„9/11“. Der Putsch in Chile am 11. September 1973

Bild: @PiensaPrensa

Von Wolf Wetzel

„Das Volk muss sich verteidigen, aber es darf sich nicht opfern. (…) Gehet voran in dem Wissen, dass eher früher als später sich die großen Straßen wieder öffnen werden, auf denen der freie Mensch schreitet, um eine bessere Gesellschaft aufzubauen.“ (Salvador Allende in seiner letzten Botschaft über Radio, 1973)

Am 11. September 1973 putschte das Militär die gewählte Regierung von Salvador Allende in Chile. Ich habe noch die Bilder vom Präsidentenpalast im Kopf, das bombardiert wurde, umzingelt von Militärs, die auf den umliegenden Dächern postiert waren.

Viel später ging ein Bild um die Welt, auf dem man den 65–jährigen Präsidenten sieht, der einen Helm trägt und nach oben schaut. Er hält eine Pistole in der rechten Hand und wird von Bewaffneten begleitet.

Was wir als Schülerinnen im Alter um die 20 Jahre darüber wussten, war sicherlich nicht viel. Offiziell verurteilte die SPD-FDP-Regierung unter Willy Brandt den Militärputsch. Aber genauso offiziell und lauter waren Stimmen derer zu vernehmen, die zu bedenken gaben, dass damit das Land, also Chile vor dem Kommunismus gerettet worden wäre. Das war eine mehr oder wenig versteckte Sympathiekundgebung für den Militärputsch. Ganz sicher wussten wir auch nicht sehr viel darüber, ob es sich tatsächlich um Sozialismus handelte, den das Parteienbündnis „Unidad Popular“ anstrebte.

Wir wussten nur eines sehr sicher: Wie schnell man als Kommunist oder Sozialist denunziert wurde, wenn man aus der Reihe tanzt und nicht so werden wollte, wie unser Mütter und Väter.

Auch wenn man das unserem Alter nicht ansah: Wir hatten bereits „außenpolitische Erfahrungen“ gesammelt. Die erste Demonstration, an der ich teilnahm, war eine Demonstration gegen den Vietnam-Krieg, den US-Regierungen seit Jahren führten. Auch dort wollten sie die Demokratie verteidigen und das vietnamesisches Volk vor dem Kommunismus retten. Dafür hatte man unter anderem alle BewohnerInnen im Dorf My Lai ermordet, um sie so vor dem Kommunismus zu retten. Dieser Irrsinn prägte sich beim mir ein und wurde eine Haltelinie in meinem Leben: Glaube ihnen kein Wort, wenn sie Krieg führen, um die Demokratie und die Freiheit zu retten.

Das sollte eigentlich auch nicht schwer sein, wenn man zuhören kann und will. Der chilenische General Augusto Pinochet ließ niemand im Unklaren:

„Die Demokratie muss gelegentlich in Blut gebadet werden, damit die Demokratie fortbestehen kann.“

Wir mussten also nicht alles wissen, um gegen den Putsch in Chile zu protestieren. Also verfassten wir schnell ein Flugblatt und verteilten es anschließend in der Schule. Genauso schnell, einen Tag später, ließ mich der Direktor zu sich rufen. Mir schwante nichts Gutes. Er kam sofort zur Sache und hielt mir besagtes Flugblatt wie einen stinkenden Putzlumpen unter die Nase.

„Du hast eine Erklärung unterschrieben, das weißt du wohl noch.“
„Ja, ich erinnere mich an etwas.“
Diese völlig rechtwidrige „Erklärung“, mich allen politischen Betätigungen zu entsagen, war der Preis dafür, dass ich wieder auf die Schule durfte.
Der Direktor hatte etwas Triumphierendes in den Augen, als er fortfuhr.
„Du hast unser Vertrauen gebrochen, das ist dir doch klar?“
„Ich weiß nicht, wovon Sie reden.“
„Du hast dieses Flugblatt verteilt und das ist eine politische Betätigung, die du zu unterlassen hast.“
Zur Unterstreichung wedelte er mit dem Flugblatt herum.
„Es stimmt, dieses Flugblatt wurde verteilt. Aber woher wollen Sie wissen, dass ich es verteilt habe?“
„Ein Schüler hat dich dabei gesehen und es mir gemeldet.“
Was wäre die Macht der Direktoren ohne ihre Lakaien?
Was wäre der Herr ohne den Knecht …
Der Direktor gab mir eine „letzte Chance“ und die nutzte ich, in und außerhalb der Schule.

Diktaturen als Reinigungsanlagen für Demokratien

„Ich sehe nicht ein, wieso wir stillhalten und nur zuschauen sollten, wenn ein Land aufgrund der Unverantwortlichkeit seines Volkes kommunistisch wird.“ (US-Außenminister Henry Kissinger)

Wie sehr Diktaturen und Militärputsche gar keinen Widerspruch zu demokratischen Systemen sind, sondern ineinandergreifen, machten Stellungnahmen von namhaften Politikern in Deutschland deutlich:

So ließ der CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß noch im selben Jahres des Putsches im Bayernkurier die Welt wissen, dass „das Wort Ordnung für die Chilenen plötzlich wieder einen süßen Klang“ bekommen hätte.

„Im selben Jahr reiste der damalige CDU-Generalsekretär Bruno Heck als Zeichen der Solidarität nach Chile. Auf die Frage nach Berichten, denen zufolge das Nationalstadion in Santiago unter Pinochet in ein Gefangenenlager verwandelt worden sei, in dem Dissidenten gefoltert würden, sagte Heck nach seiner Rückkehr in der ‚Süddeutschen Zeitung‘ den berüchtigten Satz:

„Das Leben im Stadion ist bei sonnigem Wetter recht angenehm“.“ (BND, Chile-Putsch und viele offene Fragen, Ben Knight hka vom 5. Januar 2019)

Da wäre auch noch das einstige NSDAP-Mitglied Kurt Luedde-Neurath hinzuzufügen, der ab 1973 deutscher Botschafter in Chile war:

„Schnauze halten“, lautete seine Empfehlung zum Umgang mit dem Pinochet-Regime, bevor er 1975 in den Ruhestand trat. 1969 hatte er das Bundesverdienstkreuz erhalten. Aus Bonner Sicht wurde er diesem auch in Chile gerecht. („Die Jakarta-Methode“)

Wenn gerade mit der Causa Aiwanger die lobenswerte Idee aufkommt, jemanden für etwas verantwortlich zu machen, was er vor 30, 40 Jahren (und mehr) gesagt, getan und unterstützt hat, dann könnte man hier weitermachen. Ich bin mir sicher, danach könnte man den Bundestag um drei Viertel verkleinern. Wenn ich die Debatte richtig mitbekommen habe, dann ist jetzt Reue und Geschichtsbewusstsein ganz hoch im Kurs.

Dazu gehören eben auch die zahlreichen deutschen Konzerne, die nach dem Putsch ideale Investitionsmöglichkeiten sahen, mit dem Versprechen, dass sie alles bekommen und vor allem geschützt werden, wozu im Reich Pinochet die Zerschlagung der Gewerkschaften gehörte und die Suspendierung von Arbeitsrechten. Die Mittäterschaft deutscher Firmen an dem terroristischen Regime in Chile war evident und profitabel: Der Handel mit Chile im Jahr nach dem Militärputsch erlebte einen sagenhaften Aufschwung: „Die Ausfuhren stiegen 1974 um über 40 Prozent, die Einfuhren um 65 Prozent.“

Es geht um mehr als um Erinnerung

Der Militärputsch in Chile jährt sich jetzt zum 50. Mal. Es geht um mehr als um die Zehntausende Ermordete, für die nicht nur die chilenische Militärjunta verantwortlich ist:

„Während des Militärstreichs in Chile starben über 3000 Chilenen. Innerhalb der 17 folgenden Jahre unter Pinochet starben über 100.000 durch Staatsterrorismus. Doch Hunderttausende starben in Süd- und Mittelamerika nach 1973 auf Grundlage des Modells, das Kissinger in Chile etabliert hatte.“ (Nachhall/Nation ohne Grenzen, Francisco Letelier, Die Schlacht um Chile)

Die Mittäter sitzen auch in den USA, die Profiteure in vielen Ländern in Europa.

Denn der Terror darf nicht vergessen machen, dass er einem Wirtschaftsmodell diente, das dort ausprobiert wurde und nun seit ein paar Jahrzehnten in Europa das Leben von Millionen Menschen prägt.

Damals, also in den 1970er Jahren, trauten sich die „Wirtschaftsexperten“, die Think Tanks nicht, diesen Wirtschaftsterrorismus im eigenen Land einzuführen, weder in den USA, noch in Europa. Dort war man noch ganz damit beschäftigt, einen Kapitalismus anzubieten, der sich mit Blick auf den sozialistischen Ostblock als attraktiv herausputzen musste. Das nannte man dann „Wohlfahrtsstaat“.

Also musste man auf den lateinamerikanischen Kontinent ausweichen und dafür bot sich Chile an. Das Parteienbündnis „Unidad Popular“ wollte die Kupferindustrie verstaatlichen, die fast vollständig in der Hand ausländischer Konzerne war.

So kamen die „Chicago Boys“ zum Zug: Sie entwarfen für Chile einen Kapitalismus sans phrase. Es wurde privatisiert, was Profite versprach (wie die Kupferminen z.B.) und die Ausbeutung der Bodenschätze für einen Apfel und ein Ei zementierte die Vorherrschaft der westlichen Staaten. Dazu gehörte eben auch die Privatisierung von Grundressourcen wie Wasser und Strom, Bildung und Gesundheit, worauf niemand verzichten kann.

Was man heute als „Neoliberalismus“ bezeichnet, die zunehmende Ökonomisierung aller Lebensbereiche, war genau das, was die Militärjunta in Chile absichern und garantieren sollte.

Wie resümiert die FAZ diese Zeit:

„Vor 50 Jahren putschte sich der Militär Augusto Pinochet in Chile an die Macht. Es folgte blutiger Terror gegen Oppositionelle. Der Neoliberalismus aber erlebte einen Triumph – und gleichzeitig ein ethisches Debakel.“ (FAZ vom 11.8.2023)

50 Jahre später braucht man dafür – in Europa und in den USA –keine Militärjunta. Noch nicht.

Publiziert im Magazin Overton am 11.9.2023: https://overton-magazin.de/kolumnen/kohlhaas-unchained/9-11-in-lateinamerika-unter-us-amerikanischer-anleitung/

Quellen und Hinweise:

Schlacht um Chile, Ein Dokumentarfilm von Patricio Guzmán, 1972-1979, insgesamt circa 263 Minuten, Regie: Patricio Guzmán. „In seiner dreiteiligen Dokumentation zeichnet Patricio Guzmán die Endphase der Regierungszeit von Salvador Allende nach. Der Film besteht nicht aus Archivmaterial, Guzmán und sein Team drehten kontinuierlich zwischen 1972 und 1979. Chiles bedeutendstem Dokumentarfilmer gelang es, das Rohmaterial ins kubanische Exil zu retten und dort sein monumentales Zeugnis des „Kampfes eines unbewaffneten Volkes“ – so der Untertitel des Films – zu gestalten.“ Ein ausgezeichnetes Werk!

Nachhall/Nation ohne Grenzen, Francisco Letelier, Die Schlacht um Chile. Der Kampf eines Volkes ohne Waffen, LAIKA-Verlag, 2011 (mit den CDs des Dokumentarfilmes: Schlacht um Chile)

MIR. Die Revolutionäre Linke Chiles, LAIKA-Verlag, 2011

Im Land sterben, Magazin DER SPIEGEL vom 30.9.1973, Nr. 40/1973: https://www.spiegel.de/politik/im-land-sterben-a-abd96fcc-0002-0001-0000-000041911346?context=issue

BND, Chile-Putsch und viele offene Fragen, Ben Knight hka vom 5. Januar 2019: https://www.dw.com/de/die-bundesregierung-mauert-zu-bnd-chile-putsch-und-vielen-offenen-fragen/a-46959310

„Die Jakarta-Methode“, german-foreign-policy.com vom 11.9.2023: https://www.german-foreign-policy.com/news/detail/9341

Der Neoliberalismus aber erlebte einen Triumph – und gleichzeitig ein ethisches Debakel, faz vom 11.8.2023: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/chicago-boys-in-chile-pinochet-putsch-vor-50-jahren-19065596.html

50 Jahre Militärputsch in Chile, amerika21-Dossier, 2023: https://amerika21.de/dossier/50-jahre-militaerputsch-chile

El pueblo unido jamas será vencido, INTI-ILLIMANI, Santiago de Chile, 2019: https://www.youtube.com/watch?v=Cuzl_QTBlWI

El país que soñamos, INTI ILLIMANI: https://www.youtube.com/watch?v=vBuAbQ20ONY

„El país que soñamos“ es un registro audiovisual realizado en los sitios de memoria del Estadio Nacional a propósito de la conmemoración de los 50 años del Golpe de Estado. Un esfuerzo de preservación de nuestra memoria histórica en oposición al negacionismo tan en boga en estos días.

Salvador Allende, von Patricio Guzmán, Länge:1:41. Dieser ausgezeichnete Film ist eine Woche dort frei zu sehen: https://www.fritz-bauer-forum.de/film-salvador-allende-eine-woche-kostenfrei-zu-sehen/

Mumien – Die Chile-Kantate, Floh de Cologne, (1974/2023): https://yewtu.be/watch?v=o3UoT1NNUa0

Wir danken für das Abdruckrecht.

Weitere ausführliche Informatiomnen im Labournet:
https://www.labournet.de/internationales/chile/geschichte-chile/50-jahre-putsch-in-chile-der-andere-11-september/

„Wir müssen handeln“

Kleiner Bericht über die Versammlung „Wir müssen handeln“, die unter dem Dach der „Antikriegskoordination“ am Samstag, den 9.9. im Mehringhof stattfand.

Die Veranstaltung, an der bis zu 60 vorwiegend junge Leute teilnahmen, bestand aus den Blocks: „Gespräch mit Antimilitarist:innen aus Russland und der Ukraine“, Vorstellung der Arbeit des trans/feministischen Kollektivs „Non una di Meno“ aus Mailand und des Hafenarbeiterkollektivs CALP aus Genua. Danach folgte ein Referat von Jürgen Wagner von der auch im Forum schon oft zitierten „Informationsstelle Militarisierung“ (IMI) (https://www.imi-online.de/) Den Abschluss bildete eine Diskussionsrunde zu weiteren Perspektiven. Ich beschränke mich hier auf das Russland/Ukraine-Thema, obwohl gerade in Bezug auf die politische Schlagkraft gerade die italienischen Genoss:innen von CALP und der „Non una die Meno“ im gemeinsamen Antimilitarismus sicher ein größeres Rad drehen und besonders lehrreich sind. „Nun una di Meno“ ist ein internationales feministisches Netzwerk, das in Lateinamerika als Widerstand gegen die Femizide entstanden ist. (1) In Italien spielt „Nun una die Meno“ eine wichtige Rolle bei der Organiaierung und Mobilisierung des Widerstands gegen die Militärbasen der NATO, die aktuell ausgedehnt werden. Denn Krieg ist auch die zugespitzte Form patriarchaler Gewalt. Ferner thematisieren die Frauen erfolgreich den Zusammenhang von Aufrüstung und Sozialabbau. Zur CALP siehe auch hier: https://gewerkschaftliche-linke-berlin.de/italien-das-autonome-hafenarbeiterkollektiv-calp/

Die Gäste aus Russland und der Ukraine waren online ohne Bild zugeschaltet, da sie illegal operieren müssen. Ursprünglich war die Gruppe RTU vorgesehen,die seit längerem mit den ukrainischen Genoss:innen der RFU kooperiert. Doch hat dies wohl aus Sicherheitsgründen nicht geklappt, so das die Gruppe RKSM (b) eingesprungen ist. Vorbereitet wurde die Versammlung vor allem aus Aktivist:innen von „Rheinmetall entwaffnen“, der Gruppe  „Migrantstrikes“ und der Initiative „Nieder mit dem Krieg!“. Letztere ist eine der kommunistischen Neugründungen, die in den letzten Jahren entstanden sind und vor allem aus jungen Aktivist:innen besteht. Teilweise erlebt man hier wohl eine Art Deja-vu der K-Gruppen-Szene der 70er Jahre. Doch freuen wir uns über das rebellische Moment und hoffen auf Lernprozesse.   

Die RFU wies darauf hin, dass die Situation in der Ukraine dadurch gekennzeichnet sei, dass die gesamte Opposition, auch die bürgerliche, unterdrückt wird. Die Ukraine habe eine fortschrittliche Arbeitsverfassung aus der Zeit der UdSSR gehabt, die aber jetzt entsorgt würde. Streik- und Demonstrationsrecht seien aufgehoben. Ebenso der Kündigungsschutz. Wer auch nur einen Tag krank wird, muss damit rechnen entlassen zu werden. Die maximale Länge der wöchentlichen Arbeitszeiten wurde von 40 auf 60 Stunden erhöht, ohne dass es dafür mehr Geld gibt. Nachtzuschläge gibt es ebenfalls nicht mehr. Auch wurde das Recht Kollektiverträge abzuschließen kassiert. Renten werden gekürzt und die Lebensarbeitszeit verlängert. Im Rahmen der neoliberalen Umgestaltungen der Arbeitswelt verspräche sich besonders Blackrock einen größeren Anteil an der Beute des Krieges. Die RFU arbeitet vor allem unter Wehrpflichtigen, die sie unterstützt im Kampf um den versprochenen Sold, bei Krankheit und anderen Problemen und nimmt hier eine wachsende Unzufriedenheit wahr. Die Arbeitslosigkeit habe in der Ukraine zeitweise mehr als 50% betragen und sei jetzt auf ein Niveau von 35% gesunken. Dies erzeuge starke Abhängigkeiten und Gefügigkeit. Das erkläre auch, warum viele in die Armee gegangen sind. Diese bestehe in hohem Maße aus Arbeitern, die sich eine Ausreise nicht leisten können und irgendwie überleben müssen. In Russland sei das nicht viele anders. Insgesamt hätten sich von dort wohl 1 Mio Menschen ins Ausland abgesetzt. In der Armee sind die, die sich nicht ins Ausland absetzen können. In der Diskussion zur Gruppe „Sotsialny Ruch“, die in Deutschland für Teile der Linken eine wichtige Kontaktgruppe ist, befragt, antwortete der Genosse, SR sei für sie eine sozialchauvinistische Vereinigung und habe eigentlich in der Ukraine keinen wirklichen politischen Einfluss und Basis, existierte nur auf Grund von Geldzuwendungen aus dem Westen. Ihr Kern bestünde wohl aus RLS-Stipendiat:innen. Credo der RKSM (b); „Wir dürfen nicht die Sozialchauvinismusfehler der Linken im 1. Weltkrieg wiederholen.“ Die RFU operiert mit sozialen Medien wie telegramm und You Tube und schafft Öffentlichkeit durch Grafitties.

Die RKSM (b) – b steht für Bolschewiki – ist ebenfalls eine ML-Gruppe, die unter Gleichgesinnten auch international vernetzt ist. Sie unterstützt die Selbstorganisation der Jugend, arbeitet auch in Sportvereinen, macht Lesekreise und Schulung in Literatur der marxistischen Klassiker, möchte die Arbeiterbewegung stärken. Aktuell hat sie eine Protestbewegung der russischen Postangestellten unterstützt, die Wellen durch ganz Russland ausgelöst hatte. Gemeinsam mit RTU  und RFU möchte sie eine gemeinsame Plattform der ukrainischen und der russischen Kommunist:innen erarbeiten. Zur Frage, wie sich die russische Linke insgesamt zum Krieg positioniert, wurde gesagt: Es gibt drei Lager, eins ist pro-westlich, ein zweites für die Unterstützung der russischen Regierung und ein drittes antimilitaristisch und internationalistisch. Das dritte bekomme gerade unter jungen Leuten verstärkten Zulauf. Die RKSM (b) sieht Faschisierungstendenzen in Russland. Doch sieht sie dort ebenso wie die RTU keinen Faschismus an der Macht. In der Debatte über die Frage, ob Russland imperialistisch sei, bemühten die Genoss:innen ausgiebig Lenins Imperialismusschrift und verwiesen insbesondere auf die zentrale Bedeutung des Kapitalexports für Lenin. Darüber versuchten sie zu begründen, dass die russische Außenpolitik einem imperialistischen Pfad folgt. Sie wiesen in diesem Kontext auch darauf hin, dass die russischen Oligarchen in der Ukraine viel Geld und Einfluss verloren haben, was ihr Interesse an kriegerischen Lösungen beflügelt haben könnte. Natürlich habe Russland nicht die imperialistische Potenz wie die USA, sei kleiner und schwächer, doch seien die Triebkräfte der Politik keine anderen.   

Der antimilitaristische Konsens der Veranstaltung war tragend. Ohne erkennbare Resonanz blieben die Wortmeldung einer ungarischen Linken, Waffenlieferungen an die Ukraine seien unverzichtbar und die Klage einer ehemaligen RAF-Angehörigen im Saal herrsche eine empörende Russlandfeindlichkeit.

Bei aller Freude darüber, dass sich hier eine Bewegung auf antimilitaristischer Basis formiert, die sich weigert, Kriegspartei zu sein, hatte ich aber auch den Eindruck, dass die Veranstalter eher in ihrem bescheidenen Rahmen weiter wirken wollen, ohne sich der Aufgabe zu stellen, dazu beizutragen, die Friedensbewegung insgesamt wirkungsmächtiger zu machen. Es genügt der Blick auf die Entschlossenheit der kriegstreibenden Kräfte und die geringe eigene Mobilisierungsfähigkeit, um zu begreifen, dass wir erst am Anfang stehen. Ein bedeutender Schritt vorwärts wäre, wenn die jetzt getrennt marschierenden Kräfte der Linken, sich über einen belastbaren Minimalkonsens einigen könnten, der für alle Kriegsgegner:innen offen ist und gleichzeitig alle Friedenssimulanten abweist.

(1) Ni una menos (wörtlich „Nicht eine weniger“) ist eine gesellschaftspolitische feministische Bewegung, die durch Streiks, Demonstrationen und gewaltfreie Mobilisierungen gegen geschlechtsspezifische Gewalt, Patriarchat, Chauvinismus, Machismo und Sexismus kämpft. Es setzt sich für eine Gesellschaft ein, die frei von patriarchaler Logik ist und Institutionen, Medien, Arbeit und Verhalten von einem überwiegend männlichen Modell befreit. Geboren wurde die Bewegung am 3. Juni 2015 in Argentinien geboren, der Name greift einen Satz der mexikanischen Dichterin Susana Chávez auf: „Ni una mujer menos, ni una muerta más (Nie eine Frau weniger, noch eine tote Frau mehr)“. Sie hatte die Feminizide angeprangert, die in ihrer Heimatstadt Ciudad Juárez verübt wurden und in der sie an den Folgen starb.Nach einigen Episoden der Gewalt mobilisierten Menschen auf der Straße, um gegen den Femizid von Chiara Paez zu protestieren, einem vierzehnjährigen schwangeren Mädchen, das von ihrem Freund in Santa Fè zu Tode geprügelt und am nächsten Tag (15. Mai 2015) im Krankenhaus aufgefunden wurde starker sozialer Vorstoß für die Zukunftsbewegung. Am 3. Juni 2015 fand die erste Demonstration statt, deren Organisationskomitee aus gut vernetzten Journalistinnen, Akademikerinnen und Aktivistinnen bestand. Die Zusammensetzung der Gruppe war im Bezug auf politische Ausrichtung und Zugehörigkeiten sehr divers. Durch funktionierende Vernetzungs- und Kommunikationsstrukturen konnte Ni Una Menos schnell vielfältige Bevölkerungsschichten ansprechen und mobilisieren. An dieser Demonstration nahmen 300.000 Teilnehmende teil. Sie fand auf der Plaza del Congreso in Buenos Aires statt. In der Folge fanden weitere Demonstrationen landesweit in mehr als 100 Städten statt. Rasch wurden die Massenproteste zu einer transnationalen, feministischen Bewegung, die durch globale Frauenstreiks am Internationalen Frauentag 2017 und 2018 fortgesetzt wurden. Die Proteste breiteten sich sofort von Mexiko bis Uruguay aus und erreichten Länder wie Südkorea und Polen. Dies löste einen Zyklus von Massenprotesten in Lateinamerika und darüber hinaus aus, einschließlich der Globalen Frauenstreiks am Internationalen Frauentag 2017 und 2018. Bis 2018 hatte sich Ni Una Menos auf mindestens sechshundert Städten weltweit ausgedehnt. (Wikipedia)

Krieg ohne Krieger – oder: Das phantomhafte Töten und Sterben an der Front

Bild: Tote Soldaten, verpackt in weisse Säcke … (Symbolbild)

Seit über anderthalb Jahren bekämpfen sich russische und ukrainische Soldaten auf dem Gebiet der Ukraine. Täglich sterben zahllose Soldaten zu beiden Seiten der Front. Doch vom wechselseitigen Töten und Sterben bekommen wir nichts mit.

Von Leo Ensel

Über anderthalb Jahre dauert inzwischen der – ja, wie soll man eigentlich schreiben?

„Völkerrechtswidrige russische Angriffskrieg auf die Ukraine“? – Das wäre nicht falsch, ist aber nur die halbe Wahrheit, denn Kiew beschießt seit über neun Jahren die russische oder mit Russland sympathisierende Bevölkerung im Donbass und kappt die Wasserversorgung für die Bewohner der Krim.

„Stellvertreterkrieg zwischen dem Westen und Russland auf ukrainischem Territorium“? – Der tobt ebenfalls bereits erheblich länger, denn sowohl die USA als auch Russland sind seit mehr als neuneinhalb Jahren verdeckte oder offene ‚Player‘ in der Ukraine.

Die „militärische Spezialoperation“? – Die nennen mittlerweile auch in Russland immer mehr Menschen beim richtigen Namen: Krieg!

Anyway: Über anderthalb Jahre ist es mittlerweile her, dass der Krieg in der Ukraine mit Russlands direktem militärischen Eingreifen auch außerhalb der Rebellengebiete im Donbass und auf der Krim eine neue brandgefährliche Dimension erreicht hat. Auf dem Gebiet der Ukraine kämpfen seitdem russische Soldaten – die meisten von ihnen, sieht man von professionellen Söldnerbanden wie der bis vor kurzem aktiven „Wagner“-Gruppe ab, sicher nicht freiwillig – gegen ukrainische Wehrpflichtige, die ihrerseits von, meist rechtsextremen, Paramilitärs, westlichen „Interbrigaden“ und ultranationalistischen russischen Putin-Gegnern personell unterstützt werden. Seit Monaten ist dieser Krieg festgefahren zu einem an die Gefechte des Ersten Weltkriegs erinnernden Stellungs- und Zermürbungskrieg, in dem mit erheblichen Verlusten an Menschen und unter in Kaufnahme der Verseuchung weiter Flächen durch Minen, Uran- und Streumunition verbissen um jeden Quadratkilometer Terrains gekämpft wird und von dem immer mehr Militärfachleute offen einräumen, dass er für keine Seite zu gewinnen ist.

Aktuell zum Thema und unterstütze die Forderung "Keine Auslieferung von Kriegsflüchtlingen an die Ukraine!" 

Die im Dunklen sieht man nicht

Seit Kriegsbeginn hämmern uns die westlichen Leitmedien unisono im Dauerstaccato ein, dass (nahezu) alle ukrainischen Soldaten gut und (nahezu) alle russischen abgrundtief böse, wenn nicht teuflisch seien. (In Russland ist es selbstverständlich umgekehrt.) Dass es sich zumindest bei den regulären russischen Soldaten um Männer handelt, die in ihrer überwiegenden Mehrzahl in diesen Krieg, der nicht ihrer ist, von ihrer Obrigkeit hineingezwungen werden und dass auch die ukrainischen Männer im mittlerweile auf 60 Jahre hochgesetzten wehrpflichtigen Alter aufgrund der verhängten Ausreisesperre so gut wie keine Möglichkeit haben, sich dem Kriegsdienst zu entziehen – es sei denn, es gelingt ihnen, von der allgegenwärtigen Korruption zu profitieren; sprich: sie entstammen privilegierten Familien oder sind finanziell potent genug, sich frei zu kaufen –, dass wir es also auf beiden Seiten überwiegend mit zwangsverpflichteten Männern zu tun haben, das mag hier in seltenen Fällen mental vielleicht noch präsent sein, emotional ist es längst inexistent. Und das soll es ja auch sein! 

Diese Soldaten kämpfen tagtäglich. (Genauer: Sie müssen das!) Das heißt: Sie greifen an und sie verteidigen. Sie sitzen in Panzern, Kampfhubschraubern und -flugzeugen und sie sind hinter der x-ten Verteidigungslinie in Schützengräben verschanzt. Sie bedienen Raketenwerfer, Langrohrkanonen, Mörser und Haubitzen, sie starten Drohnen und Marschflugkörper, sie schießen mit Panzerfäusten, Granaten, Raketen, Schmetterlingsminen, Streumunition und abgereichertem Uran. Sie beschießen militärische und sie beschießen zivile Ziele. Kurz: Sie zerstören, sie verletzen, sie töten. Und sie werden verletzt und getötet.

Von all diesen direkten Kampfhandlungen bekommen wir, die ,mündige Bürger‘ genannten Medienkonsumenten im Westen, aber auch in der Ukraine und in Russland so gut wie nichts mit. Und das obwohl, wie immer wieder berichtet, in der Ukraine täglich solch astromische Mengen von Munition verballert werden, dass EU wie USA mit der Produktion mittlerweile gar nicht mehr nachkommen! (Die völkerrechtlich verbotene Streumunition wurde von den USA ja angeblich nur geliefert, weil nichts Anderes mehr im Angebot war.)

Die Kämpfer aber, ob Russen oder Ukrainer – und vor allem die Toten und Verletzten unter ihnen – bleiben auf gespenstische Weise unsichtbar. Ominöse Sprachfloskeln wie die mittlerweile hüben wie drüben eingebürgerte vom berüchtigten „Bachmuter Fleischwolf“ eröffnen zwar einen grauenerregenden Phantasieraum, sehen tun wir jedoch – vorausgesetzt, wir verlassen uns auf die Leitmedien aller kriegführenden Parteien – so gut wie nichts! Keine Soldatenleichen, kein verzweifelt nach seiner Mutter wimmernder Kämpfer, dem die Gedärme aus dem Leibe hängen, kein Leichengestank quillt uns aus Drohnenbildern der Bachmuter Ruinen entgegen und auch die zahllosen Amputierten und anderen Kriegsversehrten – das Wall Street Journal berichtete am 1. August diesen Jahres, „zwischen 20.000 und 50.000 Ukrainer“ hätten seit Kriegsbeginn „ein oder mehrere Gliedmaßen verloren“ – werden wir erst viel, viel später zu Gesicht bekommen. Eine ‚feindübergreifende Allparteienkoalition‘ der Verteidigungsminister, Regierungssprecher und Medien verschont uns mit allem gnädiglich. 

Kurz: Die Informationen vom wechselseitigen Abschlachten an der Front bleiben völlig abstrakt. Gefühle lösen sie – im Gegensatz zu den fast täglichen Bildern von den zivilen Opfern in ihren ausgebombten Häusern – nicht aus. 

Vom ‚Informationsdesaster‘ zu ‚Embedded Journalists‘

Nicht nur die USA, auch die manifest kriegführenden Akteure in der Ukraine haben aus dem seinerzeitigen ‚Informationsdesaster‘ der US-Army und ihrer GIs im Vietnamkrieg gelernt: Damals lieferten mutige Kriegsberichterstatter noch weitestgehend unzensierte Bilder vom Morden, vom Töten und vom Sterben direkt von der Front frei Haus, die weltweit über die Bildschirme flimmerten und auf den Titelseiten der tonangebenden Zeitungen erschienen – und vor allem die junge Generation in den Ländern des Westens zu Protest- und Verweigerungsaktionen auf die Straße trieben. Spätestens seit dem Golfkrieg 1991 werden wir, wenn überhaupt, nur noch mit – den Militärs und Machthabern genehmen – klinisch-reinen Bildern und Filmen von „Embedded Journalists“ beliefert.

(Dass, wie in allen Kriegen, auch im Ukrainekrieg alle Seiten alles dafür tun, die Verluste der gegnerischen Seite möglichst hoch- und die der eigenen möglichst herunterzuschreiben, die realen Zahlen der Getöteten und Verletzten aber als streng gehütetes Staatsgeheimnis versiegeln, versteht sich von selbst. Schließlich soll die ‚Moral‘ von Kämpfenden und Heimatfront nicht gefährdet werden!)

Und so kommt es, dass wir bezogen auf die Zahlen der zivilen Kriegsopfer besser informiert sind als über die der Soldaten: Vom 24. Februar 2022 bis zum 30. Juni 2023 dokumentierte das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte für die Ukraine 9.171 getötete und 15.993 verletzte Zivilisten. (Die Dunkelziffer dürfte sicher deutlich höher liegen.) Was die Zahl der Kämpfer angeht, so sprach der ranghöchste Militär der USA, der Vorsitzende des Vereinigten Generalstabs der US-Streitkräfte, Mark Milley, im November letzten Jahres für beide Seiten von insgesamt mehr als 100.000 getöteten oder verwundeten Soldaten. (Militärexperten schätzen die Relation von Getöteten zu Verwundeten auf eins zu drei oder vier. Wir hätten es also mit jeweils 20.000 bis 33.000 Toten unter den Soldaten zu tun.) Mittlerweile dürfte sich die Zahl auf beiden Seiten – besonders allerdings auf der ‚angreifenden‘ ukrainischen – deutlich erhöht haben, zumal derselbe General kürzlich davor warnte, die ukrainische Gegenoffensive werde „lange dauern, und sehr, sehr blutig werden.“

„Amputiert, aber sexy!“ – Der zynische Trost

Einen indirekten Eindruck von dem, was sich jeden Tag zu beiden Seiten der Front abspielen mag, erhalten wir immerhin durch einen medizinischen Fachartikel, den eine sich „Global Surgical and Medical Support Group“ nennende US-Organisation im August veröffentlichte. (Ich zitiere hier aus einem zusammenfassenden Bericht, der gerade im Schweizer Infosperber erschien.) 

Das Pikante: Das Hauptanliegen dieser „Globalen chirurgischen und medizinischen Unterstützungsgruppe“, die bereits wenige Tage nach Kriegsbeginn in der Ukraine eintraf, ist trotz ihres humanitär klingenden Namens nicht in erster Linie, verletzten ukrainischen Soldaten medizinische Hilfe anzubieten. Ziel ist vielmehr, wie bereits die Überschrift des Artikels ungeniert verrät, „Lektionen aus dem Krieg in der Ukraine und Anwendungen für künftige Konflikte mit nahezu ebenbürtigen Gegnern“ zu ziehen. „Der Konflikt mit der Ukraine bildet eine einmalige Gelegenheit für die Vereinigten Staaten, sich auf einen potenziellen, künftigen Konflikt mit nahezu ebenbürtigen Widersachern vorzubereiten – gegnerische Nationen mit gleichwertiger militärischer Stärke“ [gemeint sind China und Russland; d.V.], schreibt die Gruppe einleitend. 

Ein wahres Himmelsgeschenk, dieser Krieg in der Ukraine! Hatten die USA in den letzten Jahrzehnten doch nahezu alle Kriege – ob gegen „den Terror“ oder zu eliminierende Diktatoren – gegen erheblich schwächere Gegner und dazu zumeist auch noch aus der Luft oder via Joystick geführt. Unmöglich, nicht an die Ärzte zu denken, die das U.S. Strategic Bombing Survey wenige Monate nach den ersten beiden Atombombenabwürfen in die weitgehend zerstörten und verstrahlten Städte Hiroshima und Nagasaki schickte und deren Job es nicht etwa war, den zahllosen verletzten, hochtraumatisierten Menschen medizinische Hilfestellung zu leisten, sondern die bis dato völlig unbekannten Auswirkungen der radioaktiven Strahlung auf den menschlichen Organismus wissenschaftlich zu erforschen!

Die konkreten, zum Teil verheerenden Verletzungen und Probleme bei der Ersten Hilfe, die die Autoren auf der ukrainischen Seite der Front beobachteten, dürften mutatis mutandis auch für deren russische Gegner zutreffen: 

  • Beim Einsatz panzerbrechender Munition starben z.B. in leichteren Fahrzeugen als Panzer Dreiviertel der Menschen sofort. Bei einem Menschen in 60 Metern Entfernung verbrannten 80 Prozent der Hautoberfläche; drei Tage später verstarb er. 
  • Über 70 Prozent der Verletzungen würden von Artilleriefeuer und Raketenbeschuss stammen, was zu massiven „Polytraumata“ an multiplen Organen führe. Obwohl die allermeisten Soldaten in der Ukraine Helm und Körperschild trügen, würden oft Fremdkörper durch den Schild hindurch oder seitlich oder unterhalb des Schilds eindringen. Einer der Gründe: Im Moment der Bedrohung rissen die Soldaten die Arme hoch, um ihren Kopf schützen.
  • Bei Raketen- und Artilleriebeschuss komme es regelmäßig zu Schädel-Hirn-Traumata, die allerdings oft noch durch andere Wunden und Verletzungen überschattet würden.
  • Jeder vierte Verwundete, der frontnah behandelt werde, befände sich wegen des starken Blutverlustes im Schockzustand.
  • Blutkonserven, die über 40 bis 50 Prozent der Eingelieferten benötigten, könnten nicht immer verabreicht werden, da die für das Kühlen bzw. Auftauen der Konserven benötigten Stromgeneratoren in Frontnähe die Sicherheit gefährdeten. 
  • Der Nachschub für chirurgische Ersthelfer an der Front gerate regelmäßig unter Beschuss und da feindliche Drohnen und Flugkörper bis weit ins Hinterland reichten, seien Verletzte und Helfer selbst in geschützten Anlagen noch nicht sicher. Ambulanzen und Gesundheitseinrichtungen würden zudem gezielt angegriffen. Das Gleiche gelte für die Kommunikation zwischen Helferteams und Front.

Momentaufnahmen, die – mehr haben wir im Moment kaum zur Verfügung – immerhin die Phantasie anstacheln könnten! Für die bereits erwähnten 20.000 bis 50.000 Ukrainer allerdings, denen infolge von Kriegsverletzungen bereits ein oder gar mehrere Gliedmaßen amputiert werden mussten, hatte ein Kolumnist der New York Times einen höchst originellen Trost parat. Er zitierte die Frau eines Amputierten mit den Worten: „Er ist sehr sexy ohne Bein!“

Wäre es angesichts dieser Gräuel und dieser Zynismen nicht endlich an der Zeit, allen Kämpfenden dies- und jenseits der Front die guten Worte Bertolt Brechts entgegenzuschleudern: „Habt doch endlich Mitleid mit Euch selber!“ Und wäre es nicht an der Zeit, die hoffentlich kampfesmüde Gewordenen durch eine internationale Kraftanstrengung für ein sofortiges Schweigen der Waffen zu erlösen, damit es statt eines ‚Kriegs ohne Krieger‘ endlich nur noch ‚Krieger ohne Krieg‘ gibt?

Erstveröffentlicht auf „GlobalBridge“
https://globalbridge.ch/

Wir danken für das Abdruckrecht.

Diese Seite verwendet u. a. Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung