Wenn Wissenschaft Antifaschismus zum Sicherheitsproblem erklärt

Die in Bonn angesiedelte Forschungsstelle „coreNRW“ hat in diesem Jahr ein 167 Seiten umfassendes Gutachten mit dem Titel „Linksextremismus im Umbruch“ vorgelegt.

Titelbild: Demo in Berlin, 20. November 2010. Foto: Libertinus Yomango (CC BY-SA 2.0 cropped)

„Connecting Research on Extremism in North Rhine-Westphalia”, also „coreNRW“ bezeichnet sich selbst als ein „wissenschaftliches Netzwerk, das sich mit den Bedingungen und Formen extremistischer Radikalisierung sowie wirksamen Gegenmassnahmen beschäftigt“. Autor des Gutachtens ist der als „Extremismusexperte“ auftretende Berliner Professor Dr. Tom Mannewitz

Wenig überraschend zeigt sich bei Lektüre des Gutachtens, dass dieses weniger von einem offenen wissenschaftlichen Erkenntnisinteresse als von einer konservativen sicherheitspolitischen Perspektive getragen ist. Linker emanzipatorischer Aktivismus wird von Mannewitz ausschliesslich als Beobachtungs-, Präventions- und Gefahrenobjekt analysiert.

Gesellschaftliche Macht- und Herrschaftsverhältnisse geraten bei ihm aus dem Blick, bzw. werden psychologisiert. Im folgenden soll sich auf drei Kapitel des zwölf Kapitel umfassenden Gutachtens beschränkt werden. Die sprachliche Schlüsselkategorie dieser Versicherheitlichung ist der Begriff der „Entgrenzung“ (S. 42), der sich wie ein roter Faden durch das Gutachten zieht.

Neue Positionen im Linksextremismus: Die „Versicherheitlichung“ sozialer Bewegungen

Das Kapitel „Neue Positionen im Linksextremismus“ (S. 26 ff) des Gutachtens von coreNRW will angeblich neue ideologische Entwicklungen innerhalb des Linksextremismus beschreiben. Tatsächlich macht es jedoch primär deutlich, wie gesellschaftliche Konflikte in ein sicherheitspolitisches Deutungsmuster übersetzt werden. Das Kapitel erklärt nicht etwa linke Politik, sondern betreibt deren „Versicherheitlichung“.

Passend zum Thema…Dieser politikwissenschaftliche Begriff beschreibt, dass Sachverhalte als Sicherheitsproblem wahrgenommen bzw. zu einem solchen gemacht werden. Im Fall des Gutachtens von Mannewitz, erscheinen Klimabewegung, Antifaschismus oder antikapitalistische Bündnisse nicht mehr als Ausdruck gesellschaftlicher Konflikte, sondern als einzuhegende oder zu bekämpfende Sicherheitsprobleme. Damit verschiebt sich der Blick weg von Ursachen wie der Klimakrise, sozialer Ungleichheit und dem Erstarken der extremen Rechten, hin zu den Risiken, die aus linken Antworten auf diese Entwicklungen entstehen.

Nehmen wir das Beispiel der Klimabewegung. Das Gutachten räumt zwar ein, dass zahlreiche linke Gruppen ökologische Fragen inzwischen aus einer eigenen politischen Überzeugung heraus behandeln sowie Klimakrise und Kapitalismus als zusammenhängende Probleme verstehen. Dennoch bleibt die Perspektive eine sicherheitspolitische. Denn durchgängig ist von „Instrumentalisierung“, „Entgrenzung“, „Anschlussfähigkeit“ oder „Rekrutierung“ die Rede.

Bündnisse zwischen Klimagruppen, Antifas, Gewerkschaften oder antikapitalistischen Initiativen erscheinen nicht als Ausdruck demokratischer Organisierung, sondern werden als Ausbreitungs- oder Einflussstrategien beschrieben. Damit wird ein zentrales Grundprinzip emanzipatorischer Politik, nämlich der Versuch, unterschiedliche soziale Kämpfe miteinander zu verbinden, in eine sicherheitspolitische Kategorie übersetzt. Der politische Gehalt dieser Bündnisse wird entkernt und unterstellt, es gehe ausschliesslich darum, vermeintliche „linksextremistische“ Strukturen auszudehnen.

Dazu passend, werden die politischen Inhalte linker Bewegungen weitgehend entpolitisiert. Kapitalismuskritik erscheint nicht mehr als Antwort auf soziale Ungleichheit, Klimazerstörung oder globale Ausbeutungsverhältnisse, sondern vor allem als Bestandteil eines für Verfassungsschutz und andere Justizbehörden sicherheitsrelevanten Radikalisierungsprozesses. Genau hier lässt sich in Mannewitz‘ Gutachten die Logik der „Versicherheitlichung“ nachvollziehen: Gesellschaftliche Konflikte werden nicht als politische Auseinandersetzungen verstanden, sondern verwandelt in Objekte staatlicher Beobachtung und Prävention.

„Radikalisierung“: Politik wird zum individuellen Risiko

Auch im Kapitel „Radikalisierung“ (S. 89 ff) zeigt sich die rein sicherheitspolitische Ausrichtung des Gutachtens. Obwohl der Autor selbst mehrfach einräumt, dass die Forschung zu linker Radikalisierung erhebliche Lücken aufweist und belastbare empirische Erkenntnisse nur in sehr begrenztem Umfang vorliegen, entwickelt er ein Erklärungsmodell, das politische Radikalisierung primär als individuellen oder gruppendynamischen Prozess beschreibt.

Diese Perspektive bleibt bemerkenswert einseitig. Zwar werden soziale Beziehungen, Gruppendynamiken oder biografische Faktoren thematisiert, die gesellschaftlichen Bedingungen politischer Radikalisierung geraten dagegen erneut aus dem Blick. Weder zunehmende soziale Ungleichheit, autoritäre Entwicklungen, Rassismus oder die Klimakrise noch Erfahrungen mit staatlicher Repression erscheinen als eigenständige politische Erklärungsfaktoren. Radikalisierung wird damit vor allem zu einem Problem einzelner Akteur:innen, nicht aber zu einer möglichen Reaktion auf reale gesellschaftliche Widersprüche. Soziale Beziehungen, Freundeskreise und gruppendynamische Prozesse seien, so Mannewitz, zentrale Faktoren für Radikalisierungsverläufe, während ideologische Überzeugungen häufig erst im Verlauf gefestigt würden.

Auffällig in diesem Kapitel ist, dass politische Überzeugungen stets unter dem Gesichtspunkt möglicher Eskalation betrachtet werden. Antikapitalistische Kritik, revolutionäre Zielvorstellungen oder militante Rhetorik werden danach bewertet, ob sie Teil eines Radikalisierungsverlaufs sein könnten. Dadurch entsteht der Eindruck eines nahezu zwangsläufigen Übergangs von grundlegender Gesellschaftskritik hin zu politischer Gewalt, ohne dass dieser Zusammenhang empirisch auch nur ansatzweise belegt wird.

Mannewitz fragt stets danach, wie Radikalisierung erkannt, beobachtet und bekämpft werden kann. Die Frage, weshalb Menschen überhaupt zu der Überzeugung gelangen, dass die bestehenden politischen und ökonomischen Verhältnisse grundlegender Veränderung bedürfen, gerät aus dem Blick. Radikalisierung erscheint deshalb auch nicht als legitimer Ausdruck gesellschaftlicher Konflikte, sondern stets als ein sicherheitspolitisches Problem.

Gewalt: Ein entpolitisierter Gewaltbegriff

Das Kapitel „Gewalt“ (S. 64 ff) baut auf einem Gewaltverständnis auf, das Gewalt nahezu ausschliesslich als sicherheitspolitisches Problem und strafrechtlich relevantes Handeln begreift. Gerade aus linker Perspektive greift dieser Begriff jedoch zu kurz. Linke Gesellschaftsanalyse unterscheidet seit langem zwischen personaler, struktureller und staatlicher Gewalt.

Armut, rassistische Ausgrenzung, damit auch der Tod von Migrant:innen in deutschen Gefängnissen, Abschiebungen, tödliche Grenzregime, wie wir sie aktuell in Ceuta beobachten können, oder die alltägliche Gewalt kapitalistischer Ausbeutungsverhältnisse sind in linker Perspektive nicht blosser gesellschaftlicher Hintergrund, sondern es handelt sich um die zu überwindenden Gewaltverhältnisse!

Die Analyse des Gutachtens geht folglich fehl. Militante linke Praxis wird dort losgelöst von den Gewaltverhältnissen betrachtet, auf die sie sich ausdrücklich bezieht. Statt also die unterschiedlichen Gewaltverständnisse und die seit Jahrzehnten innerhalb der radikalen Linken geführten Debatten über Legitimität, Grenzen und politische Funktion von Militanz nachzuzeichnen, übernimmt das Gutachten unreflektiert den Gewaltbegriff der Sicherheitsbehörden.

Wer jedoch ausschliesslich die sichtbare Gegengewalt von linken Aktivist:innen untersucht und dabei die dieser Gegengewalt vorausgehenden gesellschaftlichen Gewaltverhältnisse völlig ausblendet, ja negiert, produziert zwangsläufig ein verzerrtes Bild politischer Konflikte. Das Kapitel analysiert deshalb nicht den politischen Stellenwert linker Militanz, sondern lediglich deren sicherheitspolitische Relevanz.

Antifaschismus: permanent unter Verdacht

Der Gutachter verwendet mehrfach den Begriff der „Entgrenzung“, widmet diesem ein eigenes Kapitel (S. 42) und beschreibt Bündnisse zwischen unterschiedlichen sozialen Bewegungen oder die Verknüpfung verschiedener politischer Themen bereits als problematische Grenzüberschreitung. Damit werden politische Prozesse und Bewegungen, in der sich Klima-, Antirassismus-, Antifa- oder andere Aktivist:innen verbinden, sprachlich in ein sicherheitspolitisches Deutungsmuster überführt.

Gesellschaftliche Vernetzung wird hier nahtlos als Sicherheitsrisiko gedeutet. Auch weitere Kapitel in dem Gutachten, wie „Repression“ (S. 82 ff) und „Prävention“ (S. 97 ff) fügen sich nahtlos in die Grundlogik des Gutachtens ein. Repression erscheint vor allem als staatliches Instrument zur Kontrolle politischer Gewalt und Prävention als Mittel, „Radikalisierungsprozesse“ (S. 91) möglichst früh zu erkennen und zu beeinflussen. Eine kritische Auseinandersetzung mit den politischen Folgen dieser Strategien sucht man vergebens.

Das Gutachten beansprucht keine wissenschaftliche Neutralität, sondern übernimmt unhinterfragt die Kategorien staatlicher Sicherheitsbehörden. Schon im ersten Satz der Einleitung wird klargemacht, wohin die Reise gehen soll: „2023 war kein gutes Jahr für die innere Sicherheit und die Demokratie in Nordrhein-Westfalen“ (S. 8).

Nicht die Ursachen gesellschaftlicher Konflikte stehen im Mittelpunkt, sondern deren Beobachtung und die Verfolgung jener, die sich auflehnen. Linke Politik erscheint dadurch ausschliesslich als Risiko, nicht als Ausdruck politischer Auseinandersetzungen.

Dies in einer Zeit, in der die extrem rechten Kräfte gesellschaftlich zunehmend als Normalität behandelt werden und rassistische sowie antisemitische Gewalt zunimmt. Gerade unter diesen Bedingungen wäre eine Wissenschaft notwendig, die gesellschaftliche Machtverhältnisse kritisch untersucht, statt emanzipatorische Bewegungen unter Generalverdacht zu stellen.

Wer Antifaschismus und radikale Gesellschaftskritik in erster Linie als Sicherheitsproblem beschreibt, läuft Gefahr, genau jene politischen Kräfte zu delegitimieren, die sich der autoritären Entwicklung mutig und auch unter Inkaufnahme erheblicher persönlicher Nachteile entgegenstellen.

Das Gutachten liefert insofern keinen Beitrag zum Verständnis linker Politik. Der Autor Professor Dr. Mannewitz steht exemplarisch für eine Forschung, die sich den Kategorien der Inneren Sicherheit so sehr verschrieben hat, dass dabei jeglicher kritischer Abstand zu ihrem Gegenstand verloren gegangen ist. Das ist nicht nur ein wissenschaftliches Defizit. Es ist Teil einer politischen Entwicklung, in der die Beobachtung und Einhegung linker Bewegungen zunehmend selbstverständlich wird, während die gesellschaftlichen Ursachen ihrer Kritik und der Vormarsch der extremen Rechten immer weiter zurückgedrängt werden.

barrikade

Erstveröffentlicht im „Untergrund Blättle“
Antifaschismus als Sicherheitsproblem

Wir danken für das Publikationsrecht.

Nicht Manager regieren die Wirtschaft

Wir leben in einer Welt des Kapita­lis­mus. Doch auch dieser wandelt sich – wie die Deutsch­land AG zeigt

Von Hermannus Pfeiffer

Titelbild: Blackrock als weltweite Geldsammelstelle und Machtfaktor

300 Männer, schrieb Walther Rathenau zu Beginn des 20. Jahrhunderts, bestimmen die wirtschaftlichen Geschicke des Kontinents. Der später von Rechtsextremisten ermordete Außenminister der Weimarer Republik zielte vor allem auf das enge Geflecht aus Bankiers, Industriekapitänen und Lobbyisten, das sich mit dem Aufstieg von Firmen wie Deutsche Bank, Allianz oder Siemens im deutschen Kaiserreich herausgebildet hatte. Über Aufsichtsratsmandate und Aktienstimmrechte waren diese männlichen Vorstände engstens miteinander verbandelt. Bis in die 90er Jahre prägte dieses Netzwerk namens »Deutschland AG« die Politik und die Unternehmenskultur in der Bundesrepublik.

Wohin der Weg der Wirtschaft in den 90er Jahren führen würde, war schon frühzeitig abzusehen, behauptet der Autor Konstantin Richter in seinem episodenreichen Buch »Dreihundert Männer«. Zwar versprach der Rheinische Kapitalismus den Bürgern sichere Einkommen und sozialen Ausgleich, aber nach und nach erlagen die Deutschen den nordamerikanischen Verführungskünsten. Zur Strahlkraft des US-Modells trug der Zusammenbruch der realsozialistischen Staaten bei. Diese wurde den Marktliberalen gutgeschrieben, nicht den Nadelstreifenträgern an Rhein und Main. Sinkende Transportkosten, fallende Zollschranken und die Entstehung des Europäischen Binnenmarktes trieben laut Richter das Ende der Deutschland AG voran. Auch die Beschleunigung der internationalen Finanzmärkte und das Internet trugen zum Triumph der zwar regelbasierten, aber marktradikalen Globalisierung bei.

Eher lieblos und nur am Rande streift Richter in seinem ansonsten fulminant erzählten Buch die Rolle der Bundesregierung unter Gerhard Schröder und dem Grünen-Politiker Joschka Fischer. Anders als frühere SPD-Kanzler öffnete Schröder »dem Markt« Tür und Tor. Es folgten die Privatisierung öffentlicher Infrastruktur wie Post und Bahn, die Liberalisierung der Arbeitswelt und der Abbau der staatlichen Altersvorsorge.

Eine Steuerreform trug im Jahr 2002 dann entscheidend zur Entflechtung der deutschen Wirtschaft bei. Schröders Kanzleramtsminister Hans Martin Bury (SPD), der 2005 zur US-Investmentbank Lehman Brothers wechselte, wollte »das Bankenkartell« sprengen. »Gewinne aus einer Veräußerung von Anteilen, die eine Kapitalgesellschaft an einer anderen Kapitalgesellschaft hält, sind nicht steuerpflichtig«, lautete der entscheidende Satz im Steuerbefreiungspaket. Dieses war ganz im Sinne der Großbanken geschnürt, die ihrer Industriebeteiligungen überdrüssig waren und ihre frei werdenden Milliarden lieber auf den internationalen Finanzmärkten investieren wollten.

Kapital ist heute in erster Linie »institutionelles« Kapital – privates Kapital also, das in Sammelstellen wie Pensionsfonds und Stiftungen organisiert ist.

Die Folgen lassen sich heute an der Aktionärsstruktur unter anderem von Mercedes-Benz ablesen. Die chinesische BAIC Group und der chinesische Finanzinvestor Li Shufu sind mit jeweils rund 10 Prozent die größten Einzelaktionäre. US-Finanzkonzerne, darunter der Vermögensverwalter Blackrock, besitzen über 16 Prozent der Anteile, Kuwaits Staatsfonds rund 6 Prozent. Anteilseigner aus Deutschland, vornehmlich Kleinaktionäre und Fondsgesellschaften von Banken, kommen auf knapp 7 Prozent.

Außerdem machen die großen Konzerne aus Deutschland heute 80 Prozent ihrer Profite in aller Welt. Und deren Spitzenmanager kassieren mehr Geld denn je. Personelle Verflechtungen zwischen den mittlerweile 2000, 3000 – nicht mehr 300 – wichtigsten Entscheidungsträgern in der deutschen Wirtschaft, darunter zunehmend Frauen, sind loser geworden. Gegenseitige Mandate in Bei- und Aufsichtsräten sowie exklusive geschäftliche wie private Treffs gibt es weiterhin.

Die Deutschland AG hat sich also verändert. Sie wird heute auch mitgetragen von einem starken Mittelstand in der Industrie, den »Hidden Champions« (unbekannten Weltmarktführern), von Verbänden und Lobbyorganisationen, einer engen Verflechtung mit dem Staat, teils den Gewerkschaften und einer konsensorientierten Wirtschaftskultur. Aber dies ist nur die operative Ebene, mit der sich Richter begnügt, nicht die strukturelle.

Wie die Sozialstrukturforschung zeigt, zählt Deutschland im internationalen Vergleich zu den Ländern mit einer hohen Vermögensungleichheit: Die oberen 10 Prozent verfügen über etwa 60 Prozent des gesamten privaten Vermögens. Darüber hinaus haben Isabell Stamm und Benjamin Braun vom Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung hierzulande eine besonders starke Konzentration von Unternehmenseigentum »am obersten Ende der Vermögensverteilung« beobachtet. Diese Familien haben teilweise ihre Unternehmen in erster Generation selbst aufgebaut und dann durch Schenkungen und Vererbung innerhalb der Familien weitergegeben. So hat sich der Reichtum der frühen Deutschland AG nicht in Luft aufgelöst.

Kapital ist heute in erster Linie »institutionelles« Kapital – privates Kapital also, das in Sammelstellen wie Pensionsfonds und Stiftungen organisiert ist, die ihr Kapital ihrerseits an noch größere Kapitalsammelstellen weiterreichen: an kommerzielle Vermögensverwalter oder »Asset-Management-Firmen« wie Versicherer und Fondsgesellschaften von Banken. Dieser zeitgemäße Asset-Manager-Kapitalismus findet seinen historischen Vorläufer in dem von Rudolf Hilferding – dem marxistischen Theoretiker und SPD-Finanzminister der Weimarer Republik – beschriebenen »Finanzkapital«. Über ein Jahrhundert später nimmt der Finanzsektor wie zur Hochzeit der Deutschland AG erneut eine dominante Position gegenüber dem realwirtschaftlichen Unternehmenssektor ein.

Konstantin Richter: Dreihundert Männer. Aufstieg und Fall der Deutschland AG. Suhrkamp, 543 S., geb., 30 €.

Erstveröffentlich im nd am 2.10. 2026
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1203073.rezension-nicht-manager-regieren-die-wirtschaft.html

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Erklärung von Linke-Politikern: Sorge um Glaubwürdigkeit

Zum Beginn der Sondierungen mit Grünen und SPD warnen zahlreiche Bundestagsabgeordnete und Landespolitiker ihre Genossen vor Aufgabe von Grundsätzen.

Von Jana Frielinghaus

Titelbild: Heftige Turbulenzen auch beim Thema Antisemitismus gibt es innerhalb der Linken schon länger. Manche, die die Partei bereits verlassen haben, setzen »Israelfeindlichkeit« mit Judenhass gleich.

Foto: nd/Jana Frielinghaus

Schon unmittelbar nach Veröffentlichung der »Vereinbarung zum Start der Sondierungen« von Linkspartei, Grünen und SPD Berlins am Donnerstag zeigten sich in den sozialen Medien zahlreiche Genoss*innen davon entsetzt. Viele sprachen von einem »Kotau« angesichts der »Kampagne« gegen Die Linke in Medien und Politik wegen vermeintlich verbreiteter Judenfeindlichkeit in der Partei. Von einem »Dokument der Selbstaufgabe« ist etwa in einer Stellungnahme des bundesweiten Zusammenschlusses Antikapitalistische Linke (AKL) die Rede.

Am Freitag trat eine große Gruppe von Linke-Bundestagsabgeordneten und Landespolitiker*innen der Partei mit einer Erklärung an die Öffentlichkeit. In dem am Mittag unter anderem auf Instagram veröffentlichten Dokument mit dem Titel »Niemals alleine, immer gemeinsam: Gegen die Spaltungsversuche von Springer und Co.« schreiben die Verfasser*innen, mit den im Papier der drei Parteien enthaltenen Formulierungen übernähmen die Verhandelnden »Narrative einer medialen Hetzkampagne, die seit Wochen gegen Die Linke geführt« werde. Die verwendeten Begriffe im Zusammenhang mit Antisemitismus seien »so weit und dehnbar gefasst, dass sie gegen jede Kritik an der israelischen Besatzungspolitik ins Feld geführt werden können«. Damit werde »der reale Antisemitismus verharmlost«.

In der Vereinbarung bekennen sich die Sondierer*innen zur deutschen Staatsräson und kündigen Sanktionen gegen Abgeordnete an, die etwa das »Existenzrecht Israels« infrage stellen. Dies könnte Mitglieder der künftigen Fraktionen treffen, die bislang etwa postulierten, jeder Mensch habe ein Recht auf eine gesicherte Existenz, nicht aber Staaten. Zudem gibt es Linke-Mitglieder, die das Konzept des »jüdischen Staates« ablehnen und für ein gleichberechtigtes Zusammenleben aller ethnischen Gruppen im heutigen Gebiet von Israel und den palästinensischen Gebieten plädieren.

Die Stellungnahme ist von 16 Bundestagsabgeordneten, der Europaparlamentarierin und stellvertretenden Parteivorsitzenden Özlem Alev Demirel und mehreren Mitgliedern des Bundesvorstands sowie den Landessprecher*innen von Baden-Württemberg, einem Mitglied der Hamburger Bürgerschaft und dem Bundessprecher*innenrat der Bundesarbeitsgemeinschaft Migrantische Linke unterzeichnet. Zu den beteiligten Mitgliedern des Bundestages zählen die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Nicole Gohlke, Lea Reisner, Cansın Köktürk, Stella Merendino, Mirze Edis und Cem Ince.

»SPD und Grüne tragen Disziplinierungs- und Spaltungsmechanismen von außen in die Partei Die Linke hinein. Damit wird ein Präzedenzfall geschaffen, der in dieser Form in der Parteiengeschichte der Bundesrepublik einmalig ist.« Aus einer Erklärung von Bundes- und Landespolitiker*innen der Linken zur Berliner Vereinbarung ihrer Partei mit Grünen und SPD zum Start der Sondierungen

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Besondere Sorge äußern sie zu einer Passage der Vereinbarung der Sondierenden, nach der aus ihrer Sicht SPD und Grüne »Disziplinierungs- und Spaltungsmechanismen von außen in die Partei Die Linke hinein« tragen. Damit werde ein »Präzedenzfall geschaffen, der in dieser Form in der Parteiengeschichte der Bundesrepublik einmalig ist«.

In der Erklärung vom Freitag wird betont, die seit Wochen anhaltenden Antisemitismusvorwürfe und Unterstellungen, sie würde Kriminellen und »Islamisten« nahestehen, dienten dem Ziel, »Die Linke in Berlin trotz ihres Wahlsiegs kleinzuhalten«. Zudem sollten damit »Forderungen nach der Enteignung großer Immobilienkonzerne« unterminiert werden.

Die Unterzeichnenden erinnern daran, dass die Wähler*innen in Berlin Die Linke »vor allem deshalb zur stärksten Kraft gemacht« hätten, »weil sie Antworten auf unbezahlbare Mieten, Wohnungsnot und soziale Ungleichheit erwarten«. Die Linke habe mit Recht die Eigentumsfrage gestellt und damit »reale Macht- und Profitinteressen berührt«. Sie sei nun in der Pflicht, hier im Interesse der Mehrheit zu handeln.

Weiter heißt es in der Erklärung: »Dass sich unsere Berliner Verhandlungsführerinnen diesem Druck von SPD und Grünen gebeugt haben, halten wir für einen schweren politischen Fehler, der schnellstens korrigiert werden muss.« Die Unterzeichnenden weisen mediale und politische Angriffe »auf Die Linke und auf einzelne Genossinnen scharf zurück«. Die Attacken gälten »palästinasolidarischen Positionen, die Kritik an der autoritären deutschen Staatsräson äußern und Genossinnen, die für eine kritische Auseinandersetzung mit der israelischen Staats-, Siedlungs- und Besatzungspolitik argumentieren«. Den in der öffentlichen Kritik Stehenden gelte »daher unsere Solidarität und Unterstützung«.

Innerparteiliche »bürokratische Verdrängungsversuche, zum Beispiel über Ausschlussverfahren aus Partei oder Fraktion oder die Entziehung von Mitgliedsrechten« müssten »sofort enden«, fordert die Gruppe in ihrem Papier.

Aufgabe der Linken sei es, gerade jetzt, »geeint und entschlossen den Widerstand aufzubauen: gegen den Durchmarsch der AfD, aber auch gegen jene Parteien, die mit ihrer Politik der Zeitenwende und des Sozialabbaus den Nährboden bereiten, auf dem die extreme Rechte wächst«. Dafür seien gerade in Berlin die Voraussetzungen gut. Als stärkste Kraft müsse die Partei dort für ihre Forderungen »selbstbewusst und mit Rückgrat« einstehen, »statt sich von den Wahlverlierern SPD und Grünen kleinmachen zu lassen«.

Der Berliner Landesvorsitzende der Linken, Maximilian Schirmer, sagte am Freitag auf einer Pressekonferenz zu der Positionierung der Genoss*innen: »Dass das in der Partei diskutiert wird, das war klar.« Dies werde in den Gremien der Linken besprochen. Dort gehöre das hin.

SPD-Landeschef Steffen Krach, ebenfalls auf die Antisemitismus- und Clankriminalitätsdebatte angesprochen, erklärte, er habe zwar den Ausschluss des Neuköllners Ferat Koçak aus der Bundestagsfraktion gefordert, aber nicht geglaubt, dass diesem Wunsch sofort entsprochen werde. Koçak werden Kontakte zu einem Mitglied der wegen Straftaten bekannten libanesischtstämmigen Familie Remmo vorgeworfen. Krach betonte nun zugleich, er und die anderen an den Verhandlungen Beteiligten müssten »Lösungen für Berlin finden«. Das sei mit der Vereinbarung zum Kampf gegen Antisemitismus gelungen.

Die Berliner Linke könnte auch nach Vereinbarung eines Koalitionsvertrages mit diesen Parteien Widerstand aus den eigenen Reihen ernten. Darauf deutet eine weitere Erklärung hin, die die in der Hauptstadt starke Landesarbeitsgemeinschaft Palästina-Solidarität ebenfalls am Freitag veröffentlichte und beklagte, dass mit der Vereinbarung »die Palästina-Solidarität vor den Bus geworfen« werde.

Derweil werden SPD und Grüne teils von den eigenen Bundesspitzen wie auch von Politiker*innen im Ruhestand wie Wolfgang Thierse (SPD), Joseph Fischer (Grüne) unter Druck gesetzt und aufgefordert, nicht mit der vermeintlich destruktiven und antisemitischen Linken zu koalieren. Eine Gruppe von Persönlichkeiten, zu denen die beiden Genannten gehören, fordert SPD und Grüne in einem am Dienstag veröffentlichten Appell auf, mit der Wahlverliererin CDU Koalitionsverhandlungen aufzunehmen. Zu den Unterzeichnenden gehört auch die frühere Bundesfamilienministerin Christine Bergmann (SPD).

Zuvor hatten 150 jüdische Berliner*innen Linke, SPD und Grünen aufgefordert, ein Regierungsbündnis einzugehen und Maßnahmen gegen Mietwucher und für ein bezahlbares Leben zu ergreifen und die Antisemitismus-Vorwürfe gegen Die Linke für nicht gerechtfertigt erklärt. Inzwischen ist ihr offener Brief von mehr als 250 Menschen unterzeichnet worden.

Erstveröffentlicht im nd v. 9.10. 2026
Sorge um Glaubwürdigkeit

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