Reichtum und Untergang der Demokratie

Wer die Demokratie wirklich retten will, muss ihr ein soziales Fundament geben.

Von Hans-Peter Waldrich

Bild: Screenshot Youtube-Video

Neulich wieder meldeten die Medien die Zahlen des neuen Oxfam-Berichts. Oxfam ist ein internationaler Verbund verschiedener Entwicklungshilfeorganisationen. Er bringt jährlich einen Bericht zur weltweiten Vermögensungleichheit heraus. Der britische Guardian titelte neulich so: „Die fünf reichsten Männer der Welt verdoppeln ihr Vermögen, während die Ärmsten immer ärmer werden.“[i] Ein einziges Prozent aller Menschen verfügt über 43 Prozent des globalen Gesamtvermögens.

Ungleichheit ist eines der gravierendsten Probleme der Gegenwart. Erstaunlich ist es daher, dass dieses Thema auch in Deutschland bei jenen Eliten, die uns vertreten, kaum eine Rolle spielt. Man braucht dabei nicht nur an den Bundesvorsitzenden der CDU und Fraktionsvorsitzenden der CDU/CSU Friedrich Merz zu denken, der Millionär ist. Politik ist im allgemeinen ein Geschäft, das bei fast allen Beteiligten einer Rangerhöhung in Richtung Oberschicht entspricht. Ist man oben angelangt, hat man andere Interessen. Was die Menschen „unten“ bewegt, kriegt man nicht mehr mit.

Ungleichheit ist die Wurzel des Rechtspopulismus

Dabei wäre es in einer Demokratie mehr als angezeigt, eher auf die Interessenlage der vielen Benachteiligten zu schauen. Darauf macht in den USA zur Zeit der ehemalige Bewerber um die Kandidatur für das Präsidentenamt Bernie Sanders aufmerksam. Biden hat er aufgefordert, sich im Wahlkampf ganz ausdrücklich auf die Seite der Arbeiter, der „working class“, zu stellen. Andernfalls werde er gegen den Demagogen Trump verlieren.[ii]

Denn eines ist klar: Die soziale Ungleichheit ist auch die wichtigste Wurzel des rechten Populismus. Alles Geschrei, man solle den Rechtsradikalismus bekämpfen, verhallt wirkungslos, wird nicht das Grundübel kapitalistischer Gesellschaften abgeschafft oder zumindest entscheidend gemildert: nämlich die Tatsache, dass Menschen in prekären Verhältnissen nicht nur materiell benachteiligt sind, sondern weit weniger bis überhaupt keine Chancen haben, dass ihre Anliegen politisch aufgenommen und berücksichtigt werden. „Demokratie“ in ihrem gegenwärtigen Zustand ist – so kann empirisch gezeigt werden –  eine Angelegenheit der besser Gestellten und vor allem der Reichen und Superreichen. Im Hinblick auf die USA trifft sicher zu, was der US-Ökonom und Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz in Abwandlung eines Lincoln-Wortes sagt: Die US-Regierung sei „eine Regierung des einen Prozents durch das eine Prozent für das eine Prozent.[iii]

Die unteren Schichten nehmen an Wahlen nicht, entscheidend seltener oder überhaupt nicht mehr teil. Sie wissen, dass sie in Sachen Demokratie nicht mehr wirklich dazugehören. Die US-Politikwissenschaftler Martin Gilens und Benjamin Page haben fast 1800 relevante politische Entscheidungen aus den Jahren 1981 und 2002 dahingehend untersucht, ob sich die Position der durchschnittlichen US-Bevölkerung oder die der oberen 10 Prozent durchgesetzt hat. Das Ergebnis war eindeutig. Bei allen strittigen Entscheidungen hatten die Durchschnittsverdiener nur einen minimalen, statistisch nicht signifikanten Einfluss auf die staatliche Politik, nahezu keinen, so ihr Resümee.[iv]

Hier ist von Durchschnittsverdienern die Rede und nicht von den zahllosen Ärmsten der Armen in den USA. Sie vegetieren in zerfetzten Zelten entlang der Ausfallstraßen in San Francisco, Chicago oder New York und sind auf milde Gaben angewiesen. In dieser großen „Demokratie“, immer noch unser Modell für eine bessere Welt, sind es bereits Bessergestellte, die in ihren Personenwagen auf irgendwelchen Parkplätzen hausen. Sie arbeiten zwar regulär, aber ihr Einkommen reicht nicht, um sich einen minimalen Lebensstandard zu ermöglichen.

Keine Demokratie ohne ein soziales Fundament

Wie die Politikwissenschaft weiß, kann von Demokratie nur dann die Rede sein, wenn nicht bloß der institutionelle Rahmen ins Auge gefasst wird, sondern vor allem auf die materielle soziale Basis geschaut wird.[v] Meistens vergessen wir vollkommen, dass Demokratie nicht nur aus einem Regelwerk besteht, das in einer Verfassung nachlesbar ist, sondern ein soziales Fundament benötigt. Je mehr Ungleichheit dieses Fundament aufweist, desto weniger Demokratie kann erwartet werden. Der Kampf gegen den rechten Populismus hätte also zuallererst auf das Fundament zu schauen.

Es hat keinen Sinn über die Baufälligkeit eines Gebäudes zu klagen, ohne das Fundament zu prüfen. Und das ist in allen westlichen Demokratien mehr als marode. Es kann also gefragt werden, weshalb sich Eliten um diese Thematik wenig kümmern oder, schlimmer noch, die Verzweiflung jener Menschen für sich ausnutzen, die unter der immer extremer werdenden Ungleichheit leiden. Der Rechtspopulismus will absolut nichts an dieser Ungleichheit ändern. Stattdessen will er die dadurch erzeugten Ängste für sich ausbeuten.

Das Gift der Ungleichheit

Ungleichheit ist ein Gift, das Gesellschaften zerstört und Demokratie aushebelt. 2009 erschien in Großbritannien eine hervorragende Studie mit dem bezeichnenden Titel „Gleichheit ist Glück. Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind“ [vi] Auf empirischer und statistischer Grundlage zeigten die beiden  Sozialwissenschaftler Richard Wilkinson und Kate Pickett, in welchem Ausmaß Ungleichheit Zerstörungen anrichtet und umgekehrt Gleichheit das Glück der Menschen befördert. Sie demonstrierten überzeugend, dass nicht nur Gewalt und unzureichende Gesundheit, sondern viele andere soziale Probleme verstärkt in Gesellschaften mit ausgeprägter sozialer Ungleichheit auftreten. Das betrifft etwa die Lebenserwartung, Alkohol- und Drogensucht, die Säuglingssterblichkeit, Fettleibigkeit, schulische Leistungen der Kinder, Selbstmorde, die Zahl der Gefängnisstrafen und vieles mehr.

Bekannt ist, dass Menschen der unteren Schichten neben einer kürzeren Lebenserwartung auch generell einen schlechteren Gesundheitsstatus haben. Das geht auf mehrere Faktoren zurück. Wie die Gesundheitspsychologie weiß, hochgradig auch auf eine überaus wichtige soziale Ressource: nämlich die soziale Vernetzung und Unterstützung. Stabile Freundschaften, enge Kontakte zu freundlichen Menschen, helfen gesund zu bleiben und sich wohl zu fühlen. Wilkinson und Pickett zeigen, dass ausgerechnet diese Ressource in den unteren Schichten durch Ungleichheit zerstört wird. „Für unsere Spezies“ so Wilkinson und Pickett, „ist Freundschaft ein Lebenselixier, Vertrauen und Zusammenarbeit machen uns Freude, wir besitzen ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl (…) Es kann also nicht überraschen, dass eine soziale Struktur, in der die Beziehungen von Ungleichheit, Unterlegenheit und sozialer Ausgrenzung geprägt sind, uns viele soziale Schmerzen zufügt.“[vii]

Habgier tötet Demokratie

Im Hinblick auf die wachsende Ungleichheit in Deutschland ist der Eliteforscher Michael Hartmann der wohl wichtigste Experte und Warner. Es lohnt sich, einen seiner zahlreichen Vorträge auf YouTube anzusehen oder seine Bücher zu lesen. Hartmann sieht einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Gefährdung der Demokratie und der Ungleichheit. Was viele nicht glauben mögen, ist die Tatsache, dass es ausgerechnet die SPD und die Grünen waren, die durch die Regierung Schröder/Fischer (1998-2005) die neoliberale Wende zu mehr Ungleichheit nach Kräften vorangetrieben hat. Die seit Gründung der Bundesrepublik stets beachtliche Ungleichheit wurde nicht nur hingenommen, sondern aktiv weiter vorangetrieben. Der Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge, ebenfalls ein ausgesprochener Experte für solche Fragen, konstatiert: „Die jüngste Zunahme der Ungleichheit war kein unsozialer Kollateralschaden der Globalisierung und auch kein politischer Betriebsunfall, sondern wurde bewusst herbeigeführt.“[viii]

Zugrunde liegt sowohl der zunehmenden Ungleichheit wie auch der schwächelnden Demokratie jene Lehre, die populär als neoliberal bezeichnet wird. Sie ist an verschiedenen Universitäten, speziell der Universität von Chicago entwickelt worden. Weshalb eine in vieler Hinsicht so destruktive Theorie einen weltweiten Einfluss gewinnen konnte, mag auf die verbreitete geistige Beschränktheit von Politikern zurückzuführen sein, vor allem jedoch auf die grenzenlose Begeisterung, die diese nun als „wissenschaftlich“ daherkommende Ideologie bei den Reichen und Superreichen ausgelöst hat. Der mittelfristige Kollateralschaden könnte der Untergang der Demokratie sein. Habgier tötet Demokratie wäre ein Slogan, der hier passen könnte.

Fußnoten

[i]World’s five richest men double their money as poorest get poorer | Inequality | The Guardian

[ii] Sanders warns Biden: address working-class fears or risk losing to demagogue | US elections 2024 | The Guardian

[iii] Joseph Stiglitz, der Preis der Ungleichheit: wie die Spaltung der Gesellschaft unsere Zukunft bedroht, München (Pantheon) 2014, S. 148.

[iv] Michael Hartmann, Die  Abgehobenen. Wie die Eliten die Demokratie gefährden, Frankfurt am Main (Campus) 2018, S. 216.

[v] Manfred G. Schmidt, Demokratietheorien. Eine Einführung. 3. Aufl. Opladen (Leske + Budrich) 2000, S. 438ff.

[vi]  Deutsch:  3. Auf. Frankfurt am Main (Tolkemitt) 2010.

[vii] Ebenda, S. 242f.

[viii] Die zerrissene Republik, Weinheim, Basel (Juventa, Beltz) 2000, S. 256.

Erstveröffentlicht im overton Magazin v. 22.1. 2024
https://overton-magazin.de/hintergrund/gesellschaft/reichtum-und-der-untergang-der-demokratie/

Wir danken für das Abdruckrecht.

Soziale Eiszeit. CDU fordert Änderung der Verfassung für Totalsanktionen gegen die Ärmsten!

Zuletzt gab es eine Verfassungsänderung für das 100 Milliarden Sondervermögen Bundeswehr. Jetzt schlägt das rechtskonservative CDU Lager als nächstes eine Verfassungsänderung für Totalsanktionen gegen die Ärmsten vor. Der Vorschlag des stellvertretenden CDU Vorsitzenden Jens Spahn verrät ein Weltbild, das wir sonst eher von Vertretern der AFD kennen: „Nach unten treten, Menschenwürde unbekannt.“

Manche sagen, es sei die logische Konsequenz aus der ersten Änderung. Die 100 Milliarden Sondervermögen mit allen anderen Kosten für Krieg und geostrategische Konfrontation fressen wie eine Krake die finanziellen Spielräume für soziale und ökologische Aufgaben auf. Woher das Geld nehmen? Da fallen „christlichen Pharisäern“ als erstes die Schwächsten in der Gesellschaft ein, bei denen sich am ehesten noch ohne Gegenwehr Geld zusammenkratzen lässt. Der Vorschlag von Jens Spahn hat da wahrhaft Symbolwert.

Es gibt auch den Verdacht, dass hier seitens der CDU ein parlamentarischer Kuhhandel mit der Ampel vorbereitet werden soll. Nach dem Motto: „Wir unterstützen Euch bei der Flexibilisierung der Schuldenbremse, ihr gebt grünes Licht für soziale Härte„. Bauernopfer sind nicht nur die Ärmsten, sondern wir alle.

Dass Spahn seine Vorschläge nicht einmal sauber fachlich juristisch durchdacht hat, dürfte niemanden verwundern, der sich noch an die gesundheitspolitischen Kapriolen und Chaostage unter ihm als Gesundheitsminister erinnert. Oder: was schert den neuen Rechtsdrall schon die Rechtsstaatlichkeit!

Hier die Presseerklärung von Tacheles vom 14.1.2024 dazu [1]Tacheles Presseerklärung: CDU fordert Verfassungsänderung, um Totalsanktionen möglich zu machen – Tacheles Sozialhilfe e.V. (tacheles-sozialhilfe.de)

CDU fordert Verfassungsänderung, um Totalsanktionen möglich zu machen

In den öffentlichen Debatten wird immer klarer, dass 100%-Sanktionen im Sozialrecht verfassungsrechtlich nicht zulässig sind. Dies wurde auch von Tacheles in seiner Stellungnahme im Gesetzgebungsverfahren zum Haushaltssicherungsgesetz herausgearbeitet. Nun fordert heute der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion, Jens Spahn, eine Verfassungsänderung zur rechtsicheren Verschärfung von Sanktionen im Bürgergeld. Er sagt: „Wenn hier eine generelle Streichung durch die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts nicht gedeckt ist, sollten wir eben die Verfassung ändern.“.

Die Unverfrorenheit und Arroganz der Unionsspitzenvertreter ist ungeheuerlich und demokratiegefährdend!

Das Bundesverfassungsgericht hat seine Entscheidung zu Sanktionen auf die Normen des Grundgesetzes gestützt, die überhaupt nicht veränderbar sind, da sie den Kern der freiheitlich demokratischen Grundordnung ausmachen.

Das Bundesverfassungsgericht vom 05. November 2019 zum Aktenzeichen 1 BvL 7/16:

„Die zentralen verfassungsrechtlichen Anforderungen an die Ausgestaltung staatlicher Grundsicherungsleistungen ergeben sich aus der grundrechtlichen Gewährleistung eines menschenwürdigen Existenzminimums (Art. 1 Abs. 1 [Menschenwürde] in Verbindung mit Art. 20 Abs. 1 GG [Sozialstaatsprinzip]). Gesichert werden muss einheitlich die physische und soziokulturelle Existenz. Die den Anspruch fundierende Menschenwürde steht allen zu und geht selbst durch vermeintlich „unwürdiges“ Verhalten nicht verloren.“

Genau um populistischen bis diktatorische Übergriffe vorzubeugen, haben die Mütter und Väter des Grundgesetzes die so genannte Ewigkeitsgarantie in das Grundgesetz eingefügt. In Artikel 79 Abs. 3 GG steht:

„Eine Änderung dieses Grundgesetzes, durch welche die Gliederung des Bundes in Länder, die grundsätzliche Mitwirkung der Länder bei der Gesetzgebung oder die in den Artikeln 1 und 20 niedergelegten Grundsätze berührt werden, ist unzulässig.“

Wir fragen uns also: Was genau möchte Herr Spahn denn nun an der Verfassung ändern? Das Prinzip der Menschenwürde abschaffen? Oder das Sozialstaatsprinzip? Obwohl beides überhaupt nicht geändert werden kann. Oder geht es doch nur um Wahlkampf und billige Hetze auf Kosten der rmen?

Der Vorstoß von Jens Spahn, das Grundgesetz zu ändern und soziale Grundprinzipien zu beschneiden, zeigt einmal mehr die rücksichtslose Agenda der CDU. Die CDU möchte weiter Druck auf die Ampel ausüben, dabei rechtstaatliche Grundsätze aushöhlen und das Land immer weiter nach rechts treiben.“

Ist die Ukraine ein Söldnerstaat?

Die „Zusammenarbeit“ mit den Geberländern habe es ermöglicht, alle Gelder aus internen Ressourcen vollständig für die Finanzierung von Sicherheit und Verteidigung einzusetzen, sagt Finanzminister Marchenko.

Von Florian Rötzer

Die Ukraine ist abhängig nicht nur von den Waffenlieferungen des Westens, sondern bekanntlich auch von Finanzhilfen. Ohne diese wäre der schon vor Beginn des Kriegs hoch verschuldete Staat längst zusammengebrochen, im Krieg sind die Wirtschaftsleistung und die Steuereinnahmen noch einmal drastisch geschrumpft. Das Haushaltsdefizit für 2024 beträgt etwa 38 Milliarden Euro (1,57 Billionen Griwna), 2023 waren es noch 1,33 Billionen. Im Dezember 2022 allein lag das monatliche Haushaltsdefizit bei 6,8 Milliarden Euro, die Tendenz geht nach oben.

US-Präsident Biden hat ein Hilfspaket in Höhe von 60 Milliarden US-Dollar für die Ukraine mit einer Israelhilfe in Höhe von 14 Milliarden sowie weiteren 14 Milliarden als Schmankerl für die Republikaner zur Grenzsicherung zusammengeschnürt. Der Trick klappte allerdings nicht, die Republikaner lehnten das Paket ab und fordern eine getrennte Abstimmung, wobei die Grenzsicherung für sie primär sein soll. Auch die EU-Hilfe in Höhe von 50 Milliarden für 2024-2027 in Form einer speziellen Fazilität konnte wegen des Vetos von Ungarn nicht verabschiedet werden. Fraglich ist, ob Ungarn dabei bleibt oder die übrigen Staaten gemeinsam beschließen, einen anderen Weg zu finden. Die Bundesregierung allein will über 20 Milliarden, davon 8 Milliarden Militärhilfe, aus dem Haushaltsbudget zahlen, weswegen Kürzungen an anderen Posten vorgenommen werden müssen. Man wolle aber, wenn Not an der Ukraine ist, noch mehr aufwenden und eventuell auch wieder die Schuldenbremse knacken. Fragt sich, wie das aussieht, wenn die  Pakete aus den USA und der EU nicht kommen.

Das Kiel Institut für Weltwirtschaft, das eine Datenbank für militärische, finanzielle und humanitäre Unterstützung der Ukraine  betreibt, berichtet, dass die neu zugesagte Hilfe zwischen August und Oktober 2023 einen Tiefstand erreicht habe:  „Sie ist um fast 90 Prozent gegenüber dem gleichen Zeitraum im Jahr 2022 gesunken.“ Die Unterstützungsbereitschaft lässt also deutlich nach. Es gebe noch eine „Kerngruppe“ von Unterstützerstaaten, vor allem die USA, Deutschland, Finnland, Irland, Kroatien, Litauen, Luxemburg, die Niederlande, Norwegen, Schweden, die Schweiz, Kanada und Großbritannien. Deutschland ist mittlerweile nach der EU und den USA drittgrößter Geber. Insgesamt hat die Ukraine seit Beginn des Kriegs über 270 Milliarden an Regierungshilfe erhalten.

Kritik ist jetzt schon, ob für den Januar genug Geld vorhanden ist, um die Gehälter der Staatsangestellten und die Renten zahlen zu können. Kürzlich wurde auch klar, dass es kein Geld für die 500.000 Soldaten gibt, die mobilisiert werden sollen, um den Widerstand aufrechthalten zu können. Das umstrittene Mobilisierungsgesetz, das die fatale Lage der Ukraine für die Menschen zu Bewusstsein gebracht hat, wird noch einmal überarbeitet. Wie nun auch die Financial Times berichtet, will niemand für das Gesetz verantwortlich sein, das eine Zwangsrekrutierung vorsieht. Das Thema sei „toxisch“. Präsident Selenskij und der Oberkommandierende Saluschnyi schieben sich die Verantwortung gegenseitig zu: „Keine Seite scheint bereit zu sein, die volle Verantwortung für die Einziehung Hunderttausender möglicherweise widerwilliger Ukrainer zum Dienst in einem erbitterten, zermürbenden Krieg zu übernehmen“, schreibt die FT.

Über 40 Milliarden Euro (1,7 Billionen UAH), mehr als 20 Prozent des BIP,  sind 2024 für den Verteidigungs- und Sicherheitssektor vorgesehen, inklusive dem Ausbau des militärisch-industriellen Komplexes und der Produktion von möglichst vielen Drohnen. Etwa 40 Prozent werden für Personalkosten aufgewandt.  Das ist die Hälfte des gesamten Haushalts.

Interessant ist, dass 2023 nach dem Finanzminister Marchenko 42,5 Milliarden US-Dollar für den Haushalt der Ukraine eingenommen wurden, 75 Prozent waren Kredite, was das Land noch lange abhängig vom Ausland machen wird. Allerdings laufen die Kredite oft lange und es müssen keine Zinsen gezahlt werden. 18 Milliarden Euro von der EU im Jahr 2023 müssen so ohne Zinsen erst in 35 Jahren zurückgezahlt werden, was auch heißt, dass die EU ihre Spendenbereitschaft den nachfolgenden Generationen aufbürdet.  So wurde gerade mit Kreditgebern der Ukraine aus den G7- und Pariser Club-Ländern die Schuldenrückzahlung eines 122 Milliarden US-Dollar-Pakets bis Ende März 2027 ausgesetzt.

Diese „Zusammenarbeit“ mit den Geberländern habe es ermöglicht, alle Gelder aus internen Ressourcen vollständig für die Finanzierung von Sicherheit und Verteidigung einzusetzen, sagt Marchenko. Die Steuereinnahmen belaufen sich auf 19 Milliarden Euro (783 Milliarden UAH). Das heißt letztlich, dass die Unterstützerstaaten zwar nicht das ukrainische Militär direkt finanzieren, wohl aber durch Entlastung indirekt. Dazu kommt noch die direkte Militärhilfe, seit Beginn des Krieges schätzungsweise mehr als 90 Milliarden US-Dollar. Damit wird die Ukraine zu einer Art Söldnerstaat, der seine Verteidigung/seinen Krieg – oder seinen Stellvertreterkrieg – mit westlichen Waffen und eigenen Soldaten in seinem Territorium – und mit Angriffen auf Russland – für die Geberstaaten führt.

Auch die für 2024 vorgesehenen Militärausgaben von 1,7 Billionen UAH übersteigen nach dem Finanzminister die Steuereinnahmen. „Deshalb sind wir ständig in einer ziemlich schwierigen Lage, nach zusätzlichen Quellen zu suchen, um diese zusätzlichen Ausgaben zu finanzieren“, sagte Marchenko. Das Militär verlange das Fünffache, aber man könne die Steuern nicht entsprechend erhöhen.

Erstveröffentlicht im Overton magazin v. 3.1. 2024
https://overton-magazin.de/krass-konkret/ist-die-ukraine-ein-soeldnerstaat/

Wir danken für das Publikationsrecht.

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