Fritz Fischer: Griff nach der Weltmacht


Lange Linien der Geschichte

Sachliteratur

Die Lektüre dieser Klassiker über deutsche Machtpolitik ist auch heute lohnenswert – insbesondere im Kontext des Ukraine-Krieges.

Von Merle Weber

Der Umgang der deutschen Linken mit der Ukraine hat gezeigt, dass ihr das Bewusstsein über die Existenz einer nationalen Machtpolitik der BRD abhandengekommen ist. Die einen schlucken unhinterfragt die Erzählung, dem deutschen Staat läge etwas am Wohlstand, der Freiheit und dem Leben der Menschen in der Ukraine – die Deutschen als selbstlose Retter der Ukraine, gar als Schutzmacht ganz Osteuropas. Und was ist schon eine Schutzmacht ohne militärische Stärke? Die anderen erklären Deutschlands Verwicklung in den Ukraine-Krieg nicht etwa aus der wirtschaftlichen und machtpolitischen Bedeutung Osteuropas für seine herrschende Klasse, sondern mit einem vermeintlichen Kadavergehorsam der deutschen Eliten gegenüber den US-Imperialisten. Kein Wort vom deutschen Ostimperialismus.

Ein Blick in den Klassiker „Griff nach der Weltmacht“ von Fritz Fischer bringt hier Klarheit. Fischer hat mit seiner Schrift nicht nur entscheidend in die Kriegsschuld-Debatte eingegriffen, sondern vor allem eine aktive, machtpolitisch motivierte Kriegszielpolitik der Eliten des kaiserlichen Deutschlands nachgewiesen. Dabei liefern Fischers Erkenntnisse über das Deutschland des frühen zwanzigsten Jahrhunderts auch für die Analyse der aktuellen deutschen Machtpolitik wertvolle Hinweise. Denn die geopolitischen Rahmenbedingungen sind auch mehr als hundert Jahre später im Wesentlichen dieselben geblieben: Heute wie damals ist Deutschland eine Mittelmacht mit wenig Rohstoffen und vergleichsweise wenig Territorium, die für sich dennoch eine Weltmachtgeltung beansprucht. Heute wie damals stehen die Strategen der deutschen Machtpolitik im Einflusskampf mit den Grossmächten vor der Aufgabe, dem deutschen Grössenwahn eine reale Basis zu geben. Über zwei Weltkriege hinweg ist die grundlegende Strategie der deutschen Imperialisten dieselbe geblieben: Erst Europa, dann die Welt.

Mittelmacht mit Grössenwahn

Vor mehr als hundert Jahren marschierten deutsche Soldaten das erste Mal in einen Weltkrieg, weil man in Berlin überzeugt war, „zur Stellung einer Weltmacht berufen und berechtigt zu sein“ (S. 136). Viele Deutsche sahen sich „als Träger einer höheren Kultur“ (S. 137) und empfanden deswegen eine expansive nationale Machtpolitik als gerechtfertigt. Bereits damals zeichnete sich die „Entwicklung Deutschlands zu einem hochindustriellen Exportland“ (S. 22) ab. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung kam der „Ruf nach Lebensraum“ und „Absatzmärkten“ jenseits der deutschen Aussengrenzen. Es herrschte der „Glauben, dass der ungehemmte [wirtschaftliche] Aufstieg in einer fast als wirtschaftsgesetzlich vorgestellten Expansion [Deutschlands] sich weiterentwickeln würde“ (S. 23). Und wo der Markt das mit der Expansion doch nicht von alleine regelte, rollten dann die deutschen Panzer. Die Kriegszielpolitik war der Versuch, die „geopolitische Beschränkung der deutschen Basis“ (S. 21) zu überwinden – der Griff nach der Weltmacht. „Überblickt man die deutschen Ziele […] in ihrer Gesamtheit, so ergibt sich das Bild eines Imperiums von grandiosen Ausmassen“ (S. 530), resümiert Fischer.

Dabei spielten in den strategischen Überlegungen der deutschen Imperialisten die „Kolonialziele nur eine nebengeordnete Rolle“. Im „Vordergrund“ der Kriegszielpolitik habe die Eroberung der „europäischen Basis“ gestanden, die „als die Grundlage jeder Überseepolitik“ und damit der angestrebten Weltmachtstellung angesehen wurde. Die deutschen Strategen gingen davon aus, mit einem Sieg vor allem über die Kolonialmächte England und Frankreich ein umfangreiches deutsches Kolonialreich „fast von selbst erreichen zu können“ (S. 515). Dominanz über Europa sei die „volkswirtschaftliche Grundlage der deutschen Weltpolitik“ (S. 22), äusserte sich damals ein führender deutscher Banker.

Europa den Deutschen

Die europäische Vormachtstellung wollte das kaiserliche Deutschland durch Expansion nach Westen und Osten erreichen. Im Westen plante Berlin unter anderem die „Annexion oder zumindest die wirtschaftliche Beherrschung“ (S. 144) Belgiens aber auch Luxemburgs und der Niederlande sowie die Eroberung von französischem Gebiet, insbesondere des Erzbeckens von Longwy-Briey. Damit hätte Deutschland seine Basis in Europa bereits an der Nordseeküste bis über die französische Grenze hinaus vergrössert und gleichzeitig zwei seiner europäischen Rivalen geschadet: England hätte mit seinem Verbündeten Belgien sein Sprungbrett nach Westeuropa eingebüsst und Frankreich wäre durch den Verlust industriell bedeutsamer Gebiete nachhaltig geschwächt. Sicherzustellen, dass Frankreich „als Grossmacht nicht neu erstehen kann“ (S. 98) war für den deutschen Kanzler ein übergeordnetes Ziel des Krieges.

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In grossen Teilen richtete Deutschland seinen Expansionsdrang nach Osten. Russland müsse „von der deutschen Grenze nach Möglichkeit abgedrängt und seine Herrschaft über die nichtrussischen Vasallenvölker gebrochen werden“ (ebd.), so der damalige deutsche Kanzler. Gemeint waren unter anderem die Baltischen Staaten, Polen und die Ukraine, die vor Kriegsbeginn noch ganz oder teilweise russisches Staatsgebiet waren. Nicht nur der deutsche Kaiser sah im ersten Weltkrieg den „Endkampf der Slaven und Germanen“ (S. 38). Anti-slawischer Rassismus war weit verbreitet in einer Zeit, in der der deutsche Imperialismus nach Osten drängte.

Damals schon war der Gedanke nach Siedlungsraum im Osten in der deutschen Machtpolitik präsent. Deutschland strebte nach einer regionalen Vorherrschaft im baltischen Raum, inklusive Herrschaft über die Seewege der Ostsee, Annexionen im heutigen Lettland, Litauen und Estland sowie Polen, und darüber hinaus auch die indirekte Beherrschung der nicht offiziell annektierten Teile Polens sowie in Skandinavien. Österreich-Ungarn sollte deutsche Provinz werden, das heisst das heutige Österreich, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Slowenien, Kroatien und Bosnien Herzegowina sowie Teile Polens und der Ukraine (Galizien). Auch die Schwarzmeerregion sollte deutsch werden: über die Ukraine und „Restrussland“ bis nach Georgien und über Rumänien, Bulgarien bis in die Türkei, gar bis in den heutigen Iran reichten die Expansionsträume der deutschen Eliten vor und während des Ersten Weltkrieges.

Hauptsache Expansion

Fischer bestimmt nicht einfach das eine statische Kriegsziel der abstrakten Deutschen, sondern zeichnet über mehrere Jahre die Kriegszielpolitik als Prozess politischer Auseinandersetzung unter den Herrschenden in Militär, Staat und Wirtschaft nach. Diese inhaltliche Schärfe macht den ohnehin voraussetzungsreichen und fordernden Klassiker zuweilen zur unübersichtlichen und langatmigen Lektüre. Nur dadurch wird allerdings sichtbar, dass je nach innen- oder aussenpolitischer Kräftelage der Expansionsdrang sich mehr oder weniger offen zeigte. Neben den Hardlinern, die auf Expansion durch Annexion setzten, gab es auch damals schon diejenigen, die eine subtilere Expansion durch die vorrangig wirtschaftliche Beherrschung formal selbstständiger Staaten bevorzugten.

Der damalige Direktor der Deutschen Bank beispielsweise sprach sich dagegen aus, „blindlings eine Politik der Annexionen zu beginnen“ und forderte stattdessen, „Deutschlands wirtschaftliche Vorherrschaft (in Europa) zu etablieren“ (S. 97). Der deutsche Kanzler strebte in diesem Sinne „die Gründung eines mitteleuropäischen Wirtschaftsvereins“ an, und zwar „unter äusserlicher Gleichberechtigung seiner Mitglieder, aber tatsächlich unter deutscher Führung“ (S. 99). Auch in der Belgien-Frage plädierte er statt für offene Annexion dafür, Belgien zu Deutschlands „Tributärstaat“ zu machen, der „der Form nach möglichst frei bleiben, faktisch aber uns [Deutschen] sowohl in militärischer als auch wirtschaftlicher Beziehung zur Verfügung stehen muss“ (S. 105). Fischer spricht in diesem Zusammenhang von „indirekter Annexion“ (S. 106).

Ob indirekte oder offene Expansion, das Ziel war dasselbe: von der Nord- und Ostsee bis zum Schwarzen Meer Europa der deutschen Machtpolitik unterzuordnen. Und auch wenn sich natürlich nicht alles eins zu eins auf heute übertragen lässt, ist es doch erschreckend, wie ungebrochen die langen Linien der deutschen Machtpolitik sich durch die Jahrhunderte bis in den Ukraine-Krieg ziehen. Gerade heute, wo Berlin der direkten, formalen Expansion abgeschworen hat, mahnt Fischers Analyse dazu, die indirekte Expansion Deutschlands in Europa in ihrer machtpolitischen Bedeutung nicht zu unterschätzen. So zu tun als hätte Berlin in Osteuropa keine nationalen machtpolitischen Interessen – ob als selbstlose Schutzmacht der Ukrainer oder willenloser Vasall der USA – ist geschichtsvergessen.

kritisch-lesen.de

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Kulturinstitutionen müssen JETZT aktiv werden!

Dringender Appell: Schutz für Oyoun-Leiterin Louna Sbou und weitere 18 deutsche Teilnehmer*innen nach illegaler Festnahme und Entführung auf der Global Sumud Flotilla!
PRESSEMITTEILUNG

Oyoun fordert den Einsatz der kulturellen und politischen Institutionen Berlins und deutschlandweit, zum sofortigen Schutz von Louna Sbou, Geschäftsführerin und Künstlerische Leitung von Oyoun. Das Oyoun ist eine intersektionale Plattform für diasporische und internationale Kunst und Kultur mit Sitz in Berlin. Louna Sbou ist eine von 19 deutschen Teilnehmer*innen der Internationalen Global Sumud Flotilla nach Gaza. Sie ist auf dem Boot Paola 1 gesegelt.  Die Global Sumud Flotilla wurde gestern, am 01.10.2025, von der israelischen Armee (IDF) in internationalen Gewässern blockiert und ihre Teilnehmenden wurden festgenommen und entführt. Es handelt sich hierbei um eine Verletzung des internationalen Völkerrechts seitens der israelischen Regierung und eine direkte Bedrohung von Leib und Leben deutscher Staatsbürger*innen. Die Bundesregierung muss sich dafür einsetzen, dass deutsche Staatsangehörige und internationale Zivilist*innen, die an der Global Sumud Flotilla teilnehmen, vor Angriffen, Einschüchterungen und rechtswidrigen Festnahmen geschützt werden.

Unsere Forderungen

Deutsche Regierung und Verwaltung

Wir fordern eine unverzügliche diplomatische Intervention der Bundesregierung zum Schutz von Louna Sbou und allen deutschen Festgesetzten und die Einrichtung eines Krisenstabs zum Schutz der Festgesetzten. 

Kulturinstitutionen

Werdet aktiv durch Stellungnahmen, Erklärungen und Unterstützung der Flotilla. Unterzeichnet und teilt dafür u.a. diese Petition

Zivilgesellschaft

Mobilisiert vor Ort, zeigt Solidarität und erzeugt politischen Druck. Nutzt eure Stimme, kontaktiert jetzt eure Abgeordneten über diesen Link (veraltet) und teilt den Aufruf mit euren Communities.
Achtung das Portal musste umziehen. Bitte hier unterschreiben!!! https://innn.it/es-reicht

Rolle von Kunst und Kultur

Die deutsche Kulturlandschaft trägt besondere Verantwortung für die Unterdrückung von palästinensischen Stimmen und Solidaritätsbekundungen. In Berlin werden nach wie vor pro-palästinensische Stimmen unterdrückt, zensiert, Veranstaltungen verboten und Räume geschlossen. Oyoun selbst verlor im Dezember 2023 seine Förderung, weil es sich Zensurversuchen widersetzte. Das Klima der Einschüchterung und Komplizenschaft mit Repression innerhalb der Kulturlandschaft schwächt die Glaubwürdigkeit des gesamten Sektors. Wer in der Kultur arbeitet weiß: zu den Personen auf den Demonstrationen gegen Genozid, die extremer Polizeigewalt ausgesetzt sind, gehören sehr viele Künstler*innen und Kulturarbeiter*innen. Doch die Stimmen der Kulturinstitutionen, Verbände und Organisationen bleiben weitestgehend still. Wir appellieren an die Kulturinstitutionen, ihr Schweigen endlich zu brechen. Kunst und Kultur müssen Orte sein, die Zensur und Unterdrückung widerstehen, marginalisierte Stimmen hörbar machen und für Gerechtigkeit eintreten. Ansonsten sind sie zu Propaganda-Institutionen verkommen. Schweigen angesichts der Vernichtung palästinensischen Lebens und Kultur ist keine Option.
 Die Festsetzung der Teilnehmenden der Global Sumud Flotilla ist nicht nur eine Verletzung grundlegender Freiheitsrechte, sondern ein Angriff auf Erinnerung, Kultur und Gerechtigkeit. Es ist Zeit für einen Paradigmenwandel in der deutschen Regierung und der Kulturszene. Deutschland muss klare Sanktionen gegen Israel setzen, alle Waffenlieferungen stoppen und die uneingeschränkte Sicherheit der Flotilla und ihrer Teilnehmer*innen gewährleisten. 

Zur Global Sumud Flotilla

Die Global Sumud Flotilla ist eine zivile, friedliche Initiative, die sich zum Ziel gesetzt hat, die völkerrechtswidrige israelische Blockade des Gazastreifens zu durchbrechen um einen humanitären Korridor zu eröffnen und lebensnotwendige Hilfsgüter zu liefern. An Bord der über 40 Boote waren ca. 500 Ärzt*innen, Jurist*innen, Journalist*innen, Kulturarbeiter*innen und Menschenrechtsverteidiger*innen aus über 40 Ländern. 

Völkerrechtliche Dimension & Schutzpflichten der Bundesregierung

Die Festnahme in internationalen Gewässern stellt einen klaren Verstoß gegen das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen (UNCLOS) dar, das jede unrechtmäßige Gewaltanwendung auf hoher See untersagt. Deutschland ist verpflichtet, seine Bürger*innen zu schützen:Grundgesetz Art. 1 Abs. 1: Die Würde des Menschen ist unantastbar.Grundgesetz Art. 2 Abs. 2: Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.Konsulargesetz: Pflicht des Auswärtigen Amts, in Notlagen Beistand zu leisten. 
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Contact Email: hallo@oyoun.de // media@globalsumudflotilla.orgIG: @oyoun.berlin // @GlobalSumudFlotilla @GlobalMovementToGaza //@GlobalMovementToGaza.Germany

Mitglieder der Solidaritäts-Flottille in Negev-Wüste gebracht

Nach dem Aufbringen der 50 Boote sind alle Teilnehmenden der Aktion inhaftiert. Minister Ben-Gvir droht ihnen indirekt Folter an

Von Julian Daum

Bild: Screenshot You Tube Video

Sämtliche Teilnehmer*innen der »Global Sumud Flottilla« (GSF) befinden sich im Ketziot-Gefängnis in Israel. Dorthin wurden sie gebracht, nachdem die israelische Armee in der Nacht zum Donnerstag sämtliche Boote der Hilfsflotte in internationalen Gewässern vor dem Gazastreifen unter Waffengewalt abgefangen, betreten und die Crewmitglieder gefangen genommen hatte.

Die Londoner Nachrichten-Website »Middle East Eye«, die eine Journalistin an Bord eines der Schiffe hatte, übertrug Livebilder von den etwa 50 Booten, als sich Soldaten Zutritt verschafft hatten. In einigen Aufnahmen waren Uniformierte mit Gewehren zu sehen, die auf Crewmitglieder mit erhobenen Händen gerichtet wurden. Danach brachen die Livestreams ab.

Zuvor hatte die GSF kurz nach Sonnenuntergang noch auf Social Media berichtet, dass etwa 20 Schiffe auf dem Radar ausgemacht worden waren, die sich schnell auf die eigene Position zubewegten. Ein Video soll einen Funkaustausch zwischen der GSF und dem Militär an der Funkstation des Schiffs »Alma« zeigen: Darin ist zunächst eine weibliche Stimme zu hören, die die Flottille auffordert, ihren Kurs zu wechseln. »Beim Versuch, die Seeblockade zu durchbrechen, werden wir die Schiffe stoppen und konfiszieren«, kündigte die Person an.

Thiago Ávila, Crewmitglied der »Alma«, antwortete: »Der Internationale Gerichtshof hat in seiner vorläufigen Entscheidung festgestellt, dass jeder Versuch, humanitäre Missionen nach Gaza zu behindern, gegen internationales Recht verstößt.« Daher sei es ihre moralische Pflicht weiterzusegeln. Die GSF erkenne die Besatzungsmacht nicht als legitimen Akteur an. Israel habe nicht das Recht zu entscheiden, was mit den Hilfslieferungen geschieht. Er weise daher die israelischen Streitkräfte an, nicht weiter gegen sie vorzugehen, so Ávila.

Die Legitimation, der israelischen Armee Anweisungen zu erteilen, ziehen er und die GSF aus dem internationalen und dem Seerecht – unabhängig davon, ob man Israels Seeblockade des Gazastreifens für rechtmäßig hält oder nicht. Denn die Boote der GSF wurden allesamt in internationalen Gewässern gestellt, also außerhalb der Zwölf-Meilen-Zone vor der Küste. Und dort unterliegen Schiffe ausschließlich dem Recht ihres Flaggenstaates. Die »Alma« zum Beispiel fuhr unter britischer Flagge.

Ausnahmen gelten etwa für Piraterie oder Menschenhandel, was auf die GSF nicht zutrifft. Doch auch die Seeblockade Israels, mit der die palästinensischen Hoheitsgewässer kontrolliert werden, gilt vielen als illegal. Eine UN-Untersuchung kam zwar 2011 zu dem Schluss, dass die Blockade grundsätzlich mit dem Völkerrecht vereinbar sein kann. Dies gilt jedoch nur, falls die Regeln des San-Remo-Handbuchs des Internationalen Instituts für humanitäres Recht eingehalten werden.

Danach darf eine Blockade nicht darauf abzielen, die Zivilbevölkerung auszuhungern oder lebensnotwendige Güter zu verweigern. Hilfslieferungen für Zivilist*innen müssen zugelassen werden, wenn sie kontrolliert werden können und sichergestellt ist, dass sie nicht militärisch missbraucht werden können. Und: Nur militärische Güter dürfen beschlagnahmt werden. Zivile Güter (Lebensmittel, Medikamente etc.) sind grundsätzlich zuzulassen. Zahlreiche Menschenrechtsorganisationen, darunter etwa das Internationale Rote Kreuz, Amnesty International und viele UN-Expert*innen sagen, dass diese Vorgaben von Israels Miltär verletzt werden.

Die spanischen und italienischen Kriegsschiffe, die zuvor offiziell zum Schutz und als Hilfestellung für die GSF in die Region entsandt worden waren, drehten vor Gaza ab. Daraufhin wurden die Schiffe der Flottille vom israelischen Militär aufgebracht. Unter den Besatzungsmitgliedern befanden sich auch deutsche Staatsbürger*innen, unter ihnen die Medienkritikerin Judith Scheytt an Bord der »Paola 1«, mit der »nd« zuvor noch hatte sprechen können.

Scheytts Notfallteam, das seither ihren Instagram-Account betreut, gibt an, den Kontakt zu ihr am Mittwoch gegen 21 Uhr verloren zu haben. Die Übernahme der Boote durch das Militär dauerte bis in die Morgenstunden an und brachte es wohl an seine Kapazitätsgrenzen: Ein Boot der GSF, die »Mikeno«, schaffte es eigenen Angaben zufolge unter Kapitän Muhammed Huzeyfe Küçükaytekin aus Sarajevo bis in palästinensische Hoheitsgewässer. Erst rund zehn Kilometer vor der Küste wurde es dann doch aufgebracht. Das letzte Boot, die »Marinette«, segelte noch am Freitag Morgen in Richtung Gaza, bevor israelische Soldaten sie enterten, wie der Livestream des Boots zeigte.

Sämtliche Teilnehmer*innen der GSF sollen in das berüchtigte Ketziot-Gefängnis in der Negev-Wüste gebracht worden sein. Die israelische Menschenrechtsorganisation B’Tselem berichtete in ihrer Dokumentation »Willkommen in der Hölle – Das israelische Gefängnissystem als Netzwerk von Foltercamps« vor einigen Monaten von systematischer Folter und Misshandlungen von Palästinenser*innen dort seit dem 7. Oktober 2023.

Welcher Gefahr die Crews der GSF ausgesetzt sind, ist nicht abzuschätzen. Anlass zur Sorge geben jedoch Aussagen des Ministers für Innere Sicherheit, Itamar Ben Gvir: In einem Video spricht er vor einigen Dutzend auf dem Boden fixierten Flottillenteilnehmer*innen und bezeichnet sie immer wieder als Terroristen und sogar als Mörder. In einem weiteren Video läuft er an Gefängniszellen vorbei und sagt: »Diejenigen, die an der Flotte teilgenommen haben und Terror unterstützen, werden dieselbe Behandlung erhalten wie die Saboteure in Negev.« Gemeint sind die palästinensischen Häftlinge. Der Rechtsextremist Ben Gvir war 2007 selbst von einem israelischen Gericht wegen rassistischer Aufhetzung und Unterstützung einer terroristischen Vereinigung verurteilt worden.

Auf den Social-Media-Profilen einiger Flotilla-Aktivist*innen werden regelmäßig Updates von ihren jeweiligen Notfallteams gepostet. So seien alle bisher unversehrt und hätten während der Verhöre auch Kontakt zu Anwälte*innen gehabt. Direkten Kontakt zu Familie und Freund*innen gebe es bisher aber in keinem Fall.

Die Crew der »Madleen«, die im Mai versucht hatte, einen humanitären Korridor zu öffnen, wurde ebenfalls inhaftiert, bevor die Aktivist*innen Israel wieder verlassen durften. Damals machten sich israelische Politiker und internationale Medien noch über die Besatzung der sogenannten Selfie-Yacht lustig. Nun aber wirft Israel der GSF ohne stichhaltige Belege vor, mit der Hamas verbunden zu sein. Was also mit den etwa 500 Teilnehmer*innen geschehen wird, dürfte auch stark von den Reaktionen und dem diplomatischen Druck der jeweiligen Heimatstaaten abhängen, die wiederum selbst öffentlichem Druck ausgesetzt sind.

Fest steht aber auch, dass Ben-Gvir viel Macht hat, seinen Willen durchzusetzen. Diplomatische Weitsicht liegt ihm fern. So hatte er wegen eines Waffenstillstands mit der Hamas mit einem temporären Rücktritt schon einmal die Regierung fast platzen lassen.

Erstveröffentlicht im nd v. 3.10. 2025
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1194475.global-sumud-flotilla-mitglieder-der-solidaritaets-flottille-in-negev-wueste-gebracht.html

Wir danken für das Publikationsrecht.

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