Linke Versöhnung mit dem Liberalismus?

Die politische und programmatische Schwäche der Linken ist demokratiegefährdend. Eine Gegenrede zu Jan Schlemermeyer

Der Aufruf zur Verteidigung der liberalen kapitalistischen Demokratie, die gemeinhin als Verursacher der Krisen angesehen wird, kann keine überzeugende Strategie für Die Linke sein.

Von Michail Nelken

An der seit Jahren in Teilen der Partei Die Linke grassierenden fruchtlosen Unsitte, die eigene politische Positionierung in Abgrenzung zu Sahra Wagenknechts Populismus-Mix vorzunehmen, statt auf Basis einer Analyse der gesellschaftlichen Realitäten eine eigenständige linke Strategie und Politik zu entwickeln, krankt auch der Beitrag von Jan Schlemermeyer (»Gegen den Autoritarismus von links«, »nd« vom 20.1.2024) zu diesem Thema. Den Abgrenzungsbedarf begründet Schlemermeyer mit einer behaupteten historischen Differenzlinie zwischen einer autoritativen Linken und einer demokratisch liberalen Linken, die seit über 100 Jahren eine Grundfrage der sozialistischen Linken sei.

Diese vermeintliche Polarität ist allerdings eine Rückprojektion in aktueller politischer Absicht, die mit der tatsächlichen Geschichte der sozialistischen Linken wenig zu tun hat. Worte, Stereotype und Losungen werden dabei ohne historische Kontextualisierung als Begründung einer linken Strategie in der Gegenwart instrumentalisiert. Mehr noch, in der Geschichte des Sozialismus »entdeckt« Schlemermeyer eine generelle Tendenz zum Autoritarismus. Im Namen des guten Zwecks tendiere die Linke demnach zu einer Geringschätzung von Demokratie und Liberalität, von Rechtsstaatlichkeit und individueller Freiheit. Die »Liberalismusverachtung« sei eine Grundtorheit der Linken von Anbeginn. Die Partei Die Linke solle sich als liberale demokratische Linke in Abgrenzung zur autoritativen Linken neu profilieren.

Die tatsächliche Geschichte des Sozialismus, für die die theoretische wie politische Auseinandersetzung mit dem realen Liberalismus, mit der Differenz von Liberalismus und Sozialismus, von Reform und Revolution, von parlamentarisch-demokratischem Staat und sozialdemokratischem »Zukunftsstaat«, von bürgerlich-demokratischer Republik und sozialistischer Räterepublik eine zentrale Achse ihrer politischen Programmatik bildete, wird dabei ignoriert. Theoretiker und Politiker der sozialistischen Arbeiterbewegung haben sich mit diesen grundlegenden Fragen über Jahrzehnte auseinandergesetzt. Sie taten dies in Kritik des politischen Liberalismus und seiner Repräsentanten in den Parlamenten.

Mit dem politischen Erstarken der sozialistischen Arbeiterbewegung nahmen die liberalen Parteien in zentralen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen (Wahlrecht, Arbeitsschutz- und Sozialgesetzgebung, Steuer- und Zollpolitik, Rüstungsbudget usw.) der Sozialdemokratie entgegengesetzte Positionen ein. Die Repräsentanten des politischen Liberalismus suchten ab Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend ein »nationales« Bündnis mit den konservativen Kräften gegen die »vaterlandslosen« Systemgegner. Bourgeoisie und Bürgertum erkannten in den emanzipatorischen Ansprüchen der politischen und gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung eine drohende Beeinträchtigung ihrer Machtstellung.

In der Systemkrise im Ausgang des 19. Jahrhunderts zerfiel der klassische politische Liberalismus. Die Nationalliberalen gingen direkt in das anti-sozialdemokratische Lager von Großbourgeoisie und feudalem Staats- und Militärapparat über. Die Sozialliberalen, die auf soziale Reformen und eine nationale Staatsregulierung des Kapitalismus setzten, lehnten den Klassenkampf und die sozialistischen Ziele der internationalistischen Sozialdemokratie ab. Sie wollten die soziale Frage in einer nationalen Neuordnung bewältigen. Die sozialdemokratischen Führer (Engels, Bebel, Adler u.a.) konstatierten in den 1890er Jahren, dass der Liberalismus in die »reaktionäre Masse« der Gegner der Sozialdemokratie gewechselt sei. Der klassische traditionelle politische Liberalismus führte bereits vor 1914 nur noch ein Schattendasein. In der Weimarer Republik waren seine Parteien ohne jede politische Bedeutung. Für ein politisches Bündnis mit dem bürgerlichen Liberalismus fehlte der sozialistischen Linken der potenzielle Partner.

Über 100 Jahre später meint Jan Schlemermeyer, das Grunddilemma der sozialistischen Bewegung darin gefunden zu haben, dass die Genoss*innen den bürgerlichen Liberalismus verachtet und mit dem bürgerlich-demokratischen Parlamentarismus gefremdelt hätten. Das ist unernst. Er spricht nicht vom wirklichen politischen Liberalismus und den von ihm repräsentierten sozialen Interessen, sondern fingiert aus gängigen Worten wie Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung einen imaginären Liberalismus des Sein-Sollens und entkoppelt diesen von der gesellschaftspolitischen Realität der »freien Markwirtschaft«, der Freiheit und Unantastbarkeit des Privateigentums und des Kapitals (der Kapitalisten).

Sein Verständnis der neueren Geschichte als Widerstreit zwischen Autoritarismus und Liberalismus erscheint wie eine Trivialversion des Totalitarismus-Modells mit seiner Scheidung von liberaler Demokratie einerseits und linken und rechten totalitären Diktaturen andererseits. So beschreibt er folgerichtig die Machtübergabe an die Faschisten mit den Worten: »Die Niederlage der Weimarer Demokratie gegenüber dem deutschen Faschismus war schließlich nicht nur Ergebnis eines Bündnisses aus Eliten, Großkapital und Mob.«Mit ihrer antidemokratisch konnotierten Kritik am Parlamentarismus hätte auch die Linke ihren Anteil an diesem »Sieg« des Faschismus.

Die Weimarer Demokratie wurde nicht vom Faschismus »besiegt«, sondern sie wurde kampflos der faschistischen Herrschaft geopfert, nachdem zuvor ihre soziale und politische Basis seit Jahren erodierte. Die Machtübergabe an die Faschisten war die Entscheidung einflussreicher Vertreter der Großbourgeoisie und anderer bürgerlicher Schichten, die in der Regentschaft der Faschisten ihre Interessen besser aufgehoben sahen als in einer demokratischen Republik mit der vermuteten latenten Gefahr einer sozialistischen Umwälzung. Nicht der »Mob«, wie Schlemermeyer schreibt, war in diesem Bündnis am Werk, sondern den Faschisten war eine Massenmobilisierung in kleinbürgerlichen Schichten und im bürgerlichen Mittelstand sowie letztlich auch in Teilen des Proletariats gelungen.

Angesichts dessen erwies sich die Linke als ohnmächtig. Nicht die kritische und distanzierte Haltung der radikalen Linken zur Weimarer Republik verhinderte ein Bündnis zu ihrer Verteidigung, sondern es gab in der politischen Realität keine relevanten gesellschaftlichen Kräfte für ein solches Bündnis. Die Weimarer Republik ging am Mangel an Demokratie und an Demokraten in der Mitte der Gesellschaft zugrunde, nicht im »Zangengriff« von rechten und linken Antidemokraten, wie es seit Jahrzehnten die hegemoniale Geschichtserzählung suggeriert. Das zu erkennen, ist für die heutige Auseinandersetzung mit der erstarkenden nationalistischen antiliberalen Rechten essenziell.

Das schließt nicht den kritischen Umgang mit strategischen Fehleinschätzungen der Sozialdemokraten und der Linken in der Weimarer Republik aus. Dies ist aber nur fruchtbar, wenn es in Auseinandersetzung mit dem historischen Kontext erfolgt und nicht als ideologisch interessierte Rückprojektion.

Das globale kapitalistische Gesellschaftssystem befindet sich heute wieder in einer akuten Systemkrise, die die Gesamtheit seiner wirtschaftlichen, politischen und ideell-kulturellen Grundlagen erfasst. Die ökologische und Klimakrise ist untrennbar verbunden mit der Reproduktionskrise der Weltwirtschaft. Das Weltfinanzsystem, der Welthandel und die weltweit vernetzte Industrieproduktion sind von ihr ergriffen. Die Feststellung, dass der systemimmanente Wachstumszwang Ursache der globalen Krise sei, ist heute ein Allgemeinplatz ohne revolutionäre Sprengkraft. Der Zweifel, dass die gegebenen politischen Institutionen und die sie beherrschenden politischen Kräfte in der Lage seien, diese Krise zu bewältigen, breitet sich global aus. In dieser Gemengelage haben populistische, nationalistische Heilsversprechen Konjunktur.

Liberalismus und Sozialismus sind widerstreitende Theorien der Organisation und Steuerung der Gesellschaft. Was nicht die völlige Unvereinbarkeit von Ideen und Prinzipien bedeutet. In der Geschichte durchdrangen sich stets widerstreitende Gesellschaftsmodelle. Dennoch sind Liberalismus und Sozialismus im Wesen unterschiedliche Gesellschaftsmodelle, die man nicht einfach als Best-of mixen kann. Wohlgefällige liberale Freiheiten des Individuums sind kein Glitzer des staatlichen und zivilgesellschaftlichen Überbaus, den die »früheren« Sozialisten bislang nur vergessen hatten.

Das Bekenntnis zur liberalen Demokratie und ihren Institutionen ist angesichts des akuten und breiten Vertrauensverlustes in diese Institutionen ohne reale politische Bewegungskraft. Der Aufruf zur Verteidigung der liberalen kapitalistischen Demokratie und ihrer Institutionen, die gemeinhin als Verursacher der Krisen oder zumindest als unfähig hinsichtlich ihrer sozial verträglichen Bewältigung angesehen werden, kann keine überzeugende Politikstrategie für die Linke sein. Wen soll die Proklamation einer »Fronde und Wertegemeinschaft« der liberalen Demokraten von Söder/Merz über Scholz/Pistorius, Baerbock/Habeck und Lindner bis zu Wissler/Schirdewan gegen den Autoritarismus aller Couleur mobilisieren? – Ist die Ampel-Regierung das Liberalste und Demokratischste, was die bürgerliche Gesellschaft hierzulande derzeit zu bieten hat?

Die politische Schwäche der Linken ist demokratiegefährdend. Angesichts dessen, dass die historische Universalantwort der Linken, der Sozialismus sei die Lösung all dieser Probleme, jede Überzeugungskraft verloren hat, droht der Linken ohne konsistente politische Programmatik die Bedeutungslosigkeit. Erforderlich ist eine konkrete emanzipatorische Kritik der Systemkrisen und der von ihnen verursachten sozialen Widersprüche. Der sich ausbreitenden Entfremdung vom liberalen demokratischen Rechtsstaat wirken nur konkrete realistische Politikansätze entgegen, die praktisch erlebbar machen, dass diese Institutionen zur Verwirklichung einer sozial gerechten Lösung der heutigen gesellschaftlichen Krisenerscheinungen in der Lage sind.

Programmatische Grundlinien sind erforderlich, aber noch keine Politik. Politik ist das Einwirken auf die konkreten Lebensverhältnisse durch Sozial-, Renten- und Gesundheitspolitik, Wirtschafts- und Verkehrspolitik, Bildungs- und Wissenschaftspolitik, Außen- und Militärpolitik etc. Das ist ein wirksamer Beitrag zur Stärkung eines liberalen und demokratischen Staatswesens, der gegen den grassierenden populistischen Autoritarismus und für eine Erneuerung der Linken Not tut, nicht eine »Aussöhnung mit dem Liberalismus« an sich.

Britta Pedersen

Michail Nelken, Jahrgang 1952, ist promovierter Philosoph. Er war und ist in der PDS bzw. der Linkspartei politisch aktiv. Von 1995 bis 2006 und noch einmal von 2017 bis 2021 war er Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses. Von 2006 bis 2011 amtierte er als Bezirksstadtrat für Wirtschaft, Kultur und Stadtentwicklung im Berliner Bezirk Pankow. Mit diesem Beitrag reagiert er auf einen nd-Text von Jan Schlemermeyer (»Gegen den Autoritarismus von links«, 20.1.2024) und setzt damit eine Debatte fort, die bereits von Michael Brie (27.1.) und Alexander King (5.2.) aufgegriffen worden war.

Erstveröffentlicht im nd vom 18.3. 2024
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1180795.linkspartei-linke-versoehnung-mit-dem-liberalismus.html?sstr=Liberalismus

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Betriebsratswahl in Grünheide: Tesla gegen IG Metall

Kommentar

Die IG Metall steht in Grünheide vor schwierigen Betriebsratswahlen

Vor der wichtigen Betriebsratswahl kommende Woche hat der Elektro-Gigant Tesla das Momentum auf seiner Seite. Vor dem Anschlag auf die Stromversorgung war die öffentliche Stimmung eher kritisch gewesen: Die Gemeinde Grünheide hatte den Erweiterungsplan für die Fabrik abgewählt, Klimaaktivist*innen ein Waldstück besetzt, und die IG Metall gerichtlich die Verschiebung der Wahl durchgesetzt. Berichte über miese Arbeitsbedingungen waren an der Tagesordnung.

Doch das Pendel ist zurückgeschwungen. Die Wahl findet nach einem Urteil in zweiter Instanz doch wie von der Betriebsleitung geplant, also mit nur kurzer Vorbereitung statt. Musk und seine PR-Strateg*innen inszenierten gekonnt eine Solidaritätskundgebung – inklusive Lichterkette – für das eigene Unternehmen, wobei ein beachtlicher Teil der Belegschaft dem Aufruf folgte. Der dem Management nahestehende Noch-Betriebsrat bezeichnete die IG Metall auf dem Event als Hauptgegner. Als der Chef dann höchstpersönlich zu Besuch kam, wusste er die Landespolitik wie gewohnt an seiner Seite. In diesem Fahrwasser: die geschickte Präsentation abgeschwächter Erweiterungspläne und eine wohlwollende Reaktion der Bürgervertreter. Der Bebauungsplan sei wichtig für die Gemeinde und die Umwelt.

Auch wenn die Stimmung unter den Kolleg*innen von außen schwer zu beurteilen ist, sind die Bedingungen schwierig. Nicht zuletzt deshalb, weil Beschäftigte, die sich aus der Deckung wagen, unter Druck gesetzt werden dürften. Eine Betriebsratsmehrheit der IG Metall nach den Wahlen ist keineswegs ausgemacht.

Erschienen im nd v. 16/17.4. 2024
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1180745.tesla-betriebsratswahl-in-gruenheide-tesla-gegen-ig-metall.html
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Wenn der Verweis auf den Holocaust nicht Staatsverbrechen ächtet, sondern rechtfertigt

Von Wolf Wetzel

Bild: Slaunger, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Der Holocaust wird fast einhellig als einmalig, als einzigartig hervorgehoben. Aber warum wird der Holocaust immer wieder erwähnt, um die Vertreibung von PalästinenserInnen und israelische Besatzung zu legitimieren? Geht es bei diesem Salto rückwärts darum, alles darunter zu etwas ziemlich Gewöhnlichem zu machen?

Die Scho‘ah-Überlebende Ruth Haran aus dem Kibbutz Be’eri sprach im November 2023 von einem „erneuten Holocaust“.

„Der 7. Oktober sollte der israelischen Öffentlichkeit ganz explizit und unmittelbar vermitteln, dass sich ein neuer Holocaust jederzeit wiederholen kann.“ (Deborah Hartmann/Tobias Ebbrecht-Hartmann, taz vom 4.11.2023)

Der Bürgermeister von Metula, David Azoulai, erklärte, dass „der gesamte Gazastreifen leer sein muss. Abgeflacht. So wie in Auschwitz. Möge es ein Museum für die ganze Welt sein, in dem sie besichtigen kann, was Israel tun kann. Niemand soll im Gazastreifen wohnen, damit die ganze Welt das sehen kann, denn der 7. Oktober war in gewisser Weise ein zweiter Holocaust.“

Das bestätigte auch der deutsche Generalleutnant der Luftwaffe der Bundeswehr Ingo Gerhartz: „Ich habe in den beiden Tagen, an denen ich hier bin, immer wieder gehört, dass man bei dem, was am 7. Oktober geschehen ist, Parallelen zum Holocaust zieht. Ich kann dies sehr gut nachvollziehen, wenn man die menschenverachtende Brutalität, die Art und Weise, wie Kinder, Frauen und Männer abgeschlachtet worden sind, betrachtet.“ (Jüdische Allgemeine vom 7.11.2023)

Wenn man sich einig wäre, dass der Holocaust tatsächlich einzigartig ist, dann wäre jeder Versuch, ein Ereignis in diese Nähe zu rücken bzw. zu parallelisieren, ein unredlicher Akt. Für gewöhnlich handelt man sich den Vorwurf des Geschichtsrelativismus ein, wenn zum Beispiel Palästinenser ihr Nicht-Leben in Gaza mit dem Holocaust vergleichen.

Wenn dies aber auf „israelischer“ Seite geschieht, dann macht man einmal eine Ausnahme. Warum?

Ein furchtbares Ereignis hat ein Momentum und eine Geschichte

Die erwähnten Deborah Hartmann und Tobias Ebbrecht-Hartmann verweisen in ihrem Essay zu recht auf eine notwendige Kontextualisierung des 7. Oktober, also eine Einordnung, die weit über den einen Tag hinausreichen muss.

Sie schreiben: „Kontextualisierung der Gräueltaten vom 7. Oktober, die nicht in Relativierung mündet, sollte sich zunächst die ideologischen Grundlagen der Hamas und ihrer staatlichen und nichtstaatlichen Unterstützer bewusst machen und diese als solche benennen.“

Diese Aufforderung ist immens wichtig, wenn man sich Ereignisse nicht wie eine Wurst zurechtschneidet. Doch ihre Aufforderung hat eine sehr bewusste Schlagseite: Warum erwähnen sie nicht, dass eine Kontextualisierung des 7. Oktober ebenso verlangt, dass man sich die ideologischen Grundlagen einer Netanjahu-Regierung und ihrer staatlichen und nichtstaatlichen Unterstützer (von Ultra-Orthodoxen, Faschisten und bewaffneten Siedlern) bewusstmacht und diese als solche benennt?

Der sehr verständliche Wunsch, Unerträgliches einzuordnen

Ich frage mich sehr oft, wie ich die Bilder aushalte, die ich seit Wochen aus Gaza sehe, sehen muss? Und immer wieder bemühe ich meinen Verstand, mit der Bitte, das einzuordnen, damit diese Bilder und Eindrücke nicht haltlos durch meine Seele torkeln.

Dann frage ich mich, wie israelische Soldaten einen solchen Krieg führen können, ohne selbst dabei zu sterben, kaputtzugehen. Damit meine ich nicht eine feindliche Kugel oder eine Rakete. Man weiß aus den vorangegangenen Kriegen, dass israelische Soldaten selten sterben und so gut wie immer siegen.

Ich meine das innere Sterben, das erleiden, was man nicht dem Feind antut, sondern den Kindern, den Frauen, den Großeltern, also den meisten, die in diesem Krieg in Gaza sterben.

Das kann kein 7.Oktober, kein einer Tag erklären.

Aber vielleicht ist es der Holocaust, also das, was an Erzählungen, Erinnerungen und Gefühlen übrigbleibt, bei den Israelis, die heute leben und in Gaza das „Selbstverteidigungssrecht“ ausüben, seit über drei Monaten und dabei wesentlich mit sich selbst kämpfen.

Vielleicht ist es genau diese Erinnerung, die ständig wachgehalten wird, um das zu rechtfertigen, was seit drei Monaten geschieht. Man ruft das aller Schlimmste wach, um das Schlimme zu tun. Man ruft das Einmalige wach, um das zu tun, was dann ja etwas Anderes ist.

Dann kann man fast alles tun

Vor ein paar Tagen drang die Nachricht rinnsalartig zu uns durch, nachdem sie auf ausländischen Sendern verbreitet wurde, dass am 29. Februar 2024 ein UN-Hilfskonvoi in Gaza von Palästinenser geplündert worden sei und dass die Fahrer aus Angst die Menschen überfahren hätten.

Dazu zeigte man eine Drohnen-Sequenz der israelischen Propagandaabteilung, die sofort verfügbar war. Man sieht aus großer Höhe Hunderte von Punkten, die sich bewegen. Dazwischen sieht man in Umrissen LKW’s. Dann ist diese Sequenz zuende. Das sollte beweisen, dass die israelische Armee an den über 100 Toten nicht schuld sei.

Die öffentlich-rechtlich-privaten Anstalten stellten diese Militärversion nicht in Frage. Man war dankbar für diese Erklärung.

Man wollte damit ohne moralische Skrupel sagen, dass die Palästinenser an allem, also auch daran selbst schuld sind.

Erst lassen sie sich einschließen. Dann flüchten sie in ihrem eigenen Gefängnis. Dann hungern sie und jetzt plündern sie auch noch und werden Opfer ihrer eigenen Gier.

Mehr moralische Verwahrlosung auf Seiten der Kriegstreiber und Kriegsertüchtiger geht kaum.

Wie bei fast allen Kriegslügen war dies recht leicht zu widerlegen. Das merkt man daran ganz schnell, wenn Gewissheiten alle paar Tage neu angepasst werden. Als unbestreitbar war, dass israelische Militärfahrzeuge in unmittelbarer Nähe waren, erklärte man, dass man – zum Schutz des UN-Hilfskonvois – Warnschüsse in die Luft abgegeben habe. Das stimmt nur dann, wenn Palästinenser für israelische Militärs Luft sind.

Die Ärzte, die noch in Gaza sind, berichten von zahlreichen Schussverletzungen. Und es gibt auch Filmszenen, wo man klar und deutlich Schüsse hört, in unmittelbarer Nähe zu den UN-Lastwagen.

Die Washington Post gehört zu wenigen Zeitungen, die nicht nur israelische Militärnachrichten weiterreichen, sondern – soweit dies geht –selbst recherchieren. Am 1. März 2024 veröffentlichten sie ihren Bericht:

„Verzweiflung und Tod umgeben eine Hilfslieferung im nördlichen Gazastreifen. Es war der Hunger, der Ibrahim al-Rifi am Donnerstag um zwei Uhr morgens aus seinem Haus in Gaza-Stadt vertrieb. Es war Monate her, seit er im vom Krieg zerstörten nördlichen Gazastreifen Brot für seine Frau und seine Töchter finden konnte. Mehl wurde für fast $ 1.000 pro Beutel verkauft, und selbst das Tierfutter, an das sich viele gewandt hatten, ging zur Neige. Einige Leute essen Gras, haben die Vereinten Nationen gesagt. (…) ‚Ich ging, um ihnen Essen zu bringen, und kehrte mit Tod und Blut beladen zurück‘, sagte Rifi.

Dieser Bericht über die Tragödie basiert auf 12 Interviews mit Augenzeugen, Ärzten, Helfern sowie israelischen Militär- und UN-Beamten. Darüber hinaus Analyse von Dutzenden von Videos, einschließlich eines bearbeiteten Videos, das von den israelischen Streitkräften veröffentlicht wurde, zeigt, dass Menschenmengen rannten und sich duckten, während leblose Körper in der Nähe von zwei israelischen Panzerfahrzeugen auf der Straße lagen.“

Es geht nicht um das Überleben der Menschen in Gaza

Wer „Washington Post“ hört, verbindet damit angenehme Erinnerungen. Sie war es, die die „Watergate-Affäre“ in den 1970er Jahren in Gang setzte, um die fortgesetzte Kriegsführung unter US-Präsident Nixon gegen Vietnam und alle nationalen, parlamentarischen und internationalen Gesetze anzuprangern.

Doch die Washington Post ist nicht mehr die Alte. Sie hat nur überlebt, weil sie für schlappe 250 Millionen US-Dollar aufgekauft wurde. Der Mann mit einem laut Forbes geschätzten Vermögen von rund 200 Milliarden US-Dollar hat sie eingesteckt: Der Amazon-Gründer Jeff Bezos, ein Jo Biden Fan.

Wenn also diese neoliberale Zeitung eines Milliardärs diese Recherche macht, dann geht es nicht um Gaza, sondern um US-Innenpolitik, um das Überleben der Jo Biden Regierung. Sie ist materiell von Milliardären und Millionären abhängig und parlamentarisch von Millionen Stimmen von „schwarzen“ und „braunen“ Stimmen. Von alle den Menschen, die eine Kolonialgeschichte haben und dies nicht vergessen.

Und um diese Stimmen geht es, wenn im November 2024 in den USA gewählt wird. Wenn Jo Biden gegen Trump gewinnen will, muss er diese Stimmen gewinnen.

Nur deshalb liefert die jetzige US-Regierung Waffen an Israel, um den Krieg gegen Gaza fortzusetzen und Hilfslieferungen per Fallschirm, um Stimmen im eigenen Land einzufangen.

Diese Doppelzüngigkeit ist nicht neu. Sie passiert jetzt nur gleichzeitig: Die israelische Armee töten mit dem Geld der US-Regierung Hungernde und obdachlose Menschen in Gaza und die US-Regierung wirft Zelte und Nahrungsmittel ab, um sich selbst zu retten.

Über Tier- und Untermenschen

Aber was treibt israelische Soldaten dazu, Kinder, Frauen, Männer zu ermorden, die dem Verhungern für ein paar Tage entkommen wollen?

Was treibt eine Militärführung an, dieses Vorgehen zu decken und das Bild von den „Tiermenschen“, das sie selbst in die Welt gesetzt haben, zu füttern? Ein Bild, das nah am „Untermenschen“ steht.

Was machen die israelischen Soldaten, nachdem sie Hungernde erschossen hatten? Umarmen sie ihre Kinder? Essen sie gut und ausgiebig zusammen zu Abend. Bekommen die Kinder noch einen Gutenachtkuss?

Dass es in einem Krieg auch, also auch dazu kommen kann, dass versehentlich Zivilisten getötet werden, ist Bestandteil eines Krieges, wenn man alles daransetzt, dass die „Lösung“ ein Krieg ist.

Aber diese Situation am 29.2.2024 hat nichts mit einem außer Kontrolle geratenen Kriegsgeschehen zu tun. Sie ist die Umsetzung dessen, was einige in der israelischen Regierung laut und unmissverständlich angekündigt hat: Die Auslöschung von Gaza.

  • „Es ist ein ganzes Volk, das verantwortlich ist … Wir werden kämpfen, bis wir ihr Rückgrat brechen.“ (Präsident Jitzchak Herzog am 14. Oktober 2023)
  • „Es wird keinen Strom geben, keine Lebensmittel, keinen Treibstoff, alles ist geschlossen. Wir kämpfen gegen menschliche Tiere und wir handeln entsprechend.“ (Verteidigungsminister Yoav Gallant am 9. Oktober 2023)
  • „Ich möchte der Welt sagen, was man über mich in Israel längst weiß: Gaza ist mir egal. Gaza ist mir im wahrsten Sinne egal. Sie können im Meer schwimmen gehen.“ (May Golan, Ministerin für die Förderung des Status von Frauen von Israel, am 13. Oktober 2023 im Interview mit ILTV)

Was nach der ethnischen Säuberung und der Zerstörung kommen soll, ist auch kein Geheimnis. Wenn es nach dem israelischen Finanzminister und Faschisten Bezalel Smotrich geht, der sich selbst als „faschistischer Schwulenhasser“ (https://archive.is/mFUoh)“ bezeichnet und die Existenz der Palästinenser leugnet, sagte am 1. Februar 2024, dass die Erlaubnis humanitäre Hilfe nach Gaza zu lassen gegen die Ziele des israelischen Krieges verstößt: „Ich habe diesbezüglich mit Netanjahu gesprochen und das wird sich bald ändern.“ (https://twitter.com/QudsNen/status/1752959438128927207)

Dem schließt sich eine post-palästinensische „Vision“ an: Er präsentierte den Plan zum Bau von 7.000 Siedlungsprojekten in Gaza.

Bis heute ist von denen, die beständig und beliebig auf den Holocaust verweisen, nichts gekommen, was diese einflussreichen Worte und die daraus folgenden Taten charakterisiert.

Wenn das, was an einem Tag, am 7. Oktober 2023 in Israel passiert ist, das Massaker an Zivilisten und die Geiselnahme von etwa 150 Zivilisten, ein „zweites Holocaust“ ist, dann stellt sich die Frage, wie man die folgenden fünf Monate im besetzten Gaza, mit der fast kompletten Zerstörung der zivilen Infrastruktur, mit dem bewussten Aushungern der Bevölkerung, mit dem über 30.000 ermordeten Menschen in Gaza, mit den über 1,5 Millionen Menschen auf der Flucht (ohne Fluchtmöglichkeiten) … wie man das in die Geschichte der Völkermorde einordnet?

Quellen und Hinweise

UN-Gedenken. 7. Oktober als Wiederholung des Holocaust, Israelnetz vom 30. Januar 2024: https://www.israelnetz.com/7-oktober-als-wiederholung-des-holocaust/

Einfach weitermachen ist unmöglich. Seine genozidale Botschaft unterscheidet den 7. Oktober von früheren Angriffen auf Israel: Sie steht in direktem Zusammenhang mit dem Holocaust: https://taz.de/Essay-zum-Angriff-der-Hamas/!5967960/

Desperation and death surround an aid delivery in northern Gaza, washingtonpost.com vom 1.3.2024: https://www.washingtonpost.com/world/2024/03/01/gaza-aid-delivery-stampede-shots/

Ist der Gazastreifen ein Konzentrationslager? Wolf Wetzel, 2024: https://wolfwetzel.de/index.php/2024/02/21/der-krieg-der-israelischen-armee-in-gaza-besiegt-nicht-den-terror/

Ein wütender Kommentar von Ana Kasparian zu dem mörderischen Angriff auf hungernde Menschen in Gaza vom 1.3.2024 im Kanal „The young turks“: https://www.facebook.com/PalestinianStreetNews/videos/792421562904074

Erstveröffentlicht im Overton Magazin
https://overton-magazin.de/kolumnen/kohlhaas-unchained/wenn-der-verweis-auf-den-holocaust-nicht-staatsverbrechen-aechtet-sondern-rechtfertigt/

Wir danken dem Autor für das Publikationsrecht.

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