Gewerkschaftliche Perspektiven, wissenschaftliche Expertisen

Zur sozial-ökologischen Transformation

Von Stephan Krull

Seit der UN-Klimakonferenz 1992 haben die CO2-Emissionen stark zugenommen. Warum ist das so – trotz Klimakonferenzen und globaler Proteste? Und wie können wir die Katastrophe abbremsen?

Für die globale Klimabewegung ist klar, dass ein Systemwechsel dringender wird.1 Wenn Kohle und Öl wegen ausgetrockneter Flüsse nicht mehr transportiert werden können, wenn Strompreise explodieren, weil die Kühlung der AKWs wegen zu wenig Wasser in französi­schen Flüssen unmöglich wird, ist das ein deutliches Zeichen der ökologischen, sozialen und ökonomischen Krise des Kapitalismus. Die Klimakatastrophe zeigt uns die Grenzen dieser Art zu wirtschaften. Wir sehen zugleich an der Renaissance von Atomstrom, der unterlasse­nen Energie- und Verkehrswende, der fehlenden Umverteilung des Reichtums, dass der groß- und kleinbürgerliche Widerstand gegen den Systemwechsel auf Hochtouren läuft.

Die Ursachen für die Klimakatastrophe werden oft nicht im kapitalistischen System gese­hen, sondern diffus »denen da oben« inklusive fremdenfeindlicher Vorurteile und antisemiti­scher Begründungsansätze vorgeworfen. Jedoch ist die Aufmerksamkeit auf die wichtige Fra­ge zu lenken: Woher kommt die Macht, die Dinge wirklich zu ändern? Dazu müssen wir be­schreiben, wie die sozial-ökologische Transformation konkret aussehen könnte.

Gewerkschaften, Arbeitgeber und Staat

In den Gewerkschaften gibt es unterschied­liche Interessen und Haltungen zwischen ­exportori­entierten Industriegewerkschaften und binnenmarktorientierten Dienstleistungsgewerkschaf­ten. Es gibt die Strömungen der Arbeiter:innenbewegung, die Dominanz von Betriebsräten durch das Betriebsverfassungsgesetz, durch die Verbetrieblichung von Tarifpolitik, durch Dif­ferenzierung der Arbeits- und Entgeltbedingen ­zwischen den Branchen und innerhalb der Branchen. Dennoch müssen Gewerkschaften mit ihrem gesellschaftsverändernden Anspruch den Übergang von Wachstumszwang und Maximalprofit in ein sozial und ökologisch nach­haltiges Entwicklungsmodell forcieren.2 Das kollidiert immer mit der Macht des Kapitals und häufig mit kurzfristigen Interessen der Mitglieder der Gewerkschaft.

Hans-Jürgen Urban aus der linken Gewerkschaftsströmung, Mitglied im geschäftsführen­den Vorstand der IG Metall, sagt dazu u.a.: »Deswegen sollten sich die Gewerkschaften über die Wahrung von Beschäftigungs-, Einkommens- und Sozialinteressen ihrer Mitglieder hinaus an der Konzipierung, Legitimierung und Realisierung des neuen Entwicklungsmodells beteili­gen. Das erfordert eine entsprechende Strategiebildung auf der Grundlage eines erweiterten politischen Mandats.«3

Es geht um den Widerspruch zwischen flüchtigen Gegenwartsinteressen und langfristigen Zukunftsinteressen der Menschen. Der Widerspruch spiegelt sich in Gewerkschaftsrollen in der Autoindustrie und der Energiewirtschaft, den Kernbereichen gewerkschaftlicher Organisa­tion. In der Regierungskommission »Nationale Plattform ­Mobilität« und in der Kohle- und Gaskommission wird der Widerspruch sichtbar: für die Einhaltung des Pariser Klimaabkom­mens und für den Erhalt möglichst aller Arbeitsplätze in der sich kapitalistisch wandelnden Industrie. Das scheint ein Grund für zurückhaltende Forderungen in der Tarifrunde, die den­noch auf erbitterten Widerstand der Arbeitgeber stoßen. Tarifverträge können die sozialen Verwerfungen nicht allein auflösen, dazu braucht es gewerkschaftliche Mobilisierung über Branchengrenzen hinweg. So ließe sich der rechten Mobilisierung von Wut, Hass und Aus­grenzung etwas Demokratisches und Internationalistisches entgegensetzen. Die Zusammen­führung von Friedens-, Umwelt-, Klima- und Sozialbewegung ist eine Hürde, die noch zu nehmen ist. Das Bündnis von Gewerkschaften, Umwelt- und Sozialverbänden sowie der evan­gelischen Kirche zur sozial-ökologischen Verkehrswende ist noch nicht praktisch geworden.4

Warum ist eine ähnliche Debatte vor gut 30 Jahren versandet? Im Magazin für die Ange­stellten (12/1990) der IG Metall wird über den Kongress mit dem Naturschutzring und das Programm »Auto, Umwelt und Verkehr – Umsteuern, bevor es zu spät ist« berichtet. Darin der damalige Vorsitzende Franz Steinkühler: »Die IG Metall hat nicht die 35-Stunden-Woche vereinbart, damit die Mitglieder 64 Stunden jährlich im Stau stehen. Die Schäden und Belas­tungen des Autoverkehrs für Mensch und Natur sind ­erheblich zu hoch.« Im Programm sind Vorschläge, die nichts von ihrer Aktualität eingebüßt haben: Tempolimit, Verringerung des Ausstoßes von Treibhausgasen, Demokratie in der Wirtschaft.5 Mit Ende der Systemkonkur­renz und der Eröffnung riesiger Märkte in Osteuropa, Indien und China, mit dem Erfolg des Neoliberalismus, mit der absoluten Marktorientierung geriet dieses Programm in Vergessen­heit – offensichtlich war es nicht tief in der Mitgliedschaft verankert. Nun schlägt der DGB vor, dem Betriebsrat bei »Maßnahmen, die geeignet sind, dem Umwelt- und Klimaschutz zu dienen«, ein Mitbestimmungsrecht einzuräumen.6 Es ­bedarf vor allem der Ermächtigung der Beschäftigten selbst, um den Widerspruch zwischen Profitinteressen und sozialen und ökolo­gischen Menschheitsinteressen zu lösen, um Druck aus den Betrieben aufzubauen, die Klima­bewegung zu unterstützen und so die soziale und ökologische Verkehrswende zu schaffen. Ein positives Beispiel ist die Zusammenarbeit von Fridays for Future und ver.di zum Tarifver­trag Nahverkehr.7

Realistisch und nachvollziehbar muss beschrieben werden, wie die sozial-ökologische Transformation umgesetzt werden kann, wie gutes Leben und gute Arbeit aussehen können. Die Mahnwache auf dem Wolfsburger Acker gegen die dort geplante Fabrik für Luxusautos beantwortet nicht die Frage, was aus der alten Fabrik und den 18.000 Beschäftigten in der Produktion wird, wenn Verbrennerautos in einigen Jahren auslaufen. Der Staat könnte mit sei­nem Einfluss bei VW die Subvention für den Bau von Autos einstellen und eine Fertigung für Schienenfahrzeuge ausloben. Dafür können die 40 Jahre alten Hallen 53 bis 55 und ihre Um­gebung demontiert und stattdessen Anlagen für den anderen Produktionszweck aufgebaut werden. Das kostet sicher nicht mehr als die für das VW-Projekt Trinity geplanten Mil­liar­den Euro. Für die Beschäftigten wäre das eine gute Perspektive im Fahrzeugbau – unter ähnlichen Arbeits- und Tarifbedingungen wie gegenwärtig.

Im Gesprächskreis der Rosa-Luxemburg-Stiftung zur Zukunft von Auto, Umwelt und Mo­bilität8 wurde die Idee entwickelt, das Verkehrswendebündnis durch regionale Transformati­onsräte unter Einbeziehung von Wissenschaftler:innen, Beschäftigten und ­ihren Interessenvertretungen, Umwelt-, Sozial- und Verkehrsverbänden mit Leben zu erfüllen – als Ergänzung zu den regionalen Transformationsnetzwerken aus dem »Zukunftsfond Auto«, in denen Industrie, kommunale Vertretungen und Gewerkschaften die Transformation zu Elek­troautos forcieren.9

Die Autoindustrie ist die exportstarke Schlüsselindustrie – mit ca. 800.000 Beschäftigten inklusive der Zulieferbetriebe, einem Umsatz von 500 Milliarden und einem Gewinn von 30 Milliarden Euro pro Jahr ­allein bei den »big three« (VW, Mercedes, BMW). Die Dominanz dieser Industrie ist historisch gewachsen, vorangetrieben durch die Nazis als Teil der Volks­gemeinschaftsideologie (Autobahnbau, »Volkswagen«) und als nachholende Modernisierung. Der gegenwärtige Hype um Elektroantriebe ist »Greenwashing«. Mit der Produktion von im­mer größeren und leistungsstärkeren Oberklasse- und Luxusautos werden die Treibhausgas­emissionen erhöht, die harte Konkurrenz ­einerseits und technische Kooperation andererseits (wie VW und Ford), der Verkauf von Opel an PSA sind Schritte in Richtung Oligopole: Such­bewegungen, um am Wachstums- und Profitmodell unter veränderten Bedingungen festzuhal­ten.

»Die moderne Staatsgewalt ist nur ein Ausschuss, der die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisklasse verwaltet«, – so beschreibt Marx im Kommunis­tischen Manifest den Staat als »ideellen Gesamtkapitalisten«. Was bedeutet das in der Krise bei rapide sinken­den Absätzen, in der Klimakatastrophe? Die Entwicklung der ­Autoindustrie wird massiv poli­tisch und finanziell vom Staat unterstützt und voran­getrieben. Man kann von einem Autostaat sprechen, wenn die direkten und indirekten Subventionen (ca. 30 Milliarden Euro pro Jahr) und die Regierungskommissionen betrachtet werden. Sichtbar wird der Autostaat an Wech­seln von der Autoindustrie in die Politik und umgekehrt (Drehtüreffekt), an den Gesprächen während der Koalitionsverhandlungen von Christian Lindner mit dem VW-Boss Oliver Blu­me, an den Reaktionen der Polizei (Präventivhaft und 30 Tage Knast ohne Urteil) auf die Kli­maaktivist:innen in München.10

Der Autostaat kümmert sich um die globale Sicherung knapper Ressourcen und deren Lo­gistik.11 Die Verteilungskämpfe um Ressourcen werden mit viel Geld und Gewalt ausgetra­gen. Im Zuge der weiteren Verknappung, die auch den Binnenmarkt betrifft (z.B. Energie­mangel), ist die Verteilung offen: Wer bekommt was und wer entscheidet darüber auf welcher Grundlage? Das schreit nach gesellschaftlicher Verfügung und demokratischer Planung, es korrespondiert mit der Satzung der IG Metall, in deren Paragraf 2 es heißt: »Erringung und Sicherung des Mitbestimmungsrechtes der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen im Betrieb und Unternehmen und im gesamtwirtschaftlichen Bereich durch Errichtung von Wirtschafts- und Sozialräten; Überführung von Schlüsselindu­strien und anderen markt- und wirtschaftsbe­herrschenden Unternehmungen in Gemeineigentum.«

Daraus ergeben sich erste Erkenntnisse, an denen weitergearbeitet werden muss:

  • Ohne sozial-ökologische Transformation gibt es keine Arbeitsplatzsicherung und die Gewerkschaften – und damit die gesamte linke Bewegung – werden verlieren.
  • Die Autokonzerne (VW, Daimler, BMW) erfüllen die Norm des Grundgesetzes nicht. Die Grundgesetzartikel 14 und 15 (Enteignung zum Zwecke der Vergesellschaftung) sind zur Anwendung zu bringen.
  • Es bedarf umfangreicher politischer und gewerkschaftlicher Bildung, um diese Prozes­se zu verstehen und aktiv zu begleiten.

Wissenschaftliche Expertise ist gefragt

Gewerkschaften, soziale Bewegungen und die Linke im weitesten Sinne brauchen solidari­sche Kritik und Anregungen von außen: Die sozial-ökologische Transformation und die Ver­kehrswende sind hochkomplexe Projekte, die geplant, vorbereitet und wissenschaftlich be­gleitet werden müssen. Auto­industrie, Bahn- und Busindustrie, Infrastrukturbau, unterschied­liche Zulieferer, unterschiedliche Eigentümer und Eigentumsformen (privat, staatlich, Kom­munen, Länder, Verkehrsverbünde) sowie Millionen Beschäftigte sind betroffen. Dringend nötig sind interdisziplinäre Kompetenzgruppen für regionale Struktur- und Industriepolitik, für die Beratung von und mit Transformationsräten.

Technisch geht es um Umrüstung der Produktion und der Fabriken – weg von zwei Tonnen Stahl und monströser Elektronik auf vier Rädern zwecks Transport einer Person von A nach B – hin zu bedarfsorientiertem öffentlichem Personen- und Güterverkehr auf Schienen, Wasser­wegen und Straßen. Kleine smarte Busse für ländliche Regionen, Streetscooter für die »letzte Meile«, Cargo-Bahnen für innerstädtische Transporte, massiver Ausbau des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs und die Vernetzung all dessen. Dazu wird der Rat von Ingenieur:innen be­nötigt.

Ökologisch geht es um die Verantwortung als Industrieland. Unser Land ist für zwei Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich bei nur einem Prozent der Weltbevölke­rung. Der Ausstoß von Treib­hausgasen muss schnell halbiert werden. Es geht um das Leben und Überleben von Millionen Menschen, um Gerechtigkeit, Gesundheit und Ernährungssi­cherheit. Neben Klima- und Agrarexpert:innen sind Techni­ker:innen, Stadt- und Landschafts­planer:innen gefragt.

Ökonomisch geht es um die Finanzierung der Verkehrswende. Es geht um die Frage, wie un­sere Wirtschaft nachhaltig funktioniert, ohne den Zwang Maximalprofite zu erwirtschaften und in wenigen Händen zu konzentrieren. Wir brauchen eine neue Ökonomie jenseits der neo­liberalen Betriebs- und Volkswirtschaftslehre.

Ethisch geht es um die Frage, ob wir so leben, arbeiten, produzieren und konsumieren wol­len. Sind gutes Leben in intakten Gemeinschaften und Zeitwohlstand für alle nicht erstrebens­werter als Arbeiten ohne Ende und Konsumzwang? Nicht nur Philo­soph:innen sind zur Suche nach Antworten eingeladen.

Juristisch geht es um die Eigentums- und Verfügungsfrage. Die Eigentümer der Autokonzer­ne leugnen ihre Verantwortung für die Klimakatastrophe, verhöhnen die Klimabewegung und blockieren die Verkehrswende. Ist das nicht ein Fall für die Anwendung der Artikel 14/15 un­seres Grundgesetzes? Müssen nicht zur Durchsetzung des Allgemeinwohls die Schlüsselin­dustrien zum Zwecke der Vergesellschaftung enteignet werden? Jurist:innen verschiedener Rechtsgebiete werden als Berater:innen benötigt.

Politisch geht es um das Primat der Politik gegenüber der Industrie. Es geht um die Rolle des Staates in dieser Transformation, um eine demokratische Industriepolitik:

Wo öffentliche Gelder fließen, müssen Wirtschaftsdemokratie, gute Arbeit und öffent­licher Einfluss gesichert werden. Politike­r:in­nen aller Ebenen und ihre wissenschaftlichen Berater:innen müssen ihre Möglichkeiten erweitern und die Transformationsräte unterstützen.

Sozial geht es schließlich und zusammenfassend um das Sozialstaatsgebot und die Verant­wortung für künftige Generationen (Ar­tikel 20 GG), um gute Arbeit und gutes Leben für alle. Es geht um die Zurückweisung der Zumutungen des radikalen Marktes. Dafür stehen Gewerk­schaften, die dazu die Expertise von Wissenschaftler:innen und solidarische Kritik von Um­welt-, Klima- und Sozialbewegungen benötigen.

Die Bedarfe im öffentlichen Verkehr sind riesig. Es werden Straßenbahnen, Busse und Züge benötigt – weit mehr, als Kapazitäten vorhanden sind. So, wie Arbeitsplätze in der Autoindus­trie abgebaut werden, können neue und gute Arbeitsplätze in der Schienenfahrzeugindustrie und in der Busproduktion aufgebaut werden.12 Gelegentlich ist als Ausrede zu hören, der Aus­bau des ÖPNV dauere zu lange und komme zu spät. Es ist ein Dilemma, dass der motorisierte Individual-Verkehr (MIV) nicht reduziert werden kann, wenn der Öffentliche Verkehr (ÖV) nicht ausgebaut wird. Nun muss begonnen werden, umzusteuern ‒ der Prozess wird ohnehin mehr als zehn Jahre benötigen! Der Dreiklang der Verkehrswende lautet: vermeiden, verla­gern und verbessern. Wir gewinnen, wenn wir jetzt die Verkehrswende und die damit verän­derte Produktionsstruktur vorantreiben. Gewerkschaften haben die Chance, die Verkehrs- und Produktionswende mitzugestalten – oder sich an die alte Industrie zu binden und zu verlieren. Anders als bei dem Ausstieg aus der Kohleförderung und Kohleverstromung geht es bei der Verkehrswende »nur« um einen Umbau. Das ist nicht weniger anspruchsvoll, muss bei guter gesellschaftlicher Planung jedoch nicht so angstbesessen sein wie in den Kohlerevieren.

* Stephan Krull war Mitglied des Betriebsrates bei VW und des Vorstandes der IG Metall in Wolfsburg, jetzt koordiniert er den Gesprächskreis der Rosa-Luxemburg-Stiftung »Zukunft Auto Umwelt Mobilität«. https://stephankrull.info/

1 Siehe die jüngste Veröffentlichung von Greta Thunberg: Klimabuch, Fischer-Verlag, Oktober 2022.

2 Siehe unter anderem § 2 der Satzung der IG Metall.

3 https://hans-juergen-urban.de/

4 Breites Bündnis fordert sozial- und klimaverträgliche Mobilitätswende. https://www.sovd.de/aktuelles/meldung/breites-buendnis-fordert-sozial-und-klimavertraegliche-mobilitaetswende.

5 Auto, Umwelt, Verkehr – Umsteuern, bevor es zu spät ist. Bund-Verlag, Köln 1992

6 Betriebliche Mitbestimmung modernisieren. Entwurf für ein neues Betriebsverfassungsgesetz. https://www.dgb.de/themen/++co++21a2fa9a-b4bd-11ec-9da2-001a4a160123

7 Autor*innenkollektiv CLIMATE.LABOUR.TURN: «Mein Pronomen ist Busfahrerin». Die gemeinsame Kampagne von FFF und Ver.di zur Tarifrunde im öffentlichen Nahverkehr 2020. Download unter https://www.rosalux.de/publikation/id/44712/mein-pronomen-ist-busfahrerin

8 https://www.rosalux.de/stiftung/gespraechskreise/zukunft-auto-umwelt-mobilitaet/

9 https://www.allianz-fuer-die-region.de/mobilitaet/regionales-transformationsnetzwerk-suedostniedersachsen-retrason und https://ecomento.de/2021/08/19/zukunftsfonds-eine-milliarde-fuer-die-autoindustrie/

10 https://www.sueddeutsche.de/muenchen/muenchen-klimaaktivisten-stachus-gewahrsam-30-tage-1.5687410

11 https://www.deutsche-rohstoffagentur.de/DERA/DE/Home/dra_node.html

12 Siehe https://www.isi.fraunhofer.de/de/themen/elektromobilitaet/arbeitsplatzeffekte.html und https://www.vsa-verlag.de/nc/buecher/detail/artikel/spurwechsel/

Zuerst veröffentlicht auf Stephans Blog:
https://stephankrull.info/2022/11/30/gewerkschaftliche-perspektiven-wissenschaftliche-expertisen/

Wir danken für das Abdruckrecht.

Deserteure und Kriegsdienstverweigerer brauchen Schutz und Asyl! Veranstaltungsbericht

von Werner Ruhoff

Seit der militärischen „Sondermaßnahme“, so lautet die von Moskau oktroyierte Sprachregelung für den Überfall auf die Ukraine, entziehen sich viele Wehrpflichtige dem drohenden Militärdienst. Mehr als 100.000 verwundete und getötete Soldaten gibt es inzwischen sowohl auf russischer als auch auf ukrainischer Seite.

Der 1. Dezember ist der Tag der Gefangenen für den Frieden. Unter diesem Motto gab es am Vorabend eine Veranstaltung im Haus der Demokratie. Franz Nadler ist langjähriger Vorsitzender von Connection eV, einer Organisation, die sich im Rahmen der War Resisters Internatioanal für die Rechte der Kriegsdienstverweigerer weltweit einsetzt und deswegen über Kontakte in Russland und in der Ukraine verfügt. Er berichtete mit kenntnisreichen Details über die Situation der Deserteure, Militärdienstentzieher und Kriegsdienstverweigerer in Russland, Belorussland und in der Ukraine. Das Recht auf Kriegsdienstverweigerung, das laut UNO und dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu den grundlegenden Menschenrechten zählt, wird in allen drei Ländern verwehrt. Problematisch ist, dass Kriegsdienst-verweigerern kein Asyl gewährt wird.

Russischen Kriegsdienstverweigerern ist der Zugang zur EU versperrt, obwohl der Präsident des Europäischen Rates, Charles Michel, die russischen Soldaten am 6. April dazu aufgefordert hat, das Kämpfen aufzuhören. Laut Connection eV. sind Anfragen für Aufenthaltsrechte in EU-Ländern sämtlich abgelehnt worden oder unbeantwortet geblieben. Russen, die vor dem Militärdienst auf der Flucht sind, aber keinen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung gestellt haben, sind sogenannte Militärdienstentzieher. Sie machen die weitaus größte Anzahl aus. Mittlerweile haben mehr als 150.000 Menschen im wehrpflichtigen Alter von 18 bis 60 Jahren Russland verlassen. Sie haben ebenfalls kaum eine Chance in ein EU-Land zu kommen. Deshalb sind sie vor allem nach Georgen, Serbien und in die Türkei geflüchtet, wo ihnen aber womöglich auch eine Auslieferung an Russland droht. In Deutschland ist man immerhin bereit, russische Deserteure nach ausführlicher Prüfung aufzunehmen. Flüchtige aus Russland berichten von einer schlechten Truppenmoral und einer miserablen Ausrüstung der russischen Armee.

Während die ukrainische Regierung verkündete, ihre Armee habe die Einnahme Kiews durch einen starken Kampfeinsatz abgewehrt, haben russische Soldaten berichtet, dass sich viele ihrer Kameraden nicht an einem absehbaren Massaker für die Einnahme der ukrainische Hauptstadt beteiligen wollten. Da es sich offiziell nicht um einen Krieg handelt, wurden die Verweigerer vom Dienst suspendiert aber nicht mit Gefängnis bestraft. Das führte dazu, dass der russischen Armee mit der Zeit Soldaten fehlten. Mit der Ankündigung einer allgemeinen Einberufung, die nicht generell aber punktuell angewandt wird, begannen in vielen russischen Städten trotz der Strafandrohungen zahlreiche Proteste, bei denen etwa 20.000 Menschen festgenommen wurden. Ihnen droht bis zu 15 Jahren Haft, je nach Schwere der Vorwürfe. Vermehrt wurden Söldner und Männer in Sibirien angeworben, und bemerkenswert ist, dass auf einen getöteten Soldaten aus Moskau oder Sankt Petersburg bis zu dreihundert getötete Burjaten und Kalmücken kommen.

Aus der Ukraine, wo die Wehrpflicht seit dem russischen Überfall auch 18 bis 60 Jahre beträgt, entfernen sich ebenfalls Wehrpflichtige, obwohl die Stimmung für eine militärische Verteidigung gegen die russische Armee im allgemeinen überwältigend ist. Die Zahl von etwa 140.000 Ukrainern wurde genannt, die sich dem Wehrdienst durch Emigration entziehen und vor allen Dingen aus der Mittelschicht stammen. Das hat Maßnahmen der Regierung ausgelöst, mögliche Fluchtrouten über Ausfallstraßen und in Grenzregionen durch dichte Kontrollen zu blockieren. Das Recht auf Kriegsdienstverweigerung, das in der Ukraine per definitionem nur für Angehörige religiöser Minderheiten gilt, ist quasi ausgesetzt. Die pazifistische Gruppe, die sich unter großen Gefahren für Leib und Leben – vor allem durch eine äußerst brutale, ungehinderte Gewalt der Faschisten bedroht – zur Kriegsdienstverweigerung bekennt, zählt kaum 100 Menschen. Verweigerer wie Ruslan Kotsaba, die sich öffentlich geweigert haben, am Krieg teilzunehmen, müssen sich vor Gericht verantworten und werden mit Gefängnis bestraft. Ukrainische Kriegsdienstverweigerer erhalten ebenfalls in Deutschland kein Asyl. Inzwischen haben auch mehr als 20.000 Weißrussen ihr Land verlassen, und seit den zahlreichen Protesten in Minsk und anderen Städten ist die Stimmung gegen das Regime hier größer als in Russland.

Inzwischen gibt es eine europaweite Petition, um eine Garantie zum Schutz von Deserteuren und Kriegsdienstverweigerern zu erreichen, ebenso einen Aufruf von etwa 100 Organisationen aus mehr als zwanzig Ländern an das EU-Parlament. In Berlin wird es am 8. Dezember vor der Vertretung der Europäischen Kommission – Unter den Linden am Brandenburger Tor – um 11 Uhr eine Aktion zum Schutz der Deserteure und Kriegsdienstverweigerer geben (siehe PDF).

Video-Konferenz: Organisierung in der Plattformökonomie

Die Konferenz will Essenslieferanten aus Deutschland und China (Festland und Hong Kong) zu einem Austausch über Arbeitsbedingungen und Arbeitskämpfe in ihren Ländern zusammenbringen.

Dabei wird berücksichtigt, dass die Zustellung auf unterschiedliche Art geschieht – zu Fuß, mit dem Fahrrad, E-Bike, Moped, Motorrad oder auch Auto.

Der Austausch soll die Unterschiede und Gemeinsamkeiten aufzeigen und die Art und Weise reflektieren, wie sich in diesem Sektor arbeitende Menschen organisieren und wie sie international zusammenarbeiten. Als Teil der Arbeiterklasse stellt sich die Frage ihrer Organisierung: In Form traditioneller oder anarcho-syndikalistischer Gewerkschaften oder in Kollektiven auch jenseits von Gewerkschaften.

Fragestellungen:

a) Wie hat sich die Essenslieferindustrie in Festland-China, Hong Kong und Deutschland in den letzten Jahren entwickelt?

b) Wie sehen die Arbeitsbedingungen von Essenslieferantenin Festland-China, Hong Kong und Deutschland aus?

c) Wie haben sie Arbeitskämpfe ausgefochten und Organisationsstrategien entwickelt?

d) Was sind dabei ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den zweiLändern?

Programm

Samstag, den 10. Dezember, 09:00 – 13:30 Uhr,

Konferenzsprachen sind Englisch und Chinesisch mit Simultanübersetzung

09:00Welcome by the convenors Overview of the delivery industry and the platform economy worldwide
by Simon Schaupp, University of Basel
09:20
09:35
09:50
Overview on China: Food Delivery Platforms and Workers in a Strong State by Lee Yu, Researcher of platform labor in China, Hong Kong Overview on the situation in Hong Kong by Au Gaawing, Riders‘ Rights Concern Group, Hong Kong, Overview on the situation in Germany by Simon Schaupp, University of Basel Followed by questions and comments from participants
10:30Break

11:00
11:30
Reports on working conditions and labour disputes from activists: A delivery worker from mainland China Followed by questions and comments from participants Siutong on Food Panda delivery workers‘ struggle in Hong Kong Followed by questions and comments from participants
12:00Short break
12:15

12:45 13:30
Elmar Wiegand (Flink, Action against Labour Injustice) Cologne Delivery worker from Gorilas, Berlin Followed by questions and comments from participants Final open discussion + closing remarks End of the conference

Tagungsleitung

Rosa Luxemburg Stiftung (https://www.rosalux.de)

Thomas Sablowski, e-mail: thomas.sablowski@rosalux.org

Kritisches China-Forum:

Peter Franke, e-mail: forumarbeitswelten@fuwei.de

Anmeldung

Erbeten wird eine schriftliche und verbindliche Anmeldung per e-mail für die Teilnahme an der Online-Konferenz unter Angabe von Namen, Adresse, ggf. Organisationzugehörigkeit und e-mail bis spätestens Donnerstag den 8.12.2022an Peter Franke,  forumarbeitswelten@fuwei.de

Die Teilnahme wird schriftlich bestätigt und ein Zugangscode kurz vor der Konferenz verschickt.

Über das Kritisches China-Forum

In der polarisierten Debatte zu Entwicklungen in China und seiner Rolle in den Verschiebungen und Umbrüchen in der kapitalistischen Weltordnung kommen differenzierte Analysen häufig zu kurz. Wir wollen in die politische Diskussion emanzipatorische, internationalistische Positionen einbringen und solidarische Handlungsmöglichkeiten aufzeigen. Es geht darum, sowohl die Vorurteile im „Westen“ gegenüber China als auch die Herrschaftsverhältnisse, die kapitalistische Ausbeutung sowie die Naturzerstörung in China zu thematisieren. Wir wenden uns dabei gegen Rassismus, Chauvinismus, schlichtes Schwarz-Weiß-Denken und militärische Eskalation, die im Zuge der wachsenden Weltmarktkonkurrenz und geopolitischen Machtkonfrontationen an Bedeutung gewinnen und derzeit staatliches Handeln prägen.

Wir bieten eine Informationsplattform an und organisieren öffentliche Diskussionsveranstaltungen zu China. Wir beschäftigen uns unter anderem mit Arbeitsbeziehungen, sozialen Bewegungen, Geschlechterverhältnissen, Umweltpolitik und internationalen Beziehungen. Im Forum haben bisher u.a. Mitarbeiter*innen der Universitäten Erfurt, Kassel, Köln, Leipzig, Passau sowie der HU Berlin, der Rosa-Luxemburg-Stiftung, der NGO PowerShift sowie Mitglieder von gongchao.org, des Forum Arbeitswelten, der IG Metall, der IG BCE und der GEW mitdiskutiert.

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