Immanuel Kant und der Kampf für den Frieden

Von Matthias Schindler

Vortrag auf dem Forum Sozialismus am 30.08.2025 in Coimbra (Portugal)

Scholz beruft sich auf Kant

Anlässlich des 300. Geburtstags von Immanuel Kant berief sich der damalige deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz im Jahr 2024 auf den großen Philosophen und Pazifisten Immanuel Kant, um die Aufrüstungs- und Kriegspolitik Deutschlands zu rechtfertigen.

Nichts wäre weniger angemessen als dies!

Jeden Tag wird deutlicher, dass der Krieg in der Ukraine Tausende von Toten und unermessliche Zerstörungen verursacht, aber weder in der Lage ist, das ukrainische Territorium zu verteidigen noch Frieden zu bringen kann. Da es immer weniger Argumente für die Fortsetzung dieses Krieges gibt, wollte Scholz eine philosophische Rechtfertigung für weitere massive Waffenlieferungen an die Ukraine vorbringen.

Hier beziehe ich mich ausdrücklich auf den Fall von Scholz und Deutschland, weil er es gewagt hat, Kant in die Debatte einzubringen. Aber seine Argumentation ist in allen europäischen Ländern zu hören, und daher gelten meine Kommentare auch weit über Deutschland hinaus.

Im ersten Teil dieses Beitrags fasse ich die wichtigsten Aspekte der Friedensbotschaft Immanuel Kants zusammen, die er in seinem 1795 verfassten Essay Zum ewigenFrieden zum Ausdruck brachte, der jedoch auch heute noch eine beeindruckende Aktualität besitzt.

Der zweite Teil widmet sich hauptsächlich dem Krieg in der Ukraine und der politischen Debatte über diesen Konflikt.

Im dritten Teil fasse ich die wichtigsten Schlussfolgerungen zusammen und gebe einen Überblick über die essenziellen Positionen, die die Linke in ihrem Kampf gegen den Krieg und für den Frieden vertreten muss.

Zum ewigen Frieden – Einleitung

In seinem Aufsatz Zum ewigen Frieden zeigt Immanuel Kant einen Weg auf, wie Kriege überwunden und eine friedliche Welt aufgebaut werden können. Der Autor bekräftigt nicht nur kategorisch, es soll zwischen uns keinen Krieg geben, sondern er nennt auch eine Reihe konkreter Schritte, die unternommen werden müssen, um tatsächlich in eine Friedensdynamik hineinzukommen.

Dieser Text besteht aus zwei wesentlichen Kapiteln: Der erste Teil enthält die Präliminarartikel, die konkrete Schritte zur Verringerung der Spannungen zwischen den Staaten und zur Schaffung gegenseitigen Vertrauens aufzeigen, um einen Friedensprozess zuerleichtern. Im zweiten Teil erläutert Kant in den Definitivartikeln, welche grundlegenden politisch-gesellschaftlichen Beziehungen innerhalb der Länder und zwischen den verschiedenen Ländern notwendig sind, um einen dauerhaften Frieden zu erreichen.

Dieser Ansatz war zu seiner Zeit neu: Er legte den Schwerpunkt nicht mehr auf die Kriterien, die einen gerechtenKrieg ausmachen, da alle Seiten immer einen Grund gefunden haben, ihre Kriege zu rechtfertigen, und diese Debatte daher nie zu einer Friedenssituation geführt hat. Um aus dieser Sackgasse herauszukommen, entwarf Kant einen Weg der kleinen Schritte, den er in seinen sechs Präliminarartikelnvorschlug. Ihr Ziel ist es, die Logik des Krieges nach und nach zu durchbrechen und sich dadurch immer mehr einer Dynamik des Friedens anzunähern.

Kants Präliminarartikel

Im Folgenden werde ich auf die Präliminarartikeleingehen und sie ins Verhältnis zur aktuellen politischen Situation setzen. In diesem Zusammenhang werde ich insbesondere die Politik der NATO untersuchen, denn es ist genau dieses Bündnis, das die Militär- und Außenpolitik seiner Mitgliedsländer bestimmt.

Auf den ersten Artikel werde ich weiter unten eingehen. Der zweite Präliminarartikel lautet: Es sollkeinfürsichbestehenderStaat(verstandenalseinemoralischePerson)voneinemanderen Staate erworben werden können.

Aber die NATO-Länder unterstützen die Türkei bei ihrer Unterdrückung des kurdischen Volkes sowie bei ihrer Besetzung eines Teils Zyperns. Sie akzeptieren die Einverleibung der saharauischen Territorien in den marokkanischen Staat. Und sie haben Israel jahrzehntelang bei der Besetzung Palästinas unterstützt!

Dritter Artikel: StehendenHeeresollenmitderZeitganz aufhören.

Aber im Laufe der letzten Jahrzehnte hat sich die NATO erweitert und seit 1990 16 neue Länder in ihr Militärbündnis aufgenommen. In den letzten Jahren wurden die Militärausgaben aller westlichen Länder erhöht, mit dem ursprünglichen Ziel, 2 % – inzwischen auf 5 % erhöht – ihres BIP dafür auszugeben!

Vierter Artikel: EssollenkeineStaatsschuldenin BeziehungaufäußereStaatshändelgemacht werden.

Scholz kündigte jedoch für 2022 an, neue Schulden in Höhe von 100 Milliarden Euro für die Bewaffnung der deutschen Bundeswehr aufzunehmen. Und im März 2025 beschloss die Europäische Kommission, dass die Staaten der Europäischen Union Schulden in Höhe von 800 Milliarden Euro für die europäische Bewaffnung aufnehmen sollen!

Fünfter Artikel: Kein Staat soll sich in die Verfassung und Regierung eines anderes Staates gewalttätig einmischen.

Aber die Vereinigten Staaten haben – oft mit Unterstützung der NATO-Mitgliedstaaten – militärisch in Guatemala, der Dominikanischen Republik, Vietnam, Afghanistan, Serbien, Grenada, Nicaragua, Panama, Irak, Libyen, Iran und anderen Ländern interveniert!

Sechster Artikel: Kein Staat, der sich im Krieg mit einem anderen Staat befindet, darf solche Feindseligkeiten zulassen, die das gegenseitige Vertrauen in einen zukünftigen Frieden unmöglich machen.

Aber die Geheimdienste der USA oder Israels führen bis heute weltweit Geheimdienstoperationen – und insbesondere auch Morde an Personen, die als Feinde gelten – ohne Einschränkungen durch!

Darüber hinaus wurden wir Zeugen eine Täuschungsmanövers, das kaum jemand für möglich gehalten hätte. Dieses Ereignis hat mit dem ersten Präliminarartikel zu tun, den ich zu Beginn nicht erwähnt habe und der besagt: Es darf keinen Friedensvertrag geben, der mit dem geheimen Vorbehalt eines zukünftigen Krieges geschlossen wurde.

Daher muss ein Friedensvertrag immer einen endgültigen und dauerhaften Frieden als sein Endziel haben. Im Jahr 2015 wurde das Minsk-II-Abkommen unterzeichnet, um den Krieg in der Ostukraine zu beenden. Aber im Jahr 2022 erklärte die ehemalige deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel – eine der Vermittlerinnen dieses Abkommens – dass dieses Abkommen nur zu dem Zweck geschlossen wurde, Zeit zu gewinnen, um die ukrainischen Streitkräfte für eine zukünftige Fortsetzung des Krieges zu stärken.

Angela Merkel – die Ikone der sogenannten westlichen Werte – widersprach damit wörtlich einem der wichtigsten Postulate der pazifistischen Leitlinien Immanuel Kants!

Kants Definitivartikel

Die Definitivartikel der Friedensschrift fassen die rechtlichen und gesellschaftlichen Bedingungen zusammen, die erfüllt sein müssen, um tatsächlich einen dauerhaften Friedenszustand zu erreichen. Dabei gibt es drei wesentliche Ebenen von Beziehungen, nämlich die innerstaatlichen Beziehungen (Staatsbürgerrecht), die Beziehungen zwischen Staaten (Völkerrecht) und die Beziehungen zwischen Individuen und Staaten (Weltbürgerrecht).

Kant postuliert zunächst, dass alle Staaten eine republikanische Verfassung haben sollen. Weiterhin fordert er, das Völkerrecht soll auf einer Föderation freier Staaten beruhen. Und schließlich tritt er dafür ein, dass das Weltbürgerrecht auf die Bedingungen der allgemeinen Hospitalität eingeschränkt sein soll.

Nur wenn auf allen drei Ebenen die rechtlichen Bedingungen erfüllt sind, die es ermöglichen, alle Streitigkeiten durch Verhandlungen beizulegen, gibt es eine materielle Grundlage dafür, künftige Kriege zu vermeiden und tatsächlich einen dauerhaften Frieden zu erreichen.

Aber Kants Definitivartikel sind Gegenstand schwerwiegender Manipulationen – sowohl seitens der Politik als auch seitens der Wissenschaft.

Der erste Definitivartikel, der postuliert, dass die Staaten republikanische Verfassungen haben sollen, wird in zweierlei Hinsicht verfälscht und instrumentalisiert. Einerseits wird er als Rechtfertigung für Kriege gegen undemokratische Länder herangezogen. Dieses Muster können wir heutzutage häufig im Zusammenhang mit dem Krieg Israels gegen das palästinensische Volk beobachten. Die politische Rechte und die Mainstream-Medien suggerieren ständig, dass Israel als angeblich demokratischer Staat das Recht habe, seine

Nachbarn militärisch anzugreifen. Andererseits müssen wir feststellen, dass die wichtigsten republikanischen Merkmale – Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, demokratische Freiheiten u. a. – derzeit in allen unseren angeblich so demokratischen Gesellschaften einem kontinuierlichen Erosionsprozess unterliegen.

Der zweite Definitivartikel spricht sich für die Bildung einer Föderation freier Staaten aus und enthält das kategorische Gebot: Es darf keinen Krieg zwischen ihnen geben. Es gibt nur eine einzige akzeptable Rechtfertigung für Krieg: Wenn ein Land angegriffen wird, hat es das Recht auf Selbstverteidigung. Diese kantischen Prinzipien sind eine der historischen Grundlagen der Charta der Vereinten Nationen, auch bekannt als Völkerrecht.

Aber diese Ausnahme – die Zulässigkeit von Krieg im Falle der Verteidigung – wurde oft in ihr Gegenteil verkehrt. Die Vereinigten Staaten erfanden die Lüge eines Angriffs Nordvietnams auf ein US-Kriegsschiff, um den Krieg gegen Vietnam zu beginnen (1964). Oder sie verbreiteten die Lüge, dass das Regime von Saddam Hussein im Besitz von Massenvernichtungswaffen sei, um den Krieg gegen den Irak zu beginnen (2003). Erst vor wenigen Tagen haben Israel und die Vereinigten Staaten Iran unter dem Vorwand angegriffen, dass dieses Land über Atombomben verfüge – Angriffe, die von der deutschen Regierung ausdrücklich begrüßt wurden (2025).

Der dritte Definitivartikel fordert, die Rechte der Weltbürger auf das Hospitalitätsrecht zu beschränken. Dieser Rechtsbegriff hat zwei sich ergänzende Aspekte: Einerseits haben Menschen das Recht, andere Länder zu besuchen und um friedliche Beziehungen zu ihnen zu bitten. Andererseits haben Besucher das Recht, von den Einwohnern fremder Länder nicht feindselig behandelt zu werden. Angesichts der Geschichte aller Interventionen westlicher Staaten in den Ländern des Südens und unter Berücksichtigung der feindseligen Behandlung von Einwanderern und Flüchtlingen in unseren Ländern ist es offensichtlich, dass das Recht auf Hospitalität von unseren Ländern schwer verletzt wird.

Was die Postulate der sechs Präliminar- und der drei Definitivartikel betrifft, so wird deutlich, dass die westlichen Länder noch weit davon entfernt sind – und wahrscheinlich immer weiter davon entfernen –, den von Kant vor mehr als 200 Jahren entworfenen Idealzustand des Friedens zu erreichen.

Scholz vs. Kant

Dennoch behauptet Olaf Scholz, im Einklang mit den friedenspolitischen Prinzipien Immanuel Kants handeln. Da lohnt es sich, Scholz‘ Positionen mit der wahren Aussagen der kantianischen Friedensbotschaft zu vergleichen.

Scholz erwähnt die Präliminarartikel (wie den schrittweisen Abbau der Armeen oder das Verbot von Schulden zur Finanzierung von Rüstungsgütern) einfach gar nicht. Oder er verschweigt die zahlreichen Verstöße gegen diese Artikel durch Deutschland und die NATO (wie alle Kriege und geheimen terroristischen Aktivitäten der Vereinigten Staaten oder die Unterstützung des israelischen Krieges gegen das palästinensische Volk).

Sowohl in der Politik als auch in der Wissenschaft werden die Präliminarartikel oft missachtet oder völlig ignoriert. Nicht entsprechend dieser Artikel zu handeln, bedeutet jedoch, mögliche und nötige konkrete Schritte zur Verringerung internationaler Spannungen zu unterlassen.

Scholz sagte wörtlich, es sei „offensichtlich, dass wir in Kants Zum ewigen Frieden keine praktischen Handreichungen zur Lösung von kriegerischen Konflikten im 21. Jahrhundert finden können.“ Was für eine dreiste Lüge! Kant hat die vorläufigen Artikel genau zu diesem Zweck entworfen. Wenn Scholz diese konkreten Vorschläge nicht findet, dann entweder, weil er den Text nicht kennt oder weil er ihn nicht kennen will!

Die Regierungen der NATO-Staaten weigern sich bewusst, die von Kant vorgeschlagenen Maßnahmen zur Vorbereitung von Friedensprozessen umzusetzen, und tragen daher eine erhebliche Mitverantwortung für die aktuellen bewaffneten Konflikte, insbesondere in der Ukraine und in Palästina.

Die beiden kantischen Prinzipien, dass es keinen Krieg geben soll und dass es ein Recht auf Selbstverteidigung gibt, werden oft für die Behauptung instrumentalisiert, dass es in einer Situation, in der ein Land militärisch angegriffen wird, nur natürlich wäre, auch auf militärischer Ebene zu reagieren. In den Worten von Scholz klingt das so: „Für Kant ist es klar: Wer angegriffen wird, der darf sich verteidigen.“

Dies wäre jedoch eine unzulässige Vereinfachung von Kants Position. Als Philosoph hat er seine rechtlichen und kategorischen Aussagen stets mit humanistischen und moralischen Kategorien in Verbindung gebracht. Deshalb verurteilte er einen Verteidigungskrieg gegen eine gewaltige und furchterregende Macht als „ungerecht“, weil dieser „das Übel nur noch gewisser und schneller herbeiführen“ würde. Achtung: Obwohl der bedrohte Staat das Recht zur Selbstverteidigung besitzt, zieht Kant es vor, nicht zu den Waffen zu greifen!

Der Krieg in der Ukraine

Es wäre sinnlos, über Kants Friedensbotschaft zu sprechen, ohne auf den Krieg in der Ukraine einzugehen.

Zunächst ist es jedoch wichtig zu erklären, warum wir hier mit einer Analyse der Politik unserer westlichen Länder beginnen. Der wichtigste Ort unseres politischen Handelns ist hier. Die Adressaten unserer politischen Forderungen sind unsere Regierungen. Es liegt in unserer Verantwortung, unsere Regierungen zu kontrollieren und – wenn nötig – bessere Vorschläge für das politische Handeln hier zu machen.

Deshalb müssen wir fragen: Haben wir alles in unserer Macht Stehende getan, um die internationalen Spannungen zu entschärfen? Was haben wir falsch gemacht? Was können und müssen wir besser machen? Einige Antworten auf diese Fragen zu geben, ist eines der wichtigsten Ziele dieses Textes.

Aber es muss ganz klar festgestellt werden: Die Verantwortung der NATO-Staaten für die heutige Situation zu analysieren und hervorzuheben, bedeutet keineswegs, die Verantwortung Russlands für den Krieg in der Ukraine zu relativieren. Noch weniger bedeutet es, die russische Aggression gegen dieses souveräne Land zu rechtfertigen. Es besteht kein Zweifel daran, dass dieser militärische Angriff eine eklatante Verletzung des Völkerrechts war und ist, die die uneingeschränkte Verurteilung der ganzen Welt verdient. Natürlich entspricht auch die internationale Militärpolitik Russlands in keiner Weise den pazifistischen Postulaten Kants.

Seit dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums und der Auflösung des Warschauer Pakts in den Jahren 1990 und 1991 verfolgen die Regierungen der Vereinigten Staaten die geostrategische Zielvorstellung, ihre Position als weltweit dominierende Wirtschafts- und Militärmacht um jeden Preis zu verteidigen. Aber weder die dramatische Osterweiterung der NATO, noch die massive Aufrüstung der NATO-Staaten, noch die repressive Politik der ukrainischen Regierungen gegenüber der russischen Bevölkerung in der Ukraine, noch irgendein anderer von Putin vorgebrachter Vorwand rechtfertigen den russischen Angriff auf die Ukraine. Und noch viel weniger rechtfertigen sie die inhumane Art und Weise, in der die russische Armee diesen Krieg führt.

Daher hat die Ukraine jedes Recht, sich militärisch zu verteidigen und um internationale Hilfe für ihre Verteidigung zu bitten. Aber das Recht auf Verteidigung ist nicht das gleiche, wie die Pflicht zur Verteidigung.

Die Ukraine – und insbesondere ihre Regierung – muss abwägen, ob die menschlichen Verluste und die materiellen Zerstörungen, die ihr Land durch einen solchen Verteidigungskrieg erleiden, ein akzeptabler Preis für die zu erwartenden Ergebnisse eines solchen Krieges sind.

Die ukrainische Regierung schickt Zehntausende – vielleicht sogar Hunderttausende – Zivilisten und Soldaten in den Heldentod oder in ein Leben als Kriegsversehrte. Es ist äußerst fragwürdig, ob dies politisch richtig ist und moralisch gerechtfertigt werden kann.

Das ukrainische Volk verdient unsere ganze politische Solidarität gegen die russische Aggression und jede mögliche humanitäre und zivile Hilfe, um sein Leid zu lindern. Aber wenn uns die Ausrichtung der ukrainischen Regierung auf die militärische Verteidigung nicht überzeugt, sind wir auch nicht verpflichtet, das Land militärisch zu unterstützen. Wenn uns diese Orientierung als selbstmörderisch erscheint, gibt es keine Pflicht, diese Politik mitzutragen.

Wenn uns diese Politik falsch und verwerflich erscheint, haben wir nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, ihr zu widersprechen und eine bessere Alternative vorzuschlagen. Die einzige Perspektive, um den Weg zum Frieden zu ebnen, kann ein sofortiger Waffenstillstand und die Aufnahme von Friedensverhandlungen sein.

Der Prager Frühling

Diese ganze Debatte ist nicht neu. Ein Blick auf die Geschichte kann uns dabei helfen, richtige Antworten auf diese komplexen aktuellen Fragen zu finden.

Im Jahr 1968 schickte die Führung der Sowjetunion unter Generalsekretär Leonid Breschnew Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei, um das Land zu besetzen und den Reformprozess des damaligen autoritären kommunistischen Systems zu beenden. Es war bis heute der letzte Versuch, einen demokratischen Sozialismus aufzubauen – auch bekannt als Sozialismus mit menschlichem Antlitz oder als der Prager Frühling.

Bevor er von sowjetischen Truppen verhaftet und entführt wurde, befahl der Chef der tschechoslowakischen Regierung und Kommunistischen Partei, Alexander Dubček, der Armee und den Polizeikräften, in ihren Kasernen zu bleiben, und rief die Bevölkerung dazu auf, auf bewaffneten Widerstand zu verzichten. Dennoch gab es 108 Tote und zahlreiche Verhaftungen. Aber ein offener Krieg konnte vermieden werden – wenn auch um den Preis von mehr als zwanzig Jahren politischer und nationaler Unterdrückung.

Würde man die aktuelle politische Debatte auf die damalige historische Situation anwenden, dann wäre es damals richtig gewesen, der Armee den Befehl zu geben, den verzweifelten Kampf gegen die sowjetische Übermacht aufzunehmen und die westliche Welt um militärische Unterstützung zu bitten. Dies hätte jedoch katastrophale Folgen gehabt.

Wer in der Tschechischen Republik oder in der Slowakei würde heute sagen, dass Dubček in jenem Moment die falsche Entscheidung getroffen hat und dass es besser gewesen wäre, einen militärischen Krieg zur Verteidigung des Landes zu führen? Wir haben damals aus Solidarität mit der Tschechoslowakei gegen die Besetzung des Landes demonstriert. Hätten wir damals dazu aufrufen sollen, der Tschechoslowakei Waffen, Panzer und Raketen zu liefern?

Nun gibt es den Einwand, dass die geopolitische Lage damals eine andere war und man sie nicht mit der heutigen Situation vergleichen kann. Das ist richtig!

Aber erstens ist die Grundkonstellation – eine viel größere Macht überfällt ein schwächeres Land – dieselbe. Daher ist ein Vergleich zumindest in gewisser Weise möglich.

Zweitens – und das ist viel wichtiger – bestätigt ein solcher Einwand, dass in den internationalen Beziehungen nicht nur das Völkerrecht berücksichtigt werden muss, sondern dass es auch andere politische Kriterien gibt, die das internationale Handeln von Regierungen bestimmen.

Im konkreten Fall der Ukraine bedeutet dies, dass die Reaktion auf die russische Aggression nicht allein durch die Regeln des Völkerrechts bestimmt werden sollte, sondern dass auch andere wichtige Dimensionen berücksichtigt werden müssen, wie beispielsweise die Auswirkungen auf das Leben der Bevölkerung selbst.

Irgendwann wird die Frage gestellt werden: „Wer war der beste Regierungschef für sein Land: Alexander Dubček für die Tschechoslowakei oder Wolodymyr Zelensky für die Ukraine?“ Wer hat die Souveränität und die Ressourcen seines Landes besser verteidigt? Wer hat mehr für das Leben seiner Bevölkerung getan?

Für mich gibt es nicht den geringsten Zweifel daran, dass Dubčeks Weg unendlich viel produktiver und humaner ist als der Weg, den Zelensky und all seine Anhänger innerhalb und außerhalb der Ukraine eingeschlagen haben.

Wir zahlen – sie sterben

In der Debatte über die Ukraine gibt es einen Widerspruch, der nie erwähnt wird. Fast alle europäischen politischen Kräfte, von Ursula von der Leyen bis Annalena Baerbock, setzen sich enthusiastisch für die Lieferung von Waffen an die ukrainische Armee ein. Aber niemand ist bereit, selbst an diesem Krieg teilzunehmen. Niemand erklärt seinen Kindern, Enkeln, Nichten und Neffen, dass sie in den Krieg ziehen sollen. Der Deal ist schlicht und einfach: Wir zahlen, und die Ukrainer sterben.

Es ist sehr schwer, eine zynischere Haltung gegenüber dem Krieg in der Ukraine zu finden. Wer nicht bereit ist, sich am militärischen Kampf zu beteiligen und seine Kinder in den Krieg zu schicken, der oder die hat auch keinerlei moralische Autorität, andere in den Krieg zu schicken und sie zum Kampf und zum Tod aufzurufen.

Es gibt immer Alternativen zum militärischen Krieg. Der Vietnamkrieg endete nicht, weil wir Waffen an die Nationale Befreiungsfront geliefert haben, sondern weil wir weltweit eine breite politische Bewegung gegen die Kriegspolitik der Vereinigten Staaten organisiert haben.

Als Washington in den 1980er Jahren drohte, in Nicaragua einzumarschieren, um die sandinistische Regierung zu stürzen, haben wir nicht dazu aufgerufen, Waffen zur Verteidigung Nicaraguas zu liefern. Stattdessen bildeten wir friedliche internationale Arbeitsbrigaden, die sich in das zivile Leben der Bauern integrierten und bei der Kaffeeernte oder beim Bau von Gesundheitsstationen halfen. Ich habe mich zusammen mit Tausenden anderer Solidaritätsaktivisten – viele davon aus den Vereinigten Staaten – an dieser internationalen Kampagne beteiligt. Es war ein politisches Zeichen. Wir waren dort als menschliche Schutzschilde für das nicaraguanische Volk und seine Revolution. Auch unter uns gab es Tote, ermordet von der Contra, einer Stellvertreterarmee der USA. Aber wir waren überzeugt, dass diese öffentliche politische Aktivität angesichts der damaligen geopolitischen Situation der beste Beitrag war, den wir leisten konnten.

Die Teilnahme der Koordinatorin des Bloco de Esquerda, Mariana Mortágua, an der Friedensflotte für Gaza ist eine absolut angemessene Fortsetzung dieser Form der internationalen Solidarität und des Kampfes für den Frieden. Wir senden Mariana unsere herzlichsten und solidarischen Grüße und hoffen, dass alles gut gehen möge bei dieser ebenso gefährlichen wie notwendigen Mission!

Schlussfolgerungen

Hier wurden mehrere Beispiele angeführt, die zeigen, dass die Politik des globalen Westens – oder genauer gesagt der NATO – seit Jahrzehnten in hohem Maße den pazifistischen Idealen Kants widerspricht. Viele Menschen wissen das nicht. Viele Politiker wollen das nicht wissen. Sie geben vor, treue Anhänger des großen Philosophen der Aufklärung zu sein, während sie in Wirklichkeit das Gegenteil tun.

Als Lösung für diesen Widerspruch schlägt der deutsche Philosoph Professor Ulrich Thiele vor, zu „bestätigen”, dass die Politik der westlichen Länder nicht mit den Prinzipien von Kant vereinbar ist – aber gleichzeitig empfiehlt er, diese Politik zu „verteidigen“, weil sie die angemessenste Antwort auf die Komplexität der aktuellen internationalen Beziehungen zu ist.

Seine Botschaft lautet: Kant ist sehr hübsch im Bücherregal – aber für die reale Politik vertrauen wir ihm nicht.

Dies ist die Methode, mit der viele Regierungen weltweit alle möglichen Verstöße gegen das Völkerrecht und die Menschenrechte rechtfertigen. Ein solcher Ansatz wäre jedoch für die Linke inakzeptabel, die die Pflicht hat, diese Rechte für alle Menschen überall auf der Welt zu verteidigen. Für die Linke kann es keine Politik der doppelten Standards geben.

Kant formuliert seinen kategorischen Imperativ mit den Worten: Handle so, dass du wollen kannst, deine Maxime solle ein allgemeines Gesetz werden.

Eine Politik, die diese Grundnorm zwischenmenschlichen Handelns nicht respektiert, kann die Menschen nicht überzeugen und kann niemals dem Wohl aller dienen.

Deshalb muss die Linke die Menschenrechte in Russland ebenso verteidigen wie in der Ukraine, in Israel ebenso wie in Palästina.

Insbesondere müssen wir die russische Aggression gegen die Ukraine ebenso energisch zurückweisen wie den Völkermord Israels am palästinensische Volk. Wir müssen das Recht auf Selbstverteidigung der Ukrainer ebenso wie das der Palästinenser verteidigen. Wir erkennen die ukrainische Regierung ebenso wie die Hamas als Ausdruck des Kampfes für die Verteidigung und Befreiung ihrer Gesellschaften an. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir die Politik der Führungen in der Ukraine oder in Palästina politisch unterstützen müssen. Und schon gar nicht bedeutet es, dass wir Waffen an die Hamas oder die Ukraine liefern müssen. Unsere Aufgabe ist es nicht, Öl ins Feuer zu gießen. Wir setzen uns für einen Waffenstillstand und die sofortige Aufnahme von Friedensverhandlungen in der Ukraine und in Palästina ein.

Wir sind aufgerufen, alle möglichen politischen und friedlichen Anstrengungen zu unternehmen, um einen Weg zu einem dauerhafte Frieden in diesen beiden Ländern und auf der ganzen Welt zu finden!

Eine sehr gut passende und beeindruckende Ergänzung:
Rede der slowenischen Präsidentin Natasa Pirc Musar auf dem 20. Bled Strategic Forum vom 1. September 2025: https://www.youtube.com/watch?v=724Go5eF8VA

Kant, Immanuel (1795): Zum ewigen Frieden: Ein philosophischer Entwurf, Akademieausgabe [AA] der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften, Band 8, S. 343-386, [online] https://korpora.zim.uni-duisburg-essen.de/kant/suche.html [26.01.2017].

Scholz, Olaf, 2025, Bundeskanzler Scholz zum 300. Geburtstag von Immanuel Kant, https://www.bundesregierung.de/breg-de/service/newsletter-und-abos/bulletin/bundeskanzler- 300-jahre-kant-2273948

Thiele, Ulrich, 2008, Demokratischer Pazifismus. Aktuelle Interpretationen des ersten Definitivartikels der Kantischen Friedensschrift https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/KANT.2008.012/html

Wir danken für das Publikationsrecht.

Mach mit für Frieden und Gesundheit – Fahrradtour 2026

Zweite Fahrradtour mit Kolleginnen und Kollegen aus den Gewerkschaften, Freundinnen und Freunden!

Nach der Fahrradtour 2025 findet die zweite Tour 2026 in der Zeit vom 07.05.-10. 05.26 im Raum Südbrandenburg statt. Die Radtour wird von Kolleginnen und Kollegen aus DGB-Gewerkschaften organisiert und ist für alle offen, die sich für eine aktive Friedenspolitik, jenseits von Aufrüstungsspiralen und eine gute Gesundheitsversorgung, gerade in der Fläche einsetzen.

Anknüpfend an die Tour aus dem Jahr 2025 fühlen wir uns ermutigt und aufgefordert, das Motto weiter zu tragen und die gelungene Kombination von gemeinsamen leistbaren, sportlichen Aktivitäten, guten Gesprächen, Besuchen und Besichtigungen fortzusetzten.

Die Tour setzt sich aus insgesamt drei Tagesetappen zusammen, die es auch Interessierten und Unterstützern ermöglicht, lediglich an einzelnen Etappen teilzunehmen. Die Tagestouren betragen durchschnittlich 50 km und sollen die Teilnehmenden keinesfalls überfordern. Angemessene, radfreundliche Quartiere werden bei Bedarf rechtzeitig vorab organisiert. Dafür ist eine verbindliche Anmeldung für diese Tour erforderlich. Wir freuen uns auf alle, die daran teilnehmen wollen und sich anmelden.

Interessierte haben die Möglichkeit sich bei den Organisatoren genauer zu erkundigen. Wir möchten mit ausreichendem Abstand zur Tour drei regionale Vorbereitungstreffen durchführen. Dort können eventuelle Fragen geklärt und Anregungen eingebracht werden.

Mach mît-sel dabell

Kontakt:
Bei Fragen zu der Tour könnt Ihr Euch gern wenden an

  • Marion Scheier (marion.scheier@posteo.de) Tel: 0171 6552037;
  • Klaus Just (klausjust6@ginail.com) Tel: 0172 8352890; und
  • Georg Heidel (gk-heidel@t-online.de), Tel: 0151 12434342

Wie ich ein Verräter wurde

Der folgende Essay ist aus der Perspektive eines sozialen Außenseiters verfasst, der wenig Neigung verspürt, für die ihn malträtierende Ordnung in den Krieg zu ziehen: „Dreißig Jahre lang hat die Gesellschaft darauf bestanden, dass ich abnormal sei, nur weil ich auf Männer stehe. Jetzt verlangt sie plötzlich, dass ich sie verteidige.“ Aber Ilja Kharkow bläst nicht ins Horn einer wohlfeilen Identitätspolitik. Ihm geht es um mehr, um etwas Grundsätzliches: um Einspruch gegen die Anmaßung des Staates, über das Leben seiner Untertanen zu verfügen. Und um das befremdliche Schauspiel, wie eine Gesellschaft im Krieg genau dem immer ähnlicher wird, was sie dabei doch angeblich bekämpft. Eine dringend notwendige Abrechnung mit Nationalchauvinismus und autoritärer Formierung auf beiden Seiten der Front – zu einer Zeit, in der die mit roher Gewalt durchgeführte Zwangsrekrutierung in der Ukraine auf wachsenden Widerstand stößt.

Vin Ilja Kharkov

Bild: pixabay

Vorteile der Außenseiterexistenz

„Ich war hier kein Mensch. Kein Besucher. Ich war ein Geflüchteter. Ein Opfer. Und es war ihnen egal, dass ich auch ein Jäger war. Ein echter Sadist. Ich war auf der Jagd nach meinem Räuber. Aber sie sahen mich nur in einer Dimension.“ – Aus The Mining Boys
 

Ich muss zugeben, dass ich in meinem Roman The Mining Boys einige Momente beschönigt habe.1 Zum Beispiel heißt es in der Szene, in der ich auf meiner Flucht zur Grenze von einem Militärangehörigen geschlagen werde, er hätte dabei die ukrainische Nationalhymne gesungen. In Wirklichkeit hat er nicht gesungen, sondern laut geflucht. Die Hymne schien mir ein ausdrucksstärkeres Mittel zu sein, um die Absurdität des Geschehens zu vermitteln: Die Figur sucht Schutz, wird aber am Ende von genau der Person gefangen gehalten, vor der sie Schutz sucht. Der Kern jedoch blieb unverändert: Es war ein bösartiger, hässlicher, gesetzeswidriger körperlicher Übergriff, der perfekt veranschaulicht, wie die Ukraine in den ersten Tagen des Krieges aussah, während im Fernsehen von nationaler Einheit die Rede war.

Solche Abweichungen habe ich mir erlaubt, weil ich mit dem Roman ein fiktives Werk schaffen wollte, keinen dokumentarischen Text. Mit diesem Essay verfolge ich ein anderes Ziel, nämlich die ungeschönte Wirklichkeit zu zeigen – eine Wirklichkeit, über die nicht gesprochen wird.

Warum spricht niemand über sie? Weil es unpatriotisch ist, die Wahrheit zu sagen. Weil man im Krieg sein Land unterstützen muss, egal welche Verbrechen es begeht – andernfalls wird man zu einem exzentrischen Außenseiter. Weil die patriarchale Gesellschaft verlangt, dass alle Männer an die Front wollen, sonst wird ihnen das entscheidende Recht genommen, ein Mann genannt zu werden. Weil sie einen sonst schlagen und man sich am Ende öffentlich entschuldigen muss.

Warum also kann ich sagen, was andere nicht sagen können? Weil ich schwul bin und die ukrainische Gesellschaft derart homophob ist, dass sie Russland mental viel ähnlicher ist als Europa. Da ich dreißig Jahre lang in einem homophoben Land gelebt habe, weiß ich, wie es ist, ein Außenseiter, ja Aussätziger zu sein; nicht nur macht es mir keine Angst, ich kenne es sogar sehr gut.

Die Metamorphose des Staates amüsiert mich. Dreißig Jahre lang hat die Gesellschaft darauf bestanden, dass ich abnormal sei, nur weil ich auf Männer stehe. Jetzt verlangt sie plötzlich, dass ich sie verteidige. Das Opfer, das den Täter verteidigt, ist ein Moment der slawischen Kultur, das besonders in der russischen Literatur häufig auftaucht. Doch so großartig diese Literatur auch sein mag, mit gesundem Menschenverstand hat ein solches Verhalten wenig gemein. Das gilt für vieles, was heute in der Ukraine und in Russland geschieht.

Mit diesem Text möchte ich den Schleier der Propaganda lüften, durch den die Welt Informationen über den russisch-ukrainischen Krieg erhält. Die Propaganda behauptet, die Ukraine kämpfe für die Demokratie, obwohl dort die Menschenrechte außer Kraft gesetzt werden. Sie behauptet, es gebe eine kollektive Verantwortung, soll heißen: Jeder Russe trägt Schuld am Krieg – aber auf das eigene Land wendet sie dieses Prinzip nicht an. Die Propaganda erklärt, Töten sei normal und jeder Ukrainer solle wissen, wie man tötet. Ich betrachte jedes Töten als eben das: als Töten und sonst nichts. Genauso wie ich jede Vergewaltigung als Vergewaltigung betrachte, unabhängig vom Kontext. Es ist merkwürdig: Wenn der erzwungene Geschlechtsverkehr als Vergewaltigung bezeichnet wird, warum nennen wir die erzwungene Landesverteidigung dann nicht ein Verbrechen? Die Zwangsmobilisierung in der Ukraine scheint ihren Zenit überschritten zu haben, aber es gibt keine Anzeichen dafür, dass sie bald aufhören wird. Genau darüber möchte ich sprechen.

Verdammtes Gitter der Gleichgültigkeit

„Erwachsene schreien lauter als ihre Kinder. Kinder werden nach jeder lauten Explosion erwachsen. Jazz, das hat mich davor bewahrt, verrückt zu werden. Ja, die Leute sind buchstäblich durchgedreht. Einmal habe ich auf der Straße ein Paar gesehen. Das Mädchen küsst den Jungen, und sie weint. Der Junge lacht, und deshalb küsst sie gar nicht seine Lippen, sondern sein Zahnfleisch. Er lacht. Dann schieben die Ärzte ihn in den Krankenwagen“. – Aus Holes in the Shape of Humans

Ich schreibe diesen Text in Portugal, in der gemütlichen Biblioteca Municipal Almeida Garrett. Wegen Renovierungsarbeiten ist der Haupteingang geschlossen, also musste ich durch den Parque da Quinta da Macieirinha um das Gebäude herum gehen. Ich lief den kleinen Hügel hinunter und von der Westseite auf rutschigem Kopfsteinpflaster wieder hinauf. Die Steinmauer, an der ich entlang ging, hatte hier und da Öffnungen, die mit einem Eisengitter versehen waren.

Hinter einem dieser Gitter stand ein Mann um die dreißig, in der einen Hand eine Zigarette, in der anderen einen Pappbecher Kaffee. Da es gerade geregnet hatte, rutschte ich auf dem Kopfsteinpflaster aus und stürzte. Ich fiel genau vor die Füße des Mannes. Er gestikulierte mit den Händen, verschüttete aber nur seinen Kaffee. Wegen des Gitters konnte er mir nicht helfen. Ich sah, wie ihn das schon nicht mehr weiter kümmerte. Erstaunliche Verwandlung. Ich stand auf, schüttelte den Dreck ab und ging weiter.

In dieser portugiesischen Bibliothek fühle ich mich nicht fremd, denn neben den braungebrannten Portugies:innen sind dort viele lebhafte Menschen aus Brasilien und Afrika, ein paar aus Russland, ein paar aus Amerika, deren Akzent sofort an ein englisches Hörbuch erinnert, und ein lustiger sechsjähriger Filipino, der mich einmal versehentlich „Daddy“ nannte. Man könnte annehmen, dass ich mich in Europa immer so wohl fühle. Aber dem ist nicht so.

Die meisten Menschen in Europa – vor allem Männer – stellen mir oft die Frage: „Warum wolltest du nicht für dein Land kämpfen?“ In dieser Frage steckt keine Sympathie. Keine Solidarität. Nur Neugierde. Genau wie bei meinem Sturz vor das Eisengitter. Bei jeder Begegnung, die ich mit Menschen in Europa habe, taucht dasselbe unsichtbare Gitter auf. Die NATO gibt ihnen ein Gefühl der Sicherheit. Einen Krieg in Portugal kann man sich nicht vorstellen, und so herrscht im Umgang mit einem Geflüchteten aus der Ukraine eine Kälte, die im Gegensatz zur portugiesischen Wärme steht.

In Portugal bin ich ein skurriles Exponat, jemand, der während des Krieges nutzlose Lebenserfahrung gesammelt hat. Die Menschen hier sind zu weit entfernt von der Ukraine, um zu verstehen, dass der Feind nicht Russland oder die Ukraine ist, sondern das System. Ein Krieg in Portugal mag unmöglich scheinen, aber das schützt das Land nicht vor dem Schaden, den das System anrichten kann. Das Komische an der portugiesischen Situation ist, dass hier vor noch nicht allzu langer Zeit die Diktatur von António de Oliveira Salazar herrschte und im benachbarten Spanien die von Franco. Aber auch das trägt nicht dazu bei, dass die Leute aufwachen und erkennen, dass hinter dem Krieg in der Ukraine mehr steckt, etwas, das nicht nur Slaw:innen, sondern alle bedroht.

Gleichgültigkeit ist die Gefahr unserer Zeit. Gleichgültigkeit aus Überdruss. Aus trügerischer Sicherheit. Ein Fernsehbildschirm, ein Computermonitor, das Eisengitter in einer Steinmauer – wir alle sind Geiseln des staatlichen Systems. Man kann sich für noch so systemfremd halten, ein Randständiger oder Aussätziger sein, der Staat betrachtet einen trotzdem als seine Ressource. Frauen fordern ein, dass Männer sie abends in der Bar nicht zum Objekt machen; derweil werden die Männer vom Staat zum Objekt gemacht. Die Ukraine hat ihre männliche Bevölkerung mühelos in eine Mobilisierungsreserve verwandelt. Jetzt erklären die ukrainischen Behörden offiziell, alle im Ausland lebenden ukrainischen Männer sollten abgeschoben werden, um sie zuhause vor die Wahl zwischen Gefängnis und Krieg zu stellen. Ich akzeptiere diese Alternative nicht. Wie würden Sie sich entscheiden?

Es ist bemerkenswert, wie ein Staat, der seine Bürger mit dem Tod bedroht, zugleich die Drohung mit dem Entzug der Staatsbürgerschaft als Druckmittel einsetzt. Ich werde mich nicht lange damit aufhalten zu erläutern, wie absurd es ist, auf etwas stolz zu sein, das man nicht durch eigene Anstrengungen verdient, sondern zufällig verliehen bekommen hat. In jedem Fall ist es keine Schande, die Staatsbürgerschaft eines Landes zu verlieren, das einen bedroht; es ist eine Ehre und ein Privileg. Es ist die gleiche Ehre wie die, in Russland als ausländischer Agent gebrandmarkt zu werden. Auch wenn er im gegebenen Moment wie eine Katastrophe wirken mag, ist jeder solche Stigmatisierungsversuch des Staates historisch gesehen eine Auszeichnung.

Nicht alle Menschen in Russland sind schlecht. Nicht alle in der Ukraine sind Helden. Es gibt keinen Grund, russischen Statistiken zu vertrauen, denn schon vor dem Krieg wussten wir, dass die zuständigen Institutionen vom Regime kontrolliert werden. Ukrainischen Statistiken zu vertrauen ist ebenfalls naiv, aber aus irgendeinem Grund ist das vielen Leuten weniger klar. Beide Seiten beeinträchtigen das Leben von Menschen und machen den Verwandten von gestern zur Zielscheibe für die Artillerie.

Aber ist ein Mensch von Natur aus böse? Die erste Reaktion des Mannes hinter dem Eisengitter bei der Bibliothek war zum Beispiel überaus achtenswert – er wollte jemandem helfen, der gestürzt ist. Aufgrund des Gitters hat er aber nur Kaffee über ihn geschüttet. Die Menschen neigen von Natur aus eher zum Guten als zum Bösen, aber vom System geschaffene Umstände wie dieses Gitter machen aus einem gewöhnlichen Menschen einen Übeltäter. Wie kann das passieren? Das System liefert den Menschen eine Rechtfertigung für ihre Gleichgültigkeit. Gleichgültigkeit führt zu Untätigkeit. Und die Untätigkeit des Einzelnen ermöglicht es dem System, Verbrechen zu begehen und ungestraft zu bleiben.

Der Feldzug gegen die Kultur mündet im Dreck

„Es ist unmöglich, die Schrecken des Krieges genau zu schildern, denn wenn man das tut, fügt man ihnen eine Logik hinzu, die während des Krieges oft gar nicht existiert.“ – Aus The Mining Boys

Aus Büchern über das Handwerk des Schreibens kenne ich die Handlungsstruktur, die die meisten Menschen interessant finden. Man muss nur Gegensätze aufeinanderprallen lassen. Man muss schildern, wie eine Figur am Ende auf der Seite desjenigen steht, den sie anfangs bekämpft hat. Eine KZ-Überlebende begegnet einem ehemaligen Wachmann und verliebt sich in ihn. Eine interessante Geschichte? Durchaus, aber viel aufschlussreicher ist es, nicht ein Individuum, sondern ein ganzes Land zu beobachten.

Zu Beginn des Krieges hat die Ukraine nach Kräften zu beweisen versucht, dass Ukrainer:innen und Russ:innen nicht nur keine brüderlichen Völker sind, sondern überhaupt nichts miteinander gemein haben. Das führte zur Ächtung der russischen Kultur in der Ukraine, und damit haben wir genau wie in Russland Ignoranz legitimiert; für die Romane von Fjodor Dostojewski spüren wir keine Begeisterung mehr, stattdessen erleben wir eine brutale Mobilmachung und die Unterdrückung von Meinungsfreiheit und Dissens. Friedrich Nietzsches Attacken auf die Moral hat das ukrainische Militär noch übertroffen: In Odessa schlugen Soldaten einen Mann vor den Augen seines kleinen Kindes, weil er sich weigerte, dem Einberufungsbefehl nachzukommen.

Selbst wenn die Ukraine den Krieg gewinnen sollte, wird es das Land, in dem ich gelebt habe, nicht mehr geben. Als Russland zu Beginn des Krieges behauptete, sein Einmarsch diene dem Schutz der russischsprachigen Bevölkerung vor der Diskriminierung durch die ukrainischen Behörden, war das absurd. Als russischsprachiger Einwohner der Ukraine kann ich bestätigen, dass es eine solche Diskriminierung vor dem Krieg kaum gab. Jetzt aber durchaus: Der Bürgermeister von Charkiw zum Beispiel wurde zu einer Geldstrafe verurteilt, nur weil er ein Interview auf Russisch gegeben hatte.

Heute kann ein russischsprachiger Ukrainer eine solche Diskriminierung aber nicht mehr geltend machen, denn damit würde er indirekt die Behauptungen Russlands bestätigen und sich so auf die Seite des Aggressors stellen. Ich unterstütze die russische Aggression jedoch nicht, und trotzdem sage ich, dass Russisch, nicht Ukrainisch, meine Muttersprache ist. Selbst in meinem ukrainischen Pass steht mein Name in beiden Sprachen. Bedenkt man, dass die Hälfte der Bevölkerung russischsprachig ist, dann stellt die Unterdrückung dieser Sprache durch die Behörden einen ungeheuerlichen Verstoß gegen ihre Rechte dar. Und es geht nicht nur um Minderheitenrechte. Auch in dieser Hinsicht ähnelt die Ukraine stärker Russland als Europa, wo eine solche Diskriminierung zumindest als unfein gilt.

In den Medien wird die Ukraine als ein Land dargestellt, das für demokratische Werte und Freiheit kämpft. Gleichzeitig hat die Ukraine jedoch die Menschenrechte suspendiert. Der Krieg rechtfertigt alles. Seit dem ersten Tag des Krieges ist ein Ausreiseverbot für Männer in Kraft. Heute kann ein Mann in der Ukraine ohne Einschaltung des Militärkommissariats keine Arbeit finden, nicht ins Krankenhaus gehen, kein Haus kaufen oder verkaufen. Polizei und Militär verprügeln, demütigen und verhaften jeden, den sie in die Finger bekommen, um ihn zwangszuverpflichten. Einberufungsbescheide werden oft als Methode zur Bestrafung von Bürgern verwendet, die nicht so aussehen wie erwünscht, die falsche Sprache sprechen oder schlicht einen bestimmten Amtsträger nicht mögen.

Zu Beginn des Krieges habe ich die Ereignisse nicht über Nachrichtenseiten, sondern auf TikTok verfolgt, wo gewöhnliche Menschen Videos von Beschuss und Explosionen posteten. Man fand dort unzensierte Nachrichten, aber das ist inzwischen vorbei. In jedem Fall stand außer Frage, wer der Feind war. Schon bald tauchten Videos auf, die Verbrechen zeigten – Soldaten, die junge Männer gewaltsam auf der Straße aufgriffen. Geben Sie einfach Suchbegriffe wie „мобилизация Украине“,„Украина повестки“, „Украина призыв“ bei TikTok ein, und Sie werden Zeuge des Ausmaßes, in dem der ukrainische Staat die eigenen Bürger:innen einschüchtert, demütigt, ihr Leben zerstört. Aber solche Videos werden schnell wieder gelöscht. Ähnliche Bilder findet man auf der russischen TikTok-Seite, allerdings mit einem Unterschied: Während die Einberufung in Russland in regelmäßigen Abständen stattfindet, dauert sie in der Ukraine seit nunmehr eineinhalb Jahren ununterbrochen an.

Die ukrainische Führung erklärt, sie sei bereit, den Krieg um jeden Preis fortzusetzen; sie will um jeden Preis den Sieg erringen. Aber was ist der Preis für einen solchen Sieg? Der Preis bin ich. Mein Leben. Das Leben meiner Freundinnen und Freunde. Nur weil der Staat beschlossen hat, einen solchen Preis zu zahlen, heißt das nicht, dass ich dieselbe Entscheidung getroffen habe. Die List des Systems besteht darin, dass es unter dem Deckmantel des Patriotismus mit dem Bürger verschmilzt, wann immer es opportun ist, und sich im Übrigen von ihm abtrennt.

Ja, die Auslöschung der russischen Kultur in der Ukraine war erfolgreich. Heute bekommt man einen Gedichtband von Joseph Brodsky in Lissabon leichter als in Kiew, aber wer ist dadurch ärmer geworden? Heute begehen Russland wie auch die Ukraine Grausamkeiten, die mit dem Anliegen gerechtfertigt werden, Territorium zu erobern oder zurückzuerobern, Grenzen zu erweitern oder einfach nur die eigene Fortexistenz zu sichern – auf Kosten junger Männer aus armen Familien, die keine 10.000 Dollar haben, um ihrem Sohn einen Pass zu kaufen, mit dem er das Land verlassen kann.

Ein Verbrechen sollte unabhängig von den Motiven ein Verbrechen bleiben. Während die Menschen in Russland aus Angst schweigen, schweigen sie in der Ukraine aufgrund einer logischen Falle, die ihnen die Propaganda gestellt hat: Wer die russische Kultur und Muttersprache verteidigt, der rechtfertigt den Aggressor – eine kompromisslose und effektive Logik.

Aber warum sollte man die Kultur überhaupt angreifen? Das kommt nur beiden Kriegsparteien zugute. Ein kritisch denkender Mensch dagegen wird nicht so schnell den Abzug betätigen.

„Ich will nicht sterben wegen
zwei oder drei Königen, denen
ich noch nie in die Augen gesehen habe.“
– Joseph Brodsky

Kultur wird die Menschen am Sinn von Aggression zweifeln lassen. Kultur vermag zu zeigen, dass die Welt nicht in Schwarz und Weiß, in Fremde und Zugehörige eingeteilt, sondern viel komplexer ist. Deshalb gilt: Selbst wenn die Ukraine den Krieg gewinnen sollte, wird es das Land, in dem ich gelebt habe, nicht mehr geben, und es führt kein Weg zurück zu ihm. Ich will verhindern, dass sie dasselbe mit der Kultur machen.

Eine Preisliste für das Heldentum

„Ein irres Gefühl. Ich habe einmal eine Geschichte gelesen, in der eine Hand gegen ihren Besitzer rebellierte. Ich hätte nicht geglaubt, dass ich mich in einer ähnlichen Situation mit der Sprache befinden würde, und doch habe ich es geschafft…“ – Aus Holes in the Shape of Humans

Die Ukraine züchtet Held:innen. Zum einen, indem sie das ganze Land zu einer heroischen Nation erklärt, und zum anderen, indem sie einzelne Militärs und Politiker:innen entsprechend überhöht. Die so Geehrten haben beste Aussichten, das Gegenteil von dem zu werden, was wir gewöhnlich als einen Helden betrachten.

Heroisierung heißt, einen Menschen in dem Moment zu fixieren, in dem er im Höchstmaße ehrenhaft handelt. Das ist der Höhepunkt. Nach dem Gipfel kommt unweigerlich der Abstieg, daran lassen die portugiesischen Hügel keinen Zweifel. Gestern hieß es in den Medien „Ruhm der ukrainischen Armee“; heute lese ich in einem Artikel: „In der Stadt Kryvyi Rih hat eine Gruppe von Veteranen der ukrainischen Streitkräfte die jungen Teilnehmer einer Fahrradtour verprügelt, weil sie ihr Heimatland nicht verteidigen würden.“

Im Internet findet man mühelos Befunde soziologischer Studien, die anhand von Beispielen zeigen, wie verbittert Menschen aus dem Krieg zurückkehren, wie stark sich solche traumatischen Ereignisse auf die Psyche auswirken. Solche Menschen brauchen eine besondere Betreuung, aber da ich mein ganzes Leben in der Ukraine gelebt habe, bin ich mir mehr als sicher, dass der Staat nicht in der Lage sein wird, das zu leisten. Der Krieg ist noch nicht zu Ende, und schon sehe ich solche Nachrichten – in der Stadt Saporischschja wurde einem Soldaten der Zutritt zu einem Café verweigert, weil er seine Uniform trug. Ein ehemaliger Soldat, der nicht die ihm gebührende Achtung und Fürsorge erfährt, sondern mit der Gleichgültigkeit und Ungerechtigkeit der kapitalistischen Welt konfrontiert ist, wird zweifellos irgendwann in antisozialem Verhalten ein Ventil suchen. Als Außenseiter und Rebell, als russischsprachiger Autor in einer ukrainisch geprägten Diktatur, als schwuler Mann in einer patriarchalen Gesellschaft sind mir einige Erscheinungsformen solchen Verhaltens wohlbekannt, aber in meinem Fall geht es nicht um Gewalt.

Wer an einem Krieg teilgenommen hat, dürfte es kaum schaffen, die Gewalt auf dem Schlachtfeld hinter sich zu lassen – wenn es schon einer Lehrerin manchmal schwer fällt, von der Arbeit im Klassenzimmer abzuschalten, wie sollte es dann einem Soldaten gelingen? Aggression, Intoleranz, posttraumatische Belastungsstörung – Berufskrankheiten, die sich nicht so leicht abschütteln lassen. Nachrichten wie die folgende überraschen mich daher nicht: In Kyjiw wurde ein Soldat zu einer Geldstrafe verurteilt, weil er einen Designer in der Nähe eines Clubs aus homophoben Motiven geschlagen hatte. Die Strafe belief sich auf 45 Dollar.

Wenn 45 Dollar der vom Staat festgelegte Preis für Prügel ist, dann kann man in der Ukraine ohne Weiteres ein Geschäft eröffnen, in dem man zu einem festen Preis junge Männer verprügeln darf. Stimmlose und stumme Menschen. Machtlos und daher ohne Schutz.

Eines Tages wird der Krieg enden. Die Held:innen kehren heim, das Land ist noch ärmer. Man muss sich vor Augen führen, dass der Mindestlohn in der Ukraine 212 Dollar beträgt und die Rente 70 Dollar. Jemanden zu verprügeln kostet 45. Der Preis des Apple Pencil, mit dem ich mir Notizen für meine Texte mache, entspricht zwei ukrainischen Monatsrenten oder drei Prügelattacken.

Die Jagd auf junge ukrainische Männer

„Humanismus ist die Verteidigung des Einzelnen. Faschismus ist der Versuch, eine Nation zu ‚schützen‘.“ – Aus The Mining Boys

Meine Wandlungsfähigkeit erstaunt mich: Ich war einfach ein netter Kerl, und jetzt bin ich plötzlich Teil der Mobilisierungsreserve. Bei Kriegsbeginn gab es tatsächlich viele Freiwillige, aber bereits nach ein paar Monaten ging ihre Zahl stark zurück. Neue Soldaten mussten unter Zwang auf der Straße rekrutiert werden. Was für ein aufregendes Spiel es doch ist, vor dem Militär wegzulaufen, das einen eigentlich beschützen soll, und nachts die Explosionen der russischen Raketen zu hören, die angeblich zur Verteidigung Russlands auf unsere Städte fallen. Selbst ein gerissenes Kondom im Ecstasy-Club ist nicht so gefährlich wie die Verteidigung der Ukraine und Russlands, deren Narben ich noch in meinem Sarg durch einen Spalt sehen werde.

Am ersten Tag des Krieges machten mein Partner und ich uns naiv auf den Weg nach Lwiw, um dort die Grenze zu überqueren. Erst auf der Fahrt dorthin, die nicht wie üblich sechs, sondern dreiunddreißig Stunden dauerte, erfuhren wir, dass der Präsident ein Dekret unterzeichnet hatte, das Männern im wehrfähigen Alter die Ausreise verbietet. Trotzdem versuchten wir das Land zu verlassen, denn dieses Verbot klang so absurd, dass wir es nicht glauben konnten. Krieg. Geschlossene Grenzen. Ukrainisch sprechende Soldat:innen kontrollieren meinen Pass, und als sie sehen, dass ich aus dem Osten des Landes komme, behandeln sie mich sofort mit Misstrauen, so als ob ich ein Verräter und die Ursache des Krieges wäre.

Meine Heimatstadt wurde in den ersten Tagen des Konflikts besetzt. Sie ist es noch immer. Verwandte riefen mich an und meinten, ich solle besser bei ihnen Unterschlupf suchen, nicht in Lwiw. Ich dachte, sie seien durch den ständigen Beschuss verrückt geworden, der sie immer wieder in den Keller zwang – richtig: in der Ukraine gelten Keller als Schutzräume, selbst nach anderthalb Jahren Krieg gibt es wirkliche Schutzräume nur an wenigen Orten. Was abermals zeigt, dass die Ukraine ihre Grenzen schützt, nicht aber ihre Bürger:innen.

Wie sich herausstellte, waren die Grenzen zu Russland noch offen. Daher war es möglich, die besetzten Gebiete über die Krim in Richtung Russland zu verlassen, um von Russland nach Georgien oder in die Türkei und von dort schließlich nach Europa zu gelangen. Aber als mir das klar wurde, war es bereits zu spät: Wir befanden uns im ukrainischsprachigen Lwiw, wo alles Russische verachtet wurde, sogar wir, weil wir Ukrainisch mit Akzent sprachen.

Zweieinhalb Monate lang lebten wir in einem Büro und schliefen auf dem Boden – unter dem Tisch eines Konferenzraums mit Glaswänden. Was könnte absurder sein als der Versuch, sich zweieinhalb Monate lang in einem Raum mit durchsichtigen Wänden zu verstecken? Ich beschreibe diese Zeit in dem Roman The Mining Boys.

Von Zeit zu Zeit kamen Angestellte in das Büro. Ich versuchte, die Kommunikation mit ihnen auf ein Minimum zu beschränken, um Ärger zu vermeiden. Ich traute niemandem, schon gar nicht denen, die sich mein Vertrauen erschleichen wollten. Zweieinhalb Monate lang haben wir uns in einem Putzeimer gewaschen und mit Servietten abgetrocknet. Zweieinhalb verdammte Monate! Und das alles nur, weil wir uns in unserem eigenen Land vor der russischen Armee und ukrainischen Soldaten versteckten. Wir kämpften gegen Anfälle von Paranoia an. Doch Paranoia verfolgt mich bis heute.

In der Westukraine, die als Vorbild für jeden echten Ukrainer verkauft wird, hat sich eine unglaubliche Situation auf dem Wohnungsmarkt entwickelt. Während viele Menschen in Europa Geflüchtete aus der Ukraine kostenlos bei sich aufgenommen haben, kletterten die Mieten in Lwiw auf das Niveau von Paris. Die von den städtischen Behörden organisierten kostenlosen Unterkünfte wurden vom Militär kontrolliert, das dort Männer einzog und in den Tod schickte. Was für eine erhebende Zeit.

In Lwiw machten Polizei und Militär Jagd auf junge Männer. Sie hatten es besonders auf die abgesehen, die aus anderen Regionen nach Lwiw gekommen waren. Vor allem Russischsprachige waren ihnen ein Dorn im Auge, denn die waren für sie der Auslöser des Krieges. Das erzählte mir ein junger Mann, der in das Büro kam. Ich hatte Angst, dass einer der Angestellten uns bei der Polizei anzeigen könnte, nur weil ihm mein Akzent oder meine sexuelle Orientierung nicht gefällt. Und im Fernsehen war immer noch von der nationalen Einheit und dem bevorstehenden Sieg die Rede.

In manchen Geschäften wurde ich wegen meines russischen Akzents nicht bedient. Noch nie war ich so angespannt wie während dieser zweieinhalb Monate. Der Gipfelpunkt war dann der 9. Mai, an dem in unseren Ländern das Ende des Zweiten Weltkriegs gefeiert wird. Es gab Gerüchte, dass Russland an diesem Tag eine Atombombe auf Kyjiw abwerfen würde. Wir hatten derart genug von der angespannten Situation in der Westukraine, dass wir uns am 9. Mai in das mutmaßliche Epizentrum des drohenden Atomkriegs begaben, nur um nicht mehr die ukrainische Sprache zu hören, um nicht mehr beschuldigt zu werden, einen Akzent zu haben, um nicht mehr für den Ausbruch des Krieges verantwortlich gemacht zu werden, und so weiter.

Während die offizielle Rhetorik das positive Bild eines für die Freiheit kämpfenden Landes zeichnet, das kurz vor dem Sieg über ein zerfallendes Imperium steht, werden wir in Wirklichkeit Zeuge einer schmerzlichen Zunahme von diskriminierenden Praktiken, der Straffreiheit autoritärer Strukturen und einer Ohnmacht der einfachen Menschen. In einer solchen Zeit sollten Schriftsteller:innen auf der Seite des gesunden Menschenverstands stehen. Aber was passiert stattdessen?

Das zum Beispiel: Der bekannteste ukrainische Schriftsteller, Serhij Zhadan, veröffentlicht ein Musikvideo, in dem sich ein paar Sekunden lang zwei junge Frauen küssen. Ein Teil des Videos spielt in einer Kirche. Die ukrainische Gesellschaft ist empört darüber, dass sich in einem Video, in dem auch eine Kirche zu sehen ist, zwei Lesben küssen. Der Priester, der die Dreharbeiten genehmigt hatte, wird vom Dienst in der Kirche suspendiert. Der Schriftsteller selbst sagt nichts Substanzielles zu der Angelegenheit und entfernt das Video gehorsam von YouTube. In einem Interview spricht er nur darüber, wie unpassend russischsprachige Schriftsteller:innen in der Ukraine aktuell seien. Und das seien sie schon vorher gewesen. Kampflos fügt er sich, er schweigt zu den wichtigen Fragen. Alles, was er sagt, passt sich in die offizielle Rhetorik ein: Russland ist der Aggressor, die Ukraine das heldenhafte Opfer. Ein Schriftsteller erlangt Bedeutung durch die Worte, die er schreibt; umgekehrt lässt ihn nicht nur ein unglückliches Wort, sondern auch das, was er zur gebotenen Zeit nicht sagt, jämmerlich erscheinen.

Ich glaube nicht an den Sieg der Ukraine, denn im Moment werden dort die Interessen der russischsprachigen Bevölkerung, die keine Minderheit ist, unterdrückt. Genauso wie vorher die Interessen der ukrainischsprachigen Bevölkerung. Ich glaube nicht an den Sieg der Ukraine, weil ukrainische Soldat:innen ihre Uniformen selbst kaufen müssen, während es auf höchster Ebene Korruptionsskandale gibt. Ich glaube nicht an ihn, weil ich kaum Unterschiede zwischen der ukrainischen und der russischen Propaganda sehe. Beide zielen darauf, zu täuschen, Begriffe zu vertauschen und Freiheiten zu unterdrücken.

Dem Staat geht es nur ums Überleben, koste es, was es wolle. Das rechtfertigt er mit allen Mitteln. Leidtragende sind wie immer die einfachen Menschen. Aber jetzt wird ihnen das Maul gestopft, weil es unpatriotisch ist, eine andere Meinung als die offizielle zu vertreten. In Odessa wurde ein Mann vom Militär gewaltsam abgeführt und zur regionalen Einberufungsbehörde gebracht. Die räumte später die „übermäßige Emotionalität“ ihrer Männer ein. So haben sie es genannt – „übermäßige Emotionalität“! Dagegen darf man nichts sagen, denn das wäre unpatriotisch. In genau einer solchen Situation bin ich froh, schwul zu sein – es gibt mir Freiheit.

Die lodernde Flamme der Zwangsmobilisierung

„Was nützt Höflichkeit, wenn sie höflich um Unsinn bitten?“ – Aus The Mining Boys

Sein Leben für einen anderen zu geben, ist ein sehr ehrenhafter Impuls. Aber wenn jemand in einem Büro sitzt und einen Plan ausarbeitet, wie man sein Leben hinzugeben hat, ist das ein Verbrechen, und der Inhaber dieses Büros folglich ein Verbrecher. Aber aus irgendwelchen Gründen wurde nicht er zum Verbrecher erklärt, sondern ich.

Im Fernsehen machen sie mir Angst damit, dass sie mir die Staatsbürgerschaft entziehen werden. In den sozialen Medien zeigen sie Videos von verängstigten Männern, die sich vor der Kamera dafür entschuldigen, dass sie es gewagt haben etwas zu sagen, das der offiziellen Rhetorik widerspricht. Gefängnis oder Krieg – ich bin angewidert, dass ich überhaupt vor eine solche Alternative gestellt werde. Zum Glück hat mich Nietzsche gelehrt, aus zwei Möglichkeiten eine dritte zu wählen. Deshalb erzähle ich Ihnen jetzt eine Geschichte, die Sie nicht glauben werden wollen.

Auf der einen Seite heißt es, die Ukraine sei eine Nation von Helden, auf der anderen, dass alle Russ:innen schlecht seien, weil sie sich nicht des Regimes entledigen. So wird die russische Kultur ausgelöscht und es entsteht eine reaktionäre ukrainische Kultur. Der US-Kongress unterstützt die Ukraine. Europäische Staaten unterstützen die Ukraine. Kultur und Politik eines Landes sind jedoch oft gegensätzlich. Russische Schriftsteller:innen haben gekonnt und scharfsinnig über ihr Land geschrieben und es kritisiert; kein ukrainischer Schriftsteller hat etwas Vergleichbares geschafft.

Die Abschaffung der Kultur in der Ukraine ging reibungslos vonstatten. Offenbar bedeutete Kultur den meisten Menschen in der Ukraine nicht viel. Wer von 212 Dollar leben muss, kümmert sich eher ums Überleben als um die Probleme, die ein Fjodor Dostojewski oder Leonid Andrejew beschreiben. Ohne Kultur aber gibt es keine Menschenwürde, keine Werte, die zu verteidigen sich lohnt. Ohne Kultur gibt es keine Bedeutungen, die es zu bewahren gilt. Ohne Kultur kann ein Mensch leicht in den Krieg getrieben werden. Dann fällt es leicht, Freund und Feind zu definieren; es fällt leicht, ein Land entlang von Sprachen zu spalten, Konflikte in ihm zu schüren und geschwächte Gruppen zu regieren.

Es widert mich an, dass der Krieg meine Kreativität beeinträchtigt hat. Ich würde jeder erotischen Szene einen höheren Wert beimessen als dem Thema Krieg, denn der Krieg entspringt dem Tod, noch die jämmerlichste erotische Szene dagegen der Liebe. Aber gleichzeitig kann ich nicht auf das Schreiben verzichten. Ich kann es nicht, denn ich will Einspruch erheben, damit nicht immer weitere Verbrechen geschehen, In Europa habe ich als Geflüchteter Schutz vor der russischen Aggression erhalten, aber kaum jemand nimmt zur Kenntnis, dass ich hier auch vor der Ukraine Schutz suche.

Mein ganzes Leben lang bin ich von Anarchist:innen umgeben gewesen: Rockmusik und alternative Literatur gefallen mir, Gegenkultur zieht mich an. Ich verstehe mich nicht als Anarchisten, aber vielen Prinzipien des Anarchismus fühle ich mich verbunden, genauso wie manchen religiösen Prinzipien, ohne dass ich ein religiöser Mensch wäre. Das alles gehört in den Bereich der Kunst, der Literatur. Ich entwerfe in meinen Büchern ein Territorium der Freiheit, und wie man diese Freiheit später nennen wird, ist mir egal.

Aber als jemand, der seit Langem mit Anarchist:innen zu tun hatte, habe ich mich blauäugig verhalten. Ich hatte geflissentlich vergessen, dass der Staat ein Ausbeuter ist, und jeder einzelne Mensch für ihn entbehrlich. Hätte ich das nicht vergessen, wäre ich kaum überrascht gewesen, dass die Ukraine mich von einem Menschen zu einer Mobilisierungsreserve umdefiniert hat.

Zu Beginn des Krieges hatte ich erwartet, dass mein Staat mich beschützen würde, aber er stellte eine Forderung: Gib dich dem Krieg hin, mir zu Ehren. Lass deinen blassen Körper von Kugeln durchsieben. Lerne unsere Parolen und vergiss deine Prinzipien. Während der gesamten Zeit, die ich in der militarisierten Ukraine verbracht habe, gab es für Frauen und Kinder nur einen Feind: die russischen Raketen. Für mich gab es zwei: die russischen Raketen und die ukrainische Polizei, die mich in die Nähe der russischen Raketen bringen wollte. In meinem eigenen Land saß ich, wie viele andere auch, in der Falle. Ich durfte diesen Ort, der für mich ein gefährlicher war, nicht verlassen. Warum die militärische Zwangsmobilisierung nicht genauso als eine schändliche Tatsache der Vergangenheit ist, so wie es für die Verbrennung der Hexerei verdächtiger Frauen auf dem Scheiterhaufen gilt, will mir nicht in den Kopf.

Landesgrenzen, Kultur und Individuum – alles verrottet

„Obdachlos. Eine Granate. Soll ich sie aus Mitleid töten oder sie bemitleiden, um gleichgültig gegenüber ihnen zu bleiben… Wie ich über all das denke, gefällt mir gar nicht. Und ich denke darüber nach aufgrund des Krieges. Wenn ich mir vorstelle, was die Rückkehrer von der Front denken werden, bekomme ich es mit der Angst zu tun.“ – Aus Holes in the Shape of Humans

Im Internet stößt man auf allerhand Diskussionen über die Grenzen und wo sie eigentlich gezogen werden sollten. Sollte die Ostukraine zu Russland und Lwiw zu Polen gehören? Auch Ungarn könnte einige Gebiete für sich beanspruchen, etwa Uschhorod, wo viele ethnische Ungar:innen leben, deren Sprache ebenso ausgelöscht wurde wie die russische. Die Ukraine des Nazismus zu beschuldigen, bedeutet für viele Menschen im Land, sich auf die Seite Russlands zu stellen. Aber kehrt die Ukraine nicht selbst ihre negative Seite hervor, indem sie ethnische Gruppen auf ihrem Staatsgebiet unterdrückt?

Was die Frage der Grenzziehung betrifft, habe ich eine Lösung. Ockhams Rasiermesser, das alles Unnötige abschneidet. Meine Lösung für das Grenzproblem lautet folgendermaßen: Krieg schweißt Menschen zusammen, aber die Akzeptanz der historischen Schande wird eine wirkliche Grenze innerhalb jedes Landes schaffen. In der ukrainischen Rhetorik findet man zum Beispiel den Gedanken der kollektiven Verantwortung: Der durchschnittliche Ukrainer ist der Meinung, jeder Russe sei mitschuldig am Krieg. Aber versuchen wir einmal, das Prinzip der kollektiven Verantwortung auf die Ukraine anzuwenden. Es ist kein Geheimnis, dass das Massaker in Wolhynien2 die Menschen in Polen berührt. Wenn es eine kollektive Verantwortung gibt, dann sollte jeder Ukrainer anerkennen, dass er selbst an diesem Massaker Schuld trägt, so wie jeder Russe am derzeitigen Krieg. Dort, wo diese Schuld nicht anerkannt wird, wird die wirkliche Grenze der Ukraine verlaufen, denn das Massaker in Wolhynien wurde von Ukrainern begangen, die die staatliche Propaganda heute als ein Vorbild für die Bevölkerung im Osten des Landes hinstellt.

Die Frage der Grenzen interessiert mich nicht sonderlich, genauso wenig wie die der Nationalität. Auf dem Grabstein des russischen Dichters Welimir Chlebnikow steht geschrieben: „Vorsitzender der Erde“. Ein spöttischer Titel, aber es steckt mehr Vernunft darin, als es auf den ersten Blick scheint. Im Ausland zu leben, bereitet mir kein Unbehagen, denn der kulturelle Raum ist heute ein gemeinsamer. Ich lese immer noch Dostojewski und Thomas Mann, den Marquis de Sade und Kōbō Abe. Die russische Literatur wird immer noch in den Buchläden Europas verkauft, weil sie einen bedeutenden Beitrag zur Weltkultur geleistet hat.

In den letzten anderthalb Jahren habe ich den Roman The Mining Boys und eine Sammlung von Erzählungen mit dem Titel Holes in the Shape of Humans geschrieben. Beide Bücher handeln von Kampf, Hass, Sex, Freiheit und Unterwerfung. Sie tauchen in das Reich der Verbrechen ein und schildern, wie ein ganzes Land zu dem wird, was es bekämpft.

Offen gestanden bin ich ziemlich pessimistisch, denn was in Russland wie auch in der Ukraine passiert, scheint mir durchweg von propagandistischen Vorwänden getrieben, nicht von einem Bemühen um Frieden und Gerechtigkeit. In Europa wiederum stoße ich immer wieder auf eine zynische Neugierde:

„Warum bist du nicht in den Krieg gezogen?“

„Würdest du es tun?“

Schon die Frage erscheint mir ungeheuerlich, denn im Grunde möchte man von mir wissen, warum ich nicht sterben wollte. Eines Tages beschloss ich, Statistiken zu suchen, um der Dreistigkeit solcher Fragen besser begegnen zu können.

Wie viele Prozent der Soldaten sterben im Kampfeinsatz? Diese Frage stellte ich ChatGPT. Die künstliche Intelligenz antwortete mir: „Es ist unmöglich, einen definitiven Prozentsatz anzugeben, da dieser von zahlreichen Faktoren abhängt.“ Also präzisierte ich, dass es mir um die Todesstatistik für den Krieg zwischen Russland und der Ukraine geht. ChatGPT antwortete: „Zum Zeitpunkt des Endes meiner Daten im Januar 2022 befindet sich die Ukraine nicht im aktiven Krieg, und ich kann keine aktuellen Statistiken liefern.“

Über einen Krieg in der Ukraine war ChatGPT nichts bekannt. Wie hinters Licht geführte Eltern, die keine Ahnung haben, dass ihr Kind gerade die Schule schwänzt, denkt ChatGPT, es sei alles in Ordnung in der Ukraine – keine Angriffe, keine Toten, nichts ist geschehen. Und ich, ich existiere nicht, solange ich nicht das Wort ergreife. Bis meine Geschichte veröffentlicht wird. Und wenn es auf diese Geschichte keine Reaktionen gibt, bedeutet das, dass die Verbrechen zunehmen dürfen. Und sie nehmen zu. Währenddessen steht alle Welt Schlange für den morgendlichen Cafè latte mit Kokosmilch und bekommt von all dem nichts mit.

Der Text wurde von Peter Brandt aus dem Englischen übersetzt und von der Redaktion geringfügig gekürzt. Leider konnten wir darüber weder mit dem Autor noch mit dem Übersetzer Rücksprache halten, da alle Versuche, sie zu kontaktieren, fehlschlugen. Das englische Original findet sich hier. Brandt, dem wir hiermit für seine Übersetzung noch einmal danken möchten, stellte ihr folgende Bemerkung voran: „Es ist nun etwa ein dreiviertel Jahr her, dass Ilja mich kontaktiert und um Hilfe bei der deutschsprachigen Veröffentlichung seines Essays gebeten hat. Für mich war von Anfang an klar, dass ich auf diese Bitte eingehen will. Denn Iljas Essay ist nicht nur ein spannend geschriebener, persönlicher Einblick in die Realität des Kriegs in der Ukraine, sondern fügt den hier in Deutschland geführten Debatten um diesen Krieg einen noch immer unterrepräsentierten Aspekt hinzu. Mit großem Bedauern muss ich feststellen, dass sich heute, im Spätsommer 2024, also ein gutes Jahr nach der ursprünglichen Veröffentlichung von Iljas Text, weder die Lage an der Front in der Ukraine noch die Lage im ukrainischen Hinterland, die Ilja so eindrücklich beschreibt, signifikant verändert haben. Noch immer sterben jeden Tag Soldat:innen an der Front, noch immer werden neue Rekruten dazu gezwungen, ihre Reihen aufzufüllen. Ich hoffe, dass dieser Beitrag dabei hilft, die Komplexität der Situation besser zu verstehen. Mein Dank gilt Ilja für seine persönlichen Einblicke und seine Geduld, genauso wie den Genoss:innen von communaut.org dafür, dass sie diesem wichtigen Text eine Plattform bieten.“

  • 1. Anm. d. Red.: So weit wir im Bilde sind, ist der Roman The Mining Boys noch nicht veröffentlicht, dasselbe gilt für den Band mit Erzählungen Holes in the Shape Humans.
  • 2. Anm. d. Red.: Gemeint sind damit „Massaker an der polnischen Bevölkerungsgruppe in den ehemaligen polnischen Ostgebieten durch die Ukrainische Aufständische Armee (UPA) während des Zweiten Weltkrieges bezeichnet.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_in_Wolhynien_und_Ostgalizien)

Erstveröffentlicht auf dem Portal communaut
https://communaut.org/de/wie-ich-ein-verraeter-wurde

Wir danken für das Publikationsrecht.

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