„Wie findest du den Krieg?“

Versuch einer Antwort auf die Frage eines Vierzehnjährigen

Von GABRIELE HELLER

Titelbild: Screenshot You Tube Video

Stell dir vor, du lebst in einem Land, das von einem Nachbarstaat angegriffen wird. Im Nachbarland herrschen Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Die Menschen leiden unter einer schlechten Politik. In solch einer Situation erscheint es richtig, das eigene Land zu verteidigen – für Freiheit, Recht und Demokratie.

Jeder Mensch hat nur dieses eine Leben. Wer als Soldat in den Krieg zieht, riskiert es – mit hoher Wahrscheinlichkeit. Deshalb stellt sich eine schwierige Frage: Sind die Gründe, dein Land zu verteidigen, so stark, dass du dafür sterben würdest? Sind die Gründe es wert, dass Du dabei umkommst?

Dein Leben steht auf dem Spiel

Ist es feige oder egoistisch zu sagen „Nein, diese Gründe reichen nicht, um als Soldat gegen Unbekannte zu kämpfen”? Egoismus bedeutet normalerweise, alles für sich behalten zu wollen und nichts abzugeben – etwa den eigenen Geschwistern. Das setzt aber voraus, dass man überhaupt etwas besitzt, das man teilen kann. Bei der Frage „Behalte ich mein Leben oder riskiere ich es mit hohem Risiko als Soldat” ist das nicht der Fall. Wenn du es verlierst, ist alles vorbei. Du kannst nichts mehr geben, nichts mehr erleben, nichts mehr sein. Oder erwartet man nur, „ein bisschen“ von seinem Leben zu opfern – einen Arm, ein Bein?

Der Wunsch zu leben, gesund zu bleiben und nicht zu sterben, ist kein Egoismus. Jeder Mensch hat ein Recht, sein Leben zu leben. Der Philosoph Immanuel Kant sagte: der Mensch darf niemals nur als ein Werkzeug benutzt werden. Jeder Mensch hat seinen eigenen wertvollen Wert, der geachtet werden muss.

Vom Menschen zur Waffe

Ein Soldat muss eine militärische Ausbildung durchlaufen. Für einen Soldaten zählt: Er muss die Handgriffe und Bewegungen für den Kampf sowie für den Einsatz der Waffe erlernen. All das muss wie im Schlaf sitzen. Der Soldat muss das Erlernte fast automatisch abrufen können. Zeit zum Nachdenken hat er im Ernstfall nicht. 

In der Schule lernen Kinder, Konflikte ohne Gewalt zu lösen – sie üben im Gespräch und Rollenspiel, einander zuzuhören, Rücksicht auf unterschiedliche Interessen zu nehmen und Streit fair beizulegen. Ein Soldat hingegen wird darauf vorbereitet, unbekannte Menschen auf der Gegenseite zu töten. Im zivilen Leben nennen wir das Mord.

Normalerweise fühlen wir mit, wenn wir Leid sehen. Wir erschrecken, wenn jemand verletzt ist. Der Soldat muss sich dagegen abstumpfen. Er muss wie eine gut funktionierende Killermaschine handeln. Er muss den anderen töten, bevor dieser ihn tötet. Einfühlung in andere sind dem Soldaten im Kampf hinderlich. Kurzes Zögern bringt ihn selbst in Gefahr. Wer lange im Krieg Soldat war, kann zwar am Ende des Krieges die Uniform für immer ablegen. Doch seine Erfahrungen wird er nie wieder los. Der Krieg hat ihn verändert. Er ist ein anderer Mensch geworden – das berichten nahezu alle, die einmal an einem Krieg teilgenommen haben.

Mut, Feigheit, Zufall

Feigheit bedeutet, vor Gefahren zurückzuschrecken, obwohl man sie überwinden könnte. Das Gegenteil von Feigheit heißt: „Habe den Mut, Dich den Schwierigkeiten zu stellen. Renne nicht gleich weg.” Wenn Du sagst: „Ich bin einverstanden, dass die Armee mich als ihren Soldaten einsetzt“, dann hat das weder mit Mut noch mit Feigheit zu tun. Ob man als Soldat überlebt oder stirbt, hängt nämlich nur zu einem kleinen Teil vom eigenen Handeln ab. Nur in Filmen wird so getan, als könne Superman mit außergewöhnlichen Fähigkeiten alle Gegner ausschalten. Im Krieg herrscht der Zufall.

Nun könnte jemand einwenden: „Du willst dein eigenes Land nicht verteidigen, erwartest aber, dass es andere tun?“ Das klingt nach einem Vorwurf. Doch die eigentliche Frage ist eine andere: Haben wir das Recht, von Menschen zu verlangen, ihr Leben zu opfern? Und: Machen sich alle Menschen bewusst, was auf dem Spiel steht? Wenn du tot bist, bist du tot – du hast nichts mehr vom möglichen Sieg. Ein Soldat trägt immer das Risiko, im Kampf zu sterben. Und in dem Inferno eines Atomkriegs gäbe es sowieso keine Kämpfe mehr – nur noch Tote, egal, ob Soldat oder Zivilist.

Gibt es Ausnahmen?

Seit der NS-Diktatur haben viele Länder Kriege damit begründet, dass sie einen neuen „Hitler“ verhindern wollen. Aber passiert so etwas wirklich so oft? Sind die kritisierten Machthaber wirklich vergleichbar – oder handelt es sich zwar um Verbrecher, aber nicht um Doppelgänger Adolf Hitlers? Und wer entscheidet das überhaupt? Deshalb ist die Frage schwer: Wann ist ein Krieg – trotz all des Leids – wirklich gerechtfertigt oder sogar notwendig?

Ein Blick in die neuere Geschichte zeigt immer wieder das Gleiche: Am Anfang heißt es, man kämpfe für das Richtige und Gute. Wer Krieg beginnt, macht alle glauben, dass das Recht auf der eigenen Seite und das Unrecht auf der Gegenseite steht. Das Problem ist: Die andere Seite denkt genau das Gleiche, nur umgekehrt. Am Ende richten Kriege viel mehr Schaden an, als man sich vorstellen konnte. Ein Krieg lässt sich kaum kontrollieren. Er wird schnell schlimmer und grausamer. Am Ende bleiben sehr viele Tote sowie Menschen zurück, die großen Schmerz und Verluste erleben, die man nicht mehr rückgängig machen kann. Auch die Natur und Städte werden schwer beschädigt. Es bleibt die traurige Frage: Hätte es nicht auch einen anderen Weg gegeben?

Das übersehene Dazwischen

Zwischen „nichts tun“ und „Krieg führen“ gibt es einen Möglichkeitsraum. Dieses Zwischenfeld wird zu wenig beachtet. Sobald immer mehr Waffen angesammelt werden, verengt sich das Denken in einfache Gegensätze von Gut und Böse, Freund und Feind. Wie sehr man selbst dazu beiträgt, dass sich Konflikte verschärfen, wird nicht bemerkt. Nach Alternativen, die nicht einfach aus der Dose kommen, sondern gemeinsam aufzubauen sind, wird erst gar nicht gefragt. Kurz vor Ausbruch von Gewalt ist es zumeist zu spät für einen Gegenvorschlag. Friedensarbeit muss früh beginnen.

Frieden nach vorne stellen

Mit welchem Recht verlangen Politiker von ihren Bürgern, ihr Leben aufs Spiel zu setzen? Es ist eine Forderung, die zu viel verlangt. Stattdessen sollte alles darangesetzt werden, Kriege von vornherein zu verhindern. Die wenigsten entscheiden sich durch einen militärischen Sieg; die meisten werden am Verhandlungstisch beendet. Der Weg zum Frieden ist dabei oft lang, denn Kriege entstehen nicht aus dem Nichts, sondern aus Konflikten, die sich über Jahre oder sogar Jahrzehnte zuspitzen. Deshalb muss heute und dauerhaft viel stärker in Prävention und zivile Konfliktlösung investiert werden. Erst wenn Friedensarbeit mit ähnlich großem Aufwand betrieben wird wie die militärische Aufrüstung, lässt sich ernsthaft beurteilen, ob sie wirksam oder nur naive Träumerei ist.

Angstspirale und Sicherheitsdilemma

Wenn Land A mehr Waffen kauft, fühlt sich Land B bedroht und rüstet ebenfalls auf. Um Land A zu überlisten, beginnt Land B heimlich, neue Waffen zu entwickeln, die besonders schnell fliegen können. Auch den Standort dieser Waffen versucht es zu verbergen. Land A wird nun immer misstrauischer und setzt alles daran, noch furchterregendere Raketen zu bauen. Sie sind besonders explosiv und können das Land B vollständig zerstören. Beide Seiten leben in Angst. Beide Seiten wollten ursprünglich nur ihre Sicherheit schützen. Einige Politiker behaupten, das Gleichgewicht der Abschreckung sichere den Frieden. Aber je schneller und gefährlicher die Waffen werden, desto größer wird der Druck, als Erster anzugreifen – oft als präventive „Verteidigung“ gerechtfertigt. Dadurch wächst die Anspannung. Und unter Stress passieren schneller Fehler. Während des Kalten Krieges gab es über 100 Missverständnisse, die beinahe zu einem katastrophalen Weltkrieg geführt hätten: Computerfehlmeldungen, menschliche Bedienungsfehler, Übungsmanöver, die als real gedeutet wurden und unschuldige Vögel, die unter den Radar gerieten und für einen Angriff der Sowjetunion gehalten wurden.

Ein neuer Anfang

Wer ausschließlich auf Aufrüstung setzt, erhöht Angst und Unsicherheit. Nur gegenseitige Kontrollen und Zusammenarbeit können Sicherheit schaffen und am Ende gar Frieden bringen – wie das Beispiel Deutschlands und Frankreichs zeigt.Die beiden Nachbarstaaten waren früher erbitterte Gegner. Sie nannten sich sogar „Erbfeinde“, weil sie glaubten ihre Feindschaft würde für immer weitergehen. Sie führten mehrere schlimme Kriege gegeneinander. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren beide Länder völlig erschöpft. Erst dann begannen sie umzudenken. Frankreich und Deutschland schlossen einen wichtigen Vertrag. Ihre Regierungen trafen sich mindestens zweimal im Jahr, um miteinander zu reden und ihre Politik besser abzustimmen. So wuchs nach und nach Vertrauen. Auch Jugendliche und Studierende kamen sich durch Austauschprogramme und Stipendien näher. Heute arbeiten beide Länder in der EU ganz selbstverständlich eng zusammen. Das hätte sich vor 80 Jahren noch niemand vorstellen können. Die gemeinsame Geschichte zeigt, dass aus Hass und Krieg in einer für ewig gehaltenen Todfeindschaft schließlich Frieden und Zusammenarbeit entstehen kann.

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Europas Mittelstreckenwaffen

In der Bundesrepublik werden nach Trumps Ankündigung, US-Soldaten abzuziehen und keine Tomahawks in Deutschland zu stationieren, Forderungen nach schneller Produktion eigener Mittelstreckenwaffen mit Reichweite bis Moskau laut.

Redaktion German Foreign Policy

WASHINGTON/BERLIN (Eigener Bericht) – Nach der Ankündigung von US-Präsident Donald Trump, keine Mittelstreckenwaffen in Deutschland zu stationieren, werden in Berlin Forderungen nach einer beschleunigten Entwicklung eigener Flugkörper mit einer Reichweite bis nach Moskau laut. Trump hatte Ende vergangener Woche erklärt, er werde 5.000 US-Soldaten aus Europa abziehen und von der lange geplanten Entsendung etwa von Tomahawk-Marschflugkörpern absehen. Der Schritt wird weithin als Strafmaßnahme gegen kritische Äußerungen von Bundeskanzler Friedrich Merz zum US-Krieg gegen Iran interpretiert. Über das Ausbleiben der Mittelstreckenwaffen heißt es in Berlin, sie verhindere im Kriegsfalle das Ausschalten russischer Kommandozentralen und reiße so eine schmerzliche Lücke in die Kriegsplanungen der Bundesrepublik und der anderen Staaten Europas. Daher müsse jetzt die Entwicklung eigener Mittelstreckenwaffen mit einer Reichweite von über 2.000 Kilometern schneller als geplant vorangetrieben werden. Kritik an Trumps Maßnahme wird aber auch unter US-Militärs laut. Sie weisen darauf hin, dass der Schritt die Infrastruktur der US-Streitkräfte für ihre globalen Kriege, etwa die Militärbasis Ramstein, schwächt.

US-Teilabzug geplant

Wie US-Präsident Donald Trump am Wochenende angekündigt hat, will er rund 5.000 US-Soldaten aus Deutschland abziehen. Insgesamt sind zur Zeit mehr als 36.000 US-Militärs in der Bundesrepublik stationiert; damit ist das Land der größte US-Militärstandort in Europa und der zweitgrößte weltweit nach Japan (55.000) und vor Südkorea (28.500). Insgesamt sind in Europa etwas mehr als 85.000 US-Soldaten präsent, davon mehr als 12.500 in Italien und gut 10.000 in Großbritannien. Im Dezember hat der Kongress in Washington gesetzlich festgelegt, dass die Zahl der dauerhaft in Europa stationierten US-Militärs 76.000 nicht länger als 45 Tage unterschreiten darf. Abweichungen davon müssen vom US-Kriegsminister und vom Oberkommandierendenden der US-Streitkräfte in Europa umfassend gegenüber dem US-Kongress begründet werden.[1] Beobachter vermuten nun, konkret sei der Abzug einer kompletten US-Kampfbrigade geplant, die US-Präsident Joe Biden in Reaktion auf Russlands Angriff auf die Ukraine zu rotierenden Manövern nach Deutschland entsandt hatte. Darüber hinaus will Trump die eigentlich noch für dieses Jahr vorgesehene Stationierung von US-Mittelstreckenwaffen, darunter Tomahawk-Marschflugkörper, in der Bundesrepublik ersatzlos absagen.

Neue Schwerpunkte

Trump stellt den Abzug einerseits als Strafmaßnahme dar, mit der er auf Äußerungen von Bundeskanzler Friedrich Merz zum Iran-Krieg reagiert. Merz hatte Anfang vergangener Woche geurteilt, die Trump-Administration sei „ganz offensichtlich ohne jede Strategie“ in den Krieg gezogen und verfolge „offensichtlich auch in den Verhandlungen keine wirklich überzeugende Strategie“. Jetzt werde „eine ganze Nation gedemütigt durch die iranische Staatsführung“.[2] Trump hatte daraufhin Merz verbal scharf attackiert; nun fügte er – neben der Ankündigung, die Zölle auf Autos aus Europa auf 25 Prozent anzuheben – die Mitteilung über die Truppenreduzierung hinzu. Andererseits hat Trump immer wieder nicht nur allgemein bekräftigt, die Zahl der US-Truppen in Europa reduzieren zu wollen. Er hat zudem im Oktober erste konkrete Maßnahmen bekanntgegeben; sie galten Rumänien. So wurde eine gleichfalls nach dem Beginn des Ukraine-Kriegs zu Kriegsübungen rotierend in das Land entsandte Kampfbrigade zum Jahresende abgezogen und dann nicht mehr durch eine andere Einheit ersetzt.[3] Man benötige US-Truppen jetzt schwerpunktmäßig andernorts, hieß es zur Begründung – insbesondere in Lateinamerika, das einen Schwerpunkt der neuen Nationalen Sicherheitsstrategie der USA bildet [4], und in der Asien-Pazifik-Region.

Teil der globalen US-Kriegslogistik

In den Vereinigten Staaten – und dort sogar unter Republikanern – wird erheblicher Unmut über die Entscheidung laut. So wiesen etwa die Vorsitzenden der Streitkräfteausschüsse des Senats sowie des Repräsentantenhauses, beide Republikaner, darauf hin, Deutschland habe den US-Streitkräften für den Iran-Krieg nicht nur Überflugrechte, sondern auch die völlig ungehinderte Nutzung der in Deutschland angesiedelten US-Militärbasen gewährt, darunter vor allem Ramstein.[5] Es nun zu bestrafen, sende ein riskantes Signal. Vor allem aber hieß es, insbesondere Ramstein, aber auch weitere US-Militäreinrichtungen in Deutschland, so etwa das Militärkrankenhaus Landstuhl, seien ein unverzichtbarer Teil der globalen US-Militärinfrastruktur; ohne sie könne man Kriege vor allem im Mittleren Osten nicht wie gehabt führen. Außerdem böten sie den US-Streitkräften bei Bedarf „eine alternative Route“ auf dem Weg in die Asien-Pazifik-Region. „Die US-Truppen in Deutschland und Europa“ seien „nicht dort, um die Deutschen zu schützen“, ließ sich Generalleutnant a.d. Ben Hodges zitieren, ein ehemaliger Oberkommandierender der US-Landstreitkräfte in Europa: Sie „sind für die USA dort, nicht für irgendjemanden sonst“.[6] Wer dort Truppen abziehe, schwäche also vor allem die Kriegslogistik der USA.

„Kommandozentralen ausschalten“

In Berlin löst vor allem Trumps Ankündigung Unruhe aus, die im Jahr 2024 vereinbarte Stationierung von US-Mittelstreckenwaffen in der Bundesrepublik abzusagen. Ursprünglich war die Stationierung solcher Waffen, darunter Tomahawk-Marschflugkörper, geplant worden, um Russland militärisch unter Druck zu setzen. Offiziell sollte es sich dabei um eine Übergangslösung für mehrere Jahre handeln, bis Deutschland sowie weitere Staaten Europas eigene Mittelstreckenwaffen mit der gewünschten Reichweite – bis Moskau – entwickelt hätten.[7] Nun fällt diese Übergangslösung mutmaßlich aus. Dies wiege recht schwer, urteilte am Wochenende Nico Lange, bis 2022 Leiter des Leitungsstabs im Verteidigungsministerium und heute für mehrere einflussreiche Denkfabriken tätig: Man habe gegen „Raketen aus Kaliningrad, die uns bedrohen“, eine „Gegenbedrohung“ gesucht; die habe man letztlich „aus Amerika bekommen“ wollen, bekomme sie „jetzt aber nicht“.[8] Die Mittelstreckenwaffen seien als „zentrale[s] Element“ der Aufrüstung gegen Russland eingestuft worden, mit dem es möglich geworden wäre, russische „Kommandozentralen auszuschalten“, wird Christian Mölling zitiert, Ex-Forschungsvizedirektor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), der aktuell die neue Denkfabrik Edina (European defence in a new age) aufbaut.[9] Würden sie nicht stationiert, befinde man sich „in einer ziemlich schwierigen Situation“.

Moskau in Schussweite

In Berlin wird nun die Forderung laut, das sogenannte ELSA-Projekt so stark wie möglich zu beschleunigen. ELSA (European Long-range Strike Approach) wurde im Juli 2024 am Rande des NATO-Jubiläumsgipfels in Washington von Deutschland, Frankreich, Italien und Polen initiiert. Im Rahmen des Projekts werden Entwicklung und Fertigung von Marschflugkörpern oder Hyperschallraketen mit einer Reichweite von mindestens 2.000 Kilometern angestrebt. Ziel war es, die erwähnten US-Mittelstreckenwaffen Anfang der 2030er Jahre mit eigenen Flugkörpern ablösen zu können.[10] Mitte Februar unterzeichneten die Verteidigungsminister der vier Gründerstaaten des Projekts, Großbritanniens und Schwedens eine Absichtserklärung zur weiteren Formalisierung des gemeinsamen Vorhabens.[11] Perspektivisch trägt es dazu bei, Deutschland und Europa militärisch von den Vereinigten Staaten unabhängig zu machen. Allerdings ist unklar, wie die Lücke gefüllt werden soll, die aufgrund des Ausbleibens der Stationierung der US-Mittelstreckenwaffen nun bis zur Fertigstellung der ersten europäischen Flugkörper entsteht. Berichten zufolge verhandelt Verteidigungsminister Boris Pistorius mit der Trump-Administration über eine Lieferung von US-Raketenwerfern des Typs Typhon, mit denen Tomahawk-Marschflugkörper abgefeuert werden können.[12] Damit bliebe allerdings die Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten bestehen.

[1] Connor O’Brien: Compromise defense bill stymies Trump on Europe troop withdrawals. politico.com 07.12.2025.

[2] Merz sieht weiter keine Exit-Strategie im Iran-Krieg. stern.de 27.04.2026.

[3] Michael R. Gordon: U.S. Reduces Troop Numbers in Romania, Signaling Shifting Priorities. wsj.com 29.10.2025.

[4] S. dazu Die Unterwerfung Lateinamerikas.

[5] Shelby Holliday, Michael R. Gordon, Vera Bergengruen: Trump Orders the Withdrawal of 5,000 U.S. Troops From Germany. wsj.com 02.05.2026.

[6] Bertrand Benoit, Daniel Michaels, Michael R. Gordon: Trump’s Threat to Pull Troops From Germany Risks Eroding U.S. Power Projection. wsj.com 30.04.2026.

[7] S. dazu Moskau in Schussweite.

[8] Keine „Tomahawk”-Stationierung – was das bedeuten würde. tagesschau.de 02.05.2026.

[9] „Die Amerikaner reduzieren damit ihre eigene Sicherheit“. zdfheute.de 02.05.2026.

[10] S. dazu Moskau in Schussweite.

[11] Martin Chomsky: Six European nations sign letter of intent to advance long-range strike and defence capabilities under ELSA programme. defence-industry.eu 13.02.2026.

[12] Laurent Lagneau: Les États-Unis annulent le déploiement de missiles à longue portée et d’armes hypersoniques en Allemagne. opex360.com 02.05.2026.


Erstveröffentlicht auf GFP v. 4.5. 2026
Europas Mittelstreckenraketen

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Von Istanbul bis Buenos Aires: Am 1. Mai weltweite Demonstrationen gegen Krieg, Krise und Kapitalismus

Redaktion PERSPEKTIVE ONLINE

Am Arbeiter:innenkampftag, dem 1. Mai, zogen auch international Millionen durch die Straßen. In hunderten Städten weltweit kam es zu Demonstrationen mit verschiedenen Schwerpunkten – gegen Krieg und Imperialismus, den Abbau von Arbeiter:innenrechten, schlechte Arbeitsbedingungen oder neoliberale Politik. Teilweise sahen sich die Protestierenden harten Repressionen ausgesetzt.

Titelbild flickr. „ufcw770, CC BY 4.0

Am 1. Mai, dem internationalen Kampftag der Arbeiter:innen, gab es nicht nur in zahlreichen Städten Deutschlands Demonstrationen gegen Krieg, Aufrüstung und Sozialabbau auf dem Rücken der Bevölkerung, sondern ebenfalls in hunderten Städten weltweit. Auch in der Türkei und Kurdistan sind Zehntausende auf die Straße gegangen. Im Mittelpunkt der Proteste standen u.a. deutliche Kritik an Kriegspolitik, wirtschaftlicher Krise und mangelnder Demokratie. Besonders große Demonstrationen fanden in Wan (türkisch: Van) und Istanbul statt.

In Wan folgten Tausende dem Aufruf der Gewerkschaften und anderer Organisationen. Unter dem Motto „Brot, Arbeit, Freiheit“ zog schon am Vorabend des 1. Mai ein Demonstrationszug durch die Stadt. In den Reden wurden vor allem die wirtschaftliche Notlage, Arbeitslosigkeit und Ausbeutung thematisiert. Gleichzeitig wurde die politische Situation kritisiert, darunter die Absetzung der gewählten Stadtverwaltung und deren Auswechslung durch staatliche Zwangsverwalter.

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In Istanbul kam es bei der jährlichen Demonstration zum 1. Mai zu brutalen Szenen, als Demonstrierende versuchten, den von der Polizei abgesperrten Taksim-Platz im Stadtzentrum zu erreichen. Dabei übte die Polizei massive Gewalt aus und ging mit Wasserwerfern und Tränengas gegen die Teilnehmenden der Demonstration vor. Im Verlauf des Tages wurden in der türkischen Metropole über 500 Protestierende festgenommen und zahlreiche bei Polizeieinsätzen verletzt. In den Stadtvierteln Kadıköy und Kartal dagegen durften 1.Mai-Feiern stattfinden, bei denen sich Menschen zahlreich zusammenfanden. Auch in vielen weiteren Städten wie Dersim, Batman, Urfa, Antep, Izmir und Ankara fanden Demonstrationen statt.

Gegen neoliberale Politik und bessere Arbeiter:innenrechte: 1. Mai in Argentinien und Peru

Ebenfalls in vielen Städten Lateinamerikas gingen Tausende auf die Straßen und wurden dabei von Gewerkschaften, NGO und linken Gruppen unterstützt. Dabei standen Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen sowie höheren Löhnen im Mittelpunkt. In einigen Ländern wie Argentinien oder Peru richteten sich die Proteste spezifisch gegen die neoliberale Politik der Regierungen.

In Buenos Aires versammelten sich tausende Protestierende, um sich lautstark gegen die geplante Arbeitsmarktreformen des ultrarechten Präsidenten Javier Milei zu stellen. Die Reform sieht unter anderem eine Einschränkung des Kündigungsschutzes sowie Beschneidungen des Streikrechts vor.

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Streik gegen Kriegs- und rassistische Einwanderungspolitik in den USA

In den USA haben sich am 1. Mai tausende Menschen an landesweiten Protesten und einem sogenannten „wirtschaftlichen Boykott“ beteiligt: Unter dem Motto „No school, no work, no shopping“ fanden rund 3.500 Aktionen statt – darunter Streiks, Demonstrationen und Blockaden in zahlreichen Städten.

Im Zentrum der Proteste standen Kritik an wirtschaftlicher Ungleichheit, Kapitalismus, Kriegspolitik und den Einwanderungsbehörden wie ICE. Besonders sichtbar waren Aktionen der Jugendbewegung Sunrise Movement, deren Aktivist:innen unter anderem die New Yorker Börse blockierten und in mehreren Städten Proteste organisierten, bei denen es auch zu Festnahmen kam. Weitere Aktionen richteten sich gegen Amazon, das Department of Homeland Security sowie gegen den Einfluss großer Tech- und Konzernchefs.

Auch Beschäftigte aus dem Bildungs- und Gesundheitswesen beteiligten sich mit Streiks und Demonstrationen. In mehreren Bundesstaaten kam es zu Schulschließungen und massiven Walkouts von Schüler:innen und Lehrkräften. Gewerkschaften und linke Organisationen betonten dabei, dass Arbeitskraft und Konsum als politische Machtmittel eingesetzt werden müssten, um wirtschaftliche und soziale Veränderungen zu erzwingen.

https://perspektive-online.net/2026/03/massenhafter-protest-gegen-ice/embed/#?secret=2s5Ss4CNCe#?secret=D86EaBlHSI

Die Proteste wurden von einem breiten Bündnis aus Gewerkschaften, Klimagruppen, migrantischen Organisationen und linken Bewegungen getragen. Ziel sei es laut Organisator:innen, langfristig die Voraussetzungen für einen Generalstreik in den USA zu schaffen.

Polizeigewalt in Manila und Tausende für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen indischer Arbeiter:innen

In der philippinischen Hauptstadt Manila kam es ebenfalls zu brutalen Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und den Teilnehmer:innen der „May-Day“-Proteste. Hier wurde neben besseren Arbeits- und Lebensbedingungen besonders für eine Ende des Kriegs der USA gegen den Iran demonstriert, da die philippinische Bevölkerung stark von den durch den Krieg ausgelösten hohen Ölpreisen betroffen ist. Dabei kam es in der Nähe der US-Botschaft zu größeren Auseinandersetzungen.

Bei den Demonstrationen am 1. Mai in Indien standen besonders die Lebensbedingungen der Tages- und Vertragsarbeiter:innen im Vordergrund: Diese sehen sich in vielen Fällen extrem unsicheren Arbeitsverhältnissen und schlechten Löhnen ausgesetzt. In der nordindischen Millionenstadt Srinagar war unter den Protestierenden eine große Anzahl an Frauen, die lautstark mehr Rechte und Sicherheiten für Arbeiterinnen forderten.

Generalstreik gegen Krisenmanagement auf dem Rücken griechischer Arbeiter:innen und Räumung von Prosfygika

In Griechenland wurde zum 1.Mai von vielen Gewerkschaften ein landesweiter Generalsstreik ausgerufen, der für 24 Stunden einen Großteil des Verkehrs lahmlegte.. In Athen riefen Gewerkschaftsgruppen wie ADEDY oder PAM zu Protesten auf, die sich gegen ein Krisenmanagement auf dem Rücken der Arbeiter:innen stellte. Neben der Forderung nach faireren Löhnen und besseren Tarifverträgen stellten sich die Teilnehmer:innen besonders gegen die Mietpolitik und die steigende Gentrifizierung in der griechischen Hauptstadt.

Im Mittelpunkt standen dabei u.a. die Auseinandersetzungen um das besetzte Viertels Prosfygikas, das bald geräumt werden soll. Prosfygika ist ein selbstverwaltetes Wohnviertel im Zentrum Athens mit rund 400 Bewohner:innen aus vielen Ländern. Die acht Wohnblöcke wurden in den 1930er Jahren für Geflüchtete aus Kleinasien gebaut und haben sich seit den 2000er Jahren durch Zuzug von Migrant:innen, Aktivist:innen und politischen Gruppen zu einem kollektiv organisierten Projekt entwickelt. Die Gemeinschaft reagiert mit Selbstorganisation, Solidaritätskampagnen und Widerstandsaktionen wie Hungerstreiks auf die Räumungsdrohung und versteht sich als Teil internationaler sozialer Kämpfe.

https://perspektive-online.net/2026/04/prosfygika-in-athen-ein-internationalistisches-wohnprojekt-im-visier-des-staates/embed/#?secret=0Ixx0VV4zc#?secret=4D7lStsi44

Die Gemeinschaft organisiert sich über wöchentliche Vollversammlungen und zahlreiche autonome Strukturen, die zentrale Bereiche des Alltags abdecken – darunter Versorgung, Bildung, Gesundheit und Kinderbetreuung. Ziel ist ein selbstbestimmtes, solidarisches Zusammenleben jenseits staatlicher und kapitalistischer Logiken.

Internationale Solidarität in Brüssel und Kritik an Abschaffung des 1. Mai als Feiertag in Paris

In Brüssel sind am 1. Mai tausende Menschen feministischer, ökologischer, kurdischer und internationaler Organisationen zu einer internationalen Demonstration durch die Innenstadt gezogen. Besonders auffällig war die starke kurdische Beteiligung, die dem Protest mit Fahnen, Slogans und politischen Parolen wie „Jin, Jiyan, Azadî“ ein deutliches Profil gab.

Die Demonstration verband soziale Forderungen mit klarer Kapitalismus- und Kriegskritik. In Reden und Erklärungen wurde das aktuelle globale System als Ursache von Ausbeutung, Ungleichheit und Krisen beschrieben. Ein Schwerpunkt lag auf der Situation in Kurdistan und Westasien.

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Auch in der französischen Hauptstadt Paris war der Protest abermals lautstark und kämpferisch. Ebenfalls unter dem Motto „Brot, Frieden und Freiheit“ hatten Gewerkschaften landesweit zu Demonstrationen aufgerufen, wobei sich tausende für die Rechte der Arbeiter:innen in Paris versammelten. Besonders im Fokus stand dabei zusätzlich die aktuelle Debatte in Frankreich, den 1.Mai als einzigen verpflichtenden und bezahlten Feiertag abzuschaffen. Gegen diese Reform stellten sich Gewerkschaften unter dem Motto „Don’t touch Mayday!“.

Erstveröffentlicht auf Perspektive online am 2.5. 2026
Von Istanbul bis Buenos Aires …

Wir danken für das Publikationsrecht.

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