Wir leben in einer Welt des Kapitalismus. Doch auch dieser wandelt sich – wie die Deutschland AG zeigt
Titelbild: Blackrock als weltweite Geldsammelstelle und Machtfaktor
300 Männer, schrieb Walther Rathenau zu Beginn des 20. Jahrhunderts, bestimmen die wirtschaftlichen Geschicke des Kontinents. Der später von Rechtsextremisten ermordete Außenminister der Weimarer Republik zielte vor allem auf das enge Geflecht aus Bankiers, Industriekapitänen und Lobbyisten, das sich mit dem Aufstieg von Firmen wie Deutsche Bank, Allianz oder Siemens im deutschen Kaiserreich herausgebildet hatte. Über Aufsichtsratsmandate und Aktienstimmrechte waren diese männlichen Vorstände engstens miteinander verbandelt. Bis in die 90er Jahre prägte dieses Netzwerk namens »Deutschland AG« die Politik und die Unternehmenskultur in der Bundesrepublik.
Wohin der Weg der Wirtschaft in den 90er Jahren führen würde, war schon frühzeitig abzusehen, behauptet der Autor Konstantin Richter in seinem episodenreichen Buch »Dreihundert Männer«. Zwar versprach der Rheinische Kapitalismus den Bürgern sichere Einkommen und sozialen Ausgleich, aber nach und nach erlagen die Deutschen den nordamerikanischen Verführungskünsten. Zur Strahlkraft des US-Modells trug der Zusammenbruch der realsozialistischen Staaten bei. Diese wurde den Marktliberalen gutgeschrieben, nicht den Nadelstreifenträgern an Rhein und Main. Sinkende Transportkosten, fallende Zollschranken und die Entstehung des Europäischen Binnenmarktes trieben laut Richter das Ende der Deutschland AG voran. Auch die Beschleunigung der internationalen Finanzmärkte und das Internet trugen zum Triumph der zwar regelbasierten, aber marktradikalen Globalisierung bei.
Eher lieblos und nur am Rande streift Richter in seinem ansonsten fulminant erzählten Buch die Rolle der Bundesregierung unter Gerhard Schröder und dem Grünen-Politiker Joschka Fischer. Anders als frühere SPD-Kanzler öffnete Schröder »dem Markt« Tür und Tor. Es folgten die Privatisierung öffentlicher Infrastruktur wie Post und Bahn, die Liberalisierung der Arbeitswelt und der Abbau der staatlichen Altersvorsorge.
Eine Steuerreform trug im Jahr 2002 dann entscheidend zur Entflechtung der deutschen Wirtschaft bei. Schröders Kanzleramtsminister Hans Martin Bury (SPD), der 2005 zur US-Investmentbank Lehman Brothers wechselte, wollte »das Bankenkartell« sprengen. »Gewinne aus einer Veräußerung von Anteilen, die eine Kapitalgesellschaft an einer anderen Kapitalgesellschaft hält, sind nicht steuerpflichtig«, lautete der entscheidende Satz im Steuerbefreiungspaket. Dieses war ganz im Sinne der Großbanken geschnürt, die ihrer Industriebeteiligungen überdrüssig waren und ihre frei werdenden Milliarden lieber auf den internationalen Finanzmärkten investieren wollten.
Kapital ist heute in erster Linie »institutionelles« Kapital – privates Kapital also, das in Sammelstellen wie Pensionsfonds und Stiftungen organisiert ist.
Die Folgen lassen sich heute an der Aktionärsstruktur unter anderem von Mercedes-Benz ablesen. Die chinesische BAIC Group und der chinesische Finanzinvestor Li Shufu sind mit jeweils rund 10 Prozent die größten Einzelaktionäre. US-Finanzkonzerne, darunter der Vermögensverwalter Blackrock, besitzen über 16 Prozent der Anteile, Kuwaits Staatsfonds rund 6 Prozent. Anteilseigner aus Deutschland, vornehmlich Kleinaktionäre und Fondsgesellschaften von Banken, kommen auf knapp 7 Prozent.
Außerdem machen die großen Konzerne aus Deutschland heute 80 Prozent ihrer Profite in aller Welt. Und deren Spitzenmanager kassieren mehr Geld denn je. Personelle Verflechtungen zwischen den mittlerweile 2000, 3000 – nicht mehr 300 – wichtigsten Entscheidungsträgern in der deutschen Wirtschaft, darunter zunehmend Frauen, sind loser geworden. Gegenseitige Mandate in Bei- und Aufsichtsräten sowie exklusive geschäftliche wie private Treffs gibt es weiterhin.
Die Deutschland AG hat sich also verändert. Sie wird heute auch mitgetragen von einem starken Mittelstand in der Industrie, den »Hidden Champions« (unbekannten Weltmarktführern), von Verbänden und Lobbyorganisationen, einer engen Verflechtung mit dem Staat, teils den Gewerkschaften und einer konsensorientierten Wirtschaftskultur. Aber dies ist nur die operative Ebene, mit der sich Richter begnügt, nicht die strukturelle.
Wie die Sozialstrukturforschung zeigt, zählt Deutschland im internationalen Vergleich zu den Ländern mit einer hohen Vermögensungleichheit: Die oberen 10 Prozent verfügen über etwa 60 Prozent des gesamten privaten Vermögens. Darüber hinaus haben Isabell Stamm und Benjamin Braun vom Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung hierzulande eine besonders starke Konzentration von Unternehmenseigentum »am obersten Ende der Vermögensverteilung« beobachtet. Diese Familien haben teilweise ihre Unternehmen in erster Generation selbst aufgebaut und dann durch Schenkungen und Vererbung innerhalb der Familien weitergegeben. So hat sich der Reichtum der frühen Deutschland AG nicht in Luft aufgelöst.
Kapital ist heute in erster Linie »institutionelles« Kapital – privates Kapital also, das in Sammelstellen wie Pensionsfonds und Stiftungen organisiert ist, die ihr Kapital ihrerseits an noch größere Kapitalsammelstellen weiterreichen: an kommerzielle Vermögensverwalter oder »Asset-Management-Firmen« wie Versicherer und Fondsgesellschaften von Banken. Dieser zeitgemäße Asset-Manager-Kapitalismus findet seinen historischen Vorläufer in dem von Rudolf Hilferding – dem marxistischen Theoretiker und SPD-Finanzminister der Weimarer Republik – beschriebenen »Finanzkapital«. Über ein Jahrhundert später nimmt der Finanzsektor wie zur Hochzeit der Deutschland AG erneut eine dominante Position gegenüber dem realwirtschaftlichen Unternehmenssektor ein.
Konstantin Richter: Dreihundert Männer. Aufstieg und Fall der Deutschland AG. Suhrkamp, 543 S., geb., 30 €.
Erstveröffentlich im nd am 2.10. 2026
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1203073.rezension-nicht-manager-regieren-die-wirtschaft.html
Wir danken für das Publikationsrecht.
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