Gewaltfrei gegen die Heuchelei des bewaffneten Pazifismus

Ein Grundsatzbeitragvon Europe for Peace zur Positionierung von Pazifisten im aktuellen Diskurs über den Nahostkonflikt.

Wir meinen , wer einen für alle Konfliktparteien wirklich „gerechten von Hegemonie freien Frieden“ auf Augenhöhe will, muss sich für Waffenstillstand und so wenig Gewalt wie möglich einsetzen ! Aber ohne die Anerkennung eines Widerstandsrechts und die Bereitschaft, es auszuüben, wird es nicht gehen. Und neben der physischen Gewalt muss auch die bestehende soziale strukuturelle Gewalt beseitigt werden. (Peter Vlatten)

Europe of Peace, Presssenza 21.10.2023

Als Pazifist*innen und Menschen, die Gewalt ablehnen, wären wir in diesen Tagen gerne vor der palästinensischen Botschaft protestieren gegangen, wenn es denn eine geben würde. Das sollte uns zum Nachdenken über die Ursachen und die Verantwortung für diesen gewalttätigen Krieg anregen.

Der jüngste Angriff der Hamas auf Israel ist ein schändlicher Akt und wie jeder Akt der Gewalt, egal von welcher Seite, ist zu verurteilen. Es gibt keine politische oder historische Rechtfertigung für die blindwütige Anwendung von Gewalt in jeglicher Form, wo auch immer sie ihren Ursprung hat.

Inakzeptabel sind auch die Stimmen, die das Geschehene mit dem Unrecht, das dem palästinensischen Volk in den letzten Jahrzehnten widerfahren ist, herunterspielen wollen. Auch wenn man diese tiefgreifenden Ungerechtigkeiten und die entsetzliche Heuchelei derjenigen, die sie unterstützen, anerkennt, ist die Anwendung von Gewalt niemals zu rechtfertigen.

Selbst wenn sie zur Unterstützung einer gerechten Sache eingesetzt wird, ist die Anwendung von Gewalt inakzeptabel und wird niemals zur Lösung eines Konflikts führen, sondern die Situation nur verschlimmern.

Wir schließen uns daher dem internationalen Protest und der Verurteilung dieses Terrorakts der Hamas an.

Aber unsere Stimme bleibt leider ungehört, wenn wir die Ursachen dieses Ereignisses und die sehr schwere und unbestreitbare Verantwortung der israelischen Regierung anprangern. Es scheint, dass die politisch rechtsdenkende westliche Gesellschaft auf die Diskussionen über die Ursachen der Probleme allergisch reagiert und ein gewisses Grauen vor der Geschichte an den Tag legt.

Wie beim Krieg in der Ukraine erweist sich die Haltung der westlichen Länder zu diesem Konflikt einmal mehr als heuchlerisch, gewalttätig und geradezu lächerlich und zeigt die wahre räuberische Seite unserer so genannten Demokratien, die ihre angeblichen Prinzipien nur dann anwenden, wenn sie einen Vorteil daraus ziehen. So wie acht Jahre lang niemand von dem Massaker Notiz nahm, das Kiew an den mehrheitlich russischen Gebieten verübte, werden wir heute Zeugen einer traurig-komischen Farce: Die Führer der westlichen Länder erklären, dass „Israel das Recht hat, sich zu verteidigen“, und vergessen dabei, dass es sich um einen nuklearen Riesen handelt, der seit Jahrzehnten die Gebiete eines anderen Volkes besetzt hält.

Sie vergessen, dass Israel seit Jahrzehnten in das Gebiet eines Volkes einfällt, um die Bewohner darin zu demütigen, zu zerstören, zu ermorden, zu foltern und zu vergewaltigen und die Gebiete dadurch und zusätzlich unrechtmäßig besetzt.

Aber das spielt keine Rolle, denn der Westen ist gut und Israel ist eine große Demokratie. Und eine „große Demokratie“ mit großer Wirtschaftskraft und mächtigen Freunden zu sein, gibt einem offensichtlich das Recht, andere Völker zu massakrieren und die grundlegendsten Menschenrechte offen zu verletzten.

Während der Westen in der Ukraine diejenigen verurteilt, die in die Gebiete einmarschieren, verurteilt er in Israel im Gegenteil diejenigen, die sich der Invasion widersetzen. So wird paradoxerweise das Recht des israelischen Atomgoliath, sich zu verteidigen, bestätigt, während dem palästinensischen David das Recht verweigert wird, zu existieren und nicht einmal anerkannt wird.

Wo sind die gleichen Schreie der Empörung, wenn israelische Flugzeuge palästinensische Männer, Frauen und Kinder bombardieren und in Stücke zerreißen, die sich nur in ihren eigenen Häusern aufhalten? Warum äußern westliche Politier nicht ihre eigene Empörung, wenn israelische Panzer die Häuser aus dem armen Teil der Bevölkerung in den palästinensischen Gebieten zerstören?

Weil es die Palästinenser nicht gibt. Und folglich gibt es auch ihre Rechte, ihre Geschichte, ihren Schmerz und ihre Hoffnungen nicht.

Vielleicht, weil die Palästinenser „menschliche Tiere sind“, wie der israelische Verteidigungsminister Yoav Gallant behauptete. Vielleicht wird diese Ansicht, auch wenn sie nicht in diesem Ton geäußert wird, auch von unseren Politikern geteilt, die uns daran erinnern, dass Israel „das Recht hat, sich zu verteidigen“, und damit die ekelhafteste Praxis des moralischen Kniefalls vor der Macht demonstrieren, die man sich vorstellen kann.

Wenn wir das moralische Recht haben wollen, Gewalt zu verurteilen, müssen wir sie bei jeder Gelegenheit verurteilen und nicht nur dann, wenn sie uns passt.

Jeder Politiker, der sich heute mit Israel solidarisch bekennt, ohne seine eigene Empörung über das verbrecherische und mörderische Verhalten Israels offen zum Ausdruck zu bringen und ohne offiziell den Rückzug aus den besetzten Gebieten zu fordern, gilt als Mittäter des Massakers.

An ihren Händen klebt das Blut der palästinensischen und israelischen Opfer dieses Konflikts und die Tränen der Eltern, die ihre eigenen Kinder beerdigen werden.

Heute sollte die Stimme der westlichen Regierungen laut und deutlich erhoben werden, um von beiden Seiten einen sofortigen Waffenstillstand fordern. Außerdem sollte Israel aufgefordert werden, sich unverzüglich aus allen besetzten Gebieten zurückzuziehen und die UN-Resolutionen und -Empfehlungen zu respektieren, wobei im Falle einer Weigerung ernsthafte Sanktionen drohen. Die Hamas sollte aufgefordert werden, alle offensiven Aktivitäten einzustellen und Israel von jeglichen Vergeltungsmaßnahmen abzuhalten.

Aber das wird leider nicht geschehen und die Solidarität der westlichen Mächte äußert sich darin, dass sie das „Recht Israels auf Selbstverteidigung“ anerkennen, was dem Recht gleichkommt, das Blut des aufmüpfigen Dieners zu vergießen, der es gewagt hat, zu rebellieren. Wer es wagt, den Status quo der Macht in Frage zu stellen, verdient keine Solidarität, sondern nur Bestrafung.

Im Römischen Reich gab es ein schreckliches Gesetz: Wenn ein Sklave einen römischen Bürger tötete, mussten alle Sklaven, die ihm gehörten, mit dem Tod bestraft werden, auch wenn sie keine Schuld trugen. Damit sollte ein klares Signal an alle anderen Sklaven in der Stadt gegeben und deutlich gemacht werden, was mit jedem geschehen würde, der es wagte, sich gegen die Macht aufzulehnen.

Und es ist dieselbe Logik der Kontrolle, die Gewalt als Handlungsmethode einsetzt, die weltweit eine tiefe Krise ausgelöst hat.

Der argentinische Denker Mario Rodríguez Cobos, bekannt als Silo, der den universalistischen Humanismus inspirierte, sagte 2005 in einer öffentlichen Rede über den Zusammenbruch der Sowjetunion: „Die halbe Welt, das halbe System, das monolithisch sein sollte, ist zusammengebrochen. Aber diese Welt, die zusammenbrach, tat dies ohne Gewalt … und es gab keine Apokalypse.“ Und er schloss mit der Frage: „wie wird der Zusammenbruch der anderen Hälfte der Welt vonstattengehen?“

Angesichts der jüngsten Ereignisse erscheint dieser Diskurs heute weniger mysteriös und viel verständlicher als noch vor zwanzig Jahren. Der Krieg in der Ukraine, die sich verschlechternde Lage im Nahen Osten, die Gefahr eines Konflikts um Taiwan, die zahlreichen Putsche in Afrika und die vielen anderen Ereignisse, die die Welt heute destabilisieren, sind ein sehr deutliches Zeichen: Der Westen ächzt unter dem Gewicht seines eigenen Handelns.

Der Westen muss heute damit rechnen, dass er ernten wird, was er gesät hat, und dass eine große Zahl von Ländern, die in der Vergangenheit gezwungen waren, seine Demütigungen zu ertragen, das nicht mehr mit sich machen lassen wollen. Und diese Länder beginnen nicht nur, ihre eigenen Rechte einzufordern, sondern auch über die Mittel und Ressourcen zu verfügen, die sie benötigen, um diese Rechte durchzusetzen.

Leider ist die Menschheit an diesem Punkt der Geschichte einem noch nie dagewesenen Risiko ausgesetzt.

Unser Schicksal und das unserer Enkelkinder wird in hohem Maße davon abhängen, wie der Westen und insbesondere die Vereinigten Staaten mit der Tatsache zurechtkommen, dass sie nicht länger die Rolle der Herren des Planeten innehaben. Man wird lernen müssen, mit anderen Ländern gleichberechtigt umzugehen und zu verstehen, dass die eigene Kultur, die eigenen Werte und das eigene Gesellschaftsmodell nicht unfehlbar sind und nicht die einzig wahren sein können. Es muss verstanden werden, dass es möglich ist, zu kooperieren und nicht nur zu kommandieren, und dass ein Modell, das auf dem Wohlergehen einiger weniger beruht, nicht länger tragfähig ist.

Es wird endlich erkannt werden, dass wir nicht das Zentrum des Universums sind, sondern eines von vielen möglichen Universen. Dies ist der nächste Evolutionsschritt für die menschliche Spezies, ein Schritt, der nicht länger aufgeschoben werden kann.

Das ist nicht einfach, denn es ist ein sehr komplexer Vorgang… aber dieser Versuch ist bereits in der Gesellschaft und vor allem im Inneren des Bewusstseins von Millionen von Menschen im Gange.

Diesen Versuch zu begleiten und zu fördern, sollte die Aufgabe aller Menschen sein, die von ganzem Herzen den Frieden und das Überleben unserer Art wollen.

Heute fühlen wir uns unseren israelischen und palästinensischen Brüdern und Schwestern nahe, die mit unsagbarem Schmerz für die Dummheit der Macht bezahlen.

Lassen wir uns nicht von der Propaganda des so genannten Pazifismus in die Irre führen, mit der wir von den Medien bombardiert werden.

Wir fordern die sofortige Einstellung der Feindseligkeiten und die Freilassung der Geiseln, den Rückzug aus den besetzten Gebieten und die Einhaltung der UN-Resolutionen.

Nehmen wir den Frieden in unsere Hände!

Wir danken für die Publikatiosnrechte, der Beitrag ist erschienen am 21.10. 2023 auf Pressenza

Titelbild von Walkerssk

Europe for Peace

Greta Thunberg „Free Palestine“ – „Stand with Gaza“ und jüdische Stimmen protestieren gegen deutsche Repressionen!

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Greta ruft auf, ein Zeichen zu setzen
„gegen den Genozid in Gaza und den
repressiven Terror vieler westlicher
Staaten gegen alle, die sich solidarisch mit Palästina zeigen und danach handeln“.

Muss Greta Thunberg mit Pefferspray, Prügel oder sogar einer Verhaftung rechnen, wenn sie demnächst mal wieder Berlin besucht und öffentlich für Ihre Überzeugung einsteht, dass Palästina endlich vom israelischen Joch befreit gehört?

Mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit Ja. Aber mal sehen, wie standhaft sie bleibt angesichts des shit storms, den sie nicht zuletzt seitens alter „Freunde“ jetzt über sich ergehen lassen muss. Die Berliner Behörden sollen, wie viele Augenzeugen berichten, in den letzten Tagen mit Menschen, die sich so outen wie Greta, alles andere als zimperlich umgesprungen sein. Auch Jüd:innen waren vor polizeilicher Willkür nicht gefeit, wenn sie nicht auf zionistischer Linie agieren oder es öffentlich wagen, für die Umsetzung der UN Beschlüsse und das Völkerecht einzutreten.

Keine Frage. Das abscheuliche Massaker der HAMAS an Zivilisten mit 1400 Opfern  ist zu verurteilen. Aber die über Jahrzehnte andauernde Unterdrückung der Palästinenser ist die tiefer liegende Ursache des Konflikts. Das Vorgehen Israels, die gesamte Bevölkerung des GAZA jetzt  in Geiselhaft zu nehmen, von notwendiger Versorgung abzuschneiden, zu bombardieren und zu vertreiben, mit inzwischen von der UN bestätigten 3400 Toten  eskaliert die Gewalt. Aktuell meldet die Tagesschau, dass die auf Aufforderung der israelischen Armee zu hunderttausenden in den Gaza  Südteil geflohenen Menschen, um nicht bombardiert zu werden, jetzt  wieder zurückfliehen  Israel bombardiert nun den Südteil ebenfalls massiv und die Flüchtlinge haben dort nicht einmal den  Schutz ihrer Häuser. Es hat 14 Tage gebraucht, dass Israel zulässt, dass der einzige Grenzübergang für Hilfslieferungen endlich geöffnet werden kann. Vorübergehend. 30 LKW wurden reingelassen. Vor dem 7. Oktober passierten täglich 400, nach 2 Wochen besteht also  ein Rückstau von 5000  LKW.  Ein zynisches perfides militärisches Kalkül und Spiel mit über 2 Millionen Leben .

Das Statement von Greta lässt hoffen. Könnte es doch endlich zu dem von uns schon lang ersehnten Schulterschluss zwischen einer neu aufgestellten (tatsächlich sozial gerechten) Klima- und Friedensbewegung kommen. Krieg und Aufrüstung gefährden nicht nur den Frieden, sie fressen nicht nur alle finanziellen Spieläume für alle dringenden sozialen und ökologischen Bedarfe weg, sondern sie konterkarieren auch geradezu alle sonstigen Bemühungen für CO2 Einsparungen.

So sei willkommen Greta!

Pressemitteilung, 17.10.2023, Berlin

Stellungnahme zu rassistischer Polizeigewalt und Repressionen gegen Palästinenser*innen und Palästina-Solidarität in Berlin

von Palästina Spricht, Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost, Palästina Kampagne und Jewish Bund

In den letzten Tagen spielen sich auf den Straßen Berlins Szenen massiver Polizeigewalt ab, die von antipalästinensischen, antiarabischen und antimuslimischem Rassismus geprägt sind, ab. Am Ernst-Abbe-Gymnasium kam es zum Übergriff eines Lehrers gegen einen Schüler. Die Brutalität, mit der gegen die arabische und muslimische Bevölkerung vorgegangen wird, ist völlig maßlos. Racial Profiling und brutale Verhaftungen betreffen dabei auch Kinder und Jugendliche, es sind Fälle von mindestens 8 betroffenen Minderjährigen bekannt. Das jüngste verhaftete Kind ist 9 Jahre alt. Die Berliner Bildungssenatorin verbot das Tragen von traditioneller palästinensischer Kleidung an allen Schulen Berlins. In der offiziellen Erklärung werden kulturelle Symbole der palästinensischen Identität, wie das Kuffiyeh, mit Gewaltverherrlichung und Terrorismus gleichgesetzt. Dies widerspricht dem in der UN-Kinderrechtskonvention formulierten Recht für Kinder, ihre eigene Identität in Schulen zum Ausdruck bringen zu dürfen.

Seit letzten Samstag hat Israel schon über 2.000 (Anmerkung Redaktion: aktuell inzwischen laut UN Stellen schon 3400) Menschen im belagerten Gazastreifen getötet. Eine Videoanalyse von Human Rights Watch bestätigt den Einsatz von weißen Phosphorbomben, international geächteten Waffen, mit denen Zivilist*innen in Gaza in dicht besiedelten Wohngebieten bombardiert wurden. Der israelische Verteidigungsminister nannte 2 Millionen Palästinenser*innen im Gazastreifen “menschliche Tiere” und drehte ihnen Strom, Wasser und die Lebensmittelzufuhr ab. Krankenhäuser schließen, weil sie kein Wasser und keinen Strom haben, um ihre Patienten zu versorgen. Medien und medizinische Einrichtungen wie Krankenhäuser, aber auch Rettungswagen werden bombardiert.

Israel verbietet humanitäre Hilfe und bombardiert den Grenzübergang zwischen Gaza und Ägypten, den einzigen Weg, über den Hilfslieferungen möglich wären. Während Israel ankündigt, ein ganzes Gebiet aushungern zu wollen und der ganzen Bevölkerung, die zur Hälfte aus Kindern besteht, Wasser und Essen zu verweigern, spricht Deutschland der israelischen Regierung seine bedingungslose Unterstützung an Kriegsverbrechen und Genozid aus. Zudem schüchtert sie auf deutschen Straßen palästinensische Menschen ein, die jetzt gerade ihre Angehörigen verlieren.

Die Meinungs- und Versammlungsfreiheit der Palästinenser*innen wird in Berlin mit rassistischen Begründungen eklatant beschnitten. In der Hauptstadt lebt die größte palästinensische Community Europas, viele von ihnen haben Angehörige in Gaza. Sie haben das Recht, ihre Verwandten und Freunde zu betrauern und ihren Schmerz auf die Straße zu tragen. Die Berliner Polizei patrouilliert jeden Tag durch arabische geprägte Stadtteile und geht gewaltsam gegen ihre Bewohner*innen und all diejenigen vor, die sich mit Palästina solidarisieren. Dutzende Menschen werden täglich auf der Straße festgenommen sowie aus Cafés und Imbissen gezerrt. Das Tragen einer Palästina-Flagge oder des traditionellen Schals,

der Kuffiyeh, führt zu brutalen Verhaftungen. Auch jüdische Veranstaltungen werden verboten, wenn sie zur Beendigung der Gewalt gegen Gazas Zivilbevölkerung aufrufen.

Das Bündnis von Palästina Spricht, Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost, Jewish Bund, Palästina Kampagne und Kampagne für Opfer rassistischer Polizeigewalt appeliert an die Öffentlichkeit:

“Wir erleben gerade, wie unsere bloße Existenz kriminalisiert wird! Befinden wir uns nicht in einer Demokratie? Wieso können Grundrechte so leicht ausgehebelt werden, wenn es migrantische Menschen betrifft? Jeder demokratisch gesinnte Mensch in diesem Land sollte alarmiert sein. Wir rufen den Berliner Senat dazu auf, die pauschale Kriminalisierung der palästinensischen kulturellen Symbole umgehend zu stoppen. Wir werden rechtliche Schritte einleiten, um diese Grundrechte einzufordern. Gegen die Verbote der angemeldeten Demonstrationen werden wir juristisch vorgehen.”

Für Interviewanfragen können Sie sich bei der Palästina Kampagne (pkberlin@protonmail.com) melden.

Fotos der Festnahmen in Berlin letzte Woche, rechts: © Hanif (https://www.instagram.com/hanifshoaei/) links: © Barbo (https://www.instagram.com/baborinho/)

Titelbilder aus Pressemitteilung Jüdische Stimmen

siehe weitere Beiträge zum Thema:

Who Cares Beyond Revolution?

Über die psychosozialen Aspekte aktivistischer und menschenrechtsorientierter Arbeit

Gemeinsam widerständig sein, aber wie? Nicht nur in den vergangenen Jahrzehnten haben Menschenrechtsaktivist:innen über Grenzen hinweg vielfältige Erfahrungen der Enttäuschung und Erschöpfung in verschiedenen Bewegungen auf der ganzen Welt gemacht. Heute sind sie mehr denn je mit einer offenen Zerstörung von (menschen-)rechtsbasierten Räumen konfrontiert. Viele von ihnen agieren unter lebensbedrohlichen Bedingungen oder im Exil. Sie sind erschöpft, enttäuscht und wütend zugleich. Gefühle, mit denen wir uns alle als empathische Menschen identifizieren und solidarisieren können.

Der Blick auf psychosoziale Faktoren

Wie ist es möglich trotz Frustration und Wut über massive Gewalt und Ungerechtigkeit weiterzumachen? Vor diesem Hintergrund lud die Stiftung medico international am 19.10.2023 zu einem Dialog mit transnationalen Menschenrechtsverteidiger:innen in Ländern des Globalen Südens, in Deutschland und im Exil dazu ein, diese Fragen zu beleuchten und dabei vor allem die Perspektiven aus der psychosozialen Arbeit mit Opfern von Menschenrechtsverletzungen und Gewalt zu betrachten.

Den Raum für psychosoziale Perspektiven zu öffnen war deshalb so wichtig, weil emotionale Betroffenheit und Empathie Menschen und Aktive in der Menschenrechtsbewegung gleichermaßen verbindet und eint. Es war deshalb so wichtig, weil die öffentliche Resonanz dafür schwindet. Und es war deshalb wichtig, weil es dabei nicht nur um den Austausch über emotionale Betroffenheit von Aktivist:innen geht, sondern um eine Entprivatisierung von Gewalt- und Unrechtserfahrungen der Opfer. Denn nur so kann deutlich werden, dass diese Gewalt immer im politischen und/oder historischen Kontext steht. Nur so lassen sich die Systeme, die Ungerechtigkeit und Ungleichheit produzieren, verstehen lernen.

„Die Welt leidet nicht an zu wenig Hilfe, sondern an Verhältnissen, die immer mehr Hilfe notwendig machen.“

Und das obwohl man meinen möchte, dass wir in einem aufgeklärten und modernen Zeitalter leben. Demnach müssten Gleichheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit sowie Prinzipien des friedlichen und freiheitlichen Zusammenlebens global zur gesellschaftlichen Realität geworden sein. Stattdessen beobachten wir weltweit zunehmend das Gegenteil.

Das schilderten die eingeladenen Menschenrechtsverteidiger:innen in ihren Erfahrungen aus ihrer gemeinnützigen Arbeit hautnah. Wir hören von der afghanischen Menschenrechtsorganisation AHRDO über die zahlreichen Traumata von Kriegsopfern und der „erneuten“ Beraubung der Rechte von Mädchen und Frauen auf Bildung und Arbeit. Wir erfahren durch Aluna Aluna Acompañamiento Psicosocial von organisierter Gewalt und Menschenhandel in einem der weltweit größten Korridore für Migrationsbewegungen: Mexiko. Wir kommen in Kontakt mit der Organisation Cedar Centre for Legal Studies, die im Libanon für eine funktionierende Rechtsordnung und -praxis kämpft. Und wir erhalten Einblicke in die Arbeit des in Deutschland aktiven Verbands VBRG, der sich für die Opfer rechter und rassistischer Gewalt stark macht, aber auch auf die zunehmende rassistisch motivierte Gewalt in ganz Deutschland seit den 90er Jahren aufmerksam macht.

Der Kampf gegen Pessimismus

Wie weitermachen, wenn die umfangreichen Erfahrungen mit Ungerechtigkeit, Missbrauch und Gewalt immer weitergehen? Wenn es auch Menschen gibt, die für das Leid Anderer kaum oder gar keine Empathie aufbringen können und wenn eine kapitalistisch getriebene Ökonomie im Schulterschluss mit neoliberaler Politik und weltweiter Militarisierung kaum Platz für die Achtung der Menschenrechte lässt?

„Ein wichtiges Ziel von Aktivismus ist nun mal auch der Kampf gegen Pessimismus.“, war eine Rückmeldung dazu aus der Runde. Es sei neben den Rückschlägen erfreulicherweise auch zu beobachten, dass sich etwas entwickelt und Dinge sich verändern können und dass Widerstandsbewegungen – nahezu organisch- immer wieder zusammenwachsen können. Als Zivilgesellschaft müssen wir verstärkt daran arbeiten, Freiräume und Rechte für das Teilen gemeinsamer Erfahrungen und Emotionen, negativer wie positiver, in der Menschenrechtsarbeit zu schaffen und füreinander Sorge zu tragen.

Die Lehre, die man sicherlich aus dem Gespräch mitnehmen kann ist die, dass Enttäuschungen und Frustrationen von Aktiven in der Menschenrechtsbewegung sowie aller Betroffenen resoniert und artikuliert werden müssen. Mindestens genauso wie unsere Visionen von einer gerechten und lebenswerten Welt für alle Menschen. Und dass es unabdingbar ist, um demokratische Rechte zu streiten, damit der Kampf um Menschenrechte überhaupt geführt werden kann.

Die eingeladenen Menschenrechtsverteidiger:innen sind aktiv in den folgenden Organisationen:

Afghanistan Human Rights and Democracy Organization (AHRDO)/Afghanistan/Kanada

Aluna Aluna Acompañamiento Psicosocial/Mexiko

Cedar Centre for Legal Studies/Libanon

ECAP/Guatemala

Centre for Applied Legal Studies (CALS)/Südafrika

Initiative 19. Februar/Deutschland

Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt (VBRG)/Deutschland

Quelle: medico international

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