Offener Brief an das BSW

Für die AFD und die gesamte völkische Rechte ist „die Migration“ – früher waren es „die Ausländer“ – die „Mutter aller Probleme“. Sie kopiert die Machteroberungsstrategie der NSDAP, die sie mit einer „Selbstverharmlosungstaktik“ zu verdecken sucht. Dass bürgerlich Konservative und Liberale mittlerweile dazu übergehen deren Krisendignosen zu übernehmen und immer offener mit diesen Verächtern der Demokratie und eines verständnisvollen sozialen Zusammenlebens kooperieren, vereinfacht ihnen das Vordringen. Doch das ist nicht wirklich unerwartet. Schließlich haben die historischen Vorläuferparteien „der Mitte“ ja bereits in Weimar Hitler zum Reichskanzler gekürt. Als wirklich historisch neu muss man es allerdings betrachten, wenn Linke anfangen in dieses Horn zu blasen. Hier sollten die roten Warnlampen heftig blinken. Am Abend nach der Veranstaltung, die wesentlich von Aktiven des BSW im Haus der IG Metall initiiert und getragen wurde, bildete sich aus diesem Grund ein kleiner Nachbereitungskreis, aus dem der Entwurf eines Offenen Briefes an das BSW entstand. Beteiligt daran waren auch Mitglieder des Arbeitskreis Internationalismus der IG Metall Berlin. Der AKI hat auf seiner letzten Sitzung diesem Text einstimmig angenommen und veröffentlicht ihn hier mit aller Einverständnis. (Jochen Gester)

Bild: pxabay. Green Card Show.

Offener Brief an das BSW

Wir schätzen sehr eure weiterhin klaren Positionen zum Kriegsgeschehen in der Ukraine, zur Politik der NATO, für eine deutliche Abkehr von weiteren Waffenlieferungen in die Ukraine und dem täglich stattfindenden Völkermord in Gaza. Selbstverständlich möchten wir auch eure Initiative zu den Stationierungen von Mittel- und Langstreckenraketen auf deutschem Boden und Friedensverhandlungen mit Russland unterstützen. Wir knüpfen hier an die Position der Betriebsrätin Josephine Thyre an, die sich auf der Veranstaltung am 9.9.2024 im IG Metall-Haus eindrücklich für internationale Zusammenarbeit gegen den Krieg und den damit verbundenen Sozialabbau ausgesprochen hat.

Entsetzt sind wir allerdings über die fortlaufenden öffentlichen Verlautbarungen von Sarah Wagenknecht zur Migrationspolitik. Sie fordert eine „Zeitenwende“ und aktuell, dass mit „sehr radikalen Maßnahmen“ die Asylzahlen in der BRD gesenkt werden sollen. Sie fordert, dass nur noch diejenigen in Deutschland ein Asylverfahren und Leistungen erhalten sollen, die nicht aus einem sog. sicheren Drittland eingereist sind.

Da Deutschland umgeben ist von sog. sicheren Drittländern würde sich die Zahl der Asylsuchenden auf eine „verschwindende Minderheit“ so Wagenknecht, reduzieren. Sie möchte nach eigener Aussage „ein Stoppzeichen“ setzen. Die „Willkommenskultur sei vorbei“ sagte sie deutlich. In vorherigen Statements begründete sie ihre Position u.a. damit, dass der Zustrom irregulärer Migration den Wettbewerb im Niedriglohnsektor verschärfen würde. Mal abgesehen davon, dass Studien dieser Behauptung klar widersprechen, spielt sie hier offen auf Lohnarbeit angewiesene Menschen gegeneinander aus. Klassenstandpunkt ade – Rassismus willkommen?

Diese Positionen sind nicht nur zutiefst menschenverachtend und treiben Menschen weiter in die Verelendung und in den Tod. Sie verhindern eine breite Antikriegsbewegung, spalten und schwächen die Kriegsgegner:innen und rücken sie in gefährliche Nähe zur AfD.

Sevim Dagdelen hat an diesem Abend sehr richtig und anschaulich in ihren „10 Thesen zur Funktion und Zielen der NATO“ mehrere Kriege und Verbrechen der NATO benannt. Diese Kriege haben die Flucht vieler Menschen als Ursache. Dies wurde leider nicht benannt. Die Gründe für Flucht und Migration liegen in der Politik der europäischen Union im globalen Süden. Sie sind immer noch Folgen der Kolonialisierung und der Ausbeutung des globalen Südens durch Europa. Auch an den Kriegen im globalen Süden ist Deutschland mit Waffenlieferungen beteiligt.

Deutsche Konzerne beuten mit Unterstützung der Bundesregierung weltweit Ressourcen für ihren Profit aus. Den Menschen, die vor diesen Kriegen und der wirtschaflichen Not fliehen ihr legitimes Recht auf Asyl und Aufenthalt hier zu verweigern, ist unmoralisch.

Eine wirkungsvolle Antikriegsbewegung muss nicht nur internationalistisch, sondern auch deutlich antirassistisch sein. Eine internationale Zusammenarbeit ist unabdingbar. Eine solche notwendige Zusammenarbeit wird jedoch mit diesen gravierenden Positionen gegen die Rechte Geflüchteter verhindert.

Wir und nicht nur wir, möchten zusammen mit migrantischen Organisationen und Menschen eure Initiativen gerne mit voller Kraft unterstützen um eine weitere Eskalation der bestehenden Kriege abzuwenden. Doch nur, wenn ihr eure Haltung zur Frage der Migration und des Asylrechts überdenkt, kann sich eine kraftvolle Antikriegsbewegung entwickeln.

Berlin, 19.9. 2024

Unterzeichnende:
Arbeitskreis Internationalismus der IG Metall Berlin
Arbeitskreis gegen den Krieg der Reichen

Der Film über die Grünen-Ikone Petra Kelly “Act now!”

Von Gaby Weber

Schöne Bilder mit verqueren Schlussfolgerungen.

Bundesweit ist der neue Dokumentarfilm über  Petra Kelly, angelaufen: „Act now!”. Er erzählt das Leben der Umweltaktivistin, von ihrem Engagement in der US-Bürgerrechtsbewegung und für Robert Kennedy, im Wahlkampf des Demokraten Hubert Humphrey bis hin zu ihrem kompromisslosen Widerstand gegen die Stationierung von US-Raketen in Deutschland, für Menschenrechte und Umweltschutz. Kein Zweifel, Petra war keine Realo, sondern eine fundamentalistische Kämpferin.

Und das sind die Stärken des Streifens: die Archivaufnahmen aus ihrer Zeit als EU-Verwaltungsrätin, die schon damals propagierte, dass der Kampf auf der Straße wichtiger sei als der in den Parlamenten. Kelly, Feministin der ersten Stunde, fühlte sich in Brüssel zwischen all den Schlipsträgern und Wichtigtuern nicht wohl, sie zog die Tribüne vor. Auch nach der Gründung der Grünen Partei lehnte sie die Pöstchenjäger und die männlichen Seilschaften an den Kneipentischen ab. Da sieht man im Film den selbstgerechten Joschka Fischer große Sprüche klopfen und dazu die Stimme der Graswurzel-Petra; und da wir alle wissen, wie Herr Fischer seine politische Karriere beendete, ist auch jeder weiterer Kommentar überflüssig.

Interessant zu hören sind ihre Worte über die Verfolgung durch die Truppe des Rechtsradikalen Lyndon LaRouche, dem enge Verbindungen zur CIA nachgesagt wurden und deren Mitglieder sie mehrfach mit dem Tode bedrohten. Heute tritt diese Politsekte als Schiller-Institut und Europäische Arbeiter-Partei um Helga Zepp-LaRouche auf und stiftet Verwirrung in den Bewegungen. Dieses ausgegrabene Archivmaterial lohnt den Weg ins Kino.

Kelly kombiniert mit Ukraine-Fahnen

Dann aber verlässt Doris Metz ihre Rolle als Erzählerin mit der gebotenen Distanz und Ausgewogenheit. So unterlegt sie ein Plädoyer Kellys mit aktuellen Aufnahmen, die Ukraine-Fahnen-Schwingende zeigen. Nun könnte man im Film durchaus ihre damalige Position den heutigen Waffenlieferungen der regierenden Grünen an Selenskij gegenüberstellen und den Zuschauer nachdenken lassen. Schließlich hatte sich Kelly stets für den radikalen gewaltfreien Widerstand ausgesprochen. Darauf verzichtet die Regisseurin aber. Es bleibt bei den Bildern der Ukraine-Fahnen, womit unterschwellig wohl ein Zusammenhang zwischen Kriegstüchtigkeit und Pazifismus untergejubelt werden soll.

Und man fragt sich, warum über lange Strecken ausgerechnet Luisa Neubauer von Fridays for Future zu Wort kommt, die erst vier Jahre nach dem Tod der Grünen-Ikone geboren wurde. Neubauer stellt sich in eine Reihe mit Petra, sozusagen als Feministin auf Augenhöhe, wobei sie eher den Karrieristinnen der Grünen Partei zugerechnet wird und mit Radikalität wenig gemein hat.

Dann versteigt sich die Regisseurin auch noch zu der Annahme, dass Petra Kelly heute wahrscheinlich mit den Klima-Klebern der Letzten Generation eine neue Partei gründen würde. Woher sie diese Annahme nimmt, verschweigt sie. Kelly bewunderte Frauen wie Rosa Luxemburg und die Russin Alexandra Kollontai. Und in ihrem Engagement setzte sie nicht auf Belehrung oder Zerstörung von Kulturgütern, sondern auf Basisdemokratie. Vermutlich würde sie heute gegen den neuen Kolonialismus auf die Barrikaden gehen und an der Seite von Greta Thunberg den Völkermord in Gaza anklagen – ganz anders als dies die deutsche Sektion von FFF tut.

Krude ist die Darstellung des Todes der Protagonistin

Kelly lebte zu diesem Zeitpunkt, 1992, mit dem Ex-General Gert Bastian zusammen, Friedensaktivist wie sie. Die Umstände wurden niemals aufgeklärt. Die erste, halboffizielle Version war die eines gemeinsamen Selbstmordes; Bastian habe mit seiner Waffe zuerst die schlafende Petra erschossen und dann sich selbst.

Die Regisseurin präsentiert nun aber eine neue Theorie. Das ist an sich nicht unzulässig, da viele Fragen ja noch offen sind. Doch wenn sie schon mit verschiedenen Hypothesen spielt, dann sollte sie auch alle aufzählen, und nicht nur die, die ihr Vorurteil bestätigt. Metz interviewt die ehemalige Bürovorsteherin von Bastian in Bonn, die zwar keine Belege und schon gar keine Beweise für ihre Annahme hat, dass Bastian seine Freundin gegen deren Willen erschossen hat, weil er die Offenlegung von BStU-Akten fürchtete, die seine (angeblichen) Stasi-Kontakte belegen würden. Auch Otto Schily, der Ober-Realo und Gegenspieler Kellys in der Grünen-Fraktion, darf sich mehrfach und ausführlich zu diesem Verdacht äußern. Auch er muss zugeben, dass es keinerlei Belege dafür gibt, aber es habe diesen Verdacht gegeben. Und, so ein weiteres Statement, die gemeinsame Ehrung von Kelly und Bastian durch die Partei sei ein Fehler gewesen, da Letzterer wohl der Mörder gewesen sei.

Nun hätten sich Kohl und seine CDU sicherlich über entsprechende Aktenfunde gefreut, die bewiesen hätten, dass diese lästigen Pazifisten doch im Grunde nur Agenten Honneckers gewesen seien. Diese Funde sind bis heute nicht aufgetaucht. Vermutlich geht es nur um politische Leichenfledderei.

Auch die Theorie Nummer Drei, ein menschliches Drama, wird nicht weiter untersucht, die Theorie des verzweifelten alten Mannes, der seine junge und nach vorne blickende Frau lieber erschießt, als sie aufgibt. Für diese Theorie spräche, dass Bastian privat unter Druck stand und seine Lebensgefährtin bereits sehr krank und von Angstpsychosen geplagt war.

Und schließlich könnte man, der Vollständigkeit halber, eine vierte These in den Raum stellen, nicht nur die östlichen Geheimdienste, sondern auch die CIA erwähnen. Könnte sie erst die schlafende Kelly und dann Bastian, der vom Schuss aufgewacht ist, überwältigt und ihm den Revolver in die Hand gelegt haben? Beweise für die These gibt es ebenso wenig wie für die Metz-Theorie, aber immerhin ein starkes Motiv: Anfang der neunziger Jahre war den US-Diensten längst klar, dass sie eine einst systemkritische und fundamentalistische Anti-Partei nicht umbauen könnten mit einer rebellierenden und international angesehenen Petra Kelly. Ohne sie hätten sich Leute wie Schily, Fischer und Habeck kaum so einfach durchsetzen können und ihre Prioritäten nicht mehr bei Menschenrechten und Umweltschutz gesehen. sondern innerhalb der NATO-Logik im Militarismus.

Erstveröffentlicht im Overton Magazin v. 18.9. 2024
https://overton-magazin.de/top-story/der-film-ueber-die-gruenen-ikone-petra-kelly-act-now/

Wir danken der Autorin für das Abdruckrecht.

Russischer Kriegsdienstverweigerer: “Ich habe niemals gedacht, Russland verlassen zu müssen”

Von Thomas Moser

Bild: Nikolai Goriachev. Bild: Connection e.V., www.connection-ev.org, Rudi Friedrich

Nikolai Goriachev verließ seine Heimat und ging nach Berlin, um nicht Ukrainer töten zu müssen. Doch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge will ihn zurückschicken, Kanonenfutter aus Deutschland für die russische Armee.

Als der Deutsche Bundestag im April 2022 nach Kriegsbeginn erstmals die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine beschloss, erging von ihm zugleich ein Appell an russische Soldaten, die Waffen niederzulegen und in Europa Asyl zu beantragen.

Mehrere Hunderttausend haben das inzwischen getan. Das deutsche Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) jedoch verweigert in der Mehrzahl die Anerkennung und schickt die geflohenen russischen Kriegsdienstverweigerer wieder zurück. Dort warten entweder russische Gefängnisse auf sie oder die Front in der Ukraine.

Waffen für die Ukraine und Soldaten für Russland, so sieht das neue Made in Germany aus. Und so bleibt uns dieser Krieg noch weiter erhalten.

Damit sind wir direkt bei Nikolai Goriachev, ein junger Mann im Alter von 37 Jahren, der seit knapp zwei Jahren in Berlin lebt, gekommen ist er aus Moskau. Er erzählt seine Geschichte.

Nikolai G. lebte mit seinen Eltern und zwei Brüdern in einer kleinen Stadt am Rand von Moskau. Er betrieb ein Fitness-Studio und beschäftigte mehrere Mitarbeiter. Ihm ging es gut, er verdiente gut und hatte eine eigene Wohnung, kein Grund, das Land zu verlassen. Seine Eltern haben die Kinder weltoffen und liberal erzogen, sie sollten reisen und fremde Länder kennenlernen. Nikolai war in jungen Jahren mehrmals auch in Deutschland.

Er war aber auch politisch aktiv, setzte sich für eine Demokratisierung der Verhältnisse in der russischen Föderation ein, unterstützte Alexei Nawalny zum Beispiel bei dessen Kandidatur zum Bürgermeister von Moskau. Am Militärdienst kam Nikolai vorbei, weil er untauglich geschrieben wurde. Als im Februar 2022 russische Truppen im Nachbarland Ukraine einmarschierten, beteiligte er sich an Protesten dagegen. Die Gefahr, eingezogen zu werden, bestand damals noch nicht. Das änderte sich mit der allgemeinen Mobilisierung. Nun drohte jedem männlichen Bürger im Alter zwischen 18 und 45 die Einberufung. Nikolai nahm zunächst noch an der Kampagne gegen die Mobilisierung teil. Heute sind solche Demonstrationen nicht mehr möglich, sie würden sofort zu Festnahmen führen.

Was kaum bekannt ist: Bei der Unterdrückung von öffentlichen Aktionen helfen der Polizei auch die sogenannten Corona-Gesetze. Obwohl Covid in Russland nicht grassiert, sind die Covid-Einschränkungen auch im Jahr 2024 noch in Kraft und werden angewandt. Man darf nicht als Gruppe zusammenstehen, und Umzüge gegen den Krieg können damit untersagt werden.

Zu Nikolais Problemen mit den Behörden wegen seines politischen Engagements kamen nun noch die wegen seiner Anti-Haltung zum Krieg dazu. Man wirft ihm und den anderen Aktivisten vor, zu einer extremistischen Gruppierung zu gehören, die über den Krieg und die russische Armee Falschinformationen verbreite. Das führte zu seiner strafrechtlichen Verfolgung.

Die Organisation “Bewegung für Kriegsdienstverweigerung” wird in Russland offiziell als “ausländischer Agent” eingestuft. Nebenbei: Fast die gleichen Vorwürfe treffen Kriegsdienstverweigerer in der Ukraine. Kriegsparteien sind sich auf ihre Weise in vielen Punkten einig.

Regelmäßig gibt es Razzien und Inhaftierungen von Militärdienstpflichtigen. Als der Krieg begann, bekamen Aktivisten ein oder zwei Jahre Haft, im zweiten Kriegsjahr wurden die Strafen deutlich länger: Nun wird man zu sieben bis acht Jahren Gefängnis verurteilt.

Nikolai G. tauchte unter, verließ seine Wohnung und versteckte sich bei seinen Eltern sowie in der Wohnung seiner Freundin. Die Kette um ihn zog sich immer weiter zu.

Schließlich verließ er Russland und seine Angehörigen. Das war im September 2022. Auch seine zwei Brüder gingen weg. Der eine nach Lettland, der andere nach Thailand.

Zunächst ging Nikolai ins benachbarte Georgien, wo er den Krieg abwarten wollte. Er dachte, das würde nicht so lange dauern, die Ukraine werde die russischen Truppen zurückdrängen. In Georgien halten sich viele Russen auf. Es ist für sie aber seit dem georgisch-russischen Krieg kein sicheres Land mehr, Russen sind nicht sehr willkommen. Deshalb verließ er im Januar 2023 Georgien wieder zunächst Richtung Türkei, zog von dort weiter nach Spanien und kam dann im selben Monat in Berlin an, wo er einen Antrag auf Asyl stellte.

Berlin ist für russische Emigranten ein beliebtes Ziel. Es existiert eine große Community von älteren Zugewanderten und neuen jüngeren, die mit Beginn des Krieges kamen. Sie gingen davon aus, willkommen zu sein, wenn die deutsche Regierung sie aufruft, die Waffen niederzulegen und zu türmen.

Kontakte zu Ukrainern gibt es nicht, was Nikolai sehr bedauert. Es ist für ihn zwar verständlich, schließlich stehe für Ukrainer ein Russe eben immer noch auf der Seite des Aggressors. Es ist aber vor allem eine Folge des teuflischen Nationalismus, den Krieg hervorbringt, indem er jeden Einzelnen seiner Logik unterwirft. Als Angreifer wie als Angegriffener. Diese Fessel gibt umgekehrt betrachtet aber auch eine Ahnung davon, welche politische Kraft sich entwickeln könnte, wenn die Kriegsdienstverweigerer auf beiden Seiten zusammenstehen würden. Der Vorwurf, Agent der anderen Seite zu sein, liefe dann schon mal ins Leere.

Das BAMF verwirft Kriegsdienstverweigerung als Asylgrund

Es dauerte ein geschlagenes Jahr, bis das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) sich mit Nikolai Goriachev befasste. Seine Anhörung im Februar 2024 nahm zwei Tage in Anspruch. Normalerweise geht ein solches Interview in ein bis zwei Stunden über die Bühne. Bereits vier Tage später teilte das Bundesamt seine Entscheidung mit: Der Asylantrag wird abgelehnt, Nikolai G. solle ausreisen. Begründung: Aktuell gebe es für ihn in Russland keine Verfolgungsgefahr, mit 37 sei er gar nicht im wehrfähigen Alter. Im Ablehnungsbescheid des BAMF gibt es noch eine besonders bemerkenswerte Stelle: Auch totalitäre Staaten hätten das Recht, Bürger zur Armee und zum Krieg einzuziehen, heißt es. Die deutsche Behörde verwirft also Kriegsdienstverweigerung als Asylgrund.

Dahinter kann man ein staatspolitisches bzw. regierungspolitisches Interesse erkennen: Denn, wenn russischen Bürgern grundsätzlich ein Recht auf Kriegsverweigerung zuerkannt würde, dann müsste das auch für ukrainische Bürger  oder für israelische Bürger und natürlich auch für Deutsche gelten. Doch ohne Kriegspflicht lässt sich im Zweifel dann kein Krieg mehr führen. Deutschlands “Kriegstüchtigkeit” hinge davon ab, ob genug junge Leute freiwillig zur Waffe griffen. Das muss unterbunden werden. Und so zahlen also die russischen Kriegsgegner mit den Preis dafür, dass Deutschland “kriegstüchtig” werden kann.

Für Nikolai war die Ablehnung ein schwerer Schlag. Dass ihm in einem Land wie Deutschland entgegen gehalten werde, es gebe keine Repression in Russland, “geh nach Hause!”, damit hatte er nicht gerechnet. “Sogar totalitäre Länder können dich rauben und in einem Okkupationskrieg auf den Feldern der Ukraine sterben lassen”, sagt er. Und: “Ich bin halt kein Hauptoppositioneller, sondern nur ein unbekannter Aktivist.”

Nikolais deutsche Anwältin nennt die Entscheidung des BAMF “rechtswidrig”. Es habe dessen politische Aktivitäten in Russland nicht gewürdigt, ja, nicht einmal verstanden, was er in Russland politisch getan habe. Sie hat für ihren Mandanten beim Verwaltungsgericht Berlin Klage dagegen eingereicht. Es kann Jahre dauern, bis darüber mündlich verhandelt wird. Bis dahin hat der Ablehnungsbescheid  aufschiebende Wirkung, Nikolai ist der Aufenthalt in Deutschland, bis es soweit ist, “gestattet”.

Was wäre, wenn ihn Deutschland zurückschickte? – Er ist sich sicher, er käme zunächst wahrscheinlich ins Gefängnis und dann möglicherweise sogar noch an die Front. Ein anderer russischer Kriegsdienstverweigerer in Berlin, Nikita R., dem das drohte, hatte sich deshalb ins Kirchenasyl geflüchtet. Das BAMF gab nach, auch sein Verfahren ist nun beim Verwaltungsgericht anhängig.

“Das Land muss aufwachen”

Und was meint Nikolai G., wie dieser Krieg beendet werden kann? – Er denkt lange nach und sagt dann, das sei eine harte Frage für ihn. “Ich habe niemals gedacht, Russland verlassen zu müssen.” Er hofft, dass es eines Tages möglich ist, zurückzukehren, er liebe sein Land immer noch. Aber er habe so viele Fragen an seine Leute in Russland, weil so viele den Krieg unterstützten, auch gute und intelligente Leute. Vor allem auch seine Eltern. In Sowjetzeiten waren sie in der Opposition und beteiligten sich an der Verbreitung von Samisdat-Literatur, heute unterstützen sie Putin und den Krieg. Sie glauben die staatliche Propaganda, obwohl sie doch zur Intelligenzija gehören. Sein Vater ist ein ziemlich berühmter Doktor und Mediziner, sogar in der Ukraine ist er sehr bekannt.

Nikolai versteht nicht so richtig, was mit seinen Eltern passiert ist. Zumal doch alle ihre drei Söhne das Land wegen dieses Krieges verlassen haben. Mit seinen Brüdern hat er regelmäßig Kontakt, mit seiner Mutter manchmal, aber mit dem Vater gar nicht mehr.

“Das Land muss aufwachen.” Er weiß aber, dass Krieg seine eigenen Zwänge und Folgen hervorbringt. Die Sanktionen des Westens helfen dabei nicht. Im Gegenteil: Sie treffen nur die Bevölkerung und verstärken deren Vorbehalte gegen den Westen. So generiert sich dieser besondere Kriegs-Nationalismus. Nikolai sagt: “Vor dem Krieg war Russland ein autoritäres Land. Seit dem Krieg wird es mehr und mehr zu einem totalitären Land.”

Immerhin: Die Zahl von Kriegsdienstverweigerern im “Aggressorland” Russland ist sechsstellig. Und daneben gibt es noch mehr Daten, die an der allgemeinen Kriegswilligkeit zweifeln lassen: So erhalten Personen, die mit der Armee einen Vertrag zur Teilnahme am Krieg in der Ukraine abschließen, dafür – umgerechnet – eine fünfstellige Euro-Summe, etwa 20.000 Euro, sowie zusätzlich ein monatliches Gehalt von 2000 Euro. Offensichtlich müssen sich Putin und der Kreml Kriegsbereitschaft regelrecht erkaufen.

Und dann gibt es auch in Russland, wie in der Ukraine, die Möglichkeit, sich vom Kriegsdienst freizukaufen, Kosten ebenfalls etwa 5000 Euro. Reiche Russen, Söhne von Oligarchen etwa, können so der Front entgehen. Auch im Krieg sind eben nicht alle gleich.

Erstveröffentlicht im Overton Magazin
https://overton-magazin.de/top-story/russischer-kriegsdienstverweigerer-ich-habe-niemals-gedacht-russland-verlassen-zu-muessen/

Wir danken dem Autot für das Publikationsrecht.

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