Von Hans-Peter Waldrich
Bei jedem neuen Nah-Ost-Konflikt stellt sich in Deutschland die Antisemitismus-Frage. Ja, es gibt Antisemitismus, und er ist zu verurteilen. Das ist klar. Doch was darf an Israel kritisiert werden, ohne dass man zum Antisemiten wird?
Die Bezeichnung selbst ist ein verbaler Totschläger! An wem sie hängenbleibt, der ist gecancelt. Fast tabu scheint auch zu sein, auf israelische Kriegsverbrechen hinzuweisen.[i]
Das Problem dabei: Heftige Israelkritik kommt auch von der UNO. Schon der nach dem Gaza-Krieg 2008/2009 vom UN-Menschenrechtsrat initiierte so genannte Goldstone-Report war hier ein Signal.[ii] Er hatte gezeigt, wie sich Israel damals um das humanitäre Völkerrecht nicht allzu sehr scherte und in Gaza eine Kollektivbestrafung durchgeführte. Zur Zeit gerät der Generalsekretär der UNO António Guterres unter Druck, weil auch er Israel anmahnt, sich zurückzuhalten.[iii] Ist auch Guterres ein Antisemit?
Jüdischer Selbsthass
Aber Vorsicht: Zum „Antisemiten“ kann man auch dann werden, wenn man selbst Jude ist und Israel als seine Heimat betrachtet. Man spricht dann von jüdischem Selbsthass. Andererseits macht die Tatsache, dass es so viel jüdische Selbsthasser gibt, doch ein wenig stutzig. Stutzig macht auch, wenn man erlebt hat, wie in Israel angebliche Juden bei dieser Bezeichnung abwinken und mit Palästinensern politisch kooperieren. Ein solcher prominenter jüdischer „Selbsthasser“ ist Shlomo Sand, seines Zeichens emeritierter Geschichtsprofessor an der Universität Tel Aviv. In zwei umfangreichen Studien versuchte er zu zeigen, dass Juden keineswegs auf eine gemeinsame Vergangenheit im Nahen Osten zurückblicken oder gar gemeinsame genetische Merkmale aufweisen.[iv]
International entbrannte über seine Thesen eine heftige Debatte. Dazu schrieb Sand in der New York Times:
„Bis heute ist es keiner Studie, die auf anonymen DNA-Proben basiert, gelungen, einen genetischen Marker zu identifizieren, der spezifisch für Juden ist, und es ist unwahrscheinlich, dass dies jemals einer Studie gelingen wird. Es ist eine bittere Ironie, wenn man sieht, wie sich die Nachkommen von Holocaust-Überlebenden auf die Suche nach einer biologischen jüdischen Identität machen: Hitler hätte sich sicher sehr gefreut! Und es ist umso abstoßender, dass diese Art von Forschung in einem Staat betrieben wird, der seit Jahren eine erklärte Politik der ‚Judaisieren des Landes‘ betreibt, in der es auch heute noch einem Juden nicht erlaubt ist, einen Nichtjuden zu heiraten.“[v]
Jüdisches Feeling
Zur Zeit kann ein interessantes Arte-Video auf YouTube abgerufen werden: Wie geht es eigentlich, jüdisch zu sein?[vi] Ein Gruppe junger jüdischer Deutscher reist für ein paar Wochen nach Israel, um dort zu lernen, wie man sich „jüdisch“ fühlt. Ihre Probleme mit dieser Identität sind offensichtlich. Besteht jüdisch zu sein in einer religiösen Überzeugung? Geht es um die angeblich gemeinsame Herkunft in Palästina oder um eine spezifische Tradition? Oder nur um ein spezielles Feeling, das auch einen Atheisten dann überkommen kann, wenn er in Jerusalem vor der Klagemauer steht? Aber wie kommt es, dass sich Juden oft so überhaupt nicht ähnlichsehen, sehr dunkelhäutig sein können oder blond mit Sommersprossen?
Israel hat festgelegt, wie die fragliche Identität zustande kommt. Man ist Jude, sofern man von einer jüdischen Mutter abstammt oder zur jüdischen Religion konvertiert ist. Letzteres ist allerdings nur nach einer eingehenden Schulung möglich und hat auch Konsequenzen für die Lebensführung. Männer müssen sich beschneiden lassen.[vii] Jude zu sein hat also so gesehen entweder etwas mit Biologie zu tun oder mit Religion. Dass das Merkmal Religion in Israel immer mehr an Bedeutung gewinnt, dokumentiert gerade die gegenwärtige israelische Regierung, in der Ultraorthodoxe hochgradig den Kurs bestimmen. Vor allem viele der Siedler im Westjordanland haben eine ausgesprochen fundamentalistische Sicht auf das Thema Religion. Deckt sich Jüdischsein vielleicht mit einer radikalen Auslegung heiliger Schriften?
Klar, dass ein säkularer Atheist wie Shlomo Sand da Schwierigkeiten bekommt. Sand gehört zu jenen weltweit zahllosen „Juden“, die sich entweder zu jener Kultur bekennen, in der sie jeweils verwurzelt sind, oder die individuell ihrer eigenen Wege gehen. Was an Albert Einstein oder Sigmund Freud war auffallend jüdisch? Kam schon jemand auf die Idee, Woody Allens Filme als spezifisch jüdisch zu interpretieren? War Leo Trotzkis Opposition gegen Stalin eine irgendwie jüdische Angelegenheit? Nein, dieses säkulare oder intellektuelle Judentum verfügt über keine identische Kultur oder Tradition, sagt Shlomo Sand. Und da es auch keine gemeinsame Religion hat und keine gemeinsamen Gene und weltweit gesehen auch keine gemeinsame Sprache – ja, was bleibt dann noch?
Nicht Jude, sondern Mensch
Gibt es vielleicht überhaupt keine jüdische Identität? Shlomo Sand ist dieser Ansicht. Existiert aber keine jüdische Identität, dann gibt es auch keinen begründbaren Antisemitismus. Antisemitismus wäre nichts weiter als die wahnhafte Obsession, man müsse eine Menschengruppe bekämpfen, die man sich selbst ausgedacht hat. Aber wo ist diese Gruppe? An welchem Ort? Genau an diesem Punkt wird es ernst. Sind Juden einfach Menschen ohne sich substantiell zu unterscheiden, dann sind sie nirgends und zugleich überall. Wo sie auch immer sein mögen und wer auch immer mit der Bezeichnung „Jude“ gemeint sein mag – es kommt ihnen die gleiche Menschenwürde zu wie allen, und zu diskriminieren gibt es nichts. Die jüdische Identität wäre nichts anderes als ein im Lauf der Geschichte entstandenes Konstrukt, eine kollektive Erfindung. Je entschiedener Menschen darauf bestehen, Juden zu sein und je biologistischer sie das begründen, desto mehr liefern sie dem Antisemitismus Munition. „Judentum“ wie auch Antisemitismus wären aus dem gleichen Holz geschnitzt: dem Holz menschlicher Vorurteile und Kopfgeburten.
Da es Sand tatsächlich so sieht, war es naheliegend, dass er sich seines Jüdischseins entledigte. Natürlich betraf das nicht seine Heimatgefühle, denn in Israel ist er verwurzelt, dort wuchs er auf. Was er dagegen ablehnt, das ist die zunehmend rassistische Interpretation des „jüdischen“ Staatswesens. Das ist nun etwas, das ein Deutscher über Israel nicht öffentlich äußern dürfte, ohne sofort den Stempel „Antisemit“ aufgedrückt zu bekommen. Für Shlomo Sand ist Israel aber nicht – wie man oft hört – die „einzige Demokratie im Nahen Osten“ –, aus seiner Sicht ist sie ist gar keine. Im Laufe der Zeit wurde ihm bewusst, „dass ich in einer der rassistischsten Gesellschaften der westlichen Welt lebe.“[viii] „Was aber bedeutet es nun wirklich, Jude zu sein im Staat Israel? Zweifellos bedeutet es vor allem, zu den privilegierten Bürgern zu gehören und gewisse Vorrechte zu genießen, die denjenigen verwehrt bleiben, die nicht als Juden gelten, insbesondere den Arabern.“[ix] Und: „Wie kann ein Mensch, der nicht religiös ist, sondern einfach Humanist, Demokrat oder Liberaler, und nur einen Funken Rechtschaffenheit besitzt, sich unter diesen Umständen weiterhin als Jude bezeichnen?“[x]
Israels Ethnokratie
Wenn es zutrifft, dass Israel den Rassismus pflegt und keine auf staatsbürgerlicher Gleichheit basierende Demokratie ist, was ist Israel dann? Wo Menschen mit bestimmten Merkmalen wie früher in Südafrika in gesonderten Arealen leben und unterschiedliche Rechte haben, spricht man von Apartheid. Werden angebliche Merkmale einer Ethnie bevorzugt und werden diese mit Herrschaftsvorrechten ausgestattet, könnte es sich, wie Sand es nennt, um eine „Ethnokratie“ handeln. Eigentlich immer entwickelt sich dabei eine Herrschaftsideologie, durch die die dominante Gruppe ihre Vorteilsnahme als irgendwie natürlich rechtfertigt. Wie Israel die Dominanz der „Juden“ begründet, haben wohl wenige so kundig auseinandergenommen wie Sand.
Wo Herrschaftsideologien entwickelt werden, greift man mit Vorliebe auf die Mythologie zurück. Die italienischen Faschisten sahen sich als Nachfolger der alten Römer, die Nazis liebten es, sich als arische Germanen zu betrachten. In Israel wird gerne suggeriert, das Anrecht auf Judäa und Samaria, auf das Westjordanland also, leite sich aus der Bibel her. Die Bibel wird dabei – wie Sand ausführlich zeigt – irrtümlich zu einem quasi-wissenschaftlichen Geschichtswerk von dokumentarischem Wert. Wird diese Begründung von Vorrechten aus einer fiktiven Tradition zudem mit einer biologischen Stammesidentität verbunden und möglicherweise – wie ausdrücklich oder unausdrücklich auch immer – von der Höherwertigkeit der eigenen Ethnie ausgegangen, bleiben die Folgen nur noch erschreckend. Die Extreme berühren sich nämlich. „Juden“ und Antisemiten haben im gleichen Boot Platz genommen. Die Sache wird sich erst dann erledigen, wenn beide aus diesem Boot wieder aussteigen.
Fußnoten
[i]Gaza-„Schwarzer Freitag“: Neueste Untersuchung deutet auf israelische Kriegsverbrechen in Rafah hin – Amnesty International
[ii]Microsoft Word – A HRC 12 48 FOR PROCESSING _250909_ cleared by CL, FM & GC.doc (ohchr.org)
[iii]Secretary-General’s remarks to the Security Council – on the Middle East | United Nations Secretary-General
[iv]Shlomo Sand, Die Erfindung des jüdischen Volkes. Israels Gründunsmythos auf dem Prüfstand, 4. Aufl. Berlin 1912 – Ders.: Die Erfindung des Landes Israel, Berlin 2014
[v]New York Times on Sand and Jewish Origins (archive.org) – Die Erfindung des jüdischen Volkes, S. 367ff.
[vi]Wie geht eigentlich jüdisch sein? | ARTE Re: – YouTube
[vii]Guide to Converting to Judaism in Israel – Itim
[viii]Shlomo Sand, Warum ich aufhöre, Jude zu sein. Ein israelischer Standpunkt, Berlin 2013, S. 149
[ix]Ebenda, S. 134
[x]Ebenda, S. 135
Erstveröffentlicht im overton Magzin
https://overton-magazin.de/hintergrund/politik/wie-man-aufhoert-jude-zu-sein-und-dem-antisemitismus-den-boden-entzieht/
Wir danken für das Publikationsrecht.