Vom Kickertisch ins Personalbüro

Photo: IG Metall

Daniel Weidmann* über die erste Berliner Tech Workers-Konferenz

Am 30. September 2022 haben der Berliner Ableger der »Tech Workers Coalition« (TWC), die Berliner IG Metall und ver.di Berlin gemeinsam eine englischsprachige
Konferenz für Betriebsratsmitglieder aus Berliner Tech-Betrieben mit knapp 70 Teilnehmer:innen organisiert. Der express sprach darüber mit dem Rechtsanwalt Daniel
Weidmann, einem der Konferenzorganisatoren.

express: Erzähl erst einmal was zur Vorgeschichte: Wie kam es zu Eurer Kooperation?

Daniel: Das Orga-Team der Konferenz bestand quasi aus alten Bekannten: Die Berlin Tech Workers Coalition hat sich bereits 2019 gegründet, inspiriert durch die Auseinandersetzungen in Kalifornien, den Google Walkout usw. Seit Anfang 2020 kennen wir uns alle und beziehen uns bei der Arbeit aufeinander. Yonatan und Laura organisieren regelmäßig kleine und mittelgroße Treffen zum Erfahrungsaustausch zwischen den Berliner Tech-Workers. Thomas ist bei der Berliner IG Metall für die Tech-Betriebe zuständig, die eher im IGM-Organisationsbereich liegen. Oliver ist der Tech-Ansprechpartner bei ver.di. Ich selbst bin Arbeitsrechtler und begleite ca. ein Dutzend englischsprachige Berliner Tech-Betriebsratsgremien anwaltlich.

Und funktioniert die Zusammenarbeit? Auch zwischen den beiden Gewerkschaften?

Ja, sehr gut. Es mag ja sein, dass das den beiden Organisationen auf Bundesebene schwerer fällt. Aber vor Ort ergänzt sich das sehr gut. Die Satzungslogik der DGB-Gewerkschaften ist nun mal so, wie sie ist, das können wir vor Ort nicht von heute auf morgen ändern. Also grenzt man eben ab, wer für welchen Betrieb zuständig ist. Aber punktuell hilft man sich auch aus. Ein Beispiel ist die BR-Wahl bei der Onlinebank N26: Im August 2020 ist die Berliner IG Metall spontan eingesprungen, als N26 unter dem Vorwand des Pandemiearbeitsschutzes eine einstweilige Verfügung gegen die von ver.di eingeleitete Betriebsratswahl erwirkt hatte. Die IGM hat sich die Einladung zur Wahlversammlung auf unsere Bitte hin einfach kurzfristig zu eigen gemacht. Darauf konnte die Arbeitgeberjuristin nicht mehr reagieren und die Wahl des Wahlvorstands nicht mehr verhindern. Gleichzeitig hat die TWC auf Twitter einen massiven Shitstorm losgetreten, auf den nach ein paar Stunden auch allerlei Promis eingestiegen sind. Daraufhin hat N26 kapituliert und keinen weiteren Widerstand gegen die BR-Wahlen geleistet.

Was sind das für Betriebsräte, die Ihr eingeladen habt?

Die allermeisten dieser Betriebsräte wurden erst in den letzten drei Jahren gegründet. Sie vertreten vor allem die Belegschaften aus Internetdienstleistungs- und App-Entwicklerbetrieben. Auch mehrere Online-Finanzdienstleister (sog. FinTechs) und Entwickler von Anlagen- und Fahrzeugsoftware sind mit von der Partie. Betriebsratssprache ist Englisch, ebenso wie die 1 vgl. dazu auch Daniel Weidmann: Die Macht des Shitstorms, Analyse & Kritik Nr. 663, https://www.akweb.de/bewegung/die-macht-des-shitstorms/express Nr. 10/2022Verkehrssprache im Betrieb. Der Anteil von Menschen, die erst kürzlich aus aller Herren Länder nach Berlin gezogen sind und kaum oder sogar gar kein Deutsch können, ist in diesen Betrieben extrem hoch. Es wäre nicht nur kaum zu leisten, die Betriebsratsarbeit auf Deutsch zu organisieren. Das wäre auch völlig willkürlich. Daher passiert dort alles auf Englisch: Die Sitzungen, die Schulungen, die Verhandlungen mit der Arbeitgeberseite und die Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften.

Sind denn viele Tech-Beschäftigte gewerkschaftlich organisiert?

Die allermeisten dieser Betriebsräte wurden erst in den letzten drei Jahren gegründet. Sie vertreten vor allem die Belegschaften aus Internetdienstleistungs- und App-Entwicklerbetrieben. Auch mehrere Online-Finanzdienstleister (sog. FinTechs) und Entwickler von Anlagen- und Fahrzeugsoftware sind mit von der Partie. Betriebsratssprache ist Englisch, ebenso wie die Verkehrssprache im Betrieb. Der Anteil von Menschen, die erst kürzlich aus aller Herren Länder nach Berlin gezogen sind und kaum oder sogar gar kein Deutsch können, ist in diesen Betrieben extrem hoch. Es wäre nicht nur kaum zu leisten, die Betriebsratsarbeit auf Deutsch zu organisieren. Das wäre auch völlig willkürlich. Daher passiert dort alles auf Englisch: Die Sitzungen, die Schulungen, die Verhandlungen mit der Arbeitgeberseite und die Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften.

Sind denn viele Tech-Beschäftigte gewerkschaftlich organisiert?

Bisher eher noch nicht. Das kann sich aber bald ändern. Die Tech-Party ist vorbei und das wissen die Beschäftigten auch. Seit die Zinssätze wieder steigen, kommen die gestern noch als Jobwunder in den Himmel gelobten App- und Software-Firmen nicht mehr an frisches Geld, weil ihre Investoren den Hahn zudrehen. Und davon, selbst schwarze Zahlen zu schreiben, mit denen man die eigenen Belegschaften bezahlen könnte, sind die allermeisten dieser Firmen meilenweit entfernt. Dementsprechend rauer wird der Ton. Viele Beschäftigte, die gestern noch mit ihrem Chef am Kickertisch standen, finden sich heute im Personalbüro wieder, wo ihnen ein Aufhebungsvertrag vorgelegt wird. So versuchen viele Arbeitgeber der Branche, ihren Personalabbau möglichst »geräuschlos« über die Bühne zu bringen. Mehrere Berliner Tech-Betriebsratsgremien müssen derzeit aber auch bereits Sozialplanverhandlungen wegen geplanter Massenentlassungen von jeweils mehr als hundert Beschäftigten führen. Da knallt es also schon richtig. Auch vor der Leitzinsanhebung war die Stimmung aber schon nicht mehr wirklich gut. Die Tech-Unternehmen haben ihre Beschäftigten während der Pandemie überwiegend ins Home Office geschickt und mit den damit einhergehenden Problemen meist komplett allein gelassen. Da viele Tech-Workers erst vor Kurzem nach Berlin gezogen sind und oft unter prekären Bedingungen zur Zwischenmiete in völlig überteuerten WG-Zimmern wohnen, traf sie das oft noch härter als alteingesessene Berliner:innen. Die Sozialkontakte auf der Arbeit sind einfach wahnsinnig wichtig, wenn man in eine fremde Stadt zieht und sonst niemanden kennt. Damit werben diese Firmen ja auch. Im Homeoffice hast Du aber nichts davon, dass im leergefegten Sozialraum deines Betrieb eine Tischtennisplatte, ein Müslispender und ein voller Bierkühlschrank stehen.

Aber das führt doch nicht automatisch zu gewerkschaftlicher Organisierung.

Nein, automatisch sicher nicht. Aber die Organisierungsperspektive ist so viel näher gerückt. Als die Mehrheit der Kolleg:innen ihre Arbeit noch als eine Art spielerische Betätigung begriffen hat, war das noch kaum vorstellbar. Mit den Problemen wächst aber auch das Bewusstsein für den Interessengegensatz zwischen ihnen und ihren Brötchengebern ‒ und damit auch ein Anknüpfungspunkt für Klassenbewusstsein und für gewerkschaftliche Organisierung. Der Boden dafür ist keineswegs ungünstig. Die meisten Tech-Workers verstehen sich schon von Haus aus als links und positionieren sich z.B. gegen Rassismus oder den Klimawandel. Klassenbewusstsein? Viele linke Beobachter:innen würden »Software Engineers« und Co. doch wahrscheinlich eher als privilegierte Gentrifizierer:innen beschreiben.express Nr. 10/2022Damit kann ich überhaupt nichts anfangen. Dieses Privilegien-Gerede taugt schon kategorisch nichts. Außerdem stimmt es auch einfach nicht, dass die alle überdurchschnittlich verdienen. Content-Moderator:innen, Click Worker und Kundendienstler:innen sind meist chronisch schlecht bezahlt. Und bei den Entwickler:innen gibt es auf jeden Fall einen riesigen Gender Pay Gap und teilweise auch rassistische Diskriminierung. Und auch die, die wirklich überdurchschnittlich gut verdienen, drohen tief zu fallen. Vor allem die, die mit einem Arbeitsvisum hier sind, müssen im Falle einer Kündigung mehr oder weniger sofort eine Anschlussbeschäftigung finden, sonst droht der Verlust des Aufenthaltstitels. Das dürfte in der aufziehenden Krise nicht ganz einfach werden, denn die anderen Betriebe bedienen sich ja auch des Personalabbaus oder haben zumindest Einstellungsstopp. Hinzu kommen die extrem hohen Mieten, die die Techies als Neuankömmlinge auf dem Berliner Wohnungsmarkt zahlen müssen ‒ ob sie wollen oder nicht. Hier von Privilegien zu reden, ist billig.

Und da habt Ihr mit dem Kongress angeknüpft?

Naja, das waren erst einmal nur ein paar bescheidene Schritte in die richtige Richtung. Aber ja, das waren schon alles Themen des Kongresses. Am Vormittag haben wir eine aufwändige Themensammlung gemacht und herausgearbeitet, dass sich die Probleme in allen Betrieben gleichen. Aber auch eine gemeinsame Perspektive jenseits der betrieblichen Organisierung wurde sofort sichtbar. Schließlich kam fast jede:r Teilnehmer:in auf Mietenwahnsinn und Klimawandel zu sprechen. Im Auftaktpanel der Konferenz wurden die Auswirkungen der TechGeschäftsmodelle auf Klima und Klimawandel dargestellt und später immer wieder diskutiert. Am Nachmittag hatten wir Workshops zu Gewerkschaftsrechten im Betrieb, Tarifvertragsfragen und zu den Handlungsmöglichkeiten des Betriebsrats bei Personalabbau und bei technischer Überwachung am Arbeitsplatz. Bei den beiden Mitbestimmungsworkshops hatten wir jeweils Tech-Betriebsratsmitglieder auf den Podien, die den anderen BR-Kolleg:innen von ihren eigenen Erfahrungen mit den Auseinandersetzungen in den Verhandlungen und Einigungsstellenverfahren berichten konnten.

Ging es denn gar nicht um das Thema Migration?

Wir haben uns ganz bewusst dagegen entschieden, die Konferenz unter einer solchen begrifflichen Klammer zu bewerben, so nach dem Motto »Migration und Arbeit in der Tech-Branche«. Wir wollten die Kolleg:innen so adressieren, wie sie sich auch selbst bezeichnen: als Tech- Workers. Allerdings haben wir der Versuchung, hierzu wenigstens ein bisschen was zu machen, nicht widerstehen können. Daher haben wir mit unseren beiden Gästen Stefania und Adelaide auch einen Workshop zu den spezifischen Herausforderungen gemacht, mit denen Menschen zu kämpfen haben, wenn sie in den 2020er Jahren in Berlin ankommen: Rassismus, Mietenwahnsinn und Behördenstress. Ein konkretes Beispiel war der »Catch 22 der Anmeldung«: Um eine Wohnsitzanmeldung zu bekommen, braucht man einen Mietvertrag. Den bekommt man in der Regel nur, wenn man einen laufenden Arbeitsvertrag vorlegen kann. Um ein Arbeitsverhältnis einzugehen, wird allerdings meist ein deutsches Konto verlangt. Das kann man aber nur eröffnen, wenn man eine Wohnsitzanmeldung vorweisen kann. Außerdem ging es natürlich auch hier um Organisierung, nur eben jenseits des Arbeitsplatzes. Ein Beispiel war die AG »Right to the City« der Kampagne »Deutsche Wohnen & Co. Enteignen«, in der sich explizit Neuberliner:innen ohne Wahlrecht organisiert haben, um für den Enteignungsvolksentscheid und seine Umsetzung zu kämpfen.

Und wie geht es nun weiter?

Gute Frage! Wir müssen das unbedingt mit weiteren Veranstaltungen vertiefen. Gleichzeitig sollte aber auch bald eine Brücke zu den endlich anlaufenden Heißer-Herbst-Protesten, zur Mieten- und zur Klimabewegung gebaut werden, damit das nicht nebeneinander herläuft. Da kommt also einige Arbeit auf uns alle zu.

* Daniel Weidmann arbeitet als Rechtsanwalt in Berlin. Das Gespräch führte das Berliner Korrespondenzbüro des express

Erschienen im „express“ 10/2022
Wir danken der Redaktion für das Abdruckrecht.

Hier auch ein Bericht der IG Metall Berlin: (Englisch)
https://www.igmetall-berlin.de/aktuelles/meldung/succesful-tech-conference/

Fußball-WM der Schande in Katar . 3 Tote für jede Spielminute der WM !

Innenministerin Faeser kritisierte die massiven Menschenrechts- und Arbeitnehmerrechtsverletzungen im Rahmen der Vorbereitung und Durchführung der diesjährigen Fussball WM in Katar. Die Golf Staaten reagierten verstimmt und verbaten sich Kritik an ihren Menschenrechtsverletzungen und der Missachtung internationaler Mindeststandards für Arbeitnehmer als Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten.

Katar, auserkoren als neuer wichtiger Garant für Energiesicherheit, drohte sogar mit der Revision der jüngst zugesagten Gaslieferungen. So weit so schlecht die neue deklarierte bundesdeutsche Energieunabhängigkeit, die durch die Aufkündigung der Abhängigkeiten von russischen fossilen Energien -frei von Menschen- und Völkerechtsverletzungen- entstehen soll. Auch wenn positiv ist, dass viele Fragen vor und bei Faesers Besuch in Katar offen thematisiert wurden. Der Protest aus dem Westen ist anders als bei Russland ein Protest auf Samtpfoten und ein weiteres Bespiel unsäglicher Doppelmoral. Statt Sanktionen bemüht man sich sogar, die Geschäfte miteinander weiter auszubauen. Die jahrelangen völkerrechtswidrigen Kriegshandlungen im Jemen werden ausgeklammert, ja sogar Waffen an agressive Kriegsparteien weiter geliefert. Was die Rechte der geschundenen und misshandelten Arbeitnehmer und Entschädigungen für Angehörige der 15 000 Toten betrifft, bleibt es bei den seit Jahren unverbindlichen und in der Praxis nicht durchgesetzten Zusagen . Lediglich für Fussballtouristen konnte Faeser konkrete Sicherheiten aushandeln, so dass diese zum Beispiel nicht bei „falscher sexueller Orientierung“ während der WM statt im Stadium im Knast landen. Und Spieler dürfen wohl jetzt die Regenbogenfarben am Arm tragen. Zuschauer, Spieler und Menschenrechtssymbolik werden ja schließlich für ein erfolgreiches profitables Fussballspektakel benötigt.

Żaklin Nastic, Menschenrechtspolitische Sprecherin und Obfrau im Verteidigungsausschuss DIE LINKE. im Bundestag, findet zur WM in Katar und das sie tragende System klare Worte [1] https://www.zaklinnastic.de/fussball-wm-der-schande-in-katar-3-tote-fuer-jede-spielminute-der-wm/ : „ Fußball-WM der Schande in Katar: 3 Tote für jede Spielminute der WM. In etwa einem Monat beginnt die Fußballweltmeisterschaft in Katar. Die laut FIFA-Chef Infantino „beste WM aller Zeiten“ war seit ihrer von Korruption geprägten Vergabe umstritten und von Kritik umgeben. Das korrupte FIFA-System hatte eine WM an eine absolutistische Monarchie gegeben, die keinerlei Fußballtradition mit dazugehörigen Stadien hat und die in einer Wüste liegt, wo es im Sommer leicht 45 Grad werden. Nun einige Jahre später fehlen nur noch wenige Tage bis zum Eröffnungsspiel und die Weltmeisterschaft ist nur umso umstrittener geworden. Die Situation der Gastarbeiter aus Nepal oder Bangladesch, die die Infrastruktur, wie Bahnverbindungen, Hotels oder Stadien, für die WM bauen sollten, war schrecklich. Sie erhielten teilweise Monate lang keinen Lohn, ihnen wurden Reisepässe abgenommen, um ihre Ausreise zu verhindern und etwa 15.000 von ihnen verloren wegen der gefährlichen Arbeitsbedingungen ihr Leben. Korruption, Verschwendung von Ressourcen und brutalste Ausbeutung stehen für diese WM der Schande in Katar. Obwohl die Geschichte der FIFA mit der Teilnahme von Nazi-Deutschland 1938 oder mit der 1978 abgehaltenen WM in dem von der Militärjunta regierten Argentinien gespickt ist von historischen Fehlern, ist das Turnier in Katar für viele ein neuer Tiefpunkt. Der Trend zu mehr großen Sportveranstaltungen in den Golfmonarchien wie die WWE in Saudi-Arabien oder die Formel 1 in den Vereinigten Arabischen Emiraten, verkauft die von vielen Millionen Fans so geliebten Sportarten an ultrakonservative Monarchien.“

Im Zeichen der Vernetzung

Von Violetta Bock

Der Oktober stand im Zeichen der Vernetzung

Die Inflation ist das beherrschende Thema bei Gewerkschafter:innen. Nicht nur, aber auch wegen anstehender Tarifrunden in der Metall- und Elektroindustrie, im öffentlichen Dienst, bei der Post und Nahverkehrsunternehmen. Nach zwei Jahren Pandemie und ausgefallenen Konferenzen, gab es im Oktober gleich mehrere gewerkschaftliche Zusammenkünfte.

Berlin: Basis stärken

Den Start machte OKG (Organisieren Kämpfen Gewinnen) am ersten Oktoberwochenende unter dem Motto „Basis stärken“ mit ca. 140 Teilnehmer:innen in Berlin. Zweidrittel der Anwesenden hatten im letzten Jahr an Streiks teilgenommen, sei es bei der Krankenhausbewegung, Gorillas oder Amazon. In über einem Dutzend Workshops berichteten Aktive, wie sie sich im betrieblichen Alltag organisieren. Immer wieder ging es zentral darum: wie reagieren wir auf gesellschaftliche Krisen bei schwacher betrieblicher Verankerung und wie können wir sie ausbauen, um gesellschaftlich durchsetzungsfähig zu werden. Samstagabend beim Podium berichtete Wolfang Schaumberg von seinen Erfahrungen seit den 70ern aus der Gruppe oppositioneller Gewerkschafter, Ines Schwerdtner stellte den Ansatz von Genug ist Genug vor durch die Verbindung von Sozialprotesten und anstehenden Tarifverhandlungen. Carola Rackete führte in einem spontanen Grußwort aus, wie sich die Klimagerechtigkeitsbewegung nun ebenso Organizing-Methoden annähert.

Durch englische Übersetzung während der Konferenz und vor allem das internationale Abschlusspodium gelang es den Blick zu weiten. Dort überbrachte eine Kollegin von der Inicjatywa Pracownicza (IP) aus Polen die Botschaft, wie sie mit dem Krieg in der Ukraine konfrontiert sind. Bereits seit 2014 arbeiten ukrainische Geflüchtete mit Ein-Monats-Verträgen in den Fabriken in Polen. Als Gewerkschaft haben sie mit ihnen Verbindungen aber auch zu den Gewerkschaften in der Ukraine geknüpft, die derzeit sowohl gegen die russischen Panzer als auch gegen die Aushöhlung ihrer Rechte als Arbeiter:innen durch das neue Arbeitsgesetz kämpfen. Eine Kollegin aus England erzählte, wie die Inflation dort bereits durchschlägt und wie 250.000 Streikende an diesem Wochenende der Arbeiter:innenbewegung neuen Schwung geben. Aus Italien berichtete ein Hafenarbeiter von ihren Ansätzen während der Pandemie und der Blockade von Waffenexporten, um nicht zu Komplizen der Herrschenden im internationalen Weltgefüge zu werden. Gelobt wurde insgesamt die Atmosphäre des kritisch aber produktiven Austausch und der bestärkende Charakter. Das machte sich auch Samstagabend beim „Work Slam“ bemerkbar. Angelehnt an das Format des Poetry Slam, wurden hier Anekdoten und Aha-Momente aus dem Arbeitsalltag erzählt, mal nachdenklich, mal erinnernd, mal schmunzelnd. Manchmal tut es einfach gut, über den Chef herzlich zu lachen.

Frankfurt: Kämpferische Gewerkschaften und Organizing

Eine Woche später ging es mit gleich zwei Konferenzen in Frankfurt weiter. Die VKG (Vernetzung für kämpferische Gewerkschaften) lud ein zum Schwerpunkt Kampf gegen die Inflation. Etwa 100 linke und organisierte Gewerkschafter:innen diskutierten, wie ein kämpferischer Kurs in den Gewerkschaften gestärkt werden kann. Dafür wurde einmal positive Bilanz gezogen über den Aufbau von VKG in den letzten zweieinhalb Jahren und das Steigern der Öffentlichkeitsarbeit, der Analysen und der Vernetzung vor Ort. Ebenso wurde aus erster Hand von Kämpfen wie im Krankenhaus oder am Hafen berichtet. Einen Schwerpunkt nahm die Einschätzung der kommenden Kämpfe und insbesondere der Tarifrunden ein. Zum Abschluss wurde die Resolution „Nein zu Preisexplosion und Lohnverlusten: Die Gewerkschaften müssen die Gegenwehr organisieren!“ verabschiedet. Darin heißt es unter anderem: „Wir fordern die Gewerkschaftsvorstände auf, jetzt in den Betrieben und auf der Straße zu mobilisieren, um eine breite Bewegung aufzubauen. Die Beteiligung an der konzertierten Aktion mit Regierung und Unternehmern muss beendet werden.“ Neben der Anrufung der Gewerkschaftsspitze werden Belegschaftsversammlungen angeregt und Vorschläge für zentrale Forderungen und ein Aktionsprogramm.

Am gleichen Tag feierte der express sein 60jähriges Bestehen unter dem Motto „Von dem Begehren nach einer anderen Freiheit getragen.“ Das Tagungsprogramm lud nicht nur zum Feiern ein, sondern war gerahmt von inhaltlichen Beiträgen und der Diskussion zu einem der prägendsten Ansätze in der heutigen Gewerkschaftslandschaft: Organizing. Doch Organizing ist nicht gleich Organizing. Und so unterschiedlich die Organisierungsansätze in Methode, Ziel und Ausrichtung auch sind, werden sie selten miteinander diskutiert. Genau dies nahm sich der express für die Tagung vor, ganz im Sinne eines Kommunikationsorgans einer pluralen Gewerkschaftsbasis. Mit den Referent:innen Florian Wilde, Slave Cubela und Yanira Wolf trafen Akteure aus verschiedenen Einzelgewerkschaften, Gewerkschaftsgenerationen und Arbeitsfeldern aufeinander zu einer produktiven Diskussion mit den rund 40 Gästen.

Mannheim: Angriffe abwehren

Am 15. Oktober, noch ein Stück weiter südlich, fand die 9. Konferenz gegen BR-Mobbing statt. Rund siebzig Betriebsräte und gewerkschaftlich Aktive aus verschiedenen Branchen werteten die zurückliegenden BR-Wahlen aus und diskutierten, wie es um die konkreten Strategien zur erfolgreichen Verteidigung verbriefter Rechte in der Arbeitswelt steht. Eins wurde in jedem Fall deutlich: Corona hat den Angriffen gegen Betriebsräte keinen Abbruch getan. Die Folgen der anhaltenden „Corona-Krise“ werden von Geschäftsführungen zum Teil sogar durch „Verdachtskündigungen“ ausgenutzt. Der Konferenz in Mannheim gelingt es in bewährter Tradition durch ihr Format konkrete Fallbeispiele zu beleuchten, als auch Verantwortliche aus Gewerkschaftsvorständen erläutern zu lassen, wie Beschlüsse zur Stärkung der Betriebsräte innerhalb der Gewerkschaften umgesetzt werden. Sowohl der baden-württembergischen DGB-Vorsitzende als auch Vorstandsmitglieder der IG Metall erläuterten ihre Positionen. Sie erhielten als Auftrag die Öffentlichkeitsarbeit noch mehr zu verstärken, vor allem angesichts des skandalösen Umgangs mit dem BR-Vorsitzenden im Unternehmen des BDA-Präsidenten Dulger. Mit gezielter Gewerkschaftsbekämpfung werden Betroffene gesundheitlich zerstört, mit Auswirkungen auf Angehörige und Kolleg:innen. In der verabschiedeten Entschließung wurde daher mit Dringlichkeit auf die notwendige Gegenwehr hingewiesen.

Nicht selten wurde auf der ein oder anderen Konferenz kritisch hinterfragt, warum man nicht lieber eine gemeinsame Konferenz mache. Kaum eine:r dürfte jede besucht haben, zumindest hatte jede:r die Wahl zwischen verschiedenen Regionen, Zielgruppen und je spezifischen Ansätzen. Positiv kann man zum Oktober 2022 auf jeden Fall sagen, dass viel linke gewerkschaftliche Vernetzung und Austausch stattgefunden hat, und wir mit einem stabilisierten Fundament in die kommenden Monate starten. Das alles in einer Konferenz zu bündeln, scheint wenig sinnvoll, aber vielleicht gelingt es zumindest beim nächsten Mal Termine besser abzustimmen. Und wahrscheinlich werden viele spätestens bei der nächsten Streikkonferenz der Rosa Luxemburg Stiftung vom 12. bis 14. Mai in Bochum aufeinander treffen.

Erschienen in der Oktobernummer der Sozialistischen Zeitung (SoZ)
https://www.sozonline.de

Wir danken der Autorin für das Abdruckrecht.

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