriole unserer an paradoxen Salti mortali nicht armen vielfältigen Medienlandschaft!

Kurz: Man kann „Justitia et Pax“ zu diesem Dossier nur beglückwünschen und ihm weitestmögliche Verbreitung wünschen! (Und man träumt davon, die katholische Kirche würde sich in anderen Lebensbereichen, wie zum Beispiel im Missbrauchsskandal, ebenso klar und konsequent verhalten …)

Erstveröffentlicht in „Globalbridge“ v. 7.2. 2023
https://globalbridge.ch/die-schaerfste-kritik-der-atomaren-abschreckung-liefert-zur-zeit-die-katholische-kirche/
Wir danken für das Abdruckrecht

Den Frieden gewinnen – nicht den Krieg!

Erklärung der Initiative Die Waffen nieder zum Jahrestag des russischen Einmarschs in die Ukraine

Mit dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine am 24. Februar 2022 eskalierte der siebenjährige Krieg niedriger Intensität im Donbass – nach OSZE-Angaben mit 14.000 Toten, darunter 4.000 Zivilisten, zwei Drittel davon in den abtrünnigen Gebieten – zu einer neuen Qualität militärischer Gewaltanwendung. Der russische Einmarsch war ein gravierender Bruch des Völkerrechts und führte zu noch mehr Tod, Zerstörung, Elend und Kriegsverbrechen.

Doch statt die Chance für eine Beilegung durch Verhandlungen, die bis in den April 2022 hinein zunächst auch stattfanden, zu nutzen, wurde der Krieg auch zum „Stellvertreterkrieg zwischen Russland und der NATO“ eskaliert, wie es in den USA selbst Regierungsmitarbeiter offen sagen.Dabei hatte schon die Resolution der UN-Vollversammlung vom 2. März, in der 141 Länder den Einmarsch verurteilten, die sofortige Beilegung des Konflikts „durch politischen Dialog, Verhandlungen, Vermittlung und andere friedliche Mittel“ gefordert und verlangt „sich an die Minsker Vereinbarungen zu halten“ und ausdrücklich auch im Normandieformat „konstruktiv auf deren vollständige Durchführung hinzuwirken.“ Die Aufforderung der Weltgemeinschaft wird jedoch von allen Kriegsbeteiligten ignoriert, auch wenn sie sich sonst gern auf UN-Beschlüsse beziehen, sofern sie zur eigenen Position passen.

Das Ende der Illusionen

Militärisch steckt Kiew in der Defensive und seine generelle Kriegsführungsfähigkeit schrumpft. Schon im November 2022 hatte der Chef des US-Generalstabs deshalb zu Verhandlungen geraten, weil er einen Sieg Kiews für unrealistisch hält. Er hat das jüngst in Ramstein wiederholt. Doch während Politik und Medien an der Siegesillusion festhielten, verschlechterte sich die Lage für Kiew. Das ist der Hintergrund für die jüngste Eskalation: die Lieferung von Kampfpanzern. Doch damit wird der Krieg nur verlängert. Zu gewinnen ist er nicht. Stattdessen ist das ein weiterer Schritt auf einer Rutschbahn: mit Kampfflugzeugen als nächstes, was Kiew dann auch prompt forderte; und dann weiter mit direkter Beteiligung von NATO-Truppen – und am Ende bis zur atomaren Eskalation? Die Ukraine würde als erste untergehen.

Die Anzahl der Ziviltoten beläuft sich im letzten Jahr nach UNO-Angaben auf über 7.000. Die Verluste bei Soldaten bewegen sich im sechsstelligen Bereich. Wer jetzt weiter schießen lässt, statt zu verhandeln, muss sich fragen lassen, ob er noch mal 100.000, 200.000 oder gar mehr Menschen für unrealistische Kriegsziele sinnlos verheizen will. Wirkliche Solidarität mit der Ukraine bedeutet, sich dafür einzusetzen, dass das Sterben so schnell wie möglich aufhört.

It’s Geopolitik – stupid!

Der entscheidende Grund, warum der Westen auf die militärische Karte setzt liegt darin, dass Washington die Chance wittert, Moskau in einem Abnutzungskrieg gründlich zu schwächen. Da die globale Dominanz der USA durch den Umbruch des internationalen Systems zu Ende geht, glaubt man, den Anspruch auf globale Führung – auch in der geopolitischen Rivalität gegenüber China – wieder zu festigen. Das liegt ganz auf der Linie, mit der die USA schon früh nach dem Kalten Krieg alles unternahmen, den Aufstieg eines Rivalen vom Format der Sowjetunion zu verhindern. Das wichtigste Instrument war dabei die Ostexpansion der NATO, mit der Ukraine als „unsinkbarem Flugzeugträger“ vor Moskaus Haustür als Krönung.

Gleichzeitig wurde die ökonomische Westintegration der Ukraine per EU-Assoziierungsvertrag vorangetrieben, der ab 2007 verhandelt wurde – und die Abkopplung von Russland verlangte. Als ideologische Basis wurde der antirussische Nationalismus in Osteuropa angeheizt. In der Ukraine eskalierte das in den gewalttätigen Auseinandersetzungen 2014 auf dem Maidan, und in Reaktion darauf im Donbass, was dann zur Abspaltung der Krim und der Gebiete Donezk und Luhansk führte.

Inzwischen ist der Krieg zu einem Amalgam aus zwei Konflikten geworden:

  • zum einen der Konflikt zwischen der Ukraine und Russland, wie er aus dem chaotischen Zerfall der Sowjetunion resultiert, und der schwer belastet ist von der widersprüchlichen Geschichte der Herausbildung einer ukrainischen Nation,
  • zum anderen die schon lange bestehende Konfrontation zwischen den zwei größten Nuklearmächten.

Damit kommen die ebenso gefährlichen wie komplexen Probleme des nuklearen Gleichgewichts (des Schreckens) ins Spiel. Aus Moskauer Sicht birgt die militärische Westintegration der Ukraine die Gefahr eines Enthauptungsschlags gegen Moskau. Zumal die Rüstungskontrollabkommen aus dem Kalten Krieg alle gekündigt wurden, vom ABM-Vertrag noch unter Bush 2002 bis zum INF- und Open Sky-Vertag unter Trump. Unabhängig von ihrer Triftigkeit ist die Moskauer Wahrnehmung deshalb ernst zu nehmen. Eine solche Furcht ist nicht durch Worte, sondern nur durch glaubwürdige Maßnahmen zu beschwichtigen. Aber Washington hat entsprechende Schritte, die Moskau im Dezember 2021 vorschlug, abgelehnt. Hinzu kommt, dass der Missbrauch völkerrechtlicher Verträge ebenfalls zu den Praktiken des Westens gehört, wie u.a. das Eingeständnis Merkels und François Hollandes zeigt, Minsk II nur abgeschlossen zu haben, um Zeit zur Aufrüstung Kiews zu schinden.

Vor diesem Hintergrund kann die Verantwortung für den Krieg – und das gilt erst recht, seitdem wir es mit einem Stellvertreterkrieg zu tun haben – nicht auf Russland allein reduziert werden. Die Verantwortung des Kremls verschwindet damit nicht. Auch in Russland breiten sich nationalistische Stimmungen aus und es kommt zur weiteren Verstärkung des autoritären Staates. Aber nur wer auf die lange Eskalationsgeschichte durch die Brille simpler Schwarz-Weiß-Feindbilder blickt, kann die Mitverantwortung Washingtons – und in dessen Schlepptau der EU – ausblenden.

In bellizistischem Fieber

Die politische Klasse und die Massenmedien kehren all diese Zusammenhänge unter den Teppich. Stattdessen sind sie regelrecht in ein bellizistisches Fieber verfallen. Deutschland ist de facto Kriegspartei und die Bundesregierung wurde Kriegsregierung. Die deutsche Außenministerin glaubte in dünkelhafter Selbstüberschätzung von wahrhaft wilhelminischer Größe, Russland „ruinieren“ zu können. Ihre Partei hat sich mittlerweile von einer Friedenspartei zum schärfsten Kriegstreiber im Bundestag entwickelt. Als es dann noch einige taktische Erfolge der Ukraine auf dem Schlachtfeld gab, deren strategische Bedeutung jedoch maßlos übertrieben wurden, entstand die Illusion, ein militärischer Sieg über Russland sei möglich.

Wer für einen Kompromissfrieden plädiert, wird als „Unterwerfungspazifist“ oder „Sekundär-Kriegsverbrecher“ beleidigt. Es entstand ein politisches Klima, wie es für die Heimatfront im Krieg typisch ist, mit einem massiven Konformitätsdruck, dem viele sich nicht zu entziehen wagen. Zum äußeren Feindbild tritt zunehmende Illiberalität im Inneren der Wagenburg. Meinungs- und Pressefreiheit erodieren, wie u.a. das Verbot von „Russia Today“ und „Sputnik“ zeigen.

Der Wirtschaftskrieg – ein Rohrkrepierer

Der Wirtschaftskrieg gegen Russland, der ebenfalls bereits 2014 begonnen hatte, nahm nach dem russischen Einmarsch zwar historisch beispiellose Ausmaße an. Aber ein Effekt auf die russische Kriegsführung blieb aus. Zwar schrumpfte die russische Wirtschaft 2022 um drei Prozent, die der Ukraine aber um dreißig Prozent. Wie lange hält das Land einen solchen Abnutzungskriegs durch?

Gleichzeitig führen die Sanktion zu Kollateralschäden in der Weltwirtschaft. Der globale Süden ist besonders schwer betroffen. Sie verschlimmern Hunger und Armut, verstärken die Inflation, und verursachen kostspielige Turbulenzen auf den Weltmärkten. Es ist deshalb kein Wunder, dass der Globale Süden weder bereit ist, sich am Wirtschaftskrieg zu beteiligen, noch Russland zu isolieren. Das ist nicht sein Krieg.

Aber auch bei uns hat der Wirtschaftskrieg negative Effekte. Die Abkopplung vom russischen Erdgas verschärft die Energiekrise, was sozial schwächere Haushalte trifft und zu einem Exodus energieintensiver Industrien aus Deutschland führen kann. Rüstung und Militarisierung gehen immer zulasten von sozialer Gerechtigkeit. Gleichzeitig sind mit Fracking-Gas aus den USA, das um bis zu 40% klimaschädlicher ist als russisches Erdgas, und mit dem Rückgriff auf Kohle alle CO2-Reduktionsziele schon jetzt Makulatur.

Absolute Priorität für Diplomatie, Verhandlungen und einen Kompromissfrieden

Der Krieg absorbiert politische, emotionale, intellektuelle und materielle Ressourcen, die für den Kampf gegen Klimawandel, Umweltzerstörung und Armut zwingend benötigt werden. Die faktische Kriegsbeteiligung Deutschlands spaltet die Gesellschaft und insbesondere jene Sektoren, die sich für sozialen Fortschritt und den sozial-ökologischen Umbau einsetzen.

Wir setzen uns dafür ein, dass die Bundesregierung ihren Kriegskurs sofort beendet. Von deutschem Boden muss eine diplomatische Initiative ausgehen. Das will auch die Mehrheit der Bevölkerung. Wir brauchen einen Waffenstillstand und den Beginn von Verhandlungen, eingebettet in einen multilateralen Rahmen unter Beteiligung der UNO.

Am Ende muss ein Kompromissfrieden stehen, der den Weg in eine europäische Friedensarchitektur ebnet, die den Sicherheitsinteressen der Ukraine, Russlands und aller am Konflikt Beteiligten – Rechnung trägt und eine friedliche Zukunft für unseren Kontinent ermöglicht.

Der Text wurde verfasst von: Reiner Braun (International Peace Bureau), Claudia Haydt (Informationsstelle Militarisierung), Ralf Krämer (Sozialistische Linke in der Partei Die Linke), Willi van Ooyen (Friedens- und Zukunftswerkstatt), Christof Ostheimer (Bundesausschuss Friedensratschlag), Peter Wahl (Attac).
Angaben zu den Personen dienen nur zur Information.

1 So z.B. Hal Brands, Mitglied im Foreign Affairs Board des State Department. Washington Post, 1.5.2022

https://nie-wieder-krieg.org

»So übernimmt man die Erzählung der NATO«

Partei Die Linke ringt um Haltung zu Ukraine-Krieg. Neuer Aufruf appelliert an friedenspolitische Grundsätze. Ein Gespräch mit Andreas Grünwald

Interview: Jan Greve

Andreas Grünwald ist Mitglied der Partei Die Linke und in der Hamburger Gruppe »Quo vadis, Die Linke?« aktiv.

Am Montag wurde der Aufruf »Linke gegen Krieg und Kriegsbeteiligung« veröffentlicht. Die Vorstände der Bundestagsfraktion und Partei Die Linke sollen sich eindeutig »gegen die weitere Eskalation des Krieges in der Ukraine und gegen jede deutsche Mitwirkung daran« wenden. Wie würden Sie deren aktuelle Haltung beschreiben?

Im Vergleich zu früheren Positionspapieren geht der Beschluss des Parteivorstandes vom 14. Januar in die richtige Richtung. Er sprach sich gegen die Lieferung weiterer schwerer Waffen an Kiew aus. Das ist ein Ergebnis des innerparteilichen Drucks und der Diskussion, die auch viele aus unseren Reihen angestoßen haben.

Wir wollen aber, dass die Linke noch sehr viel stärker als Antikriegspartei in Erscheinung tritt. Das bedeutet, sowohl Waffenlieferungen als auch den Wirtschaftskrieg gegen Russland klar zu kritisieren. All das wäre durch die bestehenden Parteitagsbeschlüsse gedeckt. Nicht Sahra Wagenknecht mit ihrer Rede im Bundestag im September, sondern Personen wie Klaus Lederer und Bodo Ramelow, die Waffenlieferungen befürworten, befinden sich im Widerspruch dazu. Zudem müssten die Aktionen der Friedensbewegung, beispielsweise die Ostermärsche, viel deutlicher unterstützt werden. Da ist noch Luft nach oben.

Wie erklären Sie sich die Zögerlichkeit der Parteispitze?

Einige der führenden Genossinnen und Genossen vertreten nun mal inhaltlich andere Positionen. Das hat sich auch bei der Diskussion über besagten Beschluss des Parteivorstandes gezeigt. Wenn einige das Selbstverteidigungsrecht der Ukraine betonen, aber gleichzeitig ignorieren, dass es sich hier um einen Stellvertreterkrieg handelt und zudem vernachlässigen, dass Kiew seit Dezember grünes Licht der US-Regierung für ein offensives Vorgehen gegen Russland hat, dann übernimmt man die Erzählung der NATO und der Bundesregierung. Ein weiteres Beispiel: Einige appellieren an die Europäische Union als möglichen Vermittler, benennen aber nicht die zweifelhafte Rolle des Staatenbundes und seiner Führungsmächte Deutschland und Frankreich in diesem Konflikt.

Der Appell sei »von mehreren linken oppositionellen Zusammenschlüssen der Partei« initiiert worden, heißt es in einer Mitteilung von Ihnen. Welche sind das?

Der Aufruf wurde von Basisinitiativen ausgearbeitet. Darunter sind etwa die Karl-Liebknecht-Kreise in Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt, die Landesarbeitsgemeinschaften »Innerparteiliche Bildung und Theorie« aus Niedersachsen und »Linksrum« aus Hessen, »Quo vadis, Die Linke?« aus Hamburg und nicht zuletzt die »Sozialistische Linke«. Wir freuen uns, dass mehrere Abgeordnete aus dem Bundestag, aus Landtagen und dem Europaparlament erstunterzeichnet haben. Aber der Anstoß kam von unten. Das ist um so wichtiger zu betonen, als es immer wieder heißt, da würden sich lediglich Anhänger von Sahra Wagenknecht versammeln.

Auch der Name der Bundestagsabgeordneten Wagenknecht ist unter dem Aufruf. Die Debatte innerhalb der Linkspartei wird regelmäßig auf ihre Person verengt.

Das ist beleidigend angesichts der Tatsache, dass viele von uns schon lange vor Wagenknecht politisch aktiv waren.

Auf der Liste der rund 90 Erstunterzeichner finden sich auch Namen, die man mit dem sogenannten Reformerlager in Verbindung bringt. Wie erklären Sie sich das?

Die Unzufriedenheit mit der Entwicklung der Partei ist groß, nicht nur in linken Strömungen, sondern beispielsweise auch bei vielen Gewerkschaftern und besonders an der Basis in Ostdeutschland. Es kommt nicht von ungefähr, dass unser Aufruf bis Donnerstag rund 5.000mal unterzeichnet worden ist.

Was muss passieren, damit Sie den Glauben an Ihre Partei verlieren?

Die Meinungen dazu sind unterschiedlich. Einige diskutieren über ein neues politisches Projekt. Doch so etwas gründet man nicht mal eben so. Dazu bedarf es bestimmter Voraussetzungen. Zunächst müssen oppositionelle Gruppen sich besser vernetzen. Wir müssen der Parteiführung dort, wo sie das Erfurter Programm von 2011 faktisch aufgibt, entschieden widersprechen. Ich bin kein Hellseher und kann nicht sagen, wie dieser Prozess ausgehen wird.

Erstveröffentlicht in der Jungen Welt:
https://www.jungewelt.de/artikel/443630.linke-opposition-so-%C3%BCbernimmt-man-die-erz%C3%A4hlung-der-nato.html

Wir danken der Redaktion der Jungen Welt für das Abdruckrecht.

Hier geht es zur Website der Initiative:
https://linke-gegen-kriegsbeteiligung.de/

Diese Seite verwendet u. a. Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung