„Auch scheinbar aussichtslose Kämpfe können gewonnen werden“

Drittmittelabhängigkeiten, Arbeitsverdichtung und Lohndumping kennzeichnen deutsche Hochschulen. Wie Gewerkschafter gegenhalten können, erklärt Claudius Naumann

Von Pascal Richter, junge Welt vom 6.8.2026

Claudius Naumann war 45 Jahre an der Freien Universität Berlin: zunächst als Student und später als Beschäftigter sowie Gewerkschafter.

Sie sind nach 45 Jahren an der Freien Universität in Rente gegangen. Wie begann Ihr Weg an der FU und was haben Sie dort gemacht?

1981 kam ich zum Studium der osteuropäischen Geschichte an die FU nach Westberlin, später wechselte ich zur Iranistik. Seit 1995 war ich am Institut für Iranistik fest beschäftigt und arbeitete an der Schnittstelle von Wissenschaft und IT – vom Aufbau der elektronischen Datenverarbeitung bis zur Betreuung wissenschaftlicher Publikationen.

Meine Tätigkeit hat mir gezeigt, wie unsinnig die Spaltung beziehungsweise Hierarchisierung zwischen wissenschaftlichen und sogenannten »sonstigen« Beschäftigten ist. Es gibt nicht »wichtige« und »unwichtige« Beschäftigte; alle sind gleich wichtig für das Funktionieren unseres Betriebs.

Sie haben die Entwicklung der FU über Jahrzehnte erlebt. Was hat sich am stärksten verändert?

Die FU ist heute viel stärker den Interessen von Staat und Kapital untergeordnet als früher. Forschung hängt angesichts der chronischen Unterfinanzierung zunehmend von Drittmitteln ab, wodurch staatliche und industrielle Geldgeber immer stärker bestimmen, was er- und wie geforscht wird. In Zukunft werden dabei die Erfordernisse der Herstellung der »Kriegstüchtigkeit« zur maßgebenden Größe werden. Gleichzeitig wird die Universität selbst zusehends wie ein Unternehmen geführt: Arbeitsverdichtung, Flexibilisierung, Outsourcing und so weiter prägen den Alltag. Auch die Situation der Studierenden hat sich verschlechtert. Bachelor und Master bedeuten mehr Leistungsdruck, während steigende Mieten und Lebenshaltungskosten ein Studium ohne finanzielle Unterstützung für viele kaum noch ermöglichen.

Wie haben Sie die Studierendenbewegung erlebt?

Für mich war als gewerkschaftlich aktiver Beschäftigter klar, dass Beschäftigte und Studierende nur gemeinsam erfolgreich sein können im Kampf für bessere Bedingungen an der Uni. Positiv ist, dass sich heute viele Studierende in Verdi und GEW organisieren.

Die FU gibt sich nach außen gerne als Erbin der 68er-Bewegung aus und hat sogar einen Weg nach Rudi Dutschke benannt. Das ist die reinste Heuchelei, wie man zum Beispiel am Umgang mit den Protesten gegen den Genozid in Gaza sieht. Das Präsidium geht gegen heutige studentische Proteste genauso repressiv vor wie die Unileitung vor 60 Jahren: Friedliche Besetzungen werden geräumt, Studierende kriminalisiert und mit Strafanzeigen überzogen. Während 2022 die Beziehungen zu Russland nicht schnell genug abgebrochen werden konnten, hält die FU bis heute an ihrer »strategischen Partnerschaft« mit der Hebräischen Universität auf besetztem palästinensischem Gebiet in Ostjerusalem fest. 1968 wurde gerufen: »Unter den Talaren – der Muff von 1.000 Jahren«. Die Talare sind weg, die semifeudalen Machtstrukturen mit der absoluten professoralen Mehrheit in den Gremien muffeln aber bis heute.

Welche Rolle sollten Gewerkschaften heute an den Hochschulen spielen?

Dieselbe Rolle wie in jedem Betrieb: die Einheit der Beschäftigten im Kampf für ihre Interessen herstellen und existierende Spaltungen der verschiedenen Beschäftigtengruppen überwinden. Wobei ich Gewerkschaft in erster Linie als Selbstorganisation und Aktivierung der Beschäftigten verstehe. Eine Betriebsgruppe sollte unabhängig und selbstbewusst agieren, auch wenn es der Gewerkschaftsspitze nicht gefällt. Als unsere Verdi-Betriebsgruppe 2025 eigene Forderungen zur Tarifrunde sowie friedenspolitische Thesen öffentlich diskutieren wollte, wurde unsere Homepage abgeschaltet. Millionen Gewerkschaftsmitglieder hatten dadurch gar nicht erst die Möglichkeit, diese Positionen kennenzulernen. Das zeigt, wie schwer innergewerkschaftliche Demokratie gegen den bürokratischen Gewerkschaftsapparat durchzusetzen ist.

Sie waren viele Jahre Personalrat. Welche Erfahrungen haben Sie besonders geprägt?

Ich habe gesehen, wie häufig an der FU Arbeits- und Tarifrecht verletzt wurde. Besonders belastend waren auch Fälle, in denen Gesundheit und Sicherheit von Beschäftigten gefährdet wurden. Personalräte können eine wichtige Schutzfunktion erfüllen, verfügen meist jedoch nicht über ausreichende Mittel, um sich gegen die Dienststelle durchzusetzen. Gerichtsverfahren dauern Jahre. Deshalb können Personalräte nur erfolgreich sein, wenn eine aktive Gewerkschaft im Betrieb Dampf macht.

Ich habe außerdem erlebt, wie schnell das System der »vertrauensvollen Zusammenarbeit« Personalratsmitglieder politisch korrumpieren kann. Deshalb braucht es unabhängige Betriebsgruppen, die stets ein kritisches Auge auf die von ihnen gestellten Personalratsmitglieder haben und diese an ihre Wahlversprechen erinnern. Leider ist es manchmal umgekehrt so, dass Personalräte versuchen, die Gewerkschaft in ihr Komanagement einzuspannen.

Viele verbinden Ihren Namen mit den Auseinandersetzungen um die Tierkliniken. Was war dort der Kern des Konflikts?

Sogenannte »Interns«, also bereits approbierte Tierärztinnen und Tierärzte, arbeiteten bis vor circa zehn Jahren faktisch wie bei einem regulären Arbeitsvertrag, erhielten aber keine Bezahlung. Zusätzlich wurden sie über eine private Gesellschaft als Leiharbeiter*innen für Nachtdienste eingesetzt – zum Leiharbeitstarif. Nach intensiver Recherche gelang es, gerichtlich feststellen zu lassen, dass es sich tatsächlich um Arbeitsverhältnisse handelte. Dennoch versuchte die FU, ein prekäres außertarifliches Entlohnungssystem durchzusetzen. Als ich mich auf einer Personalversammlung für die Einhaltung des Tarifvertrags aussprach, verlor ich danach meine Freistellung im Personalrat. Erst Jahre später gelang es, vor allem durch die Öffentlichkeitsarbeit der Betriebsgruppe im Zusammenwirken mit einem besser aufgestellten Personalrat und den Betroffenen, Bezahlung gemäß Tarif durchzusetzen. Diese Auseinandersetzung hat gezeigt, dass die Organisation der Betroffenen und der gewerkschaftliche Druck aus dem Betrieb entscheidend sind.

Welche Bedeutung hatte die Verdi-Betriebsgruppe bei solchen Konflikten?

Die Betriebsgruppe war immer dann erfolgreich, wenn sie unabhängig gehandelt und nicht auf Initiativen von oben gewartet hat. Ein Beispiel war die Kampagne zur Hauptstadtzulage oder die Unterstützung der Beschäftigten im Botanischen Garten beim erfolgreichen Kampf um die Rückabwicklung des Outsourcings. Die spätere Zusammenführung der beiden Betriebsgruppen war für die Betriebsgruppe an der FU ein wichtiger Impuls. Die Kampferfahrung der »Harten aus dem Garten« ist bis heute ein Lehrstück.

Berliner Hochschulen stehen erneut unter großem Spardruck. Wie lässt sich dagegen Widerstand organisieren?

Kürzungen lassen sich nur erfolgreich bekämpfen, wenn ihre Ursachen angegangen werden. Während Milliarden für Aufrüstung bereitgestellt werden, heißt es bei Bildung, Gesundheit und Sozialem, es sei »kein Geld da«.

Die Frage von Aufrüstung und Sozialabbau, von Krieg und Frieden betrifft alle Beschäftigten im Betrieb – vor allem die jungen, die nicht im Schützengraben verbluten wollen – und ist selbstverständlich auch eine gewerkschaftliche Frage. Es ist höchst fragwürdig, dass die Verdi-Führung den Zusammenhang nicht benennen möchte und statt dessen zur Ablenkung nur »Umfairteilung« fordert, als ob es damit getan wäre, die Kriegslasten bis hin zum Sterben »gerecht« zu verteilen. Die Gewerkschaft muss sich dem Kurs der »Kriegsertüchtigung« entgegenstellen. Das erfordert Bereitschaft zu Konflikten mit der Regierung.

Was möchten Sie den Beschäftigten und Gewerkschaftsmitgliedern mit auf den Weg geben?

Viele sind enttäuscht von ihren Arbeitsbedingungen und auch von den Gewerkschaften angesichts der miserablen Tarifrunden. Trotzdem lautet mein Appell: Organisiert euch und bleibt aktiv, auch um die Gewerkschaften wieder auf Kurs zu bringen. Der erfolgreiche Kampf gegen das Outsourcing im Botanischen Garten zeigt, dass auch scheinbar aussichtslose Auseinandersetzungen gewonnen werden können, wenn die Einheit im Kampf hergestellt wird.

Aber ich meine auch, dass der gewerkschaftliche Kampf alleine nicht reicht, wenn wir Frieden und ein gutes Leben haben wollen. Wir müssen uns organisieren, um Schluss zu machen mit dem kapitalistischen System von Ausbeutung und Krieg!

Der Beitrag wurde am 6. August bei Junge Welt publiziert. Wir danken für das Publikationsrecht.

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Foto (Privat): Unbekannte haben die Galerie im Henry-Ford-Bau der FU verschönert

Aus dem Häuschen

Nach dem Drohnenfund von Leipzig überbieten sich Politiker mit Strafforderungen. Dabei ist nicht mal der Täter bekannt, kommentiert Daniel Säwert

Titelbild: Screenshot tagesschau

Die Drohne von Leipzig hält die Republik weiter auf Trab. Obwohl noch immer nicht geklärt ist, wer hinter dem Fluggerät mitsamt Sprengstoff steht, überbieten sich Medien und Politik mit Spekulationen und Forderungen nach möglichst harten Reaktionen. Zurückhaltung scheint keine Option mehr zu sein.

Erst spät, eigentlich zu spät, besannen sich viele Medien auf den Grundsatz, niemanden fälschlicherweise zu beschuldigen. Das pflichtbewusste »mutmaßlich« bezüglich der Täterschaft, wie es in beinahe jedem Text zum Anschlag auf den CSD in Berlin zu finden war, ließ lange auf sich warten. Viele werden es gar nicht gelesen haben. Ist aber auch egal, es passte einfach zu gut.

Sicher, die Umstände sprechen dafür, dass einer der russischen Geheimdienste (vulgo auch »Putins Geheimdienst«) verantwortlich sein könnte. Nur: Solange nichts bewiesen ist, gilt die Unschuldsvermutung. Sogar für Russland.

Doch abseits der Bundesregierung, die sich einigermaßen bemüht, den Ball noch flach zu halten, schert sich die Politik nicht um dieses juristische Prinzip. Dass CDU-Rechtsaußen Roderich Kiesewetter gleich die Nato konsultieren will, klingt dabei schon fast wie ein Sprung in der Schallplatte. Schließlich möchte er bei jeder Gelegenheit losschlagen.

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Angefeuert durch eine fragwürdige Berichterstattung des WDR haben vor allem die Grünen jegliche Scham abgelegt und endlich den casus destructio für eines ihrer Lieblingsprojekte gefunden. Das Russische Haus in Berlin, schon lange ein tiefer Dorn im Auge grüner Kulturkrieger, muss weg, so die Forderung. Die Drohne soll nun schaffen, was jahrelange Agitation und Überlegungen, wie man denn den Russen aus dem Bau in der Friedrichstraße herausbekommt, nicht vermochten. Dass damit bilaterale Verträge gebrochen und die Zukunft der Goethe-Institute in Russland aufs Spiel gesetzt werden, spielt keine Rolle. Ebenso wenig wie das Abwarten auf Untersuchungsergebnisse. Jetzt oder nie. Wer braucht da noch Recht und Gesetz.

Erstveröffentlicht im nd v. 7.8. 2026
Aus dem Häuschen …

Wir danken für das Publikationsrecht.

Fast zu 100 % identisch

-AusdemQuerkopf-Archiv-

Menschen unterscheiden sich genetisch kaum voneinander

Titelbild: freepic

In Zeiten, wo die Gesellschaft auseinander driftet, feiert manche Un(Denk)art Wiedererweckung. Vorneweg die Tendenz, Menschen nach bestimmten oberflächlichen Merkmalen und Unterschieden zu klassifizieren. Auf einmal ist wieder wichtig, woher eine/r kommt, welche Hautfarbe er/sie hat und welcher Ethnie, Kultur und Religion er/sie angehört.

Rechte Denkmuster führen diese vordergründigen, sichtbaren Unterschiede gern auf tiefer liegende genetische Veranlagungen zurück. Sie erheben sie zu wesentlichen Merkmalen und machen sie dadurch größer, als sie sind.

In Wahrheit, auf welche uns die Evolutionsbiologie stößt, fällt die genetisch bedingte Abweichung zwischen einzelnen Menschen lächerlich geringfügig aus, wie aus der ZDF-Wissenschafts-Sendung ‘Leschs Kosmos’ (24.5.16) zu erfahren ist. Sie beträgt ganze 0,1 %. Davon entfällt wiederum nur ein Bruchteil auf optische Merkmale.

So sehr sich Menschen äußerlich unterscheiden, sie sind genetisch nahezu identisch: Über Kontinente hinweg deckt sich das menschliche Erbgut zu 99,9 %. Die Unterschiede im Aussehen haben wenig mit der tatsächlichen genetischen Differenz zu tun. Aufschluss hierüber gibt ein Vergleich mit den nächsten tierischen Verwandten des Menschen, den Schimpansen.

Diese ähneln einander äußerlich viel stärker als Menschen, z.B. hinsichtlich Haar und Augenfarbe. Dafür sind die Abweichungen im Erbgut von Tier zu Tier weitaus größer. Das Genom von Schimpansen besitzt doppelt so viele Varianten wie dasjenige von Menschen.

Grund: Schimpansen bevölkern die Erde seit rund einer Million Jahren. Während dieser langen Zeit waren sie nie vom Aussterben bedroht und konnten eine große genetische Vielfalt entwickeln. Von Biologen werden sie sogar in vier verschiedene Unterarten eingeteilt.

Homo sapiens bewohnt die Erde erst seit rund 200.000 Jahren. Seine Vorfahren schafften es, mit knapper Not zu überleben. Bereits in Afrika starben viele infolge von Klimaveränderungen. Da nur eine kleine Gruppe von Auswanderern überlebte, verminderte sich die genetische Vielfalt. Anders als die Schimpansen stammen alle heute lebenden Menschen von wenigen Vorfahren ab. Forscher untersuchten das Y-Chromosom bei Männern und fanden heraus: Alle Männer hatten und haben einen gemeinsamen Vorfahren.

Einzig die Nachfahren dieses Ur-Adams überlebten durch Zufall und verbreiteten sich über die Welt.

Durch diesen gemeinsamen Ursprung gleicht sich unser Erbgut zu annährend 100 %. So gesehen sind wir alle 7 Milliarden Brüder und Schwestern.

Menschen anhand äußerlicher Merkmale zu klassifizieren, ist Unsinn. Das Erbgut bietet dafür keine Grundlage. Wenn es ein wesentliches Un- terscheidungskriterium gibt, ist es unsere Individualität: Wir sind alle Einzelwesen und einzigartig. Darüber hinaus trennt uns von der natürlichen Veranlagung her praktisch nichts.

Unterschiede, die uns in Gruppen sortieren, wie die Zugehörigkeit zu einer Ethnie, Kultur oder Religion sind künstliche Trennwände, die wir zwischen uns schieben. Unter anderem auch, um von einem wesentlichen, ebenfalls von uns selbst zu verantwortenden Gegensatz abzulenken: Dem in den Geldbeuteln.

Der absurdeste der künstlich gemachten Unterschiede ist die Einteilung in Rassen. Sie fußt einzig auf reiner, menschenverachtender Ideologie, um nicht zu sagen, Idiotie. Weder die Zugehörigkeit zu einer Nation noch zu einer ‘Rasse’lässt sich aus den Genen erschließen.

Ein weit überschätztes Unterscheidungsmerkmal ist z.B. die Hautfarbe. Sie hat mit unterschiedlicher Sonneneinstrahlung, Pigmentierung der Haut und Vitamin-D-Produktion zu tun. Von ihr auf tiefer liegende natürliche Veranlagungen oder gar Charaktereigenschaften zu schließen, ist absurd.

Eine andere Neigung scheint dagegen laut ‘Leschs Kosmos’ fest in unserem Erbgut verankert: Jene, Gruppen zu bilden, den Zusammenhalt unter den eigenen Leuten zu fördern und andere auszugrenzen. Schon Kinder legen solche Verhaltensweisen an den Tag. Evolutionsbiologen vermuten, diese schematische Haltung gegenüber Fremden sei in prähistorischer Zeit einst ein Vorteil im Überlebenskampf gewesen.

Unsere Vorfahren kooperierten in kleinen Gruppen bei der Jagd. So waren ihre Chancen besser, Beute zu machen. Die Beute teilten sie wiederum mit anderen Gruppenmitgliedern, die Früchte und Wurzeln sammelten. Kooperation und Arbeitsteilung verbesserten die Überlebenschancen der gesamten Gruppe. Mit dem Ackerbau wurden sie noch wichtiger. Gegenseitige Unterstützung brachte Vorteile wie unterschiedliche Gegenleistungen. Mit fremden Clans stand man dagegen im Konkurrenzkampf, hauptsächlich wegen der knappen Nahrung. Fremde als potenzielle Gefahr zu betrachten verbesserte damals die Überlebenschancen, selbst wenn es ein Fehlurteil war.

Auch heute noch haben Menschen das Bedürfnis zu Gruppen zu gehören. Es geht jedoch nicht mehr uns Überleben, sondern um soziale Anerkennung in der Gruppe. Diese stärkt das Selbstwertgefühl. Der eigene Kreis wird als positiv und sympathisch erlebt, während der Konkurrenz eher negative Eigenschaften zugeschrieben werden.

Jedes Mitglied der anderen Gruppe wird mittels dieser Vorurteile charakterisiert. Die Entscheidung, ob jemand zur eigenen Gruppe gehört oder nicht, fällt blitzschnell. Aus einer Fülle von Sinneseindrücken sammelt das Gehirn Informationen, die es in Kategorien sortiert. Wenige Attribute genügen, um die passende Kategorie zu finden.

Die Denkschubladen helfen, das Leben zu bewältigen. Werden sie jedoch dauerhaft mit negativen Einschätzungen verknüpft, geraten sie zum Problem. Beispielsweise könnten durch die Berichterstattung manche Menschen die Kategorie ‘Muslime’mit den negativen Attributen ‘fundamentalistisch’und ‘radikal’verknüpfen. Allerdings können derartige Vorurteile auch abtrainiert werden.

Der übertriebenen Pauschalisierung ist immer die Differenzierung entgegen zu halten, dem oberflächlichen, leichtfertigen Urteilen das kritische Hinterfragen, der geschichtsblinden Betrachtung die Orientierung an historischen Fakten. Aus letzteren geht hervor: Migrationsbewegungen, Ein- und Auswanderung, hat es immer gegeben. Sonst säßen wir heute nicht hier.

Eben so den Austausch von Gütern und Nahrungsmitteln: Kartoffeln wurden hierzulande vor einigen Jahrhunderten aus Amerika eingeführt, Weizen kam vor Jahrtausenden aus dem ‘fruchtbaren Halbmond’, einer Region im Nahen Osten zwischen Mittelmeer und Persischen Golf. Von dort stammen auch die Vorfahren unserer heutigen Rinder.

Schon allein deshalb ist es unsinnig ‘Grenzen dicht!’ zu fordern. Bis heute leben die Gesellschaften von Güteraustausch und Wanderungsbewegungen. Die höchsten Grenzzäune verlaufen ohnehin nicht zwischen Staaten und Völkern, sondern innerhalb der Gesellschaft.

Zaunkönig

(Erstabdruck Querkopf August 2016)
Wir danken für das Publikationsrecht.

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